Plötzlich ist er in aller Munde: Miron Bialoszewski, ein großer Einzelgänger, Chronist des Alltags im Krieg und im Sozialismus, experimentierfreudiger Lyriker und Theatermann, skurrile Existenz. Nicht, dass man ihn völlig vergessen hätte. Doch Bialoszewski wird gerade neu entdeckt. In diesen Wochen überstürzen sich die Ereignisse: Der Krakauer Znak-Verlag hat sein „Geheimes Tagebuch“ veröffentlicht, eine Biografie ist erschienen, in Warschau sollen eine Straße nach ihm benannt und ein von seinem Werk inspiriertes Café eröffnet werden. Noch etwas? Ach ja, am 30. Juli wäre der Autor 90 Jahre alt geworden – wäre er nicht bereits 1983 gestorben.*
Bialoszewski wurde 1922, obgleich Nichtjude, im Wohnviertel der armen Warschauer Juden geboren. Das Menschengewimmel dieses Viertels sollte ihm für immer im Gedächtnis bleiben; die katholische Liturgie und die Psalmen waren für ihn die erste Begegnung mit der Lyrik. Als er 17 war, kamen Krieg und deutsche Besatzung über die Stadt. Der junge Mann nahm, da es keine Hochschulen mehr gab, konspirativ ein Studium auf, begann zu schreiben und veranstaltete in Wohnungen literarisch- musikalische Abende. Er entdeckte seine Homosexualität. Er erlebte den Warschauer Aufstand. Die zwei Monate des Häuserkampfs im Hochsommer sollten ihn ein Leben lang im Traum verfolgen. Viele Jahre später schrieb er eine Art Tagebuch des Aufstands (deutscher Titel: „Nur das, was war“), das ihn berühmt machte.
Bialoszewski brach mit den vor allem im Ostblock herrschenden Konventionen von Kriegs- und Erinnerungsliteratur. Dieses Werk hat nichts von einem Heldenepos. Es ist kein Aufschrei des Protests, enthält keine politische Botschaft oder Anklage. Der Feind, die Wehrmacht und die SS, kommen praktisch nicht vor. „Nur das was war“ ist eine Chronik der Vernichtung einer Stadt, bestehend aus Alltagssprache, Satzfragmenten, Gedankenfetzen, Szenen. Ein großes Lautgedicht, ein Hörbuch, könnte man sagen, in dem das Pfeifen der vom Himmel fallenden Bomben und das Gemurmel der Betenden in den Häuserkellern festgehalten sind. / Gerhard Gnauck, Die Welt
*) Noch etwas? Ach ja, in diesem Jahr ist die erste deutsche Ausgabe einer Auswahl seiner Gedichte erschienen, übersetzt von Dagmara Kraus. Keine Nachricht für Die Welt. Wie man hört, fiel das einer redaktionellen Kürzung zum Opfer. Im Westen nichts Neues. Unser Leser interessiert sich eben eher die Damen auf des Dichters Bettkante als für obskure Gedichte. Lesen Sie mehr über jene in der Welt vom 4.8. Oder kaufen Sie die Gedichte. Kostet weniger als eine Woche Zeitung.
Wir Seesterne
Białoszewski, Miron. –
Leipzig : Reinecke & Voß, 2012, 1. Aufl. 12 €
Nur das was war
Białoszewski, Miron. –
Frankfurt am Main : Verl. Neue Kritik, 1994
Als ich Stefan George entdeckte, verstreute Gedichte, dann ein Reclamband und Antiquarisches, warnten mich alle: Den findest du gut? Sogar eine Studentin aus Kairo, die bei einem DDR-Germanisten Deutsch gelernt hatte und die es nach Greifswald verschlug, sagte es mir.
Ja, ich fand ihn gut und erst recht interessant.
In letzter Zeit scheint Zustimmung zu überwiegen, ach was: Verehrung. Biographie auf Biographie zelebriert das Heilige Deutschland*, Fauxpas, aber den heiligen Dichter doch? Ein Held des konservativen Feuilletons, endlich wieder…
Ein angesagter Dichter. Aber man wird doch lästern dürfen. Der George-Ton.
