118. Von wegen nur 3000!

Buschmanns* Gedichte stecken voller Melancholie. Sie handeln von verloren gegangener Größe, von innerem Asyl, von der Frage nach dem Wieso. Zwischen den Lyrikblöcken – allesamt in ausgefeiltem Hexameter-Versmaß vorgetragen – die hochklassige Stimme der Martens. / Märkische Oderzeitung

*) der in Groß Briesen lebende Hobby-Lyriker Wolfram Buschmann. Vgl. hier: Hat Biermann bei Buschmann abgekupfert?

 

117. Ein kleines Buch mit großen Wundern

Was diese Bilderreihung, welche keine noch so verwinkelte Gleichung scheut, zu erzeugen vermag, ist das Gefühl, in einem aufgeladenen Filmkosmos zu sein. Assoziationen, Metaphern und ganze Satzkonstruktionen folgen darin den Prinzipien der filmischen Montage- und Schnitttechniken. Zudem wählt der Autor nicht selten den Zoom von der scheinbaren Realität – denn oftmals entlarvt sie geradezu das Gegenteil – auf einen im Gedicht befindlichen Fernsehschirm, in dem sich neue Kulissen ergeben. Dass die Grenzen dadurch fluide werden, ist Teil eines genialen lyrischen Programms. „Was sonst noch eine Rolle spielt, egal ob im Film / Oder auf des Lebens breiter Flur“ pendelt daher nicht nur zwischen Personen, Handlungen und verschiedenen Raumkonstellationen, sondern vor allem zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Wer die Gedichte nur als formverliebtes Experiment liest, hat nicht unrecht und sicherlich viel zu lachen. Wer sie aber mit all ihren Abwegen, Sprüngen und Brüchen zu entschlüsseln versucht, wird auf reichhaltigere Schätze stoßen: Subtil wabern in den kleinen Geschichten nicht selten durchdachte, gesellschaftskritische Anspielungen, wobei sich kein Vers je eines moralisierenden Tones bedienen würde. Viel zu frei und unscharf sind die Gedichte arrangiert als dass sie auf eine Kernbotschaft zu reduzieren wären. Aber genau darin tritt die Genialität von Einzingers Dichtung eben zutage. So ist es gerade die unauslotbare Absurdität, die kommentarlos die vielen Verse durchzieht und damit erst die Sinnoffenheit stiftet. Was politisch ist und was nur Farce, muss zweifelsohne jeder Leser selbst aus den viel- oder vielleicht nichtssagenden Textstücken herausdestillieren. In jeder Hinsicht verspricht die Spurensuche ein ungemeines Vergnügen. … Wir empfehlen: Ein kleines Buch mit großen Wundern! / Björn Hayer, Die Berliner Literaturkritik, 29.01.12

EINZINGER, ERWIN: Die virtuelle Forelle. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2011. 144 S., 22 €.

116. Freiheit als Lebensmittel

Mit seinen hoch gelobten, vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilmen – und seinem einzigen, 1965 prompt schon als Rohschnitt verbotenen Spielfilm („Jahrgang 45“) hat sich Böttcher selbst und sein Publikum immer auf das Eigentliche zurückverwiesen: die Beobachtung des Lebens, den tiefen Respekt vor den Menschen und ihrer Arbeit – und den fehlenden Respekt vor Denk- und Bilderverboten.

Letztere haben Böttcher, der kein Oppositioneller war, aber Freiheit als Lebensmittel beanspruchte, öfter getroffen. 1961 schon, als er einen Film über seine Künstlerfreunde aus dem Dresdner Volkshochschulkurs vorlegte, der den verordneten Bildern vom Leben im sozialistischen Land DDR nicht entsprach. 1988 durfte der Film endlich gezeigt werden.

„Jahrgang 45“ hat erst nach dem Mauerfall seine Uraufführung erlebt, ein Film über die Glückssuche junger Menschen, den Böttcher gemeinsam mit dem Schriftsteller Klaus Poche geschrieben hatte. Eine solche Bildsprache lief der herrschenden Ideologie nicht nur zuwider, sie hat sie schlichtweg gar nicht zur Kenntnis genommen. Böttcher, der seinen älteren Bruder früh, 1944, durch einen Schießunfall bei einer Militärübung verlor, hat sich stets um die Menschendinge, nicht um Kopfgeburten machtlüsterner Männer gekümmert.

