2. Verdikt

1951 meinte der Kulturphilosoph Theodor W. Adorno: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Das klingt endgültig, auch wenn er diese radikale These später relativiert hat.

Es muss wohl offen bleiben, ob er sein Verdikt auch auf solche Literatur bezog, in denen über Auschwitz etwas gesagt wird – etwa „Schwarze Milch der Frühe“ von Paul Celan, „Die Ermittlung“ von Peter Weiß; oder auch ein Gedicht von Rosa Ausländer mit der Fügung „unendliche Sonnenfinsternis“ als Metapher für das maßlose Leiden – von der Malerin Ursula Dolski in ihrem Einführungsvortrag im Wilnsdorfer Museum zitiert. / WAZ

1. Erich Fried Preis 2012 für Nico Bleutge

Der junge* deutsche Dichter Nico Bleutge erhält den mit 15.000 Euro dotierten Erich Fried Preis 2012 – so hat es in diesem Jahr der alleinige Juror, der Autor Lutz Seiler, bestimmt.

Die Preisverleihung findet am Sonntag, den 25. November 2012 im Literaturhaus Wien statt

Lutz Seiler in seiner Jurybegründung:

Bleutges Gedichte befreien die Natur im Gedicht von den üblichen metaphorischen Rahmungen; mit einem sanften, fein rhythmisierten Sprechen, das sich vom Schauen und Hören leiten lässt, erreicht er eine besondere, vollkommen eigene Bildqualität. Ich sehe in Bleutges Werk einen vielversprechenden Ansatz für die Erneuerung des sogenannten Naturgedichts; allerdings ist der Begriff ohnehin unbrauchbar, also besser: für die Erneuerung von Natur-Wahrnehmung in der Sprache des Gedichts.

Seine Gedichte öffnen dem Leser die Sinne, sie lassen ihn teilnehmen am Schauen und Lauschen. Zarte Konturen.

Man könnte sagen: Bei Bleutge geht es um Sprach- und Wahrnehmungszustände vor der Natur, in denen das Gedicht – das ist die Utopie, die diesem Schreiben innewohnt – einen authentischen, also von Vorurteilen und Wertkontexten freien Ausgang nehmen möchte.

Was mich an Bleutge überzeugt: Dass ich den (angenehmen) Eindruck habe, sein Text sei nicht vorrangig dem Willen zum Gedicht gefolgt, sondern nur sich selbst, das heißt dem Schauen und der es begleitenden oder anführenden Sprachschau. Die dieser Sprachschau innewohnende Diktion tendiert zur Prosa, was ich als Teil eines umfassenderen Bemühens verstehe, alles Avancierte und Ambitionierte, das die lyrische Gattung selbst schon mitzubringen scheint, zu vermeiden.

Seine Gedichte sind bis ins Detail ausgearbeitet, feinstes Gewebe.**

/ Mehr

*) wie lange gilt man als junger Dichter? Bis 50 vielleicht – da hat er noch 10 Jahre Zeit.

**) Die Sprache, mit der Gedichte belobt werden, hat oft etwas Auratisches. Einschüchterndes. Nicht beim Kritiker Bleutge, übrigens. Bei seinem Lobredner aber schon. So hält man den uneingeweihten Leser auf Distanz, Dilthey, Staiger hättens nicht besser gekonnt: „Seine Gedichte öffnen dem Leser die Sinne, sie lassen ihn teilnehmen am Schauen und Lauschen. Zarte Konturen.“  Im Unterschied zu anderen Autoren sind sie authentisch – „also von Vorurteilen und Wertkontexten frei“. Die Surrealisten machten das mit Schlafentzug oder Drogen, wie machts der Herr vom Huchelhaus? Immerhin übt er subtil Selbstkritik, wenn man das richtig heraushört. Was man bei dieser Sprache nie wissen kann.

