Fremdenzimmer

Als Schwarzwaldandalusier ist José F. A. Oliver in den deutschen Literaturbetrieb eingegangen – spätestens seitdem 2007 sein Essayband „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ erschienen war. Dieser Titel könnte auch über seinem eben erschienenen jüngsten Prosawerk stehen – doch „Fremdenzimmer“ ist ein viel hintergründigerer, spielerischerer und poetischerer Titel für die elf Essays, die der kleine, aber sehr feine Weissbooks Verlag herausgebracht hat. José F. A. Oliver, ein Lyriker von Graden, lebt seit seiner Geburt im Jahr 1961 in Hausach, einer Gemeinde in der Nähe von Offenburg: Durch das von Oliver ins Leben gerufene Festival Hausacher LeseLenz hat die Kleinstadt einen Namen und ein Gesicht weit über die Region hinaus bekommen.

Man kann vielleicht sagen, dass der Hausacher LeseLenz das Ergebnis einer gelungenen Integration ist. Oliver, Sohn eines 1960 aus Malaga in den Schwarzwald eingewanderten Gastarbeiterehepaares, hat in seinem ländlichen Umfeld nicht nur Spanisch und Deutsch, sondern auch die alemannische Mundart gelernt – und sein poetisches Sprechen ist von diesem kleinen sprachlichen Grenzverkehr sicht- und vor allem hörbar beeinflusst – vielleicht sogar noch mehr: geboren. (…)

Emma Viktoria Welle ist es offenbar auch gewesen, die den kleinen José mit dem Alemannisch so vertraut machte, dass er sich Gedanken darüber machen musste, wie man „Heibere“ – auf Hochdeutsch: „Heidelbeeren“ – ins Spanische übersetzen kann. Und natürlich springen jemandem, der in der Familie eine andere Sprache spricht als seine Freunde, Wörter wie das schöne „wunderfitzig“ (für „neugierig“) ins Ohr. Die Sprachsituation im Haus seiner Kindheit bringt Oliver so auf den Punkt: „Im ersten Stock wurde alemannisch gesprochen, also annähernd deutsch, und im zweiten andalusisch, also annähernd spanisch.“ Nur ein paar Treppenstufen: Und aus dem weiblichen („la Luna“) wurde ein männlicher Mond. / Bettina Schulze, Badische Zeitung

José F. A. Oliver: Fremdenzimmer. Essays. Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2015. 118 Seiten, 16,90 Euro.

Lesungen: Der Autor liest am 19. April um 11 Uhr in der Rainhofscheune Kirchzarten und am 25. April um 18 Uhr in der Freiburger Buchhandlung Jos Fritz im Rahmen ihres 40-jährigen Jubiläums.

Die Abrechnung

Bei Booknerds ein Interview mit Tom Bresemann – „Alles zu Pegida, mittelmäßigsten Gedichten, der Szene, dem Teilen der Bewegung. Claudia Roth, Jan Wagner, Jesus, Ton Steine Scherben, Luther, Brinkmann, Kaiser Bismarck Porträts, Putin, Merkel, NSU, und nicht be- sondern glückendes Schreiben, die Stones, linke Wichser“. Auszug:

Wenn man denkt, es gibt etwas wie mündige Leser und ich will ihnen mündige Gedichte anbieten, dann kann ich nicht so tun, als wüsste ich mehr als sie. Gerade wenn man sich mit ethisch, moralisch oder sogar juristisch bewertbaren Dingen beschäftigt, kann es im Gedicht nicht darum gehen, jemandem zu sagen: “Schau mal, das ist gut, das ist böse; gut, dass ich’s dir sage, wenn du es selber nicht schnallst.” Auch nicht: „Schau mal wie toll der Tisch ist und wie toll man ihn jetzt durch mein Gedicht anfassen kann.“ Sondern lass uns mal darüber reden, wie wir reden, wie wir kategorisieren und wo unsere Sinne zusammenlaufen. Jetzt kannst du natürlich sagen „die Sinne sind der Quell, wer will uns damit locken?“ – Aber das ist ja sowieso alles Jesus-Kram, ein Jesus-Propaganda-Gedicht.

