Junge Muslime treten beim I, Slam gegeneinander an, ein Informatiker trägt Verse vor und auch in der Wagenburg Lohmühle wird gedichtet: Am Freitag beginnt das 14. Poesiefestival in Berlin.
Das Adjektiv „schwierig“ möchte Thomas Wohlfahrt nicht im Zusammenhang mit Gedichten hören. Er lässt auch das Argument nicht gelten, dass Lyrikbände sich schlecht verkaufen. „Genau da liegt doch das Problem!“, sagt er und holt aus: „Seit fünftausend Jahren macht das Gedicht zum Gedicht, was es im Innersten zusammenhält: die Musikalität der Sprache. Der Rhythmus und die Klanglinien werden doch erst beim Vortrag wirklich lebendig.“ Er benutzt einen schönen Vergleich: Das gedruckte Gedicht sei bloß die Partitur. Man könne es mit Verstand lesen, bekomme auch einen Eindruck von seiner Güte. Doch erst durch die Interpretation einer Stimme entfalte sich seine ganze Qualität. Und so hat der Chef der Berliner Literaturwerkstatt ganz nebenbei die Frage beantwortet, warum die Poesie ein Festival braucht: Damit sie lebt. / Cornelia Geissler, Berliner Zeitung
Vierzig Jahre tot, ist das ein Grund zu feiern? Nein, aber ein Grund, sich an Christine Lavant zu erinnern, das schon. Gerade für sie, die dem Tod immer ganz nah war, ist der 7. Juni der richtige Gedenktag.
Als Christine Lavant am 7. Juni 1973 in der Geriatrie im LKH Wolfsberg starb, hatte sie die Dichtung schon lange hinter sich gelassen. Die Gedichte waren nur eine Etappe auf ihrem Lebensweg, wenn auch eine, die ihr Glück gebracht hat. Das Schreiben rettete sie in der Depression und hielt sie davon ab, in letzter Verzweiflung selbst gewaltsam den Weg in den Tod anzutreten.
Die Sache ist also ernst, zu ernst, um sie dem Deutschunterricht und Universitätsseminaren zu überlassen. (…)
Christine Lavant schrieb um ihr Leben, und deshalb, jenseits aller Kunstfertigkeit, rauben uns diese Texte heute noch den Atem. Wie einst Werner Berg können auch wir der Dichterin verfallen. Werner Berg lernte Christine Lavant am Tonhof in St. Veit kennen. Dort, unter den aufstrebenden und wichtigen Schriftstellern und Malern, sah er eine ausgemergelte Frau, große Augen, Finger gleich Spinnenbeinen. / Wilhelm Kuehs, Kleine Zeitung
Theo Czernik ist tot. Der Lyrik-Verlag Edition L und dessen Verleger Theo Czernik waren und sind im deutschsprachigen Raum ein Begriff. Seine edlen Bucherscheinungen sind Meilensteine anspruchsvoller Lyrik-Literatur. (…)
Der charmant-freundliche ältere Herr mit der ruhigen Stimme und der sympathischen Ausstrahlung war ein Verfechter – mehr noch: ein Kämpfer für die Lyrik. „Lyrik muss Botschaft sein, empirisches Anschauungsmaterial für andere und keine Darstellung abstrakter Gedanken. Lassen wir den Himmel blau sein und die Liebe rot. Haben wir den Mut, uns an den Nächsten mit Worten heranzutasten, Gemeinsamkeiten zu suchen und zu finden.“ Seine Worte und Gedanken zur Lyrik können auch als sein Vermächtnis angesehen werden. / Hockenheimer Tageszeitung 6.6.
