53. Geld, Geld, Geld, Geld, Geld!

Geld, Geld, Geld, Geld, Geld! Wenn das so weiter geht, werde ich als Gegenreaktion bald über das Versmaß experimenteller Lyrik schreiben. Nach Jahrzehnten des verschwiegenen Umgangs mit Einkommen und Honoraren, in denen es in Wien leichter war, Auskünfte über das Sexualleben eines Bekannten zu erhalten, als über dessen Kontostand, springen uns – spätestens seit der Veröffentlichungspflicht von Gehaltsangaben in Stelleninseraten – die Eurozeichen von allen Seiten an. / Martin Fritz, artmagazine 13.02.12

52. Arbeitsverhältnis

Dabei langweilen mich Gedichte meistens, ich lese fast keine mehr, hier und da erinnre ich mich an eine früh gehörte Zeile, an einen Ausdruck, und wenn mir etwas sehr gefällt, wenn ich meine, es müsse „gerettet“ werden, dann verwende oder variiere ich einen Ausdruck, gebe ihm einen neuen Stellenwert. Das ist also, wenn Sie so wollen, ein Verhältnis zur Vergangenheit, ein Arbeitsverhältnis, das zum Beispiel in der Musik seit jeher vorkommt.

Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Josef-Hermann Sauter, 15.9. 1965, in: Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München und Zürich: Piper, Neuausgabe 1991, S. 60.

51. Basst scho

Der kleine Dichter kratzt sich am Kopf. Stadt schön machen? Viele Rezepte, keines ernst zu nehmen, und alle irgendwie bescheuert.

Da sitze ich also, im Englischen Garten,
trinke, weil durstig, endlich ein Spaten,
spiele Schafkopf mit speckigen Karten,
betrachte, wie Kinder Drachen, wendige, starten,
höre Bengel die Mütter bequengeln, wenn sie nicht warten
höre Stadtgeflüster mit ländlichem harten
Speckgürteldialekt gespickt, all das im Englischen Garten.
Und denke mir: Basst scho. Macht“s weiter so.

/ Heiner Lange, Münchner Slammer, Preisträger der Goldenen Weißwurscht, aus: Süddeutsche Zeitung 26.1.

50. Vom armen B. B.

Das Gedicht «Vom armen B. B.», am Ende der ebenso berühmten «Hauspostille», wird seit je als lyrische Autobiografie gehandelt. Noch zu Brechts 50. Todestag wurde es auf BBC verlesen, um einem weltweiten Publikum nahezubringen, wer Bertolt Brecht war. Näher besehen, ist es eine einzige Provokation. …

Im Interesse seiner Literaturfähigkeit scheint auch schon die allererste Fiktion seines Gedichts erfolgt zu sein, nämlich schon die Selbstnennung, mit der dieses in den späteren Fassungen überschrieben war – «Vom armen B. B.», zuvor «Ballade vom Bert Brecht» – und mit der es schon in der Urfassung begann und endete: «Ich, Bertold Brecht». «Bertold» oder «Bertolt» Brecht hiess nicht immer schon so. «Eugen Berthold Friedrich» lautet sein Name auf dem Geburtsschein und der Geburtsurkunde, «Eugen Brecht» in den Schulzeugnissen und Schülerverzeichnissen, «Eugen Berthold Friedrich Brecht» auf der Sterbeurkunde. «Eugen Brecht» war auch noch eine Widmung «zu Weihnachten 1916» unterzeichnet, «Eugen Bert Brecht» die Todesanzeige für seine Mutter.

Der falsche oder halbwahre Name, die Aufwertung eines «middle name» und dessen mehrfache Abänderungen sind offensichtlich poetisch motiviert, durch das Prinzip der Äquivalenz: «Bertold Brecht», «Bertolt Brecht», «Bert Brecht», «B. B.». / Yahya Elsaghe, NZZ 11.2.

