36. Ausnahme

Allerlei Berühmtheiten sind scheinbar beiläufig zu vernehmen. Der Leser lauscht amüsiert einer Stichelei zwischen Robert Walser und Friedrich Nietzsche. Antike Götter schlurfen vorbei, Kierkegaard dröhnt gelehrt im Kopf. Dazu gesellen sich Diva und Dealer und andere skurrile Wesen. Nur Haydn hat für alles einen Schlüssel.

Unter den Performance-Poeten, deren Gedichte erst im mündlichen Vortrag so recht zur Geltung kommen, ist Monika Rinck eine Ausnahme. Ihre Verse vereinen die Lockerheit der Bühnen-Darbietung mit der Gedankentiefe des traditionellen Poeten. / Dorothea von Törne, Die Welt

Monika Rinck: Honigprotokolle. Kookbooks, Berlin. 80 S., 19,90 Euro.

35. Museum der abgehalfterten Dinge

Außer Gebrauch geratene Heilpflanzen wie das „Gemeine Herzgespann“ haben es ihm angetan. Das Wildkraut beschreibt er bis ins kleinste Detail. Bei aller Pedanterie haben Kirstens Verse Rhythmus, Melodie und Pointe. Sie konservieren nicht nur, sie bewahren vergangene Kultur, auch verloren gegangene Sprachkultur. Im Hessischen wird er zum Landschreiter. Sonst bleibt der Mann aus Weimar Flurgänger. Er durchstreift überwiegend sächsische Gefilde. Sein lichtüberfluteter Morgen bringt abgewohnte, ausrangierte und zerfallende Dinge zum Vorschein. Für ihn ist Gerümpel „abgeschriebenes, verdinglichtes Leben“, das er im Gedicht akribisch versammelt. Wo die Flüchtigkeit der zeitgenössischen Wegwerfgesellschaft rast, eröffnet Kirsten ein Museum der abgehalfterten Dinge. Die Gegenstände bleiben sie selbst und werden nicht auf Zeichen getrimmt. / Dorothea von Törne, Die Welt

Wulf Kirsten: fliehende ansicht. S. Fischer, Frankfurt/M. 82 S., 16,99 Euro.

34. Gestorben

Der niederländische Schriftsteller und Dichter Gerrit Komrij ist am Donnerstagabend im Alter von 68 Jahren infolge einer langen Krankheit in Amsterdam gestorben, bestätigte sein Verlag „De Bezige Bij“. Komrij galt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dichter der Niederlande. „Er war eine Inspiration für Generationen von Dichtern, Schriftstellern und jungen Himmelsstürmern, und das wird er bleiben“, erklärte der Verlag.

Der 1944 in Winterswijk geborene Komrij wurde vielfach für seine Gedichte, Essays und Romane ausgezeichnet. 1993 erhielt er den bedeutenden niederländischen Literaturpreis, den P.C. Hooftprijs. Bekannt waren auch seine Kolumnen in Zeitungen und im Fernsehen. Mit spitzer Feder griff er vor allem seine Heimat an, die er „Absurdistan“ nannte. Dennoch hatten die niederländischen Zeitungsleser ihn 2000 zum „Dichter des Vaterlandes“ gewählt. / Der Standard

33. nothing can be done

Chronik, 7.7.

17 Uhr

Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen,
 wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen,
wenn sie nicht liebt, bald wird sie lieben,
auch wenn sie nicht will.

Sagt Aphrodite zu Sappho, Frg. 1, in einer brandneuen Übersetzung: Sappho: Scherben – Skizzen. Übersetzungen und  Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: Udo Degener Verlag 2012. 62 S.

