61. Pranger

… und man muß auch bereit sein, sich an den Pranger zu stellen. Überhaupt, jeder, der heute etwas an Poesie oder etwas an Kunst macht, muß wieder bereit sein, sich anprangern und anspucken zu lassen. Ich meine das ganz im Ernst und ohne jede Scheu, auch wenn die Preise erst jüngst auf mich nur so heruntergeschauert sind, ja gerade deswegen. Das lorbeergekrönte Haupt wird auf Dauer keinen entzücken.

Ernst Jandl: Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetik-Vorlesung. Berlin: Volk und Welt 1987 (Spektrum-Reihe), S. 41.

60. Brotfabrik

Liebe Leserinnen und Leser,

wir möchten Sie auf eine neue Lesereihe in Berlin aufmerksam machen! Ab dem 20. Januar 2013 erwarten Sie an jedem dritten Sonntag im Monat in der Brotfabrik zeitgenössische Prosa und Lyrik. Das Programm wird von unserem Autoren Alexander Graeff kuratiert.

Am Sonntag, 20. Januar startet die Lesereihe »Literatur in Weißensee« mit Mikael Vogel, der aus seinem Band »Massenhaft Tiere« (Verlagshaus J. Frank | Berlin) lesen und neue Texte vorstellen wird.

Zudem präsentiert Alexander Graeff Literatur in, aus und für Weißensee sowie wechselnde literarische und musikalische Gäste.
Mikael Vogel (*1975) schreibt vorrangig Lyrik, daneben Prosa. 2002 erhielt er das Hermann-Lenz-Stipendium. Bislang sind von Mikael Vogel neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien drei Gedichtbände erschienen, zuletzt »Massenhaft Tiere« (2011) im Verlagshaus J. Frank Berlin, ein Bestiarium in vielerlei Tierstimmen und -gestalten. Darin wirbelt Vogel mit rasanten Perspektivwechseln die Beziehungsfronten zwischen Mensch und Tieren kräftig durcheinander. Mal witzig, mal listig, melancholisch, dann den Leser und Zuhörer überraschend mit dem Horror, den die Existenzbedingungen unter dem Menschen für das Tier bedeuten können, infiltrieren seine Gedichte gewohnte Blick- und Denkmuster.

Um das Thema »Tier« wird auch die Lesung am Sonntag kreisen; ab 19.30 Uhr präsentiert Alexander Graeff Mikael Vogel als literarischen Gast im Roten Salon der Brotfabrik (Caligariplatz 1, Berlin) und wird mit ihm in einen literarischen Dialog über Tiere, Allzumenschliches und Weltfleisch treten.

Weitere Informationen dazu finden Sie hier: www.literatur-in-weissensee.de

20. Januar 2013 | 19.30 Uhr
Brotfabrik (Caligariplatz 1, Berlin)
Eintritt: 6/3 EUR

Wir laden Sie herzlich dazu ein!

59. Literatur aus der viersprachigen Schweiz

Di 22.01. 20:00

In Lesung und Gespräch: Arno Camenisch (Autor, Biel), Andreas Neeser (Autor, Suhr), Noëlle Revaz (Autorin, Biel), Antonio Rossi (Autor, Arzo)

Moderation: Martin Zingg (Kritiker, Basel)

