55. Poesie hat Sinn

Dichtkunst, sie ist schlicht (über-)lebensnotwendig, heißt es da von [Peter] Hub, der gerade mit dem Sprachbewahrerpreis 2014 gewürdigt worden ist. Schließlich hatte die Poesie ursprünglich mal den Sinn, das andere Geschlecht rumzukriegen. Was Wunder, dass Hubs Einsatz für die Lyrik vor allem bei der Jugend gut ankommt. / Mainpost

54. Wirkungen einer Lyriklesung

Die Diskussion verlief in ungeheurer Erregung; der Korrespondent der Prawda stürzte am Schluß auf Hermlin zu und weinte; Klaus Völker, zurück in Westberlin, schickte ein Telegramm: das dichterische Antlitz Deutschlands hat sich über Nacht verändert. Das Wachbatallion wurde in Bereitschaft gesetzt und am Morgen eine außerordentliche ZK-Sitzung einberufen. Das Vorzeigen einiger Dutzend Gedichte trieb einen Konflikt heraus zwischen den produktiven und den ängstlichen Gemütern, und es begann eine Zeit infamer Debatten und zugleich famoser Lesungen: von Nachrichten, die sonst nirgendwo zu haben waren.

Volker Braun: Einleitende Worte zur Lesung „Neue Lyrik“. Für Stephan Hermlin. In: Ders.: Wir befinden uns soweit wohl. Wir sind erst einmal am Ende. Äußerungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1998, S. 123.

Anmerkungen:

Prawda: Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Sowjetunion

Hermlin: Stephan Hermlin (1915-1997), Dichter, forderte 1962 als Sekretär der Sektion Dichtkunst der Akademie der Künste in Ostberlin unbekannte Dichter auf, ihm ihre Gedichte zu schicken und las eine Auswahl daraus in einer Veranstaltung der Akademie vor. Die Dichter waren alle anwesend, u.a. Kurt Bartsch, Wolf Biermann, Uwe Greßmann, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel, B.K. Tragelehn. Mit einem Schlag war eine neue Dichtergeneration angetreten. Die SED kickte Hermlin aus seinem Akademieamt.

ZK: Zentralkomitee der regierenden Partei SED

53. Gedicht auf Fels

Aufsehen erregt hat dasselbe Theater schon vor «Bordergame» mit seiner letzten Aufführung «The Gathering» (Die Zusammenkunft). «The Gathering» ging an drei Tagen im September über die Bühne. Genauer gesagt: Über die Hügel und Täler Snowdonias, des nordwalisischen Berglands. Dort wurde das zahlende Publikum gleich einer Schafherde über die Weiden getrieben, um jeweils vier Stunden lang im innersten Innern die Poesie der Landschaft und den Fluss der Zeit zu erfühlen.

(…) Und auf einen 30 Meter hohen Felsvorsprung war ein riesiges Gedicht der walisischen Nationalpoetin Gillian Clarke aufgemalt worden. «Lyrisch, aber unsentimental» nannte eine Theaterkritikerin hingerissen das Ganze. Die Vorstellung bringe «den Berg zum Singen».

Und nicht nur zum Singen. Auch zum Aufheulen, am Ende. Denn mit einem hatten die Theaterleute nicht gerechnet: Das Gillian-Clarke-Gedicht liess sich nicht mehr vom Felsen wischen. Einer der markantesten Kletterfelsen in Wales ist, mehrere Wochen nach dem Ende der Show, zum Stein gewaltigen Anstosses geworden. Ausgerechnet im Herzen des Nationalparks von Snowdonia sei «das wohl grösste Stück Graffiti» in ganz Grossbritanniens aufgetaucht und nicht mehr wegzukriegen, klagen Bergsteiger und Wanderer empört.

Grund für die Panne ist, dass kein Regen die Aufschrift gelöscht hat, wie es das Theater erwartete. Der September war der trockenste seit vielen Jahrzehnten auf der Insel. Die Sonne hat die Schrift geradezu in den Lehm eingebrannt. Beschämt hat auch der National Trust zu der Affäre Stellung nehmen müssen. Der Trust – die Natur-  und Denkmalschutz-Behörde Britanniens – hatte dem Nationaltheater Erlaubnis für den poetischen Erguss am Felsen erteilt. / Peter Nonnenmacher, Der Bund Blogs (mit Bild und Video)

