83. Lesung mit Live-Illustration: „Erinnerungen an Kupfercreme“

Drei junge Lyriker – Johannes CS Frank, Max Czollek und Asmus Trautsch – beschäftigen sich in ihren Gedichten mit Phantasmen, Widersprüchen und verlorenen Spuren in der deutsch-jüdischen Geschichte, mit jiddischen Schriftstellern, religiösen Erlebniswelten, mit dem Lebensalltag in Israel und mit dem Klang der hebräischen Sprache.

Die aktuellen Gedichtbände Erinnerungen an Kupfercreme von Johannes CS Frank, illustriert von Felix Scheinberger, und Druckkammern von Max Czollek vollziehen, anders als Grass‘ Urteilslyrik, eine differenzierte Bewegung durch deutsch-jüdische Erfahrungswelten in Europa und im Nahen Osten.

Moderiert von Asmus Trautsch, lesen die Autoren aus ihren Büchern und diskutieren mit dem Publikum über ihre Lyrik, die Debatte um Grass‘ Gedicht, aktuelle Beispiele einer romantisierenden ‚Shoa-Gedenkpoesie‘ (Gomringer) und über die von der Literatur nicht zu lösenden Probleme in Israel. Felix Scheinberger begleitet die Buchvorstellungen mit Live-Illustrationen.

Sonntag 3.6.
Beginn: 20:00
Veranstalter: Jüdische Gemeinde zu Berlin
Ort: Großer Saal, Oranienburger Str.
Kosten: 8,- € / erm. 5,- €

Veranstalter Jüdische Gemeinde zu Berlin in Kooperation mit dem FIXPOETRY.Verlag.

82. Modern und radikal

SPIEGEL ONLINE: Herr Greenblatt, Ihr Buch beschreibt die radikale Weltsicht des antiken römischen Dichters Lukrez, der im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung viele moderne Gedanken formulierte: Die Welt besteht aus Atomen, es gibt kein Leben nach dem Tod, falls es Götter gibt, wären ihnen die Menschen egal. Gab es so etwas wie eine antike Aufklärung?

Greenblatt: Lukrez ist einerseits sehr modern, aber sein Gedicht „Über die Natur“ hat vor allem eine unglaubliche Kraft und Schönheit, deshalb ist es noch heute aktuell. In den ersten Versen besingt er zum Beispiel trotz seines atheistischen Weltbilds die Göttin Venus. Aber das ist wohl eher eine Metapher für das Erotische, für die Triebe, die der Mensch mit den anderen Tieren teilt, für die Fortpflanzung und das Leben an sich. / Spiegel

81. Gedicht mit Musik

Der dänische Sänger Bo Skovhus spricht über Oper und über deutsche Lieder. Die singt er lieber als dänische. Über das Lied sagt er:

„Die Leute haben die Gabe des schlichten Zuhörens verloren. Dabei gibt es so viele wunderbare Gedichte, die vertont sind. Ich bin ein großer Fan von Schubert, immer wieder komme ich auf ihn zurück.“

Vermutlich sei es ein Fehler gewesen, den Liedgesang mit dem Etikett Hochkultur zu versehen. „Es ist nur ein Gedicht mit Musik. Ich erzähle eine Geschichte.“ / Rheinische Post

80. Cowboy- und 9/11 Truth Poets

Beim Festival der Worte gibts am 30.5. ein Performers Café, in dem einige der bekanntesten Dichter der kanadischen Stadt Moose Jaw auftreten werden.

Die Mitchell Boys, ein reimendes Duo aus den beiden Cowboypoeten Ken und Slim Mitchell, tragen ihre Spielart südsaskatschewanischer Lyrik vor. Der lokale Folksänger Norm Walker wird u.a. das Lied “Magic: A 9/11 Truth Movement Song” zu Gehör bringen. / Aaron Stuckel, Moose Jaw Times Herald 22.5.

