48. Türkische Früchte 3: Von der Bosheit

Die Bosheit kann einen dauern… wird von den einen unter- und den andern überschätzt. Beides zu unrecht. Herrlich boshaft hier der türkische Dichter Nefi (1572?-1635):

Uns hat der Mufti Efendi Heide genannt –
Nehmen wir an, ich nennte ihn nun Muselman –
Gehen wir morgen zum Jüngsten Tag, zum Gericht,
Fürchte ich, beide erscheinen als Lügner wir dann!

Annemarie Schimmel: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag. 2. überarb. Aufl. 2002, S. 105

Original:

Müftü efendi bize kâfir demiş
Tutalım ben O’na diyem müselman
Lâkin varıldıktan ruz-ı mahşere
İkimiz de çıkarız orda yalan

Der Dichter hatte sich um die Gunst der aufeinanderfolgenden Sultane Ahmet I (regierte 1603–1617) und Osman II (1618–1622) bemüht – vergeblich. Schließlich erbarmte sich der nächste, Murad IV (1623–1640), und gewährte ihm ein Stipendium.

Da er wiederholt Spottverse auf schlechte Beamte schrieb, kam es wie es wohl kommen mußte. Wegen satirischer Verse auf den Großwesir Bayram Pascha wurde er zum Tode verurteilt und „durch den Strang“, wie es heißt, hingerichtet.

Mehr erfährt man in der englischen, türkischen, aserbaidschanischen und kurdischen Wikipedia. Eine deutsche Fassung gibts leider nicht. Wieso eigentlich? Die Türken lieben ihre Dichter, lese ich immer wieder, auch bei Frau Schimmel. Gilt das nicht für die in Deutschland lebenden?

47. Chiffren

Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dresdner Lyrikpreises 2012,
die Vorjuroren haben ihre Entscheidung getroffen und folgende Bewerber für die Endrunde zum Dresdner Lyrikpreis nominiert:


Kennworte der Nominierten

aus dem deutschsprachigen Raum

.Konturist
.Schere
.Fersensporn
.Karl Rahr
.draußen

aus Tschechien
.Florian
.pyrit
.KISCHON
.Einhorn
.ABC123

46. Er hatte andere Pläne

Gregor Seberg hatte andere Pläne. Denn ehe er nach Wien „zwangsgesiedelt“ wurde, strebte er noch den Beruf des Naturforschers an. Die Lyrik jedoch ebnete ihm einen anderen Weg. / ACHIM SCHNEYDER, Kleine Zeitung

45. Der siebenbürgische Meistersänger

Im Jahr 1206 fanden sich die sechs bedeutendsten deutschen Dichter auf der thüringischen Wartburg zusammen, um einen künstlerischen Wettstreit auszutragen. Es galt, den Landesfürsten Hermann bestmöglich zu preisen, wobei dem Verlierer der Tod drohte.

Zu den Teilnehmern des legendären „Sängerkrieges auf der Wartburg“ zählten Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Ofterdingen, der in dem Wettkampf unterlag. Doch er behauptete, betrogen worden zu sein, und erbat sich einen neutralen Richter aus: den märchenhaften Klingsor, der in Siebenbürgen residierte, „den berühmtesten deutschen Meistersänger“. / Bernhard Spring, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

44. Hervorbringung eines Genres aus der Interjektion

«Aïe! aïe!», gesprochen «Ayèye», das ist ein wohlgegründeter Schrei, der, indem er seine Energie aus der Lunge und seinen Schwung aus der Kehle nimmt, sich schreiend erhebt bis an die fernsten Horizonte der Zeit, des Raums und des Commonsense, die intime Botschaft des algerischen Beduinensangs.

Bevor ich auf die Volkspoesie, die Quasida, zu sprechen komme, hier gesungen von Cheïkh El hâdj Khelifi Ahmed und in einem Booklet transkribiert, zusammengestellt von Abdelkader Bendamèche, muß ich unterstreichen, daß jede unserer Regionen ihre eigene Seele hat, wie sie sich aus den Falten unserer Geschichte herausgebildet hat. Die Volksdichtung unseres Landes bietet Beispiele gesungener Poesie, bei der das artikulierte Wort durch eine der ersten Silben konstituiert wird, in welcher sich, sage ich, der Gemütszustand der algerischen Identität überträgt.

