157 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Florian Kranz
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg
Der Tag ist ein Topf: Wir erwachen elend im
Winter, der nie schweigt. Dort ein Apfel am
einsamen Erlenpfad, dort, weit wichtiger,
die Schneegewitter am Wipfelrand – in Rot,
denn der Planet schreit oft. Im Ei war ewig
meine Plage frei schattiert worden, Wind
trat empor, die Lawine weint – freches Ding.
Welch ein Dampf einen wieder tritt! Sogar
der arme Tod stapft weinerlich weg, in ein
Wort mit weniger Licht. Da – der Napf; ein See,
der Tang erpicht wirft, wie die namenlose
Piratenwitwe, deren Leiche sanft modrig
im Dorfe liegt. Ich warte an den Pisten. Wer
litt, wer mag ich sein? Wanderer? Feind? Poet?
Anagrammgedicht aus einer Zeile des Gedichts »An Anna Blume« von Kurt Schwitters
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023. Herausgegeben von Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2023, S. 41
Kranz, Florian, * 1994, lebt in Brüssel. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
249 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Kurt Schwitters
(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
An Anna Blume. Merzgedicht 1
O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! – Du deiner
dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist – – bist du? – Die Leute
sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm
steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf
den Händen wanderst du.
Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot liebe ich Anna
Blume, rot liebe ich dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage: 1. Anna Blume hat ein Vogel.
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier, ich liebe
dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir, – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die Glutenkiste.
Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt du es, Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen,
du bist von hinten wie von vorne: „a-n-n-a“.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!
Erstveröffentlichung 1919.
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104 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Robert Gernhardt
(* 13. Dezember 1937 in Tallinn, Estland; † 30. Juni 2006 in Frankfurt am Main)
Deutung eines allegorischen Gemäldes
Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer –
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?
Des ersten Wams strahlt
blutigrot –
das ist der Tod
das ist der Tod
Der zweite hält die
Geißel fest –
das ist die Pest
das ist die Pest
Der dritte sitzt in
grauem Kleid –
das ist das Leid
das ist das Leid
Des vierten Schild trieft
giftignass –
das ist der Hass
das ist der Hass
Der fünfte bringt stumm
Wein herein –
das wird der
Weinreinbringer sein.
Aus: Ich bin so knallvergnügt. Gedichte, die fröhlich machen. Herausgegeben von Clara Paul. (insel taschenbuch 4356) Berlin: Insel, 2015, S. 120
85 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Tom Nisse
FREUND ICH STELLE FEST
Es gibt Abende wo
ich es vorziehe
über Revolutionen statt
über Hunde zu sprechen
man beschnuppert sich und
eines Morgens stelle ich
verdutzt fest die Nase
die Nase Tristan Tzaras
ragt aus den Regalen
und mein Wunsch wäre es
auch weiterhin diesen Schönheitsfleck
fast unversehrt zu küssen.
Aus dem Französischen von Jérôme Netgen, aus: Tom Nisse: Dass ich dich so beschnuppere. Gedichte aus dem Französischen. Köln: parasitenpresse, 2012 (Gedichte aus Belgien, Luxemburg und den Niederlanden / parasitenpresse benelux, Nr. 3), S. 4.
156 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Jayne-Ann Igel
***
»Jedes wort birgt einen widersinn in sich« notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tiers vor augen hatte, daß also auch der fluß nichts anderes als eine wesenheit, die sich auf ihren läufen fortbewegt durch raum und zeit, über stock und stein, wie es oft heißt, auf läufen, die ermüdet und kalt, bläulich verfärbt – Das wasser läuft, man läßt es laufen, das gezähmte im hause, manchmal sieht man es überlaufen, und ich stellte mir vor, daß es ein tausendfüßler, der in fließender bewegung, gleich der rede, die in fluß geraten, aus anfänglichem stocken und stolpern erlöst, einem stottern… immer dies gehen, dies sich festhaken an einem wort, das vielfüßig sich behauptet, im vers, dies buchstabieren von neuem …
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 119
113 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Ror Wolf
(* 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale, Thüringen; † 17. Februar 2020 in Mainz)
Dritter unvollständiger Versuch
das Leben zu beschreiben
Zweiunddreißig, Juni, nachts zwei Uhr,
als ich nass aus meiner Mutter fuhr,
als ich stumm aus meiner Mutter kroch,
aus dem einen in ein andres Loch,
aus dem Fleisch heraus hinein ins Leben,
sagte man zu mir: So ist das eben.
