90. American Life in Poetry: Column 399

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Our sense of smell is the one sense most likely to transport us through time. A sniff of fried fish on a breeze and I can wind up in my grandmother’s kitchen sixty years ago, getting ready to eat bluegills. Michael Walsh, a Minnesotan, builds this fine poem about his parents around the odor of cattle that they carry with them, even into this moment.

Barn Clothes 

Same size, my parents stained and tore
alike in the barn, their brown hair

ripe as cow after twelve hours of gutters.
At supper they spoke in jokey moos.

Sure, showers could dampen that reek
down to a whiff under fingernails, behind ears,

but no wash could wring the animal from their clothes:
one pair, two pair, husband, wife, reversible.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 University of Arkansas Press, from The Dirt Riddles by Michael Walsh, University of Arkansas Press, 2010. Reprinted by permission of Michael Walsh and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

89. Von Schmetterlingen in den Versen

Gelegentlich meldet sich im Band ein leicht elegischer Ton, etwa in dem berührenden Gedicht auf Konrad Klotz, der von 1951 bis 1997 gelebt hat und als Lyriker zu Unrecht fast schon vergessen ist. In rhythmisch schwingenden Langzeilen geht die Erinnerung zurück an gemeinsame Gespräche «von Schmetterlingen in den Versen, toten Dichtern, von den Fäden des Geschicks und des Gedichts, irgendwo von wem durch uns hindurch gewoben».

Vieldeutig bleiben die Verse im Gedicht «Rille», worin eine alte Schallplatte sich dreht und dreht und, gewendet, sich weiter dreht: Da wird die alte Vinylscheibe ein durchaus vertracktes Bild für Wiederholung, für das Ewiggleiche – und zugleich dafür, dass es immer weitergeht. Nahe liegt wohl auch die Erinnerung eines Ichs an verlässliche Musikfreuden und damit an ein Lebensgefühl, das auf sinnfällige Weise mit dem schwarzen Teller verbunden bleibt. Das metrisch akkurate Drehen wird hier zum Ort, «wo Ton und Klang, Klang und Gesang / im Stelldichein sich wandeln und verwehen». / Martin Zingg, NZZ

Jürgen Theobaldy: Suchen ist schwer. Gedichte. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2012. 88 S., € 12.–.

88. Unbeständiger Ruhm

Napoleon soll ihn den «Voltaire der Deutschen» genannt haben; in Erfurt, wo Wieland für kurze Zeit eine Professur für Philosophie innehatte, sagte man ihm die «Gesinnungen eines epikureischen Schweins» nach. Als erstem deutschem Dichter kam ihm zu Lebzeiten die Ehrung einer prachtvollen Gesamtausgabe seiner Werke zu (die heute kaum einer mehr liest); derweil dichteten ihm andere schon 1772 eine wenig schmeichelhafte künftige Grabschrift, in der es hiess: «Hier modert – Gebein, das beseelt schon dörrte.»

Das Museum Strauhof zeichnet aus Anlass des zweihundertsten Todestages des Dichters dessen Lebenswege nach und zeigt mit schöner Anschaulichkeit dieses Nebeneinander von Verehrung und Ablehnung. / Roman Bucheli, NZZ

Zürich, Museum Strauhof, bis 24. Februar 2013, mit Begleitheft.

87. Auszeichnung

Jena – Romina Voigt und Moritz Gause sind die Preisträger des 16. Walter-Dexel-Stipendiums. In der Rosenthal-Villa übergaben Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) und Stadtwerke-Geschäftsführer Thomas Dirkes den jungen Lyrikern die Auszeichung. Damit ging das Stipendium erstmals an zwei Künstler.

Romina Voigt und Moritz Gause organisieren Lesungen u.a. im Jenaer Kunsthof und haben die Initiative ,Wortwechsel‘ ins Leben gerufen, zählte OB Schröter in seiner Laudatio die Verdienste der Stipendiaten auf. „Mit der Lesebühne ,Lautschrift‘ und seit 2012 mit ,Wortwechsel‘ haben die beiden Lyriker ein Forum in Jena geschaffen, in denen sich junge Autoren einem interessierten Publikum vorstellen können“, so der Laudator. / Deutschland today

86. Andere Mitteilung

Lyrik ist etwas, das mit Schweigen zu tun hat, Schweigen nicht unbedingt im Sinne einer meditativen Stille, sondern: LyrikerInnen hören im Gerede etwas sprechen, was nicht gesagt wird, was verschwiegen wird vom Gerede, oder sie beobachten Worte, wie sie sich selbst gegenüber still verhalten, wie sie stumm werden. Lyrik geht eine andere Mitteilung einholen, als die, die allgemeinhin gehört wird.

