46. Lyrik zum Sekt

Im Soda-Club lesen Berliner Autoren Lyrik zum Sekt, meldet die Berliner Morgenpost. Mehr nur für Abonnenten.

45. Lyrische Protokolle

Mittlerweile hat der unermüdliche Herausgeber Helmuth A. Niederle einen weiteren Band mit Gedichten Davids ediert: „spurenelemente“. Wie viele Texte in Davids Gesamtwerk umschreiben und umkreisen diese 24 Gedichte eine Wahrnehmung der Welt, die aus kontemplativer Ruhe und klarer Beobachtung des Bewusstseins gespeist wird. Vier dieser Titel haben die schlichte Bezeichnung „Traumstücke“. „Lyrische Protokolle“ könnte man dieses gelassene, unaufgeregte Dichten nennen, was auch auf die besondere Praxis des Autors verweist: „ohne anstrengung geschieht dieses schauen / geschwindigkeit ist nicht gefragt / das bewußtsein wertet nicht / betrachtend / tritt es nicht aus seiner mitte“. / Bernhard Widder, Die Presse 11.8.

ERNST DAVID
SPURENELEMENTE
LYRIK. MIT ILLUSTRATIONEN VON FRIEDRICH DANIELIS, FRANZ SCHWARZINGER, ERHARD STÖBE UND HERWIG ZENS.
56 S., BROSCH., €9,90 (EDITION HIC@HOC, PERCHTOLDSDORF)

44. Sprachlabor

Da sitzt ein sehr ernsthafter Mensch, denkt man sich, einer der sich sicherlich jede Zeile, die er schreibt, genau überlegt. Und als er ankündigt, 430 Gedichte lesen zu wollen, in einer Stunde, mit einer Pause dazwischen wegen der Kirchenglocken, die in Pöcking jeden Abend läuten, geht ein Lächeln durch die Besucherreihen. Denn es ist klar, dass dieser Dichter keiner ist, der von Gedicht zu Gedicht hastet, ohne Punkt und Komma. (…)

Über seine Gedichte sagt der 59-Jährige: „Ein Gedicht ist ein hochinteressantes Sprachlabor. Das mache ich nur für mich, und vielleicht ergibt es irgendwann einen Sinn.“  / Sylvia Böhm-Haimerl, Süddeutsche Zeitung, über Andreas Greve

43. Wie man

… selbst einen Text über Rolf Dieter Brinkmann mit einem Reich-Ranicki*-Zitat beginnen kann? Lesen Sie in der „Welt“ (allmählich die meistzitierte Zeitung hier, eh?)!

Marcel Reich-Ranicki hat einmal über ihn gesagt: „Von Anfang an ging er rücksichtslos aufs Ganze.“ Gemeint ist der deutsche Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann. Brinkmann machte die amerikanische Underground-Lyrik in Deutschland bekannt und wurde selbst einer der führenden Underground-Lyriker Deutschlands in den 60er-Jahren. / Mehr

*) dieser Freund des Rücksichtslos-aufs Ganze-Gehens

42. Heym-Cover-Versionen und Remixe

Mit der Anthologie „Ich bin von dem grauen Elend zerfressen“ will der Dichter und Herausgeber [Florian Voß] Heym wieder in die öffentliche Wahrnehmung hieven. Dazu hat er sich nicht für eine geschmackssichere, aber fade Best-of-Sammlung der Heymschen Gedichte entschieden, die als bessere coffee table-Lektüre enden würde.

Vielmehr setzt er auf einen frontalen Diskurs: 27 zeitgenössische Dichterinnen und Dichter haben sich mit dem – für einen mit 24 Jahren verstorbenen Schriftsteller doch sehr umfangreichen Werk – auseinander gesetzt und präsentieren nun ihre ganz eigenen Erwiderungen, literarische Cover-Versionen und Remixe des Originalmaterials.  Flankiert werden die Texte von Tagebuchauszügen Heyms, die ihn als Neurotiker, Leidenden zeigen, der sein Heil im überbordenden Narzissmus suchte. Beinahe scheint er gegen Voß‘ Bemühungen unwissentlich Einspruch erhoben zu haben, als er am 5. Oktober 2011, ein paar Monate, bevor er zusammen mit seinem Freund Ernst Balcke in der vereisten Havel ertrank, notierte: „Wenn mein Werk etwas bedeutet, wird es von allein an das Licht kommen und bleiben.“ Die Sammlung spielt trotzdem (Wieder-)Geburtshelfer,