Im November nachts Zweitausendeins
lag ich nackt und aufgeschlitzt in Mainz,
tief im Blut und alle Tropfe tropften,
die Kanülen, die Katheter klopften,
alles floß hinein in das Plumeau,
und man sagt zu mir: Das ist halt so.
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 25f
141 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Hermann Kükelhaus
(* 4. August 1920 in Essen; † 30. Januar 1944 in Berlin)
Ich habe zweierlei Gesicht,
doch ganz genau weiss ich das nicht.
Ich habe rechts und links ein Bein –
O, welches mag das bessre sein?
Auch von den Seelen hätt' ich zwei –
die eine sei ihr Konterfei
und sitze tiefer als die andre –
und überhaupt: die Seele wandre.
Hätt' ich ein Auge, weiss wie Schnee,
mir täten keine Farben weh –
Die Erde sei, weiss Gott, fast rund –
nur schöner wär' ein Mädchenmund.
Und manchmal ist der Himmel blau,
wenn Sonne scheint – sonst ist er grau.
Wie kommt es nur auf dieser Welt,
dass man sich auf die Füsse stellt? –
Der liebe Gott mög' uns verzeihn,
es frisst der Mensch, um Mensch zu sein.
Aus: Hermann Kükelhaus: … ein Narr der Held. Briefe und Gedichte. Herausgegeben von Elizabeth Gilbert. Vorwort von Hugo Kükelhaus. Zürich: Diogenes, 1964, S. 71f
Hans Benzmann (* 27. September 1869 in Kolberg; † 7. Januar 1926 in Berlin) war ein deutscher Lyriker. (…) Johannes Heinrich Wilhelm Benzmann war der Sohn des militärischen Zahlmeisters Heinrich Benzmann und dessen Ehefrau Anna, geb. Noffke. Als er sechs Jahre alt war, starb seine Mutter. Er besuchte die Gymnasien in Kolberg und ab 1880 in Thorn, wohin der Vater versetzt worden war. Ab 1890 studierte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, danach wurde er durch die Königliche Universität zu Greifswald zum Dr. phil. promoviert. Er arbeitete als Beamter im Reichsamt des Innern und ab 1906 als Archivar im Reichstag. (…) Benzmann wurde auf dem Friedhof Steglitz in Berlin beigesetzt. https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Benzmann
Heute vor 100 Jahren starb in Berlin der Lyriker und Anthologist Hans Benzmann. „Ein sehr ernst zu nehmendes lyrisches Talent“, urteilte Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts (1913). Aber wie es geht, nach seinem Tod geriet er bald in Vergessenheit und ist heute, wenn überhaupt, eher als pommerscher Autor denn als Berliner bekannt.
Aber man kann ja auch mal ein Gedicht von einem nicht so großen Dichter lesen.
Ihr und ich.
Ihr geht in Opern, ihr besucht Konzerte,
Ihr gafft euch satt in Bildergallerien –
Ich schlüpf‘ wie eine muntere Lacerte
Am liebsten durch's Gewühl der Menschen hin!
Wo Wagen rasseln, Peitschen lustig knallen,
Wo dröhnend schnauft das Dampfes Eisenpferd,
Wo tausend Menschen, arm‘ und reiche, wallen
im Strudelstrom der Zeit, im Arbeitsherd,
Da packt mich recht ein inniges Gefallen,
Da eil’ hin und tauche meinen Blick
In dies und das Gesicht, und nehm’ von allen
Ein Bild, helldunkel, dieser Zeit zurück!
Ihr schaut das Bild, ich blicke in die Herzen,
Und der Reflexe bunter Farbenschwall
Und all' das Elend, all die tausend Schmerzen,
Sie finden in mir langen Widerhall!
