Rund ums Label Kook – übrigens ein englischer Slangausdruck für Spinner – entstanden Literaturzeitschriften, ein Plattenverlag, man fuhr zu Festivals und Lesungen. Dann tauchte dieses Haus in der Schönhauser Allee 167c auf, das ehemalige Institut für Agrarökonomie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Man richtete eine Bar ein und eine Bühne. Vor allem aber: Man traf sich regelmäßig zu Workshops, las, dichtete und diskutierte. Es zeichnete sich ab, dass es plötzlich vor allem unter jungen Leuten ein besonderes Interesse an Lyrik gab – in einer Zeit, wo die großen Verlage die Lyrik aus den Programmen nahmen. „Wir entwickelten auf eigene Faust unsere Kriterien für gute Lyrik“, sagt Daniela Seel.
„Und dann“, sagt sie, nachdem sie doch einen Schluck Kaffee genommen hat, „waren da diese Manuskripte.“ Es war 2003 geworden, Björn Kuhligk hatte gerade seine wichtige Anthologie „Lyrik von Jetzt“ heraus gegeben. Sie selbst, die sich bis dahin eher als Autorin verstanden hatte, sah sich zum Handeln gezwungen: „Ich war die Einzige, die sich das ans Bein binden wollte.“
Sie war auch die Einzige, die das konnte. Denn zwischendurch hatte sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau gemacht. Immer noch, sagt sie, habe sie manchmal das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen. „Wer will schon Verlegerin sein, das ist doch die Arschkarte“, ruft sie aus. Doch in der Art, wie sie das sagt, spürt man, dass sie eigentlich das Gegenteil meint. / Susanne Messmer, taz (Berliner Kleinverlage I)
Der aus dem Kosovo stammende Dichter Ali Podrimja (70) ist am Samstag tot in Frankreich gefunden worden. Das Außenministerium in Pristina bestätigte seinen Tod.
Podrimja hatte am Poeten-Festival „Voix de la Mediterranee“ in der südfranzösischen Stadt Lodève teilgenommen. Nach einer Lesung am 18. Juli war er verschwunden. Auch die Festivalleitung bestätigte der Nachrichtenagentur AFP am Samstag den Tod des Dichters.
Demnach war die Leiche Podrimjas vier Kilometer außerhalb der Stadt in einer bewaldeten Region neben einem Bach entdeckt worden. „Der Verlust (…) eines Dichters von internationalem Ruf ist nicht nur ein Verlust für seine Familie und Freunde, sondern auch für Kosovos Kultur“, sagte in Pristina Außenminister Enver Hoxhaj. / nachrichten.at
Sartorius fragt, Leser antworten:
„An Schulen kann man noch was erreichen“, sagt Nevfel Cumart im Vorgespräch. Deshalb machen die Autorenlesungen für Schüler den größten Teil seiner Lesereisen aus. Am liebsten sitzt der 48-Jährige vor kleinen Gruppen. „Ich will mit den Schülern ins Gespräch kommen, sie locker abholen und keine trockene Veranstaltung machen“, sagt der Lyriker aus Bamberg. Er sei eben ein Dichter zum Anfassen. / Stuttgarter Zeitung
BONN. Der Lyrik-Kenner Joachim Sartorius hat geklagt, dass die Poesie im Sinkflug sei. Auf dem audiovisuellen Basar finde sie kein Gehör mehr. Das stimmt nur mit Einschränkungen, denn die Popmusik ist ein großer Multiplikator lyrischer Einfälle. Die Berliner Band Culcha Candela, die am Freitag den Bonner Kunst!Rasen mit rund 2300 Zuschauern bespielte, wäre ohne Reim-Kultur nicht denkbar. / Dietmar Kanthak, General-Anzeiger
Nein, die alten, allzu alten Topoi haben ausgedient, haben darum auch in zeitgenössischen Versen nichts mehr zu suchen. Und wenn es auch schon etwas her sein mag, dass Torquato Tasso als Kronzeuge erlesenen lyrischen Geschmacks herhalten musste, zeugt die Absage doch vom Anspruch, den der Dichter an sich selber stellt: «Wie die Phönizier schaffe ich mir mein eigenes Alphabet.»