22 Uhr

comes love – nothing can be done

Mette Juul in ihrem Lied „Comes love“, gesungen beim Eldenaer Jazz Evening 2012 Mehr

24 Uhr

rocket number 9 take off for the planet VENUS

Heliocentric Counterblast, ebenda (Hier von Sun Ra)

32. Kunst als Sport

Im alten Griechenland gehörten literarische Veranstaltungen untrennbar zu Sportwettkämpfen, bei denen bekleidete Autoren genau so beliebt sein konnten wie nackte, von Olivenöl glänzende Athleten. Die Sieger beauftragten große Dichter wie Pindar mit dem Abfassen der Siegerhymnen, die bei üppigen Banketten von Knabenchören gesungen wurden.

Kritik konnte brutale Formen annehmen: Als der sizilianische Diktator Dionysius im Jahr 384 v.d.Z. mittelmäßige Gedichte vortrug, bekam er von entrüsteten Sportfans Schläge und sein Zelt wurde verwüstet.

Im 20. Jahrhundert war Lyrik eine Olympia-Sportart, bei der Medaillen gewonnen wurden. 1912 in Stockholm waren Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei und sogar Architektur olympische Veranstaltungen im Rahmen des sogenannten Pentathlon der Musen, bei dem alle Beiträge „direkt von der Idee des Sports inspiriert“ sein sollten.

Bei sieben Olympiaden erhielten Autoren – fast immer Lyriker – Medaillen wie Sprinter, Gewichtheber und Ringer. !928, 1936 und 1948 gab es sogar spezielle Wettbewerbe für epische und lyrische Dichtung.

Baron de Coubertin gewann sogar 1912 die erste Goldmedaille für seine „Ode an den Sport“, die er unter doppeltem Pseudonym Französisch und Deutsch eingereicht hatte.

Aber schon 1912 gab es Kritik wegen der Beschränkung auf das Thema Sport und weil der Amateurstatus bei den Künsten nicht anwendbar sei.

Tatsächlich beteiligten sich die berühmtesten Künstler nicht an den Spielen. 1924 in Paris gewann eben nicht T.S.Eliot oder Jean Cocteau, sondern ein gewisser Géo-Charles (eigentlich Charles Louis Prosper Guyot), den man heute nur in seiner Heimatstadt Grenoble kennt, wo ihn ein kleines Museum als „Pionier der athletischen Kunst“ rühmt. Der einzige bedeutende Dichter, der es versuchte, war der Protofaschist Gabriele d’Annunzio, der aber leer ausging. 1932 war der Dramatiker Thornton Wilder Mitglied der Jury in den Spielen von Los Angeles und entschied sich für eine deutsche Ode auf das Bergsteigen.

1936 in Berlin räumten Deutsche und Italiener die Lyrikmedaillen ab.

Erst 1952 wurden die Künste endgültig gestrichen. / TONY PERROTTET, New York Times 1.7.

Beim englischen Wiki gibt es Listen der Sieger in den olympischen Künsten 1912-1948.

1928 in Amsterdam gewann Ernst Weiß die Goldmedaille in der Disziplin Epische Werke für den Roman „Boëtius von Orlamünde“. 1936 ging Gold an Felix Dhünen-Sondinger (D) und  Bruno Fattori (I). Den Wettbewerb für Orchestermusik gewann 1936 übrigens Werner Egk.

In einem Punkt hat der NYT-Autor nicht gründlich recherchiert. Viele Werke seien nicht erhalten:

Many of the poems from these seven Olympic Games have vanished and are now known only by their titles. Sport historians are still searching in vain, for example, for the intriguing-sounding verse, “A Rider’s Instructions to His Lover,” by the German poet Rudolf Binding (silver, Amsterdam, 1928).

Bindings „Reitvorschrift für eine Geliebte“ verschwunden? Liegt doch in jedem zweiten Antiquariat rum. Ob es freilich spekulative Erwartungen erfüllt, darf bezweifelt werden. Eine Kundenbeschreibung im WWW weiß:

Viele Sätze, die dem belesenen Reiter geläufig sind, stammen aus diesem Buch. Da ist „der Tänzer an deiner Hand“ oder „Reiten ist Wille ins Weite, ins Unendliche“ usw. Es ist ein adliges, ein edles Buch im alten Sinne.

