Veröffentlicht am 7. Juli 2017 von lyrikzeitung
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Thomas Havlik. Hansjörg Zauner und Pierre Henry †. Noch ein-, zwei-, viermal Jan Wagner. Angelika Janz, BAADER Holst, Genschel und Cotten, Dorothy Parker – und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert seit 30.6. von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 08. Thomas Havlik (heute abend 19:25 + 22:25 zu hören!):
Tarnanzug Frucht. Es tauen die Körper, es korken
Aus den Hälsen die Pfropfen. 30 Milliarden Silben
Stürmen die Blüten. Sie stürmen die Blüten, schütteln
Den Stengel, saufen das Licht: ihre Halbleiterkristalle
Flimmern im Glimmstock. Jede der 30 Milliarden Silben
Hat rote hervortretende Augen und nur eines im Kopf
Wieviele Zikaden sind notwendig, wieviele Ichs
Um das Schnalzen der gerissenen Sehne zu übertönen
Welcher Akt. Für das Honorar, das mir dieses Gedicht
Einbringt, werde ich mir ein weiteres Gedicht zulegen
Anfang April. Pyramidenspiel. Pollenallergie. Im Aussichts
Nest hockt der Maikäfer und beflegelt das Tamagochi-Kind
Beiderseits entlang der Donauufer zieht man den Einsatz von
Chemikalien in Erwägung: meine Stechkollegen verharren
Zauner hat mehr als 20 Bücher auf den Markt gebracht, zuletzt (2016) erschien im Ritter Verlag der Gedichtband “99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt”. Der Verlag bezeichnete Zauner als “Dichter von staunenswerter Konsequenz, der sich auf einige wenige sprachmanipulative Verfahren konzentriert, die er in stets neuen Facetten und auf exzessive Weise anwendet”. Das Markenzeichen seiner Kunst sei “das Auf-die-Spitze-Treiben komplexer Wortzusammensetzungen, die nach dem Maßstab herkömmlicher Semantik aberwitzig erscheinen”. / vol.at
In Zauners magischer Trommel fand das „oleanderblütenfeigeneis“ scheinbar mühelos mit dem „wedelmopedblitzflugleoparden“ zusammen. In diesem Zauberreich der Poesie war jede Aussage recht – sofern sie nur unerhört war und alltagsnahes Wortmaterial zu ungemein suggestiven Skulpturen verknetete. Zauner, der Autodidakt aus einfachen Verhältnissen, gebot nicht unbedingt über eine Sprachtheorie, mit der er sein Tun hätte begründen können. Gewiss, er entstammte der ungefähr dritten Generation der experimentellen Literatur in Österreich. Er gehörte damit zum Pulk jener Einzelgänger, die die Erkenntnisse der Wiener Gruppe als Voraussetzung für eigene Sondierungen im Sprachland benutzten. – / Ronald Pohl, Der Standard
Bei den Hippies war das Private politisch und umgekehrt. Emotionalität durch Poesie zu vermitteln, ist für Angelika Janz die eine Sache, der emanzipatorische Umgang mit Gefühlen die andere. An der Schnittstelle der Unschärfe produziert diese Autorin gebrochene Symmetrien von Schritten zwischen Geist und Ding. Sie ist immer die langen Wege gegangen, der Titel Fern, fern für ihre Prosa-Reihe auf KUNO stammt noch aus analoger Zeit (eine Echolot in die untergehende DDR). Es ist eine Weltwahrnehmung mit Tiefenschärfe. Janz ist eine Künstlerin der Anverwandlung, mit fein gebauten Sätzen fängt sie etwas von der Erinnerungswelt ein, von den Rissen und von den Wahrnehmungsdetails dieser Sphäre. Es ist bei näherem Hinsehen und genauem Lesen Internet-Literatur im besten Sinne. Janz schöpft aus Repetition eine subtile Funkiness, es ist hypnotische Poesie. Sie hat das Unnötige weggelassen und sich auf das beschränkt, was für die Poesie am wichtigsten war. Die Wiederholungen mit den feinen Nuancen und Variationen, das war das, was von den Lesern vielleicht gar nicht wahrgenommen wird, aber das Besondere an dieser Sprache sind Feinheiten, die nicht nur in den technischen Fertigkeiten ihren Grund haben, sondern auch von dichterischen Format zeugen. Brüchigkeit ist hier Strategie. Niemand soll sich hier in den Worten verlieren, aus Misstrauen gegen zu einfache Immersion, aber auch aus Notwendigkeit: Für die komplexe Argumentation, die diese Reihe verfolgt, braucht man Konzentration. Das Experimentelle, das Durchdachte, bei ihr ist diese Gemengelage nie zu ausufernd. / Matthias Hagedorn, Kuno
schreibt die Neue Zürcher:
Wie gewohnt sprudelten im Alten Bahnhof unter Aufsicht des trocken rockenden Raphael Urweider die lyrischen Quellen, wobei man mit dem Ukrainer Serhij Zhadan, dem Mazedonier Nikola Madzirov und dem Sino-Amerikaner Jeffrey Lang sowie Anja Kampmann zwischen sphärischer Naturbetrachtung, historischer Spurensuche und politischer Zeitdiagnose aus dem Vollen und Tiefen schöpfen konnte.
Wo am diesjährigen Literaturfestival ein richtiger Superstar fehlte (…), sorgten zwei hochkarätig besetzte Podien über Populismus für aufschäumendes Interesse. Leider blieb das Thema mit Robert Menasse, David Van Reybrouck, Bernd Stegemann, Jonas Lüscher und Lukas Bärfuss alleine Männerhirnen vorbehalten. (Andreas Breitenstein)
Pierre Henry, ein Wegbereiter der elektroakustischen Musik, ist tot. Der französische Komponist starb in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 89 Jahren in Paris, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf seine Assistentin meldete.
