Thomas Böhme
Mach mir schöne Worte!
Die Arsenale sind aufgebrochen.
Nimm dir Wörter heraus, so viele du willst!
Du, der du den Mund nicht voll kriegst
vom Bauchpinseln & von Sommersprossen!
Eigentlich, weißt du, ist Zuwendung
eine Flüstertüte. Doch Schweigen
mit Wehmut gepaart führt zur Melancholie.
Zwischen beiden ist oft nur ein Haarriß.
Ach, saumseliger Tausendsassa
mit deinen paar Habseligkeiten
eingeschneit in der Doppelhaushälfte!
Du denkst eine Sternschnuppe
die einen Purzelbaum schießt
sei schon ein Klimakiller. Kindskopf!
Jeder Einfall, dem ein Nichtsdestotrotz folgt
wird vom schönen Obschon in Zeitlupe absorbiert.
(Nach einer inoffiziellen Liste schönster Wörter)
Brecht konnte Los Angeles nicht ausstehen. „Nachdenkend über die Hölle“ – wie der Exilant um 1940 ein Gedicht überschrieb – fand er, diese müsse „noch mehr Los Angeles gleichen“. / Bernhard Schulz, Tagesspiegel
Nach langer Zeit des Schweigens und der künstlerischen Krise bringt der Schriftsteller Walter Kranz – während der Studentenrevolte als „Dichter der Revolution“ gefeiert – seine ersten Worte zu Papier. Dabei entsteht exakt das Gedicht „Der Albatros“, das Stefan George als Übersetzung von Charles Baudelaire anfertigte. Ein Plagiat? Ein Zufall? Ein Ruf? Kranz begnügt sich mit der Idee, eine Reinkarnation des deutschen Dichters zu sein: Er bestellt einen Anzug im Stile der Jahrhundertwende, zieht sich eine Perücke auf und schart erste Anhänger um sich. / Die Welt über eine Geschichte von Rainer Werner Fassbinder („Satansbraten“), die der Regisseur Stefan Pucher jetzt für die Bühne adaptierte.
Zum gleichen Stück die Süddeutsche:
Nach zwei Jahren bringt er wieder etwas zustande, ein Gedicht, das jedoch ein Plagiat von Stefan Georges ‚Der Albatros‘ ist, worauf sich Kranz beginnt, als George zu fühlen. Und sich auch so verhält. Da spielt dann vieles mit hinein, München, George-Kreis, Baudelaire (bei welchem George bereits sein Gedicht geklaut hatte) …
Die Rote Fahne bringt den Dichter Erich Fried (1921-1988) in Stellung gegen einen ihrer Lieblingsfeinde, Henryk M. Broder. Jude gegen Jude, das freut manchen klammheimlich. Sie druckt zwei Anti-Broder-Gedichte des alten Kämpen, eins geht so:
Ein Jude an die Zionisten
Freut euch erstens, daß eure Toten so tot sind,
denn sonst könnten sie euch laut sagen, was sie von euch halten
ihr zu Mörder gewordenen Söhne der Opfer unserer Mörder
die ihr euch verbündet mit Mördern gegen eurer Mordopfer Kinder
Und freut euch, daß die Mörder unserer Eltern
die Herzen der Welt so gewöhnt haben an das Morden
daß die Herren der halben Welt heute eueren Morden und Lügen
wohlwollend zusehen können und kaum zum Schein protestieren
Und freut euch, daß euer eigener Martin Buber schon tot ist
denn der hat noch knapp vor seinem Tode gesagt
daß ihr nicht die Jünger der alten jüdischen Weisheit
nein, nur die Schüler von Hitler geworden seid
Und freut euch auch, daß es keinen Bert Brecht mehr gibt
denn was der euch gesungen hätte zu eurem Unrecht
das würde der Welt und euch noch lang in den Ohren klingen
ja, länger als eure Unrechtherrschaft noch währt
Aber freut euch rasch, denn eure Freude wird kurzlebig sein
wie die Freuden anderer Tyrannen und Mörder
und dann werden Palästinenser und Juden in Frieden zusammenleben
und werden Gott danken, daß es keinen Zionismus mehr gibt
Erich Fried
Ein passender Kommentar hier, Zitat:
Obwohl Fried in seinen Gedichten zumeist „Zionisten“ und nicht Jüdinnen und Juden anspricht, vergisst er doch nie, dass diese ebenso Jüdinnen und Juden sind, worauf die Ausgestaltung seiner polternden Beleidigungen schließen lässt, die viele der altbekannten antijüdischen Register zeigt. Er selbst bezeichnet sich demgegenüber als „besserer Jude“. Nach langen wirren Überlegungen zum Thema kommt Fried dann im Band zum Schluss, dass Antisemitismus und Zionismus in etwa gleichermaßen zu verurteilen seien: „[Es gibt] kein Bewusstsein, das den Antisemitismus oder den Zionismus rechtfertigen kann“ und er ruft die USA auf, „ihren israelischen Satelliten nicht weiter rasen zu lassen“. Nebenbei ermahnt er auch die Deutschen „zu helfen“. Die Paradoxie liegt auf der Hand: Die Deutschen, die gerade eben noch den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden in die Wege geleitet haben, sollen Frieds Hass auf das kleine Häufchen der in Israel verbliebenen Jüdinnen und Juden teilen, ausgerechnet um zu beweisen, aus dem Holocaust gelernt zu haben. Das wird vielen keine Schwierigkeiten gemacht haben. Eine leichtere Methode, mit dem Wissen über den Holocaust umzugehen, als die Judenfeindlichkeit auf diese Weise vom Fleck weg weiterzuleben, ist kaum auszudenken.