Link: Seiler über Bleutge

118. Paradoxon der Übersetzung

Die Lebendigkeit und Präzision, die ich mit dem Bild auf dem Umschlag assoziiere, findet sich in allen Gedichten wieder; mit Miron Białoszewski hat der Verlag nach Aloysius Bertrand und Georg Hoprich erneut einen Autor der Vergessenheit entrissen, der nie hätte in Vergessenheit geraten dürfen; und die Übersetzung ist ganz wunderbar. Wenn ich dieses Urteil auch nicht auf Kenntnis der polnischen Sprache gründen kann (die ich leider nicht einmal auf Touristenniveau beherrsche), so kann ich doch beobachten, dass in den Gedichten nirgends ein falscher Ton zu finden ist, keine klapprige Unbeholfenheit, kein gestreckter oder gestauchter Vers, wie es oft in Übersetzungen vorkommt, vielleicht in manchen Übersetzungen mit mehr dokumentarischer Absicht vorkommen muss. Kraus übersetzt, als habe sie genau dieses Gedicht eben selbst schreiben wollen. Mehr mehr, schreit der Leser und wünscht sich zugleich, er könnte die Gedichte auch im Original lesen (Notiz an mich selbst: untersuche dieses Paradoxon der Übersetzung, dass, je besser die Übersetzung auf eigenen Füßen stehen kann, desto stärker der Leser sich wünscht, auch den Originaltext zu verstehen). / Dirk Uwe Hansen, lyrikkritik.de

Miron Białoszewski „Wir Seesterne“. Gedichte, polnisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus, Verlag Reinecke & Voß:

117. Fragil labial

Ähnlich wie das „O“ und das „I“, das Runde und das Gestreckte, in den „Honigprotokollen“ aufeinandertreffen, die runde Vollständigkeit allein aber der „Hohn“ ist, wandert Rinck virtuos durch das „Weltinnenall des Binnenreims“, bis hin zu Rilke. Häufig erinnert die Lautstruktur an gleichsam umarmende Binnenreime, eine in dieser Art innerhalb prosanaher, dezent rhythmisierter Langzeilen überraschend neu wirkende Technik. Besonders gut zu verfolgen ist sie in „Stroh“, das auch eine Art immanenter Poetik enthält, insofern der „Versuch, doch zu begreifen“ einem Griff in den Nebel gleicht, bei dem man „auf der anderen Seite“ des fragilen, labi(a)len Zwischenraums wieder herauskommt, der die nie gelingende Vereinigung mehr umspielt als repräsentiert: „Nun, du hast keine Worte, aber willst, / wofür du keine Worte hast, besitzen.“

Da die Episoden und Reflexionen aufeinander aufbauen, scheint es geraten, den Band in protokollarischer Ordnung von vorn nach hinten zu lesen – und sich darauf zu freuen, wie Monika Rinck selbst ihn vorträgt: als Dichterin von oraler Poesie im besten Sinn, von scheinbar schlichten Liedtexten ebenso wie von komplexer, sprachreflexiver Poesie. / MARTIN MAURACH, FAZ 19.5. Mehr

Monika Rinck: „Honigprotokolle“. Gedichte.
kookbooks Verlag, Berlin 2012. 80 S., br., 19,90 [Euro].

116. Sie könnens nicht

Der Standard kanns, die FAS kanns, die taz kanns, ja sogar die Lyrikzeitung kann es – die „Welt“ kanns nicht. Oder finden Sie das witzig?

115. Lenaupreis an zwei Lyriker

Therese Chromik, Lyrikerin und von 2000 bis 2007 Direktorin der Theodor-Storm-Schule, ist im baden-württembergischen Esslingen abermals mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden. Gemeinsam mit dem Tübinger Lyriker Karl Corino erhielt die Wahl-Kielerin den Nikolaus-Lenau-Preis 2012. Vergeben wird die renommierte Auszeichnung von der Stadt Esslingen und der Künstlergilde. / Husumer Nachrichten

114. Pfingst-Posse

Was zeigt die kleine Pfingst-Posse? Im Netz verbreiten sich Fehlinterpretationen rasend schnell, wie mal wieder zu beweisen war. Sie klären sich dann aber auch recht schnell wieder auf – zahlreiche Twitter-Nutzer hatten das Stück dann doch als Satire erkannt. Und: Grass-Werkstücke haben seit seinem Israel-Gedicht an Gravitas eingebüßt. Selbst seine Originale gehen als Satire durch. Und wer letztlich deren Urheber ist, spielt fast keine Rolle mehr. / meedia.de

113. Fräuleinwunder

Sind „die Täler gefüllt mit Dorffesten“, wird „der Teich am Schilf gepackt“ und „das Altlaub in den Bäumen vergessen“ – dann hat man es mit Bildern aus Gedichten von Nora Bossong zu tun. Für ihren jüngsten Band „Sommer vor den Mauern“ wurde sie soeben mit einer der für Lyriker bedeutsamsten Auszeichnungen, dem Peter-Huchel-Preis, geadelt.

