Das „Black Book of Carmarthen“ ist eines der wichtigsten Kulturgüter Englands. Es ist das älteste noch erhaltene Buch, das ausschließlich auf Walisisch verfasst ist. Es wird auf das 13. Jahrhundert datiert und fasst Erzählungen und Gedichte aus dem neunten bis zwölften Jahrhundert zusammen. Nun haben Forscher der Universität Cambridge das Buch untersucht, das in der Nationalbibliothek von Wales lagert. Eine Entdeckung hat sie dabei besonders geschockt: Zwei Augenpaare starrten sie von einer Seite des Buchs an. / Focus
Andrée Leusink, geboren 1938 in Paris, überlebte den Holocaust in Verstecken und Lagern in Frankreich und der Schweiz, kam nach dem Krieg zu ihrem Vater Stephan Hermlin nach Berlin-Pankow, war dort von 1960 bis 1997 Lehrerin. Sie ist Mitglied in der VVN-BdA und in der Linkspartei.
Interview mit der Zeitung junge Welt, Auszug:
Sie waren ein Jahr und vier Monate alt, als der Krieg begann. Ihr Vater wurde bald von den Franzosen interniert, dann zur Fremdenlegion eingezogen. 1941 starb Ihre Mutter unter schrecklichen Umständen. Sie wurden im französischen Dorf Chabannes versteckt. 1943 brachten Résistance-Kämpfer Sie und Ihren Vater in die Schweiz. Warum?
Das versprach eine größere Sicherheit. Es gab immer mehr Razzien in Frankreich. Juden wurden auch dort regelrecht gejagt. Und die Schweiz lieferte ab Sommer 1943 niemanden mehr nach Deutschland aus. Sie war nach den Schlachten um Stalingrad und Kursk tatsächlich neutral.
Im Juni 1945 kehrte Ihr Vater ohne Sie nach Deutschland zurück.
Ich war in einer Schweizer Pflegefamilie. Er ist von einem Wochenendurlaub einfach nicht ins Lager zurück, sondern nach Frankfurt am Main. Dort bekam er eine Anstellung beim amerikanischen Rundfunk. In der Kulturabteilung. Zunächst hatte er einen sehr guten Kulturoffizier aus den USA zum Vorgesetzten. Dessen Nachfolger war dann schon auf McCarthy-Linie. 1947 wurden die Kommunisten aus dem Rundfunk entfernt.
In diesem Jahr zog Ihr Vater nach Ostberlin. Wie kam es dazu?
Das hat ihm Johannes R. Becher auf dem gesamtdeutschen Schriftstellerkongress 1947 vorgeschlagen.
Zog er gleich in das Haus in Pankow, in dem er bis zuletzt lebte?
Ja, dieses Haus wurde ihm zur Verfügung gestellt. Es war noch voll eingerichtet. Er besaß ja nur, was er anhatte und drei Bücher.
Welche waren das?
Gedichtbände, an denen er sehr hing. Ich kann mich nur an den Hölderlin erinnern.
(…)
Was hatte seine berühmte Lyrik-Lesung im Dezember 1962 an der Akademie der Künste in Berlin für eine Vorgeschichte?
Es ging um die Entwicklung einer Schreibkultur. Junge Leute sollten Gedichte einsenden. Tragend war die Sektion Lyrik der Akademie. Die Junge Welt hat das aufgenommen. Mein Vater hat von etwa 5.000 Einsendungen die besten ausgewählt und vorgetragen. Sehr viele hochbegabte Leute hatten sich beteiligt: Sarah und Rainer Kirsch, Volker Braun, Karl Mickel, Wolf Biermann. Also ich fand den Abend großartig. So etwas hat es eigentlich in keinem anderen Land gegeben.
Wir arbeiten an der Weiterentwicklung des Lyrikpreises München. Aus diesem Grund gibt es in diesem Jahr ausnahmsweise keine Vorrunden; aus den Einreichungen werden von der Vorjury direkt die Teilnehmer des Finales gewählt.
Dieses findet am 24. Oktober im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig statt. Einsendeschluss ist der 31. August 2015. / Lyrikpreis München
Der syrische Dichter Adonis erhält den Kumaran Asan World Prize for Poetry, der zum Andenken an den legendären Malayalamdichter Kumaran Asan verliehen wird. Nach Berichten der Zeitungen The Times of India und The Hindu erklärte Jurymitglied K Jayakuma auf einer Pressekonferenz, die Jury habe nicht lange suchen müssen, weil Adonis die prominenteste Stimme der gegenwärtigen Weltlyrik sei. Obwohl durch mehr als ein Jahrhundert getrennt, hätten beide vieles gemeinsam. Beide seien große Erneuerer in ihrer Sprache, Malayalam und Arabisch, und beide teilten den Drang nach Freiheit und sozialer Reform.
