Die ganze Dichtung Majakowskis – ein Balancieren zwischen Großem und Großgeschriebenem. Majakowskis Weg ist kein literarischer Weg. Die auf seinen Wegen Gehenden beweisen das tagtäglich. Kraft läßt sich nicht nachahmen, doch ein Majakowski ohne Kraft ist Nonsens. Gemeinplatz, zu Größe gesteigert – so, meistenteils, die Formel für Majakowski. Darin (ein anderes Zeitalter, eine andere Redeweise) gleicht er Hugo, den er, ich erinnere, schätzte:
In jedem Jungen – Marinettis Pulver,
In jedem Alten die Weisheit Hugos.
В каждом юноше порох Маринетти,
в каждом старце мудрость Гюго.*
Nicht von ungefähr Hugo, und nicht Goethe, mit dem er nichts Gemeinsames hat.
Marina Zwetajewa: Epos und Lyrik des zeitgenössischen Rußland, in: Ausgewählte Werke, Band 2 – Prosa. Berlin: Volk und Welt 1989, S. 287.
*) Wladimir Majakowski: Война и мир (Krieg und Frieden), Poem (1917)
Die Magistratsdirektorin gab ein Gedicht zum Besten: „In der Christnacht“ von Ottokar Kernstock. Während dieses Werk unverfänglich ist, gilt das für seinen Verfasser nicht.
„Kernstock war kriegstreiberisch, völkisch und ein Antisemit“, sagt Klaus Amann, Professor für Neuere Deutsche Sprache und Literatur an der Uni Klagenfurt. Der 1928 verstorbene Kernstock gilt den einen als Heimatdichter, den anderen als ein Wegbereiter der Nationalsozialisten. Sein „Hakenkreuzlied“ lässt aber keinen Zweifel offen, wem darin Kernstocks Sympathien gelten. / Kleine Zeitung
Kernstock ist ein steirischer Heimatdichter, der mich nicht besonders interessiert. Sehr schlichte Reimereien, die natürlich ihre Leser finden, ein beliebiges Beispiel:
Nicht vergessen soll ich deiner?
Sag, wie könnte das gescheh’n
Dich vergißt im Leben keiner,
Der dich einmal nur geseh’n.Als du jüngst in Festgewanden
Durch den hohen Saal gewallt,
War’s, als käm‘ aus Feenlanden
Elfe Märchens Huldgestalt.
Projekt Gutenberg veröffentlichte einige Gedichte und schreibt in der Einleitung:
Er trat während seines Studiums in Graz der schlagenden Burschenschaft ‚Gothia‘ bei.
Dort liegt der Ursprung jenes aggressiven Deutschnationalismus, der Kernstocks Priesterberuf zuwiderlief, aber sein gesamtes dichterisches Werk prägt.
Ich rücke die Nachricht aus der steirischen Provinz hier nur ein, weil Information nie schadet und weil man über das Problem immer wieder nachdenken muß. „Darf“ man Weihnachtsgedichte von NS-Sympathisanten vortragen? Ein Leserkommentar sagt:
Heute aber gibt es eine Reihe von Gesetzen, die noch aus der NS-Zeit stammen, zum Beispiel geht das heutige Jagdgesetz weitgehend auf Herrmann Göring zurück. Oder die Krichensteuer usw… Wäre wohl zielführender damit mal aufzuräumen!!!
Aus dem Austria-Lexikon:
1916 hätte Kernstock Leiter des Germanistischen Seminars der Universität Wien werden sollen. Karl Kraus protestierte dagegen in der Fackel und nannte ihn den „blutigsten Dilettanten der Weltkriegslyrik.“ Kernstock verzichtete auf die Position. 1919 wurde er Ehrendoktor der Universität Graz. 1920 erhielt er zusammen mit Rainer Maria Rilke den Mejstrik-Preis. (Der historische Mejstrik-Preis wurde 1920 erstmals verliehen zur Erinnerung an den Wiener Buchhändler und Schriftsteller Adolf Mejstrik (*1840; †1918), der sich große Verdienste um den Wiener Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung erworben hatte.)