Die Namen Max Frisch oder Peter Bichsel sind dem deutschen Lesepublikum vertraut. Die italienische, rätoromanische oder französischsprachige Literatur der Schweiz ist hingegen weitgehend unbekannt. Auch so bedeutende Schriftsteller wie Blaise Cendrars, Catherine Colomb oder Ágota Kristóf konnten daran in der Vergangenheit nicht grundsätzlich etwas ändern. Diese Veranstaltung soll zeigen, dass in der viersprachigen Schweiz für den deutschen Leser Schätze zu heben sind: Vier Schweizer Autor/innen aus den verschiedenen Sprachregionen geben einen Einblick in Unbekanntes und Neues.
Die »klangmächtigen Wörtersymphonien« (FAZ) von Arno Camenisch (*1978 Danis-Tavanasa) sind in der Schweiz seit langem umjubelt. Mittlerweile legendär sind die »trinkfesten Fabulierer« aus seiner Bündner Trilogie (erschienen bei Urs Engeler Editor). In Deutschland sind die Bücher des auf Deutsch und Rätoromanisch schreibenden Autors bislang ein Geheimtipp.
Andreas Neesers (*1964 Schlossrued) Sprache besticht durch ihre »Feinnervigkeit« (NZZ). Sein neuer, deutschsprachiger Roman »Fliegen, bis es schneit« (Haymon Verlag, 2012) ist »packend, lebendig und hochpoetisch« (Katja Lange-Müller). Von der Kritik werden Neesers Texte für ihre Vielschichtigkeit und ihre berückende Sinnlichkeit gerühmt.
»Von wegen den Tieren« (Urs Engeler Editor), der französischsprachige Erstling von Noëlle Revaz (*1968 Vernayaz), löste bei seinem Erscheinen 2002 einen ästhetischen Schock aus. Die Autorin leiht darin einem ungebildeten Bauern ihre Stimme. Geschrieben ist das Buch in einem Soziolekt emotionaler Verrohung, künstlich und vital zugleich. Die NZZ verlieh Revaz den Beinamen »Mademoiselle Berserker«.
Antonio Rossi (*1952 Maroggia) ist ein auf Italienisch schreibender Lyriker. Auf knappstem Raum verbindet er ganz und gar gegensätzliche Dinge und erweitert dadurch den Blick auf eine Wirklichkeit, die so nur in seinen Gedichten zu erfahren ist.

Mit freundlicher Unterstützung durch Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung.

Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97/Kulturbrauerei
10435 Berlin

58. Die deutsche Kolbasniki

Überhaupt ist Jackson immer dann stärker, wenn es ihn in seinen Texten mehr zur pointierten Reflexion reißt. Dazu dürfen es auch mehr als acht Zeilen sein, wie er im heimlichen Höhepunkt des Bandes zeigt. das Ende des falschen Poeten – Nekrolog in Nowosibirsk ist eine wunderbar desillusionierte Zeitdiagnose, die bei aller Assoziation nie die Stringenz verliert und Zusammenhänge dort knüpft, wo man sie vielleicht nicht erwartete, sie aber immer nachvollziehbar sind. Das unterscheidet die lyrische Prosa am Ende des Bandes von der am Anfang. Hier haben sich die Blickwinkel geändert. Es wird nicht mehr prophetisch ins Blaue geschossen, sondern von der Geschichte her analysiert. „die deutsche Kolbasniki, Wurstmenschen, heutzutage auch Wutmenschen und Vegetarier, stehen in Russland zusammen ein für die aufklärerischen Ideale des jungen Kropotkin: Pressefreiheit und soziale Reformen. der Anarchismus Kropotkins entstand als Form der zugespitzten Aufklärung. er war ein Mensch von übergroßem Gerechtigkeitsstreben.“

Insgesamt ist Jacksons Im Licht der Prophezeiungen eine Wundertüte, die eine Fülle an Formen und Bildwelten bereithält. Vom experimentellen Prosagedicht bis zum guten, alten Endreim scheint für jeden Geschmack etwas dabei zu sein. Das ist nicht ansatzweise so abwertend gemeint wie es möglicherweise klingt. Welcher Art von lyrischer Prophezeiung man auch seinen Glauben schenken will, Jackson zeigt die Vielfalt ihrer Erscheinungsformen auf. / Mario Osterland, Fixpoetry

Hendrik Jackson: Im Licht der Prophezeiungen · Gedichte
kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 27
80 Seiten, Broschur mit Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer, 19.90 Euro, ISBN 9783937445526
Kookbooks Berlin 2012

Die Verlegerin sagt: Wer genauer hinhören will – auf ins Ausland, where 17 Jackson fans can’t be wrong.

Donnerstag 19:30 bis 23:30

Die Lyrik im ausland 2013 eröffnet Hendrik Jackson mit der Präsentation seines neuen Bandes:
„Im Licht der Prophezeiungen“.

57. Wertschätzung

Wahres sagt ein Artikel in einem Literaturblog über türkische und deutsche Lyrik:

Die türkische Lyrik ruht auf dem Fundament jahrhundertealter Traditionen und genießt zwischen „Bosporus und Ararat“ große Wertschätzung.

Anders als im deutschsprachigen Raum; hier müssen viele, nicht nur türkische LyrikerInnen, gegen ein bescheidenes Interesse an ihren Gedichten anschreiben.