Adonis hat gerade in Paris eine Ausstellung seiner visuellen Kunst eröffnet. Er nennt seine visuellen Arbeiten „raqima“ nach dem Wort „raqama“, das sowohl schreiben als ausmalen bedeutet. Kalligraphie sei anstrengend wie alles Schöne anstrengend sei. Es sei nicht leicht. Es sich leicht machen sei die große Krankheit der Kunst wie des modernen Lebens. Wie die New York Times diese Woche berichtete, sei Adonis wegen einer Schreibblockade zur visuellen Arbeit übergegangen.
Der Kumaran Asan prize bringt nicht viel Geld — 300,000 Rupien (etwa $4,800) — aber genießt hohes Ansehen. Adonis werde den Preis am 3. Mai in Kayikkara (Kerala) entgegennehmen. / Nomadics
performance-abend und konferenz
11 & 12 april 2015
duesseldorf
Samstag 11. April 2015 – Performance-Nacht ab 20 Uhr:
BETONBOX Düsseldorf. Eintritt kostenlos
Akustische Literatur / Sample-Poesy / O-Ton Collagen
| 19:30: | Einlass | |
| 20:15: | Joerg Steinmann | Kinskischnauze |
| 20:30: | Sina Seifee & Ali Chakav | Anatomy of a Paradox |
| 21:00: | Swantje Lichtenstein | Wake Wave |
| 21:45: | Antje Vowinckel | Listen, don’t speak |
| 22:30: | Caroline Profanter | Das Leben ist kein Wunschkonzert |
| 22:45: | Thomas Havlik | Bara Daak |
| 23:00: | Marc Matter & Florian Zeeh | fluechtwerk |
Zum ersten Mal findet der WORTSAMPLER statt:
Aufführungen und Performances von Audio-Texten und Sample-Poesy, sowie eine Konferenz mit Vorträgen, Präsentationen und Gesprächen. Relevant sind Positionen aus der Akustischen Kunst und Dichtung, die sich gefundener, `pre-recorded´ Stimmen bedienen, und durch elektroakustische Verfahren wie Sound-Sampling tönende poetische Ansätze im Medium Text entwickeln.
Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen der BETONBOX und dem IMM (Institut für Musik und Medien, Düsseldorf). Dort findet am Sonntag, 12. April um 12 Uhr die Konferenz statt:
Sonntag 12.April 2015 – Konferenz ab 12 Uhr:
IMM – Institut fuer Musik und Medien – Eintritt kostenlos
| 12:00 – 13:00: | Begrüssung und Einführung – Florian Zeeh / Marc Matter (IMM) | |
| 13:00 – 13:30: | Vortrag – Johannes Ullmaier (Uni Mainz, Testcard) | Das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen. Zur Dialektik von Finden und Schaffen in der Audio-Poesie |
| 13:30 – 13:45: | Präsentation – Thomas Havlik (Huellkurven, Wien) | |
| 14:45 – 15:30: | Vortrag – Antje Vowinckel (Berlin) | Speakview. Speakyou. Sprachkurse und automatisches Sprechen als Samplebasis für Klangkompositionen |
| 15:30 – 15:50: | Präsentation: Caroline Profanter | |
| 15:50 – 16:10: | Präsentation: Tim Abramovic (IMM) | |
| 16:30 – 17:00: | Vortrag / Gespräch: Swantje Lichtenstein (Köln) | |
| 17:00 – 18:00: | Moderierte Abschlussdiskussion |
„Soweit die Nachrichten. Und jetzt auch von mir noch ein Frühlingsgedicht“, fing er an. Und legte los: „Die Amseln haben Sonne getrunken. Aus allen Gärten strahlen die Lieder. In allen Herzen nisten die Amseln.“
Ganz entspannt trug Hofer das Gedicht wie beim Aufsagen in der Schule vor. Und übergab dann an „Nassif Till, der heut‘ Gedichte hören will und zu Susan Link, die Verse von Heinz Erhardt kann“. (…)
In sozialen Netzwerken wie Twitter wurde der überraschende Beitrag Hofers schnell zum beliebten Gesprächsstoff. Die meisten zollten Hofer Respekt und freuten sich über die Abwechslung. „Gäbe es das bei jeden Nachrichten, würde ich auch wieder fernsehen“, schrieb ein Twitter-Nutzer. Andere beschwerten sich. So wurde moniert, dass der Bildungsauftrag der „Tagesschau“ nicht in Gedichten bestehe.