79. Pochend

Lyrik ist so eine Sache: sie verschwindet aus der Welt, ein seltener Gast, der nicht mehr eingeladen wird, zu geselligen Treff’s, zu Plauderstunden. Allenfalls in Liebesbriefen findet sich zaghaft Gereimtes: oft, um ein schüchtern Herz in Schwingungen zu versetzen, in pochendes Bangen und sehnsuchtsvolles Hoffen. / Niederlausitz aktuell

78. Fünf in Venedig

Jack Hirschman (USA), John Unrau (Kanada), John Akpata (Kanada), Jacques Roubaud (Frankreich) und Thomas Kunst (Deutschland) bei einer Veranstaltung in Venedig am 5.3. 2011

77. Verstörend

Die schönste Entdeckung war für mich Hoprichs wundersame Fähigkeit, uns mit Brüchen in seinen Gedichten aus einer gerade eingenommenen bequemen Lesehaltung wieder aufzuschrecken. Immer wieder lockt er mit Geläufigem: „Nimmst du mich, so wie ich bin“, ja sogar „Der Mond ist aufgegangen“ und „Komm, lieber Mai, und mache“; manche Gedichte (wie „Ende“) schlagen einen ganz Eichendorffsch-volksliedhaften Ton an. Aber dann zieht uns der Dichter den Boden unter den Füßen weg. Immer wieder tauchen im vermeintlich Glatten (denn Hoprich beherrscht die Form und belesen ist er auch) verstörende Bilder auf: „Komm, lieber Mai, und mache / Dich aus dem Staub!“, „Alles ist müd und fern / Mich unterschlägt mein Stern“, „Es wuchern die Läuse / Im Sonnenschein“, „Im Garten der Apfelbaum / … / Verborgen im Wahnsinn des Eden-Ödem“, „Stille Nacht, heilige Nacht! / Bangende vor den Innenräumen / … / Es könnte sein, dass man nicht mehr erwacht“. Das liest man nicht bequem in den Sessel gefläzt. Hoprichs Verse liest man mit gespannter Aufmerksamkeit. / Dirk Uwe Hansen, fixpoetry

Georg Hoprich: Bäuchlings legt sich der Himmel, Gedichte//ca. 100 Seiten, ca. 10 Euro, ISBN 978-3-942901-00-0//Reinecke und Voß, Leipzig 2011

76. Europa anagrammiert

Kein Zweifel: «Europa anagrammiert / an Ego-Primärtrauma.» / Thomas Brunnschweiler, Neue Zürcher Zeitung 19.4.

Etienne Klein / Jacques Perry-Salkow: Anagrammes renversantes ou Le sens caché du monde. Flammarion, Paris 2011. 112 S. Petra Nagenkögel: Anagramme. da die bäume, die sprache, ein schlaf. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2012. 87 S., Fr. 27.50. Anna Isenschmid: Vier Seidenjahre Zeit. Anagramme. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2010. Unpaginiert, mit CD, Fr. 28.–. Die Anagramm-Sprechoper «Vier Seidenjahre Zeit» wird im Rahmen der Ausstellung «Jo Achermann, Die Quadratur des Blicks» in der Turbinenhalle in Giswil aufgeführt. 

75. Islands Atomdichter

Als nach dem Zweiten Weltkrieg Island in den Sog der amerikanischen Zivilisation und Moderne geriet und junge Autoren in der Folge die überlieferten Normen des Gedichts verabschiedeten und erst noch philosophisch wurden, stand die Insel unter Schock. Der Bauernführer Jónas frá Hriflu verurteilte ungebundene Dichtung ebenso als Zeichen des Niedergangs der Nation, wie der Literaturprofessor Sigurdur Nordal es tat. …

