68. Geheimtipp Liebesgeschichte

Die in Stralsund lebende Lyrikerin Silke Peters ist ein Geheimtipp. Nun ist gewiss nicht alles, was versteckt im literarischen Hintergrund liegt, gleich avantgardeverdächtig. Doch das Faszinierende an ihrer Lyrik ist eine Spannung der Sprache, die aus einer Inkohärenz der Motive, der Blick- und Bildfelder entsteht und im Zerstreuten der Wirklichkeit, im Heterogenen und Brüchigen die Wahrheit eines verborgenen Ganzen entdeckt – mehr kann Sprache nicht leisten. (…) Die Sprache ist kein Gefäß der Gedanken, sondern selbst ein Gedanke, der noch gedacht werden muss. Würde sich nun die ganze Mitteilung dieser sich selbst immer wieder ins Wort fallenden lyrischen Rede darin erschöpfen, dass sich die Sprache persistent auflöst vor den Dingen, die sie benennt, wäre wohl auch der Leser alsbald erschöpft. Aber ganz nebenher bewegt sich der Text auf eine Geschichte zu, die sich im Schatten der inszenierten Redeverweigerung wie von selbst erzählt. Es ist eine Liebesgeschichte, und sie meint mehr als nur den geliebten einen (anderen) Menschen; sie meint den anderen an und für sich, durch den alles Sprechen überhaupt erst sinnvoll werden kann. / draw[ert], FAZ 11.12.

Silke Peters
Ich verstehe nichts vom Monsum. Erzählung

Freiraum Verlag 2012
ISBN: 9783943672060
110 S., 11,95 €

Mehr: Die Insel der Insel von Jan Kuhlbrodt

67. Mythos

Der Walliser Dichter Maurice Chappaz (1916–2009), jahrzehntelang der grosse Doyen der Westschweizer Literatur, starb dreissig Jahre nach seiner ersten Frau, der Schriftstellerin S. Corinna Bille (1912–1979), dreissig Jahre, in denen sein Werk weiter voranschritt, in denen er eine neue Ehe einging, neue Freundschaften schloss, neue literarische Wege einschlug. Und dennoch: Noch immer erscheinen Bille und Chappaz als Paar, und das nicht nur in der privaten oder kollektiven Erinnerung, sondern ganz konkret auch in Literaturgeschichten und Editionsprojekten. Längst sind die beiden zu einem Mythos der Schweizer Literatur geworden. Zwei lange erwartete erste Bände mit der fast tausend Seiten umfassenden Korrespondenz der gemeinsamen Jahre 1942 bis 1953 werden 2013/14 von dem Lausanner Romanisten Jérôme Meizoz herausgegeben, weitere Bände mit der gesamten Korrespondenz sollen folgen, und man kann jetzt schon davon ausgehen, dass die Lektüre dieser Briefe den Mythos weiter ausbauen und befestigen wird. / Sabine Haupt, NZZ

Maurice Chappaz: In Wahrheit erleben wir das Ende der Welt. Ein Lesebuch. Hg. von Charles Linsmayer. Verlag Huber, Frauenfeld 2012. 352 S., Fr. 42.90. Corinna Bille: Von der Rhone an die Maggia. Erzählung einer Wanderung. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2011. 120 S., Fr. 24.–. Corinna Bille: Schwarze Erdbeeren. Erzählungen. Aus dem Französischen von Marcel Schwander. Herausgegeben von Peter von Matt. Nagel & Kimche, Zürich 2012. 176 S., Fr. 27.90. Corinna Bille: Dunkle Wälder. Roman. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2012. 160 S., Fr. 24.–. Corinna Bille: Alpenblumenlese. Kleine Prosa. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Rotpunktverlag, Zürich 2012. 70 S., Fr. 24.–

66. Neue Zukunft der Literatur

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65. Schlurpsfaktor

Bei KuNo ein Mailgespräch zwischen dem deutschbelgischen Berliner HEL und Ulrich Bergmann. Wundern, nicht ärgern, weiterlesen! Hier 7 Fetzen:

1

HEL: Lieber UB, lassen Sie sich eine jahresendgeschichte mit flügeln erzählen… Martin Pohl war auf eine Literarische Tischservierung eingeladen. Ehrengast war jener Beckelmann, den angeblich Grass mit der Blechtrommel zuvorkommend in den ruin getrieben hat; Beckelmann hochprozentig und fern jeder positionsbestimmung. Norbert Adrian, der den literarischen tisch servierte, stellte Beckelmanns roman vor als unbekanntes meisterwerk auf einer höhe mit den Buddenbrooks oder Krieg und Frieden. Darauf ergriff höchsteigenschaftlich das wort Olaf Münzberg, Hauptvorstandssitzender der Neuen Gesellschaft für literatur und publizist von einigem reputat, und bemerkte: „Norbert, zwischen krieg und frieden mußt du schon differenzieren.“ Martin, von dem ich das stückchen habe, prustete ungeachtet servierter tische laut los und kriegte sich vor lachen nicht mehr ein. Bis die anderen verstanden hatten muß eine kultursekunde verstrichen sein. Dann aber krachte das Literaturhaus unter dem gelächter zusammen. Der tisch, von Beckelmanns hochalkoholik schon angeschlagen, war unservierbar geworden, die veranstaltung endete tumultuarisch. So erzählte es mir Martin. Dem ist nur noch hinzuzufügen: Da hat sich mal wieder 1 witz nach Berlin verirrt, und die kerls hätten ihn beinah wieder laufen lassen.

