39. Rheinische Stimmen erscheinen

Von Thomas Kling stammt die Selbstaussage, ihn interessiere jede „Land- oder Stadtschaft als eine riesen summende Insektengesellschaft“, aus der er in seinen Gedichten einzelne Stimmen „herauspräparieren“ müsse. In Beyers neuem Gedichtband „Graphit“ (erscheint im Oktober), in dem vielfach Fotos Auslöser gewesen sein dürften, hört man immer wieder solche einzelne Stimmen heraus. Das Rheinland natürlich. Konkrete Nachrichtenbilder stehen hinter den Gedichten „Graphit“ und „Das Rheinland stirbt zuletzt“, Fotos von der Neusser Kunstschnee-Halle sowie Fotos vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009. Rheinische Stimmen erscheinen. „Himmel, sieht es hier aus,“ lautet eine Zeile und „flück flück flück“ eine andere – jenes Kölner Stoßgebet zum Heiligen Antonius, das nicht Auffindbare zurückzubringen („Hillijer Tünnes, flück flück flück, zejschens schnell ding Meisterstück“). Und mit Verkürzungen wie „Ein Broich. Ein Busch. / Ein Rath“ stehen auch die „Runkelrübenäckerweiten“ um Orte wie Grevenbroich oder Benrath direkt vor uns. / Aus: Marie Luise Knott, Perlentaucher

38. 7. ZEBRA Poetry Film Festival

Das Programm

Die imaginären Welten der Lyrik treffen auf die audiovisuellen Möglichkeiten des Kurzfilms: Der Poesiefilm ist so alt wie das Filmemachen selbst und erlebt seit dem Einsatz der digitalen Medien einen wahren Boom. Bereits zum siebten Mal zeigt das ZEBRA Poetry Film Festival vom 16.–19.10.2014 im Kino Babylon in Berlin-Mitte die besten Poesiefilmproduktionen aus aller Welt. Aus 70 Ländern wurden 770 Filme eingereicht, alle beruhen auf Gedichten und sind nicht länger als 20 Minuten. Eine Programmkommission kreierte aus den Einsendungen die Programme des Festivals und nominierte 29 Filme für den Wettbewerb um den besten Poesiefilm. Eine Jury vergibt Preise in Höhe von € 12 000. Neben dem Wettbewerb zeigen wir in verschiedenen Programmen eine Auswahl an Filmen aus den diesjährigen Einsendungen. Der diesjährige Fokus liegt auf Norwegen, mit einem Filmprogramm, einer Ausstellung und einem Werkstattgespräch mit dem norwegischen Animationsfilmer Kristian Pedersen und einer Lesung mit sechs norwegischen Dichtern. Auch dieses Jahr schrieb das Festival wieder ein Gedicht zur Verfilmung aus: 23 Filmemacher aus zehn Ländern machten einen Poesiefilm zu Björn Kuhligks Gedicht „Die Liebe in den Zeiten der EU“. Im Festival werden die drei interessantesten Filme in einem Gespräch mit Dichtern und Filmemachern vorgestellt. Außerdem gibt es ein Kolloquium zur Verbreitung von Poesiefilmen in der Digitalen Welt und eine Lesung mit Dichtern des Festivals. Die „Rückblende“ widmet sich dieses Jahr dem Lebenswerk des Dichters, Grafikers und Aktionskünstlers Dieter Roth und Videopoemen der 1960er -1980er Jahre. Ein Kinder- und Familienprogramm und verschiedene Gastprogramme u.a. mit eigens für ZEBRA geschaffenen Poesiefilmen aus Nordrhein-Westfalen ergänzen das Festival.
Das vollständige Programm finden Sie ab 15.9.2014 unter www.zebra-award.org

Das ZEBRA Poetry Film Festival zeigt Kurzfilme, die auf Basis eines Gedichtes entstanden sind. Das Festival findet statt vom 16. – 19.10.2014. Es ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit interfilm Berlin sowie mit der freundlichen Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds, den Deutschen Literaturfonds e.V., das Auswärtige Amt, das Goethe-Institut und die Alfred Ritter GmbH & Co KG. Den ZEBRINO-Preis stiftet Berlin on Bike. Das ZEBRA Poetry Film Festival findet statt im Rahmen des poesiefestival berlin.

Do. 16.10. – So 19.10. 2014
7. ZEBRA Poetry Film Festival
Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin

37. Das hermetische Sehen

Aber was bedeutet es, wenn das Gedicht tanzt?

Die besondere Qualität eines solchen Gedichts – oder seine Dunkelheit, wie manche sagen – läge nicht im Transport bestimmter, mal schwerer mal leichter verständlicher Informationen; vielleicht bestünde sie gerade darin, dass es darin keinen manifesten Sinn gibt.
Stattdessen ermöglichte das Gedicht eine Emphase, die Bedeutung erst generiert – nicht aus den Wörtern, sondern durch die Wörter.