„Ich bin von dem grauen Elend zerfressen“ hat einen mehr als nur summierenden Charakter, findet seine Rechtfertigung nicht allein in seinem morbiden Anlass. Heym hatte, wie Stephan Reich das in seiner eindringlichen Verschränkung von dessen Gedicht „Ophelia“ und seinem eigenen tragischen Tod schreibt, „an den lippen noch reste // strenger, / nie wuchernder sprache“, als er 16. Januar 1912 langsam in einem Eisloch versank. Die darf nun wieder wuchern, in Gedichten, die hundert Jahre später entstanden sind. …

Eine Anthologie, die viele andere Lyriksammlungen in den Schatten stellt, obwohl und gerade weil sie zeigt, dass sich die aktuelle Gegenwartslyrik nicht auf einen Nenner zusammen streichen lässt. Wie damals, zu Zeiten Georg Heyms. Ob der mit diesem Buch wieder zu Ruhm kommt, sei dahin gestellt. Aber er dient als Katalysator für einige der interessantesten Dichterinnen und Dichter, die die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu bieten hat. / Kristoffer Patrick Cornils, Fixpoetry

Georg Heym: Ich bin von dem grauen Elend zerfressen. Gedichte und Erwiderungen. Herausgegeben von Florian Voß. Paperback. 88 S. 11,50€. ISBN 978-86906-373-7. Lyrik Edition 2000, Allitera Verlag, München 2012.

Über das gleiche Buch Mario Osterland: Noch nicht ganz vergessen, ebenfalls Fixpoetry

41. Lyrikkatzentische

In den großen – oder den übriggebliebenen – Buchhandlungen in den deutschen Fußgängerzonen schreitet die Schrumpfung der Gedichteecken munter voran, traurige Lyrikkatzentische findet man da, manchmal auch nur größere Schubladen, wo dann letztlich nur mehr so Titel sanft ruhen wie „Die lustigsten Zungenbrecher der Welt“, „Die schönsten Weihnachtsgedichte“, „Shakespeare in 90 Minuten“ oder „In vier Jahrhunderten durch die vier Jahreszeiten“. Sollen diese Reimecken noch etwas intellektueller, vielleicht auch aufgehübschter daherkommen (was auf den Filialleiter ankommt) oder – wenn noch zwei Quadratzentimeter übrig sind – dann gibt es auch noch einige in Kauf genommene Ladenhüter wie Paul Celan, den Hermann Hesse, den Rainer Maria Rilke, den „Großen Conrady“, eher aber noch Geschenkbandkompatibleres wie Goethe, Schiller und Hölderlin (letzteren immer seltener), Jandl und Fried oder witzig Gereimtes von Robert Gernhardt. / Dominik Dombrowski, Fixpoetry

(Einleitung einer Rezension zu

Konstantin Wecker: „Jeder Augenblick ist ewig – Die Gedichte“ Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012, ISBN 978-3-423-14153-6, 266 Seiten, 9,90 Euro. Mit einem Vorwort von Herbert Rosendorfer.)

40. Mundart-Haiku

Hätten Wellen Echos, so glaubte man von fern her in diesen Gedichten bisweilen Gertrude Steins Einwürfe zur literarischen Moderne zu vernehmen – um im nächsten Moment aufgrund ihrer strengen Silbenzählung und im dichterischen Erleben der Natur an die japanischen Haikus erinnert zu werden.

„untedrunter schint s/doch noch läwe in dem see/ kreis kreißt kreis us kreis“. Angeordnet um das titelgebende Gedicht lässt der Hausacher Dichter Wendelinus Wurth in 53 dreizeiligen Gedichten einen sorgfältig komponierten poetischen Mikrokosmos in der zeitlichen Anordnung eines Jahreskreises aufblitzen. / Andreas Kohm, Badische Zeitung

39. Über Rhythmus

Jan Kuhlbrodt sprach mit Asmus Trautsch über Literatur und Musik. Eine gekürzte Version steht im Poetenladen, das komplette Gespräch soll im „Poet“ erscheinen*. Ein Auszug:

J. Kuhlbrodt: Wenn du schreibst, wie achtest du auf den Rhythmus? Erzähl, wie es bei dir funktioniert, wie der Rhythmus sich quasi ins Gedicht schmuggelt. Ich habe zum Glück keine durchgehend traditionellen Strukturen in deinen Texten entdecken können.