Zum Abschluss des Festivals „LiteraPur 12“ stellte sie den Band am Freitag in Eichstätt in einer Lesung im Kapuziner-Bau der Uni vor.

Das Literatur-Festival, maßgeblich von Michael Kleinherne und Christopher Knoll, beschäftigt am Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur, organisiert, bot eine Woche lang eine Art „literarisches Fräuleinwunder“ der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Bossong bildete den Abschluss und Höhepunkt einer Reihe, die auch Lesungen der Autorinnen Stefanie Sourlier, Donata Rigg und Franziska Gerstenberg und einen Poetry Slam mit Pauline Füg umfasst hatte. / Donaukurier

112. Tristan

Alexander Rudolph ist Simian Keiser ist Tristan Marquardt. Drei Namen, zwei Pseudonyme. Der 24-Jährige Alexander schreibt gerade seine Doktorarbeit, nebenbei legt er als Simian Platten auf, schreibt als Tristan einen Lyrikband und versucht in München einen Platz für junge Schreibende zu schaffen.

Drei Namen. Es sind drei Namen, die sich hinter Alexander Rudolph verbergen. Unter diesem, seinem richtigen Namen begegnet man ihm in München an der Universität, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter Geld verdient und seine Doktorarbeit schreibt. Ist er Tristan Marquardt, findet man ihn in Berlin auf Lyriklesungen, verwendet er sein
Pseudonym Simian Keiser, legt er in Zürich oder Berlin auf Partys auf. Trifft man ebendiesen jungen Mann in einem kleinen Café in der Nähe der Münchner Universität, ist schnell klar, über welchen dieser drei Bereiche er sprechen möchte: die Lyrik. Und damit steht auch der Name fest, mit dem er angesprochen wird: Tristan Marquardt.

Es ist ein Pseudonym, das sich der 24-jährige Lyriker vor zwei Jahren gegeben hat, der in seiner Berliner Studienzeit den Lyrikkreis G 13 mitgründete und der bereits beim Internationalen Poesiefestival in Berlin lesen durfte. Mittlerweile ist er in München angekommen, arbeitet hier an seinem ersten eigenen Lyrikband und organisiert nun auch in seiner neuen Heimat eine Lesereihe für Lyriker. Im Einstein Kulturzentrum soll sie in diesem Sommer beginnen und München damit einen Ort geben, wo junge Lyriker zusammentreffen. / Marie Schoeß, Süddeutsche

111. Gedichtschwemme

Soviel (Gegenwarts-)Lyrik war nie bei den 99,977 % des Publikums, deren Lyrikkonsum mit Schulschluß aufhörte. Da ist schon wieder eins. Die taz bringt heute ein Grassgedicht zum Thema Urheberrecht. Als Ghostwriter fungierte der Berliner „Heimatdichter“ (taz) Uli Hannemann, und macht er seine Sache schlecht? Nein!

Er stellt sich in die europäische Tradition aufgeklärter Streitbarkeit, die von den großen Griechen über die Humanisten der Renaissance bis hin zum Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner reicht. Gerade mit Letzterem verbindet Grass – inzwischen oft als „intellektueller Wagner“ gehandelt – das altersweise Intervenieren in die Zeitläufte. Die publizistische Frequenz trennt sie. Noch.

Ein wöchentlicher ARD-Talk mit Thilo Sarrazin, Arbeitstitel „Schnauzer der Woche“, ist geplant, weitere Poeme ebenso. Das zum Urheberrecht hat die taz veröffentlicht, nächste Themen: Schlecker, Eurovision Song Contest, Syrien. (das)

Auszug aus dem Gedicht:

Schlecht denkt, doch um so besser dünkt sich’s voller Drogen, den Blinker aufgeblendet auf der Datenautobahn:

Der Diebstahl unsrer Seele, unsres Weltenplans, der Diebstahl eines Gutes, das selbst uns nicht gehöre.