Der Widerstand, auf den die Atomdichtung traf, erinnert den Schriftsteller Andri Snaer Magnason an die Reaktion der Gesellschaft auf das erste Comingout von Homosexuellen in den achtziger Jahren. In seinem klugen Essay berichtet er überdies, wie er 1995 als 22-Jähriger seinen ersten Gedichtband veröffentlichte und von einem alten Mann zur Rede gestellt wurde, der sich masslos darüber aufregte, dass die Gedichte sich nicht reimten. Der Leser deklamierte Strophen aus allen Jahrhunderten und rief: «Das sind Gedichte!» Um den Zorn des Mannes zu begreifen, hörte sich Magnason alte Tonbänder an – Seeleute, die eigene Strophen zum Besten gaben, Bauern, die endlose Balladen rezitierten, wie es schon ihre 1750 geborenen Grossväter getan hatten, alte Frauen, die mit brüchiger Stimme Vierzeiler in jenem Versmass vortrugen, das in der Nation jahrhundertelang verankert war. Gedichte vermittelten Neuigkeiten und vertrieben Gespenster, sie waren überlebenswichtig. Die Atomdichter wagten in einer Zeit des Umbruchs einen Innovationssprung, den wenige verstanden, obwohl viele an Gedichten interessiert waren. / Aldo Keel, Neue Zürcher Zeitung 12.5.

Bei betagten Schiffen / Islands «Atomdichter». Die Horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. 56. Jg., Band 2, Ausgabe 242. Zusammengestellt von Eysteinn Thorvaldsson und Wolfgang Schiffer. 418 S.

74. Geheimnis

Aus welchen Ingredienzien nur mag das Geheimnis des iranischen Kinos gemischt worden sein? Eine seiner faszinierendsten Komponenten, deren Wurzeln wohl in der spezifischen Poetik der persischen Lyrik liegen, mag sicher darin bestehen, dass dem iranischen Filmschaffen seit Jahrzehnten gelingt, wovon das Schweizer Kino seit Epochen träumt: dass es mit wenigen finanziellen und künstlerischen Mitteln die ganze Welt einzufangen vermag, dass es in einer schlichten Bildsprache, die nur auf den ersten Blick an einen bestimmten kulturellen Kontext gebunden ist, viel eindringlicher von der «condition humaine» zu erzählen vermag als jeder Aufsatz eines Kierkegaard oder Sloterdijk. / NZZ 15.5.

73. Scherzo

Ein Wort aus der vorigen Meldung spült ein Scherzo aus der Vergangenheit hoch. Geschrieben nach arg verspäteter Lektüre der 1956er „Geheimrede“ Nikita Chrustschows in einer ins Land geschmuggelten französischen Ausgabe (auf Ostdeutsch erschien sie dann im Januar 1990):

wenn die feinde des volks
feinde des volks
feinde des volks
nennen aber wenn

sie sie erschießen
lassen die feinde
des volks die feinde
des volks aber wenn

all das geschah und
wenn, das volk
erfährts von den
feinden des volks

72. Volksfeindliche Musik

Die sowjetischen Kulturfunktionäre in Moskau, der Doktrin des „Sozialistischen Realismus“ folgend, verschmähten seine Musik und bezeichneten sie als „westlichen Formalismus“ und „volksfeindlich“. Aus dem sowjetischen Komponistenverband ausgeschlossen, musste der gescheiterte Komponist fortan vom Instrumentieren von Filmmusiken und privater Unterrichtstätigkeit leben. Herschkowitz lehrte in seiner Moskauer Wohnung namhafte sowjetische Komponisten wie Alfred Schnittke, Boris Tischtschenko und Sofia Gubaidulina die Zwölftontechnik Schönbergs und trug dabei entscheidend zur Verbreitung dieser, in der Sowjetunion verbotenen Musik bei.

Die einzige Aufführung seiner Kompositionen im Moskauer Exil fand 1960 statt und präsentierte zwei Liederzyklen nach Gedichten von Paul Celan und Ion Barbu. Stark an dem Gehalt der Gedichte orientiert, ist die Klavierbegleitung in diesen Liedern kein gewohnt fließendes Akkordband, sondern es ertönen punktuelle Klangereignisse, die auf Augenhöhe mit dem Ausdruck des Gesangs stehen.