Von Nicanor Parra stammen diese Zeilen, der, 1914 in Chile geboren, ganz offenbar noch etwas mitbekam von der Bildungsbeflissenheit des 19. Jahrhunderts, dem gelegentlich recht aufgeblasenen Geschmack einer Epoche, die in Lateinamerika bis weit ins folgende Jahrhundert reichte. In gleich mehreren der hier präsentierten Gedichte arbeitet er sich an der Ästhetik der Väter ab, um über ein ausschliesslich aus Friedhofskreuzen bestehendes Gedicht mit dem Titel «Die vier Sonette der Apokalypse» in einem anderen Gedicht schliesslich in die Stille zu münden: «Stille vor allen Dingen / und der Rest ist modernistische Musik.» / Kersten Knipp, NZZ
Michi Strausfeld (Hg.): Dunkle Tiger. Lateinamerikanische Lyrik. Übertragen von Angelica Ammar, Thomas Brovot, Leopold Federmair, Christian Hansen, Martin von Koppenfels, Susanne Lange, Gerhard Poppenberg, Alejandro Rogel Alberdi, Kurt Scharf, Petra Strien. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 373 S., Fr. 37.90.
An Viktor Wladimirowitsch Chlebnikow
Ein Bein über das andre hebt
im Sitzen Welimir. Der lebt.
(1916)
Aus: Daniil Charms, Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Übersetzt und hrsg. v. Alexander Nitzberg. Berlin: Galiani 2010, S. 55
Peter Urban übersetzt:
Ein Bein übers andre gelegt
Sitzt Velimir. Er lebt.
Aus: Daniil Charms, Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Aus dem Russischen von Peter Urban. Wien: Edition Korrespondenzen 2006, S. 22.
Виктору Владимировичу Хлебникову
Ногу на ногу заложив
Велимир сидит. Он жив.
Walter Delaber skiziert die Situation von Gegenwartslyrik:
„Der Gedanke, dass Lyrik eine lernbare Schreibform ist, ist seit der Frühen Neuzeit weitgehend verloren gegangen. Was an Technik sonst geblieben ist, reicht aus, die seelischen Hygienefunktionen zu erfüllen, die wenigen Ausnahmen ausgenommen, die dann allerdings die Szene dominieren. Nichts also gegen Durs Grünbein, den derzeitigen lyrischen Dominator deutscher Zunge, der selbst vor dem lesenden Auge eines George Steiner zu bestehen vermag.“
um einen Standpunkt für eine Kritik von Heinz Schlaffers „Geistersprache, Zweck und Mittel der Lyrik“ zu geben:
„Geboten wird nämlich keine Aufklärung über Funktion und Struktur von Lyrik, sondern ein wohlfeiler Lyrik-Mythos, zu dem sich Schlaffer eine eher ironische Haltung erlaubt. Unernst oder genießerisch bleibt sich aber gleich unerheblich, zumal, wenn man ein alternatives Erklärungsmuster heranzieht, nach dem Lyrik lediglich – wie Raoul Schrott und Arthur Jacobs gemeint haben – ein besonders komplexes Erkenntnis- und Modellbildungsverfahren ist, das der Sprache insgesamt zueigen ist. Schlaffers Urszene lyrischen Sprechens erweist sich so gesehen vor allem der Fremd- und Selbststilisierung des Lyrikers – also einem sehr modernen Phänomen – verpflichtet als einem historischen Faktum.
Dass die Lyrik aus dem Gottesdienst stammen mag, ist dabei nicht einmal zweifelhaft, genauer gesagt relevant. Die Konstruktion selbst, die Szene, die dabei imaginiert wird, ist ja bereits der Wahrnehmung von Welt und der Bewältigung ihrer Anforderungen verpflichtet. De Götter haben nie geantwortet, es sei denn in der Imagination der sie Anbetenden. Sie haben weder die Lyrik noch die Lyriker ausgezeichnet, das haben beide fein selbst gemacht.