O wir verstehen ja, was die Konservativen entzückt. Da gelten noch Werte. Ein Mann ist ein Mann, stark, edel und mutig, der Dienst ist notwendig, der Feind ist tückisch und wird besiegt, im Wald haust (nicht wohnt) Unheil, reichlich Fahnen und Glocken begleiten das Tun der Edlen, der Teich ist ein Weiher, die Wege Pfade, die Ufer Gestade, man betet zu Wolkenthronen, und immer ein Führer führt uns in der Not:
Er kennt kein sinnen und kein wanken ·
Die bösen fühlten seine wut ·
Die armen die zu fuss ihm sanken
Verteilten sich sein ganzes gut.
Er wird mich immer unterweisen
Im graden wandel vor dem Herrn ·
Mein bruder ist aus wachs und eisen ·
In seinem schutze weil ich gern.
Amen. Die Jamben hauen die Welt zu handhabbaren Stücken. Da troff erfüllung aus geweihten händen.
Metrum, Reim, Wortwahl, alles steht im Dienst der Ordnung. Auf die Adjektive ist Verlaß. Die Stadt ist hehr, das Kleinod köstlich, die Jugend frisch, der Äther rein, das „Haupt“ – na was wohl, blond. Kurz, Georges Verse bestehen aus dem, was Gottfried Benn den seraphischen Ton nennt.
Selbst in den guten Gedichten gibt es so Stellen. Eins der besten und berühmtesten:
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·
Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Hier stimmt ja gar nicht, was der Spötter über die Adjektive sagte. Der totgesagte Park: mit einem einzigen überraschenden Adjektiv entsteht ein Vorgang, der uns packt. Die Gestade, Weiher und Pfade zugestanden: sie werden von den Adjektiven gemildert, wo nicht ins Überraschende gewendet: lächelnde gestade, unverhofftes blau. Die dritte Zeile ist eine Sensation (das Wort bedeutet eigentlich Empfindung, Gefühl). Nicht in seinen Verlaine-Übersetzungen: hier ist er Verlaine ganz nah. Ein fast perfektes Gedicht: einzig die letzte Zeile der mittleren Strophe gemahnt an die Süßigkeit des Georgetons in den kostbaren (erlesenen) Verben für effeminierte Tätigkeit. Die schöngezeichnete Natur wird – erst hier und nur hier – ins Sakrale gewendet. Die letzte Strophe kehrt zu Konkretem zurück und mündet in den Auftrag an den Dichter. Das letzte Wort, „gesicht“, wird durch die konkrete Tätigkeit des „Verwindens“ und das detailreiche Herbstbild aus dem Sakralen (das unsere Heinis so lieben) ins Künstlerische gewendet.
***
Daß ein jüngerer Dichter auf George verweist, war mir zuerst bei Thomas Kling aufgefallen. Seine Anthologie „Sprachspeicher“ bringt nur ein Gedicht von Nietzsche, aber 6 von George. 6 ist die Höchstzahl, die bekommen nur die Größten: Walther von der Vogelweide, Goethe, Hölderlin, Rilke, Trakl, Benn und Celan. Und eben George. Dann geht es runter, Heine 5, Droste 4, Brecht 2. Ganz und gar nicht gegenkanonisch.
Und doch fällt auf, daß seine Auswahl gegen den Strich gebürstet ist. Auf der Suche nach schwachen Stellen, Parfüm und Gips wird man gar nicht fündig. Kein einziges seraphisches Gedicht. Bis auf den totgesagten park: Wenig Bekanntes. Überraschendes. George hat Poesie, ja Humor! Die Kinder flennen. Bis er sie festet. Mit diesen 6 Gedichten läßt sich starten.
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* Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg rief das, als er erschossen wurde. Oder war es „Es lebe das geheime Deutschland!“? Jedenfalls irgendwas mit George. Auf einen Verriß des Stauffenbergfilms schrieb jemand (Originalwortlaut):
Lieber Kritiker,
dieser Film war sein Geld wert und natürlich sitzen in diesem Saal auch Neonazis. Den lettzten Satz den Sie andeuten stammt von Oberst Stauffenberg. Er war nie so ein Widerstandskämpfer wie alle glauben, trotzdem wird er als das verehrt. Sein letzter Satz: „Es lebe das heilige Deutschland“ steht für seine Liebe zu seinem Vaterland, er ist und war ein Patriot und ist mit seinen letzten Worten auch so gestorben. Hätte er das nicht gesagt, wäre er ein vollkommender Verräter gewesen.