Ihr lest Romane zum Dessert nach Tische,
Ihr träumt in fremde Leiden euch hinein,
In Liebesglück, und faule oder frische
Gefühle und Gedanken schlürft Ihr ein! …
Mein Leben ist voll Leidenschaft und Leiden,
Voll Glück und Not, wohl selber ein Roman:
Ein Kämpfen, Siegen, Bluten und Verscheiden,
Und niemals, wünsch' ich, soll die Ruhe nah'n!
Ihr liebt die Ruhe – friedeloses Kämpfen
Ist meine Lust und meines Lebens Quell,
D'raus unter blutig heißen Schmerzensdämpfen
Der Lieder Strom entspringt bald trüb, bald hell.
Ihr seid die Herde, die nach alter Sitte
Auf grüner Flur behaglich wiederkäut.
Die, wenn sich einer von der goldnen Mitte
Verliert. Verdammnis, Schuld und Sühne schreit!
Mein Eigner will ich sein, die ganze Fülle
der Keime in mir will ich wachsen sehn –
Ein wilder Wald voll rätselhafter Schwüle,
Voll Unkraut will ich in die Höhe gehn!
Aus: Hans Benzmann, Im Frühlingssturm! Erlebtes und Erträumtes. Großenhain und Leipzig: Baumert & Ronge, o.J. , S. 161f
201 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Axel Kutsch
(* 16. Mai 1945 in Bad Salzungen; † 30. Juli 2025)
Selbstgespräch
Im späten Sommer
bist du angekommen.
Durch frühe Nebel siehst
du schon verschwommen
den Herbst. Du weißt,
du kannst ihm nicht entfliehn.
Er wird dich morgen
in die Tage ziehn,
da unaufhörlich Blätter
von den Bäumen fallen.
Alternder Narr, hör
endlich auf zu lallen.
Versinke nicht im trüben
See der Traurigkeit.
Daß dich der Herbst erwischt,
ist nur der Lauf der Zeit.
Laß doch die Blätter fallen.
Du änderst nichts daran.
Die Tage werden kälter.
Zieh dich wärmer an.
Neben vielen Texten, aus denen hintergründiger Humor, fein skizziert, hervorlugt, hat Axel Kutsch gesellschaftskritische Gedichte, aber auch selbstbesinnliche geschrieben. Das „Selbstgespräch“, noch in alter Schreibweise, vor langen Jahren im Bändchen „Stille Nacht nur bis acht“ zählt zu den schönsten. Jene Altersresignation, die sich bei vielen Menschen einstellt, die der Zeit nachtrauern, die Jugend, die Leben hieß, verarbeitet Kutsch in einem Monolog, der ruhig, gelassen, aber selbstkritisch das Sinnlose des Jammerns und Lamentierens auf die Schippe nimmt. Der Text ist tröstlich, heiter. Fast wie der Trost eines Vaters, der seinem Kind das Leben erklärt. Nur dass es diesmal ein alter Mensch ist, der einem alten Menschen das Altern erklärt.
Peter Ettl
876 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.
Wolfgang Bauer
(* 18. März 1941 in Graz; † 26. August 2005 ebenda)
Lieber Heinz!
Noch immer Rio, am 3. Februar 1964
Jetzt ist der noch immer in Rio! höre ich Dich sagen. Ja. Ich bin noch immer in Rio! Aber glaube nicht, daß ich mich entschlossen habe umzukehren. Demnächst startet unsere Expedition nach Canca.
Das ist so sicher wie nur etwas! Ich sende Dir nur inzwischen einen kleinen Lagebericht.