UB: Vielleicht ist der am größten, der das Jahrhundertwerk nicht schreibt, obwohl er’s könnte. Und ist der groß, der auch seine Kleinheit als Größe wagt?

HEL: Man sieht es im musikgeschäft wie schnell die leute ausgelaugt werden. Sogar Bob Dylan mit seiner lederhaut. Nie bestand größerer bedarf an verwertbarem genie. Das ist eigentlich ein widersspruch in sich: genie ist nicht verwertbar. Aber vielleicht gehört das zu meinen letzten illusionen.

Peter Hacks schrieb mir: „Die Moderne ist ja die Formlosigkeit selber; Ihre Welt indessen, wie sie so von Platen bis Hofmannsthal menschheitsdämmert, stellt und erfüllt formale Ansprüche äußerster Art… Auf Ehre, ich bin entzückt zu erfahren, daß gleich bei mir um die Ecke so ein Snob wohnt.“ Doppelbödig, nicht wahr? Ich bin mir des lobes nicht so sicher. Hacks ist ja selber gespalten, der gebrauchsdichter und librettist, und der formalismusverdächtigte. …

Der osten unterwandert den westen ohnehin, Rußland, mezzogiorno, der schlaf der Internationale – die Roten Schalmeien stehn um Jerichos mauern, falls Euch jemand fragen sollte. Wir berichten weiter von der Kamtschatkafront.

Um die großen fragen unserer epoche zu behandeln hätte Grass seinen Fonty nach Sibirien verbannen müssen. Wir sind nicht postmodern, wir sind präpazifisch. Standort Deutschland ist tiefste provinz; einziger lichtblick: Greenpeaces dreiliterauto. Wär das ein thema für Grass?

Standort Deutschland ist tiefste provinz, und ich hätte sie gern noch tiefer, das wäre eine chance. Wo der kapitalismus des 21. jahrhunderts gebraut wird, in Hongkong oder Singapur, da möchte ich nicht leben…

2

UB: Mir gefällt das Kommunikative, die Musik des Rap und der Fluss der metaphysisch hingerotzten Gedanken, jedenfalls dann, wenn sie nicht verlogen sind.

HEL: Social Beat, ja ja, SB. Es ist in erster linie ein gefühl, ein lebensgefühl. Ich teile es nicht, aber wo es ist schwingt bei mir etwas mit. Gefühl ist alles; tao heißt vielleicht gefühl. Wenn Sie es auf den kern zurück führen, haben Sie immer ein – feeling. Der unterschied ist, ich finde es an stellen wo die SBs es nie suchen würden, ihr gesichtsfeld ist zu eng. Ich finde es bei Hüsnü Daglarca, bei Yunus Emre, bei Asik Veysel, um bei den türken zu bleiben. Es ist ja so alt wie die dichtung selbst. Was die SBs heut meinen, hat viel mit bier und noch ein paar ähnlich gelagerten dingen zu tun, die schwer faßbare melange aus rum hängen, getrieben sein, bier, punk … Sie wissen es selbst. Auch negative eitelkeit ist dabei, sorgsam ungepflegte kleinbürgerei, ein antihabitus mit engen grenzen, borniertheit auch; tief darunter sind sie wach, aber meist wahren sie sich vor zu vielen eindrücken, gleichzeitig muß lautstärke und monotonie stimmen. Stadtbewohner sind sie, auf ihrer weise lieben sie die stadt, den beton. Das alles macht sie aus, ist ihre gestalt, und das schreiben, gedankenlos, aber nicht automatisch, gehört dazu. Doch beat, sagte mal ein jazzmusiker fein, ist noch lange nicht takt, so weit davon entfernt wie social von anarchy.

UB: In Deutschland hat man meist ein falsches Verhältnis zur Arbeit. In diesem Land mußte die kommunistische Idee geboren werden und hier muß sie auch immer scheitern – beides ist fast dasselbe.

3

HEL: Was das GUTE betrifft, hab ich einer freundin geschrieben: Bleib ä gudes ludr, abr werd kä gutmensch. …

Im übrigen sollte es zeit sein, europäisch zu denken, und zwar europäisch mit der großen lösung. Und mit denken meine ich nicht kapitalstrategisch, das geschieht ohnehin, sondern kulturell, sozial, politisch. Für mich gehört der Islam dazu, und es wird eine der großaufgaben sein, die halbzerstörte brücke wieder zu bauen.

Und die Özdamarn ist wirklich so gut. Bei ihr hab ich gespürt was wäre wenn wir unsere nasen nicht mehr nach Amerika hielten. Was für ein kräftiger pollengeladener nährwind weht da vom balkan herauf, was für ein himmelsplankton uns ins maul! wie der geist der indianer auf die amerikaner, wird der geist der türken auf uns übergehn, wir sind dabei, eine türkisierte gesellschaft zu werden. Das ist eine frage der chemie, nicht der politik. So wurde Amerika schwarz und wird hispanisch. Europa wird slawisch und orientalisch, und nicht zu seinem nachteil. Sevgi Özdamar gibt einen vorgeschmack.

UB: Die Türken ersetzen uns die Juden – Allah sei Dank!