Niemand versteht Lyrik auf Anhieb, auch LyrikerInnen nicht. Ungewöhnliches steht da im Raum; Unerwartetes tritt auf; etwas, was nicht im herkömmlichen Sinne zwingend logisch sein muss, kommt zum Vorschein. (…)

Lyrik versucht seit Jahrhunderten, sich hinauszuschieben aus dem Feld der allgemeingültigen Mitteilung, wegzugehen aus dem Hauptraum der Rede. Sie geht in ein anderes Zimmer, um etwas zu besprechen, was nicht im Klartext verhandelbar sein soll, auch nicht verhandelbar ist, was da gar nicht hineingehört. (…)

Lyrikrezeption, vor allem in Form einer Dichterlesung,  kränkelt oft daran, dass der Zuhörer meint, er müsse sofort verstehen, was da gesagt wird – und schon ist etwas, was frei war, wieder eingefangen worden durch unser eingeschliffenes Willens-Muster, alles schnell in den Griff kriegen zu können. Wir haben das Gedicht verpasst, wenn wir auch unsere Ruhe nun haben.

/ Lioba Happel: Zu Vera Schindler-Wunderlichs Gedichtbuch Abstandszimmer im Freien anläßlich der Buchpremiere am 27.10.2012 in Basel, Kulturnotizen

85. Abschied mit Portela

Mittwoch, 19. Dezember 2012, 19:30 Uhr
Der Seemann mit den Morgenpferden unter dem Gewand
Es lesen Elías Portela und Denis Abrahams
Eintritt 5,-/4,-€

Liebe Abonnent/inn/en des Lettrétage-Newsletters,

unsere vorläufige Abschiedslesung ist dem galicisch-isländischen Dichter Elías Portela gewidmet, der derzeit in Berlin zu Gast ist. Elías Portela wurde 1981 im galicischen Cangas do Morrazo in Spanien geboren. Neben Gedichtbänden Imaxes na Pel (2009) und Cos Peitos Desenchufados (2010) auf Galicisch veröffentlichte er zuletzt unter dem Pseudonym Elías Knörr in isländischer Sprache den Band Sjóarinn með Morgunhestana undir Kjólnum. Die englische Poetry Society ernannte den Inkognito-Galicier daraufhin zu einem der drei wichtigsten aktuellen isländischen Dichter. Unter anderem übersetzte er zudem Texte der preisgekrönten isländischen Autoren Auður Ava Ólafsdóttir, Sjón und Einar Már Gudmundsson ins Spanische bzw. Galicische und experimentiert mit einer selbst entwickelten Kunstsprache namens Lwyma. 2010 wurde er mit dem Literaturpreis „Xohán de Cangas“ ausgezeichnet.

Sie sprechen kein Galicisch und erst recht kein Isländisch? Kommmen Sie bitte trotzdem! Zu unser aller großem Glück liest Denis Abrahams ein weiteres Mal die deutschen Übersetzungen der vorgestellten Texte.

Wir würden uns freuen, Sie noch einmal in der Lettrétage begrüßen zu dürfen! Dies ist wie gesagt die vorläufig letzte Gelegenheit dazu. Im September 2013 eröffnet die Lettrétage in alter und sogar noch etwas zusätzlicher neuer Frische.

Für den Fall, dass wir uns nicht mehr sehen: Wir wünschen Ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest, erholsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Herzliche Grüße im Namen des Lettrétage-Teams
Ihr Moritz Malsch

Lettrétage / Methfesselstr. 23-25 /10965 Berlin / Tel. 030 – 692 45 38
www.lettretage.de / info@lettretage.de

84. Dichter

Hölderlin schrieb in den letzten Jahren an seine Mutter
in sehr respektvollem Ton, mit den als Kind gelernten Formulierungen,
und bat nur um Unterhosen, um ein Paar schlecht geflickter Socken, um kleine und offensichtliche Dinge
wie diejenigen Rimbauds in Abessinien oder im Krankenhaus – Que je suis doncs devenu malheureux!
und so enden die Dichter; verletzt, für nichtig erklärt, Lebend-Tote, und deshalb nennen wir sie Dichter

Pere Gimferrer: Die Spiegel. Der öde Raum. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. München: Hanser 2007 (Edition Lyrik Kabinett Bd. 7), S. 7/9.