49. Nur die Lyrik kennt

Die Ansammlung der Baggerseen am Budberger Ortsrand suggeriert eine weihnachtliche Idylle, wie sie sonst nur die Lyrik kennt… / westen.de

Wer in akademische Zwangsjacken geschnürte Lyrik oder Poesie sucht, findet sie in seinen Texten sicher nicht wieder. Wer aber die lebendige, offene, tabulos direkte Sprache liebt… / NIEDERLAUSITZ aktuell

Geistige Gummibärchen ist eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak

48. Türkische Früchte 3: Von der Bosheit

Die Bosheit kann einen dauern… wird von den einen unter- und den andern überschätzt. Beides zu unrecht. Herrlich boshaft hier der türkische Dichter Nefi (1572?-1635):

Uns hat der Mufti Efendi Heide genannt –
Nehmen wir an, ich nennte ihn nun Muselman –
Gehen wir morgen zum Jüngsten Tag, zum Gericht,
Fürchte ich, beide erscheinen als Lügner wir dann!

Annemarie Schimmel: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag. 2. überarb. Aufl. 2002, S. 105

Original:

Müftü efendi bize kâfir demiş
Tutalım ben O’na diyem müselman
Lâkin varıldıktan ruz-ı mahşere
İkimiz de çıkarız orda yalan

Der Dichter hatte sich um die Gunst der aufeinanderfolgenden Sultane Ahmet I (regierte 1603–1617) und Osman II (1618–1622) bemüht – vergeblich. Schließlich erbarmte sich der nächste, Murad IV (1623–1640), und gewährte ihm ein Stipendium.

Da er wiederholt Spottverse auf schlechte Beamte schrieb, kam es wie es wohl kommen mußte. Wegen satirischer Verse auf den Großwesir Bayram Pascha wurde er zum Tode verurteilt und „durch den Strang“, wie es heißt, hingerichtet.

Mehr erfährt man in der englischen, türkischen, aserbaidschanischen und kurdischen Wikipedia. Eine deutsche Fassung gibts leider nicht. Wieso eigentlich? Die Türken lieben ihre Dichter, lese ich immer wieder, auch bei Frau Schimmel. Gilt das nicht für die in Deutschland lebenden?

47. Chiffren

Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dresdner Lyrikpreises 2012,
die Vorjuroren haben ihre Entscheidung getroffen und folgende Bewerber für die Endrunde zum Dresdner Lyrikpreis nominiert:


Kennworte der Nominierten

aus dem deutschsprachigen Raum

.Konturist
.Schere
.Fersensporn
.Karl Rahr
.draußen

aus Tschechien
.Florian
.pyrit
.KISCHON
.Einhorn
.ABC123

46. Er hatte andere Pläne

Gregor Seberg hatte andere Pläne. Denn ehe er nach Wien „zwangsgesiedelt“ wurde, strebte er noch den Beruf des Naturforschers an. Die Lyrik jedoch ebnete ihm einen anderen Weg. / ACHIM SCHNEYDER, Kleine Zeitung

45. Der siebenbürgische Meistersänger

Im Jahr 1206 fanden sich die sechs bedeutendsten deutschen Dichter auf der thüringischen Wartburg zusammen, um einen künstlerischen Wettstreit auszutragen. Es galt, den Landesfürsten Hermann bestmöglich zu preisen, wobei dem Verlierer der Tod drohte.

Zu den Teilnehmern des legendären „Sängerkrieges auf der Wartburg“ zählten Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Ofterdingen, der in dem Wettkampf unterlag. Doch er behauptete, betrogen worden zu sein, und erbat sich einen neutralen Richter aus: den märchenhaften Klingsor, der in Siebenbürgen residierte, „den berühmtesten deutschen Meistersänger“. / Bernhard Spring, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

44. Hervorbringung eines Genres aus der Interjektion

«Aïe! aïe!», gesprochen «Ayèye», das ist ein wohlgegründeter Schrei, der, indem er seine Energie aus der Lunge und seinen Schwung aus der Kehle nimmt, sich schreiend erhebt bis an die fernsten Horizonte der Zeit, des Raums und des Commonsense, die intime Botschaft des algerischen Beduinensangs.