In der Tat, nicht nur türkische.

Ich weiß wenig Genaues über den Umgang mit Lyrik bei den Türken. Jeder kennt den Volksdichter Yunus Emre (14. Jh.), las ich. Der Dichter Nazım Hikmet ist sehr populär, obwohl er viele Jahre im Gefängnis und fast ebenso lange im Exil verbrachte und erst Jahrzehnte nach seinem Tod in seiner Heimat rehabilitiert wurde. Das finde ich gut. Gut wär zu wissen, ob sich die Popularität auch auf moderne, zeitgenössische, junge Lyrik bezieht. Vielleicht kann jemand was beitragen?

Andererseits folgt dem Einstieg (unbeabsichtigt) böse Ironie auf dem Fuße:

Im Laufe der Jahrhunderte ist die Volksdichtung immer wieder Sprachrohr gegen Unterdrückung und Willkür im Osmanischen Reich.

So wird der alevitische Dichter Pir Sultan Abdal (16. Jh.) für seine Gedichte, sie sind reich an Fantasie und sufistisch inspirierten Metaphern über Gott, die Natur und die Liebe zu den Menschen, hingerichtet. (…)

Rund vierhundert Jahre später, im Sommer 1993 versammeln sich Dichter, Schriftsteller und Musiker in Sivas, um im Rahmen eines alevitischen Kulturfestivals Pir Sultan Abdal zu gedenken. Das Hotel, in dem sich viele von ihnen aufhalten, wird angezündet. 35 der Autoren und Musiker überleben das Feuer nicht.

Eine übertriebene Form der Wertschätzung, könnte man grimmig sagen.

56. »Excuse-moi«

Gulnara Karimova [Tochter von Usbekistans Diktator Islam Karimov] hat auf Twitter einen Videoclip veröffentlicht, den sie zusammen mit Depardieu aufnahm. […] Depardieu haucht »Excuse-moi«. Der Song heißt »Der Himmel schweigt«. Bevor Depardieu haucht, schaut er in ein Buch, das er sich vors Gesicht hält. Es sei ihr eigener Gedichtband, twitterte Karimova, Depardieu habe eins ihrer Gedichte singen wollen. Wenn sie nicht gerade Unternehmer enteignet oder Modekreationen vorstellt, schreibt Googoosha [so der Künstlername] Gedichte.

Tim Neshitov / Süddeutsche Zeitung, 10. 1. 2013

55. Fehlt

Eben hat er noch angerufen und nun liegt da dieser traurige Brief, er sei fort, weit fort, gestorben am 15. Dezember, Beerdigung demnächst. Wilfried M. Bonsack, Tucho 28, Lektor, Kleinstverleger, Dichter in Berlin-Mitte, einer mit soviel Herzblut, daß es am Schluß nicht mehr reichte.

Zu DDR-Zeiten versammelte sich bei ihm eine illustre Oppposition, sprach über Literatur und Kunst, die Stasi, gut getarnt, immer mit dabei, egal, macht nichts, uns kriegt ihr nicht klein, weiter, Vers um Vers, Zeile um Zeile, alles lebte noch einmal auf, nach der Wende, der literarische Salon, Wilfried immer mittendrin, voll bärtig, Pfeife im Anschlag, rundherum Bücher, Kunstdrucke, alles Originale, auch der eigene kleine Verlag: BonsaiTypartPress. Alles war wichtig, blieb bei ihm. Auch Rimbaud.

Den Flur des Mietshauses stattete er mit Gedichten aus, vor dem Fenster lärmte die Szene, die Mieten stiegen, der Buchmarkt quälte ihn, er versuchte resistent zu bleiben. Und war doch verwundet. Irgendwann saßen wir wieder mal bei ihm, “eine Handvoll grauhaariger Männer” wie taz-autorin Waltraud Schwab neulich in ihrem taz-Artikel über Wilfried schrieb und darin auch seinen Satz notierte: “Es geht mir nicht gut!” Er fehlt mir. Uns. / Dr. Feelgood

In meiner kleinen Sammlung in:

Vogelbühne. Gedichte im Dialog (1983); Manna. Zeitschrift für internationale Poesie (1993 – als es in der Autorenbuchhandlung am Savignyplatz noch gefühlte 100 Zeitschriften gab statt gefühlter 5 heute); Rimbaud Vivant. Eine Anthologie (Rimbaud Verlag 1989)

54. Gesucht

Ich suche eine Gruppe von Menschen gleich welchen Alters, die Gedichte schreiben und sie einander einmal im Monat vorlesen möchten.

