5. Kalmenzone

Kalmenzone. (elektronische) Literaturzeitschrift hier

Heft 5, August 2014 Schwerpunkt: Übersetzen

mit Beiträgen von

Uta Egenhoff, Stephan Weidt, Judith Rang, Gudrun Paul, Dina Diercks, Roland Ißler, Ulrich Bergmann, Rainer Maria Gassen, Benedikt Ledebur, Romain John van de Maele, Michael Hillen, Jörg Kleemann, Ernesto Castillo, Marcus Müller-Roth, Crauss, Winand Herzog, Cleo A. Wiertz

Aus dem Inhalt:

LUIS DE CAMÕES: COM QUE VOZ? MIT WELCHER STIMME? besprochen von Dina Diercks und Roland Ißler

Ulrich Bergmann
FRANCESCO PETRARCA: SONETT 104 (RIME 134)

Rainer Maria Gassen
VON EINIGEN DER ERSTEN SONETTENDICHTER IN ENGLISCHER SPRACHE

Benedikt Ledebur
SELBSTBEOBACHTUNG BEIM ÜBERSETZEN

Alle bisher erschienen Ausgaben können als Pdf heruntergeladen werden.

4. Kein Geschöpf der Salons

Die 1915 geborene Lyrikerin Christine Lavant war kein Geschöpf der österreichischen Salons. Zeit ihres Lebens wohnte sie in bäuerlicher Umgebung. Die Hauptschule hatte sie abgebrochen. Ihre Texte aber sind derartig souverän, dass man Lavant eine der bedeutendsten Dichterinnen deutscher Sprache nennen muss. Eine vierbändige Werkausgabe trägt ihre wunderbaren Texte nun erstmals zusammen. (…)

500 bis 600 unveröffentlichte Gedichte und Gedichtentwürfe sind im Lavant-Nachlass gefunden worden. Das übertrifft – wie Amann sich ausdrückt – „alles, was man bei einer Autorin des 20. Jahrhunderts im Nachlass finden kann“. Insgesamt ergibt das ein Konvolut von rund 1800 Gedichten! Eine enorme Produktion für eine Autorin, die sich ihre Existenz die längste Zeit ihres von Krankheit gezeichneten Lebens durch Stricken sichern musste und in qualvoller Enge das Zimmer mit einem ungeliebten, 30 Jahre älteren Ehemann teilen. Lavants existentieller Hunger nach Liebe, ihr Ringen mit Krankheit und Einsamkeit, ihr Kreisen um  Tod und Verlöschen, ihre Sinnsuche in Religionen und Esoterik sind ihren Gedichten eingeschrieben. In dem jetzt vorliegenden Band, der zunächst alle zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte enthält, sind diese Wegmarken auf Schritt und Tritt erkennbar. Aber die enorme Kraft ihrer Bilder und ihr kompositorisches Geschick, Eindeutigkeiten immer wieder aufzulösen und die Balance zu verschieben, um ein Ich oder ein Du der Kenntlichkeit zu entziehen – das hebt ihre Kunst weit über alles Autobiografische hinaus. Im immer wiederkehrenden Motiv der Liebe bzw. der gescheiterten Liebe changiert die Ansprache des lyrischen Ich an ein Du zwischen Gottesanrufung und Zwiegespräch mit einem Geliebten:

Du wirst mich behalten müssen
im Netz deines Willens
Ich mag nicht mehr in die Welt hinaus,
wo die Sonne sinnlos aufsteigt und sinkt
und der Mond sich fiebrig verviertelt.
Hier drinnen herrscht weder Tag und Nacht,
hier fällt die Versuchung der Sterne hinweg,
aufzuknieen aus altem Leiden,
um ins nächste stürzen zu müssen.
In deinem Netz ist die Schwäche fromm.
Wie ein vom Lichte erlöster Falter
schläft ein das geängstigte Herz.
Du wirst mich behalten müssen
mit allem, was ich verloren habe
und was mich schwer macht,
so steinern schwer, dass das Netz deines Willens oft zittert.

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte

/ Angela Gutzeit, SWR (SWR2 Buch der Woche am 1.9.2014)

3. Chinese, English and Interlanguage

How Chinese characters can change English language education*: Jonathan Stalling at TEDxOU

*) and poetry reading

2. In Halle

Seit drei Jahren gibt es etwas Unterhaltung bei Straßenbahnfahrten in Halle. Gedichte zeitgenössischer Autoren Sachsen-Anhalts sind zu sehen.

Vom 1. bis 19. September 2014 beschäftigt sich eine Ausstellung im Ratshof in Halle damit. Gezeigt werden Gedichte ausgewählter Lyriker, die seit drei Jahren in hallischen Straßenbahnen kursieren. Die Gedichte wurden typographisch gestaltet von der Grafikerin Hannelore Heise.

