115. Seamus Heaney gestorben

Der irische Dichter Seamus Heaney, der 1995 den Literaturnobelpreis erhielt, starb heute in Dublin nach kurzer Krankheit, wie seine Familie mitteilt. Er war 74 Jahre alt. / New York Times

114. Fouad EL-Auwad liest

Fouad EL-Auwad (Syrien und Aachen) liest aus seinen Büchern „Das elfte Gebot und Baum des Regens“

Dienstag, 3.9., 20:00 Uhr

Veranstaltung der Reihe „Literarische Alphabete“.

Die Gedichte des 1965 in Damaskus geborene Lyrikers Fouad EL-Auwad sind von einem beeindruckenden inneren Reichtum getragen, schreibt sein Kollege Fouad Rifka. Fouad EL-Auwads Poesie überschreitet das Profane und wendet sich den existentiellen Fragen zu. Mit Patrick Beck spricht der Autor über den Weg des Gedichts zu Herz und Auge und sicher auch über die aktuelle Lage in seinem Land.

Stadtmuseum Dresden
Wilsdruffer Straße 2, 01067 Dresden

113. Leser

Es gibt sie noch, die Lyrikleser. Wie schon Schiller wußte, sind sie meist weiblich. Hier der jüngste Beweis:

Klaus-Peter Wolf, renommierter Krimi-Autor (u.a. mit seinen letzten „Ostfriesen“-Krimis 2013 in den Bestenlisten des STERN, SPIEGEL etc.) erwies der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik seine Reverenz, in dem in dem Thriller „Neongrüne Angst“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main) eine seiner weiblichen Figuren Lyriker von Matthias Kehle und Jürgen Völkert-Marten lesen lässt.

112. Lyrik leuchtet

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Wo Licht ist, ist auch Schatten, resp. Prosa:

Prosa
Lyrik

3:1 für die Lyrik:

Poetry

Dank an alle aufmerksamen Leser!

111. lyrikline neu

Der Lyrik-Navi: Relaunch lyrikline

Gedichte von mehr als 850 Dichtern in 58 Sprachen gelesen und übersetzt in 55 Sprachen bietet die Website lyrikline schon heute. Seit 1999 ist lyrikline online, damals eine Pioniertat, heute das Weltarchiv der Dichtung mit Partnern in über 40 Ländern. Jetzt wurde sie komplett neu konzipiert und überarbeitet. Am 1.9.2013 geht die neue lyrikline online – mit bislang ungekannten Möglichkeiten, die Welt der internationalen Dichtkunst zu erforschen. Thematische wie formale Kategorien, eine dynamische Suche und etliche Querverweise eröffnen gänzlich neue Zugänge und ermöglichen ein schnelles Auffinden einzelner Gedichte.

Fortan navigieren die Besucher mit neuem Kompass durch die poetischen Welten, und für registrierte Nutzer besteht zudem die Möglichkeit, eine Art Logbuch zu führen, d.h. sich Gedichte zu merken und eigene Listen anzulegen.

Zum Relaunch am 1.9.2013 wird die neue Webseite und ihre neuen Funktionsweisen vorgestellt, live in der c-base Berlin und per livestream überall auf der Welt. Die Präsentation wird begleitet von Videoschaltungen mit internationalen Partnern und Dichtern, Grußbotschaften und Lesungen.

Der Relaunch der Webseite wurde ermöglicht durch eine Förderung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

Die Veranstaltung findet statt mit freundlicher Unterstützung durch: c-base, Institut Ramon Llull, Königlich Norwegische Botschaft, Rámus Förlag, Malmö, Schwedische Botschaft Berlin.

So. 1.9.2013, 19.00 Uhr UTC+2
Relaunch lyrikline
Mit Simen Hagerup (Dichter, Norwegen), Els Moors (Dichterin, Belgien), Steffen Popp (Dichter, Berlin), Pedro Sena-Lino (Portugal), Helena Sinervo (Dichterin, Finnland), Jan Wagner (Dichter Berlin)
Ort: c-base – ›Raumstation unter Berlin Mitte‹, Rungestraße 20, 10179 Berlin
Eintritt frei, Anmeldung erforderlich

110. Übersetzer-Seminar

Regeln, was tun?