A. Trautsch: Manchmal spiele ich damit. Natürlich lässt einen jedes aus der Romantik vertraute Schema der Verteilung von Akzenten, von Vers­maßen, Rhyth­men und Reimen die Anten­nen des Miss­trauens aus­fahren. Es ist ja gerade, wie ich finde, eine Qua­lität der zeit­ge­nös­sischen Lyrik, Homo­­genität und Gleich­mäßigkeit in der Form zu ­vermeiden. Aber natürlich kann man auch mit den Elementen der Regelmäßigkeit des Rhyth­mus, der Gegenläufigkeit von natürlicher Silben­betonung usw. arbeiten. Es ist nicht so, dass ich mir wie in der Nach­folge Hölder­lins bestimmte antike Versmaße vornehme, die dann als Schema über dem Gedicht stehen, das habe ich nie gemacht. Den Rhyth­mus zu finden, ist für mich zum großen Teil eher ein unbe­wusster Vorgang – oder vielleicht ein Prozess zwischen Unbe­wusstem und Bewusst­sein.

Beim Schreiben eines Verses, bei der Tempostimmung eines ganzen Gedichts, oder, mikroskopisch, bei einer bestimmten Wort­konstruktion ist das Ver­hältnis von längeren Vokalen, die etwas im Klang verharren, und kurzen, auch gerade mit Konsonanten sehr stark abgekürzt wirkenden Silben, überhaupt auch von Konso­nant­enhäufung oder Vokal­häufung eine form­gebende Kraft, die auf verschiedenen Be­deutungs­ebenen wirkt: Welches Bild, welche Metapher kann man z.B. durch eine be­stimmte auch vom Klang getragene Wort­kombi­nation finden, wie entfaltet sich dabei der sound zwischen Vokal und Konsonant und welche Betonungen, welche Intensitätsgrade gibt es, die maß­geblich auf die Imagination zurück­wirken? Manch­mal merke ich erst im Nach­hinein, bei einem Text, den ich geschrieben habe, wie das Verhältnis von aus­klingenden Silben oder von kürzeren und abge­hackten, man könnte musikalisch sagen: wie das Ver­hältnis von Dauerwerten und von Arti­kulations­weisen wie tenuto und staccato verteilt ist. …

*) siehe Kommentar

38. Lyrikpapyri

Tim Voß (ehemals der Voß von Reinecke & Voß) macht jetzt Bücher bei Horlemann – Edition Voß. Dazu gehört auch die Reihe  Lyrikpapyri, die von Mathias Jeschke herausgegeben wird.

Aus einem Gespräch mit Mathias Jeschke:

Lieber Herr Jeschke,


Buchhandlungen bestellen und vertreiben kaum noch Lyrikbände. Gehen Sie wirklich davon aus, dass die von Ihnen herausgegebene Reihe LYRIKPAPYRI es verdient hat, einem breiten Publikum vorgestellt zu werden?

Ja, na klar! Ich gebe ja meinen Kindern, nur weil sie danach schreien, auch nicht ausschließlich Süßigkeiten und Pommes, sondern ernähre sie mit Gesundem und Nahrhaftem. Andere, besonders junge, unabhängige Verlage, haben sich bereits erfolgreich um das Aufleben der Lyrik verdient gemacht. Und wir wollen auf dem Gebiet der modernen deutschsprachigen Lyrik jetzt kräftig mitmischen. Gedichte gehören nun mal zu den grundlegenden Lebensmitteln von innerlich lebendigen und mit Vorstellungskraft begabten Menschen. Manche wissen das schon, andere werden wir noch gewinnen.

Wie kommt es eigentlich zu dem Reihentitel LYRIKPAPYRI? Das klingt doch irgendwie antiquiert…
Der klangvolle Reihentitel mit seinem Rückgriff auf den Papyrus, die Vorform des Papiers, die – ebenso wie die Lyrik übrigens – bereits seit über viertausend Jahren bekannt ist, benennt so etwas wie ein Gegenprogramm zu den ja gerade eben erst hochgepoppten allgegenwärtigen Applikationen für den Hirnstamm, den electronical devices. Er betont damit gleichzeitig die durchschlagende Beständigkeit und damit die Aktualität der Kunstform Gedicht. LYRIKPAPYRI heißt, Gedichtbände sind und bleiben erlebbar, klingend, duftend, haptisch, unplugged.

Was reizt Sie daran, gerade die Autoren Däubler, Münzner und Rautenberg herauszugeben? Was ist so besonders an ihnen?
Gregor Däubler ist ein junger, wagemutiger Poet, der in seinem bei uns erscheinenden Debut das Vexierspiel zwischen Form und Inhalt verheißungsvoll zur Sprache bringt. Andreas Münzner besitzt die seltene Gabe, indem er in großer Ruhe und changierend zwischen humorvoller Distanz und emotionaler Nähe ein ziemlich welthaltiges Tableau erschafft, mit seinen Gedichten Lebensuhren zu justieren. Und Arne Rautenberg ist der sympathischste Kunstspieler, den ich kenne. Völlig respektlos überrumpelt er nicht nur die Sprache selbst, sondern damit auch unsere eingefahrenen und eingefrorenen Denkweisen und Blickwinkel. Es lohnt sich unbedingt, alle drei zu lesen!