52. Hans Raimund

 „Auf einem Teppich aus Luft“. Unter diesem Titel erschien vor Kurzem eine Auswahl von Gedichten und wenigen Prosatexten aus der Werkstatt des lyrischen Poeten Hans Raimund, des – wie Karl Markus Gauß schreibt – „Musikers unter den österreichischen Lyrikern unserer Zeit. Raimund hat ja nicht nur Germanistik und Anglistik, sondern auch Klavier studiert und zudem in Komposition, Tonsatz, Dirigieren diplomiert.“ (…)

Fast genau im Zentrum des Buches findet sich eines der wuchtigsten Gedichte Raimunds, in denen die bleischwere Bürde der von seinem Vater verherrlichten Vergangenheit jedem, der diese Zeilen liest, den Atem raubt. Schon allein das unübersetzbare Motto „Der Hitler is mei Himmivata!“, stammend von der einst außerordentlich beliebten Volksschauspielerin Anni Rosar, schnürt den Hals zusammen. / Rudolf Taschner, Die Presse

 

51. Es war eine Zeitenwende

Im Jahr 1976 erschien Karin Kiwus’ erster Gedichtband «Von beiden Seiten der Gegenwart». Der Band wurde von der Kritik einhellig gelobt und erlebte vier Auflagen. Es waren unruhige Zeiten damals auch für die Lyrik, aber Gedichte wurden ernst genommen, über sie wurde gestritten. Die einen wollten sie im Museum entsorgen, andere sie politisch instrumentalisieren, wieder andere sie dem Alltag öffnen. Es war eine Zeitenwende in der deutschsprachigen Dichtung. / Jochen Kelter, WoZ

Das Gesicht der Welt. Gedichte
Karin Kiwus
352 Seiten. Fr. 34.90
Verlag Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2014

50. Lyrikline 1000

Peter Huchel – der 1000. Dichter auf lyrikline

Mit Peter Huchel kommt am Samstag, 18.10.2014 die 1000. Dichterstimme auf die Webseite lyrikline. Damit sind auf lyrikline Dichter aus 102 Ländern, rund 9000 Gedichte in 63 Sprachen und über 12700 Übersetzungen in 66 Sprachen verfügbar.
Auf lyrikline werden alle Gedichte in der Originalversion vom Autor selbst gesprochen. Der Nutzer findet u.a. auch die Stimmen großer, bereits verstorbener Dichter wie Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Hugo Claus, Mahmud Darwish, Nazım Hikmet, Ernst Jandl, Heiner Müller, William Butler Yeats. lyrikline arbeitet international mit einem Netzwerk aus über 40 Länderpartnern zusammen. Mehr Informationen unter www.lyrikline.org

Der Ruhm des Lyrikers Peter Huchel (*1903 in Groß-Lichterfelde bei Berlin – †1981 in Staufen, Breisgau) gründet auch auf seiner Arbeit als Chefredakteur (1948 bis 1962) der in Ostberlin erscheinenden Zeitschrift »Sinn und Form«. Als 1962 Huchel das Heft von SED-Funktionären aus der Hand genommen wurde, folgten neun Jahre der Isolation und Überwachung. Bis zu seiner Ausreise 1971 nach Westdeutschland war sein Haus im Wilhelmshorst, das heutige Peter-Huchel-Haus, Treffpunkt von oppositionellen Schriftstellern. Nach seiner Ausreise lebte Huchel zunächst in der Villa Massimo in Rom und ließ sich dann in Staufen im Breisgau nieder. Huchel wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, seit 1984 vergibt das Land Baden-Württemberg und der Südwestrundfunk den Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik.

Der 1000. Dichter – die Lesung
Gefeiert wird der 1000. lyrikline-Dichter mit einer Lesung von sieben lyrikline-Dichtern am Samstag, 18.10.2014 im Rahmen des 7. ZEBRA Poetry Film Festival im Kino Babylon. Mit dabei sind internationale Dichter, die bereits auf lyrikline zu hören sind: Gabrielė Labanauskaitė (Litauen), Ghayath Almadhoun (Palästina/Syrien/Schweden), Jazra Khaleed (Griechenland), Øyvind Rimbereid (Norwegen), Paul Bogaert (Belgien) und Ulrike Almut Sandig (Deutschland). Als künftige lyrikline-Stimme wird Simon Barraclough (Großbritannien) lesen.

lyrikline ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit ihren Partnern und wird unterstützt von der Berliner Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten.

