In college in the 1990s, I happened upon a Brazilian writer so sensational that I was sure she must be a household name. And she was — in Curitiba or Maranhão. Outside Brazil, it seemed, nobody knew of Clarice Lispector.
(…)
As I later learned, Lispector’s first name was enough to identify her to most Brazilians. But two decades after her death in 1977, she remained virtually untranslated; among English speakers, she was unknown outside some academic circles. One pleasure of discovering a great writer is the ability to share her work, and I was stymied. Lispector’s obscurity reinforced itself. People couldn’t care about someone they couldn’t read. And if they couldn’t read her, they couldn’t become interested. / Benjamin Moser, New York Times
Gerade hab ich gedacht, dem nächsten, der uns erzählt, wie prächtig sich die Lyrik entwickelt hat, seit der Börsenverein für den deutschen Buchhandel oder doch seine Jury im letzten Winter beschlossen hat, für diesmal keinen Roman, sondern einen Gedichtband auszuzeichnen, hau ich das um die Ohren… da isser:
Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit N.N., geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.
Hipp hipp, hurrah! Und die Medien haben sie entdeckt, der Börsenverein persönlich hat dran gedreht, der Papst hat es abgesegnet. Von den vielen neuen und alten Stimmen besprechen sie nur wenige, aber die sind dann die jeweilig besten. (Liebe Carolin Callies, denn ihr Name „verbirgt“ sich hier hinter dem N.N., lieber Tom Schulz, lieber Jan Wagner, liebe N.O., O.P., P.Q. etc. bis Y.Z.: nicht bös sein, ich liebe euch doch alle! Mich nervt nur der dämliche Diskurs, sorry! Liebe Feuilletonschreiber, fragt doch bitte meinen Buchhändler, wenn ihr mal nach Greifswald kommt, von wegen Erdung!).
Nach dem Stoßseufzer die Rezension von Richard Kämmerlings, Leitender Feuilletonredakteur der Zeitung Die Welt, in Auszügen. Sie geht insgesamt sehr kurvenreich in Ab- und Aufschwüngen, vereinfacht etwa so:
Lyrik kratzt uns nicht? Oh doch!
Seit der Umstellung auf Bachelor und dem Einknicken der Lehrerausbildung werden so gut wie keine geisteswissenschaftlichen Bücher mehr gekauft. Sie haben ja gemerkt, wir haben noch eine Abteilung, aber viel kleiner. Und Lyrik? Ja, was denken Sie, wie schwer es durchzusetzen war, daß wir noch ein Klassiker- und Lyrikregal behalten. Und auch da müssen wir den Umsatz beobachten, es schlägt sich halt etwas länger um. Auch daß es den Großen Conrady nicht mehr gibt, ein schlechtes Zeichen, neulich war ein Norweger da, ich habs ihm empfohlen, aber da wars nicht mehr lieferbar.
Der Buchpreis für Jan Wagner? Das war eine Katastrophe für den Buchhandel. Vielleicht paar Buchhandlungen in Berlin, aber hier? Das kann man doch nicht machen, einen Buchpreis, bei dem Gedichtbände mit Romanen konkurrieren. Ja, wenn sie einen speziellen Preis für Lyrik hätten, das könnte man einordnen, das wäre auch eine Förderung, eine Anerkennung der Lyrik, aber so? Schon neulich mit dem Nobelpreis für den schwedischen Lyriker, wie hieß der, Tranströmer, eine Katastophe! Da haben sich Buchhändler aufgehängt.
Ein weltlicher Schriftsteller war Gellert eigentlich nur in den vierziger Jahren. Da erschienen zuerst seine «Fabeln und Erzählungen», die zu einem Bestseller des 18. Jahrhunderts wurden, dann in rascher Folge drei Komödien, schliesslich 1747/48 der Roman «Leben der schwedischen Gräfin von G***», sein aus heutiger Sicht aufschlussreichstes Buch. 1751 folgte, eine Art Ausklang, eine Sammlung von Musterbriefen, mit deren Hilfe die bürgerlichen Leser einen neuen, «natürlichen» Briefstil erlernen konnten. Danach hat er nur noch ein Buch veröffentlicht: Die «Geistlichen Oden und Lieder», 1757 gedruckt, wurden wie die Fabeln ein Massenerfolg, aber nun auf der ganz anderen Schiene des Religiösen. Dank zahlreichen Vertonungen und der Aufnahme der Lieder in protestantische Gesangbücher blieb Gellert in den Kirchen des deutschsprachigen Raums präsent. / Manfred Koch, NZZ
„Alles ist Oberfläche.“
Diesen Satz hielt mir vor kurzem ein Schriftsteller entgegen, als ich eine Aussage von ihm kritisiert hatte und in meinem Kommentar das Bild der Tiefe im Zusammenhang mit poetischer Sprache gebraucht hatte (“Lyrik ist ein Mittel der Verflachung entgegenzuwirken, indem sie verweilt und Bohrungen vornimmt, Dimensionen erkundet, andere Chemie wahrnimmt.”).
