76. Hans-Ulrich Treichel zum 60.

Aber das zentrale Trauma seiner Familie wurde erst zum Thema seines Werks, als sechs Jahre später der Roman „Der Verlorene“ erschien. Bis dahin galt Treichel als ein sensibel-lakonischer Lyriker, der sich seit dem Ende der siebziger Jahre mit Gedichtbänden wie „Restposten Wunder“, „Liebe Not“ und „Seit Tagen kein Wunder“ einen Namen gemacht hatte. Treichel, der seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt, war angesehen. Mit seinem ersten Roman wurde er berühmt – und in rund dreißig Sprachen übersetzt. / Hubert Spiegel, FAZ 12.8.

75. Bildstärke

In der arabischen Welt hat Lyrik einen anderen Stellenwert als bei uns. Man besitzt, ob Handwerker oder Ärztin, ob Politiker oder Straßenhändler, einen gewissen Fundus an auswendig gelernten Gedichten, die ganz selbstverständlich in Konversationen eingebaut werden.

„Mein Baghdad ist ein Lied“ heißt es in einem der Gedichte in dem Band, oder „Ich erhielt einen Liebesbrief vom Mond“. Von den 29 Gedichten seien alle jene von arabischer Lyrik beeinflusst, so die Autorin, die die Zahl 1001 im Titel trügen: „1001 Stadt“ oder „1001 Erinnerung“. (…)

Die Bildstärke ergibt sich bei Susanne Ayoub eher aus der Reihung der Worte. Wie überhaupt hier nicht das Vokabular die Lyrik ausmacht, sondern seine Setzung. Einzige Ausnahme ist ein verspieltes Gedicht namens „Muchter und Totter“, in dem „fürchtlind“, „schmalzart“, „mitmuttig“ und „schwureidig“ eine Mutter-Tochter-Beziehung allein durch die Aneinanderreihung neuer Worte zum Tänzeln gebracht wird. / ORF

Edition Milo – Liebe. Von der erfüllten, von der enttäuschten, von der vergangenen Liebe. Gedichte, Susanne Ayoub

74. Punkgebet

Die Deutsche Presse-Agentur dokumentiert den Text des Liedes, das sich besonders gegen Kremlchef Wladimir Putin richtet.

«Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin! Schwarzer Priesterrock, goldene Schulterklappen – Alle Pfarrkinder kriechen zur Verbeugung Das Gespenst der Freiheit im Himmel Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt. Der KGB-Chef ist Euer oberster Heiliger, Er steckt die Demonstranten ins Gefängnis. Um den Heiligsten nicht zu betrüben Müssen Frauen gebären und lieben. Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Mutter Gottes, Du Jungfrau, werde Feministin, Werde Feministin, werde Feministin! Kirchlicher Lobgesang für die verfaulten Führer – Kreuzzug aus schwarzen Limousinen. In die Schule kommt der Pfarrer, Geh‘ zum Unterricht – bring ihm Geld. Der Patriarch glaubt an Putin. Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben. Der Gürtel der Seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen – Die Jungfrau Maria ist bei den Protesten mit uns! Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!»

/ Neues Deutschland

Handelswert: 2 Jahre

Hier die Variante für Focusleser

In einem Blog, der von besserwisserischen, dummen, bösartigen und sexistischen Kommentaren strotzte (meine Meinung, bitte sehr), las ich, die Übersetzung sei stellenweise nicht richtig. Hat jemand einen Link zum Originaltext?

Die Basler Zeitung porträtiert die drei Musikerinnen:

Ein ganz anderer Typ ist Aljochina, die Dichterin mit den langen blonden, lockigen Haaren. Die Mutter eines fünfjährigen Jungen arbeitete in Wohltätigkeitsorganisationen und engagierte sich im Umweltschutz. So organisierte sie Proteste zum Schutz eines Naturschutzgebiets im Süden Russlands. Eine Freundin, Olga Winogradowa, beschreibt sie als «geborene Aktivistin». Beide arbeiteten unter anderem in einer psychiatrischen Klinik für Jugendliche in Moskau. Vorwürfe, Pussy Riot habe die Gefühle von Gläubigen verletzen wollen, weisst sie zurück. «So weit es Mascha betrifft, bin ich mir sicher, dass sie niemandes Gefühle verletzen wollte». Für sie sei die Erlöser-Kirche ein politisches Symbol gewesen, das auf Putin und seine Parteien verweist.