Sa 18.10.2014, 21:30 Uhr
Listen to the Poet! – eine Lesung
Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30, 10178 Berlin
Mit Ghayath Almadhoun (Palästina/Syrien/Schweden), Simon Barraclough (UK), Paul Bogaert (Belgien), Jazra Khaleed (Griechenland), Gabriele Labanauskaite (Litauen), Øyvind Rimbereid (Norwegen), Ulrike Almut Sandig (Deutschland) Moderation: Per Bergström (Verleger, Schweden)

49. Wohldosiert

Lyrik gehört zu den Künsten, die man wohl dosiert genießen sollte. So empfiehlt es jedenfalls Rheinische Post. Ich empfehle: Wohldosiert lesen.

48. Ka-Tzetnik 135633

The most significant moment at the Eichmann Trial occurred when the Polish-born writer Yehiel Feiner collapsed while testifying on the stand in Jerusalem, after he was asked a simple procedural question at the beginning of his testimony—the reason why he concealed his identify behind the pseudonym Ka-Tzetnik 135633 (Ka-Tzetnik is the Yiddish term for a concentration camp inmate).

He responded:

“It was not a pen name. I do not regard myself as a writer and a composer of literary material. This is a chronicle of the planet of Auschwitz. I was there for about two years. Time there was not like it is here on earth. Every fraction of a minute there passed on a different scale of time. And the inhabitants of this planet had no names, they had no parents nor did they have children. There they did not dress in the way we dress here; they were not born there and they did not give birth; they breathed according to different laws of nature; they did not live—nor did they die—according to the laws of this world. Their name was the number Ka-Tzetnik.”

Later in his testimony, Ka-Tzetnik stood and turned around, and he then collapsed on the ground.

Several years ago in Tablet, David Mikics explored the literary legacy of Yehiel Feiner, with a particular focus on his post-Holocaust works of Salamandra (1946) and House of Dolls (1953), written under his name of Ka-Tzetnik 135633, and noted, almost in passing, a small book of Yiddish poetry that he published in 1931. Before the Holocaust, Feiner was a musician, writer, and poet, who contributed articles to local Yiddish newspapers and, in 1931, published a volume of twenty-two Yiddish poems. However, as historian Tom Segev writes in The Seventh Million, “[a]fter Auschwitz, [he] made every effort to consign his early work to oblivion, going so far as to personally remove it from libraries. He also discarded his original name. Auschwitz, having robbed him of his family, also robbed him of his identity, leaving only the prisoner.” More

He was born in Sosnowiec, Poland, in 1909 (not 1917, as he later claimed). A star yeshiva pupil in Lublin, he was later active in Zionist circles, and in 1931 he published a book of poetry in Yiddish. (When Ka-Tzetnik found out in 1993 that a copy of the book existed in Israel’s National Library, he stole it, burned it, and sent the charred remains back to the library with the instruction that the rest of it should be reduced to ashes, like all of his pre-Auschwitz existence.) More

47. Außerhalb der Messe

Auf der Frankfurter Buchmesse ist die Lyrik noch nicht einmal Nischenprodukt, sondern quasi nicht existent. Mit Gedichten lässt sich kein Geld machen, auf der Frankfurter Messe geht es aber genau darum. Das Fachpublikum interessiert sich nur für die Businessclass der Literatur. Ein paar finnische Verse werden zwar vorgetragen, ein paar indonesische, aber das ist Lyrik für Touristen, ein Spiel mit dem Fremden – ähnlich wie die computergenerierten Gedichte im Zelt des Gastlands.

(…) gerade dort, im Orange Peel, diesem kleinen Club im Bahnhofsviertel, haut es einen vom Barhocker, wenn auf der Bühne plötzlich einer von Bäumen spricht, „die flache Hüte in die Nacht tragen“. Einer, der sich „Straßennamen für Trümmer“ wünscht und warnt: Wenn ein „Motorrad durch den Kopf fährt“, ist das „gefährlich für unsere Artisten“. Ansgar Riedißer, Jahrgang ’98, scheint sich dazu entschieden zu haben, die pubertäre Phase der Dichterei einfach zu überspringen und gleich da anzufangen, wo es ernst wird. Sirka Elspaß, drei Jahre und einige Schreibworkshops älter, macht dann dort weiter, wo es weh tut: „Manchmal sind Sachen am Leben, für die ich nichts kann. Zum Beispiel ein Mädchen, das sich mit Wimperntusche einen Hitlerbart malt“.

