Die in Stralsund lebende Lyrikerin Silke Peters ist ein Geheimtipp. Nun ist gewiss nicht alles, was versteckt im literarischen Hintergrund liegt, gleich avantgardeverdächtig. Doch das Faszinierende an ihrer Lyrik ist eine Spannung der Sprache, die aus einer Inkohärenz der Motive, der Blick- und Bildfelder entsteht und im Zerstreuten der Wirklichkeit, im Heterogenen und Brüchigen die Wahrheit eines verborgenen Ganzen entdeckt – mehr kann Sprache nicht leisten. (…) Die Sprache ist kein Gefäß der Gedanken, sondern selbst ein Gedanke, der noch gedacht werden muss. Würde sich nun die ganze Mitteilung dieser sich selbst immer wieder ins Wort fallenden lyrischen Rede darin erschöpfen, dass sich die Sprache persistent auflöst vor den Dingen, die sie benennt, wäre wohl auch der Leser alsbald erschöpft. Aber ganz nebenher bewegt sich der Text auf eine Geschichte zu, die sich im Schatten der inszenierten Redeverweigerung wie von selbst erzählt. Es ist eine Liebesgeschichte, und sie meint mehr als nur den geliebten einen (anderen) Menschen; sie meint den anderen an und für sich, durch den alles Sprechen überhaupt erst sinnvoll werden kann. / draw[ert], FAZ 11.12.
Silke Peters
Ich verstehe nichts vom Monsum. Erzählung
Freiraum Verlag 2012
ISBN: 9783943672060
110 S., 11,95 €
Der Walliser Dichter Maurice Chappaz (1916–2009), jahrzehntelang der grosse Doyen der Westschweizer Literatur, starb dreissig Jahre nach seiner ersten Frau, der Schriftstellerin S. Corinna Bille (1912–1979), dreissig Jahre, in denen sein Werk weiter voranschritt, in denen er eine neue Ehe einging, neue Freundschaften schloss, neue literarische Wege einschlug. Und dennoch: Noch immer erscheinen Bille und Chappaz als Paar, und das nicht nur in der privaten oder kollektiven Erinnerung, sondern ganz konkret auch in Literaturgeschichten und Editionsprojekten. Längst sind die beiden zu einem Mythos der Schweizer Literatur geworden. Zwei lange erwartete erste Bände mit der fast tausend Seiten umfassenden Korrespondenz der gemeinsamen Jahre 1942 bis 1953 werden 2013/14 von dem Lausanner Romanisten Jérôme Meizoz herausgegeben, weitere Bände mit der gesamten Korrespondenz sollen folgen, und man kann jetzt schon davon ausgehen, dass die Lektüre dieser Briefe den Mythos weiter ausbauen und befestigen wird. / Sabine Haupt, NZZ
Maurice Chappaz: In Wahrheit erleben wir das Ende der Welt. Ein Lesebuch. Hg. von Charles Linsmayer. Verlag Huber, Frauenfeld 2012. 352 S., Fr. 42.90. Corinna Bille: Von der Rhone an die Maggia. Erzählung einer Wanderung. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2011. 120 S., Fr. 24.–. Corinna Bille: Schwarze Erdbeeren. Erzählungen. Aus dem Französischen von Marcel Schwander. Herausgegeben von Peter von Matt. Nagel & Kimche, Zürich 2012. 176 S., Fr. 27.90. Corinna Bille: Dunkle Wälder. Roman. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2012. 160 S., Fr. 24.–. Corinna Bille: Alpenblumenlese. Kleine Prosa. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2012. 70 S., Fr. 24.–
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Als Derek Walcott im Jahr 1992 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hörten viele aus der hiesigen Literaturszene den Namen zum ersten Mal. Jetzt geht der „Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie 2013“ an den Dichter aus der Karibik.
Geehrt werden Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels für den Gedichtband „Weiße Reiher“. Dies hat der Rat der Stadt in seiner nicht-öffentlichen Sitzung am Mittwochabend auf Vorschlag einer Fachjury bestätigt. Autor und Übersetzer teilen sich die Preissumme von 15 500 Euro. Die Ehrung erfolgt am 26. Mai (Sonntag), am Schlusstag des Internationalen Lyrikertreffens in Münster. Start ist am 24. Mai (Freitag). / Sabine Müller, Münstersche Zeitung
Am 27.12. 1925 nahm sich der russische Dichter Sergej Jessenin das Leben. Im Hotel „Angleterre“ im damaligen Leningrad schnitt er sich eine Vene auf und erhängte sich dann. Und hinterließ ein Abschiedsgedicht – kolportiert wird, er habe es in Ermangelung von Schreibmaterial mit seinem Blut geschrieben.