Henry gilt als ein Pionier der „musique concrète“ (konkreter Musik), die aus Kompositionen vorab aufgenommener Klänge besteht und dabei auch Alltags-Geräusche verwendet. Öfters wurde er auch neben Karlheinz Stockhausen als „Großvater des Techno“ bezeichnet. / spiegel.de
Der vom Deutschen Literaturfonds vergebene Kranichsteiner Literaturpreis geht in diesem Jahr an Nico Bleutge. Der 1972 in München geborene Lyriker lebt heute in Berlin. In der Begründung der Jury, der Maike Albath, Wilfried F. Schoeller und Christine Wahl angehören, heißt es:
Nico Bleutge erhält den mit 20 000 Euro dotierten Kranichsteiner Literaturpreis 2017 für sein bisher vier Bände umfassendes lyrisches Werk unter besonderem Augenmerk auf die neueste Sammlung nachts leuchten die Schiffe. Bleutge versteht sich auf eine poetische Erkundung vornehmlich von Licht und Wasser, auf die Verwandlung poetischer Romantik ins Gebrauchsformat von Industriezonen, Stückverkehr und Transportmonstern. Das Wetterleuchten auf globalen Wegen mischt sich mit Seelenechos aus der Kindheit, das Zitatgemurmel fremder Stimmen mit eindrücklichen eigenen Bildern. Nico Bleutge arbeitet an einer poetischen Übung im Lauschen und Memorieren, an einer modernen Erfahrungsseelenkunde, die sich auch der Technik und dem Gestaltwandel der sprachlichen Bilder öffnet.„
Für den Kranichsteiner Literaturförderpreis nominierte die diesjährige Jury Teresia Enzensberger, Maren Kames und Simon Strauß. Alle drei Kandidaten werden sich am 17. November um 11:30 Uhr in einer öffentlichen Lesung in der Justus-Liebig-Schule in Darmstadt um den mit 5.000 Euro dotierten Preis der Fachjury bewerben. Mit ihren jeweils noch unveröffentlichten Textauszügen stellen sie sich gleichzeitig dem Urteil einer Schülerjury. Diese vergibt, unabhängig von der Entscheidung der Fachjury, einen Preis in Höhe von 1.000 Euro.
Die Jury hat weiterhin zwei Aufenthaltsstipendien des Deutschen Literaturfonds vergeben:
Das 10-wöchige Aufenthaltsstipendium im Deutschen Haus der New York University erhält in diesem Jahr der in Eberstalzell (Österreich) lebende Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker.
Das ebenfalls 10-wöchige London-Stipendium an der Queen Mary University sprach die Jury Karl-Heinz-Ott zu, der in Wittnau lebt.
Alle Preise werden am 17. November um 19 Uhr in Darmstadt überreicht.
Das PEN-Zentrum Deutschland schreibt den Kurt Sigel-Lyrikpreis 2018 aus. Er wird an eine/n Lyriker/in für Gedichte von hoher ästhetischer Qualität verliehen und ist mit € 4.000 dotiert. Stifter des Preises ist der Frankfurter Schriftsteller Kurt Sigel, der sich als Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden sowie von Büchern in hessischer Mundart, die er teilweise mit eigenen Zeichnungen und Cartoons illustrierte, einen Namen gemacht hat. Kurt Sigel ist seit 1974 Mitglied im deutschen PEN.
Einsendeschluss für den Kurt Sigel-Lyrikpreis 2018 ist der 1. Oktober 2017. Die Ausschreibungsbedingungen finden sich auf der Homepage des PEN unter www.pen-deutschland.de. Hierzu gehört als Voraussetzung, einen eigenständigen Gedichtband in einem Verlag veröffentlicht zu haben, der von den Autoren keine Kostenzuschüsse verlangt.
Der Kurt Sigel-Lyrikpreis wurde 2016 im Rahmen der PEN-Jahrestagung in Bamberg erstmals an den Lyriker Daniel Falb verliehen. Er wird alle zwei Jahre ausgeschrieben.
Zum Büchnerpreis für Jan Wagner schreibt Beate Tröger im Freitag, Zitat:
In dieser starken Gewichtung der Form und des Handwerklichen liegt eine gewisse Provokation, die Kritiker auf den Plan ruft, auch im Zusammenhang mit der Akademie-Entscheidung: Die Verse scheinen auf den ersten Blick kein Sand im Getriebe zu sein, stattdessen den Staub von den Phänomenen wegzuwischen, was manchen zu der reichlich hochgegriffenen Aussage verleitet hat, die Gedichte brächten einen dazu, die Dinge wie zum ersten Mal zu sehen. Wagners Gedichte taugen in ihrer subtilen Befremdlichkeit wenig als Stellvertreter einer deutschsprachigen Gegenwartslyrik, die mit Monika Rinck, Ann Cotten, Oswald Egger oder Steffen Popp, aber auch mit dem im vergangenen Jahr ausgezeichneten Marcel Beyer viel offener befremdlichere, experimentellere, avantgardistischere Spielarten kennt.
Sein Werk zu würdigen, ist eine Entscheidung, die dem fantasievollen Sprachvirtuosen Georg Büchner, mit dem Wagner die unleserliche Handschrift, die „Sauklaue“ teilt, eher gerecht wird, als Büchners umstürzlerischen Intentionen und seiner Art, die Form zu überschreiten, man denke nur an Dantons Tod oder Woyzeck. Man könnte die Entscheidung eskapistisch finden, wollte man damit über „deutschsprachige Gegenwartslyrik“ schlechthin befinden, doch sollte man nicht unterschätzen, welche Kraft entsteht, wenn jemand die Form genauestens im Blick behält, indem er sich anschickt, sie zu überschreiten, ihren Zwang beleuchtet und befragt, wenn er die Unheimlichkeit des Vertrauten so virtuos durchdekliniert und von innen heraus annagt.