(…)

Die Rezeption und Produktion meiner Gedichte sind demokratische Vorgänge. Und daraus entstehen Gedichte, die in undemokratischen Ländern zensiert werden könnten. Etwa Sachen wie: “Ich will auf gar keinen Fall wie ein Schwuler diskriminiert werden.” Oder: “Jeder kennt einen Antisemiten, den er mag”. Eine Zensurbehörde funktioniert ja so, dass es drei Fälle gibt: Jemand äußert sich negativ zu etwas, zu dem er es nicht sollte. Jemand äußert sich positiv. Oder jemand äußert sich so, dass man es nicht versteht. Und nur der positive Fall ist für diese Behörde ok.

Aber wenn jemand sich zwischen negativ und positiv äußert, ist das auf eine viel schwierigere Art nicht ok, weil man nicht weiß, ob es eine Art von Subversion hat. Aber: Das bestärkt eine Rezeptionshaltung, die Dinge grundsätzlich in Frage stellen möchte, die bei jedem Inhalt sagt: ‘Aha, ok, ich schau mir das noch einmal von einer anderen Seite an. Und von noch einer anderen Seite.’ Und ich lese es drei, vier, fünf Mal. So zu schreiben und so zu lesen schult eine Art von kritischem Bewusstsein, welche nur in einer demokratischen Gesellschaft Platz hat. Und deshalb würde ich sagen, dass meine Gedichte demokratische Gedichte sind.

Würdest du sagen, dass es eine Art Zensur in einer demokratischen Kultur gibt?

In Bezug auf Gedichte schönerweise nicht. Wir leben ja jetzt nach einer neuen Zeitrechnung, zwei Tage nach Beginn der Wagner-Ära. Jetzt finden alle Lyrik wichtig, weil Jan Wagner den Buchpreis gewonnen hat. Jetzt gibt es einen Markt dafür. Aber ich weiß nicht, ob es stimmt, dass wir jetzt in einer neuen Zeit leben. Die Zeit vorher war dadurch bestimmt, dass man Lyriker einfach machen ließ. Weil es ja eh keiner liest, und es keinen interessiert. Jeder Lyriker in Deutschland findet früher oder später einen Verlag, der seinen Scheiß druckt; weil es nicht viel kostet.

Keiner von uns will 10.000 € Vorschuss haben. Lyriker sind meist die, die selber Verlage gründen und sich spätestens mit dem fünften oder zehnten Buch selber verlegen. Und das Schöne an der Lyrik-Szene in Deutschland und Berlin der letzten zehn Jahre ist, dass es etwas für alle ist, dass du die mittelmäßigsten, langweiligsten und beschissensten Gedichte schreiben kannst, aber es trotzdem ein Publikum dafür gibt. Und das ist nicht einmal unbedingt kleiner als das von Jan Wagner oder irgendwem anders. Das ist ein komplettes Feld von: Alles geht.

(…)

Ich versuche mich, aus einem Jan-Wagner-Lawinenthema rauszuhalten. Aber meine These ist: Dieser Hype zementiert nur, was sowieso schon common sense ist. Würden jetzt die großen Verlage wieder ihre Lyrik-Reihen aufnehmen, die sie in den letzten Jahren alle eingestellt haben, dann würden die Freaks trotzdem nicht häufiger verlegt werden. Sondern die Naturlyriker, die Poesie, die poetisch sein will, die sagt: ‘guck mal her, ich bin ein Gedicht.’

Lyrik im Ausland

Lyriklesung: Tone Avenstroup, Helena Sinervo, Asmus Trautsch

Man kann es, mit Baudelaire, nicht oft genug sagen: „Le Printemps adorable a perdu son odeur!“ Ist aber: gar nicht weiter schlimm! Schließlich muss für einen abwechslungsreichen Lyrikabend die Frühlingswonne gar nicht duften, es genügt vollkommen, dass auch unter ihrer Schirmherrschaft die altbewährten physikalischen Gesetze der Schallfortpflanzung noch intakt sind, und das scheinen sie zu sein – und so freuen wir uns sehr auf deren Dienstbarmachung durch und ausgewählte Gedichte von:

