23. Gottesgedichte

Noch deutlicher spürt man die vorbestimmte Blickrichtung bei Helmut Zwanger, der bisweilen in einen hymnischen Predigtton verfällt. Da „wird der Mensch wahrgenommen als das Gefundene und als der zu Findende“ (dies anlässlich der Worte „fundus und findling“ in einer Zeile bei Ulrike Draesner)da „klingt das Versprechen Gottes auf“ und „Im Akt der Dichtung geschieht das lebensschöpferische Wort“. Nun, dieser Stil ist Geschmackssache. Mir erschiene etwas mehr neugierige Nüchternheit erfreulicher und vielleicht auch der Sache dienlicher.

…  Ärgerlich sind auch manche Deutungs-Schnellschüsse, bei denen man rufen möchte: Halt! Langsam! So überführt Helmut Zwanger einzelne Zeilen von Nelly Sachs umstandslos in Gleichungen:

„Die Erhellten vom Erstlingsmeer“ – das sind die Worte aus der befreienden Exodustradition.

„Die Augen-Aufschlagenden“ – das sind die hellsichtig-prophetischen Wahrheitsworte.

/ Christa Wißkirchen, fixpoetry

Gottesgedichte – Ein Lesebuch zur deutschen Lyrik nach 1945
Karl-Josef Kuschel, Helmut Zwanger (Hg.) 224 Seiten, geb.
ISBN 978-3-86351-006-0  € 22,– Klöpfer und Meyer, Tübingen 2011

22. Kaiserin von Hindustan

1897 gab es schon mal ein 60jähriges Thronjubiläum im British Empire. Die Welt am Sonntag berichtet:

Seit dem Januar 1877 war die Queen [Victoria] zugleich Kaiserin von Indien. Wilhelm, Sohn des preußischen Kronprinzen Friedrich, wurde wieder einmal nur durch Spott Herr seines Neides auf England, das Land seiner Mutter, Victorias Erstgeborener Vicky, und nannte die Großmutter gerne „Kaiserin von Hindustan“. …

Einem Reporter der „Daily Mail“ verschlug es die Sprache, wie das imperiale England da so fassbar vor seinen Augen vorbeizog: „Man beginnt zu verstehen wie nie zuvor, was das Empire wirklich bedeutet“, floss es ihm aus der Feder. „Wir schicken einen Boy nach hierhin, einen Boy nach dorthin, und er zähmt die Wilden und bringt ihnen bei, zu marschieren und zu schießen, und er glaubt an sie und stirbt für sie und die Queen. Einfache, dumme, uninspirierte Leute, so nennt man uns, und doch tun wir das für jeden Wilden, dem wir begegnen.“

Ein Echo dieser Worte findet sich in Rudyard Kiplings zwei Jahre später veröffentlichtem berühmtem Gedicht „The White Man’s Burden„, mit dieser Eingangsstrophe: „Weißer, trag deine Bürde, / schick deine Besten fort, / die Söhne in die Fremde / den Eingebor’nen dort / zu dienen, sie versorgen, / die wild und störrisch sind, / die neuen, finst’ren Völker, / halb Teufel noch, halb Kind.“ …

Hybris und Nemesis: Das war das Signal für Rudyard Kipling, der in der Welt als Lobsänger des Empire galt, doch der dem diamantenen Jubiläum eines der prophetischsten Gedichte der englischen Sprache widmete, dunkel in seiner Farbe. Eigentlich hatte Kipling „The White Man’s Burden“ zu diesem Anlass schreiben wollen, doch legte er das für später beiseite und veröffentlichte stattdessen in der „Times“ vom 17. Juli 1897 ein mit „Recessional“ überschriebenes Sonett, Schlussgesang gleichsam auf den diamantenen Gottesdienst des Empire.