Die Leichtigkeit seiner [Jan Wagners] Gedichte steht in einem umgekehrten Verhältnis zum Gewicht der Ehrungen, die der 45 Jahre alte Hamburger bisher bekommen hat. Der Preis der Leipziger Buchmesse für den Band «Regentonnenvariationen» war es vor zwei Jahren. Was folgte, war sogar ein Platz auf der «Spiegel»-Bestsellerliste. Das kommt bei einem Lyrikbuch nicht oft vor und wurde da und dort zum Anlass genommen, gleich von einem Boom der Poesie zu sprechen. Es könnte sich dabei um ein Missverständnis handeln, denn ein Boom wäre es erst dann, wenn die gesamte Varianzbreite der Lyrik von der solcherart generierten Aufmerksamkeit profitieren würde.
(…) Der Rest ist Statistik: Zum zweiten Mal hintereinander hat (nach Marcel Beyer) ein Lyriker den Büchner-Preis bekommen, zum achten Mal in den letzten zehn Jahren war es keine Schriftstellerin. Und mit Hanser, wo Wagner erscheint, bleiben die grossen Verlage in den heiligsten Hallen der deutschen Literatur weiter unter sich. / Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung
Seit 1951 wurde der Preis 66 Mal vergeben. Jahrgang 4 – 13 – 29 – 45 – 47 – 50 – 54 – 61 – 62 gingen an Frauen, 9 von 66 = 13,64%. Christa Wolf und Sarah Kirsch folgten auf jeweils 15 Männer, dann begann der Motor zu stocken, ich stelle es grafisch dar in einer Reihe, in der nur die Namen der Frauen ausgeschrieben werden, M steht für einen männlichen Peisträger:
Bachmann MMMMMMMMMMMMMMM Wolf MMMMMMMMMMMMMMM Kirsch M Jelinek MM Mayröcker MMM Kronauer MMMMMM Hoppe Lewitscharoff MMMM.................................
Der Preis wird von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergeben. Sie verzeichnet seit ihrer Gründung 13 Präsidenten und 8 Ehrenpräsidenten. Alle 21 Präsidialen waren Männer. Die Akademie hatte im Jahr 2015 190 Mitglieder. Die Mitgliederliste einschließlich der toten Akademiker umfaßt 560 Namen, darunter sind 71 Frauen oder 12,68%. Demnach liegt der Frauenanteil an den Preisträgern geringfügig über dem Anteil von Frauen am Personalbestand der Akademie.
Die Akademie wird von einem Präsidium geleitet, das aus dem Präsidenten und zwei bis drei Vizepräsidenten besteht. Hinzu kommen bis zu sechs Beisitzer (erweitertes Präsidium). Das engere Präsidium besteht derzeit zu 100 % aus Männern, unter den sechs Beisitzern sind aber drei Frauen.
Das Präsidium wird von den Mitgliedern auf drei Jahre gewählt; es führt die Geschäfte und vertritt die Akademie; zugleich bildet es die Jury für den Georg-Büchner-Preis (unter Mitwirkung je eines Vertreters/einer Vertreterin der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und des Magistrats der Stadt Darmstadt). (Ob die Beisitzer für die Jury hinzugezogen werden?).
Zwischen 1993 und 2014 war jeweils eine Frau unter den Vizepräsidenten, in dieser Reihenfolge: Elisabeth Borchers, Ilma Rakusa, Nike Wagner. In diesen 22 Jahren wurden 6 Frauen mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. In den übrigen 44 Jahren schafften es nur drei Frauen: Kaschnitz 1955, Bachmann 1964 und Wolf (Christa) 1980. Der Fortschritt ist eine Schnecke – strittig ist, ob damit die Schleimspur oder das spiralige Gehäuse gemeint ist.
Der Altersdurchschnitt des engeren Präsidiums beträgt zum heutigen Tag, gerechnet nach vollendetem Lebensjahr, 57 + 57 + 71 + 58 = 61 Jahre.
Der Altersdurchschnitt der letzten zwanzig Preisträger im Jahr ihrer Auszeichnung beträgt – ebenfalls 61 Jahre*. Die Jury zeichnet im Schnitt ihre Generationsgefährten aus: genauer gesagt weiße** Männer um 61, die bei den vier großen Verlagen erscheinen.***
*) Die beiden letzten Preisträger allein senken den Altersdurchschnitt um ganze zwei Jahre.
**) Wie die Farbe Weiß ins Spiel kommt? Nun: unter den Preisträgern war noch nie ein Autor nicht deutscher Herkunft. Dabei gab es unter den aus anderen Sprachzonen Zugezogenen etliche sehr respektierliche, ich nenne ein paar: Cyrus Atabay, Rafik Schami, SAID, Yoko Tawada, Galsan Tschinag, Ilma Rakusa, Feridun Zaimoglu… (Sie alle bekamen den eigens für sie geschaffenen Chamissopreis).
***) Ein wenig Verlagsstatistik. (In dieser Statistik wird nur das Hauptwerk oder die Bände der letzten Jahre berücksichtigt.) Das Werk der Büchnerpreisträger erscheint
Hier sollen einige Autoren behandelt werden, deren Arbeit Dada-Sedimente aufweist: Mara Genschel, Ann Cotten und Oswald Egger.
Ganz besonders deutlich wird diese Linie bei Mara Genschel (*1982). Auch wenn die meisten ihrer Projekte irgendeinen Bezug zur Literatur aufweisen, sind sie dennoch offen und anschlussfähig für verschiedenste Disziplinen und Zugriffsweisen. Beredtes Zeugnis dessen ist ihre Webseite, aktuelle und vergangene Projekte sind hier in einem hermetischgnomischen Humor präsentiert, »Neue Grenze für Schimmelbildung im Siegener Schrift/Bild« etwa kündigt an, dass eine Ausstellung, an der Genschel mit Textcollagen beteiligt ist, verlängert wird. »Über königlich geformte Sanitärkeramik« ist ein Beitrag, der auf eine Radiosendung im SWR hinweist: Neue Musik und Sentimentalität, von oder über Genschel?