Tone Avenstroup (auf Norwegisch und in deutscher Übersetzung),

Helena Sinervo (auf Finnisch und in deutscher Übersetzung) und

Asmus Trautsch

Do 16.4. 20:30 Uhr | 5 EUR

Tone Avenstroup wurde 1963 in Oslo, Norwegen, geboren. Zwischen 1982 und 87 hat sie Theater- und Literaturwissenschaft an der Universität in Bergen studiert und dabei 1985-86 ein Gaststudium im Fach Theaterwissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin, DDR eingelegt. Tone Avenstroup ist Mitglied im NScF und dem Norsk Dramaturgforum. 1986 war Tone Avenstroup in Bergen Gründungsmitglied der Theatergruppe BAKTRUPPEN, bei der sie bis 1995 Aufgaben und Rollen in Regie, Dramaturgie, Performance übernommen hat. Seit 1990 lebt sie in Berlin. Sie war Mitglied ‚Am Performerstammtisch’ in Berlin und Redaktionsmitglied der Zeitschrift GEGNER, Basisdruck, Berlin. Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählen „samstemmelse / ineinandersetzung“, Distillery 38, Berlin, 2013. „i tallenes tid / in zeiten der zahlen“, Verlag Peter Engstler, Ostheim Rhön, 2010. „durch blanke landschaften. Texte aus intermedialen Produktionen“, Verlag Peter Engstler, Ostheim/ Rhön, 2013, sowie folgende Übersetzungen: Øyvind Rimbereid, „prostym nozhom“. Übersetzt von Tone Avenstroup, Bert Papenfuß. roughbook 025, Urs Engeler Verlag, Basel, 2013. Terje Dragseth, „Kvitekråkas song / Weißkräje sein Lied / Wittkreihs Leed. Jedichte und Jesänge. Een gorrlaust Machwerk“. Übersetzt von Tone Avenstroup, Bert Papenfuß. Gutleut Verlag, Frankfurt & Weimar, 2009 (aus: syssel.de).

Helena Sinervo, geboren 1961 in Tampere, Finnland, studierte Musik und verdiente ihren Lebensunterhalt als Klavierlehrerin, bevor sie sich der Literatur zuwandte – zuerst als Studentin der Literaturwissenschaft in Helsinki und in Paris, später als Lyrikerin und Romanautorin. Ihr erster Roman, eine fiktionalisierte Biografie über die finnische Dichterin Eeva-Liisa Manner, gewann den renommierten Finlandia-Preis. Ihre Lyrik ist inspiriert und beeinflusst u.a. von der Naturwissenschaft/naturwissenschaftlichen Beobachtungen, klassischen Mythen und der Beziehung von dem Menschen und der Natur. Vielseitige Stimmen mischen sich in ihrer Dichtung; eine traditionelle, von dem finnischen Nationalepos Kalevala geprägte Stimme folgt einer des beschäftigten Stadtmenschens. Sinervo ist außerdem als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen (u.a. von Elizabeth Bishop und Stéphane Mallarmé) tätig. Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählen „Tykistönkadun päiväperho (Der Schmetterling der Artilleriestraße)“ (2009) und „Väärän lajin laulut (Lieder falscher Art)“ (2010). (aus: literaturwerkstatt.org) http://en.wikipedia.org/wiki/Helena_Sinervo

Asmus Trautsch, geboren 1976 in Kiel, studierte Komposition, Philosophie, Mediävistik und neuere deutsche Literatur in Berlin und London. Promotion in Philosophie zur Theorie tragischer Erfahrung. Von 2003 bis 2010 arbeitete er als Co-Verleger und Lektor im LUNARDI Verlag für zeitgenössische Literatur; Stipendien führten ihn u. a. an die Columbia University New York, die Akademie Schloss Solitude und ins Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Er veröffentlicht Lyrik, Kurzprosa und Essays in Zeitschriften und Anthologien und gibt die Edition Poeticon heraus. Zuletzt erschienen: „Kalendergeschichten 2013“ (Hrsg.), „EXPedition Stuttgart“ (2013), „Treibbojen“ (Verlagshaus J. Frank, 2010). http://www.poetenladen.de/asmus-trautsch.htm


ausland – Territory for experimental music, performance and art
Lychener Str. 60, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg

Lyrik im ausland
Alexander Filyuta & Tobias Herold
www.ausland-berlin.de/lyrik-im-ausland
https://de-de.facebook.com/LyrikImAusland