Er benötigte den Oberflächensatz, um mir zeigen zu können, daß es Tiefe in der Lyrik nicht gibt. Eigentlich aber, um mich zum alten Knacker zu machen, weil „Tiefe“ etwas von vorgestern ist und die Postmoderne das als überwunden ansieht. Sie wiegt sich im „Hervortreten einer neuen Flachheit und Seichtheit, einer neuen Oberflächlichkeit im wortwörtlichen Sinne, die das vielleicht auffälligste formale Charakteristikum aller Spielarten der Postmoderne ist.“ (Frederic Jameson: Postmoderne, 1986, S. 54). / Frank Milautzcki, Fixpoetry
Liebhabern der Provokation wird der dritte Lyrikband des Tom Schulz gefallen – vorausgesetzt, sie lassen sich auf ein Studium an der „Lichtuniversität“ des Autors ein. Keine „Hochschule für Avatare“, wie der Titel eines Gedichts nahelegen könnte, eher eine Schule des Sehens. „Zu viel was ich gesehen hatte“, heißt es eingangs über das Sehen, Hören und Sprechen auf Reisen in Prag, Paris, Breslau.
(…)
Das gesamte letzte Kapitel ist eine Hommage an gegenwärtige Verwandte im Geiste: Jan Wagner, Eberhard Häfner, Ron Winkler, Björn Kuhligk und Mirko Bonné. Allesamt sind sie Garanten für den gegenwärtigen literarischen Paradigmenwechsel. / Dorothea von Törne, Die Welt
Tom Schulz: Lichtveränderung. Berlin Verlag. 96 S., 15,90 €.
Die Au am Ende des Glaubens mottet ein Jahrhundert weiter und … aber nur bis gestern.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
Im ersten Gedichtband, «Die unvollendete Liebe» (1949), wird noch «Tröstung» gesucht; da hört das lyrische Ich sich «unentwegt Gebetlein sagen», und «Mutlos singt das ungeschützte / Klageantlitz zu den Sternen». Rilke und Hölderlin sind da, und das Vokabular kommt oft aus der Kirchensprache, dem einzigen Hochdeutsch, das im Dorf zu hören war. Meist noch in «Demut» soll «Gottes Ohr» erreicht werden. Als dann die irdische Liebe zu Werner Berg ausbricht, «zum dreifachen Laut deines Namens», da explodiert auch die Sprache, ihr Sinn, ihre Form. Das weibliche Ich bettelt nun hochmütig um Glück und randaliert vor Gott und der Welt: «Horch! das ist die leere Bettlerschale, / halb aus Lehm noch, aber halb schon Stein, / und sie trommelt dir bei jedem Mahle / Hungerlieder zwischen Brot und Wein.» So beginnt das Titelgedicht von «Die Bettlerschale» (1956), in der die lyrischen Bilder meist noch bestürzend konkret sind: «Mein Schälchen freilich war ein Sieb», vermerkt die zornige Bettlerin.
Wie Sprengkörper detonieren die Anfangsverse in den titellosen Gedichten, mal in grell ironischer Hohnrede («Wie pünktlich die Verzweiflung ist»), mal in poetisch dunklem Raunen («Steig in den zornigen Brunnen hinab»). Glaube, Liebe und Hoffnungslosigkeit, Katholizismus, Armut und Aberglaube sind Lavants Minenfelder. / Franz Haas, NZZ
Der Coburger Rückert-Preis wandert durch die Regionen des Vorderen Orients, aus deren Sprachen der in Coburg ansässige Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (1788-1866) übersetzte. Nachdem die ersten drei Preisrunden für arabische bzw. persische Literatur vergeben wurden, ist der Coburger Rückert-Preis 2016 der türkischen Literatur in deutscher Übersetzung gewidmet. Der Preis wird am 31.01.2016, dem 150. Todestag Friedrich Rückerts, in Coburg festlich verliehen.