73. Harsch

Fritz J. Raddatz in der Welt über Durs Grünbein (und Gernhardt und manche andere): „Meister der Plauderpoeme“ – „Gedichte, begreifbar wie Fernsehnachrichten, aber aufgeputzt wie für den Souvenirladen: Was ist nur bei Durs Grünbein schief gegangen?“

Er wird ausgerufen zu einer „der markantesten Stimmen deutscher Dichtung unserer Zeit“. Vollmundiger PR-Unsinn. Wie schon seit langem und an diversen Publikationen zu beobachten: Grünbein gelingen gelegentlich recht beachtliche Gedichte – ein stringentes poetisches Werk gelingt ihm nicht. (…)

Durs Grünbein aber ist eilfertig. Ein schönes Gedicht wie „Paroxysmen an der Abendkasse“ zerstört er durch edle Gebärde; da „flüstert Blattgefieder was von Kambrium“. Derlei ist ein regelrechter Defekt seiner poetischen Architektur – halbgebildete Verblüffungseffekte stören jegliche Stille.

(…)

Die zweite Ursache muss man wohl in der Eilfertigkeit dieser Gedichtproduktion sehen, eine Art Haftminenexplosion; wo und was immer auf der Welt passiert – man kann bei diesem Autor offenbar telefonisch einen gedichteten Kommentar bestellen. Daran scheiterte schon die Begabung von Erich Fried. Eklatantes Beispiel wäre Grünbeins „Ekloge“ vom Juni dieses Jahres. Da werden den Herren Theseus, Apollo, Hermes und den Damen Galene, Arethusa, Galatea – „alle in bester Partystimmung“ – Kommentare zum griechischen Finanzchaos und Insinuationen der deutschen Ungerechtigkeit in den Mund gelegt. Ein rasch zusammengetrommelter Stammtisch.

Mit der Wirklichkeit hat dies seufzende Abrakadabra nichts zu tun. Die hat Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, in dem kurzen Statement kenntlich gemacht, die Griechen müssten eigentlich nur ihre Steuern zahlen, dann wäre die Krise schon erledigt. Beleidigung der Griechen? Nun hat aber Nikos Lekkas, seit 2010 Leiter der griechischen Steuerfahndungsbehörde SDOE diese Erklärung seinerseits mit kargen zwei Sätzen untermauert: „Die Steuerflucht in Griechenland erreicht zwölf bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das sind 40 bis 45 Milliarden Euro im Jahr. Wenn wir davon auch nur die Hälfte eintreiben könnten, wäre Griechenlands Problem gelöst.“

So viel Wirklichkeit stört offenbar nur. Lieber schunkelt man sich, dazu ist man schließlich Dichter, eine hübsche kleine Illusion zurecht. Die zu verkünden nimmt Durs Grünbein selbstsicher Platz neben Ovid. Wohin er nicht gehört. Der scharfzüngige Karl Kraus wusste: Steht die Sonne tief, werfen auch Zwerge lange Schatten.

Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Suhrkamp, Berlin. 200 S., 22,95 Euro.

72. Lyrisch (2)

Daß das Wort „lyrisch“ in der Musikkritik eine andere Bedeutung hat, fasziniert mich immer wieder. Welche es genau ist? Wer Genaueres darüber weiß, könnte mir aufhelfen.

In dem hier zitierten Text kommt das Wort zunächst dieser Erwartung völlig konform:

Elīna Garanča meldet sich mit ihrem neuen Album “Romantique” aus der Babypause zurück. Mit gereifter Stimme und makelloser lyrischer Schönheit erweckt sie vergessene Heldinnen der romantischen Operngeschichte zu neuem Leben.

Im Fortgang des Textes wird es differenzierter:

Ihre Stimme sei runder und voller geworden, doch dabei habe sie ihre Höhe nicht verloren, wie es nach einer Schwangerschaft etwa typisch für ihre Kolleginnen im Sopranfach ist. Elīna Garanča sieht sich noch immer in erster Linie als Lyrikerin. Sie möchte sich die elegante Schlankheit und feine Flexibilität ihrer so sonor timbrierten Stimme unbedingt erhalten.