31. Lyrik in der Straßenbahn

Lyrik in der Stadtbahn, ein abseitiger Gedanke? Richtet sie sich an den Bildungsbürger, der seinen Goethe und Novalis ohnehin kennt? Oder will sie die Rapper-Generation von 50 Cent oder Eminem weglocken auf die richtige Schiene zu Hofmannsthal oder Hölderlin? Ey Alter, das is n Kalter, wird die coole Jugend da tönen.

Cool war im Sommer 2010 der Titel eines Gedichts der 15-jährigen Ingeborg Wenger vom Dillmann-Gymnasium, das es in die Stadtbahnen schaffte. „Was ist cool – gegelte Haare, Hosen in den Kniekehlen /  Was ist cool – bauchnabelfreies Top, knallenge Jeans, was ist cool – Minirock, Glitterhemd . . .“

Seit 30. Juni 1987 sind in den Zügen und Bussen der Stuttgarter Straßenbahnen AG 360 Gedichte durch die Stadt gefahren. Den Anfang von „Lyrik unterwegs“ machten Johann Wolfgang von Goethe („Woher sind wir geboren . . .“), Christian Morgenstern („Aus stillen Fenstern“) und Eugen Roth („Der Kreisel“). Manch ertappter Schwarzfahrer mag sich damals mit Josef Eberles Gedicht getröstet haben: „Ich bin eine Nadel im Kissen, ich bin an der Rose ein Dorn, und wer sich an einem gerissen, hat die Wahl zwischen Lachen und Zorn.“

30. Stipendien in Köln

Die Stadt Köln vergibt Stipendien in Höhe von je 10.000 Euro an junge Künstler verschiedener Kunstrichtungen. Dazu gehört auch das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. In diesem Jahr geht es an Julia Trompeter.

Über die Stipendiaten entscheidet jeweils eine Fachjury. 1971 wurde das erste Stipendium nur für Kölner ausgeschrieben, seit 2010 gilt es für ganz Nordrhein-Westfalen, Altershöchstgrenze sind 35 Jahre, also Jahrgang 1977 und jünger. (…)

Insgesamt gingen 154 Bewerbungen ein, mit 73 die meisten für das Friedrich-Vordemberge-Stipendium für bildende Kunst. Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes betonte, dass die Stadt trotz Sparzwangs an den Stipendien festhalte: „Nur eine kontinuierliche Förderung ohne Abstriche ist eine ernstgemeine Förderung.“ (…)

Julia Trompeter, 1980 in Siegburg geboren, „blickt mutig genau dahin, wo die eigene Schreiblust angesichts der großen meister gemeinhin versagt: auf die literarische Tradition. Kunstfertig und mit charmantem Trotz geht sie in Dialog und stößt sich zugleich ab. Mit Witz eignet sie sich Erzählstile an und findet in der Auseinandersetzung mit Vorbildern zu einem eigenen Ton“, urteilt die Jury.  Um der Einsamkeit des Schreibens zu entkommen, tritt Trompeter „in der Tradition Gerhard Rühms“ auch mit „Sprachduetten“ auf. / Köln Nachrichten

29. Gegenkanon

Jeder Kanon hat einen Gegenkanon.

Wer nur den offiziellen Kanon kennt, der könnte schließlich auch zu der Auffassung kommen: Die deutsche Literatur ist von der Moderne weitestgehend unbeleckt geblieben. Nach wie vor stehen Romanmuster aus dem vorletzten Jahrhundert hoch im Kurs, nach wie vor wird metaphernselig gedichtet, klappern Sonette. Die Berliner Ausstellung mit dem Titel »Poetry goes art«, die aus einer weit umfassenderen Präsentation gleichen Titels schöpft, zeigt, wie wichtig die Rezeption der avantgardistischen Literatur von Gertrude Stein für Autoren wie Helmut Heißenbüttel bereits in den fünfziger Jahren war, wie früh es einen internationalen Austausch von Produzenten konkreter und visueller Poesie bis nach Brasilien gab und auf welch hohem Niveau ein Dialog zwischen avancierten Autoren und Wissenschaftlern stattfand, wofür zentral der Name von Max Bense steht. …