Sprachenübergreifendes Seminar zum Übersetzen von Lyrik

8.- 12. Dezember 2013 im Literaturhaus München

Leitung: Ulf Stolterfoht und Marie Luise Knott

„Ich weiß nicht, was Gedichte sind“, sagt Oskar Pastior. Und natürlich richtet sich dieser  Satz, weit entfernt von jeder Koketterie, gegen die Anmaßung einer allgemein gültigen Definition für etwas, das doch immer erst in seiner jeweiligen Realisierung zu dem wird, was es dann „tatsächlich“ ist: ein Gedicht. Die Familienähnlichkeit, die uns dazu bringt, von manchen Texten als Gedichten zu sprechen (und von anderen eher nicht), besteht in deren besonderer Strukturiertheit oder besser, in der Organisiertheit dieser Texte: alle sind sie in einem engeren oder weiteren Sinn regelgeleitet.

Die Lyrikgeschichte als Geschichte sich wandelnder Regelsysteme, von Sappho über   Edda- und Skaldendichtung, Barock, deutsche Klassik, frühe Avantgarden, Lautpoesie bis hin zu Oulipo: Regeln, Regeln, Regeln. Und auch wenn diese Korsette unterschiedlich eng sein mögen: Stabreim vs. Endreim, Hexameter vs. Blankvers, Sonett vs. Anagramm – es bleiben Korsette. Hinzu kommen die verdeckten Regeln des Klangs, die ein Gedicht im Hörensagen imprägnieren.

Für Übersetzer enthalten diese Regelbindungen lauter Fragen jenseits des Semantischen.   Was übersetzt man, wenn man ein Gedicht übersetzt? Den Bauplan? Das, was „dasteht“?   Was macht man mit den klanglichen Ereignissen wie Homophonien oder Parallelismen?

All diese Themen wollen wir im Seminar an den Übersetzungen der Teilnehmer diskutieren, und zwar an jedem Gedicht aufs Neue, denn: jedes Gedicht hat seine eigenen Fragen.

Geplant ist, dass jeder Teilnehmer ein Übersetzungsprojekt mitbringt und vorstellt, und dass die unterschiedlichen Ebenen – Semantik, Form und Klang sowie deren Interaktion – ausführlich besprochen werden. Dabei werden verschiedene Ansätze debattiert, wie man das Original im Deutschen reproduzieren kann.

Referenten von außen werden langjährige Erfahrungen beisteuern.

Teilnehmen können: literarische Übersetzer mit einem Poesie-Übersetzungsprojekt; ferner Lyriker, die fremdsprachige Poesie übersetzen oder übersetzen wollen.

Zielsprache: Deutsch

Anzahl der Teilnehmer: max. 12

Dauer: 4 Tage. Termin: 8. – 12. Dezember 2013

Veranstaltungsort Literaturhaus München. Keine Teilnahmegebühr. Die Fahrtkosten werden erstattet. Für Auswärtige stehen Hotelzimmer in der Nähe des Literaturhauses zur Verfügung.

Teilnahmevoraussetzung:

  • die Übersetzung oder Veröffentlichung mind. eines literarischen Werks.
  • ein lyrisches Übersetzungsprojekt

Einzureichen sind:

  1. Eine kurze Bio-Bibliografie
  2. Kurze Beschreibung des lyrischen Übersetzungsvorhabens mit einer Probeübersetzung (mindestens 30 Zeilen) und dem entsprechenden Original. Einsendeschluss: 16. September 2013 (Posteingang); die Auswahl der TeilnehmerInnen erfolgt bis 30. September 2013.

Bewerbungen per Post oder Mail (in Form von PDFs) an:

Deutscher Übersetzerfonds
c/o LCB
Am Sandwerder 5
14109 Berlin
mail@uebersetzerfonds.de

109. Lonely as a cloud

Great moments in the history of English poetry No. 47: William Wordsworth comes home to tea with his sister Dorothy after a walk on the moors in the rain.

Dorothy: „Welcome home, dear William. Where, if I may be so bold as to enquire, have you been?

William: „I have been wandering, my dear Dot. Just wandering.“

D: „Wandering, William? In what manner have you been wandering?

W: „In a manner that I think can best be described as lonely.“

D: „Would that be, I wonder, lonely, in the sense of being on your own, or are you using the word to suggest a need or desire of someone else to share your wander? Explain the nature of your lonely wander if you will, Will.“

W: „It can best be compared to the loneliness of a cloud. For they say loneliness is next to cloudiness.“

D: „I never heard them say that.“

W: „Come to think of it, I have never heard them, whoever they may be, say that either. I must have been mistaken. Yet I do aver that I wandered lonely as a cloud.“

D: „But surely, dear Bro, clouds are not lonely. Indeed, as I look through the window at the sky, I cannot see any cloud at all in the bright blue sky.“

W: „That’s exactly my point dear Sis: If there were a cloud in the sky, it would be the only one there and it would be lonely.“

/ B Comber, Gulf Daily News. The Voice of Bahrain

Und damit jetted das Gedicht in meine Anthologie. Welcome, dear!

