93. ]trash[pool

Trashpool, genauer betrachtet „]trash[pool – Zeitschrift für Literatur und Kunst“ heißt die Tübinger Antwort auf die verwandten Magazine Edit (Literaturinstitut* Leipzig) und Bellatriste (Hildesheim). Das Heft besticht durch eine ambitionierte Gestaltung mit graphischen Hinguckern. Hinter ihrem surrealistischen Cover präsentiert die aktuelle Ausgabe zahlreiche Texte als Schriftbilder. / Schwäbisches Tagblatt

Trashpool hat 102 Seiten, kostet 5,20 Euro und ist in ausgewählten Tübinger Buchhandlungen erhältlich. Im Internet: www.trash-pool.de.

*) s. Kommentar (schon wieder ein Grund, in Tübingen Lyrikzeitung zu lesen!)

92. Sprache

Wir kennen Bobrowskis Formel: „Sprache/ abgehetzt/ mit dem müden Mund/ auf dem endlosen Weg/ zum Hause des Nachbarn.“

Hier ein anderer Aspekt:

„אַ שפראַך איז אַ דיאַלעקט מיט אַן אַרמײ און פֿלאָט“

„a schprach is a dialekt mit an armej un flot“

in englischer Transkription: “A shprakh iz a diyalekt mit an armey un flot” —Max Weinreich, 1945.

So wird die Quelle jedenfalls meist angegeben. Und dort steht es auch:

[Max Weinreich. “der yivo un di problemen fun undzer tsayt”, pp 3–18 in yivo bletter yanuar-yuni 1945 (nyu-york), p. 13.]

Die Autorschaft ist indes zweifelhaft, siehe hierhier und hier.

91. Seltsam konservativ

Noch einmal wird hier die vergangene Symbolik des sozialistischen Jahrhunderts ausgekostet und die Geliebte als Trösterin und Heizung: „Hab ich dich federnd aufgefangen/ Wie eine Flocke mit dem Mund? Das Licht lag weiß auf deinen Wangen./ So still die Nacht, so weich und rund.“ Das mag gesungen noch angehen.

Dass wir uns nicht falsch verstehen, Wenzel ist bestimmt kein Anhänger einer der Doktrinen des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Formensprache orientiert sich eher an Wilhelm Müllers Winterreise als am Kampflied a la Erich Weinerts Roter Wedding. Bei Müller heißt es: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“  bei Wenzel: “Ich fühl mich in der Fremde/ als wäre ich zu Haus.“ Und dieser zutiefst romantische Topos („Kein Ort. Nirgends“) wird zugleich im Eingangsgedicht vorgestellt.

Aber um dieses Fremde zu belegen, wird im Bande alles zitiert, was es an Schlechtigkeiten im letzten Jahrhundert so gab: Krieg, Bürgerkrieg, Fernsehen, Konsum.  Pate stehen verwundete und ermordete Dichter wie Lorca.  „Das Gift der Vergangenheit/ unschädlich machen, Federico, gelingt nicht.“

Und genau hier liegt das Problem, wenn man mal das Pathos der Genitivkonstruktion herausnimmt. Es gelingt Wenzel nicht, die Vergangenheit unschädlich zu machen. Aber wäre nicht genau das eben Befreiung? Sonst nämlich bewegen wir uns in den Netzen der Melancholie, bleiben Gefangene unserer eigenen Geschichte, die wir dann notwendig als Heilsgeschichte (oder Untergangsgeschichte, immer aber mit hegelschem Ende) verklären müssen. Und so bleiben seine Texte seltsam konservativ.

Nach einer Weile CD und Lektüre musste ich Pause machen, so bittersüß die Erinnerungen auch waren, ich war ein wenig genervt, von mir als jungem Mann, von Wenzel, von der Geschichte. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Hans-Eckardt Wenzel: „Seit ich am Meer bin“, Gedichte, Mat­rosenblau Verlag 2011, 104 S., 18  Euro

90. Gestorben

Der Paschtodichter Murad Shinwari starb am Sonnabend in Khyber im Alter von 85 Jahren. Er wurde in seiner Heimatstadt Landi Kotal begraben. Zahlreiche Autoren und Stammesälteste nahmen am Begräbnis teil.

