113. Alle zitieren Gedichte

Alle zitieren sie Gedichte.

Der heutige Ehrenvorsitzende der Front National Jean-Marie Le Pen will beweisen, schreibt Le Monde, daß er noch in Form ist und seine Lust an der Provokation nicht eingebüßt hat. Am 18.2. zitierte er in einer Rede über Ehre in der Politik im Zuge des Wahlkampfs zur Präsidentenwahl ein Gedicht des Kollaborateurs und Antisemiten Robert Brasillach. Von ihm stammt der Satz: „Man muß sich von den Juden im ganzen trennen und die Kinder nicht auslassen.“

Im Gespräch mit Journalisten sagte Monsieur Le Pen: „Ich habe ja auch mehrmals den Martiniquaner Aimé Césaire zitiert.“

Auch Putin liebt die Dichtung. Ulrich Heyden schreibt in Telepolis:

Auf einer martialischen Wahlkampfveranstaltung beschwor Putin den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 4. März

Von der Wortwahl hätte man denken können, in Russland tobten Bürgerkrieg und ausländische Intervention. Doch es war nur ein Wahlkampfauftritt von Wladimir Putin. Auf einer Großveranstaltung im Moskauer Sport-Stadion Luschniki zitierte Putin gestern vor etwa 100.000 Menschen den russischen Schriftsteller Michail Lermontow, der in einem Gedicht [hier englisch] beschreibt, wie die russischen Soldaten 1812 vor der Schlacht von Borodino den Eid auf das Vaterland leisteten und „davon träumten, für die Heimat zu sterben“. Damals ging es gegen die Armee Napoleons. Heute geht es gegen diejenigen, so Putin, die sich „in unsere Angelegenheiten einmischen“.

Und auch unser Gauck, den ich mit keinem dieser beiden vergleichen will, zitiert in Bayern vor seinen erschreckten Zuhörern ein Gedicht auf Stalin, das er in den 50er Jahren auswendiglernen mußte und immer noch kann. (Hat er ihnen auch gesagt, daß der Autor aus Bayern stammte?). Hier zwei der Strophen eines Gedichts von Johannes R. Becher:

Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
Der Apfelbäume an dem Bodensee,
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
Und winkt zu sich heran ein scheues Reh.

Mit Marx und Engels geht er durch Stralsund,
Bei Rostock überprüft er die Traktoren,
Und über einen dunklen Wiesengrund
Blickt in die Weite er, wie traumverloren.


112. Polnische Lyrik

Unter dem Motto „Der siebte Engel ist ganz anders“ präsentieren Pawel Krzak aus Krakau und der Büdinger Gitarrist Ekaterine Davitashvili polnische Lyrik von Paul Celan bis Wislawa Szymborska. / Gelnhäuser Tageblatt

Vgl. auch L&Poe 59. Rückblende Juni 2001: Nicht jeder mag Berlin:

Ebenfalls in Berlin zeigt eine Ausstellung in der Stiftung “neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum” Leben und Werk des Dichters Jakob van Hoddis. (Was hier gezeigt werde, fragt eine Besucherin im Eingang. Irgendein russsischer Dichter, sagt einer vom Personal. Der andere durchwühlt meine Tasche wie am Flughafen.).

111. Glaube und Ungewissheit

In seinem sechsten Gedichtband baut Christian Lehnert seine mystischen Klang-Kathedralen zu wohnlichen Gebets-Hütten um. … Lehnerts „Aufkommender Atem“ bewegt sich in melodiösen Rhythmen um die Themen Anfang und Ende, Wahrheit und Gott.

Christian Lehnert: Aufkommender Atem. Suhrkamp, Berlin. 99 S., 19,90 Euro.

Volker Sielaff nähert sich den großen Fragen behutsam: „Jemand sollte jeder Theorie mistrauen, die nicht / aus einem Flüstern kommt, aus einem Knistern.“ In diesen Versen knistert es intensiv: Alle sind Expeditionen ins Ungewisse. Silbe für Silbe tastet sich Sielaff voran – an Wörter wie „Seele“ zum Beispiel, „die einem nie ganz aufgehen“.

Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg. Luxbooks, Wiesbaden. 120 S., 22 Euro.

Im Unsichtbaren sind wir aufgehoben“, endet eines der frühen Gedichte der Tanja Dückers. Dennoch gehört die 1968 geborene Autorin nicht zu den religiös oder philosophisch orientierten Poeten. Schon ihren ersten Lyrikband „Luftpost“ (2001) schickte sie nicht in den Äther, sondern in Straßen zwischen Berlin und Barcelona. Fliegen, Atmen und Gehen hieß schon damals Nicht-Einverstanden-Sein mit der gesellschaftlichen Realität.

Tanja Dückers: Fundbüros und Verstecke. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 104 S., 18,95 Euro.

/ Dorothea von Törne, Die Welt 25.2.

110. Komplex und flexibel

José Kozers Prolog ist eine angemessene Einleitung in diese atemberaubende Serie von 64 Gedichten, die alle den gleichen Titel tragen: „Ein sechzigjähriger Mann schreibt ein Gedicht und nennt es Anima. Tage später schreibt er eins in ähnlichem Ton und nennt es Anima, da bemerkt er, daß er eine Serie von Gedichten angefangen hat, die alle den gleichen Titel haben müssen.“ …

In der spanischsprechenden Welt gilt Kozer seit langem als einer der größten kubanischen Dichter seiner Generation. Er veröffebtlichte 52 Bände Lyrik und Prosa und ist der erste lebende Dichter der Diaspora, von dem ein Buch in Kuba veröffentlicht wurde.

Die Schwerverständlichkeit der Gedichte sollte den Leser nicht irritieren. Für Kozer ist schwierige Lyrik anregend: das Gedicht muß für Komplexität offen sein und flexibel genug, sie auch zu artikulieren. Statt einer klar ablesbaren Botschaft ist es ein poetischer Vorgang oder eine Reise durch verschiedene Materialien. Dies bildet die Erfahrung der Anima. Gestatte dir nicht, diese Gedichte für abstrakte symbolistische Sendschreiben zu halten; sie suchen nur die klarsten Details der Bewegung und Unmittelbarkeit der Welt:

Vermeide Aphorismen, Kozer: jedes allgemeine Gesetzt widerspricht sich selbst.
Glück ist Luft Olivenbäume blühendes Zuckerrohr (der Anblick)
Tabak in Blüten  (rauch nicht)
iß einmal am Tag. 

Stuart Cooke, The Australian

Anima
By Jose Kozer
Translated by Peter Boyle
Shearsman Books, 268pp, $35

109. Deutsch-Türkische Kulturolympiade

Am 25. Februar 2012 findet um 19 Uhr in der Technischen Universität Berlin der Vorentscheid der Deutsch-Türkischen Kulturolympiade statt. Parallel werden auch in den anderen deutschen Bundesländern Vorentscheide ausgetragen.

In den Disziplinen Lieder, Volkstänze, Gedichte und Erzählung sowie Theater und Aufführung treten Schülerinnen und Schüler deutscher und nichtdeutscher Herkunft gegeneinander an, um sich für die Deutschland Preisverleihung am 29. April in Frankfurt zu qualifizieren. / berlin.business-on.de

108. Herzstärkende Fremde

Zum dritten Mal vergibt das Stuttgarter Schriftstellerhaus einen Förderpreis Lyrik aus dem Kreis der BewerberInnen für ein Stipendium, dank der finanziellen Unterstützung durch den VS Baden- Württemberg. Ausgezeichnet wird der österreichische Lyriker, Essayist, Musiker und Prosaautor Christoph W. Bauer für den Zyklus „getaktet in herzstärkender fremde“. Bauer, geboren 1968 in Kolbnitz/Kärnten, wuchs in Osttirol auf, lebt derzeit in Innsbruck. Sein letzter Lyrikband „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“ erschien 2011 im Haymon Verlag, Innsbruck.