Zu den zeitgenössischen Lyrikern zählen unter anderem Christine Hoba, Christian Kreis, Holger Leisering, Dieter Mucke, Rainer Kirsch und André Schinkel. Seit diesem Jahr sind auch Dichter der Vergangenheit, von Eichendorff über Novalis bis hin zu Sarah Kirsch, vertreten. / Halle Spektrum

1. V. Meridian

V. Internationales Lyrikfestival MERIDIAN CZERNOWITZ
5.–7. September, Czernowitz

In der westukrainischen Stadt Czernowitz findet das V. Internationale Lyrikfestival MERIDIAN CZERNOWITZ statt. Die viertägige Veranstaltung wird vom 5. bis zum 7. September 2014 dauern.

Teilnehmer: Evelyn Schlag / Österreich, Philippe Beck / Frankreich, Halyna Kruk / Ukraine, Marianna Kiyanovska / Ukraine, Bertrand Badiou / Frankreich, Michael Krüger / Deutschland, Esther Kinsky / Deutschland, Sylvia Geist / Deutschland, Daniel Falb / Deutschland, Friedrich Achleitner / Österreich, Franz Josef Czernin / Österreich, Henrik Szanto / Österreich, Piotr Sommer / Polen, Bartek Mayzel / Polen, Dragica Rajčić / Schweiz, Midna / Ukraine, Oksana Zabuzhko / Ukraine, Andreas Neeser / Schweiz, Jurij Andruchowytsch / Ukraine, Petro Rychlo / Ukraine, Serhij Zhadan / Ukraine u.v.a.

Hier das Programm

108. In Czernowitz

Zum neunzigsten Geburtstag des großen Celan veranstaltet[e, 2010!] seine Vaterstadt erstmals ein Poesiefestival, hat Dichter aus halb Europa, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, dorthin geladen, wo zwischen 1880 und 1940 eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität stattfand, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Czernowitz, dessen weit über die Hügel am Pruth gezogene habsburgische Altstadt etwas abgebröckelt, aber komplett erhalten ist, hatte nur achtzigtausend Einwohner.

Doch im heiklen Ungleichgewicht* von fünf Sprachen – Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch – und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt. (…)

In Czernowitz, dessen relative Bevölkerungsmehrheit um 1900 aus Juden bestand, lernten und schrieben, lehrten und veröffentlichten gleichzeitig einige der besten jiddischen Autoren: der Pädagoge Elieser Steinbarg und der versoffene Poet Itzig Manger, der fliehen konnte und nach einem Wanderleben 1969 in einem Sanatorium bei Jerusalem letztes Obdach fand. Auch Gregor von Rezzori, der mit Brigitte Bardot auf der Leinwand zu sehen war und sich in Czernowitz für seine „Maghrebinischen Geschichten“ inspirierte, ist von hier.

Die 1901 geborene Dichterin Rose Ausländer nicht zu vergessen, die Celan 1941 im Czernowitzer Ghetto kennenlernte – nicht zuletzt seiner Kritik an ihrem bis dato expressionistisch grundierten Stil verdankte sie jene lakonische Diktion, die ihre großen, längst gegenwartsklassischen Gedichte auszeichnete. / Dirk Schümer, FAZ

*) Die Zwischenüberschrift sagt vielleicht treffender „unheikles Gleichgewicht“

107. Poetopie

am ersten Schultag – zu groß die Tüte, zu viel Zukunft in kindlichen Händen

Hansjürgen Bulkowski

106. Die einfachsten Dinge

[Francis] Ponge geht es um die außermenschliche Wirklichkeit, die er möglichst präzise in den Blick zu nehmen versucht. In seiner Kurzprosa und Lyrik will er einem Ding, das belebt oder unbelebt sein kann, den ihm angemessenen Ausdruck verleihen: einer Zigarette oder einem Stück Seife, aber auch Pflanzen, Muscheln, Steinen oder den Meeresküsten.

„Bis dorthin, wo es den Grenzen naht, ist das Meer eine einfache Sache, die sich Woge um Woge wiederholt. Aber in der Natur werden die einfachsten Dinge nicht ohne große Förmlichkeiten, ohne viel Umstände zugänglich, die dichtesten nicht, ohne eine gewisse Abhobelung zu erfahren. Daher stürzt sich der Mensch, wohl auch aus Rachsucht gegenüber der Unermesslichkeit, die ihn anödet, vorschnell auf die Ränder oder die Einschnitte der großen Dinge und möchte sie definieren.“ / Maike Albath, DLF

105. „Gedichte“ als Kurzprosa

Betrachten wir jedoch die „Gedichte“ als Kurzprosa, so entwickeln sie einen Reiz, der sich aus ihrer anekdotischen, aphoristischen oder momentaufnahmen-ähnlichen Aussage ergibt. Darin sind sie, um noch einmal, vielleicht ein wenig abwegig, Brecht zu bemühen, den „Geschichten vom Herrn Keuner“, aber auch, um einen Autor aus einer ganz anderen Richtung zu nennen, den Texten von Helmut Heißenbüttel verwandter als Brechts Gedichten. (…)

Die Gedichte von Setz, die keine Gedichte sind (in fünf Fällen verzichtet er tatsächlich auf den Zeilensprung), unterscheiden sich in ihrem Tonfall grundlegend von jenem Schnoddersound, der allgegenwärtig der Bezichtigung des Antiquierten zuvorzukommen hofft. /  , Die Presse

104. Preis für Herbert Kuhner

Der Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und Exil geht heuer an den Wiener Autor Herbert Kuhner. Dies teilte die verleihende Theodor Kramer Gesellschaft am Montag in einer Aussendung mit. Die mit 7.300 Euro dotierte Auszeichnung wird am 13. September im niederösterreichischen Niederhollabrunn überreicht. / Der Standard

103. „An Meine völker“

Der österreichische Schriftsteller Julian Schutting analysiert die allerhöchste Kriegserklärung vom 29. Juli 1914 in Der Standard

Julian Schutting: Was geruht Seine Majestät da zu erlassen?