 

Gruppenkritik

Von Helmut Heissenbüttel

von 25 Autoren lasen 16 zum erstenmal 10 wurden positiv 9 negativ und 6 verschieden beurteilt in der Kritik fielen von 200 Wortmeldungen je 20 auf Walter Jens und Joachim Kaiser 17 auf Walter Höllerer 16 auf Erich Fried 12 auf Günter Graß 11 auf Hans Mayer 9 auf Marcel Reich- Ranicki je 7 auf Heinz von Cramer Fritz J. Raddatz und Peter Weiß 6 auf Erich Kuby je 5 auf Hans Magnus Enzensberger Alexander Kluge Jacov Lind und Hermann Piwitt 13 Kritiker sprachen je 4 mal und weniger

Hermann Piwitt glaubt eine wirklich positive Geschichte gehört zu haben Günter Graß ist mit dieser Geschichte nicht so einverstanden Peter Rühmkorf unterscheidet einen blassen Erzähler Marcel Reich-Ranicki ist nur nicht im geringsten dafür daß die Grenze zwischen fiction und non-fiction verwischt wird Fritz J. Raddatz muß sich fragen was dem Thema nun Neues abgezwungen wird Walter Jens fragt sich in welcher Weise ein bestimmtes Milieu angemessen dargestellt werden kann also Heinz von Cramer findet das eine ganz besonders saubere Arbeit

(…)

Walter Mannzen weiß nicht ob Günter Graß weiß ob Brecht wissen konnte was Graß weiß und Unseld wissen kann was Brecht wußte und Graß weiß ob Brecht wissen konnte ob Unseld weiß was Graß nicht weiß aber er sagts auch nicht

Walter Höllerer findet sehr viel an subtiler Substanz Walter Jens findet weder Theologie noch Libretto Alexander Kluge findet eine sehr interessante Abkehr von der Rhetorik Günter Graß findet das nun einmal eine pausbäckige Angelegenheit Hans Mayer findet den Text sehr schön

(…)

(vollständiger beim Merkur)

Günter Grass †

Mitte der fünfziger Jahre debütierte Grass als Lyriker und Dramatiker, nach ersten Versuchen als Schriftsteller wurde er Mitglied der „Gruppe 47„. Von 1957 bis 1959 lebte Grass mit seiner Frau Anna in Paris. Die Bildhauerei gab er bis auf Weiteres auf und beschäftigte sich erst in späteren Jahren wieder mit der bildenden Kunst. Allerdings gestaltete er zeitlebens die Umschläge seiner Bücher selbst und illustrierte viele von ihnen.

Mit Anfang 30 setzte Grass sich in eigenen Worten „dickarschig“ hin und schrieb seinen ersten Roman über Nationalsozialismus und Weltkrieg durch die Augen des scheinbar ewigen Kindes Oskar Matzerath. Die Veröffentlichung seines Debüts „Die Blechtrommel“ 1959 machte ihn weltbekannt. Hans Magnus Enzensberger sah damals in einer Radio-Besprechung „Schreie der Freude und der Empörung“ kommen, und lobte weiter: „Unserm literarischen Schrebergarten (…) zeigt er, was eine Harke ist. Dieser Mann ist ein Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel, ein wilder Einzelgänger in unsrer domestizierten Literatur, und sein Buch ist ein Brocken (…), an dem Rezensenten und Philologen mindestens ein Jahrzent lang zu würgen haben, bis es reif zu Kanonisation oder zur Aufbahrung im Schauhaus der Literaturgeschichte ist“.

Im Schauhaus der Literaturgeschichte kam das Werk in der Tat an, und nicht nur das. Die Verfilmung 1979 durch Volker Schlöndorff mit Mario Adorf, Angela Winkler und David Bennent erhielt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Zusammen mit der Novelle „Katz und Maus“ (1961) und dem Roman „Hundejahre“ (1963) bildet „Die Blechtrommel“ die Danziger Trilogie. „Die meisten meiner Bücher beschwören die untergegangene Stadt Danzig. (…) Verlust machte mich beredt“, wie Grass später schrieb. Zeitlicher Hintergrund war die dramatische erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, geschildert in einem oft grotesken und expliziten Stil, der seinerzeit durchaus schockieren konnte, nicht nur ideologisch. Der ehemalige NS-Publizist Kurt Ziesel etwa setzte vor Gericht durch, Grass einen „Verfasser übelster pornographischer Ferkeleien“ nennen zu dürfen. / Irene Helmes, Süddeutsche Zeitung