Die Laudatio hält Signe Sellke, 2. Vorsitzende des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus.

Kanalstraße 4 · 70182 Stuttgart

107. Wissenschaftsverwerter

Gern hätte er eigenhändig den Blutdruck von Goethe und Hölderlin gemessen und in Erfahrung gebracht, «ob sie pyknisch waren u. zur Dicke neigten, ob sie Durst hatten, ob sie Bier oder Wein tranken, ob sie gut schliefen». Es war nicht vorrangig ein medizinisches, sondern poetisches Interesse, das Dr. Gottfried Benn von solchen Dichter-Untersuchungen träumen liess. «Le style c’est le corps», schrieb er 1930 in seinem Essay «Genie und Gesundheit», die Kunst – heisst das – verdankt sich dem Körper. …

Man hat Benns Essays der frühen dreissiger Jahre häufig als Bekenntnis zu einem kruden Irrationalismus gedeutet, der ihn folgerichtig 1933 zum Parteigänger der Nazis werden liess. So geradlinig verlief sein Weg ins Unheil aber nicht, wie eine neue, voluminöse Studie von Marcus Hahn über Benns Verhältnis zu den Wissenschaften zeigt. Zeitlebens blieb Gottfried Benn, der wütende Kritiker der modernen wissenschaftlich-technischen Zivilisation, den Naturwissenschaften verfallen. Zum Lyriker, der aus medizinischem Fachvokabular berauschende Klanggebilde zauberte, gehörte der Essayist, der mithilfe psychiatrischer Forschung die Unantastbarkeit der Poesie beweisen wollte. Benns Essays von 1930 stützen sich – bis hin zum schamlosen Abschreiben – auf die Typen- und Konstitutionslehre von Ernst Kretschmer («Geniale Menschen», 1927) und Wilhelm Lange-Eichbaum («Genie, Irrsinn und Ruhm», 1929). Es handelt sich um Bücher, die heute unfreiwillig komisch wirken, damals aber Standardwerke der Psychiatrie waren.

Die physischen und psychischen Defekte, die Lange-Eichbaum nahezu allen Künstlern attestiert, werden für Benn zu Ehrenmalen, Ausweisen ihrer Unbelangbarkeit. / Manfred Koch,  Neue Zürcher Zeitung 21.2.

Marcus Hahn: Gottfried Benn und das Wissen der Moderne. Bd. 1: 1905–1920; Bd. 2: 1921–1930. Wallstein-Verlag, Göttingen 2011. Zus. 839 S., Fr. 129.–. Holger Hof: Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biografie. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2011. 537 S., Fr. 41.90.

 

 

106. Nach dem Tulpenkrach

Der Band füllt dabei auch bedeutende Lücken der Literaturgeschichte auf: Andreas Gryphius reiste 1638, ein Jahr nach dem ‚Tulpenkrach‚, dem ersten Börsencrash der Weltgeschichte, nach Leiden, wo er das rechtliche und finanzielle Chaos der Folgezeit erlebte. Bereits 1614 hatte Roemer Visscher die Tulpenliebhaber und Spekulanten in seinen Sinnepoppen vergeblich gewarnt: Een dwaes en zijn gelt zijn haest ghescheijden („Ein Narr und sein Geld sind eilends geschieden.“). Reinecke hat jetzt endlich das Gryphius-Sonett nachgereicht, das der Meister selbst nie schrieb. Und einen originellen Kommentar zur aktuellen Finanzkrise gedichtet. / Peter Holland, de buurkamer

„Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ von Bertram Reinecke
roughbooks

105. Wolfgang Schlenker †

Soeben bei literaturwerkstatt berlin gefunden:

