Mehr geworden die Passionswege

1.025 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.

Alexandru Bulucz wurde 1989 in der „Sozialistischen Republik Rumänien“ (SRR) geboren. Er lebt als deutscher Dichter in Berlin. Hier ein Gedicht aus einer Reihe, die sich mit dem Land seiner Geburt auseinandersetzen. Ich habe dem Gedicht ein paar Worterklärungen für Nachgeborene hinzugefügt.

Passionswege, wohin das Auge reicht

Auf der Fensterbank (offenes Fenster) in der Küche der Einzimmerwohnung,
die ich für meinen Aufenthalt in Alba Iulia bezogen habe. Günstigste Unterkunft
u. dementsprechend ihr Zustand. In der verdreckten Badewanne duschen,
das habe ich mich erst vorgestern getraut, nachdem ich sie sauber gemacht habe,

zwei Tage nach meiner Ankunft. Wir haben den 13. Februar. Zweimal schlafen,
dann Rückkehr nach Berlin. Es ist gleich 21 Uhr, in D. 20 Uhr.
Die App der Alba, jetzt nicht der Stadt, sondern des Entsorgungsunternehmens,
hatte vorhin darüber informiert, dass die Leerung der Wertstofftonne anstehe,

in Berlin-Waidmannslust – sie sei noch nicht voll, heißt es von zu Hause.
Vor drei Tagen hatten wir unnatürliche 18 °C in Alba. Jetzt regnet es bei 6 °C.
Irgendwo über mir sammelt sich Regenwasser an, das überläuft u. polternd
auf das Wellblech unter mir schlägt – das Blech fungiert als Dach eines Anbaus

am Wohnblock. Der Block trennt die Gladiolenstraße von der Brunnenstraße,
über der ich jetzt, im zweiten Stock, sitze u. schreibe u. von der ich blicken kann
zu den drei Türmen der orthodoxen Kirche Aussendung des Heiligen Geistes.
Die Achse zu der ein gutes Jahrhundert alten Dreifaltigkeitskathedrale

ergibt den Boulevard Transsilvanien. Den kreuzt der Boulevard der Revolution,
der das Krankenhaus beherbergt, in dem ich geboren wurde u. meinem Vater
nicht viel Zeit bleibt. Seinetwegen bin ich hier, unplanmäßig, aber absehbar.
Alles fußläufig von der Unterkunft. Was bleibt vom Aufenthalt?

Wenn er stirbt, komme ich bestimmt nicht wieder.
Verdreckter als früher der Mieresch u. der Ampoi, der in den Mieresch mündet,
niedriger als früher ihre Wasserstände. Verschwunden die am Straßenrand
ausgestellten, von Unfällen entstellten Karosserien, die abschrecken sollten

vor Fahren unter Alkoholeinfluss u./o. waghalsigem Überholen (nicht zuletzt
von Kutschen). Mehr geworden die Unfallkreuze, Passionswege,
wohin das Auge reicht. Gefühlt in jedem Block eine Praxis für Stomatologie –
ich hatte von Anfang an angenommen, Stomatologie komme von stomac,

rumänisch für Magen, u. Jahre im Glauben gelebt, es gehe um Magen-Darm,
denn die rumänischen Ess- u. Trinkgewohnheiten etc. pp., bis ich jetzt
auf der Fensterbank endlich recherchiere: Die Stomatologie, stoma, griechisch
für Mund, sei die Wissenschaft der Mund-, Kiefer- u. Zahnmedizin. In der BRD

vor 1989 habe sich der Begriff nicht durchsetzen können, anders als in der DDR.
DDR. SRR. Stomatologie. Eine weitere Wortwasserscheide zwischen Ost u. West.
Seine hellen Augenblicke im Krankenbett. Seine jung gebliebenen Hände.
Gitarrenspieler. Die Auswirkungen des Gitarrenspielens auf die Schlüsselbeine –

sein linkes war einst gebrochen. Sein freier Fall in Apathie. Glasiges Blicken
durch mich hindurch. Die Annahme der Ärztin, es könnte Magenkrebs sein.
Die Unmöglichkeit einer Diagnostik. Derart geschwächt, eine Magenspiegelung
könnte ihn umbringen. Das bisschen Freude darüber, dass er wieder isst.

Mein Einreden auf ihn, er solle nicht aufhören zu essen. Er braucht Spinat
wie Popeye der Spinatmatrose. Mein Unbehagen bei der Ankunft, ihn zu umarmen,
ihn auch nur zu umarmen. Meine Entfremdung von Vater u. vom sog. Vaterland,
was hier ja gar nicht passt, da er ein Ungar in R. ist, wenn auch dessen Staatsbürger.