Mehr von und über Kernstock
Anders als Christine Lavant gibts den Kernstock bei Wikipedia auch auf Arabisch (mit Link aufs Hakenkreuzlied) und anders als Christine Busta auch auf Russisch
Wir, das Personal des College Arthur Rimbaud, bemerkten am Montag, d. 10. Dezember, daß die Turnhalle Santi, die die Schüler täglich für sportliche Aktivitäten nutzen, nicht mehr zugänglich ist. Sie war beschlagnahmt worden, um für zwei Nächte Familien unterzubringen, die durch die große Kälte in der Nacht vom 8. zum 9. Dezember aus ihrem Lager vertrieben wurden.
Diese Familien haben die Turnhalle am Montagmorgen verlassen und befinden sich seitdem auf der Straße, ohne Obdach, in einer noch schlimmeren Lage als diejenige, die ihnen vor dem Eingreifen der Ordnungskräfte das Überleben ermöglichte.
Wir, Zeugen dieser Situation, Lehrer und Bürger, können nur gegen die Abschiebung dieser Roma-Familien protestieren, die sie noch mehr der Kälte und Krankheit aussetzt. / Mille Babords
So, 16. Dezember, 19:30 Uhr, Literaturhaus (Fasanenstr. 23):
BLOOD ORANGE – book launch with Maroula Blades & friends.
Die Berliner Dichterin und Sängerin Maroula Blades gehört zu den wichtigsten englischsprachigen Poeten der Stadt. Mit dem Instrument ihrer Stimme und verwoben mit Musik erlangen ihre Texte beinahe hypnotische Wirkung. In diesem Jahr erhielt sie den britischen Erbacce Poetry Prize, (nach einem Wettbewerb mit ca. 4000 Teilnehmern) was zur Folge hat, dass sie nunmehr die erste umfassende Sammlung ihrer Gedichte vorlegen kann: BLOOD ORANGE, die Lyriksammlung, deren Erscheinen sie am Sonntagabend mit einer zweisprachigen Sound- & Leseperformance vorstellt.
Englisch und deutsch.
Herzlich willkommen.
PS: Dies ist unsere letzte Veranstaltungsempfehlung für dieses Jahr. Allen Literaturbegeisterten & Co angenehme Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr!
—
Berliner Literarische Aktion e.V.
Kastanienallee 2
D – 10435 Berlin
Tel.: ++49 (0) 30 / 53 15 59 63
email: info@berliner-literarische-aktion.de
www.berliner-literarische-aktion.de
Luc Bondy inszeniert in seinen Gedichten ein Leben, ja ein Welttheater in nuce mit Ängsten und Aufschwüngen, in denen jedermann sich selbst wiederfindet. / Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ
Luc Bondy: Toronto. Gedichte. Zsolnay-Verlag, Wien 2012. 64 S., Fr. 21.90.
Peter Handke ist schwer zu ertragen. In seinem Fall ist das eine Qualität. In seiner Konzentration auf das Einfache, Natürliche, Stille könnte er als Vorbild für eine nicht am Konsum, sondern am originären Denken orientierte Existenzweise dienen. (…)
Handke ist einer der wenigen wirklichen Individualisten, die wir haben, und nicht bloß einer, der sich originell ausstaffiert. An ihm kann man ablesen, wie anstrengend das ist, wie viel Rücksichtslosigkeit und Beharrlichkeit man dafür braucht – und das in einer Gesellschaft, in der Individualismus täglich gefeiert wird. Seine Sensibilität erzeugt ihre eigenen Sensationen. Das genügt. / Jörg Magenau, taz 6.12.