23.02.2012

Wir trauern um Wolfgang Schlenker

Wie wir erst jetzt erfuhren, ist der Dichter und Übersetzer Wolfgang Schlenker bereits im September 2011 in Müncheberg aus dem Leben geschieden. Wolfgang Schlenker wurde 1964 in Nürnberg geboren, verfasste Gedichte und übersetzte aus dem Englischen und Italienischen, u.a. Werke von Gesualdo Bufalino, Emily Dickinson, Silvia Plath und Anne Sexton. Zu seinen Werken gehören „Das verwaiste Land“ (Remppis Verlag 1993)  „Herr Heute“ (Ritter Verlag 1998) und „Nachtwächters Morgen“ (Urs Engeler Editor, 2000).
Er gewann den 1. open mike der Literaturwerkstatt Berlin (1993) und war u.a. mit dem Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin ausgezeichnet. Zuletzt engagierte sich Wolfgang Schlenker bei dem Schreibprojekt Kinderstraße e.V.

104. Wortschatz und Radius

Warum ist Eckard Sinzig nicht halb so berühmt wie andere Dichter, trotz viermal größerem Wortschatz und Themenradius, wirklichem Lebensdrama sowie Wunderkindstatus? Sieben Gedichte von E.S., mit einer Einleitung von Ulrich Holbein. in der eben erschienen Ausgabe karawa.net 003

103. Warum sollte man auch sonst Gedichte lesen?

Es ist eine Weile her, dass mich ein Gedichtband so herausgefordert hat wie Ames’ Alsohäute (was, um das Rätsel gleich aufzulösen, die phonetische Schreibweise von „Also heute“ ist – „also“ substantiviert: „mein Also“).

Thomas Klings geschmacksverstärker war auch so ein furioser Angriff gegen das Glatte. Glattheit als ästhetische Kategorie, bei Kling speziell bezogen auf das schlicht gestrickte 70er-Jahre-Gedicht, das er so verabscheut hat, seine brav gekämmte Optik.

Eines von Ames’ Gedichten heißt „leipziger langhaariges“, und das ist schon mal ein Statement. Doch anders als Kling, dessen frühe Punk-Attitüde auch etwas aggressiv Bleckendes, Bellendes haben konnte, kommt Ames eher als freundlicher Rocker daher, allein sein toller Übermut scheint aus derselben anarchischen Quelle zu schöpfen.

(…)

Ames’ Gedichte setzen dem Leser Widerstand entgegen, provozieren im ersten Moment vielleicht sogar Abwehr. Ames weiß darum: „Viele Leser […] lassen sich von Buchstaben auf Papier in die Irre führen. Erwarten Rührung, Erbauung und sind dann enttäuscht, wenn der Text etwas anderes tut. Was er soll.“

Er ist ein Formartist und schneller Wortspieler, wer mithalten will, muss zum geduldigen Verstehen bereit sein. Doch warum sollte man auch sonst Gedichte lesen, wenn nicht, um sich für eine Weile dem betäubenden Alltagslärm zu entziehen und sich in die hinhörende Begegnung mit dem Text zu versenken? Die Gedichte bauen jedenfalls auf Begegnung, und wer sich Zeit lässt, wird immer mehr in ihnen entdecken, seien es Anspielungen auf Ringelnatz, Goethe, Joyce oder die Bibel, Überkritzelungen geflügelter Worte („Banane ist hase, ich weiß von nutz“), Verballhornungen („Ideejoten“, „Poente“), fremdsprachige Einsprengsel, herrlich alberne Anleihen an Dialekt (Hessisch, Sächsisch) und Kindersprache („Augenkacki“), pseudosentenziöse Eigenzitate… oder neue Wortfelder, z. B. den Jargon der Graffiti-Sprayer im Gedicht „giraffe auf fotografien. eine ’tschuldigung“.