Die 24. Internationale Schopfheimer Mund-Art Literatur-Werkstatt findet in diesem Jahr vom 16. bis 18. März statt. Unter den Teilnehmern ist Markus Heiniger:
Markus Heiniger hat 1968 in Basel das Licht der Welt erblickt. Berndeutsch mit der Muttermilch, Baseldeutsch im Sandkasten. Er hält seine Schweizer Dialekte fein säuberlich auseinander. Seine dritte Sprache ist Hochdeutsch; da gibt es keine Berührungsängste, nur Lyrik, Humor und überraschende Brückenschläge. / Badische Zeitung
Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Martin Pollack, der 2011 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hat, kuratiert den auf drei Jahre angelegten Schwerpunkt „Tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ auf der Leipziger Buchmesse. Die Presse (Wien) berichtet:
2005 hat Pollack eine Anthologie namens „Sarmatische Landschaften: Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland“ herausgegeben. „Die Polen erinnern sich gern an das einstige Sarmatien“, erklärt Pollack: „Für sie ist das so eine Art innerkontinentales Atlantis.“ In der Spätantike verstand man unter Sarmatien die große Region zwischen Weichsel, Wolga, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Die polnisch-litauische Adelsrepublik der frühen Neuzeit übernahm diesen Namen, in ihr lebten Polen, Weißrussen und Westukrainer in einem Staatenverband, in dem die Polen die Führung innehatten: „Für sie war das ein Goldenes Zeitalter.“
Eines könne sich der Westen aber von den Osteuropäern abschauen, meint Pollack: die Begeisterungsfähigkeit für Literatur. „Ich habe Lyrik-Lesungen erlebt, bei denen die Säle gerammelt voll mit jungen Leute waren, die gejubelt haben.“ So etwas wünsche er sich auch für Leipzig…
/ Die Presse 14.3.
Die Leipziger Buchmesse dauert von 15. bis 18. März. Insgesamt präsentieren 2071 Verlage über 100.000 Bücher aus 44 Ländern.
Das Autoren-Camp ist die wichtigste Neuerung. Es dient der Vernetzung von Autoren.
es kann nur eine glückliche fügung gewesen sein, die den lyriker nicolai kobus aus dem westmünsterländischen und den saxophonisten jochen baldes aus zürich zusammengeführt haben, die unter dem künstlerduo «KOBAL» eine sehr gelungene symbiose aus lyrik und musik präsentieren. dabei lässt sich der schweizer saxophonist allerdings von einem ensemble begleiten, in dem jedes mitglied ein virtuose auf seinem instrument ist: das gilt für michael gassmann auf der trompete ebenso wie für michael bucher an der gitarre, thomas bauser an der hammond-orgel und dominic egli am schlagzeug.
die musiker um den charismatischen tenor-saxophonisten baldes verstanden es, das «seufzer-kalendarium» des inzwischen in hamburg ansässigen poeten so einfühlsam zu begleiten, dass das publikum in eine art trancezustand geriet. /
westfälische nachrichten hier (mit Hörproben)
Hier der schöne Gedichtzyklus „ach anna. seufzerkalendarium“ deutsch und polnisch.