Auf der Shortlist zum Coburger Rückert-Preises 2016 stehen die neu entdeckte Lyrikerin Yeşim Ağaoğlu, die auch bildende Künstlerin ist, die Romanautorin Oya Baydar, die lange in Frankfurt gelebt hat und die politische Lage in ihrer Heimat in ihren Romanen engagiert und kritisch betrachtet, die Physikerin Aslı Erdoğan, die ihre Identität in der Fremde, in den Favelas Brasiliens, erkundet, die Schriftstellerin Sema Kaygusuz, die die Mythologie der Ägäis ebenso verarbeitet wie die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im 1. Weltkrieg sowie der urwüchsige Erzähler Ali Hasan Toptaş, ein humorvoller Chronist des anatolischen Dorfs.
Diese Auswahl zeigt, dass die Literatur der Türkei – weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit – in Thematik und Sprachkunst auf Weltniveau mitspielt. Auffällig ist der hohe Anteil an hochintelligenten Romanen und Gedichten von Frauen. Eine Generation von bedeutenden Schriftstellerinnen hat die vermeintlich männliche Domäne des literarischen Schaffens erobert, heißt es in einer den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegenden Mitteilung.
Die Jury setzt sich zusammen aus Prof. Dr. Erika Glassen, Türkei-Expertin und Herausgeberin der 20bändigen „Türkischen Bibliothek“, Dr. h.c. Michael Krüger, Präsident der Bayerischen Akademie der Künste und früherer Verleger des Hanser-Verlags, und der Orientalistin und Übersetzerin Dr. Claudia Ott. / Mehr bei Deutsch-Türkische Nachrichten
Der Spycher: Literaturpreis Leuk 2015 geht an Katharina Schultens.
Aus der Jury-Begründung: „Katharina Schultens gelingt es mit federleichter Selbstverständlichkeit, das naturwissenschaftlich-technische Hintergrundrauschen unserer Gesellschaft ebenso wie die mythologisierenden Begrifflichkeiten der globalen Finanzwelt zum Material ihrer oft hymnischen Gedichte zu machen. Buch für Buch hat sich die 1980 geborene Schriftstellerin dabei in beeindruckender Konsequenz von ihrem 2004 veröffentlichten Debüt ‚Aufbrüche‘ über ‚gierstabil‘ (2011) bis zu ‚gorgos portfolio‘, das im letzten Jahr erschienen ist, eine ganz eigene, ebenso kühl-analytische wie spielerisch-lockende Sprache erschrieben. Katharina Schultens beantwortet mit einem spezifisch weiblichen Blick auf die Rede- und Sprechformen unserer Gesellschaft die Frage, wie zeitgenössische Lyrik auf gesellschaftlich-ökonomische Verhältnisse reagieren kann.“
Die Preisverleihung findet am 27. September um 11 Uhr im Rahmen einer festlichen Matinee auf Schloss Leuk statt. Die Laudatio auf die Preisträgerin hält ihre Verlegerin Daniela Seel.
„Das lässt mich ratlos zurück“, lese ich immer wieder in Leserkommentaren von online-Zeitungen. Das ist es – denke ich immer wieder: das Gedicht muss mich ratlos zurücklassen. Das ist eine der Eigenschaften eines gelungenen Gedichts, denke ich neben dem vielen anderen, das ich denke. Zum Beispiel auch, was ich tue, wenn ich ratlos bin, und erst ratlos zurückgelassen. Soll denn das Gedicht mir sagen, wo’s langgeht? Was mute ich dem Gedicht damit zu? Was verlange ich denn immer? Immer was verlangen, das kannst du, denke ich. Bloß nicht selber was tun, bloß nicht selber denken, bloß keine eigenen Gedanken haben, immer nur das von andern Gedachte eintüten und etikettieren, als eine eigene Beobachtung ausgeben. Aber gut, wie weit hinunter muss ich denn? Welche Quelle soll’s denn sein, Gnädigste? Wie durch- und abgekaut ist das? Allein das Wort Quelle! Wie weit zurück geht es eigentlich, kann es eigentlich gehen? Das ist doch Irrsinn. Ich tue doch im Jahr 2015 nichts anderes als mich an den Tod zu gewöhnen. Durch den Tod der andern. Jetzt fangen sie an zu sterben, denke ich, um mich herum wird gestorben. Ich war auf einer Beerdigung, es war Frühling, die Knospen schlugen aus. Die Nachricht, dass eine befreundete Künstlerin um Ostern herum plötzlich und unerwartet gestorben sei, kam aus heiterem Himmel. / Aus einem Beitrag von Marcus Roloff, lyrikkritik.de
Gedichte? Und dann auch noch aus Afrika? Wen soll das interessieren, nein danke, lautete der Tenor bei den Verlegern, denen der Schweizer Afrikanist und Theologe Al Imfeld sein Projekt vorlegte: eine grosse Anthologie, die – rund ein halbes Jahrhundert nach Janheinz Jahns «Schwarzer Orpheus» von 1954 – den Kontinent anhand seiner Lyrik neu vermessen sollte. Imfeld, ein Geist, der Konventionelles stets verneint, wäre nicht er selbst, hätte er sich mit diesem Bescheid abspeisen lassen. Nun liegt, 15 Jahre später als einst geplant, «Afrika im Gedicht» vor: gut anderthalb Kilo kompakte lyrische Materie, mit der sich unbelehrbaren Köpfen gründlich eins überziehen liesse.