Amerikanische Forscher haben die Fossilien von einer der größten Echsen der Welt untersucht. Die etwa 1,80 Meter großen und rund 30 Kilogramm schweren Tiere lebten vor rund 40 Millionen Jahren und wurden nach The-Doors-Sänger Jim Morrison benannt. Die Reptilien mit dem wissenschaftlichen Namen Barbaturex morrisoni („Morrisons bärtiger König“) lebten in den heißen Tropenwäldern von Südostasien und konkurrierten dort mit Säugetieren um Nahrung und andere Ressourcen, wie die Forscher im britischen Wissenschaftsjournal „Proceedings of the Royal Society B.“ schreiben. / N24
Dead president’s corpse in the driver’s car
The engine runs on glue and tar
Come on along, not going very far
To the east to meet the CzarRun with me, run with me, run with me
Let’s runSome outlaws live by the side of a lake
The minister’s daughter’s in love with the snake
Who lives in a well by the side of the road
Wake up, girl! We’re almost homeSun, sun, sun
Burn, burn, burn
Moon, moon, moon
I will get you soon…soon…soon!I am the Lizard King
I can do anything
Es gibt ihn noch, den abgerissenen Notizblock-Zettel, auf dem der 21-Jährige Hans Leip mit einem Bleistift fünf Verse notierte. Sie sollten zu einem der berühmtesten Gedichte des 20. Jahrhunderts werden – und zu einem Lied, das weltweit als das Soldatenlied für den Zweiten Weltkrieg steht: „Lili Marleen“. Ein Lied, das ihn sein Leben lang verfolgen und sein weiteres Werk in den Schatten stellen würde. / NDR
Und jetzt, endlich: „Die nennen das Schrei“, Thomas Braschs „Gesammelte Gedichte“ im Suhrkamp Verlag. 1030 Seiten, eine Wucht von Buch. Ein Ereignis auch das. 1030 Seiten Gedichte und historisch-kritische Kommentare, ein Lyrikband, der 49,95 Euro kostet und sie wert ist – es gibt kaum einen ähnlichen Beweis in diesen Tagen für das, was man so unverwechselbar ein Stück „Suhrkamp-Kultur“ nennen kann. (…)
Und jetzt im Buch manche Überraschung. Eine frühe Hymne an die spanische Torwartlegende Enrico Zamorra „Der Mann, / an dem der Ball nicht vorbei kam“). Übersetzungen von Poemen aus dem Polnischen (Adam Mickiewicz) und Ungarischen (György Dalos). Widmungen an die Thalbach oder überraschenderweise an Jutta Lampe. Und Kritisches über Heiner Müller, der keinem rät, der vielleicht verrät, eine deutsche Sphinx. Daneben immer mal wieder der Post- oder Neoromantiker mit seiner machohaft kitschnahen Verehrung für Gangstertypen und tragisch behauchte Frauenmörder. Anyhow.
Wichtiger: Viel Tolles. Abgründiges. Auch Gewitztes. Am schönsten aber sind die Liebesgedichte, manchmal liedhaft, balladesk, „gemischt in Dur und Moll“. Und einmal, beim Jugend-Poem „Anna, du“ von 1967, ist die im Anhang mitgelieferte Variante sogar besser als die verknappte Fassung im Hauptteil: „Anna komm, mein warmer Stein / leg dich in mein Kissen / trink von mir und meinem Wein / morgen werd ich nicht mehr sein.“ / Peter von Becker, Tagesspiegel
Actually, none of the works by Li Bifeng I have read up to now sound very dissident at all. They are “just art”, so to speak. He could have published them, as a different person.
I am currently translating a long poem by Li Bifeng into English, and have translated several small texts into German. Two of these will appear in the literary journal Wienzeile this summer in bilingual fashion. The artist Sara Bernal is supporting the reading on June 3rd with a display of paintings.
What other texts will be read at Vienna University on June 3rd?
On May 3rd, 2013, we had a very interesting workshop and discussion at Vienna University’s East Asia Institute, on literature in Korea, China and Japan. It was initiated by Lena Springer, who invited Zhang Chengjue 張成覺, expert on the year 1957 and the so-called Anti-Rightists-Campaign in China. Zhang and Springer were inspired by Lu Xun expert Qian Liqun from Peking University, who called for research on the late 1950s in China across disciplines. The workshop in Vienna was about censorship, political changes, publishing conditions and (self-)perceptions of artistic quality. Professor Schirmer told us about a debate in South Korea 45 years ago, in 1968. A big-wig critic who became culture minister later published an essay, lamenting the lame state of Korean literature. A poet responded and said he had poems that could not be published, and his friends also had literature that could not be published because it would be considered dangerous, unstable, unsettling. 不穩。The critic said he didn’t understand. Surely good art would be independent of politics and would only need imagination and talent? Not so, the poet replied. Art is potentially unsettling, if it is powerful art at all. The critic didn’t get it again. Sounded very much like Prof. Kubin and his friends in China. Also like Taiwan 30 years ago, of course. / 中国大好き
Achim Wagner wurde 1967 in Coburg geboren. Er veröffentlicht seit 1997 Gedichte, Erzählungen, Romane und Libretti. 2009 führte ihn ein Stipendium nach Istanbul. Das Interesse an der türkischen Lyrik hielt ihn im Land. Seit 2010 wohnt er in Ankara und pendelt zwischen der türkischen und deutschen Hauptstadt. Am 12. Juli wird der Autor zu Gast sein in Stuttgart, im Literarischen Salon des Schriftstellerhauses. In der Stuttgarter Zeitung berichtet er aus Ankara.
