83. Gestorben

Der belgische Dichter und Herausgeber André Balthazar starb am Freitag im Alter von 80 Jahren, teilte die frankophone Kulturministerin Joëlle Milquet mit. André Balthazar wurde am 7. Januar 1934 geboren. Er war ein bedeutender Vertreter des surrealistischen Gedankens in Belgien und leitete das Zentrum für Grafik und Bilddruck  (Centre de la Gravure et de l’Image imprimée) in La Louvière. / Le Soir

82. Gedichte von Anna Freud

Als «treue Anna-Antigone» ist Anna Freud, das jüngste Kind Martha und Sigmund Freuds, in die Familiengeschichte der Psychoanalyse eingegangen. (…)

Gedichte mit dem Titel «Begierde» und «Lockung» sind darunter. Die Diktion ist öfters von Rilke und der gemeinsamen Freundin Lou Andreas-Salomé geprägt. Aber es findet sich auch ein eigener Ton, zumal in der Seele «Nacht»: «Ein Fieber ist in mir und treibt mich fort. Den Sinn / Hab ich so fest verschlossen ja seit Jahren. / Doch heut ist eine Türe aufgegangen und es stürzt / Sich wild heraus was lang sich drinnen drängte. – / Ich weiss ja längst, dass mache Menschen schon / Geflohen sind vor ihrem eignen Ich / (. . .) Und doch in jeder Faser sich nur fanden, / Das Ich das ihnen nachgekrochen kam. / So widerlich bekannt, so niemals neu. (. . .) Ich wünsche (. . .) / Mich selber los zu werden, mein Gesicht / Nicht mehr zu kennen, meine arme Hand.» / Ludger Lütkehaus, NZZ

Anna Freud: Gedichte. Prosa. Übersetzungen. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Brigitte Spreitzer. Böhlau, Wien, Köln, Weimar 2014. 363 S., Fr. 40.90

81. Eiffelturm

Vicente Huidobro und Jorge Carrera Andrade schreiben über den Eifelturm. Huidobro (1893–1948), ein chilenischer Dichter, erfand seinen eigenen „Kreationismus“. Er war in nahezu jeder avantgardistischen Bewegung dabei, nahm an der irischen Unabhängigkeitsbewegung sowie am spanischen Bürgerkrieg teil, machte aus seinen Gedichten Bilder, war ein Drehbuchautor in Hollywood, ist als Kandidat für die Wahl zum Präsidenten von Chile aufgetreten und hat sich niemals von den Wunden, die er sich im zweiten Weltkrieg als Korrespondent zuzog, erholt. Das Besondere an seinen Texten ist seine Mehrsprachigkeit. Auch dieser Text ist in Französisch, Englisch und Italienisch geschrieben, ist von den Bildern des Künstlers Robert Delaunay inspiriert und während des ersten Weltkrieges entstanden. Andrade (1902–1978), heute weitestgehend in Vergessenheit geraten, war in den 1940er Jahren einer der bekanntesten lateinamerikanischen Dichter in den USA. Er nimmt den Eifelturm auseinander und macht ihn zu einem metaphorischen Baum, der sich in die Stadt integriert hat und von seiner „natürlichen“ Beschaffenheit aus gesehen, auch in die Stadt passt. Er steht für das Zeitalter der Industrie. / Emily Wollenweber, literaturkritik.de

Eliot Weinberger (Hg.): Elsewhere.
Open Letter, Rochester 2013.
97 Seiten, 9,50 EUR.
ISBN-13: 9781934824856

 

80. Thomas Bernhard Tage

Weitere Vorträge werden sich mit den literarischen und persönlichen Beziehungen zwischen Thomas Bernhard und einigen österreichischen Zeitgenossen beschäftigen. Darunter sind Ingeborg Bachmann, Peter Handke, aber auch Bernhards Förderer Gerhard Fritsch sowie die Lyrikerin Christine Lavant. (…)

Am ersten Abend der Bernhard Tage werden neben Hubert Steppans Vertonungen von Bernhard-Psalmen auch Gedichte Ingeborg Bachmanns und Christine Lavants zu Gehör gebracht. / Metropol news

79. Alles Quatsch

Sich derzeit über Literaturdebatten zu beschweren, die hauptsächlich nicht die Literatur, sondern nur ihren soziologischen Spielrahmen debattieren, kommt anscheinend ziemlich gut. Weils aber zum Glück auch noch Diskussionen gibt, die an den Kern der Sache wollen, schließ ich mich lieber Alexander Graeffs «Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik» und der Entgegnung von Tobias Roth an.