Er galt als Pionier der modernen Paschtodichtung, u.a. soll er die ersten Blankverse in paschtunischer Sprache verfaßt haben. / dawn.com

89. Beinah eine Schamanin

In einem Youtube-Clip vom vorigen Februar beginnt Hiromi Ito eine Lesung aus ihrem Erzählgedicht „I Am Anjuhimeko (Watashi wa Anjuhimeko de aru)“ im Museum of Modern Literature in Aomori, indem sie mit der Handfläche laut und wiederholt auf den Tisch schlägt. Ihre Stimme verrät Dringlichkeit, Verwirrung, Panik und das verzweifelte Bemühen, komplexe Ideen mit alarmerregendem Tempo wiederzugeben:

none of that really matters anyway, but that’s not what father says, he says let’s try burying her in the sand and waiting three years, mother was willing to just go along with that, that was a big disappointment, but, well, here’s the problem, I’m just a newborn who can’t even see, and I can’t even utter a word to talk back, so I was wrapped in my mother’s silk underclothes and buried in a sandy spot near a river

„I Am Anjuhimeko“ basiert auf einer mündlichen Text, der seit mehr als 2000 Jahren im nordöstlichen Japan weitergegeben wird.

Ito erzählt die alte Geschichte nicht einfach nach, sie findet eine Stelle in ihrem Inneren, durch die sie den Geist Anjuhimekos und ihrer Mutter leiten kann. Ihr selbst wiederfahren die Schrecken der vor langer Zeit getanen Reise, daher Dringlichkeit, Panik und Verzweiflung.

Kein Wunder, daß die Presse so oft das Wort Schamanin benutzt. Das Wort ist ihr wichtig.

„Ich habe diese Fähigkeit nicht“, sagte sie der Japan Times vor kurzem in einem Interview in ihrer kalifornischen Wohnung. „Aber meine Großmutter und Mutter gehörte zu diesen Menschen. Manche Menschen erreichen Gott und können die Zukunft vorhersagen oder so etwas. Vor dem 2. Weltkrieg wurden diese Fähigkeiten in der japanischen Gesellschaft akzeptiert. Ich dachte nie darüber nach, ob ich an so etwas glaube, aber als ich mit Lesungen anfing, dachte ich mir, vielleicht ist das was ich tue gar nicht so anders. Die Extase, die ich beim Lesen erreichen konnte, das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich fühlte eine Verbindung zu meiner Mutter und Großmutter.“

Ito wurde 1955 in Tokio geboren. Ihr erster Gedichtband „The Plants and the Sky (Kusaki no Sora)“ wurde 1978 mit dem Gendai-shi Techo Award ausgezeichnet. Sie wurde zur Speerspitze der Frauendichtung der 80er Jahre, einer Bewegung, zu der auch Toshiko Hirata, Yoko Isaka and Koko Shiraishi gehörten.

Ihre Bände „On Territory 1 (Teritori ron 1)“, 1985, und „On Territory 2 (Teritori ron 2)“, 1988, waren Wegweiser weiblichen Ausdrucks, die sich mit Themen beschäftigten, die bis dahin in der japanischen Lyrik ignoriert worden waren: intime Einblicke in weibliches sexuelles Begehren, die Funktionsweise des weiblichen Körpers sowie Körperlichkeit und emotionalen Aufruhr von Schwangerschaft und Geburt. Sie wurde augenblicklich zur Feministin erklärt, aber der Ausdruck ist zu einfach.

„Zwischen 20 und Anfang 30 mochte ich es nicht, wenn man mich Feministin nannte. Man versuchte mich einzuordnen und ich haßte es. Ich wollte Dichter sein, nicht „Dichterin“. Ich widersetzte mich der Art und Weise, wie Männer uns zur Seite zu drängen versuchten, uns nicht zum Mainstream der Lyrik zuließen.“

Itos bekanntestes Gedicht ist das unvergeßliche „Killing Kanoko (Kanoko-goroshi)“, ein intensiver persönlicher Bericht über eine schwere Depression nach der Geburt ihrer ersten Tochter. Sie stellt grausige Kindsmordphantasien neben die guten Wünsche von Familie und Freunden.