Seit den achtziger Jahren wird dieser innovative Teil der deutschen Literatur zunehmend aus der Wahrnehmung gedrängt. Jüngere Autoren und Kritiker kennen sie häufig gar nicht mehr und entblöden sich nicht selten, diese avantgardistischen Positionen als historisch und überholt zu bezeichnen, während sie selbst mit Mustern aus dem 19. Jahrhundert operieren. Die Ausstellung in der Fasanenstraße – lebendig gestaltet mit Film- und Tondokumenten, erarbeitet von Studierenden der FU Berlin – ist eine hervorragende Einführung und zeigt eindrucksvoll, wie weit die besten Köpfe des literarischen Experimentes schon vor Dezennien waren. Dabei werden auch Außenseiterpositionen wie die des notorischen Quertreibers Dieter Roth berücksichtigt, der es nach konkreten Anfängen vorzog, zu schmieren und zu wüten. / Florian Neuner, junge Welt

Noch bis 3. August, Fasanenstr. 23, Berlin-Charlottenburg

28. Tages Dichter

Keine drei Monate ist es her, dass der unglückliche „Krone“-Dichter Wolf Martin gestorben ist, da mehren sich die Anzeichen dafür, dass sein Handwerk – Poesie zu Themen des Tages – auf höherem Niveau eine Renaissance erlebt. Zuerst hat Günter Grass uns über die „Süddeutsche Zeitung“ mit den Gedichten „Was gesagt werden muss“ und „Europas Schande“ versorgt; nun folgt Hans Magnus Enzensberger in der „FAZ“ mit einem Gedicht, das eine große Frage zum Titel hat: „Warum wiegt etwas etwas und nicht vielmehr nichts?“

Es geht, erraten, um die am 4. Juli vom Forschungszentrum CERN verkündete Beobachtung eines Elementarteilchens. „Sagenumwoben wie einst das Einhorn“, schreibt Enzensberger, „ist das Geschöpf, das ihre Namen (der Physiker Bose und Higgs, Anm.) trägt: das Higgs-Boson, denn so heißt es. Ein Gottesteilchen, sagen die Spötter.“ / Thomas Kramar, Die Presse

27. Fliege 2

Ossip Mandelstam: DIE FLIEGE

Wo bist du denn reingeplumpst?
– In die Milch, in die Milch.

Altes Flieglein, wie geht’s sonst?
– Nicht so leicht, oh, bitte hilf!

Kriech ein bisschen, hilf dir selber.
– Ich schaffs nicht, ich schaffs nicht.

Ich helf dir dann mit der Kelle
Raus ans Licht, raus ans Licht.

– Hab doch Mitleid, aus dem Nassen
Rette mich, rette mich.

Gieß die Milch in eine Tasse –
Hier bin ich, hier bin ich.

In: Ossip Mandelstam, DIE BEIDEN TRAMS. Kinder- und Scherzgedichte, Epigramme auf Zeitgenossen 1911-1937. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 2000, S. 52/53 (russisch & deutsch) Der Text wurde freundlicherweise vom Übersetzer zur Verfügung gestellt.

Zur politischen Dimension von Mandelstams Kindergedichten vgl. das Nachwort von Ralph Dutli: EIN KLEINES GEDICHT AUF EINEN SCHNEIDER. Scherzartikel mit Hintergründen: Poesie und Kinderei, Ulk und Kultur bei Ossip Mandelstam, ebendort S. 213-231.

Das Gedicht „Die Fliege“ wurde in Ossip Mandelstams Kinderbuch „LUFTBALLONS“ (Šary) veröffentlicht, mit Illustrationen von N. Lapšin, im Staatsverlag GIZ (Gosudarstvennoe Izdatel`stvo), Leningrad 1926.