Wir könnten uns Sonnabend oder Sonntag in den Wintermonaten treffen. Es wäre ein Weg um Freunde kennenzulernen und unsere Liebe für Gedichte zu teilen.

Der Besitzer der Popcornbude, früher Borders, ist einverstanden, daß wir uns bei ihm treffen.

Gedichte erwärmen das Herz, und was könnte an einem kalten Tag besser sein als eine Stunde Gedichte austauschen.

Jim Daily

Watertown

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53. Jean Krier gestorben

Wie die Familie mitteilte, verstarb der Luxemburger Dichter am Samstag, den 12.01.2013, in der Universitätsklinik Freiburg in Breisgau.

Jean Krier gehörte – spätestens seit der Auszeichnung mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis – zu den angesehensten deutschspachigen Lyrikern. Sein letzter Band Herzens Lust Spiele (poetenladen 2010) fand weithin Anerkennung. So schrieb die Frankfurter Rundschau:

„Jean Krier erfindet die Sprache der Lyrik neu.“ Und die Neue Zürcher: „Das Alte Testament klingt an und die Apokalypse des Johannes, Dichter des Barock, Hölderlin, Gottfried Benn, Georg Büchner oder Ashbery, William Carlos Williams, Beckett, Proust. Und sosehr diese Gedichte vom Bewusstsein der Vergänglichkeit, dem Ausgesetztsein handeln, vermeiden sie doch souverän (auch trotzig, auch heiter) jedes Pathos durch Lakonie oder eine kleine ironische Geste.“

Vielfach bezog Jean Krier Vergänglichkeit und seine eigene (Herz-)Schwäche in seine Dichtung mit ein – bis hin zum Einband des Buches Herzens Lust Spiele, das eine Ultra­schall­auf­nahme seines Herzens zeigt.

Jean Krier wurde 1949 in Luxemburg geboren. Studium der Germanistik und Anglistik. Er lebte und arbeitete in Luxemburg. Veröffentlichungen in vielen Literatur­zeit­schriften, wie Sinn und Form, ndl, manuskripte, Akzente etc.

Jean Krier veröffentlichte mehrere viel beachtete Gedichtbände. 2010 erschien im poetenladen sein Gedichtband Herzens Lust Spiele.

Für diesen Gedichtband sowie für sein lyrisches Gesamtwerk erhielt er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Im selben Jahr wurde ihm der wichtigste Luxemburgische Literaturpreis zugesprochen, der Prix Servais.

/ aus: Poetenladen

Via Facebook:

Beisetzung voraussichtlich am Freitag in Bridel/Luxemburg.
Es gibt 40-48 nachgelassene Gedichte, die in seinem neuen Band (Frühjahr 2014) Einlass hatten finden sollen.

52. Liste

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012

Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.

Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.

Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.

Unter den 9 von den 11 Juroren genannten Titeln (Derek Walcotts Buch wurde dreimal nominiert) sind 3 deutsche, darunter 2 von Autoren der Gegenwart: Bertram Reinecke und Kerstin Preiwuß.

Empfehlungen

Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012

(Begründungen der Juroren in der angehängten Pdf)

Michael Braun:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Heinrich Detering:

  • Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.

Maria Gazzetti:

  • Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.

Ursula Haeusgen:

  • István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.

Harald Hartung:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Florian Kessler:

  • Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.

Michael Krüger:

  • Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.

Kristina Maidt-Zinke:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Monika Rinck:

  • Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.

Daniela Strigl:

  • Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.

Jan Wagner:

  • Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.

Lyrik-Empfehlungen_Neuerscheinungen_2012 (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und Stiftung Lyrik Kabinett)

51. Kritik

»die genauigkeit der worte schwindet« (…) »wir erfinden eine neue art von schweigen«. (…)

Das sind die hellsichtigsten Verse in »unbekannt verzogen«, Westermanns Debütband. Zeilen, die es anzukreiden scheinen, daß wir Selbstaussagen nur noch um die Ecke tätigen und die Sachverhalte im selben Zug noch kaschieren. »wie schwer sind dir die lider, / wie anmutslos erscheint an diesem morgen dir/ das licht.« Kann heißen: Die Realität wird von uns als nicht mehr so spannend und sublim empfunden wie das, was sich draus machen läßt. Ist das als Kritik zu verstehen? Daran, daß wir lieber nur noch Vages von uns geben und das Wahrgenommene sprachlich verklären als hätten wir einen Fotofilter über die Dinge geschoben?

