38. Nora Gomringer macht ein Gedicht

Dabei kann Nora Gomringer keinesfalls nachgesagt werden, dass sie sich nur mit Banalitäten befasse. Nein, neben dem Froschkönig in ihr, der sich „immer grüner“ wünscht (Selbstironie: „Ein toller Effekt!“), ist auch die hellwache Zeitzeugin präsent. Die kann präzise beobachten, macht sich Gedanken über Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Ernst Jandl, über Auschwitz und die Gegenwart. Einige witzig gemeinte Possen etwa zu Hundeliebe oder zu „Mutter und Stil“ gehen jedoch über seichtes Illustriertenniveau nicht hinaus, so sprachsicher sie auch formuliert sind. Das ficht die von sich überzeugte Vortragskünstlerin aber nicht an: „Nora Gomringer macht ein Gedicht. Aus!“ / Michael Ernst, Sächsische Zeitung 10.2.

Tipp: Nora Gomringer, Mein Gedicht fragt nicht lange. Verlag Voland & Quist, 332 Seiten, 24,90 Euro (Buch + CD)

37. Sie jammern immer

Sie jammern immer, die Deutschen Autoren schrieben nur für einen so kleinen Kreis, ja oft nur für sich selbst untereinander. Das ist recht gut. Dadurch wird die Deutsche Litteratur immer mehr Geist und Charakter bekommen. Und unterdessen kann vielleicht ein Publikum entstehen.

Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragmente. Ersten Bandes Zweytes Stück, 1798, S. 75 (hier als Pdf)

36. Kein blinder Haß

With such thought provoking lines as “Whether you like it or not, your genes have a political past, your skin, a political cast, your eyes, a political slant,” Szymborska inspired and entertained an entire generation and had her place sealed in the highest echelons of poetry. Polish President Bronislaw Komorowski called her a ‘guardian spirit‘, “In her poems, we could find brilliant advice that made the world easier to understand,” he said. Having survived Nazi- occupied Europe during World War II and the Communist purges in Poland after the war, Szymborska’s observations are at once subtle and witty. ‘Blind‘ is an attribute usually associated to the emotion of hatred. But in a poem on the subject, Wislawa describes hatred as ‘having a sniper’s keen sight‘. By combining details with insight, Szymborska subtly pushes her readers to reinterpret the understanding of human conditions. / DIVYA TRIVEDI, The Hindu

35. Ich habe auch Cherry getrunken

Bei fixpoetry ein Gedicht von Emmy Ball-Hennings mit einer Einleitung von  Stefanie Golisch:

An Ninon Hesse, die zweite Frau Hermann Hesses, mit dem sie bis an ihr Lebensende in regem brieflichen und persönlichen Kontakt stand, schrieb sie einmal:

Publizieren Sie nach meinem Tode nur nicht aus Versehen diesen Brief, damit man nicht denkt,  dass ich Trinkerin bin, dass ich nur Cognac getrunken habe. Nein, das nicht. Ich habe auch Cherry getrunken, und das Leben in vollen Zügen, ein sehr guter Wein selbst gekeltert. Grausam gut.

34. Klare Sprache

Hilda Doolittle ist eine der wichtigsten Autorinnen der angloamerikanischen Moderne, ihr Debütband erschien 1916 – und liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. Sie war 30 Jahre alt, als dieser Gedichtzyklus erschien und lebte seit fünf Jahren in Europa (wo sie 1961 auch starb). Amerika hatte sie nicht zuletzt verlassen, weil sie ihrem damaligen Verlobten Ezra Pound folgte. Das Liebesbündnis zerbrach bald, die literarische Beziehung und Wertschätzung blieb bestehen.

Dass sie in die Literaturgeschichte nur mit ihren Initialen H.D. einging, verdankt Hilda Doolittle auch Pound, der in der schönen Dichterin all das verkörpert sah, was die literarische Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts – die Imagisten – sich auf die Fahnen geschrieben hatte. Er lobte ihre Lyrik in den höchsten Tönen, an der sei „nichts Schwammiges … – kein überflüssiges Adjektiv, keine Metaphern, die nicht der Prüfung standhalten“. Es ging den „Imagists“ um den Bruch mit den literarischen Konventionen, mit dem lyrischen Regelwerk der viktorianischen Zeit. Nicht mehr festgelegte Reime und vorgegebene Rhythmen sollten die Gedichte beherrschen, sondern der freie Vers.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Richard Aldington und Ezra Pound hat H.D. die poetologischen Grundsätze des Imaginismus formuliert, in denen es unter anderem heißt: „Sequenzen sind nach der musikalischen Rhythmik zu gestalten, nicht nach der des Metronoms“ und „Unter keinen Umständen werden Worte verwendet, die nicht zur Darstellung beitragen“.