Die Bandbreite der angewandten vokalen Techniken erstreckt sich vom Flüstern über den Schönbergschen Sprechgesang bis zu nahezu ariosen Passagen. Zu den expressionistischen Gedichten Paul Celans passt die Ästhetik Herschkowitz’ glänzend. Vielleicht weil sich ihre Biografien in vielem ähneln.

Doch bei der Liedvertonung des romantischen Liebesgedichts von Heinrich Heine „Wie des Mondes Abbild zittert“ wirken die Klänge im Gegensatz zur verliebt-schwärmerischen Poesie erschreckend kalt. Kaum eine Konsonanz ist in dem Zusammenspiel von Klavier und Gesang zu hören. Sind es nur unsere ungeübten Ohren, die sich nach ein paar Wohlklängen sehnen, oder hat der Komponist bewusst auf die Ästhetik des Schönen verzichtet? Ganz im Sinne Adornos, der meinte: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Auf die Musik bezogen, hätte Adorno auch gut sagen können: „Nach Auschwitz noch eine Konsonanz zu komponieren, ist barbarisch.“ Vielleicht war der tragischen Figur des Herschkowitz nicht nach Melodien zum Mitpfeifen und Harmonien zum wohligen Einschlummern. …

Seine Frau kümmerte sich nach seinem Ableben um die Herausgabe seiner musiktheoretischen Schriften. Die Musik Herschkowitz´ aber ist bis heute nicht verlegt worden. / Margarete Buch, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien 19.5.

Vgl. auch hier: Dmitri Schostakowitsch und die sowjetische Musik der 1920er Jahre, NZZ 19.5.

71. Literarischer März 2013

Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise

22. und 23.03.2013 in der Centralstation Darmstadt

Bewerbungsschluss ist der 15. September 2012

Wie in jedem zweiten Jahr, schreibt die Stadt Darmstadt für das Jahr 2013 den Leonce-und-Lena-Preis in Höhe von 8.000,00 EUR und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise in Höhe von insgesamt 8.000,00 EUR für deutschsprachige Lyrik aus. 2013 findet der Literarische März zum 18. Mal statt.

Teilnahmeberechtigung und Bewerbungsmodalitäten

Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht vor 1977 geboren sind.

Es können bis zu 12 Gedichte eingereicht werden.

Die eingereichten Gedichte dürfen zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht in Buchform in einem Verlag erschienen sein.

Die Rechte an den Texten liegen ausschließlich bei den Verfassern.

Es bleibt den Bewerbern überlassen, ob sie auf den einzelnen Gedichten ihren Namen vermerken.

Das Lektorat entscheidet unter Ausschluss des Rechtsweges darüber, welche Autorinnen und Autoren zum Wettbewerb eingeladen werden. Die ausgewählten Autorinnen und Autoren erhalten bis Ende 2012 eine Einladung.

Lektorat

Fritz Deppert, Christian Döring, Hanne F. Juritz

Jury

Sibylle Cramer, Ulrike Draesner, Kurt Drawert, Jan Koneffke, Joachim Sartorius

Mehr

70. Benn kommt

BENN KOMMT
(100 Jahre „Morgue“)

Von Axel Kutsch

Seht, da kommt
Herr Benn geschritten
durch die dunkle Nacht.
Kleine Aster, junge Ratten
hat er mitgebracht.

Ach, Herr Benn,
wir folgen gerne
dir an dunklen Ort.
Treiben da zu deinen Füßen
kleinen Rasensport.

69. Kino für die Ohren

In einer inszenierten, mehrstimmigen Literatur-Performance stellen Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior und Ellen Widmaier am Donnerstag, 24. Mai 2012, neue Gedichte auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg vor. Sie präsentieren damit die ersten vier Hefte der neuen Reihe „roterfadenlyrik“ Edition Haus Nottbeck.  Musik: Ilona Haberkamp (Saxophon).