 

Муха

— Ты куда попала, муха?
— В молоко, в молоко.

— Хорошо тебе, старуха?
— Нелегко, нелегко.

— Ты бы вылезла немножко.
— Не могу, не могу.

— Я тебе столовой ложкой
Помогу, помогу.

— Лучше ты меня, бедняжку,
Пожалей, пожалей,

Молоко в другую чашку
Перелей, перелей.

Мандельштам Осип

26. Andeu­tung statt Gemälde, Collage statt Ge­schlos­sen­heit

Wer Kraus‘ Gedichten zum ersten Mal begegnet, ist geneigt, sie ihres Voka­bulars wegen für unüber­setzbar zu halten. Das Gedicht „genfer see“ etwa leitet er­war­tungs­gemäß den Blick übers Wasser, über Schiffe und Möwen. Doch nicht von Booten ist die Rede, sondern von „pardune“, „bilge“, „tartane“, „schlenge“ – keine Neo­logis­men, sondern maritimes Fach­vokabular, wie die Landratte googelnd ent­schlüsselt. Um sich am Ende zu fragen, wie wichtig die neu gelernten Bedeu­tungen über­haupt sind. Ob die Ent­schleuni­gung des Lese­prozes­ses durch Rätsel­wörter das Ziel ist. Und was für eine Rolle die Tatsache spielt, dass Elisabeth von Österreich auf der Genfer Ufer­promenade von dem bettelarmen Luigi Lucheni mit einer Feile erstochen wurde. Zwar düstert ein „totmann“ und eine Leiche wird auf­ge­bahrt. Dennoch spielen die histo­rischen Hinweise eher Versteck als Zeigefinger. Distanz statt Drama, Andeu­tung statt Gemälde, Collage statt Ge­schlos­sen­heit: das versteht sich, als Regel des poeti­schen Ver­fahrens, heute von selbst. Statt der bis zum Über­druss betex­teten kaiserlichen Ikone weitere Verse an den Rocksaum zu heften, lenkt die Autorin das Interesse auf Wörter, die wie fremd­artige Schwimm­körper gegen­einander klackern („möwengepudel / kostal vor der bilge“).

Auf Verständlichkeit seien ihre Texte nicht aus, sagt Dagmara Kraus. Viel­mehr seien sie „laut ge­schrie­ben“ und soll­ten auch laut gelesen werden. / Gisela Trahms, Poetenladen

Dagmara Kraus
kummerang
Gedichte
Berlin: kookbooks 2012
80 S., 19,90 €

25. Literatur im Banat

Im Oktober feiert die „Stafette“ ihr 20-jähriges Jubiläum. Dr. Annemarie Podlipny-Hehn plant zu diesem Anlass eine Großveranstaltung in Temeswar. Zu den eingeladenen Gästen gehören bedeutende Schriftsteller aus Siebenbürgen wie Joachim Wittstock und Eginald Schlattner, der Literaturforscher und Schriftsteller Ingmar Brantsch, der Dichter und ehemaliges Mitglied des Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises Horst Samson u. a. …

In diesem Jahr fanden bereits mehrere Veranstaltungen statt. Im Frühjahr las in der Nikolaus-Lenau-Schule der deutsche Dichter Paul Jeute. Der Dresdner veröffentlichte in Hermannstadt den Gedichtband „Stay punk, stay free, stay gipsy“. Der junge Schriftsteller studiert zur zeit am Deutschen Literaturinstitut Leipzig „Kreatives Schreiben“. Jeute verwendet oft das Pseudonym „Micul dejun“.

