95. Raum für Dichtung

Auch Falkner ist gut. Aber der Markt ist nicht da. Es gibt in Deutschland eine Lyrikphobie. Gute Fotos hingegen schaut sich jeder gerne an. Sie sind meistens leichter zu verstehen als gute Gedichte.

Gerhard Falkner veröffentlichte mit Anfang zwanzig seinen ersten Gedichtband, schrieb Essays, Prosa Theaterstücke, arbeitete als Übersetzer für englischsprachige Literatur. Er wurde mit Preisen und Stipendien überhäuft, es gibt Universitäten, an denen man Seminare zu seinem Werk belegen kann. Einem breiten Publikum ist er aber nicht bekannt. In diesem Jahr sieht es jedoch so aus, als gewinne Falkners Karriere an Tempo. Im Januar war er zu Gast in der Literatursendung „Druckfrisch“ von Denis Scheck, um über seinen Gedichtzyklus „Pergamon Poems“ zu reden. Auf Youtube kann man sich das noch angucken. Falkner steht vor dem Pergamonaltar in Berlin, ein kleiner, grauhaariger Mann mit sehr korrekt gestutztem Kinnbart, schwarzrandiger Brille, schwarzem Jackett und Strickjacke. Er lächelt und sagt kluge Dinge über Dichtung und Fries, während hinter ihm Museumsbesucher langgehen und neugierig gucken. Erst in die Kamera, dann auf Falkner, bei sehr bekannten Leuten ist es ja meistens umgekehrt. Der Auftritt muss Falkner Nerven gekostet haben. Während er Scheck antwortet, kneten seine Hände auf irgendetwas herum. „Ich würde dringend dafür plädieren, die Arena wieder größer werden zu lassen“, sagt Falkner zu Scheck. Er meint damit den Raum, dem Dichtung zugestanden wird. Scheck ist da aber schon im Begriff, seine Arena für Falkner wieder zu schließen. Er lobt Falkners Buch. Nach sieben Minuten ist der Beitrag vorbei. / Karen Krüger, FAZ

94. Solidarität mit Li Bifeng

Rede auf der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933

von Liao Yiwu

Wegen seines Protestes gegen das Massaker auf dem Tiananmen Platz wurde der namenlose Lyriker Li Bifeng verhaftet und war mein Leidensgenosse im Gefängnis. Mehrmals musste er danach wieder ins Gefängnis. Dort und in der Freiheit hat er Gedichte, Romane, Essays und Theaterstücke geschrieben und Gesellschaftsstudien verfasst.

Der größte Teil seiner Werke wurde von den Behörden beschlagnahmt. Nur ein kleiner Bruchteil ist auf der Webseite zu lesen, die wir für ihn eingerichtet haben, um seine Freilas- sung zu fordern. Für den 4. Juni dieses Jahres organisiert das Internationale Berliner Literaturfestival zum 24. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Worldwide Reading for Li Bifeng. Zahlreiche Schriftstellerkollegen haben bereits zugesagt, für seine Freilassung zu lesen. Hiermit bitte ich die anwesenden Schriftsteller darum, ihm ihre Solidarität mit eigenen Initiativen zu bekunden.

Li Bifeng liebt die Freiheit. Unter den politischen Gefangenen Chinas gilt er als der Meister der Fluchtversuche. Doch alle seine sieben Ausbrüche endeten damit, dass er wieder festgenommen und sogar gefoltert wurde. Einmal konnte er sogar bis nach Birma flüchten, wo er jedoch von einer kommunistischen Guerilla-Truppe gefangen und an die chinesischen Grenztruppen ausgeliefert wurde. Wie einen Fußball haben ihn acht Soldaten eine halbe Stunde lang hin und her getreten, so dass er heute immer noch unter den Folgen der Verletzungen an den Ohren, den Wangenknochen und am Hodensack leidet.

Das Leben von Li Bifeng, der dem Tod mehrmals entgangen ist, besteht hauptsächlich aus Schriftstellerei, Flucht und Gefängnis. Im November 2012, zwei Tage nach dem 18. Parteitag der KP Chinas wurde er wegen angeblicher Wirtschaftskriminalität zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er war gerade 48 Jahre alt geworden, zwölf Lebensjahre hat er bereits im Gefängnis verbracht.