(…)


Und wie sieht die Zukunft der LYRIKPAPYRI aus?
Der Verlag und ich als Herausgeber planen bereits die Titel für das nächste Jahr. Es wird wohl in jedem Programm etwa drei neue Bände geben. Und wir sind fest davon überzeugt, dass es genügend Buchhändler, Literaturvermittler, Kritiker und Leser (m/w) gibt, die unsere Begeisterung teilen werden für das, was wir hier in die Welt setzen.

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37. Greguerías

Das Pfeifen des Zuges dient nur dazu auf den Feldern Melancholie zu verbreiten. – Wie reagieren wir? Wir lächeln zustimmend, sind ›amüsiert‹, verstehen, was der Autor humorvoll (nicht humoristisch) ausdrücken wollte. Und das, weil wir Erinnerung besitzen an Pfeifen des Zuges, Felder und Melancholie. Der Aufbau des Satzes ist grammatisch und logisch vollkommen korrekt, klingt vertraut. Was verblüfft, ist das Neuartige (schon sind wir im Begriff das ›Phantasievolle‹ zu sagen), das Unerwartete, Überraschende der Wortverknüpfung und damit die Aussage des Satzes. Offenbar handelt es sich um Poesie.

Der zitierte Satz ist ein Beispiel für die literarische Kleinform, die ihr Erfinder, der spanische Dichter Ramón Gómez de la Serna (1888–1963) GREGUERÌAS – Kauderwelsch – genannt hat. Die erste Sammlung von Greguerías erschien 1917, weitere Ausgaben folgten, bis zur letzten im Jahre 1962, die 13 000 Einträge enthält. Die formalen Merkmale der Greguería sind Prosaform, extreme Kürze, kontextuelle Unabhängigkeit sowie nichtdiskursive Aussage. Die beabsichtigte Wirkung einer Greguería besteht in der Vermittlung einer neuen, überraschenden Perspektive mit oft humorvoller Pointierung. Die Greguería changiert zwischen Aphorismus und Lyrik. Die Kurzformel, die Gómez de la Serna selbst zur Charakterisierung seiner Erfindung gewählt hat, lautet: Greguería = Humor + Metapher. – Man hat festgestellt, daß die Frauen, die im Bus stricken, dessen Geschwindigkeit herabsetzen. / Maximilian Zander, KuNo

 

36. Max Prosa

Warum er gern über „Bob, den Riesen“ schreibt, die Mannheimer Popakademie ihn 2008 als Studenten ablehnte, er nicht Max Lyrik heißt und darüber, ob er oder Hannes Wader „der deutsche Dylan“ ist, rätseln wir mit dem Berliner Songwriter in diesem Interview. / morgenweb

35. Lyrikfest Gegenstrophen

11.09.2012, 19:30 Uhr

Literaturhaus Hannover / Mitte

mit Klaus Merz, Alexander Nitzberg, Monika Rinck und André Rudolph

Mit dem Lyrikfest geben wir auch in diesem Herbst der Lyrik eine eigene Bühne und stellen – immer auf der Suche nach der poetischen Grammatik unserer Zeit – einige der wichtigsten Stimmen deutschsprachiger Gegenwartslyrik in Kurzporträts vor: Einer haiku-ähnlichen Konzentration und Treffsicherheit begegnen wir in den Gedichten von Klaus Merz, während uns Andre Rudolphs Lyrik schräge Schönheit, Melancholie und Aberwitz inmitten dessen zeigt, was man Wirklichkeit nennt. Wir erleben das ganz gegenwärtige Spielen auf der klassischen Klaviatur der Dichtung in den gereimten Zeilen Alexander Nitzbergs und staunen über die Gleichzeitigkeit von Denkvergnügen und Sinnverführung, wenn Monika Rinck als Stimmvirtuosin mal mit süßer, mal mit höhnischer Stimme zu uns spricht. / Timm Kölln, Hannoversche Allgemeine

34. Von Vokabeln fabeln

In einer kleinen Betrachtung des Grimmschen Märchens von Hase und Igel, einem etymologisch virtuosen «Hasenstück», hat Barbara Köhler ihre Lieblingsbeschäftigung verraten. Sie möchte, erläutert sie zu Beginn des «Hasenstücks», nur von zwei oder drei Wörtern erzählen, sie möchte nur von «Vokabeln fabeln».