Wie jedes Jahr nahm die „Stafette“ an den Reschitzaer Literaturtagen teil. Dort stellte Balthasar Waitz seinen Prosaband „Krähensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland“ vor. Waitz gehörte zum Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis in den 1980er Jahren. Aus diesem Kreis ging die Nobelpreisträgerin Herta Müller hervor. Genau wie Müller kommt auch Waitz aus der Bantater Gemeinde Nitzkydorf. Sein Buch wurde von der Presse gelobt. Hans Liebhardt nannte es das beste Prosabuch, das im Banat in den letzten 20 Jahren erschienen ist. / Robert Tari, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

24. Hoprichs Sprachkosmos

In dem Gedichtband „Bäuchlings legt sich der Himmel“ unternimmt der Herausgeber Bertram Reinecke den Versuch, biografische Details und die Gedichte möglichst aus ihrer Verklammerung zu lösen. Aus circa 150 Gedichten, die im Nachlass erhalten sind, hat Reinecke eine Auswahl getroffen. Die Gedichte sollen, so Bertram Reinecke, eben nicht einfach auf ein Dokument „poststalinistischer Zwangsverhältnisse“ reduziert werden.

Bertram Reinecke:
„Es würde mich stören, wenn unter der politischen Debatte der Dichter Hoprich nur noch als Stichwortgeber, Anlassgeber für politische Auseinandersetzungen fungierte, ich wollte das Werk wieder in den Vordergrund rücken.“

Ein großer Verdienst des Bandes ist es, auch Texte, die in der Ausgabe von 1983 aus politischen Gründen nicht erscheinen durften, nun für den Leser zugänglich zu machen. Für die Neuedition greift Reinecke auf Typoskripte zurück; Arbeitsvarianten einiger Texte sind mit Fußnoten markiert, auch zwei Übersetzungen aus dem Moselfränkischen leuchten den Hoprischen Sprachkosmos aus. Der Gedichtband ist in sechs Abschnitte untergliedert, die dem Leser einen Zugang zu den sprachlichen Bildern erleichtern sollen. Bertram Reinecke:

„Georg Hoprich ist von relativ konkreten Gedichten übergegangen zu einem sehr abstrakten Sprechen, ein Sprechen, das aber immer im Blick hat verallgemeinerbar sein zu wollen, und er ist dann zu dunklen Metaphern gekommen, zu Chiffren gekommen.“

/ Anja Kampmann, DLF

Georg Hoprich: Bäuchlings legt sich der Himmel – Gedichte
Verlag Reinecke & Voß, 100 Seiten, 10,00 Euro, Broschiert

23. Fliege

Beim Poetenladen macht Elke Erb Entdeckungen, indem sie ein Gedicht von Ossip Mandelstam wörtlich übersetzt. Großartig! Zitat:

Ich spüre beim Wörtlich-Übersetzen eine eigen­tümliche Klarheit. Das Unfertige nimmt der Text-Präsenz etwas von ihrer Geschlossenheit/Geläufigkeit. Geläufigkeit = Geschlos­sen­heit, lerne ich (dankbar). Man liest sonst „darüber hinweg“. Auf einmal öffnet sich der Wortlaut und läßt erkennen:

In dem Spieltext werden die Grund-Teile geprüft, dinglich. Reduziert auf Ding­lichkeit.

Aus wie einfachen Bestand­tei­len steigt auf: Poesie! Hier: aus absicht­lich ein­fachen, primitiven, d.i. sprach­materiell – prin­zipiellen, elementaren!

Und am Ende wird mir klar, daß der elemen­tare Gang am Schluß, mit der dem poe­tischen Resultat ent­sprin­gen­den Poesie, auch den poli­tischen Sinn pointet. Der Nonsens des „umgieß, umgieß“ spricht: die Tasse taugt nichts, die ganze Tasse taugt nicht, und ganz gleich, ob Milch, ob Tasse …

22. Stele für Richard Anders

»In schier endlosen Folgen entwickelt Anders rhythmisch wiederkehrende Bilder, die sich, versucht man ein Ende zu greifen, wie der Faden eines Gewebes zurückziehen, bis keine einzige Schlinge mehr vom Ganzen übrigbleibt und nur noch ein Anfang in der Hand liegt.« Cornelia Jentzsch

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