Veröffentlicht am 27. Juli 2012 von lyrikzeitung
Das bekannteste Gedicht bzw. Volkslied Australiens – und inoffizielle Nationalhymne – wird auf die große Kinoleinwand gebracht.
Für alle, die den Song von Banjo Paterson noch nicht kennen, hier ein Auszug:
Oh there once was a swagman camped in the billabong,
Under the shade of a Coolobah tree,
And he sang as looked at the old billy boiling,
Who´ll come a-waltzing Matilda with me.
Man muss längere Zeit in Australien gewesen sein, um zu verstehen, von was Paterson hier eigentlich singt. Ein kurzer Crash-Kurs: „Waltzing Matilda“ ist das Herumwandern im Busch, ein „billy“ ist eine Blechbüchse und ein „billabong“ ist nichts weiter als ein Wasserloch. Der Text wurde unzählige Male gecovert und abgeändert. / reisebine.de
Wiki mit dem Text
Veröffentlicht am 26. Juli 2012 von lyrikzeitung
Die Schriftstellerin Annette Pehnt erhält den mit 15 000 Euro dotierten Hermann-Hesse-Literaturpreis. Die 44 Jahre alte in Freiburg lebende Autorin bekomme die Auszeichnung für ihr bisheriges Werk, teilte die Literarische Gesellschaft in Karlsruhe mit.
Dort findet die Preisverleihung am 19. Oktober statt. Die Hermann-Hesse-Stiftung vergibt die Auszeichnung.
Der mit 5000 Euro dotierte Förderpreis geht dieses Jahr an die in Ames (Iowa/USA) geborene Autorin Ann Cotten für «Florida-Räume». Die 30-jährige, in Berlin lebende Lyrikerin zähle mit ihrem Gedichtband zu den großen Hoffnungen der zeitgenössischen Dichtung, so die Jury. / news.de
Veröffentlicht am 26. Juli 2012 von lyrikzeitung
Jetzt liegt eine zweisprachige Auswahl aus dem Werk vor: «Hilfe für Unkraut», erschienen bei Hanser (in der verdienstvollen Edition Lyrik-Kabinett). Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben die Gedichte gleichsam vierhändig übertragen, Philippe Jaccottet hat eine kleine Vorbemerkung beigesteuert. Nun lassen sich die ungewöhnlichen – selbst in der Lyrik der Romandie eher solitären – Gedichte auch auf Deutsch lesen, zusammen mit dem französischen Original.
Dass die Gedichte zweisprachig präsentiert werden, hat seine Vorteile. Wandelères Gedichte nämlich sind nicht leicht, in einigen Fällen gar nur mit Verlusten übertragbar, und das gehört zu ihren Qualitäten. / Martin Zingg, NZZ
Frédéric Wandelère: Hilfe für Unkraut. Gedichte. Vorbemerkung von Philippe Jaccottet. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Hanser, München 2012. 143 S., Fr. 24.90. Frédéric Wandelère: La Compagnie capricieuse. La Dogana, Genf 2012. 110 S., Fr. 29.–.
Veröffentlicht am 26. Juli 2012 von lyrikzeitung
Mitte der Fünfzigerjahre trug der amerikanische Dichter Allen Ginsberg erstmals sein bekanntestes Gedicht „Howl!“ vor. Das dreiteilige Poem spritzt so viel Gift wie die wildesten Rock-’n‘-Roll-Songs, die damals aus den Radios brüllten. Was manchen bloß wie selbstbezügliche Glosse anmutete, war eine konzise Reflexion der Kultur der Beat Generation, die mit Jazz, Drogen und Literatur die Welt, wie man sie bis dahin kannte, aus den Angeln zu heben trachtete.