Wie Du ja weißt, sind wir in allen unseren Unternehmungen gebunden. Finanziell einerseits an Celsia, und was den Weg nach Canca betrifft, an den Capitano. Letzterem gefällt es aber in Rio so gut, daß er beabsichtigt, noch ein paar Tage hier zu verweilen. Ihm haben es natürlich vor allem die Bordells angetan –und Du kannst Dir vorstellen, daß die gesamte Halbwelt von Rio vom doppelten Capitano begeistert ist. Schließlich ist der alte Seebär hier ja kein Unbekannter mehr. Ich persönlich bin guter Dinge, zumal ich mich mit Celsia wieder versöhnt habe, ja sogar an eine eventuelle Ehe denke! Ich würde mich natürlich von meiner Grazer Freundin offiziell trennen.
Ordnung muß sein. Ohne sie (Ordnung) könnte ja die ganze Welt zumachen. Wir sind alle in einem sehr komfortablen Hotel einquartiert. Die Bedienung (Neger!) läßt vielleicht etwas zu wünschen übrig. Aber sonst bin ich ganz zufrieden. Alex ist im Nebenzimmer einquartiert und dichtet wild darauf los. Er hat in den letzten Tagen an die hundert Maschinenschreibseiten gedichtet. Die Möglichkeit, eine Schreibmaschine zu Dichtzwecken zu verwenden, war ihm gänzlich neu. Um so mehr gefällt es ihm jetzt. Ich soll Dir (bitte sei mir nicht böse!) zwei seiner neuesten Gedichte in den Brief hereinschreiben:
RIO
Flammenwedel der Erde
Schimmernde Mulattenpupille
Eukalyptusbaum
Asphaltstraße
Zuckerhut (Wagemut)
Tropengrauer Himmel
Knochige Gesichter
Ich bin ein Dichter!
Oder:
CHAOTISCH
(Das Gedicht heißt so, ich kann nichts dafür.)
Turbulenz der Meereswellchen
Dichter Stadtverkehr
Brodelnde Menschenmenge
Die Glocke, die zum Essen läutet
Voller Speisesaal
Uppiges Mittagsmahl
Tanzbeine
Musikkapelle
Tobende Musik
Musikkapelle
Turbulenz einer Gewitternacht
Farbenpracht
Vulkane
Zuckerhut
Flammenwedel der Erde
Musikkapelle (Wagemut)
Tanzbeine
Musikkapelle
Ich bin ein Dichter!
Musikkapelle
Turbulenz der Asphaltstraße
Tropengraue Mulattenpupille
Musikkapelle
Musikpupille
Musikkapelle
Eukalyptusbaum
Dichtester Stadtverkehr
(Wagemut)
Musikkapelle
(Wagemut)
Chaotisches Rio!
Musikkapelle
Ich habe absichtlich die beiden kürzesten Gedichte ausgewählt. Bei all seiner poetischen Potenz verwendet er, wie Du siehst, in jedem weiteren »Werk« große Teile des vorangegangenen. Ich fragte ihn auch, weshalb er das Wort »Musikkapelle« immer wieder hinschreibe. Er antwortete nur mürrisch: »Stimmung!« Na bitte, er muß es ja wissen.
Gestern, und das wollte ich Dir vor allem schreiben, bummelte ich des Abends, kurz nach der Dämmerung, mit Celsia ein wenig am Strand herum. Du kennst sie ja aus meinen Briefen und weißt, daß sie stets Überraschungen bereit hat. Gestern aber schien sie sehr traurig zu sein, auch ihr Gewand verfärbte sich nur einmal, und zwar in Schwarz, und blieb dann die ganze Nacht so. Sie sagte, sie sei in Sorgen wegen der Expedition, das wäre nichts für sie. Ja, schließlich äußerte sie sogar Todesgedanken! Die konnte ich ihr aber mit meinem schon sprichwörtlichen Bummelwitz gleich wieder austreiben. Wir saßen längere Zeit im Sand und sahen in die schwarzen Fluten hinaus. Auf einmal wurden zwei weiße Punkte (vom Mondlicht beschienen) im Meer sichtbar. Offensichtlich schwammen da zwei Menschen mit weißen Kopfbedeckungen einher. Als sie in unserer unmittelbaren Nähe aus dem Wasser stiegen, sah ich, daß es ein Pärchen war.
Beide hatten die Uniformen von Bäckern an.