Die wiederholt vorgetragene Interjektion «aïe!» hat ein eigenes Genre hervorgebracht, die «ayèye», eine Art chanson de geste (Heldenlied), in dem der Dichter-Sänger seinen körperlichen oder seelischen Schmerz ausdrückt, aber auch seine Begeisterung für alles, was ihn in der göttlichen, menschlichen oder physischen Natur anzieht.

Ist das lyrische Poesie? Zweifellos. Ebenso zweifellos epische Poesie. Liebespoesie auch. Die Liebe ist hier von islamischer Mystik gefärbt, von Ritterschaft, Moral, Weisheit…, selten von Erotik.

Übrigens lasse ich mir nicht ausreden, daß das französische Epos – das mittelalterliche «Chanson de geste» – von den Dichtern der karolingischen Zeit seit Karl Martel, «dem Bezwinger der Sarrasins [Sarrazenen, in Wirklichkeit der «Mauren»]», wiederbelebt wurde. Zum Beispiel könnte es sein, daß Wesensmerkmale arabisch-andalusischer Erzählungen in vereinfachter Form das Rolandslied von 1080 angeregt haben. Der Dichter heißt Trouvère in Langue d’oïl oder Troubadour in Langue d’oc, Arabisch «târab ad-doûr» (Spieler eines runden Instruments, dem tambour [bendîr?]).

/ Kaddour M’HAMSADJI, L’Expression

ECH-CHEÏKH EL HÂDJ KHELIFI AHMED: HUIT CD DE POÉSIES POPULAIRES CHANTÉES (PUBLICATION CONÇUE ET RÉALISÉE PAR ABDELKADER BENDAMÈCHE)

43. Verbrechen gegen die Literatur

Präsident sein schützt nicht vor Kritikern. In einer der vernichtendsten Kritiken, die je hier veröffentlicht wurden, wurde das neue Buch des irischen Präsidenten Michael D Higgins von einem führenden Kritiker verrissen.

Professor Kevin Kiely sagt, das neue Buch des Präsidenten sei „hölzern, abgedroschen und gestelzt“, es sei „fade, ungenau und äußerst unverständlich“, ja so schlecht, daß man ihn „wegen Verbrechens gegen die Literatur anklagen“ könne. / John Spain, Independent 10.2.

Friday February 10 2012

Michael D Higgins: ‚New and Selected Poems‘,  Liberties Press

42. Würdigung Walter Werners

Verständlich, dass ein Heimatort an seinen bekanntesten Sohn erinnert. Am 21. Januar gab es in Untermaßfeld eine Würdigung Walter Werners, der neunzig Jahre alt geworden wäre. Dass Suhl nun mit einer Veranstaltung nachzog, ist nicht nur lobenswert, sondern folgerichtig. Denn der Lyriker Walter Werner weilte oft in der ehemaligen Bezirksstadt. Seiner Dichtung wegen. Und gelegentlich in seiner Funktion als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes des Bezirkes. Die alte Stadtbücherei, die nun nicht mehr steht, hat er gut gekannt. Auch wenn er den Abriss der alten, denkmalgeschützten Villa heftig kritisiert hätte, die großzügige neue Bücherei hätte ihm bestimmt gut gefallen. Nicht überall im Osten wuchsen solche modernen Lesetempel. Und nicht überall mehr findet man seine Bücher wie eben in der Suhler Bücherei. In Gera hat man sie entsorgt, wird eine darüber entrüstete Annerose Kirchner berichten, die an diesem Abend mit Autoren am Tisch sitzt, die Walter Werner gekannt haben – Holger Uske (Suhl) und Horst Wiegand (Steinheid). /  Lilian Klement, Südthüringer Zeitung

41. Clemens Brentano Preis für Alexander Gumz

Der mit 10.000 Euro dotierte Clemens Brentano Preis für Literatur der Stadt Heidelberg geht an Alexander Gumz für seinen  ersten Lyrikband ausrücken mit modellen. In der Begründung der Jury heißt es: „Die Gedichte von Alexander Gumz bezaubern durch eine rätselhafte Klarheit. Gekonnt changieren seine Verse zwischen Alltagselementen und einer imaginativen Fremde. Seine Gedichte klingen wie Songs aus der unmittelbaren Gegenwart.“

Der Clemens Brentano Preis „wird seit 1993 jährlich im Wechsel in den Sparten Erzählung, Essay, Roman und Lyrik an deutschsprachige Autorinnen und Autoren vergeben, die mit ihren Erstlingswerken bereits die Aufmerksamkeit der Kritiker und des Lesepublikums auf sich gelenkt haben“. Die Jury setzt sich aus professionellen Literaturkritikerinnen und -kritikern sowie aus Studierenden des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg zusammen.