До свиданья, друг мой, до свиданья.
Милый мой, ты у меня в груди.
Предназначенное расставанье
Обещает встречу впереди.
До свиданья, друг мой, без руки, без слова,
Не грусти и не печаль бровей,
В этой жизни умирать не ново,
Но и жить, конечно, не новей.
In der Übersetzung Paul Celans:
Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.
Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Da’s so war: ein Wiedersehn versprichts.
Hand und Wort? Nein, laß – wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.
Aus: Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und deutsch. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam 1981 (4., veränd. u erw. Aufl.), S. 226f.
Das Gedicht wurde unmittelbar darauf veröffentlicht. Jessenin war bei einem breiten Publikum beliebt. Wladimir Majakowski empfand das als sozialen Auftrag:
Jessenins Ende erweckte Trauer, ganz gewöhnliche, menschliche Trauer. (…) Aber am Morgen brachten die Zeitungen seine Abschiedsverse (…)
Mit diesen Zeilen war der Tod Jessenins eine literarische Tatsache geworden.
Es war sofort klar, daß dieses starke Gedicht eben als Gedicht eine große Zahl Schwankender zu Strick und Revolver greifen lasssen würde.
Und keine, aber auch gar keine Zeitungskommentare und -artikel waren in der Lage, dieses Gedicht auszulöschen.
Gegen dieses Gedicht konnte und mußte man mit einem Gedicht, und nur mit einem Gedicht, kämpfen.
Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? Deutsch von Siegfried Behrsing. Berlin: Volk und Welt 1949, S. 66f. (Später in der Übersetzung von Hugo Huppert in der fünfbändigen Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt und als Suhrkamptaschenbuch unter dem gleichen Titel.)
Majakowski beschreibt in diesem auch heute noch lesenswerten Aufsatz seine Arbeitsweise.
AN SERGEJ JESSENIN
Sie sind weg,
aaaaaaaaaaa wie’s heißt:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa in eine andere Welt.
Leerer Raum…
aaaaaaaaaaaaa Flugs – zu den Sternenlichtern!
Keinen Vorschuß,
aaaaaaaaaaaaaaa Bier und Bar entfällt.
Nüchtern…
Nein, Jessenin,
aaaaaaaaaaaa mir gelingt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa kein Lächeln, −
Schmerz,
aaaaaaa nicht Spott,
aaaaaaaaaaaaaaaaa hält mich beim Hals gepackt.
Und ich seh:
aaaaaaaaaaa Blut strömt von Ihren Knöcheln,
und Sie schwingen
aaaaaaaaaaaaaaaa Ihren Knochensack.
Schluß,
aaaaaa jetzt hörn Sie auf!
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sind Sie nicht bei Verstande?
Wünschen Sie
aaaaaaaaaaaa die eigenen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Wangen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa totenbleich?
Der Sie
aaaaaa sonst
aaaaaaaaaaa den kühnsten Spaß verstanden −
wer
aaa auf Erden
aaaaaaaaaaa tat es Ihnen gleich?!
Ach warum?
aaaaaaaaaa wozu!
aaaaaaaaaaaaaaa Vergeblich mein Gegrübel.
Krittler nörgeln:
aaaaaaaaaaaaaa schuld an dem Kollaps
wäre dies und das,
aaaaaaaaaaaaaaaa vor allem
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ein Hauptübel:
wenig Massenfühlung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa folglich Bier und Schnaps.−
Sehn Sie,
aaaaaaaa hätt auf Sie
aaaaaaaaaaaaaaaaa statt der Boheme
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa die Klasse
eingewirkt,
aaaaaaaaaa man brauchte keinen Nekrolog.
Leider
aaaaa trinkt die Klasse
aaaaaaaaaaaaaaaaaa auch nicht Kwaß und Wasser,
sondern kippt
aaaaaaaaaaaa im Durstfall
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa einen steifen Grog.