Eine Demokratie sollte so auch mit Handkes dingmetaphysischer Politik umgehen. Goethe war für Napoleon. Das war damals mehr als politisch unkorrekt, es war geradezu schon Landesverrat. Voltaire verhaftet man nicht, und Voltaire zerrt man auch nicht vor die Wohlfahrtsausschüsse der politischen Korrektion. Das Getümmel um den Heine-Preis und vieles andere dieser Art ist unwürdig gewesen. / Stephan Wackwitz, taz 6.12.
Er meinte auch, daß die Jugend die Lektüre der Poeten ebenso brauche wie die Nahrung; diese stärke den Körper, jene den Geist. Diejenigen jedoch, die ohne die Hilfe der Poesie andere Wissenschaften angingen, verglich er mit Menschen, die geringschätzig am offenen Tor vorbeigingen, um durch die Mauer in die Stadt zu gelangen. Er behauptete, es sei eher möglich, daß jemand mit Hilfe der Poesie alle Wissenschaften begreife, als daß er, in allen anderen unterwiesen, aus eigenem Willen die Kunst der Poesie erreichen könne.
1476
Filippo Buonaccorsi detto Callimaco: Das offene Tor der Poesie.
In: Karl Dedecius (Hg./ Übers.): Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten. Berlin u. Leipzig: Insel 2011, S. 61.
Filippo Buonaccorsi, lateinisch Philippus Callimachus Experiens, polnisch Filip Kallimach (* 1437 in San Gimignano; † 1. November 1497 in Krakau) war ein italienischer Humanist und Staatsmann. Wegen Freidenkertums und Beteiligung an einer Verschwörung gegen Papst Paul II. mußte er Rom verlassen und kam 1470 in das tolerante Polen, wo er der erste neulateinische Renaissancedichter wurde.
Die in Stralsund lebende Lyrikerin Silke Peters ist ein Geheimtipp. Nun ist gewiss nicht alles, was versteckt im literarischen Hintergrund liegt, gleich avantgardeverdächtig. Doch das Faszinierende an ihrer Lyrik ist eine Spannung der Sprache, die aus einer Inkohärenz der Motive, der Blick- und Bildfelder entsteht und im Zerstreuten der Wirklichkeit, im Heterogenen und Brüchigen die Wahrheit eines verborgenen Ganzen entdeckt – mehr kann Sprache nicht leisten. (…) Die Sprache ist kein Gefäß der Gedanken, sondern selbst ein Gedanke, der noch gedacht werden muss. Würde sich nun die ganze Mitteilung dieser sich selbst immer wieder ins Wort fallenden lyrischen Rede darin erschöpfen, dass sich die Sprache persistent auflöst vor den Dingen, die sie benennt, wäre wohl auch der Leser alsbald erschöpft. Aber ganz nebenher bewegt sich der Text auf eine Geschichte zu, die sich im Schatten der inszenierten Redeverweigerung wie von selbst erzählt. Es ist eine Liebesgeschichte, und sie meint mehr als nur den geliebten einen (anderen) Menschen; sie meint den anderen an und für sich, durch den alles Sprechen überhaupt erst sinnvoll werden kann. / draw[ert], FAZ 11.12.