Günter Grass liest das Gedicht „Mir träumte, ich müßte Abschied nehmen“ (1986)

Das letzte literarische Werk von Günter Grass kommt im Sommer auf den Markt. Der Literatur-Nobelpreisträger habe bis wenige Tage vor seinem Tod an dem Buch gearbeitet, sagte sein Verleger Gerhard Steidl am Montag in Göttingen.
„Wir haben das Buch in der letzten Woche buchstäblich fertig gemacht, es ist druckreif. Wir hätten jetzt an Feinarbeit gebastelt“, sagte Steidl. Bei dem Werk mit dem Titel „Vonne Endlichkait“ handele es sich um ein literarisches Experiment. Darin habe Grass erstmals Prosa und Lyrik miteinander verschmolzen. / Der Spiegel

Iain Bamforth würdigt Grass in der LRB als Lyriker und zitiert dieses Gedicht aus Grass‘ „Vorzügen der Windhühner“, seinem ersten Gedichtband, das auf englisch so beiläufig elegant klingt in seiner Bosheit:

„In our museum – we always go there on Sundays –
they have opened a new department.
Our aborted children, pale, serious embryos,
sit there in plain glass jars
and worry about their parents‘ future.“ / Perlentaucher (dort auch zahlreiche weitere deutsche und internationale Stimmen)

So schwer wie Gott ist das Gehirn

Ihre Zurückgezogenheit war der Schutz eines freien, wissbegierigen und schöpferischen Geistes, der sich nicht nur der Natur öffnete und Seelenzustände genau erforschte, sondern sich für Ökonomie ebenso interessierte wie für Naturwissenschaften – und für die politischen Ereignisse ihrer Zeit: Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) war eines der Themen, mit dem sie sich auf ihre oft überraschende Weise auseinander setzte.

Inmitten einer Umgebung, die für einen Freigeist, zumal einen weiblichen, oft erstickend gewesen sein muss, fasste die heimliche Agnostikerin Emily Dickinson ihre Gedanken in ebenso heimliche Verse, die sie selbst zu kleinen Heften band und bis auf wenige Ausnahmen niemanden sehen ließ.

Ein Gedicht über das menschliche Gehirn zum Beispiel, das 1863 entstand, hätte sie damals nicht veröffentlichen können, ohne einen Skandal mit weitreichenden Folgen heraufzubeschwören.

„Mehr als der Himmel fasst das Hirn“ beginnt es und deutet in lyrischer Kürze und Eleganz die intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Fähigkeiten des Menschen; um am Ende zu behaupten:

„So schwer wie Gott ist das Gehirn –
Hebst du sie – Pfund um Pfund-
Sind sie verschieden – allenfalls-
Wies Laut und Silbe sind“

/ Katharina Döbler, DLR

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte
Herausgegeben und übersetzt von Gunhild Kübler
Hanser Verlag, München 2015
1408 Seiten, 49,90 Euro

The Brain — is wider than the Sky —
For — put them side by side —
The one the other will contain
With ease — and You — beside —

The Brain is deeper than the sea —
For — hold them — Blue to Blue —
The one the other will absorb —
As Sponges — Buckets — do —

The Brain is just the weight of God —
For — Heft them — Pound for Pound —
And they will differ — if they do —
As Syllable from Sound —

Gestorben

Im Alter von 83 Jahren starb Klaus Rifbjerg, einer der einflußreichsten dänischen Autoren seiner Zeit. Er wurde am 15.12. 1931 in Kopenhagen geboren und starb am 4.4. nach langer Krankheit. Er veröffentlichte über 100 Romane, Drehbücher, Schauspiele, Fernseh- und Hörspiele, Kinder- und Tagebücher, Novellen-, Essay- und Gedichtbände.