Was und wie H.D. sich an diese Grundsätze nicht nur hält, sondern wie sie mit ihnen sprachgestaltend und bildformend umgeht, davon kann man sich in ihrem ersten Gedichtband überzeugen. Er ist eine große Hommage aufs Meer. Sie benutzt anstelle der traditionellen Verse eine klare Sprache, den freien Reim. Der Band wurde zu einem der Kerntexte der amerikanischen Moderne. Dass er jetzt erst ins Deutsche übersetzt wurde, ist höchst verwunderlich, hat aber sicher auch damit zu tun, dass – anders als Pound – die Literaturwissenschaft H.D. erst sehr spät die Bedeutung zuwies, die ihr zusteht. / Manuela Reichart, DLR

H.D.: MeeresGarten
Übersetzt von Annette Kühn, mit Illustrationen von Martina Hoffmann
luxbooks, Wiesbaden 2012
132 Seiten, 19,80 Euro

33. Pro patria

(Türkische Früchte 2)

Orhan Veli Kanık (1914-1950)

Vatan İçin

Neler yapmadık şu vatan için!
Kimimiz öldük;
Kimimiz nutuk söyledik.

Für das Vaterland

Was taten wir nicht für das Vaterland!
Manch einer von uns ist gestorben.
Manch einer hat Reden gehalten.

Annemarie Schimmel: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag. 2. überarb. Aufl. 2002, S. 226.

32. Arabische Kulturrevolution

‚Hast du jemals davon geträumt, dass die einfachen Leute auf die Straße gehen und „nein“ sagen könnten?‘ Der aus dem Irak Saddam Husseins geflohene, heute in Deutschland lebende Schriftsteller und Lyriker Abbas Khider – Verfasser des Romans ‚Der falsche Inder‘ (Edition Nautilus) – stellte diese Frage seiner ägyptischen Kollegin Mansura Eseddin bei den Arabischen Literaturtagen an diesem Wochenende in Frankfurt.  …

Auffällig an diesen Literaturtagen war, in welchem Maße schreibende Frauen diskursbestimmend waren. Man ahnt im Gegenzug die Krise der patriarchalischen arabisch-männlichen Identitäten. Vielleicht sind ja die Frauen das Subjekt einer arabischen Kulturrevolution, die bereits im Gange ist und auch keines Voltaire mehr bedarf, dessen Fehlen Boualem Sansal beklagte. Wenn das kein ‚arabischer Traum‘ ist, wie jener, von dem Abbas Khider in Frankfurt als ‚von einer neuen Art Liebe‘ sprach. Das wäre dann auch Politik und erst recht Literatur. / VOLKER BREIDECKER, Süddeutsche Zeitung 23.1.

31. Türkische Früchte (1)

Lustig, grad hab ich beschlossen, unter diesem Titel eine Serie türkischer Lesefrüchte zu beginnen, Früchte reisevorbereitender und -begleitender Lektüre, da beschert mir fixpoetry in der Reihe Gedicht des Tages eins von Reisen in die Teikür, damit fang ich also an:

Elke Erb

ADIEU

War im Traum in der Keitür, Reise, zu mehreren,
bin da noch, räudiges Stadt-Auf-und-Ab, was im Traum
zur Ansicht kommt (den schlafenden Augen!),

bunt, grell, aber wie
warmfarbig & -formig,warm-formig,
was da ist, aber es leitet nicht, nämlich –

& auf dem Gipfel:
wie zurück? Zurück nämlich wie?

Haarig, behaart – oder sieh
eine Kiste mit faulem Obst. Greifen in sie.
Bei uns, wo es leitet, gewußt wie

 – auch: der Griff in. In ihr Zeug. In den Tod.
Bei denen: behaart. Bei uns: Todestauschseligkeit.
Nachdem es getätigt war – schnell vergessen.

Muh, muh, weil ich die Sprache nicht spreche –
wo ich bin, auf Reisen.

 

24.12.07

Aus: Elke Erb, Meins. Gedichte. roughbooks 2010, S.101

30. Der letzte neue Dichter ist tot

Xuan Tam, der letzte Vertreter der vietnamesischen Tho Moi- (Neue Lyrik)-Bewegung, starb in Hanoi im Alter von 97 Jahren. Die Tho Moi-Bewegung wurde im frühen 20. Jahrhundert durch westlich beeinflußte junge Intellektuelle begründet. Zu seinen Gefährten gehörten die Dichter Te Hanh, Xuan Dieu, The Lu und Luu Trong Lu, die die Sprache erneuerten und mit der feudalen Vergangenheit brachen.

Im August 1945 schloß er sich der  Cach Mang (Revolution) an. Er arbeitete in verschiedenen Funktionen in der Verwaltung und der Staatlichen Plankommission. / Viet Nam News

29. Zu schwarz? Zu kommunistisch?

Vater und Sohn Duvalier („Baby Doc“ und „Papa Doc“) regierten das Land mit brutalem Terror. Der Schriftsteller Michel Séonnet widmet einem der Opfer der Duvalier-Herrschaft, dem haitianischen Dichter Jacques-Stephen Alexis, eine Hommage: er stellte sein ihm gewidmetes Werk ins Netz, „Jacques-Stephen Alexis, ou Le voyage vers la lune de la belle amour humaine“ (Jacques-Stephen Alexis oder Die Reise zum Mond der schönen Menschenliebe), das 1983 erschienen war.