Es lebe das heilige Deutschland!
(Man sieht, heilig und richtig gehn nicht immer konform). Hier mehr http://sherman.blogsport.de/2009/01/27/lang-lebe-das-heilige-deutschland-oder-warum-stauffenberg-kein-held-ist/
Friede z’ Ischdai
Wenn isch Friede wieder z‘ Ischdai?
Do druf blangt scho groß un chlei.
Wu wieder die alde Zite sin
un überall d’r Humor schteckt drin
im Musikverein un Fußballclub
im Chilchechor un Fiirwehrtrupp
in G’sangverein un Buureschaft
in Fraueverein un G’nosseschaft
wenn me wieder s‘ Tanzbei schwingt
un die alde Lieder wieder singt
Wii kriegsch soviel de witt
un s‘ 12-prozentig Bier wieder gitt
S‘ Chirsiwasser schmeckt famos
un d‘ Kotlett sin wie de Abtrittdeckel groß
un wenn me mit ‚m G’schpusi im Werth spaziere goht
un nimme schtolperet über Schtacheldroht
(…)
Ein Gedicht, das das Karl Trimpin 1944 als Soldat im italienischen Montecassino schrieb, in: Badische Zeitung
Gedichte von 26 hebräischen Dichtern wurden in den Lehrplan aufgenommen – das Unterrichtsministerium spricht von einer „radikalen Umwandlung“.
Der gesamte Lehrplan vom Mittelalter bis zum späten 20. Jahrhundert wurde geändert, am radikalsten aber für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Bisher wurden aus dieser Epoche nur 7 Dichter behandelt: Erez Biton, Haim Gouri, Natan Zach, Zelda, Yehuda Amichai, Dan Pagis und Dahlia Ravikovitch. Doch mit Beginn des neuen Schuljahrs im September kommen 23 hinzu.
Neu hinzugekommen sind Avraham Halfi, Nurit Zarchi, T. Carmi, Meir Wieseltier, Avot Yeshurun, Yitzhak Laor, Rachel Halfi, Agi Mishol, David Avidan, Ronny Someck, Yona Wallach und Shimon Adaf. Zum erstenmal steht auch ein – hebräisch geschriebenes – Gedicht einer arabischen Dichterin auf dem Lehrplan, Nidaa Khoury. Hinzugekommen ist auch ein ursprünglich Jiddisch geschriebenes Gedicht von Avraham Sutzkever, das Benjamin Harshav ins Hebräische übersetzte.
„Wir ermöglichen es Lehrern, den Fokus von den Klassikern auf Zeitgenossen zu lenken“, sagte ein Sprecher des Ministeriums.
Geändert wurde auch die Methode des Lyriklehrens. Bisher mußten die Lehrer je ein Gedicht der sieben Dichter behandeln. Jetzt wird die Lyrik der neueren Zeit Gegenständen zugeordnet: „Identitäten“, „Was ist Liebe?“, „Im Land Israel leben“ und „Lyrik im Gefolge des Holocaust“. / Talila Nesher, Haaretz 7.8.
Im kleinen Lana las am 15. Mai ein ganz Großer aus seinem neuen Buch: Les Murray. Der Lyriker, der 1937 in New South Wales geboren wurde, wird immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Seine deutsche Verlegerin Margitt Lehbert übersetzte „Killing the Black Dog“, das in Australien, der Heimatstadt des Poeten zum Bestseller wurde, behutsam ins Deutsche. Im Rahmen der Veröffentlichung der deutschen Neuerscheinung unternahm Murray mit seiner Verlegerin eine Lesereise – und der Verein der Bücherwürmer holte den Dichter, der vor allem mit seiner Naturlyrik beeindruckt, nach Lana.