Das Erblicken einer großen schwarzen Stelle auf seiner Zunge. Krebs vielleicht.
Ekel. Stomatologie. Parodontitis. Der völlige Verlust seiner Zähne Ende der 90er
u. seines Musikerberufs (neben Gitarre auch Stimme) – gehemmte Artikulation
der Liedtexte. Später Pförtner einer Psychiatrie. Die Kuren in Petersdorf

wegen der eigenen Psyche. Man solle ihm die Zahnprothese einsetzen,
wenn er begraben werde. Überall Apotheken. Windelkauf. Ständig seine Sorge
um den Geldbeutel. Armut. Seit nunmehr 24 Jahren schicke ich Geld aus D.
Anfangs heimlich Taschengeld, Mark. Grünlich gelb Bettina von Arnim. Bläulich violett

Carl Friedrich Gauß (der mit der Mütze). Bläulich grün Annette von Droste-Hülshoff.
Olivbraun Balthasar Neumann. Etc. pp. Seine fortgeschrittene Demenz. Mein Gedicht

Morbus Korsakow. Der Alkoholiker, Kettenraucher, Gewalttätige, Frauenschläger,
Traumatisierte, quasi Sohnverwaiste. Der Trotzallemkeinschlechtermensch.

Das literarische Potenzial der Trotzallemkeineschlechtenmenschen. Etc. pp.
Seine Geburt 1950 in Siebenbürgen, sechs Kilometer nördlich der Kleinen Kokel,
als R. noch VR war. Gheorghe Gheorghiu-Dej, Stalinisierung
Etc. pp.

Aus: DELFI. Magazin für Neue Literatur. #03. Herbst 2024, S. 69-71

Anmerkungen und Worterklärungen für Nachgeborene

Volksrepublik (VR)

Bezeichnung für mehrere sozialistische Staaten nach sowjetischem Vorbild nach 1945. In Rumänien hieß der Staat von 1947 bis 1965 „Rumänische Volksrepublik“. Der Begriff signalisiert formale Volkssouveränität, meinte faktisch aber eine Einparteienherrschaft unter kommunistischer Führung.


Sozialistische Republik Rumänien (SRR)

Staatsname Rumäniens von 1965 bis 1989. Die Umbenennung von „Volksrepublik“ zu „Sozialistische Republik“ markierte keinen Systemwechsel, sondern eine ideologische Akzentverschiebung unter Nicolae Ceaușescu. Die SRR blieb ein autoritärer Staat mit Partei- und Geheimdienstkontrolle.


Gheorghe Gheorghiu-Dej

Kommunistischer Politiker, Staats- und Parteichef Rumäniens von 1947 bis 1965. Er verantwortete die Stalinisierung des Landes: Kollektivierung der Landwirtschaft, Verstaatlichung, politische Säuberungen, Arbeitslager, Verfolgung von Oppositionellen und Minderheiten.


Stalinisierung

Übertragung des politischen, wirtschaftlichen und repressiven Systems der Sowjetunion unter Stalin auf andere sozialistische Staaten. Kennzeichen:

  • Personenkult
  • Zwangskollektivierung
  • Geheimpolizei
  • politische Prozesse
  • Einschränkung von Sprache, Mobilität und Bildung
    In Rumänien besonders stark in den 1950er Jahren.

Siebenbürgen

Historische Region im heutigen Rumänien, ethnisch und kulturell vielschichtig (Rumänen, Ungarn, Deutsche/Siebenbürger Sachsen). Nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der VR Rumänien; Minderheiten standen unter Assimilations- und Anpassungsdruck.


„Ungar in R.“

Verweist auf die ungarische Minderheit in Rumänien. Diese lebte im Sozialismus oft in einem Spannungsfeld aus Staatsbürgerschaft und kultureller Marginalisierung. Nationale Zugehörigkeit war politisch sensibel und konnte biografische Brüche erzeugen.


Stomatologie

In vielen sozialistischen Ländern – ebenso in der DDR – gebräuchliche Bezeichnung für Zahn- und Mundheilkunde (vom griechischen stóma = Mund). In der BRD setzte sich der Begriff Zahnmedizin durch. Das Wort fungiert im Text als Marker einer ostsozialistischen Bildungssprache.


Boulevard der Revolution

Typischer Straßenname in postsozialistischen Staaten, meist benannt nach der Revolution von 1989, die in Rumänien zum Sturz des Ceaușescu-Regimes führte. Solche Benennungen überschreiben ältere ideologische Topographien.