Hätt man Ihnen
aaaaaaaaaaaaa einen der „Wachtposten“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa beigestellt,
hätten Sie
aaaaaaaa inhaltlich
aaaaaaaaaaaaaaaa viel gewonnen:
hätten
aaaaa täglich
aaaaaaaaaaa hundert Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hergestellt,
lang
aaa und langweilig
aaaaaaaaaaaaaaa wie von Doronin.
Doch ein solcher Wahnwitz,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa scheint mir,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hätte wohl
nur beschleunigt
aaaaaaaaaaaaaa die selbstmörderische Eile.
Besser noch
aaaaaaaaaa ein Tod im Alkohol
als vor Langeweile!
Weder Strick
aaaaaaaaaaa noch Federmesser
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa lösen
uns das Rätsel
aaaaaaaaaaaa des Verlusts,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den wir erlitten.
Vielleicht,
aaaaaaaa wär im „Angleterre“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Schreibzeug gewesen,
hätten Sie sich nicht
aaaaaaaaaaaaaaaa die Adern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgeschnitten.
Gleich sind da Nachahmer,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa rufen: „noch einmal!“
Kompanieweis
aaaaaaaaaaaa suchen sie den Freitod.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Ist das schön:
daß die Selbstmordziffer
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa steigt?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sinnlose Zahl!
Besser wärs,
aaaaaaaaaa die Produktion von Schreibzeug
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zu erhöhn!
Ihre Zunge
aaaaaaaaa schweigt,
aaaaaaaaaaaaaaaaa verbissen und entgeistert.
Für Mysterien
aaaaaaaaaaaa ist hier nicht die Stimmung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa nicht die Stelle.
Dem Genie des Volks,
aaaaaaaaaaaaaaaaaa dem weisen Mundwerksmeister,
starb
aaaa ein klangfroh
aaaaaaaaaaaaaaaa trunkener Lehrbursch und Geselle.
Leichenbitter-Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaa bringt man,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa abgequält
und kaum umgemodelt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa von den Feiern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa früherer Toten:
Reime werden
aaaaaaaaaaaa stumpf
aaaaaaaaaaaaaaaaaa ins frische Grab gepfählt.
Wird dem Dichter
aaaaaaaaaaaaaaa so
aaaaaaaaaaaaaaaaa der letzte Gruß entboten?
Ihnen
aaaaa ist kein Denkmal noch gegossen,
keine Bronze
aaaaaaaaaaa klingt
aaaaaaaaaaaaaaaa und kein Granitschliff
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa glitscht.
Doch an das Gedächtnisgitter
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa klatscht schon
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa unverdrossen
Widmungskitt
aaaaaaaaaaaa und Memoirenkitsch.
Schon ins Schnupftuch geschneuzt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ist Ihr Namen,
Ihr Lied
aaaaaaa plärrt Sobinow
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa empfindsamen Damen,
greint
aaaaa im jämmerlichen Birkengrün:
„Kein Wort, o Freund, kein Seufzer.“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Den Tenor,
oh,
aaa den knöpften Sie sich anders vor,
diesen saubern
aaaaaaaaaaaaa Leonid von Lohengrin!
Ja, Sie führen drein
aaaaaaaaaaaaaaaa mit Flüchen, Püffen:
„Ich verbiete,
aaaaaaaaaaa Poesie zu speicheln
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa und zu kaun!“
Mit betäubenden
aaaaaaaaaaaaaa Dreifinger-Pfiffen
täten Sie
aaaaaaa den Drei-Etagen-Fluch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufbaun!
daß er dies untüchtige
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa Gezüchte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa züchtige,
bis die Rockschöße
aaaaaaaaaaaaaaaa an ihm
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wie Segel wehn;
daß ein Kogan
aaaaaaaaaaaa krach,
aaaaaaaaaaaaaaaaa in alle Winde sich verflüchtige,
mit dem Schnurrbart
aaaaaaaaaaaaaaaaa unterwegs
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgabelnd irgendwen.
Noch ist
aaaaaaa diese Welt
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Lumpenpack verschandelt.
Viel gibts noch zu tun −
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa man fahre drein!
Unser Leben
aaaaaaaaaa sei erst
aaaaaaaaaaaaaaaa ganz verwandelt,
dann, hernach,
aaaaaaaaaaaa soll es besungen sein.