(…) Auf Wellness legt Mara Genschel es ersichtlich nicht an. So scheut sie nicht davor zurück, das Publikum bei öffentlichen Veranstaltungen durch gekonnte Reserven zu irritieren oder gar zu brüskieren.
(…)
Auch bei Ann Cotten, wie Genschel 1982 geboren, lassen sich solche Relativierungen finden, als integraler Bestandteil der Textproduktion – obwohl man nicht sagen kann, dass Cotten als Suhrkamp-Autorin sich wie Genschel dem Betrieb entzöge. Jedoch, auch Cotten schafft sich beharrlich ihre Freiräume. Keine ihrer bisherigen Buchveröffentlichungen lässt sich bruchlos als konventioneller Gedicht- oder Prosaband auffassen, immer sind spezifische Treibriemen angebracht, welche die Texte elegant dislozieren.
/ Zitate aus: Enno Stahl, Neo Neo Dada. Zeitgenössische Dada-Rezeption bei Mara Genschel, Ann Cotten und Oswald Egger. In: Hugo-Ball-Almanach. Folge 8
Zum Tod des Dichters „Matthias“ Baader-Holst am 30. Juni 1990 schreibt Ina Kutulas:
Es wäre womöglich schade, aus welchen Gründen auch immer zu spät zu sein, am 7. Oktober 2017 handlungs-, aktionsunfähig, nicht reagieren könnend mit Text, Inszenierung, bewusstem Schweigen oder andersartig auf die von Baader in die Welt gesetzte Bitterfelder Inspiration. In „boheme und diktatur in der ddr“ ist seine Aktion beschrieben:
„In einer Szene steht BAADER grinsend vor einem Denkmal in Bitterfeld. Erbaut von einem übereifrigen Deutsch-Lehrer, irgendwann in den 60er Jahren, der seinen Schüler aufgibt, „Briefe an die Jugend des Jahres 2017“ zu schreiben, die er dann in einer Kassette in die Betonmauer einläßt. „Erst zu öffnen im Jahr 2017, dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution“, verheißt eine kupfergetriebene Plakette. Ein riskantes Verfallsdatum, das Holst zu einer Performance inspiriert. In der Messingschale des Denkmals entzündet er ein kleines Feuer. Mit großen Gesten deklamiert der Untergrund-Poet im Flammenschein seine Verse. Entrückt, einsam, einzig. Ein dadaistischer Olympionik, ein hakenschlagendes Opferlamm.“
Jetzt ist Dorothy Parker noch einmal neu zu entdecken: als Lyrikerin. Wie umfangreich ihr lyrisches Werk ist, zeigt der Band Denn mein Herz ist frisch gebrochen. Er versammelt sämtliche zu Parkers Lebzeiten in Buchform erschienenen Gedichte im Original – und in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach. Ihre ersten drei Lyrik-Bände Enough Rope von 1926, Sunset Gun (1928) und Death and Taxes (1931) waren bei ihrem Erscheinen in der Kritik und in den Buchläden ein Renner. / Beate Tröger in einer Besprechung im Freitag
Denn mein Herz ist frisch gebrochen (Englisch /Deutsch) Dorothy Parker, Ulrich Blumenbach (Übers.), Dörlemann 2017, 400 S., 34 €
Ledbury Poetry Festival (30. Juni bis 9. Juli) – Großbritanniens größtes Poesiefestival findet zum 21. Mal statt
Der 20. Hausacher Leselenz (5.-14. Juli)
Mit Carolin Callies (D), Safiye Can (D), Rocío Cerón (MEX), Valentina Colonna, (I) Zehra Çırak (D), Christoph Danne (D), Alice Gabathuler (CH), Nora Gomringer (CH / D), Simone Hirth (D / A), Ranjit Hoskoté (IND), Semier Insayif (IRQ / A), Jan Koneffke (D / A / RO), Els Moors (B), Tom Schulz (D), Tzveta Sofronieva (BG / D), Michael Stavaricˇ (CZ / A), Aleš Šteger (SLO), Suleman Taufiq (SYR / D), Ilija Trojanow (BG / D / A) u.v.a.
Drittes Offlyrikfestival 2017
10 Lyrik-Performer treten am 7.7.2017 in Düsseldorf auf: Maroula Blades, Kersten Flenter, Thomas Havlik, Stan Lafleur, Alexander Nitsche, Kai Pohl, Clemens Schittko, RoN Schmidt, Tom de Toys (Moderation) und Harald ‚Sack‘ Ziegler.
Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (5. bis 9. Juli). Am Sonntag, dem 9. Juli, werden fünf Preise vergeben.
Internationales Poesiefestival in Medellin (8.-15. Juli)
Am 8. Juli 1899 wurde das Henrich-Heine-Denkmal des Bildhauers Ernst Herter in New York enthüllt. Die österreichische Kaiserin Sisi hatte es bezahlt und der Stadt Düsseldorf schenken wollen, aber die dortigen Antisemiten verhinderten seine Aufstellung.
Am 10. Juli 1755 Uraufführung des bürgerlichen Trauerspiels Miss Sara Sampson von Gotthold Ephraim Lessing in Frankfurt/Oder. „Die Zuschauer haben drei und eine halbe Stunde zugehört, stille gesessen wie Statuen, und geweint.“
Am 13. Juli 1793 wird der Revolutionär Jean Paul Marat von Charlotte Corday in der Badewanne erstochen. Der deutsche Dichter Klopstock wird sie als „Männin Corday“ loben.
Am 14. Juli stürmen Pariser Bürger die Bastille. 1795 wird die Marseillaise zur französischen Nationalhymne. Seit 1980 Nationalfeiertag in Frankreich.