Die Begründung der ARD für den Lyrik-Ausflug: „Wir können auch lyrisch. Es war so lange kalt und grau und jetzt soll es endlich richtig frühlingshaft werden. An einem Tag wie diesem darf auch die seriöse ARD ihren Bildungsauftrag mal ein wenig anders definieren.“ / tz München
Hier geht’s zum Video der Tagesschau um 8 Uhr.
Hinweis für Leser der tz: Das Gedicht ist natürlich nicht von Jan Hofer. Die meisten Gedichte haben nämlich einen Verfasser (Faust sagt: „Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen / gewöhnlich aus dem Namen lesen“). Dieses ist von Max Dauthendey – wie die Tagesschau zuverlässig meldete. Der Express wußte es noch besser:
Hier gehts zum Gedicht.
Ich werde oft gefragt, was die Intellektuellen in der Ukraine dieser Tage machen. Und was sie machen können. Und ich antworte immer, dass es keine allgemeinen Regeln gibt, denn jeder reagiert auf die Situation anders – wird zum Beispiel sehr aktiv, schreibt viel, oder hört auf zu schreiben und wird zum freiwilligen Helfer, bringt den ukrainischen Soldaten warme Socken, Essen und Zigaretten. Oder macht ein Literaturfestival in Slowjansk, wo noch vor Kurzem schwere Kämpfe stattfanden. Oder wird einfach verrückt.
Jeder reagiert anders, ich kann nur von mir selbst sprechen. Das antworte ich immer, und das ist ein großer Fehler, weil die nächste Frage, die kommen könnte, dann lauten müsste: Gut, was machst Du denn? Und diese Frage, die Gott sei Dank noch nie gestellt wurde, ist für mich fatal. Ich mache gar nichts. Diesen Krieg kann ich weder gewinnen noch stoppen. Was ich auch tun würde, es könnte doch nichts ändern.
Die 20-jährigen ukrainischen Jungen kommen aus der Kriegszone nach Hause zurück und sagen lächelnd, dass ihnen die Beine verfaulen, da sie zwölf Tage im Wasser schlafen mussten. Auf die Frage, wie es dort war, was der Krieg eigentlich sei, sagen die Jungen, Krieg sei wie das Computerspiel Counter-Strike, nur eben wirklich. / Tanja Maljartschuk, Die Zeit
Zwischen Lade- und Feuerbefehl. Zwischen dem Schuss und der äussersten Helle wird alles klar geworden sein.
Felix Philipp Ingold
Die österreichische Lyrikerin Traute Foresti ist am Karfreitag wenige Wochen nach ihrem 100. Geburtstag gestorben, wie die IG Autorinnen Autoren heute mitteilte. Die Autorin habe sich „ebenso mit der Tradition verbündet wie mit der Avantgarde“, so Autorenvertreter Gerhard Ruiss über ihr Werk. (…) Ihre letzte Neuerscheinung 2014 betitelte sie „Es bleibt als Klang. Gedichte“. / ORF
„Der Leser und Sammler Norbert Wehr überrascht sein Publikum immer wieder mit Neuem, Un-Erhörtem, nie Gesehenem“, schrieb Hannes Krauss (Uni DuE), als Norbert Wehr 2010 den Literaturpreis Ruhr erhielt. Die ZEIT nennt ihn einen „Scout, der uns zeigt, wie anderswo gedacht und gedichtet wird“, und der Standard einen Sammler „ungewöhnliche[r], schöne[r] und seltsame[r] dichterische[r] Erscheinungen“. Dabei ist die herausgeberische Tätigkeit Wehrs, die ja auch die kompositorische, mithin künstlerische Arbeit an jedem einzelnen Heft einschließt, mit all diesen Epitheta nur unzureichend beschrieben. Seine charakteristische Gestalt indes haben dem Schreibheft zweifellos die Dossiers gegeben, jene von Wehr ab Heft 22 in Zusammenarbeit mit Hermann Wallmann entwickelten polyphonen Arrangements, die verschiedene Stimmen (kontrapunktisch, antithetisch, einander ergänzend oder widersprechend) zu einem/r AutorIn, einer AutorInnengruppe oder einer Nationalliteratur zu Schwerpunkten zusammenführen.