Wahrscheinlich nicht. Es sind aber immerhin Verse, die den Modus operandi der Westermannschen Lyrik direkt bezeichnen. Sie bilden jedoch die Ausnahme. Statt Tiefe und Reflexion regieren Suggestion, Anspielung, Verklärung in dem Band, der jetzt im Wiesbadener Verlag Luxbooks erschienen ist. Nicht ganz zufällig bedient sich die Metaphorik häufig aus dem Bereich des Olfaktorischen: Es »riecht nach putz / und all der zeit im teppich, / riecht nach seife, riecht nach kaffee/ und nach dreck«. Westermann bedient sich einer Poetik des Flüchtigen und streut nur hier und dort Realitätseffekte ein, die schwammig mit Bedeutung aufgeladen werden: »an die nase dringt ein hauch von unbekannt verzogen«. Aufgeräumte Gedichte, die sich ein aalglattes Pathos leisten. / Kristoffer Cornils, junge Welt 14.1.

Levin Westermann: unbekannt verzogen. Luxbooks, Wiesbaden 2012, 113 Seiten, 22 Euro

50. Poetopie

von hinten nach vorn, von gestern nach morgen, von Knechtschaft zur Freiheit, von Armut zum Reichtum – wer hat der Zeit die gerade Linie, ihr steifgewordenes Rückgrat herausoperiert?

/ Hansjürgen Bulkowski

49. Stadt der toten Dichter

Eine Reise nach Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi, beginnt in der eigenen Bibliothek. Kaum eine Provinzstadt hat so viele Dichter und Denker hervorgebracht wie die alte Hauptstadt der Bukowina: Die Lyriker Paul Celan und Rose Ausländer, auch der berühmte Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff wurden hier geboren, die Schriftsteller Karl Emil Franzos und Mihail Eminescu sowie der Psychoanalytiker Wilhelm Reich gingen hier zur Schule. Nicht umsonst wird die Stadt am Pruth als „Stadt der toten Dichter“ bezeichnet. (…)

Mit Beginn der österreichischen Herrschaftsperiode wurde eine Einwanderungspolitik in Gang gesetzt, die eine beispiellose Völkervielfalt mit sich brachte. Vor allem Deutsche, Juden, Armenier und Ungarn ließen sich in der bis dahin überwiegend von Ukrainern und Rumänen besiedelten Gegend nieder. Der Aufstieg von Czernowitz vom abgelegenen Provinznest zur multiethnischen Großstadt erfolgte in beachtlichem Tempo und endete erst 1918 mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. (…)

Wie entleert und seelenlos muss dieses Czernowitz gewesen sein, nachdem man* die Juden, Roma, Rumänen und Polen deportiert, versklavt und ermordet, die Deutschen „heim ins Reich geholt“ hatte. / Georg Christoph Heilingsetzer, Die Welt

*) vornehm gesagt. Wikipedia sagt (übrigens auch mit einem merkwürdig passivischen Akzent):

Am 28. Juni 1940 wurde die Stadt von der Sowjetunion besetzt, der Großteil der deutschen Bevölkerung wurde nach Verhandlungen mit Deutschland anschließend „Heim ins Reich“ geholt. Von 1941 bis 1944 gehörte Czernowitz wieder zu Rumänien, das mit dem Dritten Reich verbündet war. In dieser Zeit kam es zur Ermordung und Deportation eines großen Teils der jüdischen Gemeinde. Als 1944 die Rote Armee die Stadt erneut einnahm, wurden die noch verbliebenen deutschen Bewohner der Stadt vertrieben, auch ein Großteil der rumänischsprachigen Bevölkerung verließ Czernowitz. Es siedelten sich nun tausende Ukrainer und Russen in der Stadt an. Die ehemals deutschsprachige Kultur der Stadt verschwand fast vollständig.