Seit der Preisvergabe an Eyvind Johnson und Harry Martinson 1974, die auf viel Kritik gestoßen war, sind die Schweden traumatisiert, wenn es um Preisträger aus ihrem Land geht.
Nun ist es ausgerechnet einem Dichter gelungen, diese Wunde zu schließen. Doch verwunderlich ist das nicht, denn Tranströmer widerlegt alle Vorurteile, die mit Lyrik häufig in Verbindung gebracht werden. Seine Gedichte sind nicht abgehoben oder weltfremd. Seine Sprache ist nicht selbstverliebt. Tranströmer hat jedes Wort in jedem Gedicht mit Bedacht gewählt. Sein ganzes Leben lang hat er gerungen mit der Sprache. („Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen.“) Es erscheint wie ein böser Scherz, den ihm das Leben gespielt hat, dass seine Erkrankung ihn, den Dichter des Schweigens, zwingt, nun auch körperlich um jedes Wort zu ringen. / Anne Burgmer, FR 14.3.
ist ein Buchprojekt von Sabine Scho und der Titel eines Blogs, in dem man etwa liest:
Fallen sind meist temporäre Architekturen für Tiere. Der Graf von Foix tat sich im 14. Jhdt mit seinem schön bebilderten Livre de Chasse hervor. Er soll 1500 Hunde besessen und das Buch für Philipp den Kühnen von Burgund verfasst haben. Jagd war in seinem Gebiet nicht allein Vorrecht das Adels, jeder Freie, heißt es, durfte ebenfalls jagen. Ich kaufte das Buch im Jagdmuseum in Paris, es zeigt auch, wie die Fallen verfertigt werden, unterschiedliche Netzformen werden geflochten, die man etwa vor Kaninchenlöchern anbringt. Oder man lockt den Wolf mit einer Blutspur eines toten Schafes in ein Rondell mit Tür im äußeren und Schaf im inneren Weidenrutenkreis. Trittfallen, Gruben und Hatzparcours aus Weidenrutenzäunen. Im Jagdmuseum Born erzählte man uns, dass auf dem Darß für Göring immer Wild zusammengetrieben wurde, an einer Stelle, die sie Hirschhinrichtungsstätte nannten, dann spielte man uns noch Der Wald erschallt vor und rekapitulierte das dritte Raesfeldsche Hegegesetz, bis man uns zum Ganzkörperpräperat Verkämpfte Hirsche führte. Das Gesetz erinnere ich ungefähr so: schieße nie mehr, als notwendig und hege nie mehr, als du schießen kannst.
Zur Jagdsaison hieß es immer, Mädchen, nimm Deinen Hund an die Leine, sonst schießen wir ihn tot. Als Kind hatte ich panische Angst, sie machen damit ernst, schon wenn er nur einem Kaninchen hinterherjagte, nahm ich an, es sitzen ganzjährig Jäger auf den Hochsitzen, die auf nichts anderes warten, als den freilaufenden Haushund einer unbedarften Jugendlichen zu exekutieren. Katzen, die nicht mehr Heim kamen, musste man ihnen ganz sicher zurechnen. Aufgrund unserer verschwundenen Katzen fürchtete ich die Willkür der Jäger, die mir gar keiner Regel zu unterliegen schien, außer der, dass sie einfach Tiere totschießen durften, wenn Saison war, Hund, Katze, Kaninchen, Rotwild, war da scheinbar egal, so kam es mir vor. Und auch, dass noch beinahe jeder eine Waffe auf dem Dorf hatte, wo man noch Schützenfest feierte, war da nicht verwunderlich. Unser Nachbar schoß mal Kaninchen in unserem Garten und verstand es als Nachbarschaftshilfe.
(so stehts drüber, wie auch immer: die Lesung ist diesjahr)
Stifter: Jörn Sack
lesung und preisvergabe
18. März 2012 von 15:00 – 16:30 Uhr
im rahmen von LEIPZIG liest:
Leipziger Messe GmbH, Messegelände
Congress Center Leipzig – Mehrzweckfläche 4
es lesen (und singen) die preisträger
Philipp Günzel, Brigitte Lange (mit Gesang), Thomas Rackwitz;
moderation:
Jörn Sack
veranstalter:
lauter niemand und Buchwerk Bodoni e.V./ edition bodoni
Weil das Ganze das Offene ist, gibt es kein vollkommenes Genügen. Good enough, that will do. Das Überqueren von Türschwellen verursacht Vergesslichkeit. Staffelstab und Bleiche: 30 x 10 Minuten Poesie. Eine Installation zum Ein- und Ausgehen. In…klusive Open Stage. (Anmeldung für Beiträge an urs@engeler.de)
Mit: Bernhard Böschenstein, Elke Erb, Chris Fasch, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Bo Wiget, Sandra Gugic, Normen Gangnus, David Frühauf, Tim Holland u.v.a.
