Kai Pohls „Auweia heißt jetzt Ai Weiwei“ (S. 117 ff.) mag auch als neodadaistische Textperformance mit dem Transformationsschutt aus der Sprache von Werbewirtschaft und Politik begriffen werden. In seinem Kompilierungsverfahren verknüpft er verschiedene Bedeutungs- und Sinnebenen. „Erwartung heißt jetzt Entwaldung“ ist da etwa zu lesen, oder: „beschleunigte Verschwendung heißt jetzt Zukunftsverbrauch oder Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Und spart dabei die Niederungen des politischen Alltags nicht aus: „FDP heißt jetzt fast drei Prozent“, „Hohn heißt jetzt Hoeneß“. Man muß diese Texte, in denen sich, wie z.B. in Lars-Arvid Brischkes manifestartigem Beitrag (S. 100 ff.), die Rasanz und die Atemlosigkeit der medial aufbereiteten Gegenwart widerspiegeln, einfach politisch lesen. Und das durchaus mit Genuß. Brischke läßt mittels Versatzstücken aus Pressemeldungen, Schlagzeilen und Statements, die er gelegentlich lakonisch kommentiert, die Szenarien von Mauerfall, Nachwendezeit, Finanzkrise und Fukushima-Katastrophe Revue passieren. Wie nebenher tauchen da auch Namen auf, die in jüngster Zeit mit Skandalen verbunden wurden, Kachelmann, Strauss-Kahn und Assange. Robert Mießner verbucht in seiner Enzyklopädie diverse Sinnverschiebungen: „separat bleibt separat doch siehe/ kontakt unter kontrakt/ intellektuell unter integriert/ anpassung unter sachzwang“ (S.88). In Benedikt Maria Kramers Variationen zum Drifting von Dingen, Begriffen und Namen nach Kai Pohl finden sich beispielsweise diese Zeilen: „Abzocke heißt jetzt Marketing./ Propaganda heißt jetzt Advertising.“ (S. 98).
Ja, es besteht Gefahr, irgendwann selbst in Kai Pohls Namedropping-Trommel oder den Fokus seiner Mitstreiter zu geraten und sich unvermittelt in einem illustren Kontext wiederzufinden. / Jayne-Ann Igel, Signaturen
(Kramer / Mießner / Pohl / Schittko et al.:) my degeneration: the very best of WHO IS WHO. Greifswald (freiraum verlag) 2014. 151 Seiten. 14,95 Euro.
Am 26. März wird Pierre Boulez neunzig Jahre alt. Drei Mal hat er in seinem reichen schöpferischen Leben Gedichte von René Char vertont. Recht bekannt sind die beiden frühen Vokalkompositionen auf die Gedichte «Le Soleil des eaux» und «Le Visage nuptial». Geradezu berühmt sind die originellen Char-Vertonungen im Rahmen des «Marteau sans maître», zu dem es nicht nur eine eigene Aufführungsgeschichte mit unterschiedlichen Dirigenten und Ensembles gibt, sondern auch eine stupende musik- und literaturwissenschaftliche Rezeption, die allerdings von der engeren René-Char-Forschung bisher nur wenig berücksichtigt wurde. Dabei bietet Boulez‘ musikalische Lektüre der drei Gedichte des «Marteau», die mit Vor- und Nach-Echos und Kommentaren auf die Texte eine eigenständige Aneignung von Chars Lyrik darstellt, eine Form der Interpretation, die denjenigen der Literaturwissenschaft zumindest gleichwertig, wenn nicht an Perspektivenreichtum und intermittierender Diskursivität überlegen ist.