Auf seiner Website schreibt er: „Zu schwarz, Alexis? Zu kommunistisch? Dem politischen Mord folgte eine Art literarisches Vergessen.“ / ActuaLitté

28. Hertha Kräftners Lebensroman

In ihren ‚Notizen zu einem Roman in Ich-Form‘, im Frühjahr 1951 entstanden, schlüpfte sie in die Rolle einer Frau, die alles im Griff hat. ‚Ich bin verärgert, weil der junge St. heute nicht gekommen ist. Ich war sicher, ihn bei Professor K. zu treffen, um ihm einige Häuser um Maria am Gestade zu zeigen. Ich weiß, dass er es will und da ich es auch will – warum sollte ich den Ort des Ereignisses nicht bestimmen? Die Szene würde sich so entwickelt haben (…).‘ Eine von sich selbst eingenommene Koketterie, die sehr heutig wirkt, Kräftner aber im gleichermaßen prüden wie ’sittlich angegriffenen‘ Wien der Nachkriegszeit mit manch bösem Wort heimgezahlt wurde: ‚Nymphomanin‘ schimpfte Hermann Hakel, der erste Gedichte Kräftners in seiner Zeitschrift Lynkeus veröffentlichte, der Toten hinterher. Dabei sieht man in den Briefen, die in ‚Kühle Sterne‘ mit den von Kräftner genau datierten Werken einen nachvollziehbaren Lebensroman ergeben, dass sie jedem Verehrer, vom ‚Verlobten‘ Otto Hirss bis zum letztem neuen Lebensbegleiter Wolfgang Kudrnofsky, jeweils sehr individuell zugetan war. / HANS-PETER KUNISCH, Süddeutsche Zeitung 27.1.

DINE PETRIK: Hertha Kräftner. Die verfehlte Wirklichkeit. Edition Art Science. Wien 2011. 186 Seiten, 16 Euro.

27. Dichter-Mörder

Paukenschlag im sogenannten Dichter-Mord: Laut einer Bozner Tageszeitung soll die Kripo in Südtirol dem Mörder, der Gedichte (in japanischer Versform) am Tatort hinterließ, dicht auf den Fersen sein! Denn: Gerichtsmediziner der Uni Innsbruck haben erstmals DNA-Spuren auf der Kleidung des Opfers sichern können – sie sollen von Hautfetzen stammen. / Thomas Staisch, heute.at

26. Islam Erwache

Der „Islamische Revolutionsführer“ Ayatollah Seyyed Ali Khamenei betonte die wichtige Rolle der Literatur im „Islamischen Erwachen“.

Er sprach am Montag in Teheran bei einem Treffen mit iranischen und ausländischen Literaten beim „Internationalen Kongreß für die Literatur des Islam ischen Erwachens“.

Er forderte die literarischen Figuren der islamischen Länder auf, Gedichte zu schreiben, die die „Erhebung des Islamischen Erwachens“ beförderten.

An dem Treffen nahmen Gäste aus Tunesien, Ägypten, Libanon, Bahrain und mehreren anderen Ländern teil und lasen Gedichte zu Ehren des Propheten Mohammed, des „Islamischen Erwachens“ und des 33. Jahrestages der Islamischen Revolution. / Tehran Times

25. Wiederworte

„Luftwege“, das erste Gedicht in Ulla Hahns jüngster Publikation „Wiederworte“, ist ein programmatischer Text: „Nach Jahrzehnten / noch einmal gelesen / Gedichte der jungen Schwester / Ant-Worten geschrieben / Widerworte Wiederworte…“ Die „junge Schwester“ ist die Autorin selbst, Ulla Hahn vor dreißig Jahren. / Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten

Ulla Hahn: „Wiederworte“, Gedichte, DVA, 180 Seiten, 17,50 Euro.

24. Preis für Maja Haderlap

Der mit 8.000 Euro dotierte Rauriser Literaturpreis geht heuer an die bekannte und profilierte Autorin Maja Haderlap. Sie erhält den Preis für ihren Debütroman „Engel des Vergessens“, der 2011 im Verlag Wallstein in Göttingen erschien. …

Die Kärntner Slowenin Maja Haderlap wurde 1961 in Bad Eisenkappel in Kärnten geboren und gewann im Vorjahr den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text „Im Kessel“. Maja Haderlap gilt seit Langem als die bedeutendste lyrische Stimme unter den slowenischen Österreicherinnen. Seit ihrem ersten Gedichtband aus dem Jahr 1983 hat sie sich im Bundesland Kärnten als eine der bemerkenswertesten Kräfte der Gegenwartsliteratur etabliert. Sie ist zweisprachig aufgewachsen und schreibt sowohl in Slowenisch als auch in Deutsch. / salzburg.at