/ Meinolf Reul, textem.de

Konstantin Ames, Alsohäute. Gedichte. Herausgegeben von Urs Engeler.
roughbooks, Leipzig und Holderbank (Solothurn) 2010, 58 Seiten, 7,50 Euro. bestellen@roughbooks.ch

102. What Makes a Poem a Poem?

[youtube:http://youtu.be/auhINfzRcyY%5D

Charles Bernstein
What Makes a Poem a Poem?
60-Second Lecture, University of Pennsylvania
April 21, 2004
PennSound URL: http://writing.upenn.edu/pennsound/x/Bernstein-What_Makes_a_Poem.html

Heute:

Neue Übersetzungen amerikanischer Lyrik: J. Laughlin und C. Bernstein

Mittwoch, 22. Februar um 19:30 – Lettrétage – das Literaturhaus in Berlin Kreuzberg

Der zweite Teil des Abends ist dem amerikanischen Lyriker Charles Bernstein gewidmet. Bernstein, geboren 1950 in New York, wird der literarischen Avantgardebewegung, der sogenannten Language Poetry, zugeordnet. Bernsteins Arbeiten werden häufig durch ihre innovative Sprache als postmodern bezeichnet. Er selbst beschreibt seine Dichtung als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen. Bis dato veröffentlichte er mehr als 16 eigenständige Gedichtbände und drei Bücher mit Aufsätzen und Reden. Bernstein lehrte an verschiedenen Universitäten, wie der Columbia, der Brown University und in Princeton. Heute lehrt er an der University of Pennsylvania.

In der Lettrétage haben Interessierte nun die Gelegenheit, spannende Einblicke in die Übersetzungsarbeit zu gewinnen. Die Bernstein-Übersetzer Norbert Lange, Mathias Traxler, Tobias Amslinger und Léonce W. Lupette arbeiten derzeit an einer Übersetzung des Gedichtbandes All the Whiskey in Heaven / Selected Poems und präsentieren exklusiv ihre ersten Ergebnisse – direkt aus der Übersetzungswerkstatt!

101. Nicht bibelfest

Im viel zitierten »Hohelied der Liebe« heißt es: »Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.« (Bibelübersetzung Martin Luther, Neues Testament, Korinther 13). Wochenanzeiger München

Die Anfrage an den Sender Jerewan wird wie folgt beantwortet: Im Prinzip ja, aber erstens steht der Brief des Paulus an die Korinther nicht im Hohenlied des Alten, sondern im Neuen Testament der Bibel, zweitens gibt es deren zwei und das Zitat stammt aus dem ersten, Kapitel 13, und drittens hat Luther so übersetzt: „Und wenn ich weissagen künde /und wüste alle geheimnis / und alle erkenntnis / und hette allen glauben / also / das ich berge versetzte / und hette der liebe nicht / so were ich nichts.“ Aber schön ist es. [Und ich verstehe, warum Luther gegen alle Verfälscher der Schrift wütete, M.G.]

N.B. (vgl. Kommentare):

L&Poe entschuldigt sich für die offenbar mangelhafte theologische Bildung der Mitarbeiter vom Sender Jerewan, die durch 70 Jahre atheistischer Herrschaft entschuldigt sein mag. Und doch haben sie recht, was auch kein Wunder ist, weil die Armenier schon mehr als ein halbes Jahrtausend früher als die Germanen oder Slawen Christen waren. Denn weder die griechische noch ich bin sicher die armenische und gewiß nicht die Lutherbibel kennt die Bezeichnung Hoheslied oder Lied der Lieder für den Korintherbrief. Google dagegen findet sie leicht und verweist auf die deutsche Ausgabe von Wikipedia, in der es etwas ungenau heißt:

Das Hohelied der Liebe aus dem 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes (1 Kor 13,1-13 EU) des Paulus von Tarsus ist ein Hymnus an die Liebe, wobei die eigentliche Beschreibung der Liebe in 13,4-8a erfolgt, von „Die Liebe ist langmütig“ bis zu „Die Liebe vergeht niemals“ (dazu noch 13,13: „die Liebe ist die größte“).