[untendrunter kann man in Volksmund baden]

102. Nicht schlimm

Das war’s also. Ich hatte 97 Minuten und 25 Sekunden gebraucht. In meiner Altersgruppe wurde ich die Letzte. Nach mir kamen noch vier Schwimmerinnen und ein Schwimmer ins Ziel. Ich hörte mich sagen: Es ist gar nicht schlimm, die Letzte zu sein. (Ilse Kilic, Album, DER STANDARD, 23./24.8.2014)

Ilse Kilic, geboren 1958, lebt im Fröhlichen Wohnzimmer in Wien (www.dfw.at).

Zuletzt erschienen: „Du siehst ja noch ganz gut aus. Ein Comic vom Älterwerden“ (gemeinsam mit Fritz Widhalm)

101. Werner Liersch gestorben

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Werner Liersch starb am 23.8. im Alter von 81 Jahren.

Liersch wurde am 23.9. 1932 in Berlin geboren. Er war ein bekannter DDR-Literaturkritiker, 1982 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR.Von 1987 bis 1990 gehörte er der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt an. 1990-1992 war er Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“.  Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband „Stille finden. Brandenburg im Gedicht“ (2014).

„Liersch sorgte 2008 für Schlagzeilen, als er aufdeckte, dass der Schriftsteller Erwin Strittmatter („Der Laden“) im Zweiten Weltkrieg in einer SS-Polizeieinheit gedient hatte. Ein Skandal, denn der Star-Autor der DDR hatte sich stets als Antifaschist und Deserteur stilisiert.“ / Der Standard

100. Sweethearts oder Bukowski in Iran

Nach iranischen Medienberichten werden Liebesgedichte von Charles Bukowski über Alkohol, Sex und die Outsider der Gesellschaft zum ersten Mal in Iran veröffentlicht.

Der Verlag Sarzamin-e Ahurayi sagte, er wird die Gedichte, welche der Schriftsteller Alireza Behnam ins Persische übersetzt hat, veröffentlichen. Es war jedoch nicht bekannt, wie genau die Übersetzungen den Originalen entsprechen.

Bücher in Iran benötigen die Zustimmung zur Veröffentlichung des Ministeriums für Kultur und islamische Unterweisung. Es hat strenge Kriterien für die Veröffentlichung erhoben, insbesondere hinsichtlich erotischer Inhalte. Solche Bücher sind verboten, die erotischen Passagen werden entfernt oder islamkonform umgeschrieben.

Die Genehmigung des Ministeriums kann auch nach der Veröffentlichung eines Buches zurückgenommen werden. Genau das war dem Roman von Gabriel Garcia Marquez mit dem Titel Erinnerungen an meine traurigen Huren. “Whores” im Titel wurde in “Sweethearts” umgeändert, um die Genehmigung für die Veröffentlichung zu erhalten, aber es wurde danach dennoch verboten, denn das Ministerium nannte es unmoralisch und behauptete, es fördere die Prostitution. Das Verbot weckte damals erst recht das Interesse der Iraner an diesem Buch, das dann für den doppelten Preis auf dem Schwarzmarkt verkauft wurde. / پارسه و پارسه   Pârse&Pârse

 

99. Gerald Zschorsch

Das hätte man 1989 zitieren können: „Und warten nah der Grenze/mit Lied und mit Gedicht/dass durch die vielen Strophen/die Mauer einmal bricht.“ „Grenzübertritt“ heißt das Poem mit seinem prophetischen Hoffnungsüberschuss. Es wurde zuerst 1977 in Gerald Zschorschs lyrischem Debüt Glaubt bloß nicht dass ich traurig bin abgedruckt und erschien noch einmal in der poetischen Gesamtschau Torhäuser des Glücks. Bündig sind die frühen Gedichte. Isoliert stehen sie im Kanon der Siebzigerjahre, einer von Aufbruch und Restauration bestimmten Zeit. Und doch nicht so isoliert, um der einschlägigen, den Topos der Vereinzelung feiernden Legendenbildung Vorschub zu leisten. (…) Immerhin weiß er inzwischen, dass Mielke persönlich eine paranoide Notiz über ihn verfasste, mit der Zschorsch als Überzeugungstäter und „sehr gefährlich“ zu einer Bedeutung kam, die er in der gesamtdeutschen Kultur bestimmt nicht mehr erlangen wird. / Freitag-Nutzerbeitrag von Jamal Tuschick