Dem Künstler neidig wie ein Jude, der saubere Christenmenschen sieht, so will er ihn zerstören.

Törichtei und Frevelmut in einer Welt voll leeren Komputergebrumms gebiert Kopie, Betrug, Betrugskopie.

Hinein das Poem in den Komputerkasten und tausendfach hinaus, Gorgonenhaupt, ich weiß nicht, wie das geht.

Das edle Dichterwort, geschändet von einer grölenden Meute Kartoffelchips nagender Hornbrillenträger.

Liegt wehrlos, nackt im Staub und wartet bange auf den nächsten Rotarmisten einer Fälschergeneration.

Manch mutiger Mann, Sven Regener, Charlotte Roche und Manuel Andrack, trat dem Pack entgegen.

Sprach „Halt“, „So nicht“ und „Nehmt uns nicht noch unser Geld, sonst leiden unsre Kinder Hunger!“

110. Gedichtroman

Das ganze Buch ist in Versen verfasst, es handelt sich tatsächlich um den Gedichtroman, den der Untertitel verspricht. So gut wie interpunktionslos dichtet sich Perros durch seine bisherige Vita – gerade einmal 41 Jahre alt war er, als er 1964 diese seine Memoiren verfasste. Die nimmt ihren Auftakt sogleich mit einem Scherz, aus dem sich schnell eine Programmatik herauskristallisiert: „Man sagte mir ich sei geboren / aber in so einem komischen Ton / (…) / kurz ich erwarte Bestätigung / dieses verdächtigen Ereignisses“. Die eigene Existenz als Gerücht, das sich noch bestätigen muss also; die nur sprachlich verbrieft ist und über die sich Perros nur mit poetischen Mitteln Gewissheit zu verschaffen meinte. In diesen Memoiren erhält die Sprache eine existenzielle Dimension von immenser Eindringlichkeit: „Ich schreibe dies alles als würde ich / morgen sterben und als schlüge die / Stunde niemanden mehr zu sehen“, heißt es an anderer Stelle, ein paar Verse darunter: „Nichts wir sind nichts als Glücksfälle / um zu benennen was niemals einen / Namen hätte haben sollen“. / Kristoffer Cornils, fixpoetry

Georges Perros: Luftschnappen war sein Beruf. Gedichtroman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Anne Weber. Matthes & Seitz Berlin 2012. 190 S. 22,90€.

109. Misik exklusiv auch in Günter-Grass-Versen

Und in Erwägung, dass wir politisch in der See der Belanglosigkeit treiben
Wie einst Odysseus im Mittleren Meer
Ist die Frage tatsächlich berechtigt ob nicht die Sprache der Alten
In unsere Debatten brächte Kultur

Der Dichter Grass jedenfalls Ihn wollen wir preisen
Für seine kommentierende Kunst
Ab nun soll erscheinen kein Kommentar ohne Verse
Keine Glosse ohne metrisches Maß

Mehr davon bei:

VIDEOCAST VON ROBERT MISIK – FOLGE 235

Der ruchlose Martin Graf auf Besuch bei einer alten Dame
Der Standard 28. Mai 2012, 21:11

Ein Schurkenstück – jetzt exklusiv auch in Günter-Grass-Versen!

(Video bis zum Ende anschauen!)

108. Gedankenfreiheit

Im FAZ-Blog erzählt Marina Weisband die kuriose Geschichte des Liedes „Die Gedanken sind frei“

107. Stolterfoht, der Listige

Der Lyrikvortrag als Leistungsschau, oder anders: Die Lyrik als Betrieb ist das Thema von Stolterfohts „Radioessay“, wie der produzierende Südwestrundfunk das Stück keck klassifiziert.

Stolterfoht, der Listige, nimmt die sportive Komponente des „Schauwettbewerb[s]“ beim Wort und prägt seinem „fiktiven Feature“ (Verlag) konsequent das Vokabular des Pferdesports, genauer: des Derby ein. „Stallwette“, „Distanz“, „Kommando“, „Zucht“, „Rekord“ – alles „ist am Start!“, um den Lyrikbetrieb karikierend kenntlich zu machen. Bereits der Titel, Anspielung auf das Deutsche Reiterabzeichen, deutet die rennpferdliche Sicht an, die die drei Sprecher einnehmen und mit einiger, launig daherkommender Maliziosität beibehalten.