Ob wir mit dem Islam und ob der mit uns? Schwierig. Aber eine gute Herausforderung: da brauchen wir viel Geduld und dürfen nicht zu viel erwarten. Appeasement ist gegenüber dem islamischen Fundamentalismus der falsche Weg. Unser Land verlor schon, bevor die Türken kamen, immer mehr seine christlichen Fundamente. Im Grunde gut so, denn es bedeutet Selbstbefreiung von unterdrückender Kultur, die faschistische Phase eingeschlossen. Schlimm nur, was da an Glaubensersatz – esoterische Idiotien und unreflektierte multikulturelle Verbaltoleranz – an die Stelle des Kulturchristentums tritt. Ich vermute, daß tief in unserem europäischen Bewußtsein ein fundamentalistischer Restglaube sitzt. Der müßte sich eigentlich mit dem Islamismus treffen, tut es aber nicht. Warum? Der Imperialismus der weißen Rasse ist noch nicht am Ende. Der Kapitalismus ist da zwar freier, hat aber seinen eigenen, ihm immanenten Faschismus.

4

HEL: … lesen Sie Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse, Wagenbach 2001: mann, das ist doch alles noch da! DAS hat 68, von manchen als zweitgründung der BRD bezeichnet, nicht geändert, nur gemildert. Meinhofs analysen stimmen bis heute: äußere wie innere verelendung und die krankheiten daraus, von straßenkindern schleppe genannt; wir haben die Auschwitzimaschleppe: das ist ein krater, den man noch in einer million jahren vom weltall aus sehn wird, wie das Nördlinger Ries, und wir gehn auf dünner lavakruste .. na Sie verstehn schon: Köln mag einen schuß zivilisierter sein aus römischer zeit, luperkalisch, ubisch, druidisch, dafür hat’s 2000 jahre katholenterror aufm buckel .. wovon reden wir hier eigentlich? … streiten kann man über Stalins rolle, und über das verhältnis anarchismus / sozialismus – antagon oder graduell. Aber haben wir Adlonverpopten alles vergessen womit wir aufgebrochen sind? … Viva la revolucion!

5

HEL: … schau mal, bei den dichtern ist das so: du kannst dichten oder schlurpsen, und ein dichter kann beides. Shelley zb schlurpst auf höchstem niveau, Heine, Brecht. Aber bei den nieschlurpsern gibt es mehrere sorten, die die es nicht tun, und die die es nicht können. Und nicht schlurpsen können heißt auch nicht richtig dichten können. So viel zum schlurpsfaktor.

6

HEL: … Aber ’s gibt auch Merse- / burger zauberverse (Rühmkorff)

7

HEL: … ein unpassendes wort kann mich wild machen, nach jahren geh ich mit tippex bei. Und freuen kann ich mich über ein weiteres wortfeld, von sitzen bis hodos, suomi und türk su: alles eine semantik. Das ist mein adlerhorst, und da zwinkert mir der alte Humboldt zu.

GÖÖGLMÖÖSCH ist so entstanden: ungefähr jeden tag eine strophe, und hinein was gerade anlag, zb … reimnis/keimnis, und dann statt geheimnis schleimnis, oder Billy Childish, ein singuläres popphänomen in 72 ua. Ein minimum an handlung trägt einen rückenkamm an assoziaten, wie ein kaum sichtbarer pfad im djungel. Sowas kommt von sowas, und man sollte preisen die kraft und herrlichkeit des auswurfs. Der allerdings, nach dem vorabdruck zu urteilen, kommt eher kleckerweise, pseudosensibel, scheindurchnwind, es treibt sich nicht voran, es liegt

umanand.

ich hab von jedem brief eine durchschrift…

64. Derek Walcott erhält Münsters Poesiepreis

Als Derek Walcott im Jahr 1992 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hörten viele aus der hiesigen Literaturszene den Namen zum ersten Mal. Jetzt geht der „Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie 2013“ an den Dichter aus der Karibik. 

Geehrt werden Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels für den Gedichtband „Weiße Reiher“. Dies hat der Rat der Stadt in seiner nicht-öffentlichen Sitzung am Mittwochabend auf Vorschlag einer Fachjury bestätigt. Autor und Übersetzer teilen sich die Preissumme von 15 500 Euro. Die Ehrung erfolgt am 26. Mai (Sonntag), am Schlusstag des Internationalen Lyrikertreffens in Münster. Start ist am 24. Mai (Freitag). / Sabine Müller, Münstersche Zeitung

63. Verse vom Freitod?

Am 27.12. 1925 nahm sich der russische Dichter Sergej Jessenin das Leben. Im Hotel „Angleterre“ im damaligen Leningrad schnitt er sich eine Vene auf und erhängte sich dann. Und hinterließ ein Abschiedsgedicht – kolportiert wird, er habe es in Ermangelung von Schreibmaterial mit seinem Blut geschrieben.

До свиданья, друг мой, до свиданья.
Милый мой, ты у меня в груди.
Предназначенное расставанье
Обещает встречу впереди.

До свиданья, друг мой, без руки, без слова,
Не грусти и не печаль бровей,
В этой жизни умирать не ново,
Но и жить, конечно, не новей.

In der Übersetzung Paul Celans:

Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.
Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Da’s so war: ein Wiedersehn versprichts.

Hand und Wort? Nein, laß – wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.