Freitag 16.03.2012 21:00 – 02:00 Uhr
Schaubühne Lindenfels
SAPPHO FRAGMENTS +++ BAUMASSNAHME WALD +++ ZÄRTLICHKEIT DER SCHWELLEN +++ HEISSENBÜTTEL-STARSCHNITT +++ TOPFSCHLÄGER +++ BZYANTINISCHES FRAGMENT +++ WIE SCHMECKT DER HERING? +++ DEM ZAUDERN ENTRUNGENES TIER +++ DIE HYPERKULTUR THEOKRITS +++ FREUNDE SCHÖNER GÖTZEN +++ DA HILFT KEIN RITALIN +++ KURIERTE IGNORANZ +++ ETWAS BLEIBT, DAS GEHT +++ HANDAPPARAT HESLACH +++ DEINS +++ SLUITEL VOOR DE HOOGDUITSE SPRAAKKUNST +++ HADYNDISCO +++ HIER KÖNNTE IHR BEITRAG STEHEN +++ O MY LOVER (LITTLE, BUT ALL ROSES) +++ DIE EXISTENZ IN KEULEN +++ NACH DER UNDEUTLICHKEIT +++ WAS WAR MIT DEM YPSILON LOS?
http://www.schaubuehne.com/index.php?id=eventdetails&no_cache=1&eventID=820&day=1331896650
„Um ein Haar wäre eine der schockierendsten Gedichtsammlungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht veröffentlicht worden.“ / Friederike Reents, FAZ.net 8.3.
„Was solle man denn zu einem Geschehenen sagen? Geschähe es nicht so, geschähe es ein wenig anders. Leer würde die Stelle nicht bleiben.“ / Gottfried Benn, Gehirne. In: Ders., Prosa und Autobiographie in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer 1984, S. 22.
Ulf Stolterfoht ist einer der ideenreichsten Dichter und Subversionsagenten der Gegenwart. Er wurde einem breiteren Publikum durch sein Fachsprachenprojekt bekannt und ist Gründungsknappe der Lyrikknappschaft Schöneberg. Neben zahlreichen anderen Projekten als Lyriker, Herausgeber und Essayist betreibt er im Netz BRUETERICH LD – Lyrikdienst für experimentelle Poesie:
http://ulfstolterfoht.wordpress.com/lyrik-dienst/.
Bei Reinecke & Voß erschien:
Ulf Stolterfoht
Das deutsche Dichterabzeichen
Auszug:
Sprecher 3 Der Dichterberuf ist ein Mangelberuf, da niedriges Gewicht und tiefes Denken nur selten zusammentreffen. Ein ausgelernter, leistungsfähiger Dichter erhält in der Regel ein monatliches Fixum von € 120 und darüber – je nach Ruf und Können.
Sprecher 1 Pflichten des Lehrherrn
Sprecher 2 … insbesondere hat der Lehrherr folgende Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln: 1) Pflege von Schreibzeug und Text; grundlegende Layout-Kenntnis („stabile Seitenlage bis zum Eintreffen des Setzers“); Einführung in die Lyrischen Typen; Bewerbungsstrategie; Urheberrecht; Vertreterkonferenz usw.
Sprecher 3 Es ist dem Lehrherrn untersagt, die Schreibkraft des Lehrlings für persönliche Zwecke zu nutzen. Wird vom Lehrherrn Arbeitskleidung gestellt, kann diese angemessen in Ansatz gebracht werden.
Sprecher 2 2) VG Wort; Künstlersozialkasse, Uschtrin. Bekanntschaft mit dem „Großen Conrady“ (GC), dem „Ewigen Brunnen“ (EB) und dem „Dürftigen Vorrat – Lyrik zum Anfassen“ (DV).
Sprecher 3 3) Den Lehrling, vom zweiten oder dritten Lyrikjahr an, entsprechend seinen Fähigkeiten und dem Fortschreiten seiner Bemühungen, bei Lesungen oder kleineren Slams einzusetzen.