Unter den bisherigen Preisträgern waren Ann Cotten, Raphael Urweider, Oswald Egger, Hendrik Rost, Barbara Köhler und Jörg Schieke.

40. NEUES AUS DER SCHWEIZER LITERATUR – zweite Lieferung

09.02.2012
Alte Schmiede
1010 , Wien

1. Abend: Lebens-Werk KLAUS MERZ Präsentation der WERKAUSGABE (in sieben Bänden; Haymon Verlag, ab 2011) • MARKUS BUNDI (Herausgeber, Zürich) positioniert den Autor und sein Werk • Klaus Merz (Unterkulm, Aargau) liest aus Die Lamellen stehen offen. Frühe Lyrik 1963-1991 (Band 1), In der Dunkelkammer. Frühe Prosa 1971-1982 (Band 2), Fährdienst. Prosa 1983-1995 (Band 3 der Werkausgabe) • Begrüßung: GEORG HASIBEDER (Programmleiter, Haymon Verlag) • in Zusammenarbeit mit dem Haymon Verlag, Innsbruck, mit freundlicher Unterstützung durch PRO HELVETIA, Schweizer Kulturstiftung

39. Reconsidering Stein: Composition as Explanation

Fewer readers imagine they can create their own Stein; many feel she is beyond their capacity to understand. Maybe this is because she has been claimed as the sine qua non of the avant-garde. But she aligned herself with her time. Being part of the “contemporary composition” was central to her work, a point she made in her trenchant essay (originally a lecture) “Composition as Explanation”: “The only thing that is different from one time to another is what is seen and what is seen depends upon how everybody is doing everything.” Here, Stein wielded the novelty and surprise of her prose partly to explain how novelty and surprise surface from generation to generation, and theorized why the new in art and writing may first be thought ugly, then later beautiful or classic. In that same essay, she declared: “No one is ahead of his time.” (Andy Warhol, who like Stein is both adored and mocked, once said, “I’m very much a part of my times, of my culture, as much a part of it as rockets and television.” There are other parallels between Warhol and Stein, including their renown as aphorists. Stein: “Rose is a rose is a rose is a rose.” Warhol: “In the future everyone will be famous for 15 minutes.” But people have called Warhol a jackass, and everything else.) / Lynne Tillman, New York Times 29.1.

IDA
By Gertrude Stein. Edited by Logan Esdale.
Illustrated. 348 pp. Yale University Press. Paper, $18.

STANZAS IN MEDITATION
The Corrected Edition
By Gertrude Stein. Edited by Susannah Hollister and Emily Setina.
Illustrated. 379 pp. Yale University Press. Paper, $22.

38. Nora Gomringer macht ein Gedicht

Dabei kann Nora Gomringer keinesfalls nachgesagt werden, dass sie sich nur mit Banalitäten befasse. Nein, neben dem Froschkönig in ihr, der sich „immer grüner“ wünscht (Selbstironie: „Ein toller Effekt!“), ist auch die hellwache Zeitzeugin präsent. Die kann präzise beobachten, macht sich Gedanken über Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Ernst Jandl, über Auschwitz und die Gegenwart. Einige witzig gemeinte Possen etwa zu Hundeliebe oder zu „Mutter und Stil“ gehen jedoch über seichtes Illustriertenniveau nicht hinaus, so sprachsicher sie auch formuliert sind. Das ficht die von sich überzeugte Vortragskünstlerin aber nicht an: „Nora Gomringer macht ein Gedicht. Aus!“ / Michael Ernst, Sächsische Zeitung 10.2.

Tipp: Nora Gomringer, Mein Gedicht fragt nicht lange. Verlag Voland & Quist, 332 Seiten, 24,90 Euro (Buch + CD)

37. Sie jammern immer

Sie jammern immer, die Deutschen Autoren schrieben nur für einen so kleinen Kreis, ja oft nur für sich selbst untereinander. Das ist recht gut. Dadurch wird die Deutsche Litteratur immer mehr Geist und Charakter bekommen. Und unterdessen kann vielleicht ein Publikum entstehen.

Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragmente. Ersten Bandes Zweytes Stück, 1798, S. 75 (hier als Pdf)

36. Kein blinder Haß

With such thought provoking lines as “Whether you like it or not, your genes have a political past, your skin, a political cast, your eyes, a political slant,” Szymborska inspired and entertained an entire generation and had her place sealed in the highest echelons of poetry. Polish President Bronislaw Komorowski called her a ‘guardian spirit‘, “In her poems, we could find brilliant advice that made the world easier to understand,” he said. Having survived Nazi- occupied Europe during World War II and the Communist purges in Poland after the war, Szymborska’s observations are at once subtle and witty. ‘Blind‘ is an attribute usually associated to the emotion of hatred. But in a poem on the subject, Wislawa describes hatred as ‘having a sniper’s keen sight‘. By combining details with insight, Szymborska subtly pushes her readers to reinterpret the understanding of human conditions. / DIVYA TRIVEDI, The Hindu

35. Ich habe auch Cherry getrunken

Bei fixpoetry ein Gedicht von Emmy Ball-Hennings mit einer Einleitung von  Stefanie Golisch:

An Ninon Hesse, die zweite Frau Hermann Hesses, mit dem sie bis an ihr Lebensende in regem brieflichen und persönlichen Kontakt stand, schrieb sie einmal:

Publizieren Sie nach meinem Tode nur nicht aus Versehen diesen Brief, damit man nicht denkt,  dass ich Trinkerin bin, dass ich nur Cognac getrunken habe. Nein, das nicht. Ich habe auch Cherry getrunken, und das Leben in vollen Zügen, ein sehr guter Wein selbst gekeltert. Grausam gut.

34. Klare Sprache

Hilda Doolittle ist eine der wichtigsten Autorinnen der angloamerikanischen Moderne, ihr Debütband erschien 1916 – und liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. Sie war 30 Jahre alt, als dieser Gedichtzyklus erschien und lebte seit fünf Jahren in Europa (wo sie 1961 auch starb). Amerika hatte sie nicht zuletzt verlassen, weil sie ihrem damaligen Verlobten Ezra Pound folgte. Das Liebesbündnis zerbrach bald, die literarische Beziehung und Wertschätzung blieb bestehen.

Dass sie in die Literaturgeschichte nur mit ihren Initialen H.D. einging, verdankt Hilda Doolittle auch Pound, der in der schönen Dichterin all das verkörpert sah, was die literarische Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts – die Imagisten – sich auf die Fahnen geschrieben hatte. Er lobte ihre Lyrik in den höchsten Tönen, an der sei „nichts Schwammiges … – kein überflüssiges Adjektiv, keine Metaphern, die nicht der Prüfung standhalten“. Es ging den „Imagists“ um den Bruch mit den literarischen Konventionen, mit dem lyrischen Regelwerk der viktorianischen Zeit. Nicht mehr festgelegte Reime und vorgegebene Rhythmen sollten die Gedichte beherrschen, sondern der freie Vers.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Richard Aldington und Ezra Pound hat H.D. die poetologischen Grundsätze des Imaginismus formuliert, in denen es unter anderem heißt: „Sequenzen sind nach der musikalischen Rhythmik zu gestalten, nicht nach der des Metronoms“ und „Unter keinen Umständen werden Worte verwendet, die nicht zur Darstellung beitragen“.

Was und wie H.D. sich an diese Grundsätze nicht nur hält, sondern wie sie mit ihnen sprachgestaltend und bildformend umgeht, davon kann man sich in ihrem ersten Gedichtband überzeugen. Er ist eine große Hommage aufs Meer. Sie benutzt anstelle der traditionellen Verse eine klare Sprache, den freien Reim. Der Band wurde zu einem der Kerntexte der amerikanischen Moderne. Dass er jetzt erst ins Deutsche übersetzt wurde, ist höchst verwunderlich, hat aber sicher auch damit zu tun, dass – anders als Pound – die Literaturwissenschaft H.D. erst sehr spät die Bedeutung zuwies, die ihr zusteht. / Manuela Reichart, DLR

H.D.: MeeresGarten
Übersetzt von Annette Kühn, mit Illustrationen von Martina Hoffmann
luxbooks, Wiesbaden 2012
132 Seiten, 19,80 Euro