Aus: Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und deutsch. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam 1981 (4., veränd. u erw. Aufl.), S. 226f.

Das Gedicht wurde unmittelbar darauf veröffentlicht. Jessenin war bei einem breiten Publikum beliebt. Wladimir Majakowski empfand das als sozialen Auftrag:

Jessenins Ende erweckte Trauer, ganz gewöhnliche, menschliche Trauer. (…) Aber am Morgen brachten die Zeitungen seine Abschiedsverse (…)

Mit diesen Zeilen war der Tod Jessenins eine literarische Tatsache geworden.

Es war sofort klar, daß dieses starke Gedicht eben als Gedicht eine große Zahl Schwankender zu Strick und Revolver greifen lasssen würde.

Und keine, aber auch gar keine Zeitungskommentare und -artikel waren in der Lage, dieses Gedicht auszulöschen.

Gegen dieses Gedicht konnte und mußte man mit einem Gedicht,  und nur mit einem Gedicht, kämpfen.

Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? Deutsch von Siegfried Behrsing. Berlin: Volk und Welt 1949, S. 66f. (Später in der Übersetzung von Hugo Huppert in der fünfbändigen Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt und als Suhrkamptaschenbuch unter dem gleichen Titel.)

Majakowski beschreibt in diesem auch heute noch lesenswerten Aufsatz seine Arbeitsweise.

AN SERGEJ JESSENIN

Sie sind weg,
aaaaaaaaaaa wie’s heißt:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa in eine andere Welt.
Leerer Raum…
aaaaaaaaaaaaa Flugs – zu den Sternenlichtern!
Keinen Vorschuß,
aaaaaaaaaaaaaaa Bier und Bar entfällt.
Nüchtern…
Nein, Jessenin,
aaaaaaaaaaaa mir gelingt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa kein Lächeln, −
Schmerz,
aaaaaaa nicht Spott,
aaaaaaaaaaaaaaaaa hält mich beim Hals gepackt.
Und ich seh:
aaaaaaaaaaa Blut strömt von Ihren Knöcheln,
und Sie schwingen
aaaaaaaaaaaaaaaa Ihren Knochensack.
Schluß,
aaaaaa jetzt hörn Sie auf!
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sind Sie nicht bei Verstande?
Wünschen Sie
aaaaaaaaaaaa die eigenen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Wangen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa totenbleich?
Der Sie
aaaaaa sonst
aaaaaaaaaaa den kühnsten Spaß verstanden −
wer
aaa auf Erden
aaaaaaaaaaa tat es Ihnen gleich?!
Ach warum?
aaaaaaaaaa wozu!
aaaaaaaaaaaaaaa Vergeblich mein Gegrübel.
Krittler nörgeln:
aaaaaaaaaaaaaa schuld an dem Kollaps
wäre dies und das,
aaaaaaaaaaaaaaaa vor allem
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ein Hauptübel:
wenig Massenfühlung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa folglich Bier und Schnaps.−
Sehn Sie,
aaaaaaaa hätt auf Sie
aaaaaaaaaaaaaaaaa statt der Boheme
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa die Klasse
eingewirkt,
aaaaaaaaaa man brauchte keinen Nekrolog.
Leider
aaaaa trinkt die Klasse
aaaaaaaaaaaaaaaaaa auch nicht Kwaß und Wasser,
sondern kippt
aaaaaaaaaaaa im Durstfall
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa einen steifen Grog.
Hätt man Ihnen
aaaaaaaaaaaaa einen der „Wachtposten“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa beigestellt,
hätten Sie
aaaaaaaa inhaltlich
aaaaaaaaaaaaaaaa viel gewonnen:
hätten
aaaaa täglich
aaaaaaaaaaa hundert Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hergestellt,
lang
aaa und langweilig
aaaaaaaaaaaaaaa wie von Doronin.
Doch ein solcher Wahnwitz,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa scheint mir,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hätte wohl
nur beschleunigt
aaaaaaaaaaaaaa die selbstmörderische Eile.
Besser noch
aaaaaaaaaa ein Tod im Alkohol
als vor Langeweile!
Weder Strick
aaaaaaaaaaa noch Federmesser
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa lösen
uns das Rätsel
aaaaaaaaaaaa des Verlusts,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den wir erlitten.
Vielleicht,
aaaaaaaa wär im „Angleterre“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Schreibzeug gewesen,
hätten Sie sich nicht
aaaaaaaaaaaaaaaa die Adern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgeschnitten.
Gleich sind da Nachahmer,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa rufen: „noch einmal!“
Kompanieweis
aaaaaaaaaaaa suchen sie den Freitod.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Ist das schön:
daß die Selbstmordziffer
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa steigt?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sinnlose Zahl!
Besser wärs,
aaaaaaaaaa die Produktion von Schreibzeug
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zu erhöhn!
Ihre Zunge
aaaaaaaaa schweigt,
aaaaaaaaaaaaaaaaa verbissen und entgeistert.
Für Mysterien
aaaaaaaaaaaa ist hier nicht die Stimmung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa nicht die Stelle.
Dem Genie des Volks,
aaaaaaaaaaaaaaaaaa dem weisen Mundwerksmeister,
starb
aaaa ein klangfroh
aaaaaaaaaaaaaaaa trunkener Lehrbursch und Geselle.
Leichenbitter-Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaa bringt man,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa abgequält
und kaum umgemodelt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa von den Feiern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa früherer Toten:
Reime werden
aaaaaaaaaaaa stumpf
aaaaaaaaaaaaaaaaaa ins frische Grab gepfählt.
Wird dem Dichter
aaaaaaaaaaaaaaa so
aaaaaaaaaaaaaaaaa der letzte Gruß entboten?
Ihnen
aaaaa ist kein Denkmal noch gegossen,
keine Bronze
aaaaaaaaaaa klingt
aaaaaaaaaaaaaaaa und kein Granitschliff
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa glitscht.
Doch an das Gedächtnisgitter
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa klatscht schon
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa unverdrossen
Widmungskitt
aaaaaaaaaaaa und Memoirenkitsch.
Schon ins Schnupftuch geschneuzt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ist Ihr Namen,
Ihr Lied
aaaaaaa plärrt Sobinow
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa empfindsamen Damen,
greint
aaaaa im jämmerlichen Birkengrün:
„Kein Wort, o Freund, kein Seufzer.“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Den Tenor,
oh,
aaa den knöpften Sie sich anders vor,
diesen saubern
aaaaaaaaaaaaa Leonid von Lohengrin!
Ja, Sie führen drein
aaaaaaaaaaaaaaaa mit Flüchen, Püffen:
„Ich verbiete,
aaaaaaaaaaa Poesie zu speicheln
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa und zu kaun!“
Mit betäubenden
aaaaaaaaaaaaaa Dreifinger-Pfiffen
täten Sie
aaaaaaa den Drei-Etagen-Fluch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufbaun!
daß er dies untüchtige
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa Gezüchte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa züchtige,
bis die Rockschöße
aaaaaaaaaaaaaaaa an ihm
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wie Segel wehn;
daß ein Kogan
aaaaaaaaaaaa krach,
aaaaaaaaaaaaaaaaa in alle Winde sich verflüchtige,
mit dem Schnurrbart
aaaaaaaaaaaaaaaaa unterwegs
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgabelnd irgendwen.
Noch ist
aaaaaaa diese Welt
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Lumpenpack verschandelt.
Viel gibts noch zu tun −
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa man fahre drein!
Unser Leben
aaaaaaaaaa sei erst
aaaaaaaaaaaaaaaa ganz verwandelt,
dann, hernach,
aaaaaaaaaaaa soll es besungen sein.
Diese Zeit
aaaaaaaa ist für die Schreibkunst schwierig;
aber sagt,
aaaaaaaaa ihr Krüppel,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa wann und wo ihr saht,
daß ein großer Geist.
aaaaaaaaaaaaaaaaa auf leichtes Spiel
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa begierig,
den breit ausgetretnen
aaaaaaaaaaaaaaaaaa Weg
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa betrat!
Wort –
aaaaa Heerführer
aaaaaaaaaaaaaa aller Menschenkraft.
Marsch!
aaaaaaa daß hinten
aaaaaaaaaaaaaaaa Zeit
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa in Schweifraketen berste.
Ins Vergangene sei
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Wind
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zurückgerafft
nur des Haares wirre Schwärze.
Unser Erdplanet erweist
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den Lustbarkeiten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wenig Gunst.
Jede Freude
aaaaaaaaaa muß
aaaaaaaaaaaaaa dem Kommenden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa entrissen werden.
Sterben
aaaaaa ist hienieden
aaaaaaaaaaaaaaaaa keine Kunst.
Schwerer ists:
aaaaaaaaaaaa das Leben baun auf Erden.