Diese Zeit
aaaaaaaa ist für die Schreibkunst schwierig;
aber sagt,
aaaaaaaaa ihr Krüppel,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa wann und wo ihr saht,
daß ein großer Geist.
aaaaaaaaaaaaaaaaa auf leichtes Spiel
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa begierig,
den breit ausgetretnen
aaaaaaaaaaaaaaaaaa Weg
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa betrat!
Wort –
aaaaa Heerführer
aaaaaaaaaaaaaa aller Menschenkraft.
Marsch!
aaaaaaa daß hinten
aaaaaaaaaaaaaaaa Zeit
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa in Schweifraketen berste.
Ins Vergangene sei
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Wind
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zurückgerafft
nur des Haares wirre Schwärze.
Unser Erdplanet erweist
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den Lustbarkeiten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wenig Gunst.
Jede Freude
aaaaaaaaaa muß
aaaaaaaaaaaaaa dem Kommenden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa entrissen werden.
Sterben
aaaaaa ist hienieden
aaaaaaaaaaaaaaaaa keine Kunst.
Schwerer ists:
aaaaaaaaaaaa das Leben baun auf Erden.
Mein Freund Michael Gawenda aus Stralsund hat es nicht mehr ausgehalten mit sich, mit uns. Vor wenigen Tagen nahm er sich das Leben. Ich kannte ihn länger als ein Vierteljahrhundert. Er war Student in Greifswald, schrieb Gedichte, rimbaldesk. Wenn ich ihn viel später traf, zitierte er manchmal Verse, die er zuerst von mir gehört hatte. Vielleicht Karl Mickel, Georg Trakl, Inge Müller, Hölderlin, Rimbaud, Cummings. Es könnten auch diese von Majakowski gewesen sein. Bei einem frühen Selbstmordversuch verbrannte er ein langes Manuskript und wollte hinterher, aber wurde gerettet. Jetzt hat er es geschafft, für ihn wohl eine Erlösung. Aber den Seinen fehlt er. Ach, es ist nicht richtig, daß die Alten den Jüngeren nachrufen.
Gedichte helfen nicht (auch Majakowski war nicht zu helfen). Sie machen das Leben nicht besser, aber für manche erträglich. Wer von uns könnte leben ohne den Trost der Gedichte? Aber er wirkt nur für die Dauer des Gedichts, während wir es lesen oder anderen vortragen.
Wie bezwingt man schriftstellerisch ein Monstrum wie den Pergamonaltar, ohne dass das Ergebnis vor Schweiß trieft? – Mittels sinnlicher Hingabe, wie der Lyriker Gerhard Falkner zeigt. Seine Pergamon Poems sind eine lyrische Ekphrasis des auf dem Fries in Szene gesetzten, dramatischen Kampfes zwischen Göttern und Giganten. Schauspieler der Schaubühne Berlin übersetzten die Gedichte im Auftrag des Pergamonmuseums ins filmische Medium. Das »Götterkino« gibt es hier zu sehen. Aufgrund der brachialen Mixtur aus Alltagssprache und antikem Pathos wirken einige Gedichte etwas forciert. Das »Götterkino« jedenfalls beweist: Eine professioneller Vortragsweise ist die beste Kosmetik für mittelmäßige Texte. / Marion Acker, Kritische Ausgabe
Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungslinien sprachreflexiver Dichtung kennenlernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahresfrist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verlorenheits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fortschreitenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigenständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Gedicht aus dem „bruder morpheus“-Manuskript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende geschichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasenstück“ mit dem Bienen-Motiv der amerikanischen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Übersetzungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meisterstücke lyrischer Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traumwanderungen ein phantamagorisches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu enträtselndes, gleichwohl faszinierendes Stück hermetische Poesie, in dem sich die Wörter zu verselbständigen scheinen, sind schließlich die „Quadratgedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erstmals einem deutschen Publikum präsentiert werden. Übersetzt hat diese „Quadratgedichte“ der wohl sprachbesessenste Poet der Gegenwart, der Österreicher Franz-Josef Czernin.
