In den Nachdichtungen der jahrtausendealten Lyrik aus dem Reich der Mitte taucht auffällig oft jener romantische Topos auf, den wir als urdeutsch empfinden. Von der Wehmut des Einsamen ist da die Rede. Vom Mond, der als ein verliebter Träumer aufwärts steigt. Auch vom geheimnisvoll süßen Klang der Flöte und ihrem Spieler, der den Vögeln ein Gebet in ihrer Sprache in den Himmel schickt. / Die Welt
Offenbar inspiriert von den vier „o“ des Wortes Honigprotokolle schmückt Ulrich Rüdenauer seine Rezension mit einer beeindruckenden Vier-V-Treppe, die fast perfekt wär, wäre da nicht ihre Superlativitis. Gern schlüge ich vor, Superlative mal zur Probe für zwei Jahre aus Rezensionen zu verbannen oder sie der „Zeit“ zu überlassen:
Die „Honigprotokolle“ von Monika Rinck, der vielleicht vielseitigsten, vielschichtigsten, vollkommensten Dichterin ihrer Generation, haben aber weitaus mehr zu bieten als nur den überlieferten Metaphern- und Symbolfundus. An ihnen bleibt alles haften, was der Lyrikerin im Alltäglichen über den Weg läuft, ob es Dialogfetzen sind oder Theoriefundstücke, Gedanken oder Bilder, ob sie Menschen begegnet oder Verluste erleidet. Profan und durch die Form überhöht findet es in diese zunächst wie Prosatexte erscheinenden Gedichte, die suggestiv sind auch durch ihren Rhythmus, durch Binnenreime und Assonanzen einen vibrierenden Sound entwickeln. Fast jeder dieser 65 Texte – die noch um Liedkompositionen von Bo Wiget ergänzt werden – beginnt mit dem leitmotivischen Satz: „Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle“. Es ist der aufmerksamkeitsheischende Aufruf, das was folgt, in seiner Disparatheit zu genießen, sich aber gleichwohl keinen Honig ums Maul schmieren zu lassen, sondern durch das Gebrumme und Pfeifen die Zwischentöne dieser Gedichte zu vernehmen. Die lautliche Ähnlichkeit zwischen Hohn und Honig wird hier genutzt, um auch die Bandbreite der Gedanken und Töne gleich vorwegzunehmen: Rinck kann mit Sprache ja alles, höhnisch sein und bitter, romantisch und lockend, aufbrausend und still. / Ulrich Rüdenauer, swr2 (Manuskript hier zum Nachlesen)
Monika Rinck: Honigprotokolle. Gedichte. Kookbooks
19,90 Euro
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
A while back, we published a poem about a mockingbird, but just because one poet has written a poem about something, he or she doesn’t hold rights to the subject in perpetuity. Here’s another fine mockingbird poem from Carol V. Davis, who lives in Los Angeles.
Mockingbird II
How perfectly he has mastered the car alarm, jangling us from sleep. Later his staccato scatters smaller bird that landed on the wire beside him. Perhaps the key to success is imitation, not originality. Once, when the cat slinked up the orange tree and snatched a hatchling, the mockingbird turned on us, marked us for revenge. For two whole weeks he dive bombed whenever I ventured out the screen door lured by his call: first tricked into thinking the soft coo was a mourning dove courting, next drawn by the war cry of a far larger animal. He swooped from one splintered eave, his mate from the other, aiming to peck out my eyes, to wrestle the baby from my arms, to do God knows what with that newborn.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Carol V. Davis, from her most recent book of poems, Between Storms, Truman State University Press, 2012. Reprinted by permission of Carol V. Davis and the publisher. Poem first appeared in Permafrost, Vol. 30, Summer 2008. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Calwer Hermann-Hesse-Übersetzerpreis 2012
Der Klang der Sprache
Die amerikanische Übersetzerin Susan Bernofsky hat Hermann Hesses Erzählung Siddhartha ins Englische übersetzt. Außerdem hat sie unter anderem Paul Celan und Robert Walser ins Deutsche übertragen. Ihre Übersetzungen folgten der Musikalität der Ausgangstexte, heißt es in der Begründung der Jury. / SWR2
Der marokkanische Dichter Abderrazak Jabrane starb am Sonntag nach langer Krankheit. Der 1960 in Casablanca geborene Autor war Präsident des Clubs „unité, création et analyse du discours“ (Einheit, Schöpfung und Diskursanalyse). Er veröffentlichte u.a. die Bände „Asmaa“ und „Bayade Al-Hourouf“. / La Vie écco
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I am very fond of poems that don’t use more words than they have to. They’re easier to carry around in your memory. There are Chinese poems written 1300 years ago that have survived intact at least in part because they’re models of succinctness*. Here’s a contemporary version by Jo McDougall, who lives not in China but in Kansas.