Silke Peters
Ich verstehe nichts vom Monsum. Erzählung
Freiraum Verlag 2012
ISBN: 9783943672060
110 S., 11,95 €
Der Walliser Dichter Maurice Chappaz (1916–2009), jahrzehntelang der grosse Doyen der Westschweizer Literatur, starb dreissig Jahre nach seiner ersten Frau, der Schriftstellerin S. Corinna Bille (1912–1979), dreissig Jahre, in denen sein Werk weiter voranschritt, in denen er eine neue Ehe einging, neue Freundschaften schloss, neue literarische Wege einschlug. Und dennoch: Noch immer erscheinen Bille und Chappaz als Paar, und das nicht nur in der privaten oder kollektiven Erinnerung, sondern ganz konkret auch in Literaturgeschichten und Editionsprojekten. Längst sind die beiden zu einem Mythos der Schweizer Literatur geworden. Zwei lange erwartete erste Bände mit der fast tausend Seiten umfassenden Korrespondenz der gemeinsamen Jahre 1942 bis 1953 werden 2013/14 von dem Lausanner Romanisten Jérôme Meizoz herausgegeben, weitere Bände mit der gesamten Korrespondenz sollen folgen, und man kann jetzt schon davon ausgehen, dass die Lektüre dieser Briefe den Mythos weiter ausbauen und befestigen wird. / Sabine Haupt, NZZ
Maurice Chappaz: In Wahrheit erleben wir das Ende der Welt. Ein Lesebuch. Hg. von Charles Linsmayer. Verlag Huber, Frauenfeld 2012. 352 S., Fr. 42.90. Corinna Bille: Von der Rhone an die Maggia. Erzählung einer Wanderung. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2011. 120 S., Fr. 24.–. Corinna Bille: Schwarze Erdbeeren. Erzählungen. Aus dem Französischen von Marcel Schwander. Herausgegeben von Peter von Matt. Nagel & Kimche, Zürich 2012. 176 S., Fr. 27.90. Corinna Bille: Dunkle Wälder. Roman. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2012. 160 S., Fr. 24.–. Corinna Bille: Alpenblumenlese. Kleine Prosa. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2012. 70 S., Fr. 24.–
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Als Derek Walcott im Jahr 1992 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hörten viele aus der hiesigen Literaturszene den Namen zum ersten Mal. Jetzt geht der „Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie 2013“ an den Dichter aus der Karibik.
Geehrt werden Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels für den Gedichtband „Weiße Reiher“. Dies hat der Rat der Stadt in seiner nicht-öffentlichen Sitzung am Mittwochabend auf Vorschlag einer Fachjury bestätigt. Autor und Übersetzer teilen sich die Preissumme von 15 500 Euro. Die Ehrung erfolgt am 26. Mai (Sonntag), am Schlusstag des Internationalen Lyrikertreffens in Münster. Start ist am 24. Mai (Freitag). / Sabine Müller, Münstersche Zeitung
Am 27.12. 1925 nahm sich der russische Dichter Sergej Jessenin das Leben. Im Hotel „Angleterre“ im damaligen Leningrad schnitt er sich eine Vene auf und erhängte sich dann. Und hinterließ ein Abschiedsgedicht – kolportiert wird, er habe es in Ermangelung von Schreibmaterial mit seinem Blut geschrieben.
До свиданья, друг мой, до свиданья.
Милый мой, ты у меня в груди.
Предназначенное расставанье
Обещает встречу впереди.
До свиданья, друг мой, без руки, без слова,
Не грусти и не печаль бровей,
В этой жизни умирать не ново,
Но и жить, конечно, не новей.
In der Übersetzung Paul Celans:
Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.
Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Da’s so war: ein Wiedersehn versprichts.
Hand und Wort? Nein, laß – wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.
Aus: Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und deutsch. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam 1981 (4., veränd. u erw. Aufl.), S. 226f.
Das Gedicht wurde unmittelbar darauf veröffentlicht. Jessenin war bei einem breiten Publikum beliebt. Wladimir Majakowski empfand das als sozialen Auftrag:
Jessenins Ende erweckte Trauer, ganz gewöhnliche, menschliche Trauer. (…) Aber am Morgen brachten die Zeitungen seine Abschiedsverse (…)
Mit diesen Zeilen war der Tod Jessenins eine literarische Tatsache geworden.
Es war sofort klar, daß dieses starke Gedicht eben als Gedicht eine große Zahl Schwankender zu Strick und Revolver greifen lasssen würde.
Und keine, aber auch gar keine Zeitungskommentare und -artikel waren in der Lage, dieses Gedicht auszulöschen.
Gegen dieses Gedicht konnte und mußte man mit einem Gedicht, und nur mit einem Gedicht, kämpfen.
Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? Deutsch von Siegfried Behrsing. Berlin: Volk und Welt 1949, S. 66f. (Später in der Übersetzung von Hugo Huppert in der fünfbändigen Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt und als Suhrkamptaschenbuch unter dem gleichen Titel.)
Majakowski beschreibt in diesem auch heute noch lesenswerten Aufsatz seine Arbeitsweise.
AN SERGEJ JESSENIN
Sie sind weg,
aaaaaaaaaaa wie’s heißt:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa in eine andere Welt.
Leerer Raum…
aaaaaaaaaaaaa Flugs – zu den Sternenlichtern!
Keinen Vorschuß,
aaaaaaaaaaaaaaa Bier und Bar entfällt.
Nüchtern…
Nein, Jessenin,
aaaaaaaaaaaa mir gelingt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa kein Lächeln, −
Schmerz,
aaaaaaa nicht Spott,
aaaaaaaaaaaaaaaaa hält mich beim Hals gepackt.
Und ich seh:
aaaaaaaaaaa Blut strömt von Ihren Knöcheln,
und Sie schwingen
aaaaaaaaaaaaaaaa Ihren Knochensack.
Schluß,
aaaaaa jetzt hörn Sie auf!
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sind Sie nicht bei Verstande?
Wünschen Sie
aaaaaaaaaaaa die eigenen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Wangen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa totenbleich?
Der Sie
aaaaaa sonst
aaaaaaaaaaa den kühnsten Spaß verstanden −
wer
aaa auf Erden
aaaaaaaaaaa tat es Ihnen gleich?!
Ach warum?
aaaaaaaaaa wozu!
aaaaaaaaaaaaaaa Vergeblich mein Gegrübel.
Krittler nörgeln:
aaaaaaaaaaaaaa schuld an dem Kollaps
wäre dies und das,
aaaaaaaaaaaaaaaa vor allem
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ein Hauptübel:
wenig Massenfühlung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa folglich Bier und Schnaps.−
Sehn Sie,
aaaaaaaa hätt auf Sie
aaaaaaaaaaaaaaaaa statt der Boheme
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa die Klasse
eingewirkt,
aaaaaaaaaa man brauchte keinen Nekrolog.
Leider
aaaaa trinkt die Klasse
aaaaaaaaaaaaaaaaaa auch nicht Kwaß und Wasser,
sondern kippt
aaaaaaaaaaaa im Durstfall
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa einen steifen Grog.
Hätt man Ihnen
aaaaaaaaaaaaa einen der „Wachtposten“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa beigestellt,
hätten Sie
aaaaaaaa inhaltlich
aaaaaaaaaaaaaaaa viel gewonnen:
hätten
aaaaa täglich
aaaaaaaaaaa hundert Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hergestellt,
lang
aaa und langweilig
aaaaaaaaaaaaaaa wie von Doronin.
Doch ein solcher Wahnwitz,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa scheint mir,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hätte wohl
nur beschleunigt
aaaaaaaaaaaaaa die selbstmörderische Eile.
Besser noch
aaaaaaaaaa ein Tod im Alkohol
als vor Langeweile!
Weder Strick
aaaaaaaaaaa noch Federmesser
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa lösen
uns das Rätsel
aaaaaaaaaaaa des Verlusts,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den wir erlitten.
Vielleicht,
aaaaaaaa wär im „Angleterre“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Schreibzeug gewesen,
hätten Sie sich nicht
aaaaaaaaaaaaaaaa die Adern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgeschnitten.
Gleich sind da Nachahmer,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa rufen: „noch einmal!“
Kompanieweis
aaaaaaaaaaaa suchen sie den Freitod.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Ist das schön:
daß die Selbstmordziffer
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa steigt?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sinnlose Zahl!
Besser wärs,
aaaaaaaaaa die Produktion von Schreibzeug
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zu erhöhn!
Ihre Zunge
aaaaaaaaa schweigt,
aaaaaaaaaaaaaaaaa verbissen und entgeistert.