Geboren wurden am 8. Juli 1803: Julius Mosen, 1885: Ernst Bloch, 1890: Walter Hasenclever; am 9. Juli 1764: Ann Radcliffe, englische Schriftstellerin, 1834: Jan Neruda, tschechischer Schriftsteller, 1889: Nikolai Assejew, russischer Dichter, 1933: Arnfrid Astel, deutscher Lyriker; am 10.Juli 1501: Cho Shik, koreanischer Dichter, 1640: Aphra Behn, englische Schriftstellerin, 1845: Dolors Monserdà, katalanische Schriftstellerin, 1871: Marcel Proust, französischer Schriftsteller, 1889: Nikolai Assejew, russischer Dichter, 1902: Nicolás Guillén, kubanischer Dichter, 1913: Salvador Espriu, katalanischer Schriftsteller, 1919: Pierre Gamarra, französischer Schriftsteller, 1927 (90. Geburtstag): Paul Wühr, deutscher Schriftsteller, 1932: Jürgen Becker, deutscher Schriftsteller, 1937 (80. Geburtstag): Kurt Bartsch, deutscher Schriftsteller; am 11. Juli 1561: Luis de Góngora, spanischer Dichter, 1866: Richard Beer-Hofmann, österreichischer Schriftsteller, 1928: Kurt Klinger, österreichischer Schriftsteller, 1930: Klaus Wagenbach, deutscher Verleger; am 12. Juli 1817 (200. Geburtstag): Henry David Thoreau, amerikanischer Schriftsteller und Philosoph, 1862: Hermann Conradi, deutscher Schriftsteller, 1868: Stefan George, 1874: Elsa von Freytag-Loringhoven, Pionierin des Dadaismus, 1876: Max Jacob, französischer Dichter, 1881: Ludwig Rubiner, deutscher Dichter, 1892: Bruno Schulz, polnischer Schriftsteller, 1904: Pablo Neruda, chilenischer Dichter (Nobelpreis 1971); am 13. Juli 1773: Wilhelm Heinrich Wackenroder, deutscher Schriftsteller, 1793: John Clare, englischer Dichter, 1930: Jesús López Pacheco, spanischer Schriftsteller, 1934: Wole Soyinka, nigerianischer Schriftsteller (Nobelpreis 1986), 1938: Helga Königsdorf, deutsche Mathematikerin und Schriftstellerin; am 14. Juli 1743: Gawriil Derschawin, russischer Dichter, 1868: Gertrude Bell, britische Schriftstellerin, Hafisübersetzerin, 1912: Woody Guthrie, amerikanischer Gewerkschafter und Liedermacher
Todestage: am 8. Juli 1604: Heinrich Albert, Dichter und Komponist („Anke van Tharaw“) 1681: Georg Neumark, deutscher Kirchenlieddichter und -komponist, Mitglied des Palmen- und Blumenordens („Wer nur den lieben Gott läßt walten“), 1822: Percy Bysshe Shelley, 1892: Richard Aldington, 1984: Franz Fühmann, 1987: Gerardo Diego, spanischer Dichter; am 9. Juli 880: Ariwara no Narihira, japanischer Dichter, 1677: Angelus Silesius, deutscher Dichter, 1848: Jaume Balmes, katalanischer Philosoph und Theologe, 1962: Georges Bataille, französischer Schriftsteller, 1980: Vinícius de Moraes, brasilianischer Dichter; am 10. Juli 138: Hadrian, römischer Kaiser (Gedicht: Animula, vagula, blandula), 1934: Erich Mühsam, deutscher Anarchist, 1942: Franz Blei, 1970: René Schwachhofer; am 11. Juli 1844: Jewgeni Baratynski, russischer Dichter, 1966: Delmore Schwartz, amerikanischer Dichter, 1974: Pär Lagerkvist, schwedischer Dichter (Nobelpreis 1951), 1975: Kurt Pinthus, deutscher Schriftsteller; am 12. Juli 1536: Erasmus von Rotterdam, 1874: Fritz Reuter, niederdeutscher Schriftsteller, 1911: Júlia da Costa, brasilianische Dichterin, 1959: Carles Riba, katalanischer Schriftsteller, 1984: Hannes Flesner, ostfriesischer Liedermacher, 2016: Paul Wühr; am 13. Juli 815: Wu Yuanheng, chinesischer Dichter und Politiker, 1967 (vor 50 Jahren): Tudor Arghezi, rumänischer Schriftsteller; am 14. Juli 1780: Charles Batteux, französischer Ästhetiker, 1817 (vor 200 Jahren): Madame de Staël, französische Schriftstellerin
Philip Larkin exhibition in Hull offers fresh insights into poet’s life / Guardian
Why we should learn German. Von John le Carré, Guardian (dazu hier auf Deutsch)
Veröffentlicht am 6. Juli 2017 von lyrikzeitung
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 07. Stan Lafleur (19:05 + 22:05):
der boxer
auf der hoehe von fallobst siedelten sie
ihn gern an, die besserwisser an den seilen
dabei tat er stets was er konnte. was er
wollte, auszer sich durchzuboxen, stand
nur in gottes geheimem tagebuch. dasz
sie ihm als kind n kotelett um den hals
binden muszten, damit wenigstens die
hunde mit ihm spielten, gab er einmal
in der late-show preis. seine lebrigen
handschuhe hingen da bereits laengst
um den hals eines stillen Bewunderers
Veröffentlicht am 5. Juli 2017 von lyrikzeitung
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 06. Kai Pohl (18:45 + 21:45):