71. Aus dem Ei

Seinen Geburtstag, den 22. Mai 1813, kommentierte Richard Wagner selbst mit Augenzwinkern – und einem Gedicht: „Im wunderschönen Monat Mai / kroch Richard Wagner aus dem Ei; / ihm wünschen alle, die ihn lieben, / er wäre lieber drin geblieben.“ / Donaukurier

70. Schönheit des nächtlichen Lyrik-Lesens

Die besondere Schönheit des nächtlichen Lyrik-Lesens besteht wohl in der Entlastung von der Bedeutsamkeit. Der Umgang mit Gedichten ist uns leider von den strengen Literaturlehrern in ganz besonderem Maß erschwert worden. Die „Interpretation“ oder die „Textanalyse“, die uns schon in der Schule als einzig seriöse Umgangsform mit Lyrik beigebracht wurden, sind in Wahrheit sehr geeignete Mittel, die Schönheiten der lyrischen Sprache zu verfehlen. Wer Gedichte singt, auswendig hersagt oder sie in tiefer Mitternacht als Vorwegnahme des Traums empfindet, erfasst von ihrer Eigenart mehr als all jene, die der Lyrik mit großem intellektuellen Aufwand eine Rationalität unterschieben, die sie weder hat noch zu haben braucht.

Vor kurzem begegnete ich im Halbschlaf dem deutschen Dichter Oskar Loerke (1884-1941), mit dem ich im hellen Licht des Tages nicht allzu viel anzufangen weiß. Aber plötzlich, im Schutz des nächtlichen Kontrollverlusts, rührte mich eine seiner Strophen an: „Zu reisen, ist der Vögel Winterschlaf, / der schwere Frösche, Schlangen oder Bären / im Schwebetraume nur mitschwebend traf. / O dass wir alle Vogelseelen wären!“

Ich kann und will über diese Verse eigentlich nicht weiter nachdenken. Sie gefallen mir – und das nur, weil meine schlafsuchende Vogelseele einmal mit Hilfe dieser schönen Strophe mühelos von der Alltagsrationalität in die Nachtgefilde hinüber gleiten konnte. / Hermann Schlösser, Wiener Zeitung

69. Preise

Die Lyrikerin Lydia Daher aus Augsburg sowie die Romanautoren Elias Wagner aus München und der gebürtige Rosenheimer Christian Lorenz Müller erhalten die diesjährigen Bayerischen Kunstförderpreise in der Sparte Literatur. Die drei Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert, wie das Kunstministerium am Freitag in München mitteilte. / welt.de

68. Produktiv

Die literarische Produktivität des 87-jährigen Hans Bergel ist erstaunlich. Nach den erfolgreichen Bänden mit Erzählungen „Die Wildgans“ und „Am Vorabend des Taifuns“ – beide 2011 – und dem mit höchstem Lob bedachten Winkler/Bergel-Korrespondenzband „Wir setzen das Gespräch fort“ plant Bergels Berliner Verlag noch für dieses Jahr einen Band mit Übersetzungen aus rumänischer Lyrik und einen Band mit Essays; für 2013 ist die Herausgabe der Tagebücher Bergels der Jahre 1995-2000 in mehreren Bänden vorgesehen. Als bisher letztes Buch erschien vor Kurzem der Lyrik-Band „Der schwarze Tänzer“.

Zwar bestreitet Bergel im Briefwechsel mit Manfred Winkler (B. 18, S. 55-56) vehement, ein Lyriker zu sein. Doch die rund 150 „Ausgewählten Gedichte“ lassen das als „Falschaussage“ erscheinen. Vom hermetischen Gedicht („Vor einem überwachsenen Grabstein“, S. 20) über episch ausladende freie Rhythmen („Massada“, S. 61-63) bis zur traditionellen Reimstrophe in Zyklen („Vier Variationen zum Thema Herbst“, S. 21-24) bewegt sich Bergel auf mehreren Ausdrucksebenen. /

Hans Bergel: „Der schwarze Tänzer“. Ausgewählte Gedichte. Edition Noack & Block, Berlin, 2012, Paperback mit Schutzumschlag, 153 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-86813-008-9, erhältlich im Buchhandel.