Bevor ich auf die Volkspoesie, die Quasida, zu sprechen komme, hier gesungen von Cheïkh El hâdj Khelifi Ahmed und in einem Booklet transkribiert, zusammengestellt von Abdelkader Bendamèche, muß ich unterstreichen, daß jede unserer Regionen ihre eigene Seele hat, wie sie sich aus den Falten unserer Geschichte herausgebildet hat. Die Volksdichtung unseres Landes bietet Beispiele gesungener Poesie, bei der das artikulierte Wort durch eine der ersten Silben konstituiert wird, in welcher sich, sage ich, der Gemütszustand der algerischen Identität überträgt.

Die wiederholt vorgetragene Interjektion «aïe!» hat ein eigenes Genre hervorgebracht, die «ayèye», eine Art chanson de geste (Heldenlied), in dem der Dichter-Sänger seinen körperlichen oder seelischen Schmerz ausdrückt, aber auch seine Begeisterung für alles, was ihn in der göttlichen, menschlichen oder physischen Natur anzieht.

Ist das lyrische Poesie? Zweifellos. Ebenso zweifellos epische Poesie. Liebespoesie auch. Die Liebe ist hier von islamischer Mystik gefärbt, von Ritterschaft, Moral, Weisheit…, selten von Erotik.

Übrigens lasse ich mir nicht ausreden, daß das französische Epos – das mittelalterliche «Chanson de geste» – von den Dichtern der karolingischen Zeit seit Karl Martel, «dem Bezwinger der Sarrasins [Sarrazenen, in Wirklichkeit der «Mauren»]», wiederbelebt wurde. Zum Beispiel könnte es sein, daß Wesensmerkmale arabisch-andalusischer Erzählungen in vereinfachter Form das Rolandslied von 1080 angeregt haben. Der Dichter heißt Trouvère in Langue d’oïl oder Troubadour in Langue d’oc, Arabisch «târab ad-doûr» (Spieler eines runden Instruments, dem tambour [bendîr?]).

/ Kaddour M’HAMSADJI, L’Expression

ECH-CHEÏKH EL HÂDJ KHELIFI AHMED: HUIT CD DE POÉSIES POPULAIRES CHANTÉES (PUBLICATION CONÇUE ET RÉALISÉE PAR ABDELKADER BENDAMÈCHE)

43. Verbrechen gegen die Literatur

Präsident sein schützt nicht vor Kritikern. In einer der vernichtendsten Kritiken, die je hier veröffentlicht wurden, wurde das neue Buch des irischen Präsidenten Michael D Higgins von einem führenden Kritiker verrissen.

Professor Kevin Kiely sagt, das neue Buch des Präsidenten sei „hölzern, abgedroschen und gestelzt“, es sei „fade, ungenau und äußerst unverständlich“, ja so schlecht, daß man ihn „wegen Verbrechens gegen die Literatur anklagen“ könne. / John Spain, Independent 10.2.

Friday February 10 2012

Michael D Higgins: ‚New and Selected Poems‘,  Liberties Press

42. Würdigung Walter Werners

Verständlich, dass ein Heimatort an seinen bekanntesten Sohn erinnert. Am 21. Januar gab es in Untermaßfeld eine Würdigung Walter Werners, der neunzig Jahre alt geworden wäre. Dass Suhl nun mit einer Veranstaltung nachzog, ist nicht nur lobenswert, sondern folgerichtig. Denn der Lyriker Walter Werner weilte oft in der ehemaligen Bezirksstadt. Seiner Dichtung wegen. Und gelegentlich in seiner Funktion als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes des Bezirkes. Die alte Stadtbücherei, die nun nicht mehr steht, hat er gut gekannt. Auch wenn er den Abriss der alten, denkmalgeschützten Villa heftig kritisiert hätte, die großzügige neue Bücherei hätte ihm bestimmt gut gefallen. Nicht überall im Osten wuchsen solche modernen Lesetempel. Und nicht überall mehr findet man seine Bücher wie eben in der Suhler Bücherei. In Gera hat man sie entsorgt, wird eine darüber entrüstete Annerose Kirchner berichten, die an diesem Abend mit Autoren am Tisch sitzt, die Walter Werner gekannt haben – Holger Uske (Suhl) und Horst Wiegand (Steinheid). /  Lilian Klement, Südthüringer Zeitung