Für Mysterien
aaaaaaaaaaaa ist hier nicht die Stimmung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa nicht die Stelle.
Dem Genie des Volks,
aaaaaaaaaaaaaaaaaa dem weisen Mundwerksmeister,
starb
aaaa ein klangfroh
aaaaaaaaaaaaaaaa trunkener Lehrbursch und Geselle.
Leichenbitter-Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaa bringt man,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa abgequält
und kaum umgemodelt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa von den Feiern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa früherer Toten:
Reime werden
aaaaaaaaaaaa stumpf
aaaaaaaaaaaaaaaaaa ins frische Grab gepfählt.
Wird dem Dichter
aaaaaaaaaaaaaaa so
aaaaaaaaaaaaaaaaa der letzte Gruß entboten?
Ihnen
aaaaa ist kein Denkmal noch gegossen,
keine Bronze
aaaaaaaaaaa klingt
aaaaaaaaaaaaaaaa und kein Granitschliff
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa glitscht.
Doch an das Gedächtnisgitter
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa klatscht schon
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa unverdrossen
Widmungskitt
aaaaaaaaaaaa und Memoirenkitsch.
Schon ins Schnupftuch geschneuzt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ist Ihr Namen,
Ihr Lied
aaaaaaa plärrt Sobinow
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa empfindsamen Damen,
greint
aaaaa im jämmerlichen Birkengrün:
„Kein Wort, o Freund, kein Seufzer.“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Den Tenor,
oh,
aaa den knöpften Sie sich anders vor,
diesen saubern
aaaaaaaaaaaaa Leonid von Lohengrin!
Ja, Sie führen drein
aaaaaaaaaaaaaaaa mit Flüchen, Püffen:
„Ich verbiete,
aaaaaaaaaaa Poesie zu speicheln
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa und zu kaun!“
Mit betäubenden
aaaaaaaaaaaaaa Dreifinger-Pfiffen
täten Sie
aaaaaaa den Drei-Etagen-Fluch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufbaun!
daß er dies untüchtige
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa Gezüchte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa züchtige,
bis die Rockschöße
aaaaaaaaaaaaaaaa an ihm
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wie Segel wehn;
daß ein Kogan
aaaaaaaaaaaa krach,
aaaaaaaaaaaaaaaaa in alle Winde sich verflüchtige,
mit dem Schnurrbart
aaaaaaaaaaaaaaaaa unterwegs
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgabelnd irgendwen.
Noch ist
aaaaaaa diese Welt
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Lumpenpack verschandelt.
Viel gibts noch zu tun −
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa man fahre drein!
Unser Leben
aaaaaaaaaa sei erst
aaaaaaaaaaaaaaaa ganz verwandelt,
dann, hernach,
aaaaaaaaaaaa soll es besungen sein.
Diese Zeit
aaaaaaaa ist für die Schreibkunst schwierig;
aber sagt,
aaaaaaaaa ihr Krüppel,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa wann und wo ihr saht,
daß ein großer Geist.
aaaaaaaaaaaaaaaaa auf leichtes Spiel
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa begierig,
den breit ausgetretnen
aaaaaaaaaaaaaaaaaa Weg
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa betrat!
Wort –
aaaaa Heerführer
aaaaaaaaaaaaaa aller Menschenkraft.
Marsch!
aaaaaaa daß hinten
aaaaaaaaaaaaaaaa Zeit
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa in Schweifraketen berste.
Ins Vergangene sei
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Wind
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zurückgerafft
nur des Haares wirre Schwärze.
Unser Erdplanet erweist
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den Lustbarkeiten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wenig Gunst.
Jede Freude
aaaaaaaaaa muß
aaaaaaaaaaaaaa dem Kommenden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa entrissen werden.
Sterben
aaaaaa ist hienieden
aaaaaaaaaaaaaaaaa keine Kunst.
Schwerer ists:
aaaaaaaaaaaa das Leben baun auf Erden.