Petersdorf (Kuraufenthalte)

Kuren waren im Sozialismus verbreitet und oft staatlich organisiert. Sie dienten offiziell der Arbeitsfähigkeit, zugleich aber auch der Disziplinierung und Ruhigstellung psychisch oder sozial Auffälliger.


Mark (DM)

Westdeutsche Währung vor Einführung des Euro. Geldsendungen aus dem Westen waren für viele Familien in Ost- und Südosteuropa existenzsichernd. Sie markieren materielle wie emotionale Abhängigkeiten über Systemgrenzen hinweg.


„Morbus Korsakow“

Alkoholbedingte neurologische Erkrankung mit schweren Gedächtnisstörungen. In osteuropäischen Nachkriegsgesellschaften häufig, bedingt durch:

  • Alkohol als Bewältigungsstrategie
  • fehlende Therapieangebote
  • soziale Marginalisierung

ein Geier hockt im Garten

160 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Ludwig Fels 

(* 27. November 1946 in Treuchtlingen; † 11. Januar 2021 in Wien)

Ein Geier im Garten
für Malcom Lowry

Ich weiß nicht, ich weiß nicht
ein Geier hockt im Garten
jetzt, mitten in der Nacht
ich grüße ihn, er flattert mit den Flügeln
wetzt seinen Schnabel am eisigen Boden
das Geräusch treibt mich zurück ins Haus
ich werfe ihm Bücher und Knochen vor
aber alles verschmäht er
als habe er gar keinen weiten Weg zurückgelegt
ich schreie durchs Fenster, er fliegt nicht davon
hockt da und hackt sich in die Federn
kühlt seinen Schnabel im Schnee
es ist alles da, ich und die Welt am alten Platz
jetzt noch Hufspuren von Kamelen
dann bin ich verrückt oder in Urlaub
ich weiß nicht, was mir lieber wäre
kein Teppich segelt vorbei
nur der Geier hockt im Garten
mit blauem Hals und tränenroten Augen
wartet auf die Sonne
fliegt gegen Morgen müde davon.

Aus: Ludwig Fels: Blaue Allee, versprengte Tataren. Gedichte. München • Zürich: Piper, 1988, S. 98

Ich suche allerlanden eine Stadt

Else Lasker-Schüler 

(geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem)

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandele immer in die Nacht…
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt,
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

1917

aus: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. München: Kösel, 1984, S. 167

Wenn es auf Weihnachten geht

168 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Sarah Kirsch 

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Harz; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))

Zwischenlandung

Wenn es auf Weihnachten geht
kehren die Dichter
zu ihren tüchtigen Frauen zurück
Ach was sind sie das ganze Jahr
über die Erde gelaufen
was haben sie alles gehört was
nachgedacht, ihre Zeitung geschrieben
durch Fabriken gestiegen, den Kartoffeln
brachten sie menschliche Umgangsformen bei, sahn
dem Rauch nach der kriecht und steigt
sie haben alles geschluckt manchmal Manhattan-
Cocktails wegen des Namens, sie verschärften
den Klassenkampf meditierten
über das Abstrakte bei Fischen, bis eines Tags
durch ihre dünnen Mäntel die Kälte kommt
Sehnsucht
nach einem wirklichen Fisch in der Schüssel
sie jäh überfällt und Erinnrung
an die Frau die sich am Feuer gewärmt hat
da bleibt
der Zorn in den großen Städten zurück, sie kommen
mit seltsamen Hüten für ihre Kinder
spüln sogar Wäsche spielen Klavier, bis
sie es satt haben nach Neujahr, da
brechen sie Streit vom Zaun, gehen erleichtert
weg in den Handschuhn von unterm Weihnachtsbaum

Aus: Sarah Kirsch: Landaufenthalt. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1967, S. 74

Mein Vater hat mich sehr geliebt

Shen Haobo (沈浩波)

Mehr als das Leben

Mein Papa hat mich sehr geliebt, man kann sogar sagen, mehr als mein Leben. Seine Liebe war stark, wenn er mich schlug, zuckten die Muskeln in meinem Gesicht. Eine Ohrfeige nach der anderen, bis ich Sterne sah. Aber er war bei Weitem nicht der grausamste Vater. Ein Kollege von meiner Mama, der alte Huang von der Schulverwaltung, der hatte nur ein einziges Kind, das war sein Augapfel. Er fuhr immer herum mit seinem Fahrrad und suchte seinen Sohn. Bei einem Billardtisch an der Straße sah er seinen Sohn mit dem Cue in der Hand, ganz ins Spiel vertieft. Da fuhr Herr Huang in seiner Wut mit seinem Fahrrad hinein, sodass sein Sohn auf die Straße flog.