Schneeweiß – und stell Dir vor! – nicht einmal durchnäßt, ja noch dazu mehlbestaubt, setzten sich sich neben uns nieder. Ganz junge Dinger noch.
Er war vielleicht 28, sie aber sicher nicht älter als 17 Jahre. Sie fragte mich, auf deutsch, ja mit einem leichten kärntnerischen Akzent, wie spät es sei.
Ich sagte ihr die Zeit, worauf beide höhnisch kicherten.
Wir kamen daraufhin mit ihnen ins Gespräch.
Er war ein eher einfältiger, grobschlächtiger Mensch, sie ein recht aufgeweckter Teenager. Er hieß Hubert Fabian Kulterer und sie Karin. Wie sie noch hieß, habe ich nicht verstanden. Beide wohnten, wie sie sagten, in Canca!!
Ich sagte ihnen, daß wir, Celsia und ich und der Capitano, auch dorthin wollten.
Daraufhin wurden die beiden plötzlich ernst und Hubert Fabian fragte, ob wir überhaupt angemeldet seien.
Ich verstand ihn nicht, darauf sagte er: »Weil Sie ein Österreicher sind, kriegens vielleicht a Protektion!«
Ob er das zynisch oder ehrlich gemeint hatte, wußte ich nicht. Diesem Burschen war jedenfalls nicht zu trauen. Wäre er nicht in Canca wohnhaft gewesen, ich hätte ihn ohne Umschweife für Deinen werten und gleichnamigen Freund gehalten!
Als die beiden weggingen, sagte Karin noch: »Wir sehen uns dann also in Canca wieder. In der Bäckerei!«
In der Bäckerei?
Für heute, lieber Freund, will ich Dich mit dieser Frage entlassen.
Um so gespannter erwartest Du dann meinen nächsten Brief. Auch er wird vielleicht noch aus Rio kommen.
Tschau! (Ich erlaube mir Alex‘ Gruß zu übernehmen!) Dein Freund Frank.
Liebe Grüße auch an Karin. Ist sie den hoffentlich schon vom Schifahren zurück???
P.S. Unter mir wird sich bestimmt wieder dieser Trottel von Ulf unterschreiben! Beachte ihn nicht mehr!
Frank
Ulf
Aus: Wolfgang Bauer: Die Sumpftänzer. Dramen, Prosa, Lyrik aus zwei Jahrzehnten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1978, S. 172ff
Hauptsächlich als Dramatiker irritierend, waren doch seine Auftritte als Lyriker, Romancier und Feuilletonist äußerst erfolgreich und populär, im gleichen Ausmaß, in dem sie die Anforderungen der Gattung jeweils nicht erfüllten.“ (Literaturverlag Droschl)
1.181 Wörter, 6 Minuten Lesezeit für 8 Gedichte
G&GN-INSTITUT, Düsseldorf im Januar 2026 / In der frisch erschienenen Antilyrik-Anthologie „DISKRETE DICHTUNG“ präsentieren sich 12 Autoren garniert von Collagen des Künstlerduos Stefan Heuer & Boris Kerenski mit „totgeschwiegenen Gedichten für Lyrikhasser, nicht für den Deutschunterricht geeignet“, so der Untertitel. Die Texte stammen von Michael Augustin, Marvin Chlada, Claus Eckermann, Gabriele Hasmann, Stefan Heuer, Ulrich Jösting, Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, Kai Pohl, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Silke Vogten und dem Herausgeber Tom de Toys, der im Vorwort schreibt:
„Eine Anthologie mit Gedichten kann den Lauf der Dinge zwar nicht grundlegend ändern, aber wenigstens lässt sich so dokumentieren, dass es Literaten gibt, die sich der Königsdisziplin Poesie auf eine extrem kritische und sogar selbstkritische Art und Weise widmen; denn alle hier versammelten Autoren sind selber gestandene Persönlichkeiten der Lyrikszene und daher irgendwie mehr oder weniger ungewollt oder aus Notwehr Nestbeschmutzer. (…) An dieser Stelle sei betont, dass die Lyriker, die hier zusammenfanden, nur eine Handvoll hergelaufener Narren sind, die für kein Königtum arbeiten und daher der eigenen Szene und damit auch gleichzeitig sich selber den Spiegel vorhalten.“
V-Leute
Angeblich werden rund dreiundsechzig Prozent
aller deutschsprachigen Gedichte von in die
Poesieszene eingeschleusten V-Leuten geschrieben
Totgeschwiegene Zeilen
Man sagt, Gedichte sollen tanzen,
in Feuilletons Champagner trinken,
sich auf Podien verneigen,
mit wichtigem Blick und gestärktem Hemdkragen.
