Kriegs-Brecht

Ein unveröffentlichtes  Gedicht von Bertolt Brecht aus dem Kriegssommer 1918 im Spiegel #26 (nur für Abonnenten)

Brexit (Like a bad poem)

As I write, it’s approaching 6am and JK Rowling has tweeted that Cameron’s legacy will be the breaking of two unions. His unleashed genie has indeed given us our country back – torn in two like a bad poem. /  (schottische Lyrikerin und britische Poet Laureate), The Guardian

Gegen Populismus / Democracy without Populism

Worldwide Reading Appeal / Aufruf zur weltweiten Lesung

Dear Ladies and Gentlemen,

The ilb is organizing a Worldwide Reading against Populism on September 7th. I think after the Brexit this is more useful than ever. We would be grateful if you participated. In this case please write us at: worldwidereading@literaturfestival.com
Below you can find the appeal and a signatory list of authors, who have signed the appeal so far.

Democracy without Populism

The international literature festival Berlin (ilb) calls on all individuals, institutions and media outlets that care about democracy to participate in a worldwide reading of selected texts for Democracy and against Populism, on 7 September 2016.

Populism describes a political position that aligns itself with the prevailing emotions, prejudices and fears of a population, and uses these to define an agenda promising simple and quick solutions to all problems.

Some argue that populism is part of the inherent logic of politics, that it is present in some measure in all society, and can be a force for good. That may be, but history shows that populist feeling can quickly be manipulated by unscrupulous leaders, on the left and right wing, to ugly ends.

Now, in many countries across the globe, in long established and newer democracies, populist sentiment is being stoked and exploited by demagogues such as Donald Trump in the US, Marine Le Pen in France, Geert Wilders in The Netherlands, Recep Tayyip Erdoğan in Turkey, Nigel Farage in Britain, Viktor Orbán in Hungary, Jacob Zuma in South Africa, Frauke Petry in Germany, Vladimir Putin in Russia, Narendra Modi in India – to name but a few.

These rabble-rousers brazenly lie to the public, pledging fantasy policies, scapegoating minorities, trumpeting national superiority. Their inflammatory rhetoric distorts and devalues language, while their propaganda debases the public sphere as racist, sexist and nationalistic attitudes become mainstream. This firebrand approach threatens democracy, which depends on deep discussion not shallow sound bites.

Populism thrives on binaries: it’s always us against them.

Populism narrows the definition of “the people”, excluding immigrants, refugees, religious groups, indeed all minorities.

Populism despises pluralism – never admitting that the opposite of pluralism is totalitarianism.

With this worldwide reading, we express an urgent need for a better understanding of democracy, and for more critical yet humane political thinking, in our societies.

We call on every individual to be more skeptical about the easy answers and quick fix “solutions” of demagogues. We ask simply that you stop and think.

We call on the media, on journalists and editors, to refrain from sensationalist reporting and instead to frame the news in a more responsible way, not just uncritically disseminate the dangerous views and toxic speech of Populists.

We call on respectable political parties to resist the temptation to follow in the footsteps of demagogues and thus shift the entire political spectrum towards extremes. We ask for a truthful, more compassionate and creative approach to politics, and more direct engagement with citizens.

We call on governments to recognize the legitimate concerns of citizens who, discontented with
Globalization in its current neo-liberal form, long for an alternative. We ask for earnest commitment to dealing with the growing inequality that is the underlying cause of much unrest in today’s world.

In the near future all texts for the readings will be available in various languages on the website.

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War Shakespeare schwul (2)

Sollten die Leser also auf das wahre Vergnügen und die wahre und befreiende Verstörung verzichten, die darin liegen, anzunehmen daß Shakespeare schwul war? Ja und nein. Die Gedichte sind „für seine persönlichen Freunde“* gedruckte Gedichte. Wie wir gesehen haben, ermuntern sie ihre Leser, die Wahrnehmungsperspektiven zweier verschiedener Leserkreise einzunehmen: eines exclusiven Kreises Eingeweihter, die alle Anpielungen genau auflösen können (wie idealisiert und imaginär immer), und eine Leserschaft des gedruckten Buches, für die „William Shakespeare“ nur ein verführerischer Name auf einem Titelblatt ist.