Mein Freund Michael Gawenda aus Stralsund hat es nicht mehr ausgehalten mit sich, mit uns. Vor wenigen Tagen nahm er sich das Leben. Ich kannte ihn länger als ein Vierteljahrhundert. Er war Student in Greifswald, schrieb Gedichte, rimbaldesk. Wenn ich ihn viel später traf, zitierte er manchmal Verse, die er zuerst von mir gehört hatte. Vielleicht Karl Mickel, Georg Trakl, Inge Müller, Hölderlin, Rimbaud, Cummings. Es könnten auch diese von Majakowski gewesen sein. Bei einem frühen Selbstmordversuch verbrannte er ein langes Manuskript und wollte hinterher, aber wurde gerettet. Jetzt hat er es geschafft, für ihn wohl eine Erlösung. Aber den Seinen fehlt er. Ach, es ist nicht richtig, daß die Alten den Jüngeren nachrufen.
Gedichte helfen nicht (auch Majakowski war nicht zu helfen). Sie machen das Leben nicht besser, aber für manche erträglich. Wer von uns könnte leben ohne den Trost der Gedichte? Aber er wirkt nur für die Dauer des Gedichts, während wir es lesen oder anderen vortragen.
Wie bezwingt man schriftstellerisch ein Monstrum wie den Pergamonaltar, ohne dass das Ergebnis vor Schweiß trieft? – Mittels sinnlicher Hingabe, wie der Lyriker Gerhard Falkner zeigt. Seine Pergamon Poems sind eine lyrische Ekphrasis des auf dem Fries in Szene gesetzten, dramatischen Kampfes zwischen Göttern und Giganten. Schauspieler der Schaubühne Berlin übersetzten die Gedichte im Auftrag des Pergamonmuseums ins filmische Medium. Das »Götterkino« gibt es hier zu sehen. Aufgrund der brachialen Mixtur aus Alltagssprache und antikem Pathos wirken einige Gedichte etwas forciert. Das »Götterkino« jedenfalls beweist: Eine professioneller Vortragsweise ist die beste Kosmetik für mittelmäßige Texte. / Marion Acker, Kritische Ausgabe
Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungslinien sprachreflexiver Dichtung kennenlernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahresfrist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verlorenheits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fortschreitenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigenständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Gedicht aus dem „bruder morpheus“-Manuskript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende geschichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasenstück“ mit dem Bienen-Motiv der amerikanischen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Übersetzungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meisterstücke lyrischer Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traumwanderungen ein phantamagorisches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu enträtselndes, gleichwohl faszinierendes Stück hermetische Poesie, in dem sich die Wörter zu verselbständigen scheinen, sind schließlich die „Quadratgedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erstmals einem deutschen Publikum präsentiert werden. Übersetzt hat diese „Quadratgedichte“ der wohl sprachbesessenste Poet der Gegenwart, der Österreicher Franz-Josef Czernin.
Die verlässlichste Zeitschrift für die Erkundung neuer dichterischer Sprechweisen ist aber seit über dreieinhalb Jahrzehnten der „Park“, im Alleingang herausgegeben von dem Lyriker und Übersetzer Michael Speier. In der jüngsten Ausgabe, der Nummer 65 des „Park“, hat Speier wieder zauberhafte Gedichte von Kerstin Preiwuß und Christoph Meckel versammelt, neben Texten finnischer Dichter. Das darf schon deshalb als editorische Großtat gerühmt werden, weil finnische Dichtung nach dem Tod von Paavo Haavikko von der Landkarte der modernen Poesie verschwunden scheint. Einen Auftritt im „Park“ wie auch in der „Mütze“ hat der Dichter Ron Winkler, der kurz vor seinem vierzigsten Lebensjahr neue Möglichkeiten des Sprechens für sich entdeckt hat, die ihn von den stark technizistischen Bewusstseinsgedichten seiner frühen Jahre wegführen. / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen
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