Ungenau in mehrfacher Hinsicht. Die Formulierung „das Hohelied aus dem 13. Kapitel“ klingt oder tut, als gäbe es darin ein solches. Das ist natürlich nicht der Fall. Es ist der Abschnitt eines Apostelbriefs. Bis mir jemand Gegenzitate bringt, behaupte ich, daß weder Aristoteles noch Luther einen Brief oder den Teil eines Briefs „Hymnus“ nennen würden noch gar „Hoheslied“ oder „Lied der Lieder“. Das widerspricht dem in den Worten steckenden Gattungsbegriff. Man kann sagen: Passagen des Korintherbriefs sind in hymnischem Ton geschrieben. (Hier greift meine Übersetzungskritik an den Bearbeitungen der Lutherbibel. Luthers Fassung ist poetisch, hier: hymnisch, die modernisierte Fassung ist zu sachlich, bürokratisch. Poetischer find ich da die Fassung der Einheitsübersetzung, Auszug unten.)

„Hohelied der Liebe“ ist auch aus dem Blickwinkel der Übersetzung falsch. Das griechische Wort ist Agape, das deutsche „Liebe“ ist nur eine Bedeutungsvariante. In der englischen King-James-Bibel wird es mit „charity“ wiedergegeben. Der Text des Briefs definiert ja gerade „Liebe“ in einem weiten Sinne – im Wortsinn gewiß auf Glaubensinhalte zielend, aber das Schöne an der (Original-)Sprache (die Rache der Sprache) ist doch, daß man sich nicht festlegen muß. Der Wein bei Hafis ist immer auch Wein, was auch immer die Exegeten uns sagen. Und die Liebe bei Paulus ist immer Barmherzigkeit und und… und Erotik. Und deshalb ist das Hohelied der Bibel ein Hymnus auf die Liebe in jeder Hinsicht, was auch immer die Theologen sagen.

Und der Korintherbrief enthält hymnische Passagen, und der Zeitungsschreiber darf ihn ein Hoheslied der Liebe nennen (wiewohl mir die Bezeichnung doppeltgemoppelt klingt, weil die Liebe im Wort Hoheslied schon mitgedacht ist). Und auch der Prediger kann das sagen, wenn es in seine Predigt paßt. In einem Lexikon mit dem Anspruch der Wikipedia aber sollte man es nicht so sagen. Da könnte man sagen: „Man hat das 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs ein Hoheslied der Liebe genannt“ oder noch besser, man recherchiert erst, wer es (zuerst) so nannte.

Übrigens bestätigt sich hier wieder die Schwäche der deutschen Wikipedia gegen die englische. Klickt man nämlich von hier (Überschrift: „Hohelied der Liebe (1. Korinther 13)“) auf die englische Fassung, findet man die korrekte Überschrift: „1 Corinthians 13“. Dazu im Text eine ausführliche Erörterung des Begriffs agape und auch Genaueres über den historischen Kontext des Briefs. Dagegen fehlt die Benennung „song of songs“ (siehe auch hier).

Hier noch 1. Korinther aus der Einheitsübersetzung

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. /

Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

100. Lyrik bei Tag und Nacht

Tranzyt. Messeschwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse

Poetische Tage und Nächte warten auf Lyrikfans. Bei Tage stellt sich das „Internationale Poesiefestival Meridian Czernowitz“ in Leipzig vor. In mehreren Veranstaltungen lesen Lyrik-Stars und Newcomer. Am Nachmittag des ersten Messetages steht zeitgenössische Lyrik aus Polen, der Ukraine und Belarus auf dem Programm. Die Teilnehmer debattieren, was die neue lyrische Richtung in diesen drei Ländern auszeichnet. Die tranzyt-Nacht auf der Leipziger Theaterbühne Skala vereint Slam-Poetry und Musik aus Polen, der Ukraine und Belarus.

Spannend sind nicht nur die Literaturen aus den drei Ländern sondern auch die Literaturzeitschriften und -portale. In Leipzig stellen sich die Zeitschrift des Vereins translit e.V., die deutsch-polnisch-ukrainische Zeitschrift „RADAR“ und das Webportal literabel.de für belarussische Gegenwartsliteratur vor.