Mondneujahr in meiner Kindheit

Damals war das Frühlingsfest irgendwie einfach und frisch. Das nächtliche Krachen, man sticht alten Lehm auf, darunter kommt unberührt schwarze Erde hervor. Junge Leute in neuen Kleidern mit blaugefrorenen Wangen schwingen die Arme auf dem Weg in die Marktstadt. Die frische Erde, die frischen Kleider, Salpeter und Schwefel. Ich mag die Gerüche und fühle mich einsam.

Zusammengebunden

Li Qiaoling, eine Kollegin von meinem Vater, ist oft bei uns vorbeigekommen, um mit meiner Mutter zu plaudern. Sie reden und reden, dabei kommen sie auf eine andere Kollegin meines Vaters, die heißt Lin Huahua. Und eines Tages sagt Li Qiaoling zu meiner Mutter in ernstem Ton, du musst wirklich aufpassen. Der alte Shen und Lin Huahua, da hört man draußen schon lauter Geschichten. Meine Mutter sagt aufgeregt: „Ich werd es erst glauben, wenn man die beiden zusammengebunden zu mir bringt!* Und Li Qiao-ling erstarrt, sie erstarrt nicht nur, sie beginnt zu weinen. Als Li Qiaoling jung war, wurde sie einmal mit einem anderen Mann zusammengebunden und vor ihren Mann gebracht.

1989, Heftige Diskussionen unter den Lehrkräften

In den paar Monaten seh ich sehr viele Male, wie Papa und Mama mit den anderen Lehrkräften in ihren Schulen zusammenstehen und diskutieren. Das war bewegend. In unserer entlegenen Landmittelschule mit diesen Lehrkräften, die sich sonst spöttisch „die kleinen Intellektuellen“ nennen, dass so etwas aufwallt in ihren Mienen. Das war dann natürlich auch das letzte Mal. Nach jener Nacht, die nicht erwähnt wird, sind sie zum Schweigen zurückgekehrt.

Schüsse

Sie fahren mit den Rädern und lachen in den Wind. Einer lässt die Lenkstange los, greift in den Himmel. Das ist ihre Jugend. Die Schüsse erschallen ein paar Tage später. Ich sitze im Kaffeehaus im Eck, seh auf dem Handy Filme von damals. Ich seh diese achtzehn-, neunzehnjährigen Kinder zum Tor des Himmlischen Friedens radeln. Ein leichter Wind fährt in ihre Hemden, ein leichter Wind zerzaust ihre Haare. (Gewidmet den jungen Leuten von 1989)

Aus dem Chinesischen von Martin Winter. Aus: Shen Haobo, In China dichten. Über die ersten zwanzig Jahre meines Lebens, 1976 bis 1995 (…). Eine Erinnerung in sechsundzwanzig Teilen. FAZ vom 13.12., Bilder und Zeiten, S. Z 5.

Er hat es nötig

286 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Ruth Berlau (* 24. August 1906 in Kopenhagen; † 16. Januar 1974 in Ost-Berlin) war eine dänische Schauspielerin, Schriftstellerin und eine der wichtigsten Figuren im engeren Arbeitskreis von Bertolt Brecht. Seit dem Ende der 1930er Jahre lebte und arbeitete sie eng mit Brecht zusammen – im Exil ebenso wie nach der Rückkehr nach Europa – und war über Jahre hinweg sowohl seine Geliebte als auch eine zentrale Mitarbeiterin.

Berlau wirkte an Inszenierungen, Übersetzungen, Notaten und Werkstatttexten mit, führte Arbeitsjournale, protokollierte Gespräche und lieferte vielfach Anstöße für Texte, die später unter Brechts Namen bekannt wurden. Zugleich schrieb sie eigene Gedichte und Prosatexte, in denen sich persönliche Erfahrung, politische Haltung und die konfliktreiche Nähe zu Brecht spiegeln. Ihre Beziehung war geprägt von intensiver Zusammenarbeit, emotionaler Abhängigkeit und künstlerischer Nähe – ein Spannungsverhältnis, das sich auch in ihrer Lyrik niederschlägt und ihr Werk bis heute untrennbar mit dem Brecht-Kontext verbindet, ohne darin aufzugehen.

1950/51 endete die Liebesbeziehung – Berlau sagt, sie wurde nicht beendet, sondern entzogen. Dieses Gedicht ist eine ihrer Reaktionen.