Mein Freund Michael Gawenda aus Stralsund hat es nicht mehr ausgehalten mit sich, mit uns. Vor wenigen Tagen nahm er sich das Leben. Ich kannte ihn länger als ein Vierteljahrhundert. Er war Student in Greifswald, schrieb Gedichte, rimbaldesk. Wenn ich ihn viel später traf, zitierte er manchmal Verse, die er zuerst von mir gehört hatte. Vielleicht Karl Mickel, Georg Trakl, Inge Müller, Hölderlin, Rimbaud, Cummings. Es könnten auch diese von Majakowski gewesen sein. Bei einem frühen Selbstmordversuch verbrannte er ein langes Manuskript und wollte hinterher, aber wurde gerettet. Jetzt hat er es geschafft, für ihn wohl eine Erlösung. Aber den Seinen fehlt er. Ach, es ist nicht richtig, daß die Alten den Jüngeren nachrufen.

Gedichte helfen nicht (auch Majakowski war nicht zu helfen). Sie machen das Leben nicht besser, aber für manche erträglich. Wer von uns könnte leben ohne den Trost der Gedichte? Aber er wirkt nur für die Dauer des Gedichts, während wir es lesen oder anderen vortragen.

62. Ekphrasis

Wie bezwingt man schriftstellerisch ein Monstrum wie den Pergamonaltar, ohne dass das Ergebnis vor Schweiß trieft? – Mittels sinnlicher Hingabe, wie der Lyriker Gerhard Falkner zeigt. Seine Pergamon Poems sind eine lyrische Ekphrasis des auf dem Fries in Szene gesetzten, dramatischen Kampfes zwischen Göttern und Giganten. Schauspieler der Schaubühne Berlin übersetzten die Gedichte im Auftrag des Pergamonmuseums ins filmische Medium. Das »Götterkino« gibt es hier zu sehen. Aufgrund der brachialen Mixtur aus Alltagssprache und antikem Pathos wirken einige Gedichte etwas forciert. Das »Götterkino« jedenfalls beweist: Eine professioneller Vortragsweise ist die beste Kosmetik für mittelmäßige Texte. / Marion Acker, Kritische Ausgabe

61. Von den Rändern

Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungs­linien sprach­reflexiver Dichtung kennen­lernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahres­frist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verloren­heits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fort­schrei­tenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigen­ständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Ge­dicht aus dem „bruder morpheus“-Manu­skript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende ge­schichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasen­stück“ mit dem Bienen-Motiv der ameri­kani­schen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Über­set­zungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meister­stücke lyri­scher Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traum­wande­rungen ein phanta­mago­risches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu ent­rät­selndes, gleich­wohl faszi­nie­rendes Stück herme­tische Poesie, in dem sich die Wörter zu ver­selbstän­digen scheinen, sind schließlich die „Quadrat­gedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erst­mals einem deutschen Publi­kum prä­sentiert werden. Über­setzt hat diese „Quadrat­gedichte“ der wohl sprach­be­sess­enste Poet der Gegen­wart, der Öster­reicher Franz-Josef Czernin.

Die verläss­lichste Zeitschrift für die Erkundung neuer dichte­rischer Sprech­weisen ist aber seit über drei­einhalb Jahr­zehnten der „Park“, im Allein­gang heraus­gegeben von dem Lyriker und Über­setzer Michael Speier. In der jüngsten Ausgabe, der Nummer 65 des „Park“, hat Speier wieder zauber­hafte Gedichte von Kerstin Preiwuß und Christoph Meckel versammelt, neben Texten finni­scher Dichter. Das darf schon deshalb als editorische Großtat gerühmt werden, weil finnische Dichtung nach dem Tod von Paavo Haavikko von der Landkarte der modernen Poesie verschwunden scheint. Einen Auftritt im „Park“ wie auch in der „Mütze“ hat der Dichter Ron Winkler, der kurz vor seinem vierzigsten Lebensjahr neue Möglich­keiten des Sprechens für sich entdeckt hat, die ihn von den stark techni­zistischen Bewusst­seins­gedichten seiner frühen Jahre wegführen. / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen

  • Mütze 2 (2012) und 3 (2012)  externer Link
    Urs Engeler, Obere Steingrubenstr. 50, CH-4500 Solothurn. 52 Seiten, 6 Euro.
  • Park 65
    Michael Speier, Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin. 96 Seiten, 7 Euro.

60. Walter Höllerers Gedichte in der Lettrétage

Renate von Mangoldt liest Walter Höllerer

Simone Kornappel spricht über Walter Höllerers bisher unveröffentlichte Gedichte aus der September-Ausgabe der “randnummer” … siehe HIER

am 15.12.2012
ab 19:30 Uhr in der Lettrétage,
Eintritt frei

59. Dada & Saum

Wenn man von diesen bedenklichen Fehl­leistungen im Zeichen von Dada absieht, bietet das „Du“-Heft doch auch viel Hilf­reiches zum Kontext der dadais­tischen Revolte. Der russisch-deutsche Dichter Valeri Scherstjanoi zieht zum Beispiel einige Ver­bindungs­linien zwischen der Laut­poesie Hugo Balls und der experi­men­tellen Dichtung des russischen Futu­risten Alexej Krucht­schonych, einem Freund und Weg­gefährten des radi­kalsten Avant­gardisten Russlands, Welimir Chlebnikow.

Aus welcher materiellen Substanz und topografischen Erfahrung der Futurist Welimir Chlebikow seine futu­ristische „Sternensprache“ schöpfte, unter­sucht nun ein Essay in der aktuellen Ausgabe, der Nummer 99 der Kulturzeitschrift „Lettre Inter­national“. Der Schrift­steller Wassili Golowanow kann hier zeigen, dass Chlebnikows Wortschöpfungen elementar verbunden sind mit der Land­schaft, in der er aufwuchs. Das poetische Ko­ordinaten­system Chlebnikows ist die Land­schaft rund um das Kaspische Meer – das Wolgaudelta, das seit je nicht nur ein uralter Transit­raum von Waren aus allen Konti­nenten war, sondern auch ein kul­tureller Geschichts­ort, an dem die Kraftlinien vieler Kulturen zusammenlaufen. Welimir Chlebnikow, der Sohn eines Vogelkundlers, hat nicht nur ornithologische Begriff­lich­keiten, sondern auch die bota­nischen und geologischen Merkmale des kaspischen Raumes in die Sprache seiner Poesie integriert. Daraus entstand dann der Entw­urf seiner soge­nannten „Zaum“-Sprache, eine magische, nach allen Seiten hin offene, Grenzen sprengende „Sternen­sprache“. Nach der Oktober­revolution irr­lichterte Chlebnikow zwischen den Fronten, wurde zweimal inhaf­tiert, erkrankte an Typhus und starb schließlich, von Krank­heit und Hunger ausge­zehrt, im Mai 1922 auf einer abgelegenen Station im rus­sischen Norden. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde er europaweit zur Kultfigur der literarischen Avantgarde.  / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen

58. Four New Poems from a Work in Progress 2012

Rae Armantrout’s most recent book-length publication was Money Shot, published last year by Wesleyan University Press. An earlier collection, Versed (2009), received both a Pulitzer Prize & a National Book Critics Circle Award, while her connection to the most innovative side of American & world poetry remains as strong as ever. Previous postings on Poems & Poetics can be found here & here, as well as Marjorie Perloff’s essay “An Afterword for Rae Armantrout.” (Jerome Rothenberg)] hier neue Gedichte

November 29, 2012

Hier in L&Poe

57. In your language

A Preliminary Sketch Concerning a Language

By Afzal Ahmed Syed

In your language every line begins from an opposite end. The pronunciation of its words changes from day to night and their orthography changes with the change of seasons. A new word enters it on some special day and on some days a familiar word is made obsolete. The shape of its letters changes with your change of clothes. You make no effort to put together words that are crushed under feet from your carelessness, because your language is the world’s richest. The first kiss, the second kiss and any count of kisses are all identified in your language with separate words. If anything ever causes you to become tearful, all the books in the whole world written in your language become drenched.

translated from the Urdu by Musharraf Ali Farooqi

from: Asymptote. Issue Oct 2012

Afzal Ahmed Syed

has translated works by a number of East European poets including Miroslav Holub (Czech), Yehuda Amichai (Hebrew), Dunya Mikhail (Arabic), Tadeusz Borowski (Polish), Zbigniew Herbert (Polish), Jan Prokop (Polish), Tadeusz Rozewicz (Polish), Wisława Szymborska (Polish), Aleksander Wat (Polish), Marin Sorescu (Romanian), Osip Mandelstam (Russian), Orhan Veli (Turkish), as well as Gabriel Garcia Marquez, Jean Genet, William Saroyan and Jonathan Treitel. His website can be found

here

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56. FINALE 2012 – LYRIKPREIS MÜNCHEN VERGEBEN

Der in diesem Jahr von der Münchner Bank gestiftete Lyrikpreis München in Höhe von 1000 Euro ging am 07.12.12 im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig an die Zürcherin Anne-Marie Kenessey. Die 39jährige Autorin beeindruckte die Jury durch zum Teil an den Dadaismus und Oskar Pastior angelehnte Gedichte sowie durch eine hervorragende Rezitation. Der zweite, von einem unbekannten Gönner gestiftete Preis (500 Euro) ging an Jürgen Flenker aus Münster, dessen Alltagsgedichte durch Authentizität bestachen; den dritten Preis (250 Euro), von den Oberbayerischen Bibliotheken gespendet, erhielt Jörg Neugebauer aus Neu-Ulm. Dieser hatte die Juroren mit seinem Langgedicht „Shadow Play“ überzeugt. Bei der Veranstaltung im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig am vergangenen Freitag traten als Juroren nicht nur Vertreter des literarischen Lebens aus München wie Bettina Hohoff, Rolf Grimminger und Ludwig Steinherr hervor, sondern auch der Verleger Andreas Heidtmann vom Leipziger Poetenladen und der Literaturwissenschaftler Professor Wolfram-Malte Fues aus Basel. Ausgerichtet wird der Lyrikpreis München vom Münchner Literaturbüro.

55. Water Marks

Barbara Tax

übersetzte Keith Waldrops „Water Marks„:

WASSER
ZEICHEN
K e i t h W a l d r o p
[Underwhich, 1987]

Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache
in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.
Denn sie kann ihn auch nicht begründen.
Sie läßt alles wie es ist.
WITTGENSTEIN (Philosophische Untersuchungen § 124)

§ 1
Selbst wenn sein Traum
mit dem Geräusch des Regens
tatsächlich verbunden gewesen wäre, er wird
dieses es regnet nicht von jemandem
annehmen der schläft.

§ 2
Es regnet.

§ 3
Zeiten des Traums, aber –
in, zum Beispiel, sich hinziehender
Müdigkeit – werden im erwachenden
Auge ausbrechen.

§4
Man braucht eine horizontale
Welt um das Blau des Himmels
zu stützen.
Ich kann kein Fundament legen, sondern
muss auf eine bauen.

§ 5
Worte stören ihn.
Bei einer bestimmten
Art zu sprechen
wird ihm schlecht.
Bis er sie sich wie Label ansteckt.
„Ich bin das Haus
das … gebaut hat.“
(Erdbeben gärtnern.)

§ 6
Selbst in der entferntesten
Lichtung noch
plötzliche Missverständnisse.

§ 7
Keine Beschreibung stellt ihn zufrieden.
Wenn er sagt was passiert ist,
findet er es schon nicht mehr richtig.

§8
Es schüttet, überschwemmt
die schlecht kanalisierten Straßen und
zerstört jede Vorstellung von einem Draußen.
Selbst wenn sein Traum damit tatsächlich
verbunden wäre.

§ 9
Ohne wirklich zu denken, ein Netz, gewebt,
ist der Ablauf ein blinder?
Ist alles Rand, alles
Oberfläche. Wenn Du
getäuscht werden willst,
dann geh in die Tiefe.
Ein allgemeiner oder geplanter
Fehler „erklärt“ alles, wohingegen
alles was er wissen will
bis zum Horizont ausgebreitet liegt
und unaussprechlich ist.

§ 10
Wasser, wenn es ruhig ist,
kann Wolken reflektieren,
einen Kampf, kunstvolle
Trümmer, die typische Flora.