Als es dem Künstler nach dem Filmverbot in den 60er Jahren „richtig dreckig ging“, erzählt Matthias Flügge, hat Wolf Biermann geholfen, sein Freund. Dem hat Böttcher 1967 eine feine, aber harte Zeichnung geschenkt, ein Stillleben mit Fleischwolf und Fischgräten. Auch das gibt es in Altenburg zu sehen. / ANDREAS MONTAG, Mitteldeutsche Zeitung

„Strawalde. Jürgen Böttcher – Maler und Regisseur“, bis zum 29. April, Lindenau-Museum Altenburg, Gabelentzstraße 5, Di-Fr 12-18, Sa, So 10-18 Uhr

115. „Das Internet und ich“

Es ist unter anderem das große Verdienst der ersten deutschen Print-Ausgabe von Liu Xiaobos „Ausgewählten Schriften und Gedichten“, eben diese Internet-Quellen benannt und ausgewertet zu haben. Werk und Wirkungsgeschichte verwirklichten sich zunehmend im Netz. In seinem Aufsatz „Das Internet und ich“, veröffentlicht im Februar 2006, spricht Liu Xiaobo von einer Internet-Gemeinde, die bereits mehr als einhundert Millionen Mitglieder umfasse, Leser freilich, die der Autor meist nur im Ausland und natürlich nicht in dieser Menge erreichte, weil schon 2006 „der öffentliche Diskurs“ in Festland-China blockiert wurde, versuchsweise jedenfalls. / Herbert Wiesner, welt.de

114. Elementargrimm

Der französische Dichter Philippe Beck, Jahrgang 1963, selber Übersetzer aus dem Deutschen, hat aus den altertümelnden Grimm-Texten gegenwärtige französische Gedichte gemacht. … Doch Tim Trzaskaliks Übersetzungen geben samt seiner und Becks Anmerkungen sowie dem Vorwort des Philosophen Jean Bollack einen Eindruck, wie sperrig und provokant innerhalb der französischen Lyrik Becks „Chants populaires“ sich ausnehmen müssen. Beck traktiert die Sprache wollüstig mit dem Skalpell des Grammatikers: „Wer sagt was? / Blut spricht hier. / ‚Mutter’ ist grimmig. / Elementargrimm?“  / Jan Röhnert, Tagesspiegel

Philippe Beck: Populäre Gesänge. Gedichte. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Tim Trzaskalik. Matthes & Seitz, Berlin 2011. 234 S., 26,90 €.

113. 9. Lyrikfestival Basel 27.-29. Januar 2012

Vom 27. bis zum 29. Januar findet im Literaturhaus Basel das 9. Internationale Lyrikfestival statt. Mit dabei sind Jacqueline Aerne, Antoine Emaz, Nora Gomringer, Greis, Durs Grünbein, Barbara Köhler, Norbert Lange, Klaus Merz, Fabio Pusterla, Astrid Schleinitz, Robert Schindel, Leta Semadeni, Günter Baby Sommer und Mathilde Vischer.

112. Kindersache

„Ein Fischge, Fisch, ein Fefefefefischgerippe, lag auf der auf, lag auf der Klippe“ so beginnt das Gedicht „Kleines Gedicht für große Stotterer“ von Kurt Schwitters (1887 – 1948). Während ihrer Projektwoche haben die vierten Klassen der Albert-Liebmann-Schule sich mit diesem und anderen Werken von Schwitters beschäftigt. … Begleitet von Künstlern und Kulturpädagogen erkennen die Kinder, dass Kunst weder Zauberei und noch alleinige Sache von Experten ist. / halleforum.de

111. Dichterschwemme

„Es gibt 20000 Autoren in Deutschland, davon 3000 Lyriker, wir haben eine Schwemme“, spricht Buhl von der großen Konkurrenz und dem Anspruch an sich selbst, sich abzugrenzen von der Masse. / Augsburger Allgemeine

110. Australische Lyrik seit 1788

Dieser delphinblaue Band ist ein Meilenstein und ein wunderbarer Türstopper (? „doorstop“) mit seinen 1090 Seiten. Eine australische Anthologie von unerwarteter Reichweite und Dichte – es ist ein Wunder für eine so junge und bis vor kurzem so bevölkerungsarme Nation. Sie reicht bis zur Zeit der ersten Flotte zurück. (…)

Manchen Gedichten sollte man sich wie meditativen Erfahrungen nähern, wie oft bei Judith Wright. Ihre stillen und doch manchmal eindringlichen Rhythmen vermitteln ein Gefühl für das australische Land, das zugleich persönlich und tiefvertraut wirkt. Dann Seiten von „Banjo“ Paterson mit seinen eher körperlichen Rhythmen… Es gibt auch Lieder der Aboriginals (einige mit Übersetzung, einige nicht) und anonyme Kolonialgedichte.