MEIN HEIZER

Siebzig Jahre alt ist mein Heizer.
Doch er muß knorke sein, er hat
einen siebenjährigen Sohn.
„Er hat keine Hosen«, sagt mir
mein siebzigjähriger Heizer.

Morgen wird der große deutsche Dichter
dreiundfünfzig – ich
werde ihn nicht sehen. Aber Hosen
schenk ich meines Heizers Sohn
im Namen Bertolt Brechts.
Damit feiere ich
des großen deutschen Dichters
Geburtstag.

Soviele Leute wird er um sich haben,
doch keinen einzigen wie meinen Heizer.
Seine Leute haben Hosen.

Mit ihm ging ich, weil er schrieb:
»Sehen wir uns wieder, will
ich gern wieder in die Lehre gehn.«
Er hat es nötig.

(9. Februar 1951)

Aus: Brechts Lai-Tu. Erinnerungen und Notate. Von Ruth Berlau. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Bunge. Darmstadt: Luchterhand, 1985 (2. Aufl.), S. 271.

Die Crux mit dem was war was ist

143 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Dieter Schlesak

(* 7. August 1934 in Sighișoara, Rumänien; † 29. März 2019 in Camaiore, Italien)

Und alles ist so wie es ist 
alles ist unerschütterlich so wie es ist
alles ist wie es gekommen ist
alles ist wie es kommen mußte
alles ist wie es wirklich kommen mußte

alles ist wirklich
alles ist so
alles ist
alles

Nichts ist so wie es ist
Nichts ist unerschütterlich so wie es ist
Nicht ist so wie es gekommen ist
Nicht ist so wie es kommen mußte
Nichts ist wirklich
Nichts ist so
Nichts ist

Nichts

ist so wie es ist ist
unerschütterlich so wie es ist
ist so wie es gekommen ist
ist so wie es kommen mußte
ist so wie es wirklich kommen mußte
ist wirklich
ist so
ist.

Aus: Dieter Schlesak: Landsehn. Gedichte. Berlin: Galrev, 1997, S. 6

Bei Wikipedia über Verstrickungen und Verwirrungen.

Der gedichteproduzierenden Industrie

Thomas Glatz

Riechen Sie es auch?

Riechen Sie es auch?
Jedes Gedicht
Verströmt einen
Ihm eigenen
Charakteristischen
Geruch
Dieses hier
Riecht nach
Vanille und Essig.

Nein, ich rieche nichts.
Ich glaube da nicht so recht dran.
Das ist doch nur eine weitere Lüge
Der gedichteproduzierenden Industrie!

Aus: Am Erker. Zeitschrift für Literatur Nr. 89. (Elektrische Fische. Der Lyrik-Erker), S. 10

Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte

181 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Elke Engelhardt

Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte


Mein Großvater war eine Birke. Er schnitt die Worte sorgfältig in gleichlautende Rechtecke. Dann verwahrte er sie in einem Karton aus Birkenrinde. Wenn seine Enkel sehr lange sehr stumm und leise zu seinen Füßen gesessen hatten, durften sie einen Blick in den Kasten werfen. Manchmal geschah es bei solchen Gelegenheiten, dass ein Blick in die Kiste fiel und dort gefangen blieb, während ein Wort entwich. Dann kreiste das Wort befangen zwischen den stummen Kindern umher. Letztendlich schlüpfte es immer dem Kind in den nur leicht geöffneten Mund, dessen Blick in der Schachtel gefangen war.

Es gab Ausnahmen.

Es gibt immer Ausnahmen, sagte meine Großmutter, außer wenn es ans Sterben geht. Der Tod stiehlt uns unsere Eigenarten. Er stiehlt uns restlos alles, womit wir uns auszeichnen könnten. Am Ende sind wir alle Leichen.

Das war die Art, in der die Großmutter schwieg. Und der Großvater war eine Birke.

Aus: Literaturbote 145 (das letzte Heft), September 2024, S. 145

Die Zeitschrift wurde vom Hessischen Literaturforum Mousonturm e.V. herausgegeben. Dieses Heft wurde von Beate Tröger zusammengestellt.

Verfluchte deutsche Schreckensgedanken

536 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.

Juliette Pary ist heute nahezu unbekannt. 1946 erschien in Paris ein schmaler Gedichtband in deutscher Sprache – An die Deutschen –, veröffentlicht unter dem Pseudonym Julia Renner. Das Buch wurde damals in Deutschland nicht wahrgenommen. Erst in diesem Jahr veröffentlichte Andreas Kelletat einen Nachdruck.