Happy Kanoko
Bites off my nipples
Congratulations congratulations
Gleefully I would like
To get rid of Kanoko
Without melancholy, without guilt
I want to get rid of Kanoko in Tokyo
Congratulations
Congratulations on your destruction
Congratulations on your destruction

/ DAVID HOENIGMAN, The Japan Times 19.2.

Hiromi Itō im Poetry International Web / Film von einer gekürzten Lesung von Killing Kanoto

88. Zwei Dichterschamanen

Man kann sich die Begegnung dieser beiden Dichterschamanen als ein lichterlohes Feuerwerk der Synapsen vorstellen: Mit dem im letzten Jahr überraschend verstorbenen Frankfurter Publizisten, Poeten, 68er Aktivisten und Imam Hadayatullah Hübsch und dem Schweizer Ira-Cohen-Übersetzer und Herausgeber unzähliger Underground-Lyrikbände, Florian Vetsch, scheinen tatsächlich zwei sehr ähnliche Sonnensysteme aufeinandergeprallt zu sein – wobei die aus diesem Zusammentreffen entstandene Supermasse fortan eine dunkel raunende Gravitation auf die Tastaturen sämtlicher Schreibgeräte ausüben sollte. / NZZ 4.2.

Hadayatullah Hübsch, Florian Vetsch: Round & Round & Round. Ein Gedichtzyklus. Songdog-Verlag, Wien 2011. 61 S., Fr. 20.–.

87. Überraschende Textgebilde

In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts sind in Österreich zwei Dichter gestorben, von denen man erwartet und gewünscht hätte, dass sie ihr Werk, das sich in den jeweiligen Konturen allerdings längst erkennen liess, noch um den einen oder anderen Aspekt bereichern. Die Rede ist von Gerhard Kofler (1949–2006) und Christian Loidl (1957–2001), die nicht sosehr an komplexen Strukturen arbeiteten, sondern das alltäglich-mündliche Gerede, für das sie stets ein offenes Ohr hatten, destillierten und sich dabei auf das einzelne Wort und seinen Klang konzentrierten. So entstanden verblüffend einfache, dabei unerhörte, überraschende Textgebilde, die sich zum mündlichen Vortrag eigneten, ja, diesen forderten. / Leopold Federmair, NZZ 4.2.

Christian Loidl: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Eva Lavric unter Mitwirkung von Jaan Karl Klasmann. Klever-Verlag, Wien 2011. 750 S., Fr. 40.90.

86. Schlaflied wilder Tiere

Aus ihren jüngsten Gedichtbüchern hat die 1942 geborene ungarisch-slowakische Dichterin Mila Haugová eine grosszügige Auswahl kompiliert, die nun, von ihr und der Slawistin Anja Utler gemeinsam übersetzt, in einer zweisprachigen Edition vorliegt. Unter dem ebenso schlichten wie enigmatischen Titel «Schlaflied wilder Tiere» – Wildtiere, die singen? die besungen werden? – gibt der Band eine Reihe lyrischer Texte zu lesen, die sich thematisch vorzugsweise zur Natur hin öffnen, frühkindliche Wahrnehmungen vergegenwärtigen, die Leiblichkeit der Liebe feiern, aber auch deren Schwund und Verrat beklagen. / NZZ 7.2.

Mila Haugová: Schlaflied wilder Tiere. Gedichte. Aus dem Slowakischen von der Autorin und von Anja Utler. Edition Korrespondenzen, Wien 2011. 136 S., € 19.–.

85. Lyrikpreis „Petre Stoica”

Der Lyrikpreis „Petre Stoica”, der seit 2011 alljährlich von der Kulturstiftung Pax 21 und der Temeswarer Zweigstelle des Rumänischen Schriftstellerverbands an einen repräsentativen Banater Lyriker für sein Wirken und Gesamtwerk vergeben wird, geht heuer an den Schriftsteller Dorin Tudoran. …

Dieser wertvollste Banater Literaturpreis soll nicht nur das Gesamtwerk eines Lyrikers ehren, sondern auch das Gedenken an den Dichter Petre Stoica (geb. 1931 in Neupetsch/Peciu Nou, KreisTemesch), einen der ganz Großen der Banater und rumänischen Literatur, wachhalten. / Balthasar Waitz, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

84. Hoprichs Methode des literarischen „Risses“

Reinecke setzt die verdienstvolle Arbeit Stefan Sienerths fort, der schon 1983 mit großem persönlichem Risiko in Bukarest den ersten Gedichtband Georg Hoprichs „Gedichte“ herausgebracht hat.