Die Dichter wohnen in den Jahrhunderten

Die Dichter wohnen in den Jahrhunderten, 
Dieser in jenem, jener in diesem, einer lappt über, 
Der andere mittendrin wie der andere, der auch mittendrin wohnt.
Schön und gut. Endler erstreckt sich von 30 bis 90 in seinem. 
Sonst wohnen auch die Dichter in Wohnungen wie dieser, 
Die z. B. der Endler besitzt, Quartierchen fünfter Stock, 
Badlos, Hinterhaus, Außenklo, aber mit Sonne. 
Wenn der Dichter Endler seinen Kopf zum Fenster rausstreckt, 
Sieht er nach, ob die Müllkübel leer sind. 

Elke Erb: Einer schreit: Nicht! Geschichten und Gedichte. Berlin: Wagenbach 1976 (Wagenbach Quartheft), S. 20.

83. Schalom, Durs Grünbein!

Ihrem jüngst in der FAZ erschienenen Gedicht »Die Reise nach Jerusalem« entnehmen wir die Information, daß Sie wieder einmal weit herumgekommen sind: »Durchs Jaffator strömten die Pilgerscharen. / Es wundert mich, daß wir darunter waren.«

Uns nicht. Ihnen selbst mag es vielleicht noch nicht aufgefallen sein, aber uns ist seit Jahren bekannt, daß Sie kaum eine antike Stätte auslassen, von deren Begehung und Bedichtung Sie sich eine Mehrung Ihres Ruhms als Weltenbummler versprechen, dem zu jedem Baudenkmal etwas Tiefsinniges einfällt. Auch wenn Sie es dann nur in holprige und unbeschreiblich stümperhaft gereimte Verse kleiden können: »Am Herodestor war es still. Bis ein Knacken / Im Lautsprechertrichter alle Gläubigen packte. // Wie gut, daß sich abends das Licht erbarmt. / Um den Felsendom kreiste ein Taubenschwarm.« / Titanic

82. Begriffs 12/12

3280 wummerschimmer
3281 katapultpömpel
3282 bisons mit acht beinen
3283 die höhle der bewegten bilder
3284 experten dieser schattenwelt
3285 gefahren einer welt ohne tiere
3286 von interessen blamierte ideen
3287 ein raumanzug aus slawischer sprache
3288 die leber der dichtung
3289 panische deutungsangst

10 aus der neusten Lieferung aus Monika Rincks Begriffsstudio

81. Nordwort schlechthin

Kein Kitsch. Es gibt Stellen, die mühelos nachzurappen sind: “ein ostfriesischer komplex und konkav / die schale ‘hell die himmel weich’ über dem eichstrich / deich – deine suche nach einem nord- / wort schlechthin unter hochdruck- / gebieten die die sprache hier unterbricht”.

Alles, in allem, ein schillernd-schöner Band (“In der brust ein pneunomisches trommeln”) und daher auch kein Wunder, dass der Autor längst en masse ausgezeichnet wurde, u.a. mit Stipendien der Staatskanzlei NRW und der Kunststiftung NRW. Bilder, wie durchs Münzfernrohr im Sommer gesehen: “die schwarze blende das lid nach ablauf der phase / wieder vor die landschaft” et cetera. / Jan Drees

Christoph Wenzel: “tagebrüche”, 108 Seiten, 12 Euro

80. Gesamtwerk

Expressionismus steht per se für Tod, Schrecken und Morbidität. Doch nicht immer, und schon gar nicht bei den Werken des expressionistischen Lyrikers Wilhelm Klemm. Er habe, so der Literaturwissenschaftler Professor Jan Volker Roehnert, Mitherausgeber einer bibliophilen Werkausgabe mit den gesammelten Versen Klemms, vielmehr auch versucht, die Gründe für die Ereignisse seiner Zeit zu benennen. Und „er hat auch das Schöne gesehen“, sei in seinen Gedichten den Reizen der Verführung nachgegangen. / Christina Oxfort, Wiesbadener Tagblatt

Wilhelm Klemm veröffentlichte insgesamt acht Gedichtbände und verfasste rund 200 Gedichte für literarische Zeitschriften wie „Jugend“, „Simplicissimus“ und die Wochenschrift „Aktion“. Das neu editierte Gesamtwerk in einer bibliophilen Ausgabe enthält neben den Gedichten und Versen auch Tusche-Zeichnungen Wilhelm Klemms und ist auf 400 nummerierte Exemplare limitiert. Es ist in der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung Mainz erschienen.