Mit wuchtigen Worten beschwor er seine Landsleute, nicht dem Hochmut zu verfallen und im Sonnenglanz der Macht christlicher Demut zu entraten: „Gott unsrer Väter, altbekannt, / Herr unsrer überdehnten Schlachtreihen, / unter dessen furchtbarer Hand wir ausüben / Herrschaft über Palme und Kiefer – / Herr Gott der Heerscharen, bleib dennoch bei uns, / dass wir nicht vergessen – dass wir nicht vergessen.“ (Übersetzung Gisbert Haefs, Haffmans Verlag). Jede der folgenden Strophen endete mit diesem magischen Refrain: „lest we forget – lest we forget.“ Der Dichter ahnte den Untergang, die Strafe: „Fern gefordert schmelzen unsere Flotten; / auf Düne und Festland erlischt das Feuer: / Weh, all unsrer gestriger Pomp / ist gleich dem von Niniveh und Tyros! / Richter der Völker, verschone uns dennoch, / dass wir nicht vergessen – dass wir nicht vergessen!“

21. Mich beispielsweise

Obwohl Drawert, Jahrgang 1956, nicht zum Underground der DDR gehörte, findet sich in seinen frühen Gedichten viel Kritisches, freilich zumeist als Ausdruck einer inneren Emigration: „Mich beispielsweise, lieber Czechowski, / interessiert tatsächlich nur noch / das Privateigentum der Empfindung, / der Zustand des Herzens, wenn die schwarze Stunde / am Horizont steht, die Würde der Scham / und das Ende der Hochmut.“

Dass Drawert einen moralischen Raum des Sprechens reklamiert, mag manch einem überholt erscheinen. Doch Drawerts aufklärerische Haltung fragt nach der Zerstörbarkeit des Individuums und nach der möglichen Rettung des Schönen. / Tom Schulz, Tagesspiegel

Kurt Drawert: Idylle, rückwärts.
Gedichte aus drei Jahrzehnten. C.H. Beck, München 2011. 272 Seiten, 19,95 €.

20. Federico Hindermann †

Der Dichter, Übersetzer und Verleger Federico Hindermann ist am 31. Januar in Aarau gestorben. Ab 1971 leitete er für zwei Dekaden den Manesse Verlag in Zürich. … Als Übersetzer übertrug Hindermann unter anderem Werke von Emilio Cecchi, Luigi Pirandello, Anna Felder, Elio Vittorini, Albert Camus, Gérard de Nerval und Jules Supervielle. Er veröffentlichte auch eigene Gedichte in deutscher und italienischer Sprache.

Im Limmat Verlag liegt eine Sammlung mit Gedichten Federico Hindermanns vor: „Docile contro | Fügsam dagegen“, Gedichte italienisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Antonella Pilotto (144 Seiten, 21,50 Euro, ISBN 978-3-85791-563-5). / Börsenblatt

Hindermann lebte seit seiner Jugend in der deutschen Schweiz und galt als «die bedeutendste zeitgenössische italienische poetische Stimme ausserhalb der Grenzen der Italofonie», wie es der Schriftsteller Fabio Pusterla einmal ausformuliert hatte. / Klein Report

19. Nachschub

Zu wenig Gedichte? Politiker greifen ein, wenn man BILD glauben darf:

GESCHEITERTER CDU-NORD-CHEF GEHT UNTER DIE LYRIKER
Zärtliche Zeilen von Johann Wolfgang von Boetticher

Er schreibt ein Sonett nach Keats. Und? Karasek gefällts.

18. Geiler Lyrikzirkel

Aus der Sendung „Willkommen Österreich“, #168, Teil 1/3, ab min 9:

Matura-Reisen wirbt mit „Wodka rund um die Uhr“, Gegenfrage des Moderators Dirk Stermann (gebürtiger Düsseldorfer, Wahlwiener), womit Matura [Austriazismus für Abitur] denn sonst werben solle: „Komm mit uns in die Türkei; wir bilden einen geilen Lyrikzirkel […] Da kommt doch kein Schwein!“*

*) Nicht gesagt; kommt auf die Konditionen an. Ah, viele sind schon da und ich flieg auch schonmal los, Quartier machen. Aber mit der Konkurrenz! (L&Poe berichtet)

Wodka und Lyrik?

Ein Verbrecher wird erschossen, der andere regiert,
           schenk ma no an Wodka ei, 
              de Welt is kompliziert.