Sienerth gelang es trotz schwieriger Umstände ein erstaunlich komplexes Bild des Dichters entstehen zu lassen.

Hier knüpft Reinecke an und versucht mit Hilfe der Analyse einzelner Gedichtpassagen in seinem Nachwortessay dies zu vertiefen. Vor allem erklärt Reinecke die von Georg Hoprich öfter angewendete Methode des literarischen „Risses“.

Damit meint Reinecke gewissermaßen die Schnittstelle, die bewusst einen Schiefklang heraufbeschwört, um nicht in einer gängigen, auch nicht persönlich-poetischen Aussage zu verharren, sondern auch über seine eigene Sprechweise hinauszugehen.

Im Gedicht „Die Schlafenden“ zeigt dies Reinecke an der ersten Strophe: „Sie wollten weinen oder lachen, / doch da kam der Schlaf herbei. / In seiner Bodenlosigkeit, / im unfruchtbaren Ei des Daseins. /“

Die beiden letzten Zeilen „In seiner Bodenlosigkeit / im unfruchtbaren Ei des Daseins /“ bilden den formal-melodischen Schiefklang zu den ersten beiden liedhaften melodischen Zeilen „Sie wollten weinen oder lachen, / doch da kam der Schlaf herbei. /“

Für diesen Interpretationsansatz sprechen auch die beiden in siebenbürgisch-sächsischer Mundart (das ist das überwiegend von den aus der Rhein-Maas-Mosel-Gegend vor fast 900 Jahren eingewanderten Siebenbürger-Sachsen gesprochene Moselfränkisch. Erstaunlich ähnlich dem heutigen Letzelburgischen aus Luxemburg.) geschriebenen Gedicht „Des  Nochts“ (Des Nachts) und „De Wegd äs olt“ (Die Weide ist alt) beide von Klaus F. Schneider im Anhang ins Hochdeutsche übersetzt.

Selbst in der heimelig vertrauten Mundart bleibt Hoprich abgründig.
Diese auch heute noch durchaus modernen Gestaltungsmittel machen die von Reinecke hier ausgewählten Gedichte Hoprichs für alle deutschsprachigen Leser zu einem künstlerischen Erlebnis.

Es ist Reinecke gelungen, einen Zugang in die auf den zweiten Blick viel komplexere Dimension des Hoprich’-schen Sprachkosmos zu ermöglichen.
Dadurch, dass es Reinecke gelingt, viele „Chiffren“ Hoprichs in ihrer Entwicklung darzubringen, trägt er dazu bei, dass der Leser Hoprichs Schicksalsweg bei dieser Lektüre vor allem poetisch nachvollziehen kann. / Ingmar Brantsch, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

Georg Hoprich „Bäuchlings legt sich der Himmel“, Reinecke & Voß Verlag Leipzig, 2011, 108 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-942901-00-0

83. Fasernackte Verse

Den Gedichten sieht man den Feinschliff an. Sie machen einem den Einstieg mitunter nicht leicht. Wenn man zu schnell liest, dann holpern die Verse, dann ist da kein Ton und kein Rhythmus, bis man etwas auffängt – ein Bild, eine Formulierung – an dem man erkennt, dass diese Holprigkeit nicht am Text liegt, sondern am Leser, an einem selbst. Also geht man in sich, nimmt sich Zeit und Ruhe, liest die ersten Gedichte mehrmals, um ein Gefühl für Kerstin Beckers Sprache zu bekommen, für die Art, wie sie einen Text aufbaut und wie sie Sinnebenen verschachtelt. Und plötzlich ist man drin. Ganz tief. / gw, cineastentreff