Aus: William Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems (The Oxford Shakespeare). Edited by Colin Burrow. Oxford: University Press, 2002 (Oxford World’s Classics)

*) Insofern der Erstausgabe von 1609 eine Widmung des Verlegers voransteht, mit der die Sonette „dem einziger Erzeuger … dieses Sonette, Master W. H.“ zugeschrieben werden, eine (unauflösbare) Anspielung, die den „eingeweihten“ Leser anspricht, welcher (skandalträchtige) private Umstände hinter diesen Gedichten kennt (zu kennen glaubt / sucht)

17.Nahbellpreis: UTOPIEN OHNE PSYCHOLOGIE

G&GN-INSTITUT D’DORF ELLER-SÜD / 2016 geht der 17.Nahbellpreis an einen heute weitgehend unbekannten Aussenseiter der Lyrikszene: Der Dichter Dr. phil. Wolfgang Streicher wurde am 23.1.1936 in Stuttgart geboren und war in seinem Wohnort Esslingen ab 1967 Diplom-Bibliothekar an der Pädagogischen Hochschule und später bis zu seiner Pensionierung an der Fachhochschule für Sozialwesen. Er studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie an der Universität Tübingen und promovierte 1965 bei Professor Richard Brinkmann mit der Arbeit „Die Dramatische Einheit von Goethes ‚Faust‘: Betrachtet unter den Kategorien Substantialitat und Funktionalitat (Studien zur Deutschen Literatur)“, die 1967 im Max Niemeyer Verlag erschien und durch den Kritiker Hans Mayer im Literaturblatt der FAZ ihre Würdigung fand. Streicher schreibt seit 1974 Lyrik und Kurzprosa und ist Mitglied der IG Medien. Seine dichterischen Motive sind stark gekoppelt an seine eigene Psychosomatik, die Gedichte setzen aber kein spezielles Wissen zu ihrer Erschließung voraus: jedes Gedicht erschließt sich in seiner Durchführung. Insgesamt veröffentlichte er 24 Bücher (inklusive der Dissertation), darunter 14 mit Prosa und 9 Gedichtbände in verschiedenen Verlagen, von denen derzeit nur noch 4 (im österreichischen Wolfgang Hager Verlag) erhältlich sind. In seinem Debutband „Ohne Psychologie“ (Scherpe Verlag, Krefeld) sind bereits 1974 zahlreiche Hauptmotive angelegt, die sich bis heute wie ein Leitfaden durch sein gesamtes Werk ziehen – geradezu programmatisch wirkt schon der damalige Text „Das Gedicht ist schmal geworden“, mit dem der Debutband endet:

Das Gedicht ist schmal geworden.
Sein Leib ein Leib,
der nirgends unterkommt;
seine Seele eine Seele,
die an alle verteilt ist.
Der Leib widersetzt sich nicht,
wenn sie das Messer in ihn treiben;
die Seele nicht,
wenn nur wenige Sätze für sie übrigbleiben.
Das Gedicht ist schmal geworden.
Sein Leib ein Leib,
den alle schwächen,
und von dem alle erwarten,
daß er stark bleibt.
Auf diesem Paradox beginnt es zu tanzen.
Von Assoziation zu Assoziation
setzt es sich aus
der Gewalttat der Dinge,
an die es stößt,
nimmt unerotisch
sie in sich hinein,
während es linkisch
die Seele angeht,
durchsichtig im Protest
und aufzehrend den Leib
im reinen Programm.
Aber zuweilen gedenkt es des Prunkes,
mit dem die Frau
in die Unterwelt stieg,
gedenkt es der Mythe
Eurydike,
in ihrem Namen zusammenziehend
noch einmal die ersten
tausend Sätze über die Seele,
gedenkt es im reinen
Reim des Geschlechts
und der tausend Entsprechungen,
die aus ihm kommen;
aber da ist der neue Schnitt,
und vor Schmerz streift es
das Erotische ab,
und übrig bleibt
das Schnittbewußtsein,
zuweilen mit Pausen,
nur du, nur du.