Meine Verse tragen Turnschuhe,
kauern im Hinterhof,
spucken auf das Glanzpapier
der Lyrik-Preisjurys.
Sie hassen die Soufflésätze
der Stipendiaten,
die Glitzermetaphern
der Förderprogramme.
Totgeschwiegene Zeilen
machen keine Karriere.
Sie flüstern nur in Hinterzimmern:
"Fuck the System."
Und das reicht ihnen völlig.
Zeichensetzung
und die
die bei,
mir immer
bemäkeln ich könnte!
keine kommata
setzen
und, wüsste nicht mit
ausrufezeichen
!umzugehen
sind gottseidank
die
mit, dem fragezeichen
auf der Stirn
gänseblümchenblätter
weine wasser in dem dunklen zimmer schreie mir die kehle
aus dem hals nach hilfe gib mir die gänseblume und ich
sage dir ich liebe dich du liebst mich nicht reiße sie raus
die messerstiche zerzupfe mein hirn scheiß auf dieses
blumenamputierspiel auf sommertagromantik sprenge
jede schmusewiese lyrisch kommt es mir stoßweise hilfe
zerfließe wie dalis uhr und brauche die krücken bin
durchbohrt von ligabues adlerblick schwarze
raben machen wahnsinnig wie auch winddurchwühlte
kornfelder der schreiende bacon hält im schlachthaus
ein blutiges ohr in der hand kopf eingeschnürt in
mullbinden der schädel mit gabeln und messern
durchstochen ein felsen zerquetscht mein herz werfe
sie weg die gänseblume zertrete sie mit hass schmerzen
aufgezerrt von klammerhaften erinnerungen duftende
frühlingswaldspaziergänge hast mir die streichelhändearmebeine
vom leib gerissen bacon male mich ich liebe dich
du liebst mich nicht auf stümpfen quält sich die
sehnsucht durch den tag hohl und langgedehnt
dieses wort
Oralkodex
Ahoi ihr Schatten auf dem sinkenden Riff,
es sieht so aus, als sei das Leben eine Mode,
und das will was heißen, am nicht mehr ganz
frischen Anfang dieses restlos aufgeklärten
Jubeljahrhunderts! Jeder Fliegenschiß wird
zur Legende, vorausgesetzt, die Kamera hält
lange genug drauf. Und klar, eine Mode kann
man für beendet erklären, wenn die Notration
aufgebraucht ist, und trotzdem noch soviel
Monat übrig. Aber das Leben läuft weiter,
und ich kann nur hoffen, daß ihr mir meinen
staatstragenden Ungehorsam nicht allzu übel
nehmt und mir den Mitesserstatus weiterhin
gewährt. Übrigens, meine Bücher könnt ihr
kaufen, die Gedichte sind geschenkt; mich
kriegt ihr nicht.