Popmusik und Popliteratur – sie gehen seither öfters Hand in Hand. „Howl!“ heißt auch ein Song auf „Handwritten“, dem vierten Album der aus New Brunswick stammenden Rockband The Gaslight Anthem. / SAMIR H. KÖCK, Die Presse
Veröffentlicht am 26. Juli 2012 von lyrikzeitung
Die heute in Köln lebende Schriftstellerin beschreibt mit detailverliebter Alltagssprache poetisch-alltägliche Momente des Lebens, des Älterwerdens. Mit großer Geste verschenkt sie ihre Verse wie ein Stück Lebenserfahrung: „He, ihr alten und neuen Menschen, / entschuldigt, daß ich anklopfe und vorbeikomme / mit meinem Buchladen / … Ich muß Euch zurückgeben, / was Euch gehört“. Sie beschreibt „die vielen blutigen Geschichten in der Familie“ – die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts und ihre Spiegelung in den Tischgesprächen einer großen Verwandtschaft. Und sie hat das Träumen nicht aufgegeben: „Mir zugewandt wäre da noch / ein anderer Mensch, / der mir zuhört.“
Fast 60 Jahre jünger ist Michael Fiedler, der zweite Debütant, ein Leipziger. Anders als Anne Dorn erzählt er in seinem ersten Lyrikband „Geometrie und Fertigteile“ nicht – fast könnte man sagen, er zählt statt dessen, reiht Wörter aneinander, die er ihren ursprünglichen Zusammenhängen entnommen hat und die ihm „Herzklopfen bei der Niederschrift“ bereiten, die berühren, assoziieren, auf merkwürdige Weise zu flirren und zu flimmern beginnen und sich in eine andere Bedeutung kämpfen: „Jedes Wort zeichnet sich ab: bruchstückhaft kombiniert…“. Er sucht „unter Steinschuttmassen menschlicher Siedlungen“ nach Wort-Brüchen, entdeckt im „Ausschnitt aus dem europäisch-asiatischen Waldgebiet“ „keine tieferen Einschnitte“. Das ist eine geradezu poetologische Vermessung der Welt und ihrer Zwischenräume, Zwischenzeiten, und erst am Ende könnte man mit Fiedler konstatieren: „Ganz langsam wachsen nun Wunde / u Welt mir wieder zu.“
(…)
Das ist bei Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen, ein wenig anderes. Er geht im „Schlagregen“, denkt über „Waterboarding, weiße Folter“ nach. Findet im belgisch-deutschen Grenzgebiet „ein Moorloch, in dem / das Sterben glänzt bei schönem Wetter.“ und erkennt: „Streng ist / der preußische Spargelblick.“ Nendzas Gedichtband „Apfel und Amsel“ lebt vom klugen Hinschauen, von einem konzentrierten Blick, der die Realität nie aus den Augen verliert, der sie aber in eine Art poetisches Raster verwandelt, das sich über die Wirklichkeit legt und sie gleichzeitig ver- und entzaubert.
Mit seiner Vielfalt an Veröffentlichungen ist der Poetenladen inzwischen einer der wichtigsten deutschen Lyrik-Verlage, der eine Poetengeneration auf der Suche zeigt, fern von didaktischen Absichten, fern auch von Theatralik und pathetischen Gesten. Nicht zu vergessen, dass alle Bücher aus dem Leipziger Gedichtgeschäft wunderschön gestaltet und sorgfältig editiert sind. Lesenswert in jedem Fall. / Matthias Zwarg, Freie Presse
Neue Bücher aus dem Verlag Poetenladen Leipzig: Anne Dorn „Wetterleuchten“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-30-9. Michael Fiedler „Geometrie und Fertigteile“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-31-6. Marie T. Martin „Wisperzimmer“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-33-0. Jürgen Nendza „Apfel und Amsel“, 16,80 Euro, ISBN 978-3-940691-36-1.