Das G&GN-Institut präsentiert weitere 7 ausgewählte Gedichte aus dem aktuellen Band „Utopie und Musik“ von 2013 auf der Nahbell-Hompepage sowie bei Twitter und Facebook:
www.LYRIKSZENE.de & www.POESIEPREIS.de
https/twitter.com/poesiepreis
www.facebook.com/POESIEPREIS

Liste aller 9 Gedichtbände:
– Ohne Psychologie, Gedichte, Scherpe 1974
– Chromatik: Lyrische Übungen, Bläschke 1978
– Rondo, Gedichte, Lehmann 1979
– Modulationen, Gedichte, Lehmann 1981
– Privates Pfingsten, Lyrik, Otto 1997 (Hager 2012)
– Transparenz, Lyrik, Otto 1999
– Gang und Schlaf, Lyrik, Otto, Offenbach 2000
– Nerventheater, Gedichte, Hager 2008
– Utopie und Musik, Lyrik, Hager 2013

Liste aller 14 Prosawerke:
– Konstruktion, Prosa, Bläschke 1982
– Gang durch den Nebel, Monolog, R.G. Fischer 1986
– Die unendliche Kadenz, Kurzprosa, Lehmann 1988
– Beifall, Kurzprosa, Hager 2003
– Kulissen, Kurzprosa, Hager 2004
– Land ohne Spiegel, Kurzprosa, Hager 2005
– Der Schrei, Erzählungen, Hager 2006 (Otto 2001)
– Ich bin, der ich bin, der ich bin, der ich bin, Monologe und Dialoge, Hager 2007
– Der Rahmen, Erzählungen, Hager 2007 (Otto 2002)
– Unsere Delegierten sind schön, Hager 2009
– Das letzte Publikum, Erzählungen, Hager 2010
– Der Choral, Erzählungen, Hager 2011
– Narzissmus für alle?, Prosa, Hager 2013
– Der kleine Dämon des Dazwischenredens und andere Geschichten, Hager 2014

Autorenseite auf amazon:
www.amazon.de/Wolfgang-Streicher/e/B00JIPOFEU

Da die meisten seiner Bücher derzeit gar nicht (oder nur antiquarisch überteuert) erhältlich sind, empfiehlt es sich, direkt beim Verlag anzufragen, welche Werke lieferbar sind:
http://www.wolfgang-hager-verlag.at (Email: wolfgang.hager[ätt]aon.at)

Ich bin ein Gedicht

Eine außergewöhnliche Ausstellung zur Visuellen und experimentellen Poesie zeigt das Museum für Westfälische Literatur in Oelde-Stromberg vom 31. Juli bis zum 3. Oktober 2016. Mit Reinhard Döhl, Timm Ulrichs und S.J. Schmidt werden drei der renommiertesten westfälischen Künstler-Autoren mit unterschiedlichen Werken auf dem Kulturgut Haus Nottbeck zu sehen sein – und zwar nicht nur in den Ausstellungsräumen des Literaturmuseums, sondern zudem als „Kunstparcours“ auf großflächigen Quadern im Außenraum. Zur Eröffnung am Sonntag, dem 31. Juli, um 17 Uhr, stellt der Mitinitiator des legendären „Bielefelder Colloquiums Neue Poesie“ S.J. Schmidt einige seiner Arbeiten persönlich vor.

In der Literatur- und Kunstwelt hat das Interesse an Visueller und Konkreter Poesie in jüngster Zeit eine Renaissance erfahren. Inzwischen ist sogar vom „neuen Konkreten“ im 21. Jahrhundert die Rede. Doch bereits in den 1960er Jahren gab es zahlreiche Künstler und Schriftsteller auch aus Westfalen, die mit Verbindungen von Sprache und Bild experimentierten und poetische Bildwerke geschaffen haben, die noch immer bemerkenswert aktuell sind.