67. Geklagt wird immer

Der dänische Philosoph Georg Brandes, der 1927 starb, führt Beschwerde darüber, wie schlecht schon zu seiner Zeit gelesen worden sei. Was lesen die Leute? Zeitungen! Und wenn sie doch mal Bücher läsen (als wäre nur Bücherlesen richtiges Lesen), dann versorgten sie sich in Leihbibliotheken, selbst vornehme Damen, die den Gedanken, sich etwa ihre Garderobe leihen zu sollen, weit von sich weisen würden. Kauften sie dennoch ein Buch, so wären sie geradezu stolz darauf, es wie zufällig im Gepäcknetz der Eisenbahn liegen gelassen zu haben. Was für eine Achtung für Bücher beweise das? (…)

Sowohl Brandes als auch Gelernter stellen die Diagnose, dass es mit dem Lesen bergab gehe. Bemerkenswerterweise sehen sie, obwohl sie rund ein Jahrhundert trennt, beide ihre Zeitgenossen am so ziemlich selben historischen Punkt angelangt, nämlich dort, wo sich die uralten Kulturtechniken noch so gerade mit zwei Fingern am Rand des Abgrunds festklammern, bevor der endgültige Sturz erfolgt: ein Cliffhanger in Ewigkeit. Was für Brandes die Leihbibliothek, das ist für Gelernter das E-Book: das bedrohliche Gespenst einer Entleiblichung des Lese-Erlebnisses. Wer das Buch nach der Lektüre nicht ordnungsgemäß ins eigene Regal schiebt (Brandes empfiehlt dazu, es selbst binden zu lassen), der werde ihm untreu. Damit aber beziehen die beiden Bildungs-Advokaten, ohne es zu wollen, einen letztlich banausischen Standpunkt. Denn wo wirklich existiert das Buch, wenn nicht im Kopf des Lesers? Das Regal als solches ist ein Sarg. Mit dem Lesen steht es wie mit dem Leben im Allgemeinen: Es tendiert dazu, keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen – und es kommt vor in tausend unkontrollierbaren Varietäten. Das Lesen mag sich ändern, bedroht ist es nicht. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 27.7.

66. Vor 60 Jahren erschien „Mohn und Gedächtnis“

Nicht nur Geburts- und Todestage von Schriftstellern werden von Verlagen und Feuilletons als Jubiläen begangen. In seltenen Fällen feiern sie auch Büchergeburtstage – so in diesem Jahr den 60. des Gedichtbands, mit dem Paul Celan im deutschsprachigen Raum bekannt wurde: „Mohn und Gedächtnis“.

Die Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart, Paul Celans erster Verlag in Deutschland, begeht das Jubiläum mit einem schönen bibliophilen Buch, dessen Gestaltung an die Erstausgabe von 1952 erinnert – mit dem schwarzen Leineneinband und dem Titel in stilisierter Schreibschrift. Fotos und ein materialreiches, kluges Nachwort zeichnen die Editions- und Wirkungsgeschichte von „Mohn und Gedächtnis“ nach.  / Brigitte van Kann, DLF

65. Hermann Hesse

Ja, Lyriker, denn obwohl ihn seine Romane berühmt gemacht haben bis zum Nobelpreis, haben Hesse selbst seine Gedichte immer näher gestanden. Etwa 1400 hat er geschrieben und damit auch so etwas wie ein poetisches Tagebuch hinterlassen. / Deutschland today

64. Wilhelm Busch

Ein großer Maler wollte Wilhelm Busch (1832 – 1908) werden, doch weltberühmt haben ihn die Bildergeschichten von „Max und Moritz“ oder „Die fromme Helene“ gemacht. Später schrieb er auch Prosa und Gedichte, die ihn als Meister der Sprache ausweisen: Wie viele Künstler schaffen es schon, auch mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod nicht nur respektvoll genannt, sondern auch von einem breiten Publikum gelesen und geliebt zu werden? / Hannover Zeitung

63. Geehrt

Der kongolesische Schriftsteller (Kongo-Brazzaville) Hugues Eta Tsani ist Träger des diesjährigen Paul-Éluard-Preises. Geehrt wird er für sein Buch „L’Âme des larmes“. Der Preis wird am 23.9. in Paris verliehen.  / Star du Congo

62. Salat

Über das gleiche Konzert das Hamburger Abendblatt:

Und wer vorher die Nachdichtung chinesischer Lyrik eines Wang-Seng-Yu aus dem Jahre 600 vor Christus oder eines Schi-King, der zwischen dem zwölften und dem siebten Jahrhundert seine Gedichte mit der Feder zu Papier brachte.

Was immer das heißen mag. Besonders der 500jährige Schi-King hat es mir angetan! Text hier

(Daß manche Zeitungen ihre Beiträge von Computern schreiben lassen, vermute ich schon länger. Frage mich nur, ob der Computer beim Konzert war oder die Besprechung so geschrieben hat. Das machte ihn menschlich. Am Grammatikprogramm muß noch gearbeitet werden.)