Gedichtausgaben auf Deutsch:

  • Uhrenschlag der aufgelösten Zeit (Gedichte in bilingualer Ausgabe) Berlin: Volk & Welt, 1991; übersetzt und mit einem Nachwort herausgegeben von Lutz Volke
  • Septembersang/ Septembersong (Gedichte in bilingualer Ausgabe), Münster 1991; übersetzt von Peter Urban -Halle
  • Knastørre digte / Strohtrockene Gedichte (Gedichte in bilingualer Ausgabe, Leipzig 2009; übersetzt von Lutz Volke und mit einem Nachwort herausgegeben von Paul Alfred Kleinert)

Zabel Yesayan

Interessant sind auch die wunderbar lyrischen Kindheitserinnerungen „Die Gärten von Silahtar“ der armenischen Schriftstellerin Zabel Yesayan. Die Autorin dokumentiert darin aus kindlicher Perspektive die Reaktionen ihres familiären Umfeldes auf die in den 1890er-Jahren im Osmanischen Reich losgebrochenen armenierfeindlichen Pogrome. Dem Massenmord von 1915 konnte Zabel Yesayan sich durch Flucht entziehen, wurde als sowjetarmenische Schriftstellerin später aber ein Opfer der stalinistischen Säuberungen. / Gerd Bedszent, literaturkritik.de

Corry Guttstadt (Hg.): Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen. 
Assoziation A, Berlin 2014. 
204 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783862414406

Zabel Jesajan (armenisch Զապէլ Եսայեան, * 4. Februar 1878 in Üsküdar, Istanbul, Osmanisches Reich; † 1943 in Sibirien, Sowjetunion) war eine armenische Romanautorin, Dichterin, Übersetzerin. Sie war Zeitzeugin des Völkermords an den Armeniern in der Türkei und Opfer der Stalinistischen Säuberungen in Russland. (…) Während der Großen Säuberung wurde sie des „Nationalismus“ bezichtigt. Sie wurde 1937 festgenommen und unter unbekannten Umständen in Sibirien getötet. / Wikipedia

Skandal: Rilkegedicht in Konstanz

Er erzählt nicht chronologisch, sondern beginnt mit einem Nachspiel, das sich 1958 (!) um Rilkes Hus-Gedicht in Konstanz ereignet hatte. Im Februar 1958 fand im Bürgersaal der Stadt ein Kammermusik-Konzert statt. Neben Werken berühmter Komponisten wie Schubert, Brahms und Hugo Wolf, stand auch die Vertonung von Rilkes Hus-Gedicht „Vision“ auf dem Programm – erarbeitet 1944 von dem heute unbekannten Komponisten Franz Hirtler. Und um diesen Aufführungsteil gab es hinter den Kulissen böse Querelen. Der katholische Dekan versuchte die Aufführung zu verhindern, weil er sie als „unerhörte Beleidigung der Kirche“ empfand. Er drohte damit, von den Kanzeln Warnungen vor weiteren Veranstaltungen dieser Aufführungs-Reihe verlesen zu lassen. Der Veranstalter hat sich daraufhin von der Aufführung distanziert. In der Presse wurde allerdings Hirtlers Vertonung der „Vision“ nachträglich sehr positiv besprochen. / Peter Salomon, Südkurier

American Life in Poetry: Column 516

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Kurt Brown was a talented poet who died in 2013, and his posthumous selected and new poems opens with this touching late poem to his wife, Laure-Anne.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

The Kiss

That kiss I failed to give you.
How can you forgive me?
The kiss I would have spent on you is still
There, within me. It will probably die there.
But it will be the last of me to die.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2014 by the Estate of Kurt Brown, “The Kiss,” from I’ve Come This Far to Say Hello: Poems Selected and New by Kurt Brown (Tiger Bark Press, 2014). Poem reprinted by permission of The Estate of Kurt Brown and Tiger Bark Press. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Poetopie

halt inne, während du liest – lausche dem stummen Klang der Schrift

Hansjürgen Bulkowski

Women activists to be charged

I just posted a poem for the women detained around March 8. It’s a variation on a poem from a few months ago, after Ilham Tohti was sentenced.