Nichts anderes scheint die „Schöpfung aus dem Nichts“ zu meinen, von der Ekelöf gesprochen hat. Überträgt man diesen ursprünglich religiösen Gedanken verallgemeinernd auf die Poesie, läge deren emphatisches Wissen im Austausch mit einem Numinosen, dessen Zeichen Gedicht und Leser zu gleichen Teilen wären. So einfach könnte es tatsächlich sein: das Gedicht, vom Verdikt seiner Verständlichkeit oder Unverständlichkeit befreit, würde so offen für die Kommunikation mit seinem Leser. Erst diese auf Augenhöhe stattfindende Begegnung garantierte dann, dass sie beide wechselweise Wirkung entfalten können.

In Xoanon ist die Schwelle zwischen dem Verstehen und seinem Gegenteil mit dem Wechsel vom Du zur unbestimmten dritten Person möglicherweise schon überschritten. Man befindet sich dann in einem liminalen Raum, dessen Konturen und Formen ineinander übergehen und kommt, mit Ekelöf gesprochen, „zu jenem vibrierenden Nichts, das zwischen Menschen ist, von welchem Geschlecht, Stand, welcher Rasse, welchem Vorurteil, Glauben sie auch sein mögen.“ / Norbert Lange, aus seiner Interpretation von Gunnar Ekelöfs Gedicht „Xoanon“, Münchner Anthologie

36. D‘ Wältwuche

Roger Köppel ist ein konkretes Gedicht. Egal, mit welchem Argument er konfrontiert wird, er pariert mit: «D‘ Wältwuche…». Diese Wiederholungen erinnern mich an das Serielle der konkreten Poesie. Sprache wird hier zum Schutzwall. Mit den Mitteln der Poesie versuche ich dann, die Sprache der Politik zu demaskieren. / Der Schweizer Stimmartist Jurczok 1001 im Gespräch mit dem Tagesanzeiger

35. Gestorben

Am 2.9. starb der haitianische Dichter Gary Augustin in Pétion-Ville. Seine Gedichtbände Girandole du jour,  Terre brûlée und Des villes, des corps et autres songes wird man nennen, wenn von zeitgenössischer haitianischer Poesie die Rede ist. Seine Dichterfreunde liebten seine Diskretion und seine hohe Allgemeinbildung. Ich selber sah ihn als tropischen Charles Baudelaire.  Ich liebe ihn, so wie ich Paul Fort, Magloire Saint-Aude und Nicolas Guillén liebe. / Dominique Batraville, Hpn Haiti

34. Gedächtnisprotokolle

Seine Frau erfuhr damals nicht einmal, wo genau ihr Mann inhaftiert war. Nach 281 Tagen Haft und Dauerverhören im Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen zwang man [Jürgen] Fuchs ohne Prozess zur Ausreise in den Westen. Sein Vernehmer gab ihm noch mit auf den Weg: „Legen Sie sich später nicht mit uns an. Wir finden Sie überall. Auch im Westen. Autounfälle gibt es überall.“

Fuchs hatte versucht, sich alle Verhöre aus dieser Zeit zu merken, er schrieb sie in seinem Buch „Vernehmungsprotokolle“ erst in West-Berlin nieder. Später, nach Einsicht in seine Stasi-Akten, zeigte sich eine überraschend hohe Deckungsgenauigkeit mit seinen Erinnerungen. Mit Büchern wie „Fassonschnitt“, „Gedächtnisprotokolle“, „Das Ende der Feigheit“ machte Fuchs erstmals öffentlich deutlich, welchen Krieg die DDR gegen kritische Bürger hinter der Kulisse als „Friedensstaat“ führte. Nicht nur gegen ihn. / Peter Wensierski, Spiegel

33. Platen in Erlangen

Von Platen lebte von 1819 bis 1826 in Erlangen und fand Mentoren unter den Dozenten der Universität, die seine lyrischen und dramatischen Versuche wohlwollend aufnahmen und ihn in seinem dichterischen Mühen bestätigten. / Mein Mitteilungsblatt Erlangen-Nord

32. Arbeit für Dichter

Die Saudi Gazette kommentiert:

Riad – Aufpassen, Dichter, das Arbeitsministerium hat beschlossen, ausländische Dichter zu rekrutieren. Wie Al-Watan mitteilt, wurde „Dichter“ in die Liste der „Berufe“ aufgenommen, in denen Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden können. Die neue Regelung erlaubt es Geschäftsleuten oder anderweitig Interessierten, Dichter aus dem Ausland ins Land zu holen. Viele machten sich darüber lustig, andere entrüsteten sich und sagten, so etwas Bizarres hätten sie noch nie gehört. Wie dem auch sei, die Regelung existiert. Dichter, die im Königreich Karriere machen wollen, mögen sich bewerben!

31. Nazikeule, Nazikeule!

Ein kurzes Gedicht über Verschwörungen, gutes Essen und diese verdammten blauen Pillen.