So wurde das Schreibheft Mitte der achtziger Jahre – durch die Zusammenarbeit mit dem Amerikanisten Bernd Klähn – zu einem Katalysator der (verspäteten) Rezeption der amerikanischen Postmoderne in Deutschland, von Pynchon und Gaddis bis zu ihren Erben wie David Foster Wallace. Es zeigte seinen LeserInnen das durch den Krieg geprägte und zerfurchte Gesicht der Literatur Jugoslawiens – ob mit einem Schwerpunkt zu Danilo Kiš, einem Dossier über Bora Ćosić oder über „Die tragische Intensität Europas“ von Žarko Radaković und Peter Handke, das die Literatur Serbiens in den Blick rückte. Und mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die deutschsprachige Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts ohne das Schreibheft im Ganzen etwas provinzieller wäre, hätten ihre AutorInnen (viele von ihnen emphatische Schreibheft-LeserInnen) nicht mancherlei Impulse und perspektivische Erweiterungen durch die Dossiers zur zeitgenössischen Poesie erfahren – etwa zur niederländischen, dänischen, belgischen, zur nordirischen oder v.a. zur englischen Lyrik.
(…)
Und im Mai erlebt Essen einen „Angriff der schwierigen Gedichte“. Am 11.5. wird der erst am Vorabend mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnete Charles Bernstein, ein herausragender Vertreter der L=A=N=G=U=A=G=E School um 20 Uhr bei Proust zu Gast sein, gemeinsam mit seinen Übersetzern Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Die Lyrik Bernsteins, die bereits mehrfach im Schreibheft in Übersetzungen vorgestellt wurde, präsentiert sich mal liedhaft, mal aleatorisch, oft poetologisch und gesellschaftskritisch, stets formal avanciert und radikal. Und da der 1950 in New York geborene Bernstein (derzeit Professor an der University of Pennsylvania) obendrein ein hin- und mitreißender ‚Performer’ ist, wird dieser ‚Angriff’ (so viel ist sicher) in Erinnerung bleiben!
Essen kann sich glücklich schätzen: Das Ruhrgebiet liegt zwar nicht am Meer, aber Essen hat mit Norbert Wehr und seinem Schreibheft einen Leuchtturm, dessen Licht weithin sichtbar ist, auch wenn es – wie das bei Leuchttürmen nun mal so ist – meist weniger von den Insulanern oder Küstenbewohnern, aber umso heller von den Reisenden und Navigatoren aus der Ferne wahrgenommen wird. / Maren Jäger, literaturkritik.de
Norbert Wehr (Hg.): Schreibheft 84. Wider die Erhabenheit.
Rigodon Verlag, Essen 2015.
192 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783924071417
ISSN: 01742132
Aus einem Kommentar von Mary Jo Bang zu ihrem Gedicht Compulsion in Theory and Practice: Principles and Controversies:
The facts are that in August 1904, when Spielrein was 18, and Jung was 29 and married, she became his first patient at the Burghölzli Clinic in Zurich. He treated her for what was then known as hysteria. She went on to become an object of Jung’s lust (whether it was acted upon isn’t verifiable); Jung drew Freud into her case and Freud’s awareness of Jung’s feelings served as a prompt for Freud’s theory of transference and countertransference. Spielrein also serves as a case history of sexual compulsion. She later graduated from medical school and became one of the first female psychoanalysts. She wrote and published and had a professional relationship with Freud, whose ideas she influenced. In a footnote in Beyond the Pleasure Principle he notes that her work anticipates his. In August 1942, Spielrein and her two daughters were executed in Russia, along with over 26,000 others, by a Nazi death squad.
Experimentatoren und Sprachartisten wie Miron Białoszewski fehlten bislang [in unserem Bild von der polnischen Lyrik, L&Poe], das mag auch daran liegen, dass das offizielle Polen ihnen eher verständnislos gegenüberstand, aber auch die Übersetzung sich als größeres Problem darstellte. Vielleicht musste man auf eine Generation von Übersetzern warten, die an derartigem Stoff die nötige Freiheit entfalten können.
Das Buch Vom Eischlupf, das in diesem Frühjahr bei Reinecke & Voß erschien, beginnt jedenfalls mit einem Brief des Autors an einen Übersetzer, in dem es heißt: Der Kommunizierbarkeit widme ich keine besondere Aufmerksamkeit. Nicht desto Trotz habe ich viele (weil ganze 1000) Leser!
Dass das mit der Kommunizierbarkeit nur ein Euphemismus sein kann, wird einem bei der Lektüre des Briefes, der als Vorwort fungiert, schnell deutlich, denn der Text sprüht geradezu vor Witz und Esprit.