Verschiedene chinesisch-sprachige Medien berichten jedoch, dass der eigentliche Grund für seine erneute Verurteilung seine jahrelange Unterstützung anderer Dissidenten gewesen sei und dass er im Jahr 2011 seinem Leidensgenossen aus dem Gefängnis, Liao Yiwu, bei der Flucht aus dem Land geholfen habe. Ich habe wiederholt erklärt, dass er mit meiner Flucht nicht das Geringste zu tun hatte. Doch sein Schicksal verursacht mir endlose Albträume. Ich danke dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, den deutschen Schriftstellern, dem PEN und der Akademie der Künste dafür, dass sie sich heute, anlässlich des Jahrestags der Bücherverbrennung, für seine Freilassung aussprechen. Sie ziehen somit eine Verbindungzwischen der Verfolgung von Schriftstellern durch die Nationalsozialisten und der heutigen Situation nicht nur in China. Denn wer sich für die Freiheit eines einzelnen Schriftstellers ein- setzt, macht somit auf das Schicksal aller verfolgten Autoren aufmerksam.

Lange vor der Bücherverbrennung durch die Nazis hat bereits der chinesische Tyrann Qin Shihuangdi, der die Chinesische Mauer erbauen ließ, als erster in der Geschichte der Menschheit Bücher verbrennen und Gelehrte lebendig begraben lassen. Und nicht lang nach der Bücherverbrennung Hitlers ließ der moderne Tyrann Chinas, Mao Zedong, in der von ihm ausgerufenen Kulturrevolution durch die Rotgardisten unter der Parole „Weg mit den Vier- Alten“ überall im Land Bücher verbrennen. Im gegenwärtigen China ist es längst Alltag geworden, dass Menschen wegen unliebsamer Äußerungen verurteilt werden. Es ist auch keine Seltenheit, dass Manuskripte von Schriftstellern beschlagnahmt und vernichtet werden. Die Schicksale von Li Bifeng, Liu Xiaobo, Gao Zhisheng, Tan Zuoren, Shi Tao, Ya Xin (Yassin) und vielen anderen besagen nur, dass der düstere Geist eines Hitler, Mao Zedong, Stalin oder Deng Xiaoping sich in absehbarer Zeit nicht verflüchtigen wird und dass das Feuer, das Bücher vernichtet, noch weiter lodert. / Mehr
Aufruf zur Solidarität mit dem chinesischen Lyriker Li Bifeng

93. Mein Dozent sagt es auch

Ich weiß noch wie einer meiner Germanistikdozenten vor ein paar Jahren den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartslyrik beklagte. „Die jungen Dichter“, meinte er, „schreiben doch nur noch Germanistenlyrik. Sehr gelehrt, reich an Anspielungen, Zitaten und Assoziationen, ohne Herz und Seele.“ Welche Autoren der Dozent damit meinte, sagte er nicht. Allerdings ließ er keinen Zweifel daran, dass er durchaus weiß, was die so genannten Independent Verlage veröffentlichen.

Seither musste ich bei so manchem Gedichtband an diese Worte denken. Nie aber kamen sie mir so schnell in den Sinn wie bei der Lektüre des neuen Gedichtbandes von Carl-Christian Elze. Und das nicht etwa, weil Elzes neuen Texten Herz und Seele fehlen. Ganz im Gegenteil. Sie vereinen vielmehr einen stilsicheren Umgang mit sprachlichen Variationen und einen gefühlvollen Ausdruck, der in der deutschsprachigen Lyrik sehr selten geworden ist. Schon allein deshalb ist ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist ein mutiges Buch. Der Gegenwind von so manchem Lyrikkollegen dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Vielleicht provoziert ihn Elze auch ein wenig, bedenkt man das Robert-Walser-Zitat, das dem Band voranstellt ist. In einem Gespräch mit Carl Seelig sagte Walser: „Finden Sie nicht auch, dass die jetzigen Lyriker zu malerisch empfinden? Sie haben geradezu Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Da suchen sie denn als Ersatz nach originellen Bildern. Aber machen Bilder das Wesen eines guten Gedichtes aus? Gibt nicht erst die Empfindung jedem Gedicht seinen Herzschlag?“ / Mario Osterland, Fixpoetry

Carl-Christan Elze: ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte. ISBN: 978-3-939557-69-2, 22€, luxbooks, Wiesbaden 2013

92. Schulprojekt in Essen

Bereits 2010 nahm die Schule an dem Literaturprojekt „Viele Kulturen – eine Sprache“ teil; jetzt, drei Jahre später, fiel der Startschuss für die zweite Auflage.