§ 11
Stücke eines Spiels – König, Königin,
Schloss – beschützen ihn vor
seinem altem Feind: Der Faszination
für verschwimmende Begriffe.

§ 12
„Schau mal, das hier ….“ da
ist die Form eines stabilen Satzes.
Pass aber auf, gleichzeitig ändert sich
alles jeden Moment. Ach, aber jeden Schritt
den ich mache, wie unsicher auch immer,
führt zu so viel
Dauer
in den Wellen durch die ich
mich arbeite. Schau, jetzt,
wie die Straßen im Regen glänzen,
und diese Lichtspuren im Himmel
sind wie nichts auf Erden.

§ 13
Sogar wenn sein Traum

§ 14
Wenn ich frage, „wie
sind die Bögen gefallen?“
überbrückt das nicht
die Fragen
vom blauem Himmel und dem Grund? –
wenigsten für diesen freien Tag.

§ 15
Wörter auf so eine Weise
zu benützen, dass sie keine Grenze
einschließt.

§ 16
N.B. : Es gibt mehr
Insekten in Amerika.

§ 17
Von bestimmen Winkeln aus, kann man
sehen was das Wasser reflektiert
und außerdem den Grund des Sees – wie
eine Welt und
ihre Erinnerung – aber auch, in Punkten,
die Oberfläche selbst,
die nichts vom anderm trennt,
sondern nur sich
selbst als Oberfläche darstellt, ernst und still,
eine Oberfläche, auf der ein Gott gehen
könnte (so leicht trägt sie die
tiefsten Farbtöne), eine Oberfläche,
die einen Mensch in Versuchung bringen könnte
darauf zu steigen

§ 18
Und es gibt Dinge an die es
– aus irgendeinem Grund – schwierig
ist, sich zu erinnern.

§ 19
Sollen wir versuchen
mit unseren Fingern,
ein zerrissenes Spinnennetz
ganz zu machen? Solche Ausdrücke
begründen einen Stil – eine
Form von Besitz.

§ 20
Geh nicht weg.
Dieser Regen könnte eine
Erinnerung für Dich sein, eine
Erfindung, eine Metapher, eine
Anspielung auf die weltweite Flut – mit
ihrer Erwartung der Arche Noahs
und der Erfindung vom Regenbogen. „Dieser“ Regen
hörte so was bei § 10 auf und vor
einer ausgiebigen Durchsicht. In welchem Sinn
kann ich immer noch von einem
tatsächlichen Regen sprechen, sogar wenn

§ 21
Und wen wird das dreckige Wasser kümmern,
dass in die dreckigen Gullis rinnt, runter in
irgendeine Vergangenheit oder in ein gespieltes „jetzt“?
(Vergleich mal diese Verwendungen: „Jetzt wo
Wittgenstein tot ist…“ „Jetzt wo dieses Gedicht
zu Ende geht…“ „Jetzt muss sich
die Logik für sich selber sorgen.

54. Freund des Verbrechers

Aus dem L&Poe-Archiv, September 2007:

65. Baudelaire siebenfach

Karen Volkman bespricht in der Boston Review, July / August 2007 (ins Netz gestellt von Poetry Daily) eine Neuübersetzung von Baudelaires „Blumen des Bösen“ durch den amerikanischen Lyriker Keith Waldrop. Hier zwei französische (!) und drei englische Fassungen der ersten Strophe von Baudelaires Gedicht „“Le Crépuscule du Soir“ (Die Abenddämmerung). Für dieses Gedicht nämlich gibt es eine Variation in den postum erschienenen Prosagedichten „Le Spleen de Paris“. Ich füge die beiden deutschen Prosafassungen aus der Ausgabe von Friedhelm Kemp dazu.

Das Gedicht aus den Fleurs du mal:

Voici le soir charmant, ami du criminel;
Il vient comme un complice, à pas de loup; le ciel
Se ferme lentement comme une grande alcôve,
Et l’homme impatient se change en bête fauve.

[Here is charming evening, the criminal’s friend;
it comes like an accomplice, with a wolf’s step; the sky
slowly closes itself like a great alcove,
and impatient man changes into wild beast.]

[Der holde Abend naht, der Freund des Verbrechers; wie ein Komplize naht er, auf wölfisch leisen Sohlen; langsam schließt sich der Himmel wie ein großer Alkoven, und ungeduldig verwandelt der Mensch sich in ein räuberisches Tier.]

Baudelaires Prosafassung:

Le jour tombe. Un grand apaisement se fait dans les pauvres esprits fatigués du labeur de la journée; et leurs pensées prennent maintenant les couleurs tendres et indécises du crépuscule.

[Day falls. A great easing spreads in the poor spirits weary from the day’s labor; and their thoughts now take the tender and indecisive colors of twilight.]

[Der Tag sinkt. Friede breitet sich aus in den armen, von ihrem Tagwerk ermüdeten Seelen, und ihre Gedanken nehmen nun die zarten, verschwimmenden Farben der Dämmerung an.]

Nun die neue Übersetzung des Gedichts durch Waldrop:

Enchanting evening has come, friend of criminals; it approaches as accomplice, stealthily; the sky draws curtains as if around a gross bedchamber and impatient man changes into wild animal.

The Flowers of Evil, Charles Baudelaire, translated by Keith Waldrop

Hier der Originaltext aus der Ausgabe von 1857 mit weiteren englischen Fassungen