Veröffentlicht am 26. Juli 2012 von lyrikzeitung
Die Luft brennt ober- und unterirdisch. Hier eine Spur, nein ein Bericht aus der Kampfzone (Vorsicht, Stolterfoht ist mit Sätzen bewaffnet, mindestens mit dem einen Satz, gefährlicher als die Schweizergarde):
Ich mag sie nicht, diese „Which side are you on?“-Attitüde, die in der zeitgenössischen Lyrikdiskussion nach wie vor virulent ist, dieses deutsche Lagerdenken „Was bist du – Fundi oder Realo?“ Aber wenn mir jetzt jemand die Pistole auf die Brust setzte, um mich zu einem programmatischen Satz zu zwingen, würde ich sagen: Mich sensationieren nur Gedichte, die einleuchten. Und das meine ich keineswegs nur im logischen Sinne des Einsehens oder Verstehens. Nein, Einleuchten im Wortsinne. Das können auch assoziativer Flow und faszinierende Sprachmontage sein. Einzige Voraussetzung: Das Gedicht trägt eine Spannung in sich, die Kühnheit einer neuen Beobachtung, eines erfrischenden Bildes, eines bislang ungedachten Gedankens, der beim Leser/Hörer ein Kribbeln im Kopf (und anderswo) auslöst, kurz: der ihm eine Chance auf Entdeckerglück bietet. Das können übrigens auch Gedichte leisten, die man auf Anhieb versteht. Sofortiges Verstehen ist kein Kennzeichen für die Flachheit eines Gedichts. Äußert man aber so eine These, da kommen sie in Wallung, die Sprachschichtgeologen und Sprechzonen-Türsteher der deutschen Gegenwartslyrik. Da dräut man mit päpstlichen Dogmen á la „Das Verstehen hat der Teufel gesehen“ und manche, die sich auf junge Wilde föhnen, aber im Grunde nur Elefanten im Paul-Celan-Laden sind, bemängeln, solche Gedichte seien „konventionell“ und würden „kein Wagnis eingehen.“ Dem muss ich energisch widersprechen.
Ich habe solche Avantgarde-Dichter schon bei zahllosen Lesungen erlebt, wie sie ihre aus Versatzstücken und Fertigteilen zusammengeschredderten Gebilde vortragen, ach was, vortragen, den Hörern im Maschinengewehrtempo um die Ohren ballern. / Hellmuth Opitz
Veröffentlicht am 25. Juli 2012 von lyrikzeitung
Heute, 13 uhr, auf BR alpha –
Lyriker und Veranstalter: Alexander Gumz | alpha-Forum | BR-alpha | Fernsehen | BR.de
Hier der Text des Gesprächs zum Nachlesen (pdf)
Veröffentlicht am 25. Juli 2012 von lyrikzeitung
Der kosovarische Dichter Ali Podrimja, der am Sonnabend tot in der Nähe von Lodève (Hérault) aufgefunden wurde, ist eines natürlichen Todes gestorben, meldet die Nachrichtenagentur AFP. Der 70jährige Dichter nahm am Festival Voix de la Méditerranée (Stimme des Mittelmeeres) in Lodève teil und war nach seinem Auftritt am Dienstag verschwunden.
Veröffentlicht am 25. Juli 2012 von lyrikzeitung
Preiwuß’ Gedicht ist der Versuch einer Selbstvergewisserung in einem Moment, da das Ich angesichts eines nahe rückenden Todes verloren zu gehen droht. Wie an Geländern und Wänden tastet es sich an bestimmten, Assoziationen provozierenden Begriffen entlang und in zwölf Kapiteln durch eine durcheinandergewirbelte Welt: Die Schädeldecke ist die äußere Begrenzung, die literarische Tradition innere Quelle für zahlreiche Referenzen. Die Liebe ist in diesen Gedichten das Nicht-Benannte, aber immer wieder umkreiste; das eigene Ich Echoraum und Spielfläche zugleich. Immer nah am Körper, der die Sprache erst hervorbringt, bewegen sich diese Texte. Verschattet erscheinen sie von jenen größeren Fragen, die selbst in den verspielten Passagen stets berührt werden. Die Dämonen sitzen hier nicht nur zwischen den Zeilen.