Die ukrainische Fassung ergänzt:

Während der sowjetischen Periode verschwanden die Deutschen und Polen, sank die Zahl der Rumänen (17%), Juden und stieg die Zahl der Ukrainer (62%) und Russen (11%).

Muttersprache, nach der Volkszählung von 2001:

  • Ukrainisch – 79,2%,
  • Russisch – 15,27%
  • Rumänisch / Moldovan – 4,34%
  • Polnisch – 0,12%
  • Hebräisch (?? „єврейська“ evtl. auch Jiddisch?) – 0,11%
  • Weißrussisch – 0,09%
  • Armenisch – 0,05%
  • Bulgarisch – 0,03%
  • Deutsch – 0,03%
  • Gypsy – 0,02%
  • Ungarisch – 0,01%

Die deutsche Version hat leider keine Liste berühmter Bewohner der Stadt. In der ukrainischen heißt es:

Berühmte Einwohner der Stadt (vor dem Krieg, 1941):

Die deutsche Dichterin Rose Ausländer (1901-1988), der österreichische und rumänische Historiker Daniel Verenko (1847-1940), der deutsche Dichter, Romancier, Dramatiker, Übersetzer, Journalist, Schauspieler George Drozdowsky (1899 – 1987), der deutsche Dichter Paul Celan (1920-1970 ), der Biochemiker Erwin Chargaff (1905-2002), der jüdische (jiddische) Schriftsteller Itzik Manger (1901-1969), die rumänische Pianistin Karol Mikuli (1821-1892), der deutsche Schriftsteller und Journalist Gregor von Rezzori (1914-1998), der jüdische Schriftsteller Elizer Shtaynbarh (1889-1932), die ukrainischen Schriftsteller Yuri Fedkovich (1834-1888) und Olga Kobylyanskaya (1863-1942).
In Czernowitz arbeitete der rumänische Dichter Mihai Eminescu (1850-1889), der Schriftsteller und Journalist Karl Emil Franzos (1848-1904), der Dichter und Übersetzer Alfred Margul-Sperber (1898-1967), der Dichter Moses Rosenkranz (1904-2003), der Tenor Joseph Schmidt (1904-1942) und der Wirtschaftswissenschaftler (damals Finanzminister) Joseph Schumpeter (1883-1950).

Berühmte Einwohner der Stadt in der Nachkriegszeit (1941)

Vladimir Ivasyuk – 1949-1979 – ukrainischer Komponisten und Dichter. Held der Ukraine;
Ivan Mykolaychuk – 1941-1987 – ukrainischer Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor;
Dmitry Hnatiuk – ukrainische Opernsängerin (Bariton);
Sofia Michailowna Rotaru – Sängerin;
Arthur Kogan – Schachspieler, Großmeister.

Die englische Fassung nennt:

Many well-known historical figures were born in the city, including poet and writer Paul Celan, actress Mila Kunis, musician and essayist Roman Vlad and Selma Meerbaum-Eisinger, the former Speaker of the Parliament Arseniy Yatsenyuk, anarchist political activist Zamfir Arbore, and the Vienna Secession artist Oskar Laske. Many other famous people lived and worked in the city, such as Ukrainian national poet Ivan Franko, the first President of Ukraine Leonid Kravchuk, Romanian national poet Mihai Eminescu, Yiddish actress Sidi Tal, novelist Aharon Appelfeld, Eudoxiu Hurmuzachi, Aron Pumnul, Ciprian Porumbescu, Ion Nistor, Gala Galaction, economist and political theorist Joseph Schumpeter, jurist and sociologist of law Eugen Ehrlich, Nikolai Vavilov, Abraham Goldfaden, Ruth Wisse, and Avigdor Arikha.

Die rumänische nennt u.a. bemerkenswert viele weitere deutsch- und anderssprachige Autoren:

Moisei Fișbein (n. 1947), Alfred Gong (geboren als Alfred Liquornik) (1920–1981), Alfred Kittner (1906–1991), Dan Pagis (1930–1986), Gregor von Rezzori (d’Arezzo; 1914–1998), James Immanuel Weissglas, auch bekannt als Ion Iordan, (1920–1979), Hermann Bahr (1863-1934), Isaac Schreyer, auch Herbert Urfahr (1890 – 1948), Eliezer Steinbarg (1880–1932).