Und das im gleichen Umfang und mit dem gleichen Autor und Schreibwerkstatt-Leiter namens José F. A. Oliver und wieder einmal ausgelobt von der Robert-Bosch-Stiftung, die das Projekt finanziell unterstützt. (…)

Das angestrebte Werk mit Gedichten und Prosatexten soll bis zum Herbst rund 100 Seiten dick sein. Dabei stünde, so Oliver, literarisches Schreiben und weniger das kreative Schreiben im Vordergrund.

„Ein Dichter fällt nicht einfach so vom Himmel. Ich glaube nicht an Genies, aber an harte Arbeit“, weiß der Schriftsteller, der schon mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Auf die harte Arbeit kann er sich sicherlich verlassen, schließlich ist die Teilnahme der Schüler freiwillig und die Begeisterung groß. „Das ist eine super Möglichkeit, die darüber hinaus großen Spaß macht. Aufgrund der vollen Lehrpläne hat so etwas ja leider nicht viel Platz in der Schule“, so Teilnehmer Jan Kurowski und seine Mitschülerin Sarah Becker ergänzt: „Ein tolles Gefühl, dass wir ernst genommen und respektiert werden.“ / Julia Witte, WAZ

 

91. Poetische Weltkarte

Im Verlag Toubkal erscheint der neue Gedichtband des marokkanischen Dichter Yassin Adnan, der bereits vier Gedichtbände, zwei Sammlungen von Kurzgeschichten und einen Band poetischer Prosa über Marrakesch veröffentlichte. Er sagt über sich: «Je suis un poète trahi par les cafés et les bars de Paris, mais servi par la poésie» („Ich bin ein Dichter den die Cafés und Bars von Paris verrieten und dem die Poesie aufwartete“). Die Poesie wird ihm Zuflucht, wenn es keinen Schutz mehr gibt, Kompass gegen Abwege.
Diese Sammlung ist voller Anspielungen. Er zitiert Abu Taib Al-Mutanabbi, Al-Imam Al-Shafi, aber auch René Char. Der Wunsch, dem poetischen Welt-Gebäude ein Steinchen hinzuzufügen, zeigt sich deutlich in der großen Zahl von zitierten Dichtern. Sie erscheinen auf den Seiten als Boje, die den direkten Weg zum Ufer des Heils zeigt. Durch dieses Verfahren zeigt Adnan, dass die Poesie keine Sprache hat, sie ist einfach die universelle Sprache par excellence, die Sprache, derer sich alle Nationen bedienen können, ohne sich um den Code zu sorgen. Der Dichter zitiert Abdellatif Laâbi, Sadi Youssef, Adonis, Al-Mustanabbî, Ibn Arabi, Bukowski, Bob Dylan, Jack Kerouac, Jacques Brel etc.
Man wünscht sich mehr solcher Produktionen, die der poetischen Schöpfung ihren wahren Wert zurückgeben und sie den Pseudo-Dichtern, die in letzter Zeit grassieren, wegnehmen.

/ My Seddik Rabbaj, Libération (Marokko)

90. Poetopie

es hängt von dir ab, wie morgen das Wetter wird

Hansjürgen Bulkowski

89. Einfall

Gelegentlich leistet sich Wisława Szymborska auch ein bisschen Koketterie, so wenn sie im Gedicht Einfall ebendiesem Einfall, der sich bei ihr einstellt, den Rat erteilt, sich an einen anderen, besseren Dichter zu wenden.
Es gab in Polen diesen »besseren Dichter«, und wenn das Werk der Szymborska überhaupt mit einem winzigen Makel belastet ist, dann mit einem, für den sie absolut nichts kann, gemeint ist der Nobelpreis, der – als in Stockholm Polen auf dem Plan stand – doch mehr Zbigniew Herbert gebührt hätte als ihr; sein Werk zeichnet sich durch größere Dringlichkeit aus und eröffnet Dimensionen, die Wisława Szymborska verschlossen blieben oder die sie vielleicht gar nicht erschließen wollte. Aber was zählen alle Hierarchien von Ehre und Ruhm angesichts eines einzigen geglückten Gedichts, das sich dem Weltenlauf entgegenstellt? Wisława Szymborska sind nicht wenige solche Gedichte geglückt, eines von ihnen und eines ihrer letzten, Vermeer überschrieben, sei zuletzt zitiert: »Solange diese Frau aus dem Rijksmuseum / in der gemalten Stille und Andacht / Tag für Tag Milch / aus dem Krug in die Schüssel gießt, / verdient die Welt / keinen Weltuntergang.« / Peter Hamm, Die Zeit 22, S. 51