Preiwuß scheut sich dabei nicht vor einem existenziellen Ton, wie man ihn in der zeitgenössischen Lyrik so lange nicht gehört hat. Es klingen darin Stimmen vergangener Zeiten an, ob Paul Celan oder gar Rilke; aber auch zeitgenössische Dichterinnen wie Friederike Roth scheinen ihre Spuren in rede hinterlassen zu haben. Und doch spürt man die Unbedingtheit dieses lyrischen Ich, sich selbst zur Sprache zu bringen, einen eigenen Sound entstehen zu lassen: „sprache atemluft / sprach pure atemluft / sprach von atmen von purer atemluft“. Eine Notwendigkeit ist hier zu spüren. Sie macht dieses genau komponierte, eine Balance zwischen Leichtigkeit und Ernst suchende Langgedicht zu einem besonderen und Kerstin Preiwuß zu einer eigenständigen, ausdrucksstarken Stimme unter den Lyrikern ihrer Generation. / Ulrich Rüdenauer, Die Zeit
Kerstin Preiwuß: rede
Suhrkamp, Berlin 2012; 87 S., 8 €
Veröffentlicht am 25. Juli 2012 von lyrikzeitung
In der zeitgenössischen Lyrik gibt es immer noch ein wichtiges Spannungsfeld, nämlich dass ein Dichter in sich hineinhorcht, dass er versucht, sich bis in die Nervenfasern zu spüren, um empfindsam seine Umwelt in sich aufzunehmen. Und dass er dann im Ausdruck seines Gedichts ein großes Ich in die Welt zu setzen pflegt; zugleich kann er nicht anders, als die völlige Nichtigkeit eines jeden Ichs im Raum-Zeitgefüge zu erkennen – was jedweder empfundenen Einmaligkeit einen relativierenden Dämpfer gibt. In genau diesem Spannungsfeld steckt auch Peter Gizzi. Und er lotet es in vielerlei Richtungen aus: Er fischt nicht mit kurzen Gedichten nach schnellen Pointen, sondern umspult und umgarnt in immer neuen Anläufen Naturbeobachtungen, biografisch-historische Begebenheiten, Phänomenologisches, Wissenschaftlich-Reflektiertes – das, was war, und das, was ist, wird in einen großen Topf geworfen und dann wird ein Feuer darunter entfacht und umgerührt; alles relativiert sich, so die Botschaft, die Gizzi auch in seinem lyrischem Testament, den prosaisch-durchnummerierten „Apokryphen“ weitergibt:
An die Times Roman gebe ich mein Stammeln, meine Verbissenheit, meine Neue-Welt-Gewalttätigkeit, Form und all das, Formulare, und all das Papier, Windstöße. Kleine Strebwerke.
Ich sende liebe Grüße und Waffen an jeden, der von nächtlichen Visionen besessen ist.