Ausstellungsparcour_Visuelle Poesie_Entwurf Robert Ward_Aktualisierung (2)
Ausstellungsparcours Text-Bild-Quader, Grafikentwurf Robert Ward, © AWard Associates

„ich bin ein gedicht“, so erklärte sich der Künstler Timm Ulrichs 1968 in einem Manifest zu einem lebenden Kunstwerk. Was sonst noch alles ein Gedicht sein kann, wird nun in der gleichnamigen Ausstellung sichtbar. Die Bandbreite reicht von bildhaft gestalteten Texten auf Papier über die Umsetzung von Sprache ins dreidimensionale Objekt bis hin zu bewegten Textbildern am Computerbildschirm. Im Werk von drei Klassikern der Visuellen und experimentellen Poesie, Reinhard Döhl (1934-2004), Timm Ulrichs (geb. 1940) und S.J. Schmidt (geb. 1940), wird das Spektrum der künstlerischen Auseinandersetzung mit Sprache deutlich. Ihre Sprachreflexionen, Konstruktionen oder Transformationen präsentieren sich mal humorvoll-verspielt, mal analytisch-nüchtern den Besuchern. Doch ihre Werke behaupten bei aller Unterschiedlichkeit genau das, was Timm Ulrichs für sich selbst proklamiert hat: Ich bin ein Gedicht – mag dieses Gedicht auch aus Text auf Papier, einem Betonblock oder gar einem Menschen bestehen.

Timm Ulrichs_Schriftstück (c) T. Ulrichs, VG Bild-Kunst
Timm Ulrichs: Schriftstück © Timm Ulrichs, VG Bild-Kunst

Den Besuchern der Ausstellung bieten sich sowohl im Innenraum des Literaturmuseums als auch auf einem Kunstparcours im Außenraum des Kulturguts ebenso spannende wie anschauliche Beispiele einer Kunstform, die Sprache auf spielerische, tiefgründige, zum Teil partizipative und nicht zuletzt humorvolle Weise behandelt.

Kuratiert wird die Ausstellung von der Literaturwissenschaftlerin Sonja-Anna Lesniak, die gestalterische Umsetzung erfolgt durch den Ausstellungsdesigner Robert Ward. Die Ausstellung ist ein Projekt der LWL-Literaturkommission für Westfalen und des Museums für Westfälische Literatur. Gefördert von der Kunststiftung NRW, der Sparkasse Münsterland Ost und dem Verein der Freunde und Förderer des Hauses Nottbeck.

Zur Eröffnung am Sonntag, dem 31. Juli 2016, um 17 Uhr, stellt der Autor, Künstler und Wissenschaftler S.J. Schmidt einige seiner Arbeiten persönlich vor.

 

Im Rahmenprogramm zur Ausstellung eröffnet ein „Experimentierfeld Visuelle Poesie“ im Gartenhaus des Kulturguts einen eigenen interaktiven Zugang zum Thema. Unter dem Motto „Du bist ein Gedicht“ werden Phänomene Visueller Poesie in alltäglichen Zusammenhängen zur Anschauung gebracht. Das Experimentierfeld ist ein Seminarprojekt mit Studierenden der Universität Bielefeld unter der Leitung von Dirk Bogdanski. Es bietet Raum für eigene Anwendungen, Veränderungen und Erweiterungen durch die Besucher.

 

Ausstellungsinformation

 

SO 31.07. – MO 03.10.2016

Ausstellung

Ich bin ein Gedicht. Visuelle Poesie und andere Experimente

von Reinhard Döhl, Timm Ulrichs & S.J. Schmidt

Eröffnung und Lesung mit S.J. Schmidt am Sonntag, dem 31.07.2016, um 17 Uhr

 

Weitere Informationen unter Tel.: 0 25 29 / 94 55 90 und http://www.kulturgut-nottbeck.de

 

Künstler der Ausstellung

 

Reinhard Döhl (*1934, †2004) war gebürtiger Wattenscheider und als Germanistikprofessor, Autor und Künstler u.a. in Stuttgart, Japan und Paris tätig. Er beschäftigte sich schon früh mit Konkreter Poesie, Mailart und Internetkunst. 1965 schuf Döhl mit seinem „apfel“-Gedicht eins der bekanntesten Beispiele der Visuellen Poesie. Bereits in den 1990er Jahren widmete er sich der Verbindung von Literatur und Internet.

Reinhard Döhl_apfel wurm, 1965 (c) Barbara Döhl
Reinhard Döhl: apfel wurm, 1965 © Barbara Döhl

Timm Ulrichs (*1940) war jahrzehntelang Professor an der Kunstakademie Münster. Als „Totalkünstler“ war und ist er auf zahlreichen Gebieten wie Konzept- oder Aktionskunst aktiv. Ab den 1960er Jahren experimentierte er mit Visueller Poesie und den Bedeutungen von Wörtern. 1968 erklärte er sich in einem „egozentrischmonomanischen“ Manifest zu einem lebenden Gedicht. Mit einer Serie von Buch-Objekten nahm Ulrichs 1977 an der Documenta 6 teil.