(…)
Die deutsche Presse, beispielsweise “Die Zeit”, lobt Ihren Sprachfuror und Ihre Originalität bei jedem neuen Buch das erscheint, immer wieder in höchsten Tönen. Sie schreiben in „Der schwarze Hund“, dass Sie von den Intellektuellenkreisen in Australien regelrecht gehasst wurden. Der Chefredakteur der einzigen überregionalen Tageszeitung ließ von den eigenen Mitarbeitern Leserbriefe gegen Sie schreiben. Warum?
Les Murray: Ja, praktisch, nicht? Wenn man das gleich selbst macht. In Australien wollte man meine Gedichte dem großen marxistischen Epos unterordnen. Die Eitelkeiten einer neuen Elite wollten befriedigt werden. Die linke, weiße Aristokratie sah sich als legitime Nachfolger der weißen Siedler und nahmen für sich das alleinige Wort in Anspruch. Mir gefiel das nicht.
/ Christine Kofler, Franz
ZEITjUNG.de: Ivan, was treibt dich um als Künstler?
IVAN: Meine Poesie der Straße und mein ‚poetischer Angriff‘ entstehen aus einem mehr sozialkritischen als einem literarischen Ansuchen. Es ist ein Hinabstoßen von Wörtern zwischen die Straßen mit der Überzeugung, die in den dunklen Ecken unseres Lebens abgestellte Poesie zu kennen. Mit der Wahrnehmung, immer stärker die Brandung der Welle des Unsichtbaren zu fühlen.
Wie sieht sie dann aus, deine Kunst?
Ich habe vor vielen Jahren begonnen, einige meiner Splittersätze auf Mauern und Geländer zu schreiben. Kurze Aphorismen. Nachdem ich dann dazu übergegangen war, große Plakate mit meinen Gedichten auf italienisch, arabisch, spanisch und französisch aufzuhängen, habe ich auch auf die Lamellen von Rolläden meine Verse gemalt. Der ‚poetische Angriff‘ ist eine Art Mischung aus meinen mit dem Stift beschrifteten Blättern und der Straße, überfallen von Lack, Pinseln und Klebstoff.
Du nutzt die Stadt als Unterlage für deine Gedichte?
Meine Kunst auf der Straße ist mehr als nur eine Bühne für meine Poesie. Ich lebe von der Interpretation des Wortes, seines Sinnes. Von der Vorstellungswelt, die tiefer beeindruckt als seine malerische Darstellung. In Wahrheit meine ich, einen Zustand der Mitte zu leben.
Wo findest du Inspiration?
Jeder ist Dichter. Und der ‚Zustand von Gnade‘ der Dichtung steckt überall aufgelöst in uns.
Im Laufe unseres Briefwechsels fragte ich Pound, was er an einer bestimmten Stelle gemeint hatte. Er schrieb zurück, er hätte dies oder jenes gemeint. Ich antwortete ihm frech, wie ich damals war, wenn er es gemeint hätte, hätte er es jedenfalls nicht geschrieben. Prompt kam in großen Lettern die Antwort: „Damn it – don’t translate what I wrote, translate what I meant to write.“ Das hat mich beeindruckt, und ich behielt es bei meiner späteren Arbeit im Sinn.
Was gerade in seinem Fall unendlich schwierig gewesen dürfte, weil er Zitatfunde aus vielen Wissensgebieten und sogar chinesische Schriftzeichen in seinen Gedichten verschmolz.
Pound unterscheidet drei Elemente der Lyrik, für die unterschiedliche Grade der Übersetzbarkeit gelten. Melopoeia, wodurch das Gedicht Klang schafft jenseits des reinen Wortsinns: Das ist oft unübersetzbar, kann nur durch glückliche Fügung gelingen. Phanopoeia, das ist die bilderschaffende Kraft der Sprache – das, so Pound, könne man überhaupt nicht verderben. Man müsse sich nur an das genaue Bild halten. Das dritte Element ist die Logopoeia, der Tanz des Sinns zwischen den Worten: Wortspiele, die man nachschaffen kann. Das waren die drei Elemente, auf die ich ausging. Das ist nicht dasselbe, wie Prosa zu übersetzen, aber diese Dimension der Sprache wollen die Leute nicht verstehen.