In einem Interview betont Peter Gizzi die Rolle, die das Nichtwissen beim Schreiben seiner Gedichte spielt. Vor allem das Nichtwissen ist in der Lage, Realität in einem Gedicht zu erzeugen, so Gizzi. Man spürt beim Lesen seiner Gedichte, dass sie von einem intuitiven Geist mitgetragen sind. Das macht es dem Leser nicht immer einfach: Gizzi klebt nicht lange an den Bildern, die er entwirft, sondern zwingt seine Leser, ständig im Kopf umzuschalten; es gibt kein mildes Nachschmecken, sondern vielmehr ein Zack! – und ein neues suggestives Bild kreuzt den imaginären Blick, nimmt einen mit in eine wieder andere Gedankendrift. – / Arne Rautenberg, DLF
Peter Gizzi, totsein ist gut in amerika
luxbooks-verlag, 200 Seiten, 24 Euro
Veröffentlicht am 25. Juli 2012 von lyrikzeitung
Für sie scheint das Deutsche ein Kraftquell der Phonetik zu sein, ihre Lust an der Sprache bewegt sich oft jenseits syntaktischer Zwänge und gedanklicher Logik. Sie fühlt sich dem „Wallungswert“ eines Wortes verpflichtet, einem Begriff, mit dem schon Benn operierte und der die Kraft eines Wortes jenseits des Bedeutungs- und Informationsgehaltes taxiert. Traumwandlerisch sicher folgen die Gedichte von Dagmara Kraus dem Faszinosum des Klangs, dabei werden sie oft selbst zu einer Worterfindungsmaschine: „befodsiges gegenrupflein/vonfözen erongbar!/abschwymter/obenpubslein sonderstöpslich!/söser schnades/ unterbubster abquörtling!/ blörscher songser/anstörtzling/entlördtling!/“ Was sich in dem Gedicht „vermotzling“ zunächst wie eine krude Mischung aus lyrischer Flatulenz und obskuren Waldpilz-Sorten anhört, entpuppt sich bei näherem Hinlesen als eine Hommage an den deutschen Umlaut „ö“. Im Grunde hat man an keiner Stelle das Gefühl, dass solche Neologismen reiner Willkür entspringen, sie folgen einem unterschwelligen poetischen Strom, einem intuitiven Flow. Einer Stringenz übrigens, die Bedeutung nicht von vornherein ausschließt. In dem Gedicht „ausdruck, saure wiesen“ lohnt es sich, einmal auf die Adjektive zu achten: „grell trotzt ein kleerot/dem brastigen Krachen/ der mokkagapf gegenüber/lüpft seine serbelnden schatten/an straubigen hängen webt/ginsterersatz müden blust/um hurstige katen.“ Bei diesen Neuschöpfungen hat man durchweg das Gefühl, sie treffen die sinnliche Eigenschaft der benannten Landschaft weitaus besser als konventionelle Adjektive.
„Komplexe Fachsprachverkettungen“ werden den Gedichten von Kraus von der Kritik gern bescheinigt. Das stimmt, aber im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Dichter/innen, die sich selbst so gern einen hohen artistischen Anspruch bescheinigen und zur zeitgenössischen poetischen Avantgarde zählen, dienen Neologismen und Fachsprachen bei ihr nicht dazu, den Gedichten mit Vokabeldoping auf die Sprünge zu helfen. Es ist eher eine geradezu lexikalische Lust an Sprache, als gehe sie mit einem Metalldetektor darüber, um Worte und Wortbestandteile mit entsprechender Legierung aufzuspüren. Dass dabei oft nicht nur ein phonetischer, sondern auch gedanklicher Mehrwert herausspringt, ist für den Leser eine beglückende Erfahrung. / Hellmuth Opitz, fixpoetry
Dagmara Kraus: kummerang, kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 25 80 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, Broschur mit Umschlag-Poster, 19.90 Euro, ISBN 9783937445502
Veröffentlicht am 24. Juli 2012 von lyrikzeitung
Als ob die Frage neu wär. Die Trennung der Dichtung von ihrer mythischen Funktion, passierte das nicht bei den Griechen vor 2500 Jahren? Erfanden die nicht deshalb Literatur und Wissenschaft? Gottfried Benn jedenfalls hat es nicht so mit der Sonderstellung der Lyrik, er fragt: „Warum reimen wir oder zeichnen…“ Honoraraussicht ist es nicht, man weiß. Künftiger Ruhm wohl auch nur bedingt. „Unser Grab erwärmt der Ruhm?“ fragt Heine und erteilt Antwort: „Torenworte! Narrentum! / Eine beßre Wärme gibt / eine Kuhmagd, die verliebt / uns mit dicken Lippen küßt“ pp. Benn weiß die Antwort auch nicht, bzw. gibt sie nur poetisch, auch das ist nicht neu und wird trotzdem gemacht: „Die Poesie ist unentbehrlich – wenn ich nur wüßte, wozu“ (Jean Cocteau). Aber warum leichtfertig die Absage an religiöse Verklärungsmodelle aufs Spiel setzen, wie Benn sie gut Bennsch („Das wollen wir Mosebachs überlassen“) in den ersten 3 Zeilen gibt?