Wisława Szymborska:
Glückliche Liebe und andere Gedichte
A. d. Poln. v. Karl Dedecius und Renate Schmidgall; Kommentar von Adam Zagajewski; Suhrkamp Verlag, Berlin 2012; 104 S., 18,95 €

88. Agitprop aus Elephantine

Die Zeit (Nr. 22, S. 38) berichtet über ägyptische Funde, die seit 100 Jahren in Kisten lagern und jetzt digitalisiert und entziffert werden:

Götter sind in weltlichen Texten zumindest erwähnt oder in radikaler Agitprop-Prosa als Adressat genannt, wie auf dem Papyrus P23040; das Klagelied, gerichtet an Gott Chnum, ist nichts anderes als ein Aufruf priesterlicher Kreise zum bewaffneten Widerstand gegen die persische Herrschaft: »Wir rufen dich an, Herr der Götter / Mögest Du zerlegen ihre Anführer / Mögest Du schlachten ihre Starken / Mögest Du töten ihre Vertrauten.«

87. Jüngere deutsche Gegenwartslyrik

Am 28.4. erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein Artikel von Bettina Hartz über jüngere deutsche Gegenwartslyrik – (siehe Debatte im Winkel) in gekürzter Form, wie jetzt zu erfahren. Bei Fixpoetry gibt es jetzt den vollständigen Text. Darin über Nora Bossong, Alexander Gumz, Ron Winkler, Monika Rinck, Ann Cotten, Anja Utler, Jan Wagner, Marion Poschmann, Tom Schulz, Daniel Falb, Steffen Popp.

86. Schattenseiten

Peter Bürger, engagierter Heimatforscher aus Düsseldorf, macht sich für die Umbennung von Straßennamen stark. Die WAZ sprach mit ihm:

Ich beschäftige mich seit 27 Jahren mit sauerländischer Regionalforschung. Was ich in den Archiven entdeckt habe, war oft eine braune Sauce, vor allem was die Heimatdichtung betrifft. Mein Credo ist dabei, dass wir einerseits die schöne Lyrik vermitteln müssen, wie etwa bei Christine Koch, aber auch die Schattenseite.

In welcher Form?
Zum Beispiel habe ich in einem Dossier sämtliche fragwürdige Dichtungen von Christine Koch – wie das seit 1990 bekannte Gedicht zur Schuleinweihung in Stockum – dokumentiert. Allerdings gehörte Christine Koch nie der NSDAP an. Auch das Führer-Lob hörte nach 1936 auf. Und, ganz wichtig für mich, sie hat nie einen Hauch von Antisemitismus gezeigt und sich für das Menschenrecht von Minderheiten stark gemacht.

Kommen wir auf die drei Sunderner Straßen. Was ist mit Georg Nellius?
Schon vor 1933 war er Kopf der rechten Republikfeinde im Heimatbund. Seine glühenden Hitler-Hymnen habe ich für die Kommunalpolitiker und – öffentlich zugänglich – für die Stadtbibliothek in Sundern kopiert. Seine plattdeutsche Messe bleibt eine Pioniertat. Aber das ist kein Argument, dieses NSDAP-Mitglied mit hochkarätiger NS-Kulturfunktion heute noch auf einem Straßenschild zu zeigen.

Was ist mit Karl Wagenfeld?
Dieser Dichter hat den Nazis Brücken in die katholische Heimatwelt Westfalens gebaut. Er war schon vor 1933 nationalistischer Kriegshetzer und Rassist. Er rückte Juden in die Nähe Satans und sympathisierte mit der Vorstellung von „minderwertigem Leben“. Nach Hitlers Machtantritt war er über Nacht NSDAP-Mann. Das Dritte Reich galt ihm als Erfüllung seiner Lebensträume. Viele Kommunen haben ja schon die Konsequenzen daraus gezogen und Straßen umbenannt.

Wie stehen sie zu Maria Kahle?
Diese völkische Pseudokatholikin predigte schon bald nach 1920 Judenhass und fanatische Hitlerverehrung. Sie war führende Kriegspropagandistin der Nazis und geistige Mittäterin der Verbrechen im Ostfeldzug. Der Fall kann eindeutiger nicht sein. Eine Kahle-Straße ist eine Schande für jeden Ort.