Die verlässlichste Zeitschrift für die Erkundung neuer dichterischer Sprechweisen ist aber seit über dreieinhalb Jahrzehnten der „Park“, im Alleingang herausgegeben von dem Lyriker und Übersetzer Michael Speier. In der jüngsten Ausgabe, der Nummer 65 des „Park“, hat Speier wieder zauberhafte Gedichte von Kerstin Preiwuß und Christoph Meckel versammelt, neben Texten finnischer Dichter. Das darf schon deshalb als editorische Großtat gerühmt werden, weil finnische Dichtung nach dem Tod von Paavo Haavikko von der Landkarte der modernen Poesie verschwunden scheint. Einen Auftritt im „Park“ wie auch in der „Mütze“ hat der Dichter Ron Winkler, der kurz vor seinem vierzigsten Lebensjahr neue Möglichkeiten des Sprechens für sich entdeckt hat, die ihn von den stark technizistischen Bewusstseinsgedichten seiner frühen Jahre wegführen. / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen
Renate von Mangoldt liest Walter Höllerer
Simone Kornappel spricht über Walter Höllerers bisher unveröffentlichte Gedichte aus der September-Ausgabe der “randnummer” … siehe HIER
am 15.12.2012
ab 19:30 Uhr in der Lettrétage,
Eintritt frei
Wenn man von diesen bedenklichen Fehlleistungen im Zeichen von Dada absieht, bietet das „Du“-Heft doch auch viel Hilfreiches zum Kontext der dadaistischen Revolte. Der russisch-deutsche Dichter Valeri Scherstjanoi zieht zum Beispiel einige Verbindungslinien zwischen der Lautpoesie Hugo Balls und der experimentellen Dichtung des russischen Futuristen Alexej Kruchtschonych, einem Freund und Weggefährten des radikalsten Avantgardisten Russlands, Welimir Chlebnikow.
Aus welcher materiellen Substanz und topografischen Erfahrung der Futurist Welimir Chlebikow seine futuristische „Sternensprache“ schöpfte, untersucht nun ein Essay in der aktuellen Ausgabe, der Nummer 99 der Kulturzeitschrift „Lettre International“. Der Schriftsteller Wassili Golowanow kann hier zeigen, dass Chlebnikows Wortschöpfungen elementar verbunden sind mit der Landschaft, in der er aufwuchs. Das poetische Koordinatensystem Chlebnikows ist die Landschaft rund um das Kaspische Meer – das Wolgaudelta, das seit je nicht nur ein uralter Transitraum von Waren aus allen Kontinenten war, sondern auch ein kultureller Geschichtsort, an dem die Kraftlinien vieler Kulturen zusammenlaufen. Welimir Chlebnikow, der Sohn eines Vogelkundlers, hat nicht nur ornithologische Begrifflichkeiten, sondern auch die botanischen und geologischen Merkmale des kaspischen Raumes in die Sprache seiner Poesie integriert. Daraus entstand dann der Entwurf seiner sogenannten „Zaum“-Sprache, eine magische, nach allen Seiten hin offene, Grenzen sprengende „Sternensprache“. Nach der Oktoberrevolution irrlichterte Chlebnikow zwischen den Fronten, wurde zweimal inhaftiert, erkrankte an Typhus und starb schließlich, von Krankheit und Hunger ausgezehrt, im Mai 1922 auf einer abgelegenen Station im russischen Norden. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde er europaweit zur Kultfigur der literarischen Avantgarde. / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen
Rae Armantrout’s most recent book-length publication was Money Shot, published last year by Wesleyan University Press. An earlier collection, Versed (2009), received both a Pulitzer Prize & a National Book Critics Circle Award, while her connection to the most innovative side of American & world poetry remains as strong as ever. Previous postings on Poems & Poetics can be found here & here, as well as Marjorie Perloff’s essay “An Afterword for Rae Armantrout.” (Jerome Rothenberg)] hier neue Gedichte
November 29, 2012
Hier in L&Poe
A Preliminary Sketch Concerning a Language
By Afzal Ahmed Syed
In your language every line begins from an opposite end. The pronunciation of its words changes from day to night and their orthography changes with the change of seasons. A new word enters it on some special day and on some days a familiar word is made obsolete. The shape of its letters changes with your change of clothes. You make no effort to put together words that are crushed under feet from your carelessness, because your language is the world’s richest. The first kiss, the second kiss and any count of kisses are all identified in your language with separate words. If anything ever causes you to become tearful, all the books in the whole world written in your language become drenched.
translated from the Urdu by Musharraf Ali Farooqi
from: Asymptote. Issue Oct 2012
Afzal Ahmed Syed
has translated works by a number of East European poets including Miroslav Holub (Czech), Yehuda Amichai (Hebrew), Dunya Mikhail (Arabic), Tadeusz Borowski (Polish), Zbigniew Herbert (Polish), Jan Prokop (Polish), Tadeusz Rozewicz (Polish), Wisława Szymborska (Polish), Aleksander Wat (Polish), Marin Sorescu (Romanian), Osip Mandelstam (Russian), Orhan Veli (Turkish), as well as Gabriel Garcia Marquez, Jean Genet, William Saroyan and Jonathan Treitel. His website can be found
here
.