„Womit versüßt man Tage, wenn nicht mit Gedichten“, heißt es in einem Vers des israelischen Lyrikers Natan Zach.
Seit 1955 versüßt der 1930 in Berlin geborene Zach nun die Tage – wobei er alles andere als ein poetischer Zuckerbäcker ist. Sein Werk, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, in Israel und international mehrfach ausgezeichnet, hat ihn zum Erneuerer und Wegbereiter der modernen hebräischen Lyrik gemacht. Zach prägt sie bis auf den heutigen Tag: als „bitterer, sehr kalter Romantiker“, so die Selbstcharakterisierung des streitbaren Zeitgenossen. Seine gefühlvollen, aber unsentimentalen Gedichte, Teil der israelischen Alltagskultur, sind – vielfach vertont – auch als Lieder populär. Hin und wieder thematisieren sie in poetischer Form politische Ereignisse – weitaus subtiler als es ein Günter Grass vermag.
Vor wenigen Tagen erst erinnerte Zach in der Tageszeitung Haaretz mit einem Gedicht an den erschossenen Palästinenserjungen Muhammed al-Dura.
Umso mehr wundert es, dass erst jetzt, im dreiundachtzigsten Lebensjahr des Dichters, ein Buch erscheint, das es dem deutschen Leser erlaubt, sich wenigstens mit einem Querschnitt aus Zachs jahrzehntelangem Schaffen bekannt zu machen.
„Verlorener Kontinent“ lautet der Titel dieser mit 87 Seiten viel zu bescheiden ausfallenden Sammlung von Gedichten aus den Jahren 1955 bis 2008.
Zach, Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer italienischen Mutter kam als Kind in das Mandatsgebiet Palästina. In der Familie sprach man Deutsch. Hebräisch, die Sprache, in der Zach sich künstlerisch ausdrückt oder auch an der Universität Haifa unterrichtet hat, erlernte er als Fremdsprache. / Carsten Hueck, DLR
Natan Zach: Verlorener Kontinent
Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner
Jüdischer Verlag, Berlin 2013
87 Seiten, 19,95 Euro
Li Bifeng war einmal Steuerbeamter in Mianyang, einer Stadt in der Provinz Sichuan, aber seit ihm das Gefängnis zur Heimat wurde, ist er nur mehr Dichter.
Kein bekannter, nein. Li Bifeng ist eine jener armen Seelen, nach denen kein Hahn kräht, eigentlich. Es ist 1989, das Frühjahr der Rebellion in China, als der junge Beamte Li sich auf die Seite der Studenten schlägt. Dafür kassiert er die ersten fünf Jahre Haft. Er wird entlassen, bekommt einen Sohn. Dann springt er einer Gruppe protestierender Textilarbeiter zur Seite, welche die Autobahn blockieren. 1998 das zweite Urteil: sieben Jahre Haft.
„Er war immer in Eile und immer am falschen Ort.“ Liao Yiwu hat das geschrieben, der Schriftsteller, dem die Flucht ins Berliner Exil gelungen ist. Die beiden hatten sich im Gefängnis kennengelernt. Sie waren dort nicht die einzigen Politischen, aber die einzigen Poeten, so ließen sie sich, schreibt Liao „in aller Heimlichkeit viel Wärme zukommen; jene Art von Wärme, die sich Ratten zuteilwerden lassen, wenn sie ihr Fell aneinander reiben“. / Kai Strittmatter, Süddeutsche Zeitung
Nâzım Hikmet zählt zu den berühmtesten Dichtern der Türkei, und doch war er ein ungeliebter Sohn seines Vaterlands. 1950 hatte man ihn ausgebürgert, nachdem der glühende Kommunist in die Sowjetunion geflohen war. Erst 2009 gab ihm der türkische Staat posthum seine Staatsbürgerschaft zurück.
Nicht drei oder vier
Nicht fünfzehn –
Dreißig Millionen
Hungernde
Haben wir!
Wir haben sie!
Sie
Haben uns!