 

S.J. Schmidt (*1940) lebt eine Doppelexistenz als Künstler-Wissenschaftler. Ende der 1970er Jahre war er Mitinitiator des bedeutsamen „Bielefelder Colloquiums Neue Poesie“, das jährlich Dichter und Künstler zu Lesungen und Diskussionen einlud. Als Kommunikations- und Literaturwissenschaftler lehrte und forschte Schmidt in Bielefeld, Siegen und Münster. Seine künstlerischen Arbeiten sind ein Zusammenspiel von wissenschaftlichen und poetischen Reflexionen von Sprache und Schrift.

 

 

S.J. Schmidt_Die Kopie ist das Original... (c) S.J.Schmidt
S.J. Schmidt: „Die Kopie ist das Original der Wirklichkeit der Kopie“ © S.J. Schmidt

 

Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck

Landrat-Predeick-Allee 1

59302 Oelde-Stromberg

 

Öffnungszeiten:

Dienstag – Freitag: 14.00 – 18.00 Uhr

Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11.00 – 18.00 Uhr

 

Kultur-Café: Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 14.00 – 18.00 Uhr

No Period

A trend piece in the the New York Times on Friday touched on this fascinating development — which, incidentally, has been brewing for at least two decades, ever since kids were logging onto AOL Instant Messenger. The period is no longer how we finish our sentences. In texts and online chats, it has been replaced by the simple line break.

You just hit send

Your words end up on a new line

a visual indication

that you have started

a new sentence,

phrase,

clause,

or unit of meaning

Of course, this practice far predates the instant message. Poets have been using line breaks for basically forever. (In the right light, you might even say a text conversation has some of the same exuberant, associative, overlapping qualities of say, an e. e. cummings poem.) But we can credit the text and the IM for making the line break the default method of  punctuation in the 21st century. / The Washington Post

W:Orte

Die zweite Auflage des Innsbrucker Lyrik-Festivals „W:Orte“ widmete sich in den vergangenen Tagen dem wundersamen Engtanz von Geschriebenem und dem ganzen Drumherum.

(…) José F. A. Oliver, der das Festival am Donnerstagabend gemeinsam mit Odile Kennel und Erica Zingano im Literaturhaus am Inn eröffnete. Ein Auftakt nach Maß: drei Dichter, die aus vielen Sprachen schöpfen – und sich zwischen andalusischem Schwarzwalddorf dem brasilianischen Bahnhof Berlin die Bälle zuspielten. Tags darauf: ein Testlauf, der viel versprach – und alles einhielt. Im Studio 3 des ORF Tirol wurde „klang_sprachen“ erprobt. Klex Wolf und Hannes Sprenger haben Barbara Hundeggers wunderbarem Dante-Reload „wie ein mensch der umdreht geht“ musikalische Werke des Renaissance-Komponisten Girolamo Frescobaldi sowie der zeitgenössischen Tondichter Sofia Gubaidulina, Manuela Kerer, Ivana Radovanovic, Ralph Schutti und Klaus Telfser zur Seite gestellt. Wobei auch die Partituren „radikal reloaded“ wurden, sprich: Sie wurden dem neuen Umfeld angepasst, rearangiert, spielerisch zurechtgestutzt und neu belebt. Und auch hier: Die unaufgeregte Dringlichkeit von Hundeggers Vortrag und das konzentrierte Spiel des Tiroler Kammerorchester InnStrumenti unter Gerhard Sammer eröffneten neue, bisweilen unerwartet funkelnde Zusammenhänge. Kurzum: Der Testballon hat abgehoben – eine Weiterführung des fraglos nicht unaufwändigen Projekt wäre wünschenswert.