I Wandered Lonely as a Cloud
BY WILLIAM WORDSWORTH

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed—and gazed—but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

Hier mit einer Übersetzung von Walter A. Aue

108. Jorie Graham

und aus dem äußersten Ende der Nacht der blühende Weißdorn aufstand.

Wenn es noch Argumente gebraucht hätte, mit diesem Vers hätte Graham mich gehabt. Im antikisierenden Rhythmus bricht sich einer Erfahrung Raum, die die Enden aus Sinnlichkeit und Reflexion ineinanderbiegt zu einer auf der Seite liegenden Acht, und der blühende Weißdorn ist geradezu zu riechen. Der Vers ist dem langen Gedicht „Chaos“ entnommen, das sich ungefähr in der Mitte des Bandes befindet. Ein Zufall vielleicht, dem Titel entsprechend, aber nach vorn wie nach hinten gebiert der Band Ordnung. Oder etwas, das einer Ordnung ähnelt.

Das erste Lesen war mir ein Rausch. Niemals zuvor war ich in einer so kurzen Zeit durch einen solchen Berg von Gedichten geritten. Atemlos, erschüttert, befreit. Ja, dachte ich immer wieder, so muss man das machen.

Region der Unähnlichkeit. Region of Unlikeness. Allein das Wort Unähnlichkeit, das Abweichende in der Identität, die selbst nicht identisch, flirrende Ränder, die ganze Dialektik in einem Wort. So wie Geschichte in einem Text von Graham zusammenschnurrt. Das ganze zwanzigste Jahrhundert. Rhythmisch, politisch, intellektuell. Als wäre Ordnung möglich. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

Dort ein Beitrag von Jan Kuhlbrodt über den Sammelband „Helm aus Phlox“ und zur Eröffnung eines Diskurses über „Lyrik heute“ ein so überschriebener, bisher unveröffentlichte Kurzessay von Wolfram Malte Fues.

107. Unebene Wahrnehmung

Ihre autobiografische Poesie, in der sie die Traumata ihrer Kindheit verarbeitet, wurde im Nachkriegsdeutschland als Zumutung empfunden. (…)

„Ich wollte eigentlich Lyrikerin werden“, gibt die Germanistikprofessorin zu. „Gedichte sind haltbarer“, weiß die preisgekrönte Literaturwissenschafterin. „Ich wollte sie jetzt ins Licht rücken.“ Gleichzeitig ist sich die Holocaust-Überlebende bewusst, wie schwer manchen Lesern der Zugang zu moderner Lyrik fällt. Nicht selten bleibt da nur ein Kopfschütteln. (…)

Auch ihre Vorliebe für unreine Reime, die aus dem Englischen stamme, kommt hier gut an. „Ich verwende sie gern, weil sie ausdrucksfähiger sind und sich damit besser die Unebenheiten in der Wahrnehmung darstellen lassen“, erklärt die Autorin im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“. An dem konventionellen Formtypus, der ihr das Überleben in der Unmenschlichkeit sicherte, hält sie nicht ungebrochen fest. / Luitgard Koch, Wiener Zeitung

106. Meine Anthologie 86: To make a prairie

Emily Dickinson, To make a prairie

To Make a Prairie

To make a prairie it takes a clover and one bee,—
One clover, and a bee,
And revery.
The revery alone will do
If bees are few.

Emily Dickinson  (1830–1886)

To make a prairie . . .

Für eine Wiese braucht es Klee und Biene,
einen Klee und eine Biene
und dazu ein Traumgesicht.
Der Traum genügt,
wo’s keine Bienen gibt.

Deutsch von Felix Philipp Ingold

(Vorletzter Eintrag der Anthologie von 2001)

105. Steduenn

 

Bereits seit über 25 Jahren ist Wilfried G. Beschorner in den Weiten des lyrischen Kosmos unterwegs, immer auf der Suche nach neuen, bislang noch unentdeckten literarischen Formen. Denn neben den Gedichten und Balladen der alten Meister muss es da noch viel mehr geben. So wie zum Beispiel das Steduenn, eine poetische Eigenheit, deren Gehalt und Qualitaet von jedem Rezipienten ganz persoenlich und immer wieder neu bewertet werden muss. Denn wo die einen sinnfreie, gar sinnlose Gedichte sehen, erkennen andere ganz besondere Eigenschaften und Energien, wie sie sonst nichts zu bieten hat. Beispiel gefaellig?