85. Frischzellen

Münster-Roxel – Die 25 Fünftklässler der Sekundarschule wirkten motiviert und gut vorbereitet: Christoph Wenzel (34), Autor und Herausgeber aus Aachen, las im Rahmen des münsterischen Lyrikertreffens aus seinem dichterischen Werk.

„Gedichte sind Frischzellen fürs Gehirn“, unterstrich der studierte Germanist und mehrfache Preisträger. Lyrik ermögliche Kindern – entgegen weit verbreiteter Vorstellungen – einen unmittelbaren und ungefilterten Zugang zur Sprache „ohne analytischen Duktus“.

Mit seinen jungen Zuhörern führte der Autor spannende Gespräche über die Wirkungsweise von Versen und Reimen. Sein Appell („Neugierde ist der erste Schritt zum Verständnis“) zeigte schnell Wirkung. So skizzierten die Schüler eindrucksvoll die Faszination selbstverfasster Gedichte: „Es macht Spaß, Worte zu reimen. Lustig ist, was dabei rauskommt!“ / Thomas Usselmann, Westfälische Nachrichten

84. Poesiefestival von Montréal

Das 14. Poesiefestival von Montréal, veranstaltet von der Maison de la poésie, findet vom 27.5.- 2.6. 2013 statt. Mexiko steht  in diesem Jahr im Mittelpunkt. Die Veranstaltung ist offen für alle Ausdrucksformen der zeitgenössischen Poesie. 150 Dichter, Schriftsteller und Künstler aus allen Bereichen nehmen am Festival an verschiedenen Orten der Stadt teil in rund vierzig reichhaltigen und abwechslungsreichen Aktivitäten, von denen viele auf Französisch und Spanisch präsentiert werden.

Unter dem Motto 25 Jahre Austausch zwischen Mexiko und Québec wird das Festival die Aufmerksamkeit auf die langjährigen Verbindungen der Dichter beider Nationen lenken. / Mehr

U.a. mit Hubert Antoine, Élise Turcotte, Yolande Villemaire et Paloma Martinez, Claude Beausoleil, Bernard Pozier, Nicole Brossard, Émile Martel, Marco Antonio Campos, Silvia Eugenia Castillero, Gabriel Martín, Cristine Carmona, Mathilia Daudier, Alain Dumont, Carole Dupuis, Denis Gendron, Diane Lavigne, Maria Bautista, José Villagomez, Taulina Gonzalez, Louise Berthiaume, Maria Helena Monge, Réjean Morel, Carole Roy

Hier das komplette Programm

83. Spuren

Jan Kuhlbrodt

Zu:
Thomas Brasch
Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte

(Gesendet am 24.5. auf Radio 98,1)

Am 20. Mai erschienen im Suhrkamp Verlag die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch. Ein Ereignis. Zumindest für mich.

Der folgende Text wird aus Thesen bestehen, denn abschließend ist zu Brasch nichts zu sagen. Brasch selbst ist nicht abgeschlossen.

Ein Gedicht aus dem Nachlass, das eine Replik auf ein anderes seiner bekanntesten Gedichte ist:

Der schöne 27. November

Heute hat die Post das neue Telefonfreizeichen eingeführt
Statt des mir seit meiner Kindheit bekannten Tüt tüt tüt,
höre ich seit heute Nacht 24.00 Uhr einen endlosen Ton.

Wer sagt noch, hier ändere sich nichts

Das Original: Der schöne 27. September begegnete mir kürzlich auf einer brasilianischen Seite im Internet:

O belo 27 de setembro

Eu não li jornal algum.
Eu não segui com os olhos mulher alguma.
Eu não abri a caixa dos correios.
Eu não desejei a qualquer um bom dia.
Eu não me olhei ao espelho.
Eu não conversei sobre os velhos tempos com ninguém,
nem sobre os novos tempos.
Eu não pensei sobre mim mesmo.
Eu não escrevi qualquer linha.
Eu não lancei os dados.

Der schöne 27. September: Ich habe keine Zeitung gelesen. / Ich habe keiner Frau nachgesehn. / Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet. / Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht. / Ich habe nicht in den Spiegel gesehn. / Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen / und mit keinem über neue Zeiten. / Ich habe nicht über mich nachgedacht. / Ich habe keine Zeile geschrieben. / Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht. (Thomas Brasch)

Ins Portugiesische übersetzt hat das Gedicht der brasilianische Dichter Ricardo Domeneck. Er freute sich riesig, als ich ihm von der Brasch-Ausgabe erzählte.