Hinter dem französischen Namen verbirgt sich die 1903 in Odessa geborene jüdische Schriftstellerin Julia Gourfinkel, die in Russland aufwuchs, seit den 1920er Jahren in Paris lebte, als Übersetzerin, Journalistin und Reformpädagogin arbeitete und während der NS-Zeit in der jüdischen Kinder- und Jugendrettung aktiv war. Sie schrieb diese Gedichte im Schweizer Exil – nicht auf Französisch, nicht auf Russisch, sondern auf Deutsch – der Sprache der Täter.

Die Gedichte entstanden 1944 in Les Pléiades oberhalb des Genfersees. Pary selbst sprach später von einer unerklärlichen Inspiration: Für ihre Prosa war ihr das Französische selbstverständlich, für ihre Lyrik jedoch schien ihr allein das Deutsche geeignet. In An die Deutschen begegnen sich Anklage, Trauer, Zorn, Bitterkeit, jüdisches Selbstbewusstsein und ein erschütterndes historisches Wissen aus unmittelbarer Nähe. Es sind Gedichte einer Überlebenden, die den Mord an den europäischen Juden nicht aus der Distanz kommentiert, sondern aus der ganzen Erfahrung der Zeitgenossenschaft. Über ihre Entstehung sagt sie:

»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].«

Das folgende Gedicht stammt aus diesem Band. Es ist Teil eines außergewöhnlichen, widersprüchlichen und sprachlich eigenwilligen lyrischen Dokuments der Nachkriegszeit – geschrieben von einer Autorin, deren Stimme erst jetzt langsam hörbar wird.

Juliette Pary

(* 6. August 1903 als Julia Gourfinkel in Odessa, damals Regierungsbezirk Neu-Russland, † 1. Oktober 1950 in Vevey, Schweiz)

ES KOMMEN MIR
Wotan-Gedanken,
Verfluchte deutsche
Ahnungs-Schrecken-Gedanken.
Zittrige, fahle,
Blutige.
Wie viel von Unsern,
Wie viel von Euern
Sterben noch,
Damit Ihr hört
Auf unsre Stimme,
Auf unsre tote,
Rächende Stimme?
Die Stimme von Wilno,
Die Stimme von Warschau,
Die Stimme vom Ghetto,
Das Ihr gestürmt.
Mit Tanks und Bomben,
Mit Donner und Feuer,
Mit Braun-Kolonnen
Habt Ihr gestürmt
Die letzten Juden,
Die sich verteidigt
Fast ohne Waffen
In wilden Schlachten,
Die letzten Kämpfer
Habt Ihr erwürgt.
Im Polenlande,
In Todeszügen,
In Eisenzügen,
Vom Tod benannt,
Erstickten Menschen
Dumpf ohne Luft,
Fest aneinander
Gepresst, zerpresst
Von luftlos heißem
Erstickungstod –
Wo Kind an Mutter
Gedrückt gestorben,
Sie sah es sterben
Im letzten Krampf.
Muss ich auch sterben?
In grausen Grüften
Lebendge Juden,
Von Euch begraben,
Sich noch bewegen
Unter der Erde,
Die zugeschüttet
Von Eurer Hand.
Das habt Ihr Deutschen,
Ihr habt’s getan.

Durch Eure Nazis,
Die Euch verhext.

Ihr braunen Nazis,
Braun zum Erbrechen,
Schwarzbraungelbblutig,
Ihr seid noch da!
Ich will Euch töten.
Wie mit den Taten,
So mit der Schrift.
In Eurer Sprache
Will ich Euch töten,
In Eurer Sprache
Erklingen mir
Die Ahnungsverse
Aus Deutschlands Seele,
Die wund und wehe
Mit meiner Seele
So tief vermischt.

Aus: Juliette Pary: An die Deutschen. Paris 1946 (unter dem Pseudonym Julia Renner). Neuausgabe, hrsg. Andreas Kelletat. Mannheim: persona Verlag Lisette Buchholz, 2025, S. 11-13

Schwarze Sonne

109 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Christoph Meckel 

(* 12. Juni 1935 in Berlin; † 29. Januar 2020 in Freiburg im Breisgau)

Ballade

Ich rufe eine schwarze Sonne, schrie
der Hahn im weißen Dampf auf schwarzem Mist.
Geschrei verscheuchte Schlummer aller Höfe.

Die Schwalben stoben in den kalten Regen
der Maulwurf tappte blind durch nasse Blumen
und Ochsen stampften brummend aus den Ställen.

Und Mägde rannten barfuß in die Wälder
und Knechte ritten fort auf alten Gäulen –
der Bauer weinte wild: ach Hahn, mein Hähnchen!