Liebesgedicht an das Scheitern
Ich scheiterte am Literaturtrieb
mein Fragen trieb mich weiter
nie backte ich Clemens Setz
Kekse in Reizunterwäsche
um bei Suhrkamp
reinzukommen obwohl
er es angeboten hat
egal
egal ich
bleib Ich:
Meine inneren Verdrehungen
mein logisches Zittern
meine unerträgliche Zerrissenheit
meine geheime Tiefe die mich rief
und mein Ich: durch die Schwerkraft
zusammengezogener
durch Strahlendruck
ausgedehnter
Stern
mein geliebter Irrtum
mein Herzpulsar Fehler
mein unmögliches Spiel
mein zu Hause als Weg
mein Versagen als Maske: nie Marke
und mein Nicht – Ich
immer mein Nicht – Ich
hin von sich und
meine inneren Verdrehungen
:
Ich stehe nicht mehr
an meinem Platz
am Platz meines Ich
steh ich nicht mehr
schütte mir Wodka
auf die bloßen Füße
falle in Tiefschlaf
wach wieder auf
will mein Ich freiwaschen
wieder so
wie jeden Tag
aber wo? Ich stehe nicht mehr
an meinem Platz
VER(RAM)S(CHT)E AUS DEM OFF, TEIL 03
dieses gedicht kann von jedem gelesen werden es wurde mit voller absicht für die desinteressierte masse geschrieben weil das internet wiedermal nicht funktioniert und daher alle nervös und gelangweilt auf ihren plätzen herumrutschen das ist die marktlücke mit der wir die lyrik geschickt unter die leute bringen es gilt dieses unerwartete zeitfenster für mehr aufmerksamkeit zu nutzen solange die leute sowieso in die landschaft glotzen um darauf zu warten dass sie wieder mit digitalen informationen berieselt werden haben die gegenwartsdichter eine echte chance sie könnten sich also mitten auf die wiese stellen und ihr veganes gedicht wie ein flugzeuglotse performen oder sich in einem fensterrahmen präsentieren um ein tabuloses gedicht gegen gute bezahlung anzubieten der mensch interessiert sich im grunde für alles solange er warten muss ein gespräch mit einem fremden der ebenfalls wartet das zählen von blumen am wegesrand oder auch in gedanken die nächste woche durchplanen um zuhause zeit zu sparen die man zum kochen benötigt oder auch pickel ausdrücken gereizte hautstellen untersuchen die kopfhaut kratzen die schuhe binden den staub von der hose klopfen auf die uhr schauen nochmal auf die uhr schauen das gespräch mit dem fremden fortsetzen und dann im augenwinkel die plakatwerbung mit produktlyrik bemerken und dann macht es klick und dem mensch fällt es wieder ein: in der tasche steckt irgendwo ein gedichtband als eiserne reserve für regentage (und wenn die leitung gestört ist) ein echtes buch in einem echten verlag mit gedichten gefüllt und dem vorwort des echten verlegers UND dem literaturtheoretischen nachwort einer koryphäe des lyrikbetriebs bis das internet wieder funktioniert haben daher die meisten menschen mindestens 1 gedicht irgendwo aufgeschnappt und erinnern sich später beim auspacken der einkaufstüten daran das ist ein großer erfolg für die poesie wenn nicht sogar eine revolution die dazu führt dass eine neue germanistische gattung in den betrieb eingeführt wird die literaturwelt überschlägt sich vor begeisterung die ÜBERBRÜCKUNGSLYRIK wurde erfunden! die leute sitzen endlich wieder still und das internet geht wieder alle googlen ganz aufgeregt und befragen ihren KI assistenten: was ist überbrückungslyrik? nenne mir einige berühmte vertreter
Der Kulturbetrieb und die Wildgänse
da press ich mich
nicht auch noch rein
da misch ich nicht mit
und schrei nicht im Chor
da like ich mal gar nix
und biedere nicht rum
da interessiert mich
jedes Weidenkätzchen
am Wegrand mehr
und jede Wildgans
auf ihrem Weg in den
Norden und zurück
nötigt mir
mehr Respekt ab
Aus der Anthologie „DISKRETE DICHTUNG – 12 Autoren & 2 Collagenkünstler: Totgeschwiegene Gedichte für Lyrikhasser, nicht für den Deutschunterricht geeignet!“; mit Beiträgen von Michael Augustin, Marvin Chlada, Claus Eckermann, Gabriele Hasmann, Stefan Heuer, Ulrich Jösting, Boris Kerenski, Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, Kai Pohl, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Tom de Toys, Silke Vogten; ISBN 9783695117772; BoD-Verlag 1.1.2026; WEITERE LESEPROBEN: www.Antilyrik.de

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