Stolterfoht geizt nicht mit Sottisen („Am Hindernis ,Widmungsgedicht‘ scheute der Text ,Für Oskar Loerke’ und begrub seinen Verfasser unter sich“) und verteilt genüsslich leichte Schocks. „Der Decktext ,Militär’ im Deutschen Literaturarchiv Marbach“… – Seitenhieb vielleicht auf dessen Architektur, die anderen Vorbildern zu huldigen scheint als der Bonner Kanzlerbungalow?  …

Der „Lehrling“ muss mit der „Jurybeschaffenheit“ vertraut sein – ist es eine „tiefe“, ist es eine „glasharte“ Jury? Exkurse zu den Themen: „Kleines Lesungs- oder Wettbewerbsglossar“, „Lyrische Typen – zur Einführung“, „Ein Tag bei den Texten“, „Die Vielseitigkeitsdichtung“ (in Analogie zum Vielseitigkeitsreiten) bringen Aufklärung über alles, was der angehende Dichter wissen muss. Aber es ist alles gefakt, oder fast: Unter der Maskerade ist das Gemeinte gut zu erkennen. Das Gemeinte und die Gemeinten. / Meinolf Reul, Textem

Ulf Stolterfoht, Das deutsche Dichterabzeichen. Hörspiel. 56 Seiten, broschiert. Reinecke & Voß, Leipzig 2012. 8,00 Euro

Der Verlag Reinecke & Voß in Leipzig, bei dem Das deutsche Dichterabzeichen erschienen ist, wurde 2009 gegründet. Autorennamen wie Miron Bialoszewski ( http://reinecke-voss.de/cms/biaoloszewski.html ), Alexej Krutschonych ( http://reinecke-voss.de/cms/krutschonych.html ), Georg Hoprich ( http://reinecke-voss.de/cms/hoprich.html ) und Aloysius Bertrand, Verfasser des von Ravel in Musik gesetzten Gaspard de la Nuit ( http://reinecke-voss.de/cms/bertrand.html ) belegen das Interesse des Verlegers an der Geschichte der europäischen Moderne, die durch die Hintertür auch im vorliegenden Buch präsent ist. Hinter Wladimir und Velimir, „Stammväter“ des Lyrischen Typs „Wladimirer oder Windältester“, verbergen sich keine anderen als Wladimir Majakowskij und Welimir Chlebnikov. 

106. Auch leise Sensationen

Wer sicher ist in der Welt, schreibt keine Lyrik. Doch für die Wünschelrutengänger nach Wirklichkeit kann der Vers Intensität, also Sinn, also Erdung, bedeuten. Auf einmal schiesst eine banale Aussenwahrnehmung zusammen mit einer Empfindung: Irritation, Staunen, Erschrecken oder Einbruch von Schönheit, Glück. Solche Vorgänge sind, das wissen mit den alten Mystikern die modernen Poeten, äusserst flüchtige, ja blitzartige Erscheinungen und grenzen als Epiphanien an religiöse Erfahrung. …

Viele der Gedichte Sielaffs sind Zurufe an Kollegen (Robert Creeley, William C. Williams, Ezra Pound); wie Pinselstriche oder Überschreibungen evozieren Verse eine Leinwand Gauguins, eine Fotografie Ciurlionis, ein Feuerwerk von Cai Guo-Qiang.

Auch leise Sensationen sind sagbar. Volker Sielaffs Sprache bewahrt Augenblicksempfindungen, die ohne sie verloren gingen, nicht teilbar, nicht «real» wären. So führt eine Galerie der Tiere zur schönen Wirklichkeit der Eule («gleich einer Fellmütze über den Stamm gestülpt»), zum Kranich, diesem «Emblem im Flug», oder zu des Mauerseglers «Reuiger Herzschrift am Himmel». Wo, wenn nicht im Vers, erführen wir von den sich balgenden Füchsen und ihrer fremden Nähe: «Ein Beben vom See her // warf Sandkuhlen auf, verebbte / im Keuchatem ihrer Schnauzen lautlos / waren sie gekommen lautlos / stahlen sie sich wieder davon»? / Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung 26.5.

Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg. Gedichte. Christian-Lux-Verlag, Wiesbaden 2012. 102 S., Fr. 26.50.