41. Clemens Brentano Preis für Alexander Gumz

Der mit 10.000 Euro dotierte Clemens Brentano Preis für Literatur der Stadt Heidelberg geht an Alexander Gumz für seinen  ersten Lyrikband ausrücken mit modellen. In der Begründung der Jury heißt es: „Die Gedichte von Alexander Gumz bezaubern durch eine rätselhafte Klarheit. Gekonnt changieren seine Verse zwischen Alltagselementen und einer imaginativen Fremde. Seine Gedichte klingen wie Songs aus der unmittelbaren Gegenwart.“

Der Clemens Brentano Preis „wird seit 1993 jährlich im Wechsel in den Sparten Erzählung, Essay, Roman und Lyrik an deutschsprachige Autorinnen und Autoren vergeben, die mit ihren Erstlingswerken bereits die Aufmerksamkeit der Kritiker und des Lesepublikums auf sich gelenkt haben“. Die Jury setzt sich aus professionellen Literaturkritikerinnen und -kritikern sowie aus Studierenden des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg zusammen.

Unter den bisherigen Preisträgern waren Ann Cotten, Raphael Urweider, Oswald Egger, Hendrik Rost, Barbara Köhler und Jörg Schieke.

40. NEUES AUS DER SCHWEIZER LITERATUR – zweite Lieferung

09.02.2012
Alte Schmiede
1010 , Wien

1. Abend: Lebens-Werk KLAUS MERZ Präsentation der WERKAUSGABE (in sieben Bänden; Haymon Verlag, ab 2011) • MARKUS BUNDI (Herausgeber, Zürich) positioniert den Autor und sein Werk • Klaus Merz (Unterkulm, Aargau) liest aus Die Lamellen stehen offen. Frühe Lyrik 1963-1991 (Band 1), In der Dunkelkammer. Frühe Prosa 1971-1982 (Band 2), Fährdienst. Prosa 1983-1995 (Band 3 der Werkausgabe) • Begrüßung: GEORG HASIBEDER (Programmleiter, Haymon Verlag) • in Zusammenarbeit mit dem Haymon Verlag, Innsbruck, mit freundlicher Unterstützung durch PRO HELVETIA, Schweizer Kulturstiftung

39. Reconsidering Stein: Composition as Explanation

Fewer readers imagine they can create their own Stein; many feel she is beyond their capacity to understand. Maybe this is because she has been claimed as the sine qua non of the avant-garde. But she aligned herself with her time. Being part of the “contemporary composition” was central to her work, a point she made in her trenchant essay (originally a lecture) “Composition as Explanation”: “The only thing that is different from one time to another is what is seen and what is seen depends upon how everybody is doing everything.” Here, Stein wielded the novelty and surprise of her prose partly to explain how novelty and surprise surface from generation to generation, and theorized why the new in art and writing may first be thought ugly, then later beautiful or classic. In that same essay, she declared: “No one is ahead of his time.” (Andy Warhol, who like Stein is both adored and mocked, once said, “I’m very much a part of my times, of my culture, as much a part of it as rockets and television.” There are other parallels between Warhol and Stein, including their renown as aphorists. Stein: “Rose is a rose is a rose is a rose.” Warhol: “In the future everyone will be famous for 15 minutes.” But people have called Warhol a jackass, and everything else.) / Lynne Tillman, New York Times 29.1.

IDA
By Gertrude Stein. Edited by Logan Esdale.
Illustrated. 348 pp. Yale University Press. Paper, $18.

STANZAS IN MEDITATION
The Corrected Edition
By Gertrude Stein. Edited by Susannah Hollister and Emily Setina.
Illustrated. 379 pp. Yale University Press. Paper, $22.