(…) Tom Bresemann liest Gedichte, die zunächst ganz alltäglich daherkommen, dann aber bekannte Redewendungen verfremden und auf den Kopf stellen. „Punk kommt von Pünktlichkeit“ heißt es bei ihm, oder „nur ein integrierter ist ein guter Indianer“. Bresemann entlarvt immer wieder den von Stadt- und Dorfbewohnern zur Schau getragenen Individualismus als Teil des Mainstreams, oder die Fremdenfeindlichkeit hinter den Häkelgardinen. / Lea Beiermann, FAZ

46. Nur geduldig und offen

Das Gedicht heißt „Timide, timide“ und kombiniert Religion, Landschaft und Linguistik, kontrastiert Bastarda (eine spätgotische Schriftart) und Frühstücksflocken, Pilgerschaft und Autobahn – über Mangel an Vielseitigkeit kann sich kein Leser beklagen. Eher schon gerät er ins Grübeln über der Frage: Muss ich all diese Wörter und Personen kennen? entschlüsseln? verstehen? Und was, bitte, gehen sie mich an?

Nichts natürlich. Nichts im Sinne von Empathie, individueller Betroffenheit und existenziellem Schauder, wofür die Lyrik nach allgemeiner Auffassung zuständig ist. Beyers Gedicht demonstriert die hakeligen, grenzenlosen Vernetzungen der Wörter über lokale Traditionen hinaus und fordert zum Mitknüpfen auf. Katholisch muss man dafür nicht sein, nur geduldig und offen für die gedehnte Bewegung des Textes, für den kalkulierten Wechsel von Fluss und Interruptio, Stocken und Beschleunigung. Geht ins Ohr, in den Kopf und bringt gewohnte Bildsortierungen in zarte Unordnung. / Gisela Trahms, Die Welt

Marcel Beyer: Graphit. Suhrkamp, Frankfurt/M. 207 S., 21,95 €.

45. Poetopie

im Hunde- und Menschenauslaufgebiet setzt ein Terrier die Vorderpfoten auf meinen Oberschenkel und schaut mir argwöhnisch ins Notizbuch

Hansjürgen Bulkowski

44. Schlehe und Morchel, Elch und Grottenolm

Das Tier- und Pflanzenreich ist seit je ein bevorzugter Motivkreis des Lyrikers Jan Wagner. Im neuen Gedichtband könnte der Leser geradezu den Eindruck gewinnen, versehentlich in ein Naturkundebuch – freilich eines in Versen – geraten zu sein. Zoologie und Botanik dominieren, allein die ersten fünf Gedichte führen Giersch und Weide, Pferd, Esel und Tümmler im Titel. Und eine ganze Reihe weiterer Arten, das zeigt ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, steht Schlange: Schlehe und Morchel, Elch und Grottenolm, Koala und Eule – oder auch der Yak, um nur einige zu nennen. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung

Jan Wagner: regentonnenvariationen. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2014, 104 Seiten, 15,90 Euro.

43. Stille (2)

Als die Lyrikerin Eva Strittmatter ihren Gedichtband „Ich mach ein Lied aus Stille“ herausbrachte (oder eigentlich der Verlag; denn es war ihr erster Band, sie war nicht mehr ganz jung; die Entscheider des Lands DDR hatten lange gezögert, ob man solche Lyrik in einer sozialistischen Gesellschaft veröffentlichen dürfe, zuviel romantische Natur und Seelenzergliederung), Eva Strittmatter war indessen eine recht streng staatstreue Kritikerin gewesen; als er jetzt also doch erschien, da konterte Adolf Endler bei seinem nächsten Band, er schreibe „Lieder, nicht aus Stille gemacht“.

42. Preis für Gerhard Falkner

Nächste Woche erhält Gerhard Falkner den Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken. Die Hersbrucker Zeitung sprach mit dem Lyriker, Dramatiker, Essayist und literarischen Übersetzer im Vorfeld über seine Inspirationsquellen, sein Leben zwischen dem fränkischen Weigendorf sowie Berlin. (…) Zu der Verleihung des Wolfram-von-Eschenbach-Preises verrät er trocken: „Es ist nicht so schwierig, sich über Preise zu freuen – vor allem, wenn man als Künstler nicht regelmäßig Geld verdient.“ Es sind 15.000 Euro, über die er sich jetzt freuen darf. / Nürnberger Land

41. Frankfurter Anthologie goes international

Charles Simic mit seinem Gedicht „Jahrmarkt“ in der jahrzehntelang von Marcel Reich-Ranicki geführten „Frankfurter Anthologie“ der FAZ. Der Kommentar ist anscheinend von Silke Scheuermann (im Netz ist das etwas versteckt).