Da hinter siebenfachem Regen stieg
die Sonne schwarz und schnell, stand ohne Laut,
und krachte finster auf die Ebenen nieder.

Aus: Neue deutsche Erzählgedichte. Gesammelt von Heinz Piontek. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1964. – Neuausgabe München: Schneekluth, 1980, S. 325

Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen… General!

434 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Der Dichter Klabund (eigentlich Alfred Henschke, * 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos) hat in seinem kurzen Leben mehr als 70 Bücher veröffentlicht, darunter Gedichtbände, Romane, Schauspiele und Übersetzungen – meist aus Sprachen, die er nicht sprach. Er übersetzte persische, japanische und chinesische Gedichte nach deutschen, französischen oder englischen Vorlagen. Zur Entstehung seines ersten Buchs mit Nachdichtungen chinesischer Lyrik, „Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik“ (es erschien zuerst 1915 bei Insel, mein Exemplar ist aus dem 36. bis 45. Tausend 1952) sagt eine Anekdote, er habe 1915 (!) die Nachdichtungen Hans Bethges („Die chinesische Flöte“) gehört und spontan gesagt, das müsse man „anders übertragen“. Tatsächlich hat er systematisch besonders französische Quellen studiert und begonnen nachzudichten. Der Erfolg seiner Nachdichtungen bei den Lesern trotz mancher kritischer Stimmen von Rezensenten scheint ihm recht zu geben. Hier heute ein Lied daraus, gefolgt von einer von Fachleuten gerühmten philologisch korrekten Übersetzung. Es handelt sich um ein Lied aus der ältesten chinesischen Lyrikanthologie, bekannt als Schi-King, von der die Überlieferung sagt, kein Geringerer als Konfuzius habe die Auswahl getroffen.

KLAGE DER GARDE

General!
Wir sind des Kaisers Leiter und Sprossen!
Wir sind wie Wasser im Fluß verflossen ...
Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen...
General!

General!
Wir sind des Kaisers Adler und Eulen!
Unsre Kinder hungern... Unsre Weiber heulen...
Unsre Knochen in fremder Erde fäulen ...
General!

General!
Deine Augen sprühen Furcht und Hohn!
Unsre Mütter im Fron haben kargen Lohn ...
Welche Mutter hat noch einen Sohn?
General?

Aus: Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik von KLABUND. Wiesbaden: Insel-Verlag, 1952 (IB 183), S. 5

Der Sinologe Wilhelm Gundert wählte in seinem zuerst 1958 bei Hanser (später auch als dtv-Taschenbuch) erschienenen Band auch dieses Gedicht aus, in der Übersetzung von Victor von Strauß, über die er sagt: „Die meisterhafte Übertragung des lippischen Kabinettsrats Victor von Strauß wahrt mit äußerster Treue Wortlaut und Versform.“

Klage der Garden über ihre ungehörige Verwendung.¹

Reichsfeldmarschall!²
Wir sind des Königes Gebiß und Krallen.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo kein Verweilens bleibt uns Allen?

Reichsfeldmarschall!
Wir sind des Königs Krallen und Soldaten.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo wir an’s Ende nie gerathen?

Reichsfeldmarschall!
Fürwahr du thust nicht weise.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Daß Mütter müh’n sich müssen um die Speise?³

¹ Die Garde wurde gegen das Herkommen in dem unglücklichen Feldzuge gegen die nördlichen Gränzstämme im Jahre 788 v. Chr. verwendet.
² Er war zugleich Kriegsminister.
³ Weil die Söhne für sie nicht sorgen können.

Quelle: Lyrik des Ostens: China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv, 1962, S. 18

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Nachwasser

317 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

„Nachwasser“ von Frieda Paris ist ein langes Gedicht. Das Buch hat 136 Seiten, es enthält ein einziges Gedicht aus 111 nummerierten Absätzen. Die Nummerierung erleichtert innertextliche Bezüge, so beginnt Abschnitt 28: „ich schrieb in 9“. Lesende können leicht hin- und hersuchen, den Bezügen folgen und eigene herstellen. Das Wort Nachwasser kommt häufig vor, irgendwann wird erklärt, dass es den Nachlass der Dichterin Friederike Mayröcker meint, den sie während der Arbeit am Langgedicht einsieht – oder ist das Hineinsehen in Nachlasspakete das Gedicht selbst? Ist das Gedicht das Entstehen des Gedichts? In 6 schreibt sie:

ein Ausrufezeichen an all jene, die mich gefragt haben, ob ich denn je etwas anderes schreiben würde, als über das Schreiben

nein! ich schließe das Schreiben nie aus, beziehe es ein, stehe in Beziehung zu meinem Schreiben, ihm gegenüber wie mich umgebenden Personen

diese Beziehungen bedeuten Hinwendung, Aufmerksamkeit

Als Gedicht des Tages heute zwei leicht zuordbare Abschnitte.