Weniger bekannt dürfte nun aber eine geplante vierte musikalische Begegnung von Boulez mit René Char sein, nämlich eine mit dem Gedicht «A la Santé du serpent», die Boulez in einem Brief vom 1. September 1948 an den Dichter ausführlich dargelegt hat (…) / Martin Zenck, NZZ
Als „funktionierende Wahnsinnige“ beschreibt sich die in Berlin lebende Ann Cotten, die in ihren Texten ihre „authentisch verstörende Gedanken“ vermittelt. Als ehemalige Poetry Slammerin performt sie Gedichte, unter anderem aus dem Lyrikband „Rein – Ja oder Nein“. Im Gespräch beeindruckt die gebürtige Amerikanerin mit Bemerkungen, dass sie sich selbst nur als Filter für die im Raum herumfliegende Sprache sieht. Und wenn sie über das Melken von Kühen spricht, zeigt sie auf, wie Literatur oft Alltägliches verkompliziert. / VERONIKA ELLECOSTA UND ANNA FREMUTH, DrehPunktKultur
Von Österreich nach Berlin-Kreuzberg: das avantgardistische Neofolk-Projekt „Allerseelen“ aus Österreich will am 28. März (Sonnabend) ein Konzert in Berlin-Kreuzberg spielen. Dies geht aus einer Ankündigung hervor, die derzeit auf Facebook und Tumblr kursiert. „Allerseelen“ gehören seit Jahrzehnten zum extrem rechten Flügel der Neofolk-Szene. Auf einem Albumcover ist das SS-Symbol der „Schwarzen Sonne“ abgebildet. Auch einen Gedichtzyklus des SS-Gruppenführers und „Ariosophen“ Karl Maria Wiligut hat „Allerseelen“ vertont. / Störungsmelder
Plötzlich jetzt aber die Liebe mit ihren bebenden Schläfen von hinten im Dreiviertelprofil.
„… und dann der weg entlang der hecke der jeden fuß erkannte und nicht weiter ließ und sich an seine ferse schmiegte sobald der morgen sich auf den balkonen zeigte als ein versprechen…“ Nadja Küchenmeister, Erwin Einzinger und Christoph Wilhelm Aigner haben nicht nur live in „RAURIS.LYRIK“ vermittelt: Im SALZ zu den Rauriser Literaturtagen gibt es Texte von ihnen nachzulesen – und von allen anderen, die in Rauris zu Gast gewesen sind. / Mehr
SALZ. Zeitschrift für Literatur: Das Heft 159 der Zeitschrift für Literatur ist – wie jede Frühlingsnummer – das Begleitheft zu den Rauriser Literaturtagen. SALZ Mehr.Sprachen umfasst die Laudationes auf die Literatur- und Förderungspreisträgerinnen Karen Köhler und Birgit Birnbacher, eine Einleitung der Rauris-Intendanten Manfred Mittermayer und Ines Schütz, sowie Texte aller in Rauris eingeladenen Autorinnen und Autoren: Christoph Wilhelm Aigner, Birgit Birnbacher, Seher Çakir, Ann Cotten, György Dálos, Erwin Einzinger, Karl-Markus Gauß, Esther Kinsky, Karen Köhler, Nadja Küchenmeister, Olga Grjasnowa, Ilma Rakusa, Jaroslav Rudis, Raoul Schrott, Anne Weber und O. P. Zier. Das Cover und Aquarelle im Heft sind von Roswitha Klaushofer – www.leselampe-salz.at
Zum Tod des portugiesischen Dichters schreibt die NZZ:
Die Person des am 23. November 1930 auf der Atlantikinsel Madeira geborenen visionären und surrealistischen Dichters galt als mysteriös, da Helder keine Interviews gab und sehr zurückgezogen lebte. 1994 refüsierte er die Annahme des Pessoa-Preises. Helder schrieb vor allem Gedichtbände, aber auch Prosa, und veröffentlichte mehr als zwanzig Bücher. Er war bis zuletzt literarisch tätig. Sein 2014 herausgegebenes Buch «A Morte Sem Mestre» (Der Tod ohne Meister) war schnell ausverkauft. Der in Portugal 1963 veröffentlichte Erzählband «Os Passos em Volta» liegt auf Deutsch vor («Die Schritte ringsum», Leipziger Literaturverlag 2006).