Tatsächlich ist das seit je Barbara Köhlers Passion: Leidenschaftlich von «Vokabeln fabeln», akribisch den einzelnen Wörtern auf den Grund gehen, der Herkunftsgeschichte der Wörter und ihren Klangspuren folgen, sie aus den Kontexten automatisierter Rede lösen und von Stereotypien entkernen – mithilfe grammatischer und etymologischer Fallgeschichten. «Ich rede mit der Sprache», so heisst es bereits im Auftaktgedicht ihres 1994 publizierten Gedichtbandes «Blue Box», «ich rede mit der Sprache, manchmal antwortet sie. Manchmal antwortet auch jemand anders.» / Michael Braun, NZZ 28.7.

Barbara Köhler: Neufundland. Schriften, teils bestimmt. Mit Audio-CD. Edition Korrespondenzen, Wien 2012. 260 S., Fr. 32.50.

33. Der Wolkenhändler – Klavki

„Der Wolkenhändler“ ist Titel sowie (eine) Hauptfigur eines Prosatextes des Kieler Dichters Klavki und wurde unter anderem auf Poetry Slams vorgetragen, wo er den ersten Preis gewann. (…)

Neben der Thematisierung des Wolkenhändlers als Figur, beinhaltet der gesamte Prosatext vor allem Kritik am Literaturbetrieb, indem er dessen drei literarische Grundregeln pointiert skizziert, kommentiert und dann selbstbezüglich vollständig unterwandert oder ins Maßlose übertreibt:

– »„Bilder. Benutzen sie mehr Bilder. 1. Regel: Sie MÜSSEN mehr Bilder benutzen!“, unterbricht mich der Literaturhauspapst – hindenburgisch hingebrummt dröhnt sein mittelschulkluger Mund & sein vornehmer Stuhl lehnt sich wieder leicht überlegen zurück: Geistiges Liliputgewieher!«

– »„Stop! Schreiben Sie so, dass man Sie versteht! Man muss Sie verstehen können. 2. Regel: Schreiben Sie in einfacher Sprache!“, sonort es salopp. Dolchig sitzt er mir gegenüber, dieser kulturübergewichtige Seufzerkoch. Und mir wird klar: Der Weg zur Hölle ist mit gutgemeinten Ratschlägen von Mitmenschen gepflastert.«

– »3. Regel: Lassen Sie niemals Ihre Hauptperson sterben.«

Außerdem klingen poetologische Konzepte an: »Man sollte das Glas der Sprache zerbrechen, wenn Schreiben noch eine Zukunft haben soll.«, mitsamt utopisch-träumerischen Vorstellungen von einer idealeren Sprach-Welt.

Aus dem Lyrikwiki-Artikel (verfaßt von Christiane Kiesow)

32. Korrespondenzen

Hinter der Idee zum Verlagsnamen stecke nicht nur ein literarischer Bezug (das Sonett „Correspondances“ von Charles Baudelaire), sondern auch eine ganz praktische Begegnung. Ich solle mal an die Pariser Metro denken, da stehe überall „correspondance“ für die Verbindungen/Umsteigemöglichkeiten in den einzelnen Metro-Stationen, die die Fahrgäste durch das dichte Liniennetz lenken. Für Ziegler entfaltet sich aus dem Begriff Verbindung und seinen inhaltlichen Ableitungen daraus wie Netz/Geflecht, sich kreuzende Linien sein Ursprungsprojekt: Das Verlegen einer Literatur aus dem deutschen Sprachraum und ihrer Erweiterung auf die angrenzenden Nachbarländer in Richtung Osten, den Sprung wagen über Sprach- und Nationalitätsgrenzen hinaus und dabei renommierte Autoren mit internationalem Format miteinander verknüpfen. (…)

Der Verlag selbst verpasst sich das ästhetische Signet „sprach- und formbewusster“ Literatur aus den Ländern Mitteleuropas. Die Hälfte seien deutschsprachige Titel wie etwa die von Ilse Aichinger: Die ist einfach bekannt, sagt Ziegler. Sie zählt neben dem deutschen Schriftsteller Kurt Drawert, dem tschechischen Dichter Petr Borkovec, der in Berlin lebenden slowenischen Lyrikern Maruša Krese und der slowakischen Dichterin Mila Haugová zu den Autoren und Autorinnen der ersten Stunde – dem Beginn eines „mitteleuropäischen Lyrikdialogs“. Nahezu unbekannte Dichter bekamen durch Übersetzungen auch andernorts eine Stimme. Später kamen Autoren hinzu wie Zsuzsanna Gahse, Oswald Egger, Anja Utler. / hotlist-online