OUR WOMEN
– for the women detained in China around March 8

they cannot speak for our women
nobody can speak for our women
anyone who is not from our women
is against our women

they’re not legitimate
how could anyone speak
for our women?

only our women
speak for our women

Martin Winter April 2015

http://t.co/pyM9UbNohQ

For the First Time in 150 Years: Walt Whitman’s Civil War ‘Drum-Taps’

“I intend to move heaven & earth to publish my ‘Drum-Taps’ as soon as I am able to go around,” Walt Whitman told his friend William O’Connor in 1864, after a mysterious illness, likely contracted from the hospital where he nursed soldiers, claimed his health for a time. The American Civil War was in its third year, and Leaves of Grass in its third edition. With his new book of Civil War poems, Whitman meant to advocate a re-union, a reconciliation, an end to the war, and a continuation of the spirit of democracy set in motion by his earlier work. He wanted Drum-Taps to “express in a poem…the pending action of this Time & Land we swim in…with the unprecedented anguish and suffering, the beautiful young men, in wholesale death & agony.” The following January, as the war neared its conclusion, Whitman wrote again to O’Connor, explaining that the now fairly completed Drum-Taps was “superior to Leaves of Grass — certainly more perfect as a work of art.’’ Adding that although it may appear that the poems were ‘‘let loose with wildest abandon, the true artist can see it is yet under control.’’

Only Whitman could not, on this score, control his own feelings. Soon, Lawrence Kramer writes in the introduction to the new NYRB edition of Drum-Taps, “Whitman changed his mind…[and] having done so he took Drum-Taps in hand and tore it apart.” After initially self-publishing the book as a complete work of poetry, with its own empathetic logic and poetic arc, Whitman began rolling the poems into Leaves of Grass. Why, exactly, we do not know; Kramer speculates that Whitman wanted a “single ever-expanding poem” to go along with a “single ever-expanding nation.” As a result of Whitman’s caprice, only 38 of the original 71 poems featured in Drum-Taps and its sequel were to remain in later editions of Leaves of Grass.

The original version of Drum-Taps has never been published again in its entirety — until now. The NYRB version out this month is the complete 1865 edition that features not only familiar poems, like “O Captain my Captain!” and the masterful elegy for Abraham Lincoln, “When Lilacs last in the door-yard bloom’d,” but also the remaining 33 poems that Whitman published at the close of the war. The collection now published in its entirety is indispensable. /  Jonathon Sturgeon, Flavorwire

A Craftsman of Russian Verse Helps Ukraine Find Its New Voice

ODESSA, UKRAINE — EVERY morning at 6, Boris Khersonsky turns on the computer in his dacha. Under the gaze of the dusky icons covering the walls, one of Ukraine’s most famous literary bloggers — a 64-year-old psychiatrist, former Soviet dissident and acclaimed poet — logs onto Facebook to conduct what has become something of a daily symposium on the identity of the new Ukraine.

There, in political essays, poems, jokes and surreal diary entries where the only individual whose psychological health can be trusted is a talking cat, Dr. Khersonsky makes his case. “Ukraine can only become a whole state by admitting its differences,” he said. “Admitting, and admiring.”

A tall, white-haired man who radiates calm, Dr. Khersonsky — an increasingly influential voice in Ukraine’s intellectual circles — has for years advocated moving away from the idea that Ukrainian nationality should be determined by ethnicity.

But watching the pro-European protests in 2013 in Kiev, Ukraine’s capital, and the change in leadership in 2014, he became increasingly aware of something else. While his mother tongue, the bulk of his cultural heritage and most of his artistic fame have come from Russia, he felt he was Ukrainian at heart. / Sally McGrane, New York Times 

Welt-Liste

Das hätte sich kaum jemand träumen lassen: Der Preis der Leipziger Buchmesse hat Jan Wagners Gedichtband „Regentonnenvariationen“ auf die Bestsellerliste katapultiert. Bis Ostern waren 35.000 Exemplare verkauft. In der kleinen und traditionell futterneidischen Lyrikszene wird nun diskutiert, ob der Erfolg verdient und Wagners Werk überhaupt repräsentativ für die Gegenwartsdichtung ist. Zweifellos gibt es auch viele andere Lyriker, die fünfstellige Auflagen verdient hätten. Hier eine subjektive Auswahl.

(Folgen Hinweise auf Bücher von Kathrin Schmidt, Marion Poschmann, Monika Rinck, Steffen Popp, Thomas Kunst, Marcel Beyer, Friederike Mayröcker und Elke Erb.)