Telling Time
My son and I walk away
from his sister’s day-old grave.
Our backs to the sun,
the forward pitch of our shadows
tells us the time.
By sweetest accident
he inclines
his shadow,
touching mine.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2001 by Autumn House Press. Jo McDougall’s most recent book of poems is Satisfied with Havoc, Autumn House Poetry, 2004. Poem reprinted from The Autumn House Anthology of Contemporary American Poetry, 2nd ed., 2011, by permission of Jo McDougall and Autumn House Press. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
*) Daß die Gedichte wegen ihrer Kürze überlebt haben sollen, ist eine moderne Vorstellung. Nicht nur weil gerade lange Gedichte wie Homers Epen Jahrhunderte mündlich überliefert wurden, bevor man sie aufschrieb, sondern vor allem weil die Chinesen schreiben konnten und es auch taten – lange vor Amerikanern oder Deutschen.
Seeßlen formuliert es so: “Es sind immer weniger Menschen, die gegenüber einer immer größeren ästhetischen und diskursiven Produktion entscheiden, was verhandelbar ist und was nicht. Und diese wenigen Menschen achten viel weniger darauf, was in der Welt los ist, als darauf, was die Konkurrenz macht.” Das Feuilleton ist seiner Meinung nach “ein geschlossenes selbstreferentielles und dogmatisches Instrument zum kulturpolitischen Mainstreaming geworden. Was im deutschen Feuilleton gelandet ist, ist so gut wie tot.” / Krystian Woznicki, Berliner Gazette
Nie zuvor hat das „Schreibheft“ so viel Sorgfalt und Mühe auf die biografische Erschließung eines Schriftstellerlebens verwendet. Frühere Hefte konzentrierten sich auf kühle literaturtheoretische Exegesen und streng philologische Annäherungen. Das Konrad-Bayer-Dossier trägt nun in seiner Collage persönlicher Dokumente, Erinnerungen und Bildzeugnisse fast hagiografische Züge. Der große Avantgardist Bayer tritt uns hier als selbstquälerischer Unruhegeist entgegen, in verzweifelten Briefen, Kommentaren, faszinierenden Fotos und Handschriften. Der niederländische Essayist und Übersetzer Eric de Smedt hat gemeinsam mit dem „Schreibheft“-Herausgeber Norbert Wehr ein Dossier zusammengestellt, das die Schlüsselszenen im Leben eines kompromisslos rebellischen Autors rekonstruiert.
Konrad Bayer fehlte vollkommen das Karrierebewusstsein seiner Mitstreiter Gerhard Rühm, H.C. Artmann und Friedrich Achleitner. Er war, in seiner völligen Hingabe an ein egomanisches wildes Boheme-Leben, ein „böser Bub“, stets bereit zum Exzess in der Liebe und jederzeit willens, sich „an die Grenze seiner Physis zu bewegen“.
„Das Geschwätz vermeiden“, so hat er an den oberen Rand eins seiner graphomanisch bekritzelten Blätter geschrieben, die nun das „Schreibheft“ aus dem Nachlass veröffentlicht. Auf einem anderen Blatt findet sich ein weiterer programmatischer Imperativ: „Die Verneinung nicht vergessen“. / Michael Braun, Poetenladen
Schreibheft 79
Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 192 Seiten, 13 Euro.
(…) 1907, erschien im Insel Verlag Hans Bethges Buch »Die chinesische Flöte« mit Nachdichtungen chinesischer Lyrik. Sowohl Walter Braunfels‘ »Drei chinesische Gesänge« als auch Egon Wellesz‘ »Lieder aus der Fremde« schöpfen aus Bethges Nachdichtungen. Neben diesen beiden Liederzyklen trägt die chinesische Sopranistin Fan LinLin noch Rolf Liebermanns »Chinesische Liebeslieder« nach Klabund und Fritz Reuters »Der seidene Vorhang« nach verschiedenen chinesischen Dichtern vor.*) / regiomusik.de
Bethges Nachdichtungen asiatischer Lyrik wurden sehr oft vertont, u.a. von Gottfried von Einem, Hanns Eisler, Ernst Krenek, Gustav Mahler („Lied von der Erde“), Arnold Schönberg, Karol Szymanowski und Dutzenden weiterer Komponisten. Hier eine Liste. Der YinYang Media Verlag hat Bethges Nachdichtungen und Gedichte neu herausgegeben und auch eine Biografie veröffentlicht.