Alberts Idee
Ob Fantasie, ob Coladu,
was mich bewegt, vergess ich nie,
und fällt dein Reim der Menschheit zu,
wird Poedu zur Poesie.

€“Triviallyrik vom Feinsten“€œ nennt Wilfried G. Beschorner seine Gedichte selbst, den allerhoechsten Kreisen muessen sie dabei gar nicht gefallen: –Einen Anspruch auf den Literatur-Nobelpreis hege ich mit meinem Werk nicht, da ja noch nicht einmal der Preis nobel und das Buch somit für niemanden unerschwinglich ist“€œ, wie er erklaert. / relevant.at

104. Found Poetry

Begin by identifying and listing the attributes of a poem.

Introduce the idea of found poetry: using words and phrases from a prose text to create a poem. Distribute selected pages from Poet at Work: Recovered Notebooks from the Thomas Biggs Harned Walt Whitman Collection and allow time to create a poem.

Share poems; point out how different people “find” different poems in the same original text. Discuss possible classroom applications, focusing on cross-curricular possibilities. As an extension, illustrate poem with an image from American Memory, such as Smith’s barn or a map of Antietam.

Note that the Whitman Notebooks are not searchable; use the Collection Connection as a tool to identify possible passages.

The lesson “Enhancing a Poetry Unit with American Memory” gives more details on teaching found poetry.

Aus: The Library of Congress. Song of America Project. Resources for teachers http://www.loc.gov/creativity/hampson/workshop/found.html

 

103. Geleit

Geleit

Worte, schön flügelnd,
wir nennen sie wie Namen der Mädchen,
die wir kennen: Da
tauchen sie aus den Gewässern, aus den
Bäumen treten sie hervor, sie stoßen
herab aus den Himmeln
zu denen, die sie verstehn.

Aus: Kito Lorenc, Gedichte. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Peter Handke. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 31.

Das Gedicht ist ein „Envoi“, ein Geleit zu dem Gedicht „Anrufungen“, das aus drei mit den Mädchennamen Majka, Lucyja und Marijanka überschriebenen Teilen besteht. Es erschien zuerst Sorbisch in dem Band Struga. Wobrazy našeje krajiny. Bilder einer Landschaft. Budyšin / Bautzen 1967. Eine Anmerkung erläutert: Im Dialekt von Slěpe-Schleife tragen Wildente, Pirol und Turteltaube die Mädchennamen Majka, Lucyja, Marijanka“.

Meine einzige Mäkelei an dem schönen Buch (Edition Suhrkamp 1476, Bauchbinde: Zum 75. Geburtstag von Kito Lorenc) wäre, daß man sich nicht entschließen konnte, wenigstens eine kleine Leseprobe Sorbisch aufzunehmen.

102. Warum ist die moderne Lyrik so schlecht?

Von  Ron Charles, Washington Post 20.6. (sic)

Am Freitag werden Amerikas große Dichter aufwachen und sehen, daß jemand die Bäume mit Klopapier umwickelt und FEIGLING an ihre Tür geschrieben hat.

Eine 6000-Wort-Jeremiade über den Zustand der heutigen Lyrik erscheint in der Juliausgabe von Harper’s. Mark Edmundson, Englischdozent an der Universität Virginia, tadelt unsere Barden, weil sie „schräg, zweideutig, auf schmerzhafte Weise selbstbezüglich … ängstlich, klein, auf dem Rückzug … immer privater, idiosynkratischer und zurückgezogener“ seien. Um nur den Anfang zu zitieren. Ihre Lyrik sei „manchmal zu hermetisch, um sie mit etwas wie Verstehen anzuhören“.

Und er nennt alle Namen. Paul Muldoon: nach jahrelanger Lektüre habe er immer noch keine Ahnung, worum es ihm eigentlich gehe. Jorie Graham ist „ominös“ (portentous). Anne Carson mag Kanadierin sein, aber das entschuldigt sie nicht; ihre Gedichte seien „so dunkel, manieristisch und privat, daß man (oder zumindest ich) ihren Windungen nicht folgen kann“. John Ashbery „sagt wenig“ in seinen „unaufhörlichen Einhegungen“ (hedging).