(…) Um eine durch europäische Sicht und Wertmassstäbe gefilterte Selektion möglichst zu vermeiden, bat Imfeld ihm bekannte afrikanische Dichterinnen und Dichter um Beiträge – und darum, die Kunde von dem Grossprojekt unter Berufskollegen weiter zu streuen. So wurde ein beträchtlicher Anteil der abgedruckten Texte von den Verfassern selbst als repräsentativ oder wichtig ausgewählt; allein dort, wo eine Kontaktnahme mit dem Autor nicht möglich war, entschied der Herausgeber, welche Texte in den Band aufgenommen werden sollten.
570 Gedichte kamen so zusammen, in einem Prozess, der sich nicht von vornherein steuern liess. Um die erratische Materialfülle zu bändigen, wurde der Band in zwei Teile und 63 Unterkapitel gegliedert, die mehrheitlich zwischen 5 und 15 Gedichte enthalten. Nachdem zum Auftakt Klassiker des frankofonen und anglofonen Raums von Senghor bis Soyinka vorgestellt worden sind, ist der erste Teil der Sammlung mehrheitlich geografisch organisiert; Ländern mit besonders gewichtiger Dichtungstradition – etwa Nigeria und Südafrika – werden dabei mehrere Sektionen zugeteilt, während bei weniger prominenten Kulturräumen gleich mehrere Länder in einer Sektion zusammengefasst sind. Eingestreut finden sich Kapitel, die etwa Zentren des Freiheitskampfs «von Soweto bis Tahrir» in den Fokus stellen oder Dichtern gewidmet sind, die Opfer staatlicher Repression wurden.
(…) Es ist ein Buch, über dem Bibliophile ins Schwärmen geraten können: Leineneinband und schöner Druck auf gediegenem Papier sind selbstverständlich; dazu kommen Extras wie die Kunstwerke des ivoirischen Dichters und Künstlers Frédéric Bruly Bouabré, die den Einführungstexten beigegeben wurden, die braun und blau abgesetzten Margen, auf denen verdienstvollerweise auch die Originaltexte zu lesen sind, und farblich passende seidene Lesebändchen. / Angela Schader, NZZ
Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht. Verlag Offizin, Zürich 2015. 815 S., Fr. 72.–.
Seit Samstag hat die kleine Ortschaft St. Stefan im Lavanttal einen „Christine-Lavant-Platz“. Die 100. Wiederkehr der Geburt von Christine Thonhauser, die als Christine Lavant bekannt wurde, sei „ein großer Tag für Wolfsberg, ein großer Tag für Kärnten, ein großer Tag für die Literatur“, sagte Bürgermeister Hans-Peter Schlagholz (SPÖ) bei dem Festakt im Haus der Musik in St. Stefan.
Schlagholz gestand jedoch: „Ich kannte diese Frau gar nicht.“ Im Literaturunterricht seiner Schulzeit sei ihr Name „in all‘ den Jahren“ kein einziges Mal gefallen. (…) Bischof Alois Schwarz nahm die Platzsegnung mit dem ersten Band der Lavant-Gesamtausgabe statt der Bibel in der Hand vor, las Gedichte, nannte Lavant „eine Frau mit einer inneren Intuition, den Pisa-Test hätte sie nie bestanden“, und verneigte sich vor der 1973 gestorbenen Dichterin. „Die große Lyrikerin hilft mir als Bischof sehr, dieses Land und seine Menschen zu verstehen.“ / Kleine Zeitung
an heißen Tagen köcheln im Radio leise die Nachrichten
Hansjürgen Bulkowski
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