(Georg Ringsgwandl)

nur fliegen & vögeln ist schöner Wodka Wodka
matj rodnaja: sang der, Zigarettenverkäufer vom Arbat

(Manfred Jendryschik)

Vgl. auch: Richard Leising: 1 wodka stolitschnaja („Arbeitsessen“); Sarah Kirsch: Wodka trinken; Mascha Kaléko: Wie wäre es mit einem Borschtsch?; Peter Rühmkorf: Variationen auf ein Thema von Friedrich Gottlieb Klopstock; Wolf Biermann: Ballade auf den Dichter Francois Villon; Levy Newman: THE THREE CHERRY SISTERS KARAMAZOV; Clark Coolidge,  The Crystal Text; Yusef Komunyakaa: You and I Are Disappearing; Judith Cordary: Inertia; Czesław Miłosz: A Confession; Adam Mickiewicz: Twardowskis Frau; als wir noch trampten soffen wir nur wodka (Volkslied); u.v.m. – wird ein lustiger Zitkel, wer kommt mit?

Geistige Gänseblümchen: Ist eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak

17. Zu wenig Gedichte

Das läßt sich die Lokalpresse und lassen sich ihre Leser nicht ausreden:

„Es gibt wirklich sehr wenig Gedichte.“ Und noch weniger Menschen, die sie schreiben oder lesen. / op.online

16. Dantejahre

In Italien gehört Dantes Literatur zur Pflichtlektüre. Jedoch ist dies für viele italienische Jugendliche oft alles andere als ein Vergnügen, denn die alte Sprache ist nicht gerade leicht verständlich. Über drei Schuljahre müssen italienische Schüler sich die Werke von Dante zu Gemüte führen und interpretieren. / Schwäbische Post

15. Gestorben

Am 31.1. starb die Malerin und Autorin Dorothea Tanning, Witwe des Dadaisten und Surrealisten Max Ernst (1891-1976), in New York im Alter von 101 Jahren. L&Poe berichtete:

Poetry on her Macintosh (März 2002)

Die 91jährige surrealistische Künstlerin Dorothea Tanning malt nicht mehr, lesen wir in der New York Times (24.3.02*).

Instead, she writes poetry on her new Macintosh, on which she is also learning to use the Internet. Her poems have appeared in The New Republic, The Boston Review and Poetry. Last summer, she published a memoir, „Between Lives.“
[Über den Surrealismus:] „There’s enough of greatness in there that there will always be something rewarding for someone who likes to look at beautiful things and wonderful paintings. Surrealism is a piece of history, and it has stained the consciousness of everyone.“

Hier gibt es einen Text der Autorin (Fortune Cookies, in: Boston Review Dec. 2001/Jan. 2002).

April 2001:

Ein Tip für betuchte Lyrikfreunde findet sich in der Welt am Sonntag vom 22.4.01: Eine Kölner Galerie bietet eine Aquatintaradierung von Max Ernst an, 1975 als Illustration zu dem Gedichtband „Oiseaux en péril“ (Vögel in Gefahr) seiner vierten Ehefrau Dorothea Tanning geschaffen. Preis schlappe 7800,00 DM. Dorothea Tanning, geboren 1910 in Galesburg, Ill.,  ist eine lebende Legende der surrealistischen Kunst. Ihr Werk umfaßt neben Malerei und Graphik auch Skulpturen, Bücher und poetische Texte.

Nachrufe: Riviera Côte d´Azur Zeitung / kunstmarkt.de

14. Bremer Problem

Die Bremer Kultur hat ein Problem, aber sie redet nicht darüber. Will sie es nicht wahrhaben? Oder gehört die hiesige Öffentlichkeit schon zu jener erstarrten kulturellen „Stockmasse“, die hör- und urteilsunfähig geworden ist, wie Preisträgerin Marlene Streeruwitz ihrem Auditorium am 26. Januar in der oberen Rathaushalle vorgehalten hat?