Wenn einer nicht nachlässt, bildet sich ein kräftiger Nachlass. Vor allem wenn er so früh zu leben aufhört. Die Gedichte dieses Bandes, die aus dem Nachlass zusammengesammelt wurden, übersteigen jene, die zu Lebzeiten Braschs veröffentlicht worden sind. Das mag daran liegen, dass Braschs Hauptarbeitsfeld die Dramatik war und der Film. Und dass es aktuell meiner Meinung nach keine besseren Shakespeareübersetzungen gibt. Sein Umgang mit dem Blankvers ist einzigartig.

Aber um Braschs Gedichte soll es hier gehen.

Anhand der Texte lässt sich ein Autor rekonstruieren, der vielleicht Brasch ist.
Anhand dieser Texte lässt sich einer Zeit rekonstruieren, die vielleicht die Zeit Braschs war.
Anhand dieser Texte lässt sich ein Deutschland rekonstruieren (das allerdings nie das Deutschland Braschs war. Sie haben aneinander vorbei existiert.)

SIE SUCHT IM FREMDEN LAND
WAS SIE IM KOPF NICHT FAND

Piwi fliegt in die andere Hälfte der Welt
Über die Mauer über den Kopf von Karl Marx
vom neuen Deutschland in das noch ältere Deutschland
Piwi landet zwischen Leuchtreklamen
Das war ein Flug!

Brasch ist Rock n Roll. Die Generation die unmittelbar zu Kriegsende auf die Welt kam, und die sich auf nichts berufen konnte, schon gar nicht auf ihre Eltern,
Gut, bei Brasch trifft das nicht zu. Seine Eltern kamen als jüdische bzw. der Vater als jüdischer und kommunistischer Emigrant nach Deutschland zurück. In die DDR zumal, die ihnen Heimat werden sollte, die für Brasch aber nicht Heimat wurde, die sein Vater nicht, aber er um einige Jahre überlebte.
Ein Gedicht erzählt auch von einer Großmutter, die den Krieg in Bayern als Frau eines Katholiken überlebte. (Als Nebenlektüre sei übrigens Marion Braschs Roman Ab jetzt ist Ruhe empfohlen. Hier findet sich die Version in der Erzählung der jüngeren Schwester.)

Ich bin der Sänger nicht das Lied.
Ich zieh den Vorhang auf,
leer ist die Szene.

So beginnt das Gedicht Jim Morrison. Und gerade in der vom Westen abgekoppelten DDR erlangte die Musik der Doors fast mythische Bedeutung. Einer meiner Klassenkameraden kam immer zum Todestag des Sängers mit einem Trauerflor in die Schule. Eines Tages musste er auch sein FDJ-Hemd am gleichen Tag tragen. Seine Trauer wurde ihm als politische Provokation ausgelegt. Aber vielleicht trauerten ja beide, Brasch und Jochen (so hieß der Mitschüler) um beides. Um Morrison und ihre verratenen Ideale. Jedenfalls endet das Gedicht folgendermaßen:

geh mit fremden Schritten fremde Wege
wechsel Haut und Hemden
bin ein Bauer, bin ein Präsident
und vergesse, wer ich war.
Bin das Lied bin nicht der Sänger.

Dieses Buch zieht Lektüren an, neue und vergangene neu. Viel Brecht lese ich nebenher. Vor allem im Lesebuch für Städtebewohner.

Braschs Texte aber beschwören eine historische Situation, die ich als Kind und Jugendlicher erlebte, und lassen mich aus dieser Situation das vergangene Jahrhundert rekonstruieren, zumindest den Teil, der sich in Europa abspielte, denn die Zeiten vergehen verschieden. Jede Region hat ihren Puls.
Mit der ersten Zeile, dem ersten Vers katapultiert dieses Buch mich zurück in die Zeit der Entstehung der Texte, obwohl ich damals, im Fall des Poesiealbums 1974 erst 8 Jahre alt war und mich mit ganz anderen Gedichten und Sprüchen beschäftigte.