Satzbau
Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?
Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?
Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.
„Die wenigen, die was davon erkannt“ – Goethe –
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.
Entstanden am 23.3.1950, Erstdruck 1951
Benns Antwort schafft nicht eine neue Verklärung, sondern antwortet charmant poetisch im Sinne seines Absage-Modells. Das kann man interpretieren, es ist genauso billig und daher beliebt wie wenn man es eben weil „sonst“ unbeantwortbar als Atavismus erklärt. „Nein, es ist ein Antrieb in der Hand“ – reicht das nicht? Warum können wir uns nicht damit zufrieden geben, daß es gemacht wird weil es gemacht wird? Nicht eine neue Heilslehre, sondern Artistik selbst als ihr eigener Wert.
Benns Gedicht vermischt wie immer „gut Bennsch“ mit „schlecht Bennsch“. „Auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus“, ein Unterleibswitz, na gut. Schon zu Benns Zeiten gab es auch Artistínnen. (Fängt nicht die Lyrik mit Sappho an?) Auch ist seine Gegenüberstellung von „Form“ und „Inhalt“ nicht unbedingt auf dem Stand der Diskussion (obwohl heute auch wieder beliebt).
Vielleicht unerwartet kommt Benns frommer Kollege Brockes zu Hilfe. Sein Lebenswerk „Irdisches Vergnügen in Gott“ praktiziert eine Art privaten Gottesdienst ohne Kirche. Man muß nur in den Garten gehen und beobachten. Und Sätze bauen. (Wenn das religiös ist – um so besser!).
Innerhalb des Brockesschen Modells gibt es Spielraum für alles. Die folgende Passage erklärt uns ohne jede Priestergebärde, wozu weltliche Lieder gut sein können:
Stimmt nicht so mancher Handwerks-Mann
Ein frohes Lied bey seiner Arbeit an?
Versüsset er sich nicht dadurch die saure Müh?
Er fühlt nicht einst den Schweiß;
Es mehrt in ihm die Poesie
Die Lust zusammt dem Fleiß,
Und mindert ihm sein Unvergnügen.
Ich mag das Ganze jetzt nicht abtippen und nehme Brockes im Zitat in meine Anthologie. Mit meinen Hausheiligen (Benn & Brockes sind dabei) trotze ich dem neuen Religionssgeschwurbel. Worum gehts hier eigentlich? Ich nehme an, um Satzbau.
Veröffentlicht am 24. Juli 2012 von lyrikzeitung
In seinem neuesten Buch zeigt Schlaffer, wie eine ganze Gattung die Neuzeit hintergeht. Lyrik ist, so liessen sich Titel und Untertitel erläutern, ein archaisches Sprechen, das seltsamerweise unter Bedingungen der Moderne überlebt hat. Die ältesten überlieferten Gedichte Europas und Asiens sind zweckgebunden: Kultlieder und Zaubersprüche, die «Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, den Feinden schaden» sollen. Um den übernatürlichen Wesen – Göttern wie Dämonen – Eindruck zu machen, entwickeln die sterblichen Menschen kunstvolle Formen der Anrufung, der Preisung, der Beschwichtigung, der Bannung. Im geschichtlichen Rationalisierungsprozess geht der Zweck dieser «Geistersprache» verloren, die Mittel aber bleiben. Und sie vor allem sind es, denen grosse Poesie ihre Wirkung verdankt.