Gebet und Gottesdienst, lyrisches Sprechen wie Musik, Tanz oder Fest sind eingebunden in Wahrnehmungs- und Bewältigungsstrategien, die je historisch sind, die aber zugleich auf andere Wahrnehmungs- und Bewältigungsaufgaben und -strategien übertragen werden können. Einen Gott anzubeten ist eben, was das angeht, auch nichts anderes als eine politische Klasse zu attackieren, Kampftruppen zu bilden oder seine Geliebte anzustrahlen. Nicht von der angenommenen Ursprungsszenerie, sondern von der weitreichenden Funktionalität von Lyrik leitet sich ihre Langlebigkeit ab, eben auch hier heutiger Erfolg jenseits des akademischen und literarischen Betriebs.
Schlaffer liefert also keine Aufklärung über oder Erklärung von Lyrik, sondern treibt eine Mythenbildung voran, die sich wunderbar in die Rückzugsgefechte der Literaturwissenschaft einbettet. Besser das Gute, Alte, Archaische genießen, als sich auf die Zumutungen neuerer Hochschulstrukturreformen oder neuerer Textformen einzulassen. Irgendwie wird man doch aus der Germanistik wieder das Orchideenfach machen können, das es früher einmal war … Gelehrt und belesen, sein Material geflissentlich sortierend, dabei den gediegenen deiktischen Stil pflegend, der Widerspruch nicht duldet – das ist gehobene Kathederkunst der neuen Façon. Aber leider völlig unbrauchbar, denn es erklärt nichts.“ literaturkritik.de
Die argumentativen und ästhetischen Schwächen von Was gesagt werden muß waren nicht zu übersehen. Eine Lektüre des neuen Gedichts verlangt mehr.
Die meisten Kritiker haben sich mit dem Hinweis begnügt, das Gedicht bestehe aus „zwölf je zweizeiligen Strophen“. Dass Grass auf die antike Form des elegischen Distichons zurückgreift, ist dabei übersehen worden. Zwar sind die Verse von Europas Schande keine klassisch streng gebauten Hexameter und Pentameter, sondern eher Freie Rhythmen, die sich, unter Benutzung verschiedener Metren, zumindest an der für das Distichon typischen Sechshebigkeit orientieren. Solche rhythmische Freiheit ist seit Rilkes Duineser Elegien aber nicht mehr ungewöhnlich. literaturkritik.de
Kathrin Passig interviewte Gesine von Prittwitz über den Buchmarkt. Darin auch: daß das Feuilleton immer dünner wird, also auch weniger Platz für Rezensionen und daß eh alle das gleiche rezensieren. (Wann kommt der neue Harry Potter?)
Die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti fordert den Präsidenten des CNL (Centre National du Livre, Nationales Zentrum des Buches) auf, die geplante Reform der Kommissionen des CNL auszusetzen. Die von der vorigen Regierung begonnene Reform sollte am 1.1. 2013 in Kraft treten. Es geht um die Regelung der Finanzhilfen für Autoren, Verleger, Bibliotheken und Literaturvereine. Namentlich war geplant, die Kommissionen für Roman, Theater und Lyrik zusammenzulegen.
180 Autoren und Verleger, darunter Michel Deguy, Jacques Roubaud, Philippe Beck und Patrick Kéchichian, unterzeichneten einen Protestbrief an das CNL, in dem gefordert wird, die Lyrikkommission zu erhalten, um zu verhindern, daß eine Gattung die andere dominiert. Nur die Kommission habe Dichter davor bewahrt, in Elend zu sterben, das sei keine Metapher, heißt es in dem Brief. Auch die Mitglieder der Kommission protestieren in einer Erklärung vom 12.7. gegen eine Reform, die ohne Abstimmung mit der Kommission und Vertretern des literarischen Lebens (Autoren, Verlegern, Wissenschaftlern, Bibliothekaren) vollzogen werde.
Aurélie Filippetti hatte bereits am 10.7. ein „komplettes Moratorium“ für das von Nicolas Sarkozy stammende Projekt eines „Hauses der Geschichte Frankreichs“ verkündet, das von Historikern heftig angegriffen wurde. / Camille Poirier, L’Express 19.7.