Vergleichsweise unerwartet geriet auch die Lesung des deutschen Lyrikers Jan Wagner am Samstag im schmucken Salon Pauli des Cafés Katzung zur Erforschung des Mit- und Gegeneinanders von Sprache und Musik. Angekündigt als poetische Intervention kollidierte der Auftritt des vielfach ausgezeichneten Poeten mit einem Platzkonzert vor dem Goldenen Dachl. Die blechblasende Intervention seiner Intervention nützte Wagner mit viel Gespür für Hintersinn und noch mehr Stimmeinsatz zur unwiederholbaren Performance. / Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung

Liebe LeserInnen,

es bleibt dabei, die Lyrikzeitung erscheint im Juni nur an den Wochenenden. Da aber am verflossenen wenig Zeit war, folgen aktuelle Nachrichten und Nachträge heute.

Unzüchtige zu Hurern

Über die vierte Revision der Lutherbibel schreibt Die Presse:

Es ist die vierte große Revision der Übersetzung, die Luther zwischen 1521 und 1545 erstellt hat. Die erste wurde 1892 vollendet, die zweite 1912, die dritte 1984. Ziel der vierten Revision war es, erklärt die Deutsche Bibelgesellschaft (DB), „größere sprachliche Genauigkeit herzustellen und gleichzeitig der Sprachkraft Luthers gerecht zu werden“. Etwa 44 Prozent der 35.598 Verse wurden geändert, teils wurden Änderungen früherer Revisionen wieder verworfen… (…) Und wo in der Ausgabe von 1984 Wortwiederholungen tunlichst vermieden wurden, hat man sich nun offenbar auf ihre Wirkung besonnen, so heißt es im Psalm 42 wieder: „Wie der Hirsch schreit nach Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Weitere Beispiele, die die DB jetzt schon gibt: Aus der „Wehmutter“ bei Benjamins Geburt wurde die heute gebräuchlichere Hebamme, aus den „Unzüchtigen“ in der Offenbarung wurden Hurer.

Mehr über die neue  Ausgabe

Die zitierte Stelle aus dem 42.Psalm in verschiedenen Versionen:

  • Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. (Lutherbibel 1984)
  • Wie der hirs schreiet nach frischem wasser / So schreiet meine seele Gott zu dir (Lutherbibel 1534)
  • Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so sehne ich mich nach dir, mein Gott! (Gute Nachricht)
  • Wie die Hindin lechzt an versiegten Bächen, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. (Zürcher Bibel)
  • As the hart panteth after the water brooks, so panteth my soul after thee, O God. (King James-Bibel)

„Leuchtbojen“

nennt der aus Sachsen stammende, seit 1965 in Weimar ansässige Lyriker Wulf Kirsten seine literarischen Vorbilder, Dichter wie Heinrich Heine, Johannes Bobrowski oder Antonio Machado, „auf die man zusteuert, wohl wissend, dass man sie nie erreichen wird“. Eine dieser Bojen ist für mich Kirsten selbst, auch wegen seiner Ernst- und Standhaftigkeit … /   Die Presse

Poetopie

im schaukelnden Autobus hält sich die junge Frau fest an ihrem I-Pad

Hansjürgen Bulkowski

Digest: Gestorben 6.-17.6.

Am 6.

  • der britische Dramatiker Peter Shaffer im Alter von 90 Jahren. Mehrere seiner Stücke wurden verfilmt, wie „Amadeus“ (1979).
  • der pakistanische Lyriker und Journalist Ayaz Jani (Sindhi: اياز جاني‎) im Alter von 50 Jahren. Er schrieb in der Sindhisprache.

Am 7.

  • der nepalesische Musiker, Komponist und Lyriker Amber Gurung. Von ihm stammt der Text der nepalesischen Nationalhymne.
  • der Bremer Autor, Übersetzer und Vorleser Jürgen Dierking im Alter von 69 Jahren. Er war Gründungsmitglied der „Breminale“ sowie des (virtuellen) Bremer Literaturhauses. Er übersetzte und edierte u.a. Sujata Bhatt („Nothing Is Black, Really Nothing“, Gedichte zweisprachig, 1998), Sherwood Anderson / Gertrude Stein (Briefwechsel und ausgewählte Essays, 1985, ²1998), Tom Waits (Wilde Jahre, 1987) 

Am 8.

  • der bulgarischer Dichter Evtim Evtimov (Евтим Евтимов) im Alter von 82 Jahren. Hier Gedichte auf Bulgarisch.

Am 11.