/ Hannes Hintermeier interviewte Eva Hesse, FAZ
Im September wird ihre Übersetzung sämtlicher „Cantos“ in einer zweisprachigen Ausgabe im Arche Verlag erscheinen.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
It would be nice if we could all get one last ride through a part of our lives we’d left behind. Patrick Phillips, who lives in Brooklyn, is our guide and pilot in this fine poem.
Elegy with Oil in the Bilge
By the time we got out on the water
the sun was so low, it wasn’t like water
but a field of gray snow that we plowed
in one endless white furrow of water
as I skirted the rocks and wrecked trawlers
and abandoned old jetties just under the water,
while you moaned in the bow, slick with fever,
whispering back to whatever the water
chattered and hissed through the hull—
until at last there were lights on the water
and I let the old Mercury rattle and sputter
its steaming gray rainbows out onto the water
as we drifted, at idle, for the last time in your life,
through that beloved, indifferent harbor.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Patrick Phillips, whose most recent book of poems is Boy,VQR Poetry Series, 2008. Poem reprinted from the New England Review, Vol. 32, no. 2, 2011, by permission of Patrick Phillips and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Lemn Sissay ist einer der fünf „Olympischen Dichter“, deren Werke im Londoner Olympiapark verewigt werden. Seine Dichtung ist ähnlich komplex wie seine Identität. / RALF SOTSCHECK, taz
„Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Lemn Sissay. „Mein Gedicht wird für 25 Jahre und länger im Olympischen Park stehen.“ Der 45-Jährige ist einer von fünf offiziellen olympischen Dichtern für London 2012. „Es ist die größte Show der Welt“, sagt er, „ich empfinde es als Ehre, für die Spiele schreiben zu dürfen.“
Er schrieb „Spark Catchers“ – „Funkenfängerinnen“ – über die Mädchen und jungen Frauen in der Streichholzfabrik Bryant and May. „Als ich zum Olympia-Poeten ernannt wurde, gab es das Stadion noch nicht“, sagt Sissay. „So stellte ich ein paar Nachforschungen über das Gelände an.“ Er fand heraus, dass in der Streichholzfabrik 1888 der erste inoffizielle Frauenstreik der britischen Geschichte stattfand.
Die vier anderen olympischen Dichter John Burnside, Jo Shapcott, Caroline Bird und Poet Laureate Carol Ann Duffy. Außerdem als einziger Nicht-Zeitgenosse: Alfred Lord Tennyson.
Jan Kellendonk beendet seine fünfteilige Serie zur Tang-Lyrik mit Texten von Wang Wei (699-759) und Meng Haoran (~690-740). Lesenswert!
21.8.: Nein, es geht weiter mit Liu Zongyuan und Jia Dao als 6 bzw. 7 von 10
Ginsberg und Kerouac hatten sich an der Columbia University in New York als junge Männer kennengelernt und schon bald ihre regulären Studien vernachlässigt, um in regem Austausch in einem grösseren Kreis von Gleichgesinnten nach sprachlich-literarischen Ausdrucksmöglichkeiten für das zu suchen, was sie antrieb und was sie mehr als ein Jahrzehnt später zu Leitfiguren der Beat-Kultur adeln wird. Ginsberg wird durch sein Gedicht «Howl» 1956 einer grösseren Öffentlichkeit bekannt und durch den Skandal, den das Gedicht erregt, auch berüchtigt. Kerouac verzeichnet 1957 mit «On the Road» sogar einen grossen Publikumserfolg und avanciert in den Medien und auf Partys zum «talk of the town». Beat wird zur Mode und zum Medien-Hype, Kerouac reagiert darauf mit Abscheu, hofft aber trotzdem auf finanzielle Vorteile; Ginsberg entzieht sich dem Rummel durch Aufenthalte in Europa oder in Nordafrika, wo William S. Burroughs an «Naked Lunch» laboriert und Unterstützung brauchen kann. / Michael Schmitt, NZZ 21.7.
Jack Kerouac und Allen Ginsberg: Ruhm tötet alles. Die Briefe. Hrsg. von Bill Morgan und David Stanford. Deutsch von Michael Kellner. Rogner & Bernhard, Berlin 2012. 502 S., € 22.95.