(…)

«Realismus ist Quatsch»

Selbst wenns die Oma vom Hans Dampf gesagt hat. So ein Statement braucht keinen «diskursiven Schlägertrupp von verbürgten Kanongrößen», den Graeff und Roth mit dem Giacometti-Zitat loslassen. Auf den verzichte ich, der ist auch Quatsch, weil ich ihn immer aus seinem ursprünglichen Einsatzgebiet abziehen und in der Fremde in Stellung bringen muss. Zum Schluss weiß er vielleicht gar nicht mehr, auf was er einschlagen soll oder ob er überhaupt die richtigen Mittel hat, um gewaltige Argumente zu liefern. Der Arme.

(…)

Offenheit ist Quatsch

Zumindest als Opposition zu Realismus. Alles ist offen, auch der Realismus, solange uns nicht sämtliche Kausalitäten – oder eben auch unumstössliche Fakten – bekannt sind. Eine nicht-offene Literatur wäre diktatorischer Horror für unsere fiktionalen Lesegewohnheiten, die unseren anarchischen oder zumindest subjektiven Vorstellungen Raum geben.

(…)

Experiment ist Quatsch

Sogar der allergrößte. Ein Experiment ist und bleibt eine Methode zur empirischen Beweisführung, die auf einem – vor der Durchführung festgelegten – Design basiert, das selbst die kleinsten beeinflussenden Faktoren ausschaltet und seine Variablen bis ins Kleinste durchdefiniert. Diese Methoden sind für mich nicht vergleichbar – nicht einmal metaphorisch vergleichbar – mit literarischen Methoden und überhaupt: Was sollte die Literatur denn beweisen?

(…)

Avantgarde ist Quatsch

Das ist klar. Wie « vor dem Spiel ist nach dem Spiel » gilt hier auch: Avantgarde ist Aprèsgarde – ein Begriff wie modern oder Moderne, der sich stets selbst überholt.

(…)

Kunstwille ist Quatsch

Und der liegt im Begriff selbst: Kunstwille führt nicht zwangsweise zu Kunst, sondern primär zu etwas, das Kunst sein will.

(…)

Walter Fabian Schmid auf lyrikkritik.de

78. Wallace Stevens

Mit Williams teilte Stevens auch die Vorliebe für die Momentaufnahme als dichterisches Gestaltungselement: Williams überhöhte den Alltag zu imagistischen Gedichten, Stevens verwob Beschreibung mit Reflexion und schuf kontemplative, regelrecht welt-anschauliche Gedichte, die die Wirklichkeit wie eine Folge von Variationen zeigen. «Dreizehn Anschauungen einer Amsel» («Thirteen Ways of Looking at a Blackbird»), «Augustdinge» («Things of August») oder «Variationen auf einen Sommertag» («Variations on a Summer Day») sind typische Überschriften.

Stevens‘ Lyrik laviert zwischen impressionistischer und expressionistischer Abstraktion; sie schmiegt sich an eine Realität an, die sie nur als Reflex wiedergibt – wirklich ist darin nur «the The», der bestimmte Artikel als Exponent der Benennung. Tatsächlich ist die Sprache dieser Gedichte von einer hochstilisierten, dunklen Einfachheit: keine syntaktischen Experimente und keine Wortspiele, aber komplexe assoziative Verschränkungen. Virtuos zieht Stevens alle Register der englischsprachigen Lyrik und überführt sie in ein modernes Idiom. Und hinter der vordergründigen Sachlichkeit ist seine Lyrik immer auch Metalyrik. / Stefana Sabin, NZZ

Wallace Stevens: Teile einer Welt. Ausgewählte Gedichte. Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Schmidt. Jung-und-Jung-Verlag, Salzburg 2014. 632 S., Fr. 57.90.