Der Bremer Literaturpreis, früher ein kulturelles Glanzlicht, droht in völlige Bedeutungslosigkeit zu versinken. Ein Kommentar von Nordwestradio-Redakteur Harro Zimmermann. / Radio Bremen

13. „Winzige Unfolgsamkeiten“

Sie hätte sich vielleicht das Glück gewünscht, ein ereignisloses Leben zu führen. Nämlich Gedichte zu schreiben, einen kleinen Ruhm zu genießen, Krakau möglichst selten zu verlassen. Doch Wisława Szymborska erhielt 1996 den Literatur-Nobelpreis, das änderte alles. Das hob sie aus ihren polnischen Dichterkollegen heraus, erhob sie auch über jene Ehrungen, die sie bereits erfahren hatte, etwa den Goethe- und den Herder-Preis.

Also ist sie nach Stockholm gefahren und hat die erwartete Dankrede gehalten. Man sagt, es sei die kürzeste seit langem gewesen. Gewiss die am wenigsten eitle. Sie sagte, der Satz „ich weiß nicht“ sei ihr lieb und teuer. Sie rühmte den Prediger Salomo und sein Klagelied über die Eitelkeit allen menschlichen Strebens. Szymborska stiftete das Preisgeld für soziale Zwecke: Sie zog sich in ihre Stille zurück und hat weiter geschrieben. Wenige, doch großartige Gedichte. / Harald Hartung, FAZ

Eines ihrer späten Gedicht beginnt so: „Eigentlich könnte jedes Gedicht / ,Augenblick‘ heißen. // Eine Phrase genügt / in Präsens, / im Perfekt und sogar im Futur; // es genügt, dass irgendetwas / von Wörtern getragenes / raschelt, aufblitzt, / vorbeifließt / oder die vermeintliche Unveränderlichkeit bewahrt, / aber mit beweglichen Schatten.“

In Versen wie diesen bestätigte sie ihren Ruf, ihre Poesie sei mit den Gedanken im Bunde. Aber dieser Ruf erfasst nur die Seite ihres Werks, in der es scheinbar durchsichtig ist: „Sag ich das Wort Zukunft, / ist seine erste Silbe bereits Vergangenheit. // Sag ich das Wort Stille, / vernichte ich sie. // Sag ich das Wort Nichts, / schaffe ich etwas, das in keinem Nichtsein Raum hat.“

Die andere Seite aber ist situativ und bildlich, statt logisch und begrifflich. Hier verdichtet sich die Paradoxie der Zeit im hochmodernen riskanten Augenblick, in der Schrecksekunde der plötzlichen Katastrophe, des Unfalls. So ist es im Gedicht über die Kindergräber („Winzige Unfolgsamkeiten, / eine davon tödlich. // Die lustige Jagd nach dem Ball auf der Fahrbahn. / Glückliches Gleiten über das brüchige Eis“).

Wegen dieser Fähigkeit, Schrecksekunden zu bewahren, verdanken wir Wislawa Szymborska bleibende Nachbilder der modernen Einheit von Augenblick und Attentat. In „Die große Zahl“ (1976) gab es das Gedicht „Der Terrorist, er schaut zu“, das Verrinnen der Minuten vor dem Zeitpunkt der Zündung einer Bombe in einer Bar. Und in „Der Augenblick“ (2002) gingen unter dem Titel „Fotografie vom 11. September“ die Menschen, die aus den Türmen sprangen und dabei fotografiert wurden, in das Gedicht ein: „Nur zwei Dinge kann ich für sie tun – / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen.“ / Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung

Mehr: Renate Schmidtgall, DLF / Marta Kijowska, NZZ / ND / DLR /

12. Hohe Auszeichnung

Timothy Donnelly aus Brooklyn, N.Y., ist der Gewinner des diesjährigen Kingsley Tufts Poetry Award, mit einer Preissumme von $100,000 einer der höchstdotierten Lyrikpreise der USA. Ausgezeichnet wird er für das Buch „The Cloud Corporation“.

Katherine Larson aus Tucson, Ariz., bekommt den mit $10,000 dotierten Kate Tufts Discovery Award für ihren Gedichtband „Radial Symmetry“. Dieser Preis zeichnet jährlich einen vielversprechenden Debütband aus.  / usnews 1.2.