Hans Bethge
Die chinesische Flöte –
Nachdichtungen chinesischer Lyrik
Wiederauflage der ersten Ausgabe von 1907
Band 1
150 Seiten, EUR 12,50 br.
ISBN 3-9806799-5-0
Der Riedenburger Komponist Franz Hummel hat aus Anlass des 150-jährigen Bestehens der Kelheimer Befreiungshalle eine Kantate geschrieben. Das Werk erlebt am 26. Januar nächsten Jahres in Kelheim seine Uraufführung.
Die etwa halbstündige Kantate für Bariton und Blechbläser beruht auf Gedichten von König Ludwig I., der bekanntlich der Erbauer des Ruhmestempels auf dem Kelheimer Michelsberg ist. (…)
Er habe sich zu Beginn seiner Arbeit mit den Gedichten von König Ludwig I. intensiv auseinandergesetzt, berichtete Hummel. „Ludwigs Klagen, sein Selbstmitleid und seine Hingabe an den Krieg ließen mich zunächst zurückschrecken“, räumte der 73-Jährige ein. Dieser „dilettierende König“ habe gedichtet, obwohl er gar kein Dichter gewesen sei. Dafür sei er vom zeitgenössischen Dichterfürsten Heinrich Heine mit Häme überzogen worden. / idowa
Der indische Dichter Suresh Dalal starb am Freitag in Mumbai an einer Herzatacke. Er werde als einer der beliebtesten Namen der Gujaratiliteratur in die Annalen eingehen, schreibt Daily News & Analysis.
Unter der Leitfrage „Gibt es ein Gedicht, das einen so über die Maßen mitgenommen hat, dass man es im Kopf immer bei sich trägt, das einen nicht in Ruhe lässt?“ haben Jürgen Krätzer und Kerstin Preiwuß in „Dichter über Dichter“ eine „Privatgalerie poetologischer (Selbst)Auskünfte“ zusammengetragen. Mit dem Hölderlin entlehnten Motto „Die eigene Rede des anderen …“ im Titel bietet der Band eine kleine Schule der zeitgenössischen Gedichtlektüre. Poetenpaarweise geht es 22-mal quer durch den lyrischen Gemüsegarten, fast immer mit einer Replik desjenigen dem die Hommage zuteil geworden ist. Vom weiterschreibenden Remix, den Kathrin Schmidt Marion Poschmann widmet, bis zu Norbert Langes Leseanleitung von Richard Duraj, von der Anverwandlung also bis zum empathischen Metatext, werden hier Gedichte aufgeschlossen.
Bei Durajs „in the shell“ ist der Hinweis, dass sich hinter seiner typografischen Schreckgestalt die Pac-Man-Feinde Blinky, Pinky, Inky und Clyde verstecken, elementar, und ohne Katja Lange-Müllers Erinnerung an die brandenburgische Lungenheilstätte, die Uwe Kolbes gleichnamiges „Sommerfeld“ evoziert, verstünde man nur die Hälfte. Doch fast alle Texte vermitteln über solche Interpretationshilfen hinaus eine ansteckende Begeisterung. Man höre nur, mit welcher Insistenz Lutz Seiler eine Zeile von Jörg Schieke wiederholt: „du willst dich weit aus dieser gegend beugen“ – und man hätte selber gerne einen solchen Wurm im Ohr. Wenn diese Dialoge überwiegend junger bis jüngster Dichter eines schaffen, dann ist es das Vermögen, etwas von den Reizen zu vermitteln, die Gedichte aussenden und jeden neu anfliegen müssen: zur rechten Zeit, am rechten Ort – und mit der Fähigkeit, jeden „Verdacht auf veredeltes Gekritzel“ (Mara Genschel) zu zerstreuen. / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel
„Horen“ (Nr. 246, Wallstein Verlag, 280 S., 16,50 €)
Kunstkammern, wie sie in der Renaissance entstanden, waren Universalsammlungen, die nicht nur Artefakte präsentierten, sondern auch Alltagsobjekte und exotische Materialien. Die „Kunstkammer“ des Dichters Norbert Lange folgt einem ähnlichen Konzept. Sie versammelt in drei Abteilungen nicht nur Gedichttypen, Schreibweisen und Tonarten, sondern sucht in den Gedichten auch den Bezug auf die „Urschriften“ der Dichtung. Der 1978 geborene Lyriker versteht seine Poesie als „Quellenkunde“: das Freikratzen und Übermalen kanonischer Urtexte, deren Energien der Dichter durch Konfrontation des historischen Stoffs mit Materialien der Gegenwart entbinden will.