Kerstin Becker: „Fasernackte Verse“, Fixpoetry Verlag Hamburg

82. Schottlands schöne Lügen

Die Gemüter haben sich inzwischen beruhigt, aber der Mythos ist derselbe geblieben: Schottland wurde jahrhundertelang von den Engländern niedergehalten, Schottland wäre frei unter einem unabhängigen Parlament in Holyrood (in Anbetracht der feudalistischen Geschichte des Orts eine eher ironisch anmutende Wahl), und der urdemokratische Geist der Schotten würde sich, hätten wir erst einmal unseren eigenen Staat, umgehend manifestieren. Offenbar haben wir stillschweigend beschlossen, dass die lange Geschichte der Demütigung und Unterdrückung schottischer Arbeiter und Bauern das Werk einer fremden Macht ist und nicht dasjenige einer endlosen Folge glühend schottischer, aber gänzlich eigennütziger Politiker und «Unternehmer»; mithin nehmen wir an, die Unabhängigkeit werde auch das Aus für ein System bedeuten, dessen einziger Zweck das Wohlleben einiger weniger auf Kosten aller anderen zu sein scheint. / John Burnside: Schottlands schöne Lügen, NZZ 17.2.

81. Valérys Zirkelbewegung

Valéry schreibt in seltsamen Zirkelbewegungen, immer wieder werden, gerade in der Frühphase, bereits veröffentlichte Bücher umformuliert, erweitert und neu herausgegeben, auch die Gedichte erfahren eine Art ständige Revision, über Jahre. Entsprechend bleibt das Werk in seinem Umfang zunächst überschaubar. Den Startschuss für die genuin literarische und damit gesellschaftliche Karriere erspäht Bertholet mit dem Jahr 1917, dem Erscheinen des symbolistischen Gedichts «La jeune parque»; da tragen endlich auch seinerzeit namhafte Kritiker wie Paul Souday mit ihren Artikeln zur breiteren Rezeption Valérys bei. / Thomas Laux, NZZ 18.2.

Denis Bertholet: Paul Valéry. Die Biografie. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Mit einem Vorwort von Jürgen Schmidt-Radefeldt. Mit zahlreichen Abbildungen. Insel-Verlag, Frankfurt a. M. 2011. 660 S., Fr. 49.90.

80. Kulturförderung

In einem offenen Brief an das Schweizer Festival „usinesonore“ hat der Komponist Mathias Spahlinger begründet, warum er auf das Honorar für seine Auftragskomposition „off“ (1993/2011) verzichtet, die im März im Rahmen des Festivals uraufgeführt wird. / neue musikzeitung

(Mehr zum Thema unter dem Tag Kulturförderung, oben)

Hier der Wortlaut:

offener brief an:

association usinesonore olivier membrez
co-directeur artistique malleray-bévilard schweiz

2012.01.26

lieber herr membrez,

zum glück habe ich noch einmal zurückgefragt, nachdem sie mir berichtet hatten, dass das festival usinesonore 2012 von der siemens-stiftung finanziell unterstützt wird. ich wollte wissen, ob dieses geld dem festival allgemein zugute kommt oder ob es direkt zur finanzierung des kompositionsauftages dient, den sie mir erteilt haben, also an meine person gebunden ist.
leider hat man als beteiligter komponist oder interpret nie einen einfluss darauf, wie und woher ein veranstalter das geld bekommt und man liest überrascht oder auch verärgert erst im programmheft, mit wem zusammen man in einem atemzug genannt wird.
sie schreiben, dass die siemens-stiftung € 6500 speziell für meine komposition zur verfügung stellt. also habe ich in diesem fall einfluss und ich mache davon gebrauch.