(…)
Sprecher 1 Für die Ausbildung des jungen Dichters gebrauchte man lange den Ausdruck „einbrechen“. Das klingt nicht nur ziemlich brutal – das war es auch! Der Bereiter, also in der Regel der Lehrherr, „brach den Dichter ein“, das heißt, er machte ihn im Schnellverfahren „fertig“, einzig und allein mit den Mitteln physischer Gewalt.
Sprecher 2 Mittlerweile wird dieses Verfahren nur noch in der Schweiz benutzt – wir hier in Schöneberg verwenden lieber den Begriff „Schulung“.
Sprecher 1 Das wichtigste Lehrprinzip ist nun das von Belohnung und Korrektur. Hat der junge Dichter etwas richtig gemacht, wird er unmittelbar darauf belohnt, indem wir ihm den Kopf klopfen oder ein paar freundliche Worte zu ihm sagen.
Wenn er aber korrigiert werden muß, lassen wir ihn entweder die Lektion wiederholen oder sprechen streng und bestimmt auf ihn ein. Am Schluß jeder Stunde sollte stets der gelungene Vers, die gelungene Strophe stehen.
Ulf Stolterfoht
„Das Deutsche Dichterabzeichen“
19×12 cm
56 Seiten
8 Euro (D)
1. Auflage 2012
ISBN 978-3-942901-05-5
Bestellen unter info(at)reinecke-voss.de
Das Nichtwissen, sagt Peter Gizzi in einem Interview, spiele für ihn eine ganz entscheidende Rolle beim Schreiben. Erst aus dem Nichtwissen entsteht, was er „die Wirklichkeit des Gedichts“ nennt. So knüpft jedes seiner Bücher gewissermaßen an das vorhergehende an, denn Gizzi betrachtet seine Gedichte immer auch als Denkbewegungen im Sinne von: Sieh einmal an, so hast du das damals gesehen! Ein wiederkehrendes Thema ist beispielsweise die eigene Kindheit, die er im folgenden Gedicht lakonisch resümiert: „Ein Kind wurde ich, eine Frage / sitzend im Gras. / Gesagt bekommen: ich habe Glück. / Ein offenes Feld.“ / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 13.3.
Morgen 20 Uhr, Stadtmuseum/Städtische Galerie: Peter Gizzi (Holyoke, Massachusetts, USA) liest aus seinem Buch „Totsein ist gut in Amerika“, Lesung Englisch/Deutsch – Literaturforum Dresden in Kooperation mit den Städtischen Museen Dresden
Dies alles sei voran geschickt, um klar zu machen, dass Zieger nichts mit den (zu) späten Debütanten gemein hat; er hat bisher ein nicht unerhebliches Werk verfasst, das einer größeren Öffentlichkeit freilich überwiegend verschlossen geblieben ist.
Ein Blick auf seine lyrischen Texte zeigt sofort, dass hier ein ästhetisch geschulter Autor am Werke ist, der weniger im Referenzraum gegenwärtiger Postmoderne zuhause ist, als in den Stimmen, Stimmungen und Strömungen der Moderne, die aus dem zwanzigsten Jahrhundert weisen. Im Gegensatz zu vielen anderen heutig Schreibenden reklamiert Zieger nichts artistisch Neues für sich und seine Gedichte. Sie stehen in einem variablen Sprechmodus und können in ihren besten Momenten Klarheit für sich beanspruchen, und die sich daraus ergebende Schönheit des Augenblicks: „in den monaten oktober, november,/zuweilen im januar machten wir den spaziergang/entlang der sümpfe vor séte,//wir überließen uns dem wind,/die wasseroberfläche spiegelte den himmel,/wie es ihn sonst im jahr nicht geben kann,//minuten saßen wir irgendwo drinnen, tranken etwas, blickten hinaus auf das meer/oder lehnten aneinander.“ In einer Reihe von Texten tritt eine Entrücktheit vom Alltäglichen hervor, die die Dinge jenseits des Profanen aufzeigt. Den Dingen werden Fähigkeiten und Eigenschaften zugesprochen in einem dichterischen Akt, und jene brüchigen Beziehungen, die Menschen eingehen um diese Dinge herum, in ihnen, mit ihnen und aus ihnen, vermag Zieger einen „poetischen Sinn“ einzuhauchen. / Tom Schulz, fixpoetry
Ulrich Zieger: Aufwartungen im Gehäus. Edition Rugerup. Berlin / Hörby, Schweden. 2011.
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