– Wilhelm Klemm bildete neben August Stramm und Johannes R. Becher den „lyrischen Proviant“ Ernst Jandls über die Nazizeit. Er hatte als Schüler in einer Anthologie je drei expressionistische Gedichte dieser Autoren gefunden. Mit einer Spätzündung kam er veranlaßt durch diese wenigen Gedichte – inzwischen kannte er freilich Gertrude Stein – 1956/57 zum „experimentellen“ Arbeiten. „Die Schüler bereiten das Auftreten der Lehrer vor“ (die Jüngeren das der Älteren).

79. Statistik

ist immer wieder für ne Meldung gut. Es müßte viel mehr davon geben. Die Süddeutschen haben lange Nasen? Die Welt ist eine gute Zeitung? Die Ostdeutschen finden sich richtig toll? Letzteres steht, ohne Fragezeichen, in der Halb-Welt. (Nur anklicken, wenn man es überprüfen mag).

78. Ihr Berlin

In Berlin gibt es unzählige Lesungen in ganz unterschiedlichen Formaten. Klassisch und hochkarätig ist es im Literarischen Colloquium Berlin (Am Sandwerder 4), wer entspannte Kneipenatmosphäre bevorzugt, der fährt ins Kaffee Burger (Torstraße 60).* / Nora Bossong, Elle

*) Nun ja, wir kennen noch ein paar andere Orte, auch solche, in denen die Elle-Autorin auftrat. Aber vielleicht ist sie denen entwachsen? Auch muß man sich, Sachzwang,  auf das Elle-Publikum einstellen.

77. Meer der Mehrsprachigkeit

Frau Tawada, Sie schreiben auf Japanisch und Deutsch. Häufig wird Ihre Literatur als transnational bezeichnet. Führen Sie eine Parallel-Existenz?

Yoko Tawada: Ich sehe mich nicht als Autorin, die eine Grenze überschreitet. Eher gibt es in meinem Kopf verschiedene Orte, an denen verschiedene Ideen wachsen. Und diese verwirkliche ich mit einem Medium wie beispielsweise einer Sprache. Diese Ideen müssen eine Form annehmen, und Sprachen sind eine Form für mich. Aber jede Sprache ist eingebettet in einer Kultur. Wenn ich Japanisch schreibe, geschieht das in der Geschichte der japanischen Sprache und Literatur. Das heisst jedoch nicht, dass nur Japaner Japanisch lesen können – von diesem Vorurteil bin ich schon längst weg. Als Mensch bin ich zwar eingeschränkt, da ich nur in zwei verschiedenen Sprachen schreibe, aber von dort geht es in verschiedene Richtungen.

/ Interview: Daniela Tan, NZZ 24.11.

76. GERHARD SCHÖNBERNER GESTORBEN

Martin Jankowski schreibt:

DICHTER UND PUBLIZIST GERHARD SCHÖNBERNER GESTORBEN. Wie mir sein Hamburger Verlag mitteilte, ist Gerhard Schoenberner, dessen Gedichtband „FAZIT“ ich am 3. Oktober noch in einer Matinee im Berliner Literaturhaus präsentiert hatte, überraschend am vergangenen Montag (10.12. 2012)  im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Ich bin bestürzt und traurig, denn der blitzgescheite freundliche Mann mit dem wachen Geist erschien bei der Lesung voller geradezu jugendlichem Elan und Witz. Für das kommende Jahr war eine weitere Zusammenarbeit angedacht.

Schoenberner war einer der ersten, der – Ende der Fünfziger Jahre schon – die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands kritisch reflektierte. Zu seinen wichtigsten Werken gehört das 1960 veröffentlichte Buch „Der gelbe Stern“. Darin arbeitete Schoenberner als einer der ersten die europäische Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg historisch auf. Für die ARD produzierte er 1969 die zwölfteilige Reihe „Film im Dritten Reich“. Später war er u.a. als Berater des Berliner Projektes „Topographie des Terrors“ sowie als Gründungdirektor des „Hauses der Wannseekonferenz“ tätig. Sein Gedichtband „FAZIT“ gilt mit seiner Brechtschen Knappheit und klarer Sprache als das lyrische Vermächtnis eines engagierten und lebensbejahenden Humanisten. (Ausführlicheres dazu HIER.)