Mit diesem Coup hat der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler alle überrascht. Die Skeptiker glaubten an seinen allmählichen Rückzug, als der poesiebesessene Lyrik-Vermittler kürzlich nach zwanzig Jahren seine exzellente Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ einstellte. Nun zeigt es sich, dass der mittlerweile in Solothurn ansässige Engeler eine hervorragende Alternative buchstäblich aus dem Hut gezaubert hat.
Seine neue Zeitschrift nennt sich „Mütze“, und sie folgt in der technischen Ausstattung wie der Distribution über das Internet dem Konzept der von Urs Engeler 2010 begonnenen „roughbooks“Reihe, die mittlerweile Titel von Autoren wie Tim Turnbull, Elke Erb, Ulf Stolterfoht, Michael Stauffer oder Konstantin Ames umfasst.
Diese neue „Mütze“ setzt man sich gerne auf, belebt sie doch den Kopf mit aufregenden Texten. Das verdankt sich auch einer neuen thematischen Offenheit. Die „Mütze“ versteht sich als „literarische Zeitschrift“ nicht nur für die Königsdisziplin Lyrik, sondern für alle Gattungen. / Michael Braun, Tagesspiegel
Mütze 1.
Urs Engeler, Obere Steingruppenstr. 30, CH-4500 Solothurn. 52 Seiten. Einzelheft
6 €, Jahresabonnement 25 €.
http://www.muetze.me
Inhalt:
Über den Dichter Peter Waterhouse – anlässlich der Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises für Literatur:
Seit seinen literarischen Anfängen, seit mehr als 30 Jahren, beschäftigt sich der 1956 in Berlin geborene, zweisprachig aufgewachsene Peter Waterhouse mit Sprache. Der Name der Sprache, Konstruktives Verfahren und süße Bestimmung,Gemeinschaft der Sätze, Ins Innere hinaus, so waren Poeme in passim tituliert. Und schon damals hieß eines Wiener Zeitstillstand und ein anderes Spaziergang als Himmelskunst. Die schwebende Himmelswortkunst des Peter Waterhouse hält bis heute an.
(…)
Waterhouse, „diesem von Inspiration und Präzisionskunstheimgesuchten Himmelskind der Poesie“ (Friederike Mayröcker), gelang das Kunststück, sich in den letzten Jahren mit Preisen ehren zu lassen, die nach unterschiedlichen, fast konträren Autorinnen und Autoren benannt sind, Christine Lavant und Heimito von Doderer, Nicolas Born und H. C. Artmann. Waterhouse über das Leben, also das Schreiben, in dem er auch deren Positionen, vom Tragischen bis zum Kalauer, kombinatorisch zusammenführt: „Dichtung macht wahrscheinlich fortwährend, dass sie den Anfangszeitpunkt festhält und den nicht vergehen lässt. Das kann man aber auch noch als Antwort auf die Frage nach Erkenntnis ansehen. Das Festhalten des Anfangs, das fortwährende Festhalten des Anfangs ist eine Form der Erkenntnis.“ / Alexander Kluy, Der Standard 28.7.
In der Rubrik „Das neue Gedicht“ veröffentlicht Die Welt das Gedicht „Ludovisischer Traum“ von Durs Grünbein (aus dem Band „Koloß im Nebel“, der Mitte August bei Suhrkamp erscheint).
Im Alter von 95 Jahren starb der Schriftsteller Gilbert Prouteau am Donnerstag in seinem Haus in Cholet (Maine-et-Loir). Bei den Olympischen Spielen in London 1948 errang er die Bronzemedaille in Lyrik, die damals nach dem Pierre de Coubertin teuren Ideal der „Einheit von Körper und Geist“ eine olympische Disziplin war. ebenso wie Architektur, Bildhauerei, Malerei und Musik. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter den Roman „Das Geschlecht der Engel“.
Aber er war auch sportlich. 1939 erreichte er einen zweiten Platz bei der französischen Leichtathletik-Meisterschaft. Er bekam u.a. den Prix Gérard de Nerval und den Grand Prix de Littérature sportive. / telerama.fr
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