Text: Leander Sukov
Sprecher: Jörg Wellbrock

30. Preis für Dorschel und Hünger

Nach Caroline Schlegel hat die Stadt Jena einen Preis benannt, der in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal im deutschsprachigen Raum ausgelobt wurde. Gewürdigt werden mit dem Caroline-Schlegel-Preis – in Anlehnung an das Wirken der Namensgeberin – herausragende Leistungen in den Genres Feuilleton und Essay, die sich durch ein hohes sprachliches und stilistisches Niveau sowie durch eine solide Recherche auszeichnen. Der Preis ist insgesamt mit 7500 Euro dotiert, 5000 Euro für den Hauptpreis und 2500 für einen Förderpreis. Das Preisgeld stammt von einem anonymen Stifter. Auch das Preisgeld für 2017 und 2020 ist bereits gesichert. (…)

Der Caroline-Schlegel-Preis 2014 geht demnach an den Österreicher Andreas Dorschel, der Förderpreis wird an Nancy Hünger verliehen. Dorschel wird für seinen Essay „Ein verschollen geglaubter Brief der Korinther an Paulus“ geehrt, Hünger für den Essay „Die Stunde der Schatten – zu Wolfgang Hilbigs Erzählungen ,Alte Andeckerei“. / TLZ

29. American Life in Poetry: Column 493

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Stories read to us as children can stay with us all our lives. Robert McCloskey’s Lentil was especially influential for me, and other books have helped to shape you. Here’s Matt Mason, who lives in Omaha, with a book that many of you will remember.

The Story of Ferdinand the Bull

Dad would come home after too long at work
and I’d sit on his lap to hear
the story of Ferdinand the Bull; every night,
me handing him the red book until I knew
every word, couldn’t read,
just recite along with drawings
of a gentle bull, frustrated matadors,
the all-important bee, and flowers—
flowers in meadows and flowers
thrown by the Spanish ladies.
Its lesson, really,
about not being what you’re born into
but what you’re born to be,
even if that means
not caring about the capes they wave in your face
or the spears they cut into your shoulders.
And Dad, wonderful Dad, came home
after too long at work
and read to me
the same story every night
until I knew every word, couldn’t read,
just recite.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Matt Mason from his most recent book of poems, The Baby That Ate Cincinnati, Stephen F. Austin State University Press, 2013. Poem reprinted by permission of Matt Mason and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

28. Berndt Mosblech

Peter Ettl macht auf KUNO einen Erkundungsgang in die Lyrik der 1970er Jahre und stellt Berndt Mosblech vor: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=25820

27. Julia Engelmann

Ein Gedicht über die zaudernde Jugend machte die 22-Jährige schlagartig bekannt. Nun ist ihr Buch da – in dem sie dem Thema treu bleibt. / Frankfurter Neue Presse

26. FBI as reader (Total Literary Awareness)

Ein interessantes, kann man sagen Gegenstück? zu Lukács‘ Totalitätsbegriff taucht beim Studium alter FBI-Akten zur „totalen“ Überwachung der schwarzen Literaturszene auf: „Total Literary Awareness“:

Half a century before the Pentagon’s controversial Total Information Awareness (TIA) program, an abandoned effort to aggregate and “data-mine” all electronic predictions of terrorist activity, the Bureau’s “TLA” program sought precocious knowledge of all published threats to the state—first among them threats to the state of the Bureau’s reputation.  Cold War Hooverism’s hyperactive counterliterary meddling thus did not end with the bowdlerization of State Department libraries abroad, enforced by Bureau crony Roy Cohn during a 1953 tour of European capitals.  Back in the U.S.A., the impulse was to know enough of domestic publishing to screen suspicious books before they reached the shelves. (…)

Critical nonfiction was the initial target of the Bureau’s Cold War campaign to impose itself between unflattering portraiture and the reading public.  Yet the FBI’s individual author files of the period, only recently extracted through FOIA requests, demonstrate that Total Literary Awareness also kept a special watch over African-American drama, fiction, and poetry. (…)

Author-critic J. Saunders Redding, investigated by the Bureau from 1953 to 1968, managed to produce To Make a Poet Black (1939), a landmark social history of African-American literature, without Bureau pre-knowledge.  The success of his post-passing novel Stranger and Alone (1950), however, left him with jealous acquaintances willing to talk to the FBI, nameless cronies prone to recommending “that any writing or lecturing done by the applicant be reviewed before being presented” (27 Feb. 1953). The need for such vigilance stemmed not from Redding’s hedged attraction to Communism, but from the ambiguous politics of his passionate intensity, the product of an artistic temperament supposedly marinated in racial grievance.  “[A] person who is very emotional and high-strung,” these “traits come out in his writings, which deal with the disadvantages and handicaps of being a Negro,” and are thus subject to interpretation “in a very different light than the author may have intended to impart” (27 Feb. 1953).  Willard Motley’s file, a toxic amalgam of Bureau fascinations with black cosmopolitanism and black queerness, nears its 1967 conclusion with news of the novelist’s withering life in Mexico, stranded abroad by the homosexuality “provisions…of the Immigration and Nationality Act” (18 Mar.1954).

/ From: Total Literary Awareness: How the FBI Pre-read African American Writing. By WILLIAM J. MAXWELL, The American Reader

25. Poetopie

sonntagmorgens Kaffeeduft in der Luft, Honig auf der Zunge – ein Augenblick, in dem wir weiter nichts als verweilen

Hansjürgen Bulkowski