48. In Augenschein

Morgen beginnt Fixpoetry mit einer neuen Reihe, die in regelmäßigen Abständen erscheinen wird:  IN AUGENSCHEIN, Gespräche über anonymisierte Texte von und mit Tobias Roth.

Tobias Roth stellt Autoren vier Gedichte vor, Titel und Autor bleiben verdeckt. In einem gemeinsamen Gespräch über die Texte, versucht der befragte Autor den Autor des Gedichtes zu ermitteln. Um Sie selbst zum Nachdenken anzuregen, finden Sie die „Lösung“ dann immer via Link in der Rubrik FIXative in unserem Feuilleton.

Erster Gast dieser Reihe ist Asmus Trautsch. Asmus Trautsch, 1976 in Kiel geboren, ist ein Lyriker mit feinen Ohren, ein Komponist mit scharfem Sprachgefühl. Bereits 1994, 1996 und 1997 Teilnehmer am Treffen junger Komponisten auf Schloss Weikersheim, konnte er in den letzten Jahren seine Vorliebe für Schlossstipendien im brandenburgischen Wiepersdorf und im stuttgarter Solitude fortsetzen. Die Spannweite seiner Studien und Arbeiten lässt das nur berechtigt erscheinen: 2003 gründete er nicht nur den Verein Klangnetz, sondern auch den Lunardi Verlag, den er gemeinsam mit Bettina Hartz bis 2010 leitete. Er studierte an der Universität der Künste Berlin, der Humboldt-Universität und dem University College London Philosophie, ältere und neuere deutsche Literatur sowie Komposition. Sein lyrisches Debut Treibbojen erschien 2010 im Berliner Verlagshaus J.Frank.

Der Fülle des lyrischen Textes steht die besonders hingegebene Lektüre gegenüber. Wie es den Text zu neuen, erleuchtenden Wortverbindungen treiben kann, wenn er sich den Spielen, Zwängen und Anforderungen eines lyrischen Einfalls hingibt, so kann auch die Lektüre durch Beschränkung in neue Richtungen wachsen: und an Aufmerksamkeit gewinnen, wenn die Sicherheit gewohnter Fangnetze fehlt. In dieses Wagnis will sich die Reihe Augenschein begeben, indem sie im Gespräch mit Lyrikern über Lyrik Namen und Titel verdeckt. Der blinde Fleck über dem Namenszug der Autoren soll einen freieren Blick auf das erlauben, was die Signatur ihrer Texte ausmacht. Da geht es um Stile, mehr als um Inhalte; gerade deshalb geht es um Beobachtungen und nicht um Wertungen. Kein Quiz, sondern ein Spiel, dessen Regeln sich im Moment erst formen. Nur das Material ist gegeben und älter als wir. Wir bleiben familiär, wir wollen spazieren, die Augen, Ohren und Hirne weit aufsperren. Deutlichkeit und Lösung können dabei selbstverständlich nicht in unserem Interesse liegen. (Tobias Roth)

47. Gedicht für Millionen

Robert Frost machte den Anfang bei der Amtseinführung Präsident Kennedys 1961. Dann gab es eine lange Pause – erst Bill Clinton 1993 (Maya Angelou) und 1997 (Miller Williams) nahm wieder Lyrik ins Feierprogramm auf, Barack Obama machte es nach und ließ 2009 Elizabeth Alexander auftreten und bei seiner zweiten Amtseinführung am 21.1. wird der kubano-amerikanische Lyriker Richard Blanco ein Gedicht vortragen. Neben Popgrößen wie Beyoncé (sie wird die Nationalhymne singen), Kelly Clarkson („My Country, ‚Tis of Thee“) und James Taylor („America the Beautiful“) tritt so die Stimme der Poesie. Vielleicht ist es ja nunmehr eine Tradition, der sich auch republikanische Präsidenten nicht entziehen werden? Hierzulande spielt die Amtseinführung von Präsident oder Kanzler kaum eine Rolle und auch viele Lyrikfreunde sehen die Inaugurationspoeme eher skeptisch. Dabei hat es etwas Einmaliges, wie Ron Charles in der Washington Post schreibt, nicht nur für die auserwählten DichterInnen, sondern für die Lyrik insgesamt: „Dutzende Millionen Menschen in der ganzen Welt werden einem Gedicht zuhören. Für viele wird es das einzige bleiben für die nächsten vier Jahre.“