abgewetzte behauptungen und unbrauchbare kommentare zur lage der lüge wär die liga egal die lüge stabil wär der nebel im wald der nabel der welt doch man ahnt ja nicht in dieser durchgestylten gegend ob die häuser entlang der straßen oder die straßen entlang der häuser gebaut sind nagel versenkt kabel gekappt balg abgestillt bewerbungstraining die längste kurzvita aller zeiten text direkt in den mailbody tippen das subjekt der begierde kann offenbleiben in der sprache der engel sind |: wort und welt :| beinah deckungsgleich ich konzentriere mich auf bilder von draußen: wolken treiben ihrer auflösung entgegen sinn meint i. allg. etwas nebulöses poesie meint i. allg. die dichtkunst milch meint i. allg. |: kuhmilch :| entsteht in den euterdrüsen wo (besser: wodurch) entsteht das gedicht? entsteht es beim schreiben? beim lesen? beim vorlesen? oder erst, falls es jemand versteht? milch versiegt, wenn nicht gemolken wird worte treiben zum ort ihrer auflösung aber auflösung ist kein ort und keine lösung ich habe aufgehört nach einem sinn zu suchen nach dem stil der originalität oder mit dem arsch in richtung markt zu wedeln unsinn ist der einzige hebel der schönheit der stil hemmt die kraft für den wurf ich sollte mich anfreunden mit den spinnen in der küche mit den fliegen und den milben mit den larven im holz ich sollte die mücken achten die hummeln im hintern sowieso ich sollte mich besser mit den spatzen verständigen die in den hohlräumen der fassade hausen mit den tauben im kastanienbaum mit dem fuchs und mit der krähe die gleich um die ecke wohnen ich sollte meine ungeduld den wolken überlassen den worten und dem licht ich sollte meine schuld dem holunder vermachen meine unschuld dem nebel und dem abendglühen ich sollte aufhören diese abgewetzten behauptungen zu wiederholen |: das wetter spielt verrückt :| dabei kann das wetter gar nicht verrücktspielen »überholen ohne einzuholen« klingt wie repetieren ohne zu kapieren krepieren ohne gelebt zu haben worte kreuzen der lösung entgegen die erde dampft wie ein frisches grab ich möchte sterben an diesem tag der viel zu schön zum sterben ist das laub der birken rauscht wie ein zitat
Veröffentlicht am 4. Juli 2017 von lyrikzeitung
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 05. Maroula Blades (18:25 + 21:25):
Mandala
(Übersetzung von Xochil A. Schütz & Martin Jankowski)
I choreograph myself to the situation,
creating maps of inner and outer worlds,
pentagrams, circles, compact shapes,
houses of pure air for the mind to breathe in.
No cages.
Freethinkers and the morally bankrupt are welcome.
No painful extractions from the mind.
I softly go behind, touching the deepness,
the unknown factor
where demons flee the details, the yellow fog.
Meditative art.
Like a battery I work off the positive and the negative,
every shade holds a secret that is pivotal to life.
A dominion of ages,
a universe,
listening to dark and light tones,
easing down the slave lake of life.
I brush away cobwebs from the corners of thoughts,
stored in cryogenic rooms at the base of memory.
Wade in my maternal peace,
paint the joys and the pains,
use the spaces in my sphere; make my body pregnant with colour.
Let the colours bleed, it’s my wish,
as every tint is vast and beautiful,
every line infinite,
climbing frames, leading upwards and outwards.
Where I exist,
freedom has a place to grow, free of a hunched back
to flow brightly back to the source, the light.
Ich choreographiere mich in die Gegebenheiten,
erschaffe Pläne innerer und äußerer Welten,
Pentagramme, Kreise, kompakte Gebilde,
Häuser aus purer Luft, dass der Geist aufatme.
Keine Käfige.
Freidenkende und moralisch Bankrotte: Sie sind willkommen.
Keine schmerzhaften Extraktionen aus dem Geist.
Sanft trete ich dahinter, berühre die Tiefe,
den unbekannten Faktor,
wo Dämonen die Details fliehen, den gelben Nebel.
Meditative Kunst.
Wie eine Batterie verarbeite ich das Positive und das Negative,
jede Nuance enthält ein Grundgeheimnis des Lebens.
Eine Herrschaft der Zeiten,
ein Universum,
den dunklen und hellen Tönen lauschend
den Sklavensee des Lebens beruhigend.
Ich wische Spinnweben aus den Ecken der Gedanken,
gespeichert in eisigen Kammern auf dem Grund des Gedächtnisses.
Wate in meinen mütterlichen Frieden,
male die Freuden und die Schmerzen,
nutze die Räume in meinem Bereich, schwängere meinen Körper mit Farbe.
Lasst die Farben bluten, es ist mein Wunsch,
denn jeder Farbton ist gewaltig und schön,
jede Linie unendlich,
erklimmt die Rahmen, führt hinauf und hinaus.
Wo ich bin
hat Freiheit einen Platz zu wachsen, ohne gekrümmten Rücken
um gleitend zurückzufließen zur Quelle, zum Licht.
Veröffentlicht am 3. Juli 2017 von lyrikzeitung
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 04. Alexander Nitsche (18:05 + 21:05):
Krimsekt
lesen & schreiben
haben wir uns gegenseitig beigebracht.
es gab immer einen unter uns
der es noch oder noch nicht konnte.
wir schrieben auf gekalkte bananenblätter
buchstabensuppen ohne bedeutung:
krimsekt kamikaze. gelegentlich gedichte.
wie dieses hier immer acht zeilen lang.
Veröffentlicht am 2. Juli 2017 von lyrikzeitung
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 03. Harald ‚Sack‘ Ziegler (17:45 + 20:45):
Alle Menschen
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Ab jetzt oder jetzt oder jetzt oder jetzt oder jetzt
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Das stimmt so, wenn man mal d‘rüber nachdenkt
Werden alle hier gleichzeitig alt.
Immer älter, älter, älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Egal ob sie jetzt 7, 12, 24, 32, 48, 70 oder 80 sind
oder ob sie gerade auf die Welt kommen,
alle werden gleichzeitig alt.
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Ab jetzt!