77. Biberach

Kulturpreis des Landkreises Biberach

In diesem Jahr verleiht Landrat Dr. Heiko Schmid erneut den mit bis zu 10.000 Euro dotierten Kulturpreis des Landkreises Biberach an Künstler und Kulturschaffende. Vorschläge dazu können bis zum 14. September im Kreiskultur- und Archivamt Biberach eingereicht werden.

Kunst und Kultur haben im Landkreis Biberach eine lange Tradition, und auch in der Gegenwart werden in diesen Bereichen herausragende Leistungen erbracht. Um dies zu unterstreichen, hat Landrat Dr. Heiko Schmid 2010 den alle zwei Jahre zu vergebenden Kulturpreis des Landkreises Biberach ins Leben gerufen. (…)

Als Preisträger kommen Personen oder Organisationen in Betracht, die herausragende Leistungen in bildender Kunst (Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Film- und Videokunst), Musik (Aufführung oder Komposition), Literatur (Lyrik oder Prosa), darstellender Kunst (Theater, Kleinkunst, Film und Fernsehen) oder in Bezug auf Kulturaustausch und interkulturellen Dialog erbracht haben. Voraussetzung ist zudem ein deutlicher Bezug zum Landkreis Biberach. Das Preisgeld beträgt 10.000 Euro und kann unter mehreren Preisträgern aufgeteilt werden. Ergänzend kann die Jury auch einen Förderpreis verleihen, der mit bis zu 1.000 Euro dotiert ist. / Mehr

76. Ernst Meister

Schwelm. Das FrauenKunstForum eröffnet am Freitag, 29. August, um 19 Uhr im Haus Martfeld eine Ausstellung mit Werken von 18 Künstlerinnen. „Zeichen um Zeichen“, so der Titel der Ausstellung, bedeutet nichts weniger als eine hochinteressante künstlerische Artikulation zu Gedichten eines der wichtigsten Lyriker Deutschlands: Ernst Meister (1911-1979). (…)

Das FrauenKunstForum schreibt … „In den vor Jahren in Hagen eingerichteten Erinnerungsräumen zu Ernst Meister fanden wir den Titel und somit das Leitmotiv unseres Projektes auf einem seiner Gedichtbände: Zeichen um Zeichen (erstveröffentlicht 1968). Der Ernst-Meister-Preis findet in absehbarer Zeit wohl keine Fortführung mehr und auch die Erinnerungsräume sind inzwischen verschwunden. So wirkt unser Kunstprojekt vielleicht als Menetekel und warnt vor dem Vergessen dieses bedeutenden Künstlers aus unserer Region.“

/ WAZ.de

75. Denk an Lampedusa

Der ivorische Schriftsteller Josué Guébo ist Preisträger des zum zehntenmal vergebenen Tchicaya U Tam’si-Preises der Afrikanischen Poesie, der am vergangenen Sonnabend in der marokkanischen Stadt Assilah, 290 km nördlich von Casablanca, vergeben wurde. Die Preissumme beträgt $ 10.000 US (oder 4,5 Millionen CFA-Francs). Sein Buch «Songe à Lampedusa» (Denk an Lampedusa) wurde von der Jury aus 103 Bewerbungen aus allen Kontinenten (Afrika, Europa, Asien, Amerika) ausgewählt. Der Vorsitzende der Jury, Alioune Badara Bèye, sagte, «Songe à Lampedusa» ist ein aktuelles Werk, ein Schrei der Verzweiflung an die Adresse der Regierungen, aber auch für die Jugend, um nicht zu verzweifeln. „Es ist ein langes Lied, ein lyrischer Schrei in der kollektiven Erinnerung von Afrika“, sagte der Präsident der Jury. „Die Odyssee eines Mythos, von einem begabten Autor gesungen.“ In „Denk an Lampedusa“ beschreibe Josué Guébo die Tragödie von Hunderten von jungen afrikanischen Migranten, die illegal vom Europäischen Eldorado träumen. / E. Massiga FAYE, Le soleil (Senegal)