Es gibt auch „konkrete“ oder visuelle Gedichte, bei denen die Muster der getippten Wörter genau so wichtig oder wichtiger sein können als die Wörter selber. Merkwürdigerweise fehlen diese Gedichte in dem sonst ausgezeichneten Penguin Book of Modern Australian Poetry. / John Clare, Sydney Morning Herald 27.1.

AUSTRALIAN POETRY SINCE 1788
Edited by Geoffrey Lehmann and Robert Gray
UNSW Press, $69.95

109. Ich

Andere gingen ins Exil, wo sie sich meist mehr schlecht als recht durchschlugen. Dafür steht zum Beispiel Albert Ehrenstein („Er hat wunderbar expressionistische Gedichte verfasst“), der in den USA auf Almosen von Freunden angewiesen war. Nach dem Krieg kehrte er wie so viele mit einem Koffer voller Manuskripte nach Deutschland zurück, um festzustellen, dass niemand ihn mehr kannte und an seiner Literatur interessiert war. Ehrenstein ging wieder in die USA zurück und starb dort völlig verarmt. / Im badischen Ettenheim sprach Gerd Berghofer über die von den Nazis vertriebenen Autoren, Badische Zeitung

Ehrenstein ist einer der 3 „Steine“ (neben Lichtenstein und Wolfenstein) der Menschheitsdämmerung, von dem mir Verse („Wochen, Wochen sprach ich kein Wort; / Ich lebe einsam, verdorrt.“ – „Wie bin ich vorgespannt / Dem Kohlenwagen meiner Trauer!“) seit der glühenden Erstlektüre im Gedächtnis hängen. Nach der Anthologie stieß ich auf den schon 1967 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienenen Auswahlband „Stimme über Barbaropa“ in deren Variante einer „Weißen Lyrikreihe“, die anders als die von Volk und Welt nicht der Weltlyrik, sondern der deutschen Lyrik des damals anhängigen Jahrhundertanfangs gewidmet war, Lasker-Schüler, Herrmann-Neiße, Heym fallen mir ein, Benn durften sie wohl nicht, der erschien erst viel später beim Konkurrenzunternehmen. 1987 bescherte mir ein amerikanisch-deutsch-deutscher Glücksfall eine Auswahl der Exilbriefe in der Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“ – die amerikanische Germanistikstudentin Patricia Simpson schrieb nach einem Besuch in Greifswald einen Bittbrief an Karl Riha, und der ließ mir fortan die legendäre Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“ via Uniadresse schicken (erst in den 90er Jahren konnte ich auch mal eine Rechnung bezahlen). 1996 erschien in der nun von von Marcel Beyer mitherausgegebenen Reihe eine Ehrenstein-Textcollage von Werner Herbst und Gerhard Jaschke.

In der Werkausgabe des Klaus Boer Verlages gibt es neben 2 Bänden Lyrik auch 2 mit Übersetzungen chinesischer Literatur, je einer für Lyrik und Prosa. 500 Seiten übersetzte Lyrik aus China aus dem antiken Schi-King und von klassischen Dichtern wie Li Bai (Li Tai-Po), Tu Fu oder Po-Chü-i. 1933 befand sich der Band „Das gelbe Lied“ im Druck, als die Nationalsozialisten an die Macht gehievt wurden. Nur 17 Exemplare konnten gedruckt werden, dann wurde der Druck gestoppt und das Buch mit den deutschen Fassungen der chinesischen Klassiker verboten. Nach 1945 suchte Ehrenstein einen deutschen Verlag dafür, aber keiner war interessiert. Jörg Drews gelang es 1969/70, einen Zyklus von 15 bis dahin nicht veröffentlichten Nachdichtungen im Jerusalemer Nachlaß zu finden, wohin zahlreiche deutsche Manuskripte und Autoren quasi ausgelagert wurden mangels Bedarf, wenn man es so sagen darf. Drews veröffentlichte die 1970 und 1984 in der Friedenauer Presse: „Ich bin der unnütze Dichter, verloren in kranker Welt. Nachdichtungen aus dem Chinesischen von Albert Ehrenstein“. Die Titelzeile stammt von Tu Fu (Du Fu), das Gedicht „Ich“ schreibt sich beim Wiederlesen in meine Anthologie.