Diese Quellen findet er bei den Merseburger Zaubersprüchen ebenso wie in der Ursonate von Kurt Schwitters, vor allem in den Rhapsodien der amerikanischen Poeten Charles Olson und Jerome Rothenberg. Langes neuer Gedichtband lässt bereits mit der Sperrigkeit seines Titels erahnen, dass um eine Auseinandersetzung mit historischer Sprachmaterie geht. / Michael Braun, Badische Zeitung 11.8.
Norbert Lange: Das Schiefe, das Harte und das Gemalene. Kunstkammer. Luxbooks, Wiesbaden 2012. 122 S., 22 Euro.
Als Gewährsmann wählt Preiwuß Stéphane Mallarmé, der mit seiner ‚poésie pure‘ dem Realismus entkommen wollte, da er ihn für unzulänglich hielt, menschliches Sein zu ergründen. Preiwuß zitiert eingangs Mallarmés Diagnose des ’nicht zu verleugnenden Strebens meiner Zeit‘, nämlich ‚den doppelten Status der Rede auseinanderzuhalten, roh oder unmittelbar auf der einen, essentiell auf der anderen Seite‘.
Dieses Bestreben gilt heute vielleicht weniger, zumindest galt es nicht für Mallarmé, und es gilt es nicht für Preiwuß. Immer wieder gelingt es ihr, eine neue Balance der Rede herzustellen – leicht und ernst, feurig und kühl, nüchtern und phantastisch. Dies, aber auch die stilistischen Mittel, mit denen Preiwuß operiert, offenbart eine lyrische Urszene: ‚mein therapeut heißt sprache, die / selbe geschichte einer beziehung zwischen innen und außen / wie wir um unsere hände ringen. wie wir / beide uns gebärden im schatten ewiger gewalten / die zu verwandeln mühsam ist und selten / selig macht‘.
Mittels syntaktischer Vexierspiele gelingt es Preiwuß, der Sprache neue Luft, neuen Raum zum Atmen zu verschaffen. Überhaupt finden sich scheinbar Prosaisches (‚man traut sich ja erst jahrtausende später damit zu twittern / denn twittern ist ein anderes wort für mein vibrierendes glück‘) und Poetisches (‚können wir uns zueinander legen? / fragt der alte prellbock seine schienenenden‘) häufig gelungen aufgelöst in Bildern, die an Celan erinnern und den Tod als permanenten Begleiter beschwören: ‚er fasst dich nicht an / er trägt dich im sinn‘.
/ Philip Kovce, Süddeutsche Zeitung 31.7.
Kerstin Preiwuß: Rede. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 87 Seiten, 8 Euro.
Die Familie des bekannten politischen Dichters Can Yücel wird anlässlich seines Todestages am 12. August keine Gedenkfeier organisieren. Auch das so genannte Can Haus, in dem seine Habseligkeiten ausgestellt sind, bleibt geschlossen. Laut seiner Witwe Güler Yücel werde man erst wieder öffnen, wenn diejenigen bestraft seien, die im vergangenen Jahr sein Grab geschändet hätten.
Anlässlich des Todestages ihres 1999 verstorbenen Mannes erklärt Güler Yücel: „Can sagte: ‘Lasst Datça meine Heimatstadt sein.’ Doch sie beschädigten sein Grab.“ Immer habe er dort begraben sein wollen. Die Attacke auf seine letzte Ruhestätte im August 2011 verärgert seine Witwe nun umso mehr. Auch mit der Gemeinde soll es Unstimmigkeiten gegeben haben. Nachdem bei den letzten Zeremonien für den türkischen Dichter offenbar Wein getrunken wurde, wolle diese nun keine weitere Feier ausrichten (derzeit erschüttert ein Skandal die Kunstszene in Ankara – mehr hier). / Deutsch Türkische Nachrichten 9.8.
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