Veröffentlicht am 1. Juli 2017 von lyrikzeitung
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 02. Clemens Schittko (17:25 + 20:25):
Weiter im Text
es ist vorbei
wir sind am Ende
der Faden ist gerissen
die Würfel sind gefallen
die Tage sind gezählt
nichts kommt mehr
und nichts findet noch statt
es war alles schon mal da
jede Note wurde schon einmal gespielt
jedes Wort wurde schon einmal gesprochen
jeder Strich wurde schon einmal gezeichnet
gebt endlich auf
es ist vorbei
wir sind am Ende
der Kuchen ist gegessen
der Drops ist gelutscht
die Messe ist gelesen
alle Fragen wurden gestellt
es gibt nur noch Antworten
es gibt nur noch Wahrheiten
alle austauschbar
alle beliebig
alle gleich gültig
nichts kommt mehr
und nichts ereignet sich noch
es ist einfach nichts
nicht einmal die Leere
nicht einmal das Nichts
es ist vorbei
der Zug ist abgefahren
Schicht im Schacht
Affe tot
aus die Maus
Ende im Gelände
es ist schlichtweg aus
nur der Tod ist gewiss
erkennt ihn endlich an
Weiterlesen
Veröffentlicht am 30. Juni 2017 von lyrikzeitung
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Nach der ersten längeren Unterbrechung in 16 Jahren jetzt wieder jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: RoN Schmidt, Büchnerpreis für Jan Wagner, übergangene Dichter, Ekkehard Maaß und sein Salon, Lavant, Marx, Celan, Tracy K. Smith – und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Songtext 1996 © CD „wir werden fliegen“
ICH UND MEIN GEHIRN
MEIN LIEBLINGSTHEMA
DER NABEL DER WELT
ALS ÜBERLEBENSSCHEMA
PROBLEME OHNE LÖSUNG
KÖNNEN NUR ENTSTEHN
WENN WIR SIE ÜBERHAUPT
UND WIE WIR SIE SEHN
IMMER SIND WIR AUCH
EIN TEIL DER BETRACHTUNG
BEWUNDERUNG BEIM EINEN
IST BEIM ANDEREN VERACHTUNG
UNSCHÄRFE ENDLOS
FÜHRT ZU KATASTROPHEN
WIE DOMINOSTEINE
FALLEN ALLE PHILOSOPHEN
MUSIK VON HEUTE
MUSIK VON GESTERN
LIEBE UNTER BRÜDERN
UND LIEBE MIT SCHWESTERN
LIEBE IST NACH WIE VOR
DIE STÄRKSTE KRAFT
WENN AUCH IM KOPF
OFT EIN ZWEIFEL KLAFFT
WENN ICH DAS SEHE
KANN ICH NUR SEHN
DASS SCHILDKRÖTEN
IMMER AUF
SCHILDKRÖTEN STEHN
Gedichte der anderen Teilnehmer an den kommenden Tagen jeweils um 6:00 Uhr in der Früh.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis 2017 an den Lyriker Jan Wagner.
Die Preisverleihung findet am 28. Oktober 2017 im Staatstheater Darmstadt statt.
Begründung der Jury:
»Jan Wagners Gedichte verbinden spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz. Entstanden im Dialog mit großen lyrischen Traditionen, sind sie doch ganz und gar gegenwärtig. Seine Gedichte erschließen eine Wirklichkeit, zu der Naturphänomene ebenso gehören wie Kunstwerke, Sujets der Lebens- wie der Weltgeschichte, erste Fragen und letzte Dinge. Aus neugierigen, sensiblen Erkundungen des Kleinen und Einzelnen, mit einem Gespür für untergründige Zusammenhänge und mit einer unerschöpflichen Phantasie lassen sie Augenblicke entstehen, in denen sich die Welt zeigt, als sähe man sie zum ersten Mal. Für diese poetische Sprachkunst, die unsere Wahrnehmung ebenso schärft wie unser Denken, verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis 2017 an Jan Wagner.«
Als in der letzten Woche mit Jan Wagner ein Lyriker als diesjähriger Träger des Georg-Büchner-Preises gekürt wurde, war ich mir mit Jan Kuhlbrodt einig, dass uns eine Lyrikerin lieber gewesen wäre, die diesen Preis schon seit Jahrzehnten verdient, ihn aber aus fadenscheinigen Gründen noch nicht bekommen hat: Elke Erb.
Nun hat diese großartige Autorin gleich drei Handicaps:
Sie schreibt sogenannte schwierige Texte, die vielleicht nicht gleich beim ersten Lesen verstanden werden.
Und sie ist bei den falschen Verlagen, klein, fein, aber ohne viel Einfluss.
/ Annett Gröschner, piqd
Privatmann vergibt Alternativen Büchner-Preis
Und wer bekommt den Georg-Büchner-Preis wieder nicht? Wolf Wondratschek. Das geht nicht, findet ein Privatmann. Und machte den Dichter jetzt zum ersten Preisträger eines flugs ausgerufenen Alternativen Büchner-Preises. / Volker Weidermann, Spiegel
Perlentauchers Magazinrundschau über die spanische Wochenzeitung El Pais Semanal, 1.5.2017:
Guillermo Altares unterhält sich mit dem 1953 in Haiti geborenen und 1976 vor politischer Verfolgung nach Kanada geflohenen Schriftsteller Dany Laferrière, der seit 2014 Mitglied der Académie française ist: „Wenn Rassisten etwas hassen, dann dass der, den sie attackieren, sie versteht. Das macht sie krank. Sie können es nicht ertragen, dass der, den sie verachten, mit ihnen sprechen will und der Ansicht ist, dass sie einfach die Wirklichkeit nicht begreifen. So ging es James Baldwin, als er in den sechziger Jahren verkündete, dass die Weißen nicht nach Europa und die Schwarzen nicht nach Afrika zurückkehren würden – es bleibt keine andere Möglichkeit, als sich zusammenzusetzen und zu verhandeln, den anderen einfach ausscheiden, das wird es nicht geben und das ist auch nicht die Lösung. Für das Europa der Gegenwart gilt das genauso. Le Pen sagt, nachdem es in Frankreich mehrere Millionen Arbeitslose gibt, soll man mehrere Millionen Schwarze und Araber ausweisen. Das hat keinen Sinn, aber ich verstehe das Problem. Doch es werden nicht mehr Arbeitsplätze entstehen, wenn man diese Leute rauswirft. Wir müssen dem Denken wieder Bedeutung verschaffen.“
Nicht ohne Koketterie beginnt sie ein Gedicht mit dem Geständnis: „Ich bin ein einfaches und durchtriebenes Geschöpf.“ Thomas Bernhard, der sie seit 1956 kannte und 1987 die schöne Auswahl „Gedichte“ veröffentlichte, muss diesen Vers im Kopf gehabt haben, als er an seine Lektorin Elisabeth Borchers schrieb: „Die Lavant ist eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene. Sie wohnt auf der Betondecke eines Supermarktes an einer Strassenkreuzung in Wolfsberg mit einer Riesentankstelle und tippt ihre Gedichte gleich in die Maschine. Das ist für mich grossartiger, als das verlogene Weltfremdmärchen mit katholischer Talschlussromantik, das gottbefohlene, das um sie bis heute immer verbreitet worden ist.“ / Harald Hartung, faz.net 13.5.