Frieda Paris

Aus: Nachwasser

60 ich liege in großen Fragen:

aber werde ich denn noch lieben? (Elke Erb)

werde ich heute schreiben können? (Friederike Mayröcker)

lege meine Frage dazu

was darf ein Gedicht?

84 Text mit Thesen, lege meine dazu (ist gleich
Thesenerweiterung zu Walter Höllerer)

das lange Gedicht ist begehbar, erlaubt Rast
und Aufbruch, dort wo das kurze schon vorbei ist

das lange Gedicht entzieht sich Linearitäten
zugunsten neuer Lektürebewegungen für seine Lesenden

das lange Gedicht versucht Abdrücke von Wirklichkeit

das lange Gedicht gibt ständig zu, ein langes Gedicht zu sein,
es macht auf sich aufmerksam (es winkt)

das lange Gedicht fragt nach dem Weg,
gleichzeitig möchte es Wegbeschreibung sein

das lange Gedicht ist Container für Material und
verwertet, was im kurzen keinen Platz findet

das lange Gedicht stellt sich und Gelingen aus
(putzt sich heraus, Gefieder)

das lange Gedicht macht Platz für Nachbarschaften
tbc.

Aus: Frieda Paris: Nachwasser. Berlin und Dresden: AZUR bei Voland & Quist, 2024, S. 8, 92, 120.

Süß

83 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Christine Busta

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Kleiner Merkvers für Liebende

Wenn du bei mir liegst, mußt du leise sagen:
»Rühr meine Schulter an, die Hüfte und das Knie.«
Ich würde sonst so Süßes niemals wagen.

Wenn du mich anrührst, sollst du gar nichts sagen,
sonst hörst du jenen scheuen Vogel nie,
der lautlos schon in meinen Kindertagen
nach einer Hand, so süß wie deine, schrie.

Aus: Poesiealbum 380. Christine Busta. Auswahl Jürgen Israel. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2023, S. 9

Polydora

271 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Georg Friedrich Daumer (* 5. März 1800 in Nürnberg; † 13. Dezember 1875 in Würzburg, Pseudonyme: Dr. Amadeus Ottokar, Eusebius Emmeran) war ein deutscher Religionsphilosoph und Lyriker. Bekannt wurde er auch als Erzieher von Kaspar Hauser. https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Daumer

Bekannt wurde er auch als Sammler und Nachdichter (z.B. Hafis, Volkslieder vieler Länder). Aus einer wunderlichen Sammlung: Polydora. Ein weltpoetisches Liederbuch. Literarische Anstalt, Frankfurt am Main 1855, hier 3 Beispiele aus 2 oder 3 Sprachen, die sich nicht so genau nennen lassen. Das erste handelt von der Liebe, und die beiden anderen? Wohl eher von mythischem Geschehen am baltischen Götterhimmel. Die Sonne und irgendwelche himmlischen Söhne und Töchter sowie Perkun, der Himmels- und Gewittergott, sind die Protagonisten. Geht es da lustig zu oder gar blutig? Jedenfalls leicht, fremd und von archaischer Bildkraft.

Ruthenisch
aus Galizien.


Es traten ein zu meiner Pforte,
Um mich zu freien, drei Gesellen;
Der eine gab mir schöne Worte
Und schöne Bänder, zwanzig Ellen.

Süß tönet’ auch des andern Bitte,
Dazu beschenkt’ er reich mit Golde;
Nur eine Rose gab der dritte,
Und sagte nichts, der Wunderholde.

Ich ließ die Bänder, ließ die Schätze;
Der war so häßlich, der so lose.
Ich merkte nicht auf ihr Geschwätze;
Ich wandte mich und nahm die Rose.
Lettisch-littauische
Volkspoesie.


II.
Die Sonne scheint so finster heut;
Was hat man ihr zu leid gethan?
Die Söhne Gottes fuhren ihr
Die Töchter auf der Schlittenbahn
Und warfen um, die heftigen,
Im Fahren überkräftigen,
Und schleuderten die Mägdelein,
Die zarten, in den Schnee hinein.
III.

Perkun wetterte,
Perkun schmetterte
Nieder die Eiche, so grün und breit —
Ach, wie Leid
Ist mir um die gute!
Mir besprengt
Kranz und Kleid
Wurde von ihrem Blute.