74. Rose Ausländer

Der Lyrikerin Rose Ausländer widmet sich das Philosophicum Basel noch bis zum 10. September mit einem vielfältigen Programm. Neben einer Wanderausstellung der Friedensbibliothek Berlin werden in den Räumen an der St.Johanns-Vorstadt Basel auch Vorträge, Dokumentarfilme, Lesungen und Gespräche zu erleben sein.

Rose Ausländer zählt zu den großen deutschen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. 1901 in Czernowitz/Bukowina (heutige Ukraine) geboren, weilte sie von 1921 an mehrere Male für längere Zeit in den USA. Die Jahre 1941 bis 44 verbrachte sie, verfolgt von den Nationalsozialisten, zusammen mit ihrer Mutter im jüdischen Ghetto. 1946 wandert sie nach New York aus, wo sie vorübergehend Gedichte in englisch schreibt. 1965 kommt Ausländer nach Düsseldorf und zieht mit 71 Jahren ins Nelly-Sachs-Haus ein, das Elternheim der jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Sie entwickelt dort eine unglaubliche Schaffenskraft und publiziert viel. / Badische Zeitung

73. In Charkow

In Charkow, der Stadt, in der ich lebe, herrscht kein Krieg. Es gab hier im Frühling Demonstrationen, Massenprügeleien, Versuche, eine „Volksrepublik“ auszurufen. Gebäude wurden besetzt, Staatsfahnen heruntergerissen, es gab Aufrufe, Charkow soll sich Russland anschließen. Diese „Volksrepublik“ wurde ziemlich hart durch ukrainische Sicherheitskräfte beseitigt. Die kamen nicht aus Charkow sondern aus Winniza. Heute können die Bewohner von Charkow dem Schicksal danken, dass das Abenteuer mit der „Volksrepublik“ gescheitert ist, dass die Stadt nicht von irgendwelchen „Kosaken“ übernommen wurde, die jetzt den Donbass terrorisieren.

Die Behauptung, ganz Donbass würde die Separatisten unterstützen, ist falsch. Die nördlichen Gebiete des Lugansker Umlandes etwa standen von Anfang an sowohl den selbsternannten Gouverneuren wie der Idee des Referendums skeptisch gegenüber. Heute ist es so, dass es in den Orten, wo es keinen Separatismus gibt, auch keine Bombardements gibt. Ich stamme aus dem Lugansker Umland, wo die Separatisten nichts zu sagen haben, dort leben meine Freunde, meine Verwandten. Natürlich beruhigt mich die Tatsache, dass sie all diese Zeit unter dem Schutz der ukrainischen Nationalgarde leben. Meine Freunde in Donezk und Lugansk dagegen kann nur der Zufall schützen. / Serhij Zhadan, Süddeutsche Zeitung

72. Letzte Ausfahrt Prenzlauer Berg

neu auf http://www.lyrikkritik.de im reversbär:

Letzte Ausfahrt Prenzlauer Berg
kurz bevor man über die Schönhauser Allee nach Pankow kommt, gibt es eine Abzweigung nach links, in Richtung Skandinavisches Viertel. dort, am äußersten Rand, liegt das letzte Haus im Prenzlauer Berg Richtung West. dort wohnt einer der letzten Dichter des Prenzlauer Bergs. als er und seine letzten Freunde des Prenzlauer Bergs des Prenzlauer Bergs Literaturszene retten wollten, mussten sie irgendwann ausweichen in den Wedding, denn es gibt keine Literaturszene Prenzlauer Berg mehr, nur noch Reste und Relikte.
dieser neue Ort war unweit des letzten Hauses am Rand, kurz hinter der Schwedter Brücke. man musste nur der Abzweigung der Schönhauser Allee an diesem Randhaus vorbei folgen über die Autobrücke in den Wedding, einmal rechts, einmal links. und doch, so nahe, eine andere Welt. in der wiederum kleine Enklaven wie das Studio 8 vielleicht besser widerspiegeln als Reste und Relikte, was einmal der Prenzlauer Berg war, wenn auch in stark verkleinerter Form. die kurzen Sommer des Prenzlberg-Kults hatten, was die Lyrik angeht, immerhin kookbooks und in der Folge eine ganze Generation von Lyrikern hervorgebracht.
mit Monika Rinck und Ann Cotten luden nun zwei ihrer inzwischen prominentesten Repräsentantinnen zu einem Abend, an dem fast alles noch einmal wie früher war, nur eben auch in verkleinerter Form, unter dem unsichtbaren Banner des Abgesangs und verdrängt in den Wedding.
wie viele ähnlicher Abende hat man, in wechselnden Konstellationen, nicht verbracht? ob Lemma, Lyrikspartakiade, Rotten-Kinck-Scho, LSD, Chaussee der Enthusiasten, wie hießen nicht all die Literaturabende mit originellen Zutaten gefüllt?
und wäre kookbooks überhaupt ohne solche literarischen Zusammenkünfte denkbar? ist der „Gegner“ und die Szene um Bert Papenfuß ohne z.B. den „Torpedokäfer“ oder das „Burger“ denkbar? wäre, um die Frage einmal auszuweiten, der „Prokurist“ und Oswald Egger ohne das Festival Lana und die Zusammenkünfte der Literaten in Wien damals denkbar? das alles sind überflüssige Fragen, die einen aber anwehen, dort im Wedding im Studio 8.
hinweg ihr schwankenden Gestalten!
zurück zur Abteilung Rotten-Kinck-Schow ohne Scho. das nackte Ganze des Absurden.im Publikum saßen, eingewickelt in Turbane, der Reihe nach: Simone Kornappel, ein „Gast“ (auch so etwas kam vor), die große Unbekannte: der Jüngling, den einige anwesende Männer und Frauen als rätselhaftes Vexierbild auf die große Projektionsfläche des Begehrens aufgezeichnet hatten, sodann die Übersetzerin Theresia Prammer, die Lyrikerin Birgit Kreipe, parlandopark- und ex-lauter-niemand-Adrijana Bohocki, der Sänger Herr Nilsons und Literat Jan Böttcher, Steffen Popp, weiter rechts gegenüber der Herausgeber des Merveverlags Tom mit seinem kleinen runden Jerry von der Volksbühne, wo dieser panische Philosophieabende veranstaltet. eine illustre Runde also.
es hatte schon begonnen, man steckte seinen Kopf direkt in den Wust aus genialisch Zerzaustem, einen Wirrknäuel mit japanischen Tuschezeichnungen, Abhandlungen über die Psychologie der sieben Eingeweide und einem überdimensionalen Kopf-Tablett. Monika Rinck bastelte eifrig, Ann arbeitete noch im blauen Prunkturban an Texten über rosafarbene Kleider, Hoftore in Aachen und plötzlich tappen bzw sitzen wir alle im Dunkel einer imaginären Wüste. jemand hat das Licht ausgeschaltet. Gehört das nun dazu, auch diese klassische Frage bleibt nicht aus. dafür das Licht.
ich verschwinde kurz in das Cafe nebenan, wo Christian Filips und Rick Reuther sitzen und das Coming-Out-Drama 2.0 besprechen.
back to the roots! doch ab hier sind die Aufzeichnungen aus dem Labor des Abwegigen zunehmend unleserlich: überqualifizierte Mädchen (…) fällt ein toter Krund (Hund? Rund? Schrund?) aus Mazedonien ein aus Augen staben? … hier steht noch: sprachlich nicht modifiziert, klar das passt. passt nicht, denn Perlen auflesen ist gefragt! ein Praxisbuch von Gurdjew soll zu inneren Verwüstungen führen. Mechthild von Magdeburg hat einen Auftritt!die Freien niederringen. Simone flüstert: X.X. behaupte, Ann sei Marxistin, ABER DAS DÜRFE ICH AUF KEINEN FALL irgendwo schreiben. das Skandalöse daran ist mir nicht klar, aber ich verschlüssele eilfertig den Vornamensbruder Kyrills in Gottes Namen Amen zu X.X.
schließlich singt man zu dumpfen Keyboardrythmen „Gänse, die auf nichts mehr warten wollen, hast du noch meinen Pulli?“Fata Morgana, Luftspiegelung, wo befinde ich mich eigentlich? ist das noch der Prenzlauer Berg, ist das noch die Rotten-Kinck-Scho, ein Lemmaabend, oder schon der Wedding und der Anfang vom Ende, ausgerechnet dort, wo alles anfing (unweit nämlich, in Moabit, saßen Monika und ich einst in Meiers Fleischsalon, unbeschriebene Blättchen, und lasen Fremdes vor)? Welwitschien, so kam es zur Wüste, ruft wie ein Heuraka Ann in die Runde! Ja, wie kam es zur Wüste. Es ist, als könnten wir uns kaum noch erinnern, selbst jetzt, wo noch einmal der große alte Mythos des Prenzlauer Berg, ausrangiert, an uns vorüberzieht wie etwas nie Eingelöstes. dabei hat es ihn gegeben, ich kann es bezeugen!
kurzer Zukunfstflash: wenig später schloss das Alt-Berlin und das Soupanova.
zum Schluss des Abends noch dies wundervolle Zitat: „der kurze Aufenthalt war blind“
Danke, ihr ward großartig!