und auf den Straßen weht die Transparenz (Volker Braun)
Ein Hauch Transparenz im Preisbetrieb. Während in Klagenfurt alle Lesungen, Jurydiskussionen und auch die Abstimmungen vor den Fernsehkameras ablaufen, was ebensosehr große Durchsichtigkeit erzeugt wie es – wie sie, die Kameras – Medienförmigkeit nach sich ziehen, der Kritiker als der Star im medialen Betrieb, der Autor als Objekt, oft genug als Opfer; während die meisten Jurys hinter verschlossenen Türen tagen und meist nicht einmal ihre Long- und Shortlists veröffentlichen, geht der Literarische März in Darmstadt einen mittleren Weg. Lesungen und Juryberatung sind öffentlich vor Publikum, nur die die Preisträger aushandelnde Schlußdebatte in geschlossener Sitzung. Im Zeitalter der Smartphones sickern dann schon mal Zitate und Stimmungsbilder der öffentlichen Diskussionen nach draußen und befördern Spekulationen; aber wie zuverlässig fallen sie aus? Wie zitierbar?
Nun, wenige Tage nach dem Ereignis, stehen Tonaufnahmen sämtlicher öffentlicher Teile im Netz, wo sie für 3 Monate angehört werden können. Noch in der Nacht haben die ersten hineingehört und die Debatten gehen los.
Diskussionen über Preisverleihungen und Juryentscheidungen haben keinen guten Ruf. Es gibt ja auch nicht allzuviele. Natürlich finden sie auf den Fluren und an Stammtischen immer statt, und seit es Facebook gibt, sind die Stammtische öffentlich. Seit Jahren, solange ich das beobachte, sobald über Literaturpreise diskutiert wird, kommt nach 5 Minuten jemand und ätzt „Neiddebatte“. Ich finde, im allgemeinen zu unrecht. Selbstverständlich gibt es Neid und Mißgunst wie im wirklichen Leben so unter Autoren. Aber gibt es nicht auch ein professionelles Interesse an Juryentscheidungen und wie sie begründet werden? Die Zeitungen zitieren die Erklärung der Jury – wer wenn nicht die Fachleute sollte sie fachlich erörtern?
Die Veröffentlichung der Jurydiskussion ist ein mutiger Schritt. Transparenz ist es natürlich nur, wenn man das so dargereichte Material dann auch gebraucht. Hier der Anfang eines Gesprächs.
(Das Gespräch geht weiter)
Marcus Roloff bei lyrikkritik.de:
Leipzig. Wenn es das gibt
Diese grauen Wälder im März, das Schlafende, Schiefstehende in der Hängung. Natur, was für ein zerzaustes Ding. Da steht ein Wolkenbrocken vor der Sonne und neben den Gleisen ruht der Fluss, das heißt er ruht ja nicht, er schiebt sich an Gelnhausen vorbei. Diese graugrünen Wälder auf dem Weg nach Leipzig. Im Zug treffe ich niemanden, schönes leeres Großraumabteil. Draußen die Sonne, bescheint mich. Ich war das letzte Mal vor acht Jahren in Leipzig. Ich fahre durch Wälder, die kurz vor dem Aufbruch sind, in einen Mai. Eine sonderbare Musik gibt es hier im ICE, ein klagendes Summen, in Abständen, es scheint sich zu antworten, mit sich zu sprechen, wenn es in die Kurven geht. Es legt sich unbewusst im Gehörgang ab und äußert sich Höhe Flieden als melancholische Rückbesinnung auf etwas wie einen in der Erinnerung aufgehobenen Ort. Was ich über Leipzig weiß, ist in diesem gedimmten langgezogenen Sirren enthalten. Das wiederum weiß etwas über meine Fahrt nach Leipzig, es sitzt auf einer Überlandleitung und singt zu mir herunter, bzw. nicht zu mir, sondern in die Gegend, mir nicht zugewandt. Diese