die siemens-stiftung knüpft an diese unterstützung verschiedene bedingungen, die ich unerträglich finde.
sie verlangt, dass in meiner partitur stehen soll „kompositionsauftrag von usinesonore“ (was den tatsachen entspricht und mir eine ehre ist) und „finanziert von der ernst von siemens musikstiftung“. niemand mehr kann bei dieser formulierung auf die idee kommen, dass ich ein heftiger kritiker bis gegner des privaten sponsorenunwesens bin und niemals auf die idee käme, die siemens-stiftung um finanzielle unterstützung eines projektes zu bitten, an dem ich beteiligt bin.
des weiteren verlangt die siemens-stiftung, dass der vermerk im programmheft abgedruckt wird „mit freundlicher unterstützung von“, gefolgt vom logo der stiftung und dass beides deutlich mit meinem stück verbunden sein muss. sie werden verstehen, dass ich dies als direkten angriff auf meine selbstachtung empfinde und dass ich etwas derartiges nicht mitmachen will. wer symbole lesen kann, der versteht: hier wird macht demonstriert. hier sagt jemand (zum glück wenigstens brutal und ungeschönt): „ohne moos nix los, die kohle kommt von uns, wer zahlt befiehlt. die kunst gehört uns und damit auch die künstler, denn an uns kommt inzwischen keiner mehr vorbei.“ ein feines steigerndes detail dabei ist noch, dass sich die stiftung vor druck des programms und vor auszahlung des geldes ein imprimatur vorbehält, nach sichtung des entwurfs des programmheftes, um sicherzustellen, dass das logo die richtige größe und die erforderliche nähe zu meinem namen hat. doch damit nicht genug. als eingriff in den programmablauf und ihre souveränität als veranstalter verpflichtet die stiftung sie, dass vor der aufführung die unterstützung auch noch angesagt werden soll. eine derartige peinlichkeit habe ich bis jetzt nur in der allertiefsten provinz erlebt, als einer der organisatoren den schlussapplaus abbrach, um den großzügigen mittelständischen unternehmer beim namen zu nennen, der an diesem ort die kunst möglich gemacht hat.

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79. Kult der kleinen Zahl

Nur wenige Lyrikdebüts erscheinen im Jahr, und ich verwalte sie.* Hugh! Voilà, Originalmeldung literaturwerkstatt:

Die wichtigsten Lyrikdebüts 2011

Donnerstag, 23. Februar 2012

20:00 bis 23:00

Mit Andrea Grill (Wien), Alexander Gumz (Berlin), Dana Ranga (Bukarest), Asmus Trautsch (Kiel)

Kurator und Moderator: Christian Döring (Lektor, Berlin)

Nur wenige Lyrikdebüts erscheinen jährlich im deutschsprachigen Raum. Vier der Autoren und Autorinnen, die im letzten Jahr mit einem eigenen Lyrik-Band an die Öffentlichkeit traten, werden von Christian Döring an diesem Abend vorgestellt. Die Dichter sprechen über ihre Arbeit und lesen aus ihren Texten.

Andrea Grill (*1975 Bad Ischl, Österreich) ist Biologin und Schriftstellerin. Sie schrieb Romane und Erzählungen, zuletzt »Das Schöne und das Notwendige«. Mit »Happy Bastards« erschien ihr Lyrikdebüt im Otto Müller Verlag. Ihre Gedichte sind von einer unverbrauchten Bildlichkeit, vielstimmig und sensibel im Ton.

Alexander Gumz (*1974 Berlin) lebt als Lyriker, Redakteur und Veranstalter in Berlin. Seine Texte erschienen in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien. Im Verlag kookbooks debütierte er 2011 mit dem Band »ausrücken mit modellen«. Seine Gedichte fangen »jene Sekunde ein, in der sich Aktualität verwandelt ins Nicht-mehr-Fassbare, wo eine Kehrseite des Wahrnehmbaren aufscheint« (DIE ZEIT online).

Dana Ranga (*1964 Bukarest) ist eine rumänische Schriftstellerin und Filmemacherin. Ihre Spielfilme und Dokumentationen wurden vielfach ausgezeichnet. »Wasserbuch«, bei Suhrkamp erschienen, ist ihr erster Lyrikband in deutscher Sprache. Darin wird aus ungewohnter Perspektive, von unterhalb der Wasseroberfläche, ein Blick auf unsere Welt geworfen.

Asmus Trautsch (*1976 Kiel) ist Komponist, Verleger und Dichter. Mit »Treibbojen« (Verlagshaus J. Frank) liegt sein Lyrikdebüt vor. Seine Gedichte sind anspielungsreich und sprachmächtig. Auffällig an ihnen ist die virtuose Handhabung der unterschiedlichsten Ausdrucksmittel.

Die Auswahl der Autoren für diesen Abend übernahm der Lektor und Herausgeber Christian Döring.

*) Nix, ganz und garnix, gegen die genannten Autoren. Alles gegen die übliche Rhetorik. Die Herrschaften sprechen nur, wenn es um Wichtiges, mehr noch, Wichtigstes, geht. Drunter machen es die Wichtigen nicht, es verkleinerte sonst ihre Wichtigkeit. Wichtigkeit!