Du Fu

Ich

Ich bin der Stromer zwischen den großen Strömen,  
Ich bin der Irrwanderer der Sehnsucht,
Ich bin der unnütze Dichter, einsam, verloren in kranker Welt,
Ich bin ferne der Heimat die einzige Wolke am blauen Himmel,
Ich bin allein der Mond die lange Nacht,
Ich bin der Fremde, der zu sterben heim will,
Ich bin ein Greis, aber ich gehe wie die Sonne unter,
Ich bin der Jahrhundertbaum, angefallen vom Endsturm, mein Herz ist wilder als Herbst,
Ich bin das alte Pferd, seit ältesten Zeiten rührten euch alte Pferde,
Sie habt ihr weiter gefüttert – nicht mich.

Ich bin der unnütze Dichter, verloren in kranker Welt. Nachdichtungen aus dem Chinesischen von Albert Ehrenstein. Berlin: Friedenauer Presse 1984, 2. Aufl., S. 13.

In der Werkausgabe, Band 3/1 u.d.T.: Wär ich ein altes Pferd. Albert Ehrenstein: Werke. Band 3/1. Chinesische Dichtungen. Lyrik. Boer 1995, S. 456.

Textvarianten:

V. 2: Irrwanderer vor
V. 3: in wilder Welt,
V. 4: Heimat,
V. 6 steht als V. 3 in der Fassung: Ich bin der Fremde, der endlich heim will,
V. 8: härter als Herbst,
V. 10 länger und auf 2 bzw. wegen Zeilenumbruchs 3 Verse verteilt: Ich bin das alte Pferd! Ein altes Lied: dies sei das sechste Lied, oh/ wieherte ich müd – / Seit den ältesten Zeiten rührten euch Herren der Erde alte Pferde,
V. 11: gefüttert: nicht mich!

Verblüffend, wie die chinesischen Verse im Ton Ehrensteins eigenen Gedichten gleichen, ob Menschheitsdämmerung, ob Exil.

108. Lichtenburg

„Lichtenburg, dein Name lügt. Deine turmbewehrten Flanken scheuchen Lichtgedanken … Lichtenburg! Solang ich lebe, denk ich an deine Gitterstäbe.“ So heißt es in dem Gedicht „Lichtenburg“. Geschrieben hat es Hermann Müller, der von den Nationalsozialisten 1933 als einer der ersten in das Prettiner KZ gesteckt wurde.  / DETLEF MAYER, Mitteldeutsche Zeitung 27.1.

107. Weisses Sanskrit

Eine grazile Brücke zwischen Natur und Transzendenz spannt auch Ron Winkler, Herausgeber dieses Bandes, in seinem eigenen Beitrag. In der ersten Zeile sieht er den Schnee als «kalte fraktale Grammatik», am Ende wird er zum «schleichenden Konstruktivismus eines weissen Sanskrits auf den Dingen». Die sorgfältige Auswahl aus Werken von anerkannten Lyrikern wird ergänzt von der noch wenig bekannten, aber beeindruckenden Birgit Kreipe und ihrem Schlussgedicht «Schneekönigin». / Astrid Kaminski, Tages-Anzeiger 27.1.

106. „Lebend schon“

Schwieriges Deutschland. Deutschland Today schreibt über die deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler:

Schon zu Lebzeiten publizierte sie in verschiedenen Zeitschriften und illustrierten Bänden.

Deutschland yesterday war da weniger nachlässig. Ihr Gedichtband „Mein blaues Klavier“ erschien 1943 in Jerusalem.

Mein blaues Klavier

 

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr. 

Zerbrochen ist die Klaviatür…
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

105. Burns-Party in Schweinfurt

Robert Burns wird in Schottland fast kultisch verehrt. So weit ist es in Schweinfurt noch nicht. Man kennt den „Schiller“ Schottlands aber schon recht gut, was wiederum mit der heuer 50 Jahre alten Partnerschaft mit der schottischen Stadt Motherwell zu tun hat. Zur Wiederbelebung der etwas eingeschlafenen Liaison gründeten sich 1999 und 2000 in beiden Ländern Partnerschaftsvereine. Die Schweinfurter Schotten feiern seitdem auch den Geburtstag von Burns am 25. Januar.  / Mainpost

104. Ansage

„Und auch Lyrik werde es immer geben, sagt Hückstädt, `das ist nicht verhandelbar´“.

Hauke Hückstädt (Literaturhaus Frankfurt) in der FAZ v. 26.1., Seite 32