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71. Silke Scheuermann im Gespräch

… mit Shirin Sojitrawalla

Am 10. September erhält Silke Scheuermann den Hölty-Preis für Lyrik; mit 20.000 Euro die höchstdotierte Auszeichnung für Lyriker im deutschsprachigen Raum. Die 1973 in Karlsruhe geborene und heute in Offenbach am Main lebende Autorin hat sich als Lyrikerin wie als Romanautorin einen Namen gemacht. Nach sieben Jahren ist jetzt ihr neuer Gedichtband „Skizze vom Gras“ erschienen.

Mit Shirin Sojitrawalla hat Silke Scheuermann über ihr Schreiben, die Haltbarkeit von Gedichten und die Liebe zur bildenden Kunst gesprochen.

Das Gespräch mit Silke Scheuermann können Sie in unserem Audio-on-Demand-Bereich mindestens fünf Monate nachhören. / DLF

Silke Scheuermann:
„Skizze vom Gras“. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., 97 Seiten, 18,95 Euro

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p style=“padding-left:30px;“>Lyrik – Fünfter Gedichtband von Silke Scheuermann (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 13.08.2014)

70. Blaues Land und geheime Revolution

In einer faszinierenden Reise­erzäh­lung führt uns die Schrift­stel­lerin Esther Kinsky auf jenes mythische Terrain, auf dem einst Goethe sein Drama um Iphigenie, die Tochter des antiken Heer­führers Aga­memnon, ange­siedelt hat: auf die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer, die mit der antiken Land­schaft „Tauris“ iden­tisch ist. Kinsky trat ihre Reise im Oktober 2013 an, kurz vor dem Aus­bruch des russisch-ukraini­schen Konflikts, der zur fakti­schen Annek­tierung der Krim durch Russland führte. Das von der rus­sischen Poesie um­schwärmte „blaue Land“, in dem auch Ossip Mandel­stam und Marina Zwetajewa längere Zeit zu Gast waren, erscheint in Kinskys Erzäh­lung als eine Reste­land­schaft voller Beton­trümmer, ein graues Beton-Eldo­rado, das mehr von streu­nenden Katzen und Hun­den bewohnt wird als von Menschen. In der Nach­saison sind Bade­orte wie Kur­ortne, Feodosia oder Koktebel menschen­leer. Das als „blaue Stadt am blauen Meer“ besun­gene Koktebel ent­puppt sich als ausge­storbene Land­schaft von karger Felsig­keit in unm­ittel­barer Nach­bar­schaft zur Steppe. Der ukraini­sche Dichter und Musi­ker Sherjij Zhadan liefert im „Schreib­heft“ zu dieser Beschrei­bung die pas­sende fatalis­ti­sche Be­gleit­musik. In seinem Lang­gedicht „Big Gangsta Party“ von 2007 spricht er schon von einer „ange­spannten / krimi­nogenen Situation“ in der ost­ukraini­schen Indu­strie­stadt Charkiw, einer trost­losen Ge­menge­lage aus Kor­ruption und Banden­krimi­na­lität, die vom perma­nenten Bürger­krieg nicht weit ent­fernt ist.