Sharon Olds, Mary Oliver, Charles Simic, Frank Bidart, Robert Hass, Robert Pinsky — alle werden in Edmundsons Büro gebracht und runtergeputzt. Ihre Gedichte seien „in ihrer Art gut“, gibt er zu. „Nur sind sie nicht gut genug. Sie stillen keines Lesers Durst nach Bedeutung über die individuelle Erfahrung des Dichters hinaus“ und „erhellen unsere gemeinsame Welt nicht“.

Das ist seine Hauptbeschwerde: die heutigen Dichter trauten sich nicht, „Wir“ zu sagen und „Dur“ anzuschlagen, wenn es um „grundsätzliche Wahrheiten der menschlichen Existenz“ gehe. Angesichts von „Krieg, Umweltzerstörung und ökonomischen Zusammenbrüchen“ würden sie schreiben, als ob „die großen öffentlichen Krisen vorbei seien und nichts wichtiger wäre als Selbstkultivierung und die Abwehr der Langeweile“ (sic). Das einzige, was diese narzisstischen Sänger interessiere, sei die Schaffung einer „eigenen [unique] Stimme“.

Auch der schädliche Einfluß der Literaturtheoretiker bekommt sein Fett weg. Mit ihrem Herumhacken auf den unüberwindlichen Schranken von Rasse, Geschlecht und Klasse würden diese liberalen Postmodernisten jedermann daran hindern, über etwas anderes als seine eigene Privatwelt zu sprechen.

Edmundson gibt zu, daß Ralph Waldo Emerson im Wesentlichen dieselbe Klage vor 170 Jahren gepredigt habe.

(Soweit dazu, könnte man sagen und Edmundsons Rundumschlag gegen DIE Lyrik zu den Akten legen, wo schon vieles Ähnliche steckt. Alle, die ohnehin keine Lyrik lesen, werden Beifall klatschen und sich behaglich zurücklehnen. Oder man kann sich den Teil herausnehmen, der zu seinen jeweils eigenen Vorlieben und Vorurteilen paßt. So ist es. Was ist, ist, weil es ist. Michael Gratz)

Ralph Waldo Emerson

Hier eine Antwort

101. Indische Dichterinnen gegen Gewalt

Mit der gestiegenen Aufmerksamkeit für Gewaltakte gegen Frauen werden Natur, soziale Umbrüche und Liebe, sonst die Bindeglieder der poetischen Sensibilität, durch Szenen sexueller Übergriffe verdrängt.

Dichterinnen gehören zu denen, die dieses neue Genre einführten. „Die Gedichte wurzeln in starken Emotionen. In einer Zeit, wo jede Sekunde neue Bilder von Gewalt gegen Frauen über den Bildschirm flimmern, die von verschiedenen Gruppen diskutiert werden, ist es nur natürlich, daß wir solche Vorfälle thematisieren“, sagte die Dichterin Bindya Subba aus Darjeeling, die in Nepali schreibt. Schockiert von dem jüngsten Überfall in Delhi schrieb sie das Gedicht ‚Damini‘, das dem 22jährigen Opfer gewidmet ist. „In meinem Gedicht schildere ich den physischen und seelischen Schmerz, den die junge Frau erlitt, als sie von einer Gruppe vergewaltigt wurde, den Zorn  und die Qualen, die der Vorfall in ihren Eltern auslösten und die Angst aller Frauen, daß es ihnen auch passieren könnte“, sagte sie.

Bindya gehört zu einer Gruppe von Dichterinnen aus dem ganzen Land, die sich zu einem ‚Abhivyakti‘, einer zweitägigen Lyriklesung versammelt haben. Bei Diskussionen über das Hervortreten weiblicher Dichter bemerkten sie, daß das „weibliche poetische Gewissen“ ein Produkt der mannigfaltigen sozio-politischen Hintergründe ist, aus denen sie kommen. Die Tamil-Dichterin Salma spricht darüber, daß ihre Gedichte frei von vernebelnden Bildern und hochtrabenden Vergleichen sind. „Ich nenne Sex Sex und Vergewaltigung Vergewaltigung. Die Leute fragen mich oft, warum meine Sprache so drastisch ist. Wie sonst sollte ich vermitteln, was eine Frau durchmacht? Die Poesie  entwickelt sich immer weiter, und das ist Teil dieser Entwicklung.“ / Times of India