Aber:
Gerade in den Texten aus dem Poesiealbum: nahezu klassische Balladen, sehe ich das, was subjektive Geschichtsschreibung sein könnte, oder wenigstens damit gemeint.
Und später als ich Brasch zu begreifen begann, war er weg. Viele Helden waren fort bevor sie meine Helden wurden, so auch Brasch. Nur Heiner Müller saß verborgen hinter einer Wolke aus Zigarrenrauch und harrte aus.

Auf dem Vorsatz des Bandes ein gereimtes Gedicht. Brasch geht außerhalb der Zeit und trifft sie vielleicht gerade darum. In diesen Gedicht das Wort Fool wird nicht übersetzt. Dann die Balladen aus dem Poesiealbum. Bilder eines versehrten Volkes, dem, nachdem der Krieg aus war, des Krieges Härte geblieben war. Momentaufnahmen der Mörder.
Und es gibt auch Theaterstücke in den Gedichten, was seine Richtigkeit hat und auf das gemeinsame Muttermal verweist: die gebundene Rede. Und auf Shakespeare.

Vielleicht waren Müller und Brasch die beiden Wege, die aus Brecht herausführten. Müller stieg in den Mythos hinauf in einer Wolke aus Havannarauch, bestellte Single Malt; Brasch trank am Kiosk ein Bier und rauchte eine Filterlose. In gewisser Hinsicht ist Aufstieg also eine Form des Bleibens, Abstieg aber, ist gehen.

Faszinierend ist, dass man erst nach dreißig Jahren merkt, dass Brasch Brecht gewissermaßen durchbuchstabiert. Zumindest mir geht das so. Sogar im einzelnen Text tut er das. Aber zentral schien ihm das Lesebuch für Städtebewohner zu sein.

Spuren verwischen

Die Zeilen verschwimmen die Zeichen
Ich habe sie geschrieben Ich kann
sie nicht mehr entziffern Erst
wenn ich tot liege unter der Erde
über die ich gegangen bin Kommt einer
und weiß was ich gemeint habe
Die Zeilen verschwimmen Die Zeichen

Brasch treibt Brecht zum Äußersten, in dem er ihn wiederbelebt, ihm dabei die arrogante Kühle nimmt, ihn mit Rockmusik anreichert. Weil Brasch z.B. die Frauen ernst nimmt, oder auf eine ganz andere Art ernst nimmt als Brecht. Für Brecht gab es nur die Hure und die Courage, beide verehrte er auf die je entsprechende Weise, aber als Typus. Sie sind Theaterfiguren, und Brecht ist sich ihrer Zuneigung sicher. Denn sowohl die Mutter als auch die Hure sind um ihrer selbst Willen auf ihn angewiesen.
Brasch hingegen verzettelt sich, würde Brecht sagen, in romantischer Liebe, nicht nur zu den Frauen im übrigen, und wird von ihr aufgezehrt. Brasch führt die Typen zurück in Individualität, macht aus Klassenangehörigen wieder Menschen.

DAS FÜRCHTEN NICHT UND NIE DAS WÜNSCHEN
darf mir abhanden kommen, auch mein täglich sterben nicht
das seellos süchtig sein auf keinen fall
nur hirnlos reimen wie ein wicht muß beendet werden

da ist ein gott und setzt sich zwischen alle stühle
er sieht genauso aus wie ich mich fühle.

An Brecht geschult meinten wir Nietzsche, wenn wir Marx sagten, wir wußten es nicht besser, und Brecht wahrscheinlich auch nicht. Brasch am wenigsten, oder am meisten.

Kranich

Du hast den Kranich gesehn
hoch oben
mit weiten Schwingen,
frei,
unendlich frei.

Doch tröste dich:
auch er muß sterben,
vielleicht bald.

Brasch abschließend = offenes Ende.
Das Buch ist aufwendig kommentiert und mit Reprints der Handschriften versehen, 1024 Seiten
€ 49,95.

82. Neue Lyrik aus Berlin

Wann: (war schon)
Wo: Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97(Kulturbrauerei)
10435 Berlin
Veranstalter: Literaturwerkstatt Berlin

In Lesung und Gespräch: Nico Bleutge (Autor, Berlin) und Björn Kuhligk (Autor, Berlin) Moderation: Meike Feßmann (Literaturkritikerin und Autorin, Berlin)