Eine offene Landschaft der russischen Poesie und Ästhetik, bevöl­kert von nonkon­formis­ti­schen Geistern, zeigen uns dagegen Oleg Jurjew und Olga Marty­nova, die in Frank­furt lebenden Dichter und Vermittler zwischen der russi­schen und der deut­schen Literatur. Sie haben ein lehrreiches Dossier über die „geheime Revo­lution“ der „inof­fiziellen Lite­ratur“ in Lenin­grad zwischen 1960 und 1980 zu­sammen­ge­stellt. Dieses lite­ra­rische „Paral­lel­uni­versum“, das sich wie in anderen ost­euro­päischen Ländern zunächst in Privat­wohnungen konsti­tuierte, hatte seinen eigent­lichen Grün­dungs­akt im Jahr 1975, bei einer Konfe­renz zum fünften Todestag von Leonid Aronson, des – wie Oleg Jurjew schreibt – „ge­heimnis­vollen Dichters der Stille“ und großen Rivalen von Joseph Brodsky. / Michael Braun, Poetenladen

Sinn und Form, H. 4/2014
Redaktion, Postfach 21 02 50, 10502 Berlin. 130 Seiten, 9 Euro.

Schreibheft 83 (2014)
Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 184 Seiten, 13 Euro.

69. Zungenenglisch

In der Kindheit erfahren wir die Sprache als Klangreich. Sinn und Verstand vertreiben uns irgendwann daraus, doch glücklicherweise gelingt ihnen dies nie ganz. Die Verse des österreichischen Dichters Franz Joseph Czernin bauen seit Jahrzehnten auf den Klang – in der Nachfolge von Ernst Jandl, H.C. Artmann und überhaupt: der Wiener Schule. Man muss seine Gedichte laut lesen. Und mehrfach. Der Dichte und der Schönheit wegen.

Sprache kann bekanntlich Welten konstruieren. Czernin selber beschrieb einmal das Wirken seiner Poesie – als ob „aus Tritt um Tritt ins Leere eine Leiter werde“. Anfangs imitierte er Satzmelodien und Sinngedichte. Lautliches trieb so manche Ideen voran. In den letzten Jahrzehnten nun verfolgt er in seinen Gedichten die „Vision“ einer Versöhnung unserer Moderne mit den Versen anderer Zeiten und anderer Länder. Zunächst übertrug er Shakespeare-Sonette, später verfasste er eigene, moderne „Variationen“ zu Dante-Gedichten, auch zu Versen von Gryphius, Goethe oder Rilke.

Nun ist – in diesem Frühjahr – in der Edition Lyrik-Kabinett der Band „zungenenglisch“ erschienen. Untertitel „visionen, varianten“. Diesmal hat Czernin, wie der Titel andeutet, englischsprachige Versfragmente in seinen Wortraum hineingeholt und variiert – neben Shakespeare, auch John Keats, Lord Byron, Swinburne oder Wallace Stevens. Sogar ins Englische übertragene Zeilen von Hölderlin und Dante erweitern ihm die sinnliche Wahrnehmung. / Marie Luise Knott, DLF

Franz Joseph Czernin: „zungenenglisch. visionen, varianten“, Edition Lyrikkabinett bei Hanser Verlag, 96 Seiten, 14,90 Euro.