Vielfältige Literaturen – vielfältige Buchmärkte

„Polen, Belarus und die Ukraine stehen für unterschiedliche politische Systeme“, erläutert Oliver Zille. „Ebenso verschieden haben sich die Buchmärkte der einzelnen Länder entwickelt und so sind auch die statistischen Gegebenheiten zu unterschiedlich, um eine wirkliche Vergleichbarkeit der bekannten Daten und Fakten herzustellen.“

Polen verfügt über den größten Buchmarkt innerhalb des Programmschwerpunktes. Die gut 38 Millionen Einwohner sorgten 2010 für einen Umsatz von 736 Millionen Euro im Buchmarkt. Der Deutsche Buchexport nach Polen lag 2010 bei 19,79 Millionen Euro. Im Jahr 2009 wurden 24.380 Bücher veröffentlicht davon 13.430 Neuerscheinungen . 26 Prozent der publizierten Titel sind Übersetzungen. Die 200 größten Verlage verzeichneten 98 Prozent des Umsatzvolumens.

Polen verzeichnet insgesamt 3.000 Buchhandlungen und 31.100 Unternehmen im Verlagswesen. Zu den wichtigsten Vertriebswegen zählen der Buchhandel/Buchketten, Supermärkte/Warenhäuser, Direktverkauf/Buchklubs und das Internet . Polen gehört seit 1995 zur weltweiten Spitzengruppe der Lizenzkäufer deutscher Titel. Die Hälfte der Lizenzen entfallen auf Belletristik. Eine Studie aus dem Herbst 2012 der Arbeitsstelle für Leseforschung der Nationalbibliothek ergab, dass 46 Prozent der polnischen Bücherfans gern Übersetzungen fremdsprachiger Literatur lesen, darunter zahlreiche Neuübersetzungen deutscher Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Fallada, Remarque oder Rilke. Die Zahl der regelmäßigen Leser liegt stabil bei 12 Prozent der Bevölkerung. Besonders beliebt beim Publikum sind Thriller, Liebesromane und Reportagen. E-Books und E-Reader erfreuen sich vor allem bei jungen Polen großer Beliebtheit.

Belarus stellt mit 9,5 Millionen Einwohnern das bevölkerungsärmste Land des Programmschwerpunktes. 2010 erschienen 10.774 Titel mit einer Gesamtauflage von 42 Millionen Stück. Das Verlagswesen vereint 837 Unternehmen, von denen etwa 100 marktentscheidend sind.

Zwei Drittel der Bevölkerung bekennt sich zum Lesegenuss, während ein Drittel keine Bücher zur Hand nimmt. Weißrussisch ist die Amtssprache in Belarus. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung nutzt im Alltag das Russische. Der Mehrheit er Publikationen erscheint daher in dieser Sprache. Nur etwa ein Drittel wird auf Weißrussisch veröffentlicht. Immerhin 13,3 Prozent der Einwohner können nicht auf Weißrussisch lesen und 62 Prozent zeigen an weißrussischer Literatur nur wenig Interesse. Hoch im Kurs steht hingegen zeitgenössische, ausländische Literatur insbesondere russische.

In der Ukraine leben rund 45 Millionen Einwohner. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung beherrscht sowohl die ukrainische als auch die russische Sprache. Offizielle Amtssprache ist nach der Unabhängigkeit 1991 das Ukrainische. Die russische Kultur und Literatur beeinflusst aber weiterhin die Gesellschaft. So wird der ukrainische Buchmarkt stark mit russischer Belletristik versorgt. Andererseits steigt die Nachfrage nach Büchern in der ukrainischen Sprache. Den Buchmarkt teilen sich 350 Verlage. Im letzten Jahr gaben 60 Prozent dieser Unternehmen ein Umsatzwachstum an. Im Jahr 2010 betrug die Gesamtauflage an Büchern und Broschüren knapp 34 Millionen Stück, davon erschienen knapp 17 Millionen auf Ukrainisch und gut 15 Millionen auf Russisch.

54 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine lesen regelmäßig. Sie kauften zu 38 Prozent ukrainische und zu 60 Prozent russische Publikationen. Bücher auf Deutsch werden von 1,1 Prozent der Ukrainer erworben.