Kristoffer Patrick Cornils über Michael Fiedler, junge Welt 18.7. (hier auf seiner Seite):
Infinitive und Substantive werden aneinandergereiht, wiederholt und zu neuen Bedeutungskontexten zusammengebastelt. Dabei tun sich überraschende, schöne Bilder auf: »Wildfarben, / Blenden, / Abdampfschlag, / Grundrisse in Blütenstaub«. Doch im abgesteckten Rahmen der konventionellen Formen fangen die aufgefundenen Fremdkörper nicht an zu interagieren, haben etwas Listenhaftes, dem nur mit viel Phantasie poetische Momente abgerungen werden können. Den »Ausflüge[n] in unser kollektives Bewußtsein, das sich im Internet offenbaren kann«, wie Fiedler im Nachwort Jan Kuhlbrodts zitiert wird, kommt er nicht bei. Die Sprache verliert ihre Agilität, wird zu Textsäulen eingefroren.
»Geometrie und Fertigteile« lockt mit einer Idee, die mehr Radikalität vermuten läßt, als sie in sich trägt. Nicht, weil der Band es nicht schaffen würde, die genannte Schlinge zu knüpfen, sondern weil das Format des Buchs sie eingrenzt. Vielleicht hätte Fiedler seine Texte als interaktive Grafik oder rhizomatische Tagwolke arrangieren, mit Hyperlinks versehen und als erschlagende Vielfalt auftreten lassen sollen. Das Nebeneinander, das er hier und da zuläßt, zeugt vom Versuch, den Input zu reduzieren, statt die Assoziationen wuchern zu lassen. Die Sprache wird festgenagelt.
Michael Fiedler: Geometrie und Fertigteile – Gedichte. Poetenladen, Leipzig 2012, 64 Seiten, 16,80 Euro
Viele Formen der Literatur leiden im Zeitalter der digitalen Information unter Vernachlässigung. DIe Lyrik, eine der beliebtesten literarischen Formen in China, ist das beste Beispiel.
„Die meisten Verleger wollen heute keine Gedichte veröffentlichen, weil es wirtschaftlich nicht lohnt“, sagte Hai Xiao, eigentlich Deng Liqun, der mit seiner Hai-Xiao-Trilogie 2006 bekannt wurde.
„In China gibt es heute höchstens 100 ‚echte‘ Dichter. Die meisten, die sich Dichter nennen, produzieren unoriginelle minderwertige Arbeit“, sagte er der Global Times.
Die Dichter suchen neue Wege, um diese Barrieren zu brechen.
Am 8.Juli wurde der „poetry film plan“ in Peking gestartet. Auf Initiative von Hai Xiao will das Programm 100 zeitgenössische chinesische Gedichte in kurzen Filmen präsentieren.
In Zukunft sollen auch klassische und ausländische Gedichte verfilmt werden.
Die erste Episode soll im Oktober herauskommen. Es geht um das Gedicht „Facing the Sea, with Spring Blossoms“ von Hai Zi (Zha Haisheng), 1964-89, einem einflußreichen modernen Dichter.
Die Filme sollen auch in Fremdsprachen übersetzt werden, darunter Englisch, Deutsch, Französisch und Japanisch.
Einige chinesische Wörter:
Literature:文学 (wén xué)
Poetry:诗歌 (shī gē)
Poet:诗人 (shī rén)
Lyrical:抒情的 (shū qíng de)
Aesthetics:美学 (měi xué)
In der Stadt Chefchaouen fand das 27. nationale Festival der modernen marokkanischen Lyrik statt. Das Festival würdigte in diesem Jahr das Schaffen des Dichters Mohamed Mimouni, der zu den Säulen der modernen Lyrik Marokkos gezählt wird.
Zum erstenmal waren auf dem Festival Amazigh-(Berber-)Poeten aus dem westlichen Rif vertreten, außerdem Dichter aus den Maghrebstaaten wie Bouzid Harzallah, Lamiss Saidi und Abdellah Hamel aus Algerien und Fatima Ben Mahmoud aus Tunesien. / Libération (Marokko)
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