Karl Marx Menschenleben Stürmisch entfliehet Der Augenblick; Was er entziehet, Kehrt nicht zurück. Tod ist das Leben Ein ewiger Tod; Menschenbestreben Beherrscht die Noth; Und er verhallet In Nichts dahin; Und es verschallet Sein Thun und Glühn. Geister verhöhnen Ihm seine That; Stürmisches Sehnen, Und dunkler Pfad; Ewiges Reuen Nach eitler Lust; Ewiges Breuen In tiefer Brust; Gierig Bestreben Und elend Ziel Das ist sein Leben, Der Lüfte Spiel. Groß es zu wähnen Doch niemals groß, Selbst sich zu höhnen, Das ist sein Loos. / Mehr: über dieses und die 400 weiteren Seiten Marxscher Lyrik in FAZ 10.6. (Uwe Wittstock)
Drei Auszüge aus einem Aufsatz von Cathy Park Hong im Poetry Magazine über Paul Celan und Doris Salcedo:
(1)
Salcedo’s sculptures are anti-monumental. She works with humble domestic objects like wooden wardrobes, chairs, and tables that are sparely arranged in an exhibition space. Inspired by Paul Celan, she repeatedly refers to his poetry in her titles, like Unland: audible in the mouth, Shibboleth, and Unland: the orphan’s tunic.
(2)
Out of all his poems, “Death Fugue” was the most anthologized and the most quoted for its haunting, incantatory power and its clear references to the concentration camps. As his poetry became more idiosyncratic — his syntax more gnarled, his images more gnomic and mineralogical, his syllables more neologistic — Celan grew to loathe “Death Fugue.” It dogged him, overshadowing his other works, and fearing he was becoming a mouthpiece for Jewish Holocaust poetry, Celan later refused to let “Death Fugue” be further anthologized. Meanwhile, “Death Fugue” became a German obsession, a fixture at commemorative events. The scholar Sidra DeKoven Ezrahi wrote,
At some subliminal level the Germans have come to know the poem … at such an early age and on ceremonial occasions that it has become an incantational procedure rather than an intended text.
Rather than an act of rememberance, the recitation of “Death Fugue” turned into a mantra to ward off difficult engagement with the past. But this is how it is when a poem becomes commemorative. It becomes all pious gesture and drained of meaning. When a poem becomes commemorative, it dies.
(3)
This is the kind of literature that is lifeblood against the sanctimonious, sanctioned poetry that the establishment uses to exonerate themselves. It is not enough for a poem to be witness, to preserve a dated moment and give voice to puppets from the past. It’s not enough that a poem extol the virtues of survival and overcoming. What if the poet never overcomes? What if the poet hears the same bitter verdict when testimony after testimony has been given? What if that poet — and this is the ultimate emotional transgression that repels the reader who takes comfort in literature as forgiveness — still feels a shadow of hate and it is that hate that disfigures song into something broken? But see, the only way to get at that inalienable grief is to disfigure song. Celan was a sadist with the German language, shredding it down to find the kernel, and from those shreds, he created a third language:
Blackas memory’s woundthe eyes root for youin this plot bittenbright by the heart-teeth.SCHWARZ
wie die Erinnerungswunde,
wühlen die Augen nach dir
in dem von Herzzähnen hell-
gebissenen Kronland,
das unser Bett bleibt:
Als Besitzer der Wohnung Schönfließer Str. 21 machte die Staatssicherheit 1981 „Maaß, Ekkehard, ohne Tätigkeit“ aus. Dabei war Untätigkeit so ziemlich das Letzte, was man dem umtriebigen Hausherrn dieser „gastlichen Wartehalle in der Bleiernen Zeit“ (Wolf Biermann) nachsagen konnte. Peter Böthig nennt das Institut, seit 1978 Treffpunkt der Dichter- und Künstlerszene im Prenzlauer Berg, in seiner Dokumentation „Sprachzeiten“ einen Literarischen Salon. (…)
Als Freund und Nachbar kam für ein Jahrzehnt der georgische Dichter deutscher Sprache, Giwi Margwelaschwili; der tschetschenische Dichter Apti Bisultanov floh 2002 hierher ins Exil. In Rheinsberg, wo Böthig Leiter des Tucholsky-Museums ist, wurde Bisultanov Stadtschreiber und erkämpfte sich das Asyl in Deutschland. Seit 1996 ist Maaß Präsident der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft mit Sitz in der Schönfließer Straße, die Nachtasyl für verfolgte Dichter und Künstler blieb. Schon die Stasi hatte in ihrer vielbändigen Ermittlungsakte „ständige Übernachtungen, Aufenthalt und Verpflegung negativ-feindlicher Personen“ festgehalten.
(…)