Insgesamt 2.780 Autoren und Mitwirkende in 2.600 Veranstaltungen kommen zu Europas größtem Lesefest „Leipzig liest“ nach Leipzig. Das komplette Programm ist online unter www.leipzig-liest.de verfügbar. Wer viel unterwegs ist, kann die mobile Programm-Version unter www.leipzig-liest.de/mobil erreichen.

99. Schillernd, vielfältig und reich: „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“

Neuer Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse

Prosa und Lyrik, Gesellschaftspolitik und Fußball, Diktatur und Demokratie – die Literaturszenen in Polen, der Ukraine und Belarus versprechen neue Namen, spannende Themen und bewegende Geschichten. Zur Leipziger Buchmesse präsentieren vom 15. bis 18. März junge Wilde und preisgekrönte Routiniers erstmals den Programmschwerpunkt „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“. „Mit ´tranzyt´ wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern den Blick auf diese weitgehend unbekannten Literatur-Landschaften schärfen“, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. „Gerade über literarische Texte, erhalten die Leser ein differenziertes Bild der verschiedenen Kulturen.“

Wie gehen Schriftsteller mit den historischen Ereignissen und den teils dramatischen, politischen Entwicklungen um? Welche Aufgaben kommen Autoren und Künstlern in der Diskussion über die Zivilgesellschaften gegen einen alles beherrschenden Staat zu? Wie können die Künstler als Kreative jenseits der jeweiligen Landespolitik wahrgenommen werden? Unterscheiden sich Prosa oder Lyrik aus diesen drei Ländern voneinander oder vom Rest der Welt?

In 20 Veranstaltungen des Programmschwerpunktes „tranzyt“ geben 32 Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus Antworten auf diese Fragen. Von den „tranzyt“-Gästen haben einige bereits auf Deutsch publiziert. Hierzu gehören Joanna Bator, Sylwia Chutnik, Piotr Siemion und Andrzej Stasiuk aus Polen sowie Swetlana Alexijewitsch und Alhierd Bacharewitsch aus Belarus. Deutsche Ausgaben gibt es zudem bereits von den ukrainischen Autoren Juri Andruchowytsch, Andrej Kurkow, Natalka Sniadanko, Oksana Zabuzhko und Serhij Zhadan.

Kurator des Programmschwerpunktes ist Martin Pollack, Experte für Geschichte und Literatur Mittel- und Osteuropas, Autor, Übersetzer und Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2011. „Brilliant, bedeutend und beeindruckend sind die literarischen Landschaften Polens, der Ukraine und Belarus“, verspricht Pollack. „Sie verdienen es, von einem großen Publikum entdeckt zu werden. Die teils bestürzenden politischen Entwicklungen sollten unsere Neugier auf neue Themen, Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Geschichte, Politik und Kultur noch erhöhen.“ „tranzyt“ ist ein Projekt der Leipziger Buchmesse, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Kooperation mit der Rinat Ahmetov Stiftung „Rozvytok Ukrajiny“, der Allianz Kulturstiftung, dem Lviver Verlegerforum und dem Polnischen Institut Berlin, Filiale Leipzig. Koordiniert wird das Programm von der Kulturmanagerin Kateryna Stetsevych.

Fußball und Politik – eine runde Sache?

Politik und Fußball sind vielfältig verknüpft – nicht nur in Polen und der Ukraine. Aber 2012 liegt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit ganz besonders auf den gastgebenden Ländern der Fußball-Europameisterschaft. Anlässlich der EM haben sich elf Autorinnen aus der Ukraine auf die Suche nach einem Fußball gemacht. Was dabei herausgekommen ist, erfahren die Zuschauer der Veranstaltung „Wodka für den Torwart“. Unter dem Titel „Freistoß. Fußball und Gesellschaft in Polen, der Ukraine und Belarus“ geht „tranzyt“ der Frage nach, wie sich der Fußball und das Turnier auf die politischen und kulturellen Entwicklungen dieser Länder auswirken.

LEIPZIGER BUCHMESSE
(15. bis 18. März 2012)