Gut, wird mancher nun sagen, unbestreitbar geht die Lyrik auf kultische Anfänge zurück. Reden wir heute aber von der «Sprachmagie» eines Dichters, dann ist damit doch nichts anderes gemeint als seine Fähigkeit, seiner individuellen Erfahrungswelt in klangvollen und rhythmisch mitreissenden Versen Gestalt zu verleihen. Genau dieses seit der Goethezeit dominierende Subjektivitätsmodell der Lyrik will Schlaffer jedoch entkräften. Das lyrische Ich auch in neuzeitlichen Texten ist für ihn weit eher eine kultische Instanz als ein Privatmensch, der sich mitteilt. Gedichte, so die aufregende Grundthese, wenden sich von der Sprechhaltung her eigentlich gar nicht an ihre Leser; sie machen diese vielmehr zu Zeugen einer Kommunikation mit dem Übernatürlichen. Nur deshalb können sie ein Publikum «verzaubern». …
Rezepte für den «richtigen» Umgang mit Gedichten gibt er nicht, sondern bekundet am Ende nur seine Skepsis gegenüber der sinnversessenen Interpretation. Dass das Lesen von Gedichten noch in der Moderne ein kultisches Fest ist, wenn auch ein einsames, weist er jedenfalls überzeugend nach. / Manfred Koch, NZZ
Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik. Carl-Hanser-Verlag, München 2012. 204 S., Fr. 29.90.
Veröffentlicht am 24. Juli 2012 von lyrikzeitung
Johanna Nikulski-Dirks
erfassung
dreizehn seiten haut | auf dreißig seiten nacht
vier seiten engel | fünfunddreissig | küsse
vier mal kristalle | einhundertsechsundsiebzig | tränen
zu vierhundertdreiundzwanzig | doppeltes ausrufezeichen | herzen
dreihundertachtzehn himmel | dreiunddreißig mal zittern
neunundzwanzigster februar zweitausendzwölf
Veröffentlicht am 23. Juli 2012 von lyrikzeitung
Jung, weiblich, eigenwillig, kreativ und sehr erfolgreich – mit nur 30 Jahren wurde die fränkische Lyrikerin und Performance-Künstlerin Nora Gomringer Leiterin des Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, mit 31 erhielt sie den wichtigsten deutschen Sprachpreis, ein Jahr später den renommierten Ringelnatz-Preis für ihr dichterisches Werk. Eine Erfolgsgeschichte im Sauseschritt. …
Nora Gomringer fragte nicht lange und nahm die Herausforderung an, die renommierte Kultureinrichtung des bayerischen Freistaats ohne große Erfahrung zu managen. Nebenher dichtet und performt sie als eine der wichtigsten und eigenwilligsten Stimmen der „Spoken-Word“-Szene Deutschlands mit beachtlichem Erfolg weiter. Zudem etablierte Nora Gomringer als Pionierin der deutschen Slam-Szene das viel beachtete Poetry Slam Festival in Bamberg.
Schreibt der BR unter der Überschrift
Nora Gomringer: Ein Ausnahmetalent made in Franken
Der Film läuft am Dienstag, den 24.7., in der Reihe „Vor Ort“ im BR um 21:15 Uhr.
Für die Gaga-Renommiersprache der Medien kann die Autorin natürlich gar nichts. Der wichtigste Sprachpreis, jaja (auch sehr hoch datiert und nicht ganz unproblematisch, kann man vom BR erwarten, daß er das weiß? Na also.) Die Superlative kommen im Doppelpack. Der renommierte Preis, die renommierte Kultureinrichtung (Superlativ haben sie sich da nicht getraut, aber Hauptsache Renommé). Der eigenwilligsten Stimmen eine, kann sogar sein. Der Erfolg ist beachtlich und das Festival viel beachtet. Und sowieso eine Ausnahme. Ein Ausnahmetalent. In Schwaben gilt das als Regel (der Schiller und der Hegel und so), in Franken halt als Ausnahme. – Normalerweise müßte ein solches Aufgebot skeptisch stimmen, aber wahrscheinlich ist das überinterpretiert. Vielleicht lernt man auf Journalistenschulen einfach nicht, daß man ab und zu ein überflüssiges Adjektiv weglassen kann. Oder verlernts schnell in der Praxis. Der Film aber kann trotzdem gut sein.
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