  • die amerikanische Sängerin und Songwriterin Christina Grimmie mit nur 22, erschossen von dem Killer von Orlando.

Am 13.

  • der amerikanische Übersetzer Gregory Rabassa, der u.a. Werke von Clarice Lispecter, Gabriel García Márquez, Julio Cortazar und Jorge Amado ins Englische übersetzte.

 

Am 16.

  • der amerikanische Lyriker und Kritiker William Craig „Bill“ Berkson im Alter von 76 Jahren. Der Dichter, der in San Francisco lebte, wird der „New York School“ von Dichtern und Künstlern zugerechnet und arbeitete u.a. mit Frank O’Hara, Ron Padgett und Anne Waldman zusammen. Nachruf bei der Poetry Foundation

Am 17.

Gestorben

Der New Yorker Lyriker Ted Greenwald starb gestern im Alter von 74 Jahren. Charles Bernstein schreibt bei Jacket2 von seinen “sublimen Echos.”

In the 1970s Ted and I would meet in the afternoons and talk till night. We even did a recording of a couple of dozen hours of our conversations. I owe a tremendous amount to those meetings and to our many conversations since.

Ein Gedicht aus dem Band Common Sense (reprinted this year by Wesleyan, originally published in 1978 by Curtis Faville’s L Publications):

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Mehr bei poetry foundation

Zahlreiche Audios bei PennSound

Digest 9./10.6.

Lesereise

Rapperin und Schriftstellerin Kate Tempest über ihre Lesereise in Deutschland:

Der Verlag hat mir gesagt, hier würden Lesungen normalerweise so aussehen, dass vorne jemand sitzt und dreißig oder vierzig Minuten lang vorliest. Meiner Erfahrung nach funktioniert so etwas nicht besonders gut. Den Leuten dauert das viel zu lange, und ich kann das gut verstehen. Romane werden schließlich dafür geschrieben, dass man sie für sich alleine liest, in dem Tempo, das für einen selbst am besten ist. Also habe ich beschlossen, kürzer zu lesen, zwischendurch auch ein paar Gedichte vorzutragen, und mich mit dem Publikum zu unterhalten. / Die Welt

Lautpoet

In der Lautpoesie wird auf besondere Art gedichtet: nicht mit Worten, sondern durch Schnaufen, Pusten und dadaistische Sprachfetzen. Nur ein bis zwei Dutzend Künstler widmen sich in Deutschland dieser musikalisch-poetischen Form. Einer von ihnen ist Tomomi Adachi.

Er ist Mitglied des Berlin Sound Poets Quoi Tête und nach eigenen Angaben der einzige praktizierende Lautlyriker Japans. Seine Performances wurden bereits in der Tate Modern ausgestellt. Am 9.6. trat Adachi anlässlich des Poesiefestivals in Berlin auf. / DLR

Muhammad Ali, the Political Poet

A friend asked me the other day to choose my favorite Muhammad Ali fight. “The Rumble in the Jungle,” I responded. I was thinking of all the rhymes that accompanied it, from “You think the world was shocked when Nixon resigned? Wait till I whip George Foreman’s behind,” to the very phrase “rope-a-dope”, as he named the strategy he used to defeat a superior opponent in the heat of Kinshasa. It was an athletic event but it was also a linguistic one.

Almost from the beginning of his career, when he was still called Cassius Clay, his rhymed couplets, like his punches, were brutal and blunt. And his poems, like his opponents, suffered a beating. The press’s earliest nicknames for him, such as “Cash the Brash” and “the Louisville Lip,” derived from his deriding of opponents with poetic insults. When in the history of boxing have critics been so irked by a fighter’s use of language? A. J. Liebling called him “Mr. Swellhead Bigmouth Poet,” while John Ahern, writing in The Boston Globe in 1964, mocked his “vaudeville” verse as “homespun doggerel.”

(…) Perhaps Maya Angelou, whose own poetry is sometimes labeled doggerel, said it best: “It wasn’t only what he said and it wasn’t only how he said it; it was both of those things, and maybe there was a third thing in it, the spirit of Muhammad Ali, saying his poesies — ‘Float like a butterfly, sting like a bee.’ I mean, as a poet, I like that! If he hadn’t put his name on it, I might have chosen to use that!” / Henry Louis Gates, New York Times