Ins Deutsche übertragen wurde der Brief von Dagmara Kraus, die schon für das erste Buch mit Texten von Miron Białoszewski beim Verlag Reinecke & Voß als Übersetzerin und Herausgeberin fungierte.
Mit dem ersten Buch, das Wir Seesterne heißt, haben Herausgeberin und Verlag also ein Tor aufgestoßen und den Beginn einer Białoszewski-Rezeption im deutschsprachigen Raum ermöglicht. Und um diese Rezeption nun in Gang zu bringen, wurde dieser zweite, an den ersten anknüpfende Band initiiert. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen
Russisch oder Deutsch? Jurjew verfasst seine Texte inzwischen in beiden Sprachen. Gedichte immer auf Russisch, Prosa und Essays meistens auch. Auf Deutsch schreibt er Artikel und wenn er um essayistische Beiträge oder Kurzprosa gebeten wird. Er mag die deutsche Sprache und schreibt gerne auf Deutsch, versteht sich aber in erster Linie als ein russischer Autor, der auch auf Deutsch schreibt. Zu den russischen Emigranten-Schriftstellern will er sich nicht rechnen, da diese Kategorie für ihn heute nicht mehr wirklich existiert. So verliefen die Trennlinien in der russischen Gegenwartsliteratur nicht mehr an den Landesgrenzen, sondern seien durch literarische und weltanschauliche Aspekte gekennzeichnet. (…)
Bemerkenswert ist, dass er, der als Lyriker angefangen hat, heute in ganz verschiedenen Formaten unterwegs ist: Er schreibt Essays, Prosa, Romane und Bühnenstücke. Dabei fällt ihm der beständige Genrewechsel nicht schwer. Denn die Herangehensweise sei ganz unterschiedlich. „Ein Gedicht fragt dich nicht, es kommt einfach und muss dann sofort heraus. Wenn ich einen Roman schreibe, bedarf es einiges an Vorarbeit und ich versuche, jeden Tag daran zu arbeiten. Dann mache ich meine Arbeit wie jeder andere auch.“ / Ulrich Erler, bookster-frankfurt.de
Den ersten Teil des Projekts bildet die von Johann Reißer inszenierten und von Julia Trompeter, Xaver Römer, Iwona Mickiewicz und Carolin Bohn gesprochene Lyrikperformance „Katastrophen/Formen – Der Erste Weltkrieg in 9 lyrischen Bildern“. Darin wird mit über 30 Gedichten aus den Jahren 1911-1919 aus 14 Ländern ein dramturgischer Bogen gespannt, der den Verlauf des Krieges und den Wandel der Wahrnehmung nachverfolgt. Der Umschlag von Kriegsbegeisterung und nationalem Überschwang in den Schock über die realen Schrecken des industrialisierten Massenkrieges, in die Erfahrung von Tod und Sinnlosigkeit und die drängenden Fragen nach politischen Veränderungen wird dabei auf eindringliche Weise veranschaulicht.
Im zweiten Teil, dem Sprechduette-Zyklus „Kling Sichten“, beleuchten Xaver Römer und Julia Thomas Klings poetischen Zugriff auf den Ersten Weltkrieg. Klings Verse reflektieren nicht nur den Krieg, sondern auch dessen Vermittlung durch Filme, Fotos, Postkarten und Erzählungen. Die Performance macht deutlich, inwiefern die mediale Vermittlung bestimmt, was vom Krieg bleibt, in die Gegenwart reicht und das historische und poetische Gedächtnis formt.

Die algerische Rocksängerin und Songwriterin Souad Massi, von manchen „die arabische Joan Baez“ genannt, hat ein neues Album mit Vertonungen arabischer Dichter herausgebracht, «El Mutakallimun» (Die Redner / Die Sprecher / Die Meister des Wortes). Im Interview sagt sie, sie wollte einige Klassiker der arabischen Lyrik in Musik setzen und die Juwelen dieser Kultur entdecken. Sie wollte den Klischees über die arabische Welt ein Bild der verborgenen Seite dieser Kultur entgegensetzen. Das Album umfaßt anderthalb Jahrtausende arabischer Poesie, von Zoheir Ibn Abi Selma (6. Jahrhundert) bis zu dem tunesischen Dichter Abu al-Qasim asch-Schabbi (1909-1934), dessen Verse während des „Arabischen Frühlings“ in Tunesien gesungen wurden.
Am Mittwoch, den 8.4., gibt sie ein Konzert in Paris.
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