Der in diesem Jahr von der Münchner Bank gestiftete Lyrikpreis München in Höhe von 1000 Euro ging am 07.12.12 im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig an die Zürcherin Anne-Marie Kenessey. Die 39jährige Autorin beeindruckte die Jury durch zum Teil an den Dadaismus und Oskar Pastior angelehnte Gedichte sowie durch eine hervorragende Rezitation. Der zweite, von einem unbekannten Gönner gestiftete Preis (500 Euro) ging an Jürgen Flenker aus Münster, dessen Alltagsgedichte durch Authentizität bestachen; den dritten Preis (250 Euro), von den Oberbayerischen Bibliotheken gespendet, erhielt Jörg Neugebauer aus Neu-Ulm. Dieser hatte die Juroren mit seinem Langgedicht „Shadow Play“ überzeugt. Bei der Veranstaltung im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig am vergangenen Freitag traten als Juroren nicht nur Vertreter des literarischen Lebens aus München wie Bettina Hohoff, Rolf Grimminger und Ludwig Steinherr hervor, sondern auch der Verleger Andreas Heidtmann vom Leipziger Poetenladen und der Literaturwissenschaftler Professor Wolfram-Malte Fues aus Basel. Ausgerichtet wird der Lyrikpreis München vom Münchner Literaturbüro.
Aus dem L&Poe-Archiv, September 2007:
65. Baudelaire siebenfach
Karen Volkman bespricht in der Boston Review, July / August 2007 (ins Netz gestellt von Poetry Daily) eine Neuübersetzung von Baudelaires „Blumen des Bösen“ durch den amerikanischen Lyriker Keith Waldrop. Hier zwei französische (!) und drei englische Fassungen der ersten Strophe von Baudelaires Gedicht „“Le Crépuscule du Soir“ (Die Abenddämmerung). Für dieses Gedicht nämlich gibt es eine Variation in den postum erschienenen Prosagedichten „Le Spleen de Paris“. Ich füge die beiden deutschen Prosafassungen aus der Ausgabe von Friedhelm Kemp dazu.
Das Gedicht aus den Fleurs du mal:
Voici le soir charmant, ami du criminel;
Il vient comme un complice, à pas de loup; le ciel
Se ferme lentement comme une grande alcôve,
Et l’homme impatient se change en bête fauve.
[Here is charming evening, the criminal’s friend;
it comes like an accomplice, with a wolf’s step; the sky
slowly closes itself like a great alcove,
and impatient man changes into wild beast.]
[Der holde Abend naht, der Freund des Verbrechers; wie ein Komplize naht er, auf wölfisch leisen Sohlen; langsam schließt sich der Himmel wie ein großer Alkoven, und ungeduldig verwandelt der Mensch sich in ein räuberisches Tier.]
Baudelaires Prosafassung:
Le jour tombe. Un grand apaisement se fait dans les pauvres esprits fatigués du labeur de la journée; et leurs pensées prennent maintenant les couleurs tendres et indécises du crépuscule.
[Day falls. A great easing spreads in the poor spirits weary from the day’s labor; and their thoughts now take the tender and indecisive colors of twilight.]
[Der Tag sinkt. Friede breitet sich aus in den armen, von ihrem Tagwerk ermüdeten Seelen, und ihre Gedanken nehmen nun die zarten, verschwimmenden Farben der Dämmerung an.]
Nun die neue Übersetzung des Gedichts durch Waldrop:
Enchanting evening has come, friend of criminals; it approaches as accomplice, stealthily; the sky draws curtains as if around a gross bedchamber and impatient man changes into wild animal.
The Flowers of Evil, Charles Baudelaire, translated by Keith Waldrop
Hier der Originaltext aus der Ausgabe von 1857 mit weiteren englischen Fassungen
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