…
Diese Verse schrieb Nâzım Hikmet 1921. Das Gedicht „Die Pupillen der Hungernden“ markiert den Beginn der modernen türkischen Lyrik. Nâzım Hikmet befand sich auf dem Weg von Anatolien nach Russland und sah überall in den Dörfern die ungeheure Armut der Menschen. Irgendwo auf dem langen Marsch nach Norden bekam er eine russische Zeitung in die Finger. Da fielen ihm die treppenförmigen Gedichte des russischen Futuristen Wladimir Majakowski auf. Nun vermochte sich Nâzım Hikmet vom traditionellen Versmaß zu lösen. Die osmanische Dichtung – meist Liebesgedichte oder religiöse Lobpreisungen – war höfisch, artifiziell, das Vokabular zu einem Großteil arabisch und persisch. Nâzım Hikmet schrieb über die menschlichen Sorgen, in türkischer Alltagssprache. „Kerem gibi“ heißt eines seiner berühmtesten Gedichte:
Die Luft ist schwer wie Blei.
Ich
schrei
und schrei
und schrei.
Los,
ich rufe,
um
das Blei
zu schmelzen …
/ Tobias Mayer, DLR
Poetische Begegnung der Kulturen
Adonis zu Gast in Bonn — Gemeinschaftslesung in Köln
Seit 2006 veranstaltet der von dem deutsch-syrischen Dichter Fouad El-Auwad gegründete „Lyrik-Salon“ regelmäßig hochrangige literarische Abende in verschiedenen deutschen Großstädten. In der kommenden Woche ist der „Lyrik-Salon“ gleich zweimal im Rheinland zu Gast. Für Mittwoch, den 5. Juni, wurde der aus Syrien stammende, heute in Paris lebende Dichter Adonis zu einer Lesung in Bonn verpflichtet. Adonis gilt seit Jahrzehnten als der bedeutendste Dichter der arabischen Welt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2011) und dem Petrarca-Preis (2012). Er wird seine Gedichte auf Arabisch lesen; die Übersetzungen liest Fouad El Auwad. Die Soiree findet statt um 20 Uhr im Kammermusiksaal des Beethovenhauses (Bonngasse 18-26, 53111 Bonn). Musikalisch wird der Abend umrahmt von dem Lauten-Virtuosen Raed Koshaba; als Übersetzer fungiert Hasan Husain; die Moderation übernimmt Christoph Leisten. – Am darauffolgenden Donnerstag, dem 6. Juni, ist der „Lyrik-Salon“ mit einer Gemeinschaftslesung im Köln zu Gast. Hier lesen neben dem Gastgeber Fouad El-Auwad Franco Biondi, Suleman Taufiq, Gabriele Frings, Francisca Ricinski, Dragoslav Dedoviv (Serbien), Nedjo Osman (Makedonien), Burhan Schawi (Irak), Hussein Habasch (Syrien), Emad Fouad (Ägypten) und Belqis Hasan (Irak). Diese zweite Begegnung der Kulturen findet statt um 6. Juni um 19.30 Uhr im Kunsthaus Rhenania, Bayenstr. 28, 50678 Köln. Auch dieser Abend wird musikalisch begleitet durch Raed Khoshaba. Der Eintritt zu den beiden Abenden beträgt jeweils 10 Euro. – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de.
Viele Lobredner beweisen die Größe ihres Abgottes antithetisch, durch die Darlegung ihrer eignen Kleinheit.
Athenäum-Fragmente. Nr. 65. 1. Band, 2. Stück. 1798
Die Wirkung von Worten
läßt sich schwer ermessen.
Guten Tag – das begreifst du noch,
aber daß der Tag trotzdem nicht
besser wird, setzt dich
in Erstaunen.
Günter Kunert, in: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau 1975, S. 32.
Anmerkung 2013: Mitte der 70er Jahre, als ich alles von Kunert las, war ich Bautypen auf der Spur. In mehreren Bänden finde ich über jedem Gedicht eine mit Bleistift geschriebene Formel, deren Bedeutung mir leider entfallen ist. Aber sie hatten eine. Mad professor? Weder Professor noch mad, nur daran interessiert, Strukturen zu lesen, damals wie heute.
Die Formel für dieses Gedicht lautet:
Z ⋀ →
(Z könnte bedeuten: Zustand. In einem Gedicht Kunerts heißt es: „Gedicht ist Zustand, / den das Gedicht zerstört / indem es / aus sich selbst heraustritt“). Der Pfeil wäre dann auch klar, aber der Winkel? Vielleicht entziffere ich es noch einmal.)
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