In der Reihe luxbooks.americana erschienen: Die neue Sicht der Dinge, 2008. – Die scheinen einen Draht zu haben, bzw. ein Händchen: Nach D. A. Powell und Matthea Harvey der dritte Autor aus dem Verlag, der diesen Preis erhält, nachdem eine deutsche Ausgabe bei luxbooks erschien. Gratulation an Autor und Verlag!

11. Droste-Preis für Helga M. Novak

Helga M. Novak, 77, wird mit dem Drostepreis der Stadt Meersburg (6000 Euro) ausgezeichnet.

Die Schriftstellerin zählt zu den bedeutenden deutschsprachigen Autorinnen. Sie hat die deutschsprachige Literatur in den vergangenen fünfzig Jahren mit einer eigenen unverwechselbaren Stimme mitgeprägt. (…) Der Förderpreis (4000 Euro) geht an Ulrike Almut Sandig (32). Die aus Sachsen stammende Autorin schrieb Gedichte, Hörspiele und Erzählungen, sie lebt in Leipzig und Berlin. Der Droste-Preis wird alle drei Jahre vergeben. Die Übergabe findet am 20. Mai in Meersburg statt. / Südkurier

10. Wisława Szymborska gestorben

WARSAW, Poland (AP) — Poland’s 1996 Nobel Prize-winning poet Wislawa Szymborska, whose simple words and playful verse plucked threads of irony and empathy out of life, has died. She was 88.

Szymborska, a heavy smoker, died in her sleep of lung cancer Wednesday evening at her home in the southern city of Krakow, her personal secretary Michal Rusinek said. / New York Times

Als einer der ersten reagierte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski. ‚Ein unersetzlicher Verlust für die polnische Kultur‘, twitterte er. / Süddeutsche Zeitung

Im Jahr 1948 legte sie den Behörden ihren ersten Gedichtband vor, der nie erschien. Erst der zweite Gedichtband Dlatego zyjemi [żyjemy] (Deshalb leben wir) fand die behördliche Zustimmung und wurde veröffentlicht. Zuletzt erschienen ihre Liebesgedichte in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp.

„Ihr Denken ist sehr kompliziert, ihre Sprache sehr einfach“, sagte ihr langjähriger Übersetzer Karl Dedecius über Szymborska. Sie galt als Schöpferin einer eigenen poetischen Sprache. Die Lyrikerin veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände und wirkte auch als Übersetzerin von Poesie, unter anderem aus dem Französischen. Ihr Gedicht Love at first sight * inspirierte den polnischen Regisseur Kristof Kriezlowski [richtig Krzysztof Kieślowski] zu seinem Film Drei Farben[:] Rot. / Die Zeit

Focus / Spiegel /

* hier polnisch (Miłość od pierwszego wejrzenia)

Szymborska in der Lyrikzeitung / in meiner Anthologie

9. Tiersprache

Tiere in Gedichten sind ein leidiges und herrliches Thema. Ich denke nicht an Rilkes Panther! Sondern an Gedichte, in denen Tiere selbst sehen, fühlen, sprechen. Nie werde ich vergessen, wie sehr mich Ted Hughes‘ Crow, ein Zyklus von fast 90 Gedichten, innerlich sprachlos ließ vor Aufregung, Staunen und Freude. Die Gedichte fassen das Leben Crows; sie erleuchten, was es heißt, ein Wesen vom Schlag „Krähe“ zu sein.

Oder als ich das Kuhgedicht von Les Murray in Rotterdam hörte. Es nahm mich mit / riss mich hin, wie der australische Dichter das Wortperspektivzoom zunächst in dem schlichten Wort „me“ handhabte, um zum Ende Blick, Kuh und Leben nach oben, geradezu physisch fühlbar über das Dach des Theaters hinaus zu ziehen. Noch nie hatte ich das Wort „sky“ so körperlich begriffen, nie Wolken ohne jede Metapher so verwandelt gesehen.

Tiersprache 1

The Cows on Killing Day 
(Les Murray: New Collected Poems, 2002)
All me are standing on feed. The sky is shining.

All me have just been milked. Teats all tingling still
from that dry toothless sucking by the chilly mouths
that gasp loudly in in in, and never breathe out.

(…)

/ Ulrike Draesner, fixpoetry.com