Wie kann man heute über Landschaft schreiben? Die Berliner Dichter Nico Bleutge und Björn Kuhligk nähern sich dieser Frage von sehr unterschiedlichen Seiten. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie sich wohltuend von dem abheben, was Peter Rühmkorf einst spottend als die »Wiedergeburt des Mythos aus dem Geiste der Kleingärtnerei« bezeichnet hat. Nico Bleutges (*1972 München) Band »verdecktes gelände« (C.H.Beck 2013) ist die konsequente Weiterführung jenes ästhetischen Ansatzes, der bereits in den beiden vorangegangenen Büchern, »klare konturen« und »fallstreifen«, deutlich hervortrat: eine Art poetische Mikroskopie, die sich der unbedingten Sprachgenauigkeit verschrieben hat. Das Ergebnis ist eine lyrische Diktion, welche mit ihrem hochdifferenzierten Auflösungsvermögen selbst solche Landschaften zum Schillern bringt, die sich aus den unterschiedlichsten Graustufen zusammensetzen. Björn Kuhligk (*1975 Berlin) schlägt in seinem neuen Band »Die Stille zwischen null und eins« (Hanser Berlin 2013) für ihn ungewohnte Töne an. Er verlässt das urbane Umfeld und wendet sich den »dampfenden Tieren« am Leckstein und dem Mond in der Oberleitung zu. Es sind Texte in einem nicht abgesicherten Modus, die lustvoll die Tradition unterlaufen, in der das Naturgedicht steht. / mehr

81. Baaders Macht

2 Sätze aus einem Text von Ina Kutulas über Matthias Baader-Holst:

Unser Brautmantelkleid war, ist die Decke, unter der die Herbeigerufenen nach wie vor stecken, Gelittene und Untragbare, Verzagte und Verdammte, gut ausgestattet mit diesem Crazy Baader Holst Patchwork – zu werden ein Patchword: der blaue Gottesmuttermantel, der Mantel des Christophorus, Novalis’ lange Haare und seine Mantelknöpfe, der Hemdkragen des Friedrich Hölderlin, le Chiffon Rouge, das Tuch des Jannis Ritsos, der Bakuninslip, der Schurz eines Tarzan, der Pelzmantel des Joseph Beuys, der Stock des St. Patrik in den Händen Artauds und dessen Stummer Schrei – aufgefangen vom Stummen Schrei Edvard Munchs -, ein Zylinderhut von Magritte, Majakowskis XXL-Hose im Wolkenwind, die Schuh- und Kofferberge von Auschwitz, Sophie Scholls Seitenscheitel und die Weiße Rose und die Weißen Rosen von Athen, die Nana Mouskouri herbei sang, Manolis Glezos’ Fahne und die Weiße Rose der Sophie Scholl in den Händen des Falk Harnack in Athen, die Ketten Günter Wallraffs in Athen, Andreas Baaders Jeansanzug, die Flieger-Kappe Johannes Baaders, Frank Lanzendörfers Lederjacke, der Kleiderstoff der Anna Achmatowa, Heiner Müllers Brille, Inge Müllers fast knielange Kinderstrümpfe, Rotkäppchens Korb, Wawerzineks Hebammentasche, Jan Faktors Armbanduhr, Elke Erbs bodenlange Röcke und Schlüsselbänder um der Autorin Hals, die Jesuslatschen, Schlipse, Badekappen, Rasierklingen, Emaillebroschen, Häkchen und Ösen, Bernsteinketten, die Heftpflaster, die Scheuerlappen, das Häkelgarn, der rote Wischmopp, der Baader zur Perücke wurde, Bert Papenfuß’ Springerstiefel, Johannes Jansens weiße Herrenhemden, Gregor Kunz’ Lederband oder Bänder „und dann wieder nicht“, Frida Kahlos Blusen, Wolfgang Hilbigs Umhängetasche, Adolf Endlers Bart, Tilo Köhlers blaues T-Shirt, Gert Hofs selbstgestrickte Unterwäsche, Christel Seidel-Zaprassis’ Klöppelspitzen, Leggings, Palästinensertücher, Militärmäntel, Batikblusen, Büstenhalter, Schlenkerbeutel, V-Pullover, Hosenträger, Geheimnisträger, Gummistiefel, Nylonkittel, Malimo, Rosa Extra, Mondos, Chinafrottee, Assi-Jacken, Konsumjeans, Bundeswehrparka, das Mantelfutter, die unerschöpfliche, bodenlose Frechheit, dieses Sammelsurium, diese Lumpenkiste mit allem, was auf keine Kuhhaut mehr ging und das es in keinem schlechten Russenfilm gab. Darin lag, liegt Baaders Macht.