graugrünen Ebenen und komisch ausgefransten Wälder schweigen nur. Ihr Weiden, verbiesterte Fransen! So ein lässiges Quietschen, in das sich mehrere Töne mischen, dass sich fast so etwas wie Harmonik ergibt. Jetzt hätte ich gern noch Schienengeratter (siehe Kraftwerk Trans Europa Express), das diese fragende zögernde Musik unterlegt. Eine Ebene vor Bad Hersfeld, ein einsamer Jogger, der auf die Uhr sieht, die drei oder vier Leute, die den Zug verlassen und ihre Rollkoffer hinter sich herziehen, die mich weiter wenig beachtenden Bäume, Bergkuppen und Strommasten, Tunnel, Täler und Mittelgebirge, Laubwälder, Mischwälder; zerknickte abgewrackte Gegend vor Eisenach, Wommen mit Schloss direkt am Gleis, gegenüber Drei Gleiche, Eisenach mit Löchern im Gesicht, Leerstand, Gebröckel, plötzlich Schieferwände, locker bemoost, nach Norden raus, davor einsam gelegene Häuser in Waldstücken, von der Welt getrennt durch eine Schieferwand. Zu Weimar fällt mir nichts ein, nichts zu dem in der Sonne leuchtenden Turm der Freiheit, nichts zum diatonischen Quietschen, meinem Blick den Hang nach Buchenwald hoch, der Einfahrt in den Bahnhof, dem Stehen, dem pulsierenden Fiepen, den Leuten auf dem Bahnsteig, den Halden. Ilm-Pack (GmbH). Oßmannstedt, Wielands verfallendes Haus (Kleist sitzt nur da). Apolda ohne Bahnhof, nur aufgeschütteter Sand und ein zugenagelter Gründerzeitbau, Himmel und Äcker und Berge und Kirchen, Dörfer und Anhöhen. Bad Sulza z. B., was für eine unfertige rückwärtsgewandte wilde Gegend, hier sprießt Vergangenheit, zeigt sich vom Zugriff Verschontes. Die parkartige Anlage vor Naumburg, hinten versinken die Spitzen des Doms, fünfzehn Minuten Aufenthalt auf einem Ackerbahnhof. Die Sonne kippt in den Nachmittag und ein Schwan steht auf einem Feld bei Leißling. Die tote zerbröselte Landschaft hinter Großkorbetha, im Hintergrund schimmert Leuna, Dürrenberg ist gleich ein Gehölz, das sich in einer Senke verliert. / Ob es Leipzig gibt, lesen Sie bei lyrikkritik.de
Loosely Spiritual American Poetry
vs. tensely materialistic british poetry
vs. tireless love poetry of eager administrators
vs. tiring political poetry of nomadic herdsmen
(…)
vs. poetry evocative yes but of what
Auszug aus einem Gedicht von Sam Riviere, das im Original und in Ron Winklers Übersetzung im Heft 9 der Zeitschrift Mütze steht.
Ich habe nicht vor, die explizite Poetologie des Gedichts zu erörtern. Was für sich spricht muß man ja nicht totreden. Es gefällt mir (das neue Heft der Mütze ist, wie alle zuvor, eine Wucht), und bei diesem Gedicht mußte ich sofort an die zumindest im virtuellen Raum ohne Unterbrechung (das ist keine Metapher, sag ich als jemand, der öfter spät nachts noch mitliest und manchmal mitredet) sich ereigende Lyrikdebatte denken. Wie oft findet man da (auf mehr als einer Seite) ein Denken in Binäroppositionen.* Man redet und denkt (oder es redet und denkt in uns), als gäbe es nur zwei Arten von Lyrik, zum Beispiel authentische vs. gekünstelte, akademische vs. Realpoesie, experimentelle vs. normale, moderne vs. traditionelle, gereimte vs. reimlose, sentimentalische vs. naive, elitäre vs. volkstümliche, eigene vs. fremde… Und vergißt dabei, daß das nur Denkfiguren sind, außerhalb ihres Rahmens ohne Wert.
Wie großartig wären Debatten, deren Teilnehmer sich vor jeder Verwendung eines Begriffs die Frage vorgelegt haben, in welcher Opposition sie da gerade denken! Wie spannend, wie „ergebnisoffen“, wenn sie manchmal ihrer Aussage hinzufügten: okay, das fiel mir grade so ein, aber vergessen wir nicht, es gibt mehr als zwei Seiten! Es gibt da noch die „impoverished poetry of the fully funded“, die „poetry that has not been written“ und … und …
*) Wär ich im Seminar (Entzugserscheinungen?), würde ich auf den Aufsatz von Erika Greber über Binäroppositionen hinweisen. Bosse/Renner: Literaturwissenschaft: Einführung in ein Sprachspiel. Rombach Druck- und Verlagshaus (1999). Ihr Beitrag beginnt mit dieser „Gebrauchsanleitung zum wissenschaftlichen Sprachspiel »Oppositionen«:
Opponieren Sie … lesen Sie die Einleitung erst zum Schluß … machen Sie die Mitte zum Rand … und gehen Sie mit durch dick und dünn …“
Antrittsvorlesung der fünften Thomas-Kling-Poetikdozentin
Marion Poschmann (Jg. 1969) ist die fünfte Thomas-Kling-Poetikdozentin. Sie wuchs im Ruhrgebiet auf und studierte in Bonn und Berlin Germanistik, Philosophie und Slawistik. Marion Poschmann, die als freie Schriftstellerin in Berlin lebt, wurde für ihre literarische Arbeit mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2011 durch den Peter-Huchel-Preis und durch den Ernst Meister-Preis für Lyrik. 2012 erhielt sie das New York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds, 2013 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.
In ihren epischen und lyrischen Texten erzeugt Marion Poschmann Mehrfachbelichtungen der Gegenwart: Heruntergekommene Vorstadtgegenden und postsozialistische Nicht-Orte lassen ihre alteuropäische Symbolik durchscheinen. Die Autorin unterzieht die naturlyrische Wahrnehmung botanischer, zoologischer und geologischer Phänomene einer rigiden und zugleich spielerischen poetischen Analyse, die künstliche Landschaften in präziser Unschärfte zu erkennen gibt.
Laudationes
Antrittsvorlesung
| Wann | 03.04.2015 von 19:00 bis 21:00 |
|---|---|
| Wo | Universitätsforum, Heussallee 18-24, 53113 Bonn |
Trotz der offensichtlich gewachsenen Aufmerksamkeit für die Poesie versteht sich Deutschland derzeit nicht vorrangig als Nation der Dichter. Niemand führt heute mehr bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einen Vers im Munde, wie es noch meine Großmutter tat. Das Gefühl greift heute intuitiv wohl eher zu Schlagerzeilen oder Film-Zitaten.
Woanders ist dies offensichtlich anders. In Irland jedenfalls hat der Fernsehsender RTE vor einigen Monaten das meistgeliebte irische Gedicht des vergangenen Jahrhunderts gesucht. Als erstes bat man die Öffentlichkeit um möglichst viele Vorschläge. Eine Jury erstellte aus den Einsendungen eine Shortlist, über die wiederum das Publikum abstimmen konnte. Glen Killane, Geschäftsführer von RTÉ television, erläuterte die Aktion: „Wir wollten etwas feiern, worin wir als Nation herausragend sind“, sagte er. Dass sich viele tausend Menschen mit wohlüberlegten und durchdachten Einsendungen zu Wort meldeten und dass sich an der Endabstimmung so viele Leute beteiligten, zeuge davon, so Killane weiter, wie viel den Iren Poesie bedeute: „how much poetry means to us as a people“. Auf der Shortlist landeten unter anderen „Easter 1916“ von William Butler Yeats, „A Christmas Childhood“ von Patrick Kavanagh, „A Disused Shed in Co Wexford“ von Derek Mahon und „Dublin“ von Louis MacNeice.
Das schließlich im März 2015 gekürte meistgeliebte irische Gedicht des 20. Jahrhunderts aber stammt von Seamus Heaney (1939 – 2013), der 1983, als eines seiner Gedichte im Penguin Book of Contemporary British Poetry aufgenommen wurde, in einem offenen Brief den Stolz des irischen Volkes in Verse reimte: „be advised / My passport’s green / No glass of ours was ever raised / To toast The Queen“: Heaney, der in seinen frühen Bänden – etwa mit „Requiem for the Croppies“ – den irischen Freiheitskampf thematisierte („Begraben wurden wir ganz ohne Leichentuch und / ohne Sarg. Und im August wuchs Gerste aus dem Grab„), wurde lange vor dem Nobelpreis 1995 in seiner Heimat als Mr. Poetry geehrt. / Marie Luise Knott, Perlentaucher
„labor für poesie als lebensform“. So lautet – kurz und knapp – das Selbstverständnis des Independent-Verlags kookbooks, der 2003 von Daniela Seel und Andreas Töpfer in Berlin gegründet wurde. „Kook“, so erklärt Seel im Interview mit Michael Braun in der NZZ, „sei nicht nur ein Slangausdruck für ‚Spinner‘, sondern auch ein Künstler-Netzwerk, das Ende der neunziger Jahre von Berliner Musikern initiiert worden sei“. In diesem Netzwerk traf sie den Grafiker Töpfer, der seither für die Gestaltungsideen von kookbooks zuständig ist. Dies war der Beginn einer bemerkenswerten und erfolgreichen Zusammenarbeit. (…)
Laut D. Kuhlbrodt in der taz ist kookbooks schon heute „einer der renommiertesten deutschen Verlage. Die Liste der Autoren, die hier ihre Heimat und Zuflucht gefunden haben, liest sich wie ein Lexikoneintrag ‚Deutsche Lyrik des 21. Jahrhunderts‘, verfasst im Jahre 2050.“ In der Tat: Wie kaum ein(e) andere(r) hat Daniela Seel neben dem Mut, den es für ein solches verlegerisches Wagnis braucht, ein geradezu prophetisches Gespür und ein ‚Händchen‘ für ihre Autor*innen und deren Texte bewiesen. Viele von ihnen wurden in den letzten Jahren mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Gleich fünf Huchelpreisträger*innen hat kookbooks in seiner ‚Reihe Lyrik‘: Gerhard Falkner, Steffen Popp, Monika Rinck, Ulf Stolterfoht und Uljana Wolf. 2006 schaffte es Steffen Popp mit dem Roman Ohrenberg oder der Weg dorthin obendrein auf die Longlist des Deutschen Buchpreises, ebenso ein Jahr später Pierangelo Maset mit Laura oder die Tücken der Kunst. Für ihren eigenen Lyrikband (ich kann diese stelle nicht wiederfinden, 2011) erhielt Daniela Seel den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Ernst-Meister-Förderpreis.
Um den jungen Verlag hat sich die literarische Landkarte des 21. Jahrhunderts neu arrangiert. Trotz aller Literaturpreise und Lobeshymnen, und trotz des Medienechos, das den Verlag begleitet – auch nach über einem Jahrzehnt (und wie wenig ist ein Jahrzehnt in ‚großer’ Verlagsgeschichte à la Klett-Cotta & Co, wie viel in der ‚kleinen’, unabhängigen!) gilt noch immer für die Routenplanung: kookbooks ist da, wo etwas los ist. Und umgekehrt. Michael Braun konstatiert, dass sich kookbooks als „neues Zentrum für die junge deutschsprachige Literaturszene etabliert“ habe. Es gehe Daniela Seel „nicht um die Etablierung einer neuen Hausmacht im Literaturbetrieb, sondern um die Dokumentation der vielfältigen Impulse, die sich auf dem Terrain der jungen Literatur kreuzen und überlagern. Die Utopie eines jungen, innovativen Literaturverlags, die Daniela Seel jetzt realisiert hat, hielten die präpotenten ‚Experten‘ für völlig blauäugig“. Hier dürften sich die ‚Experten‘ geirrt haben. Laut Braun zeige Seel, dass „literarische Leidenschaft eben doch Berge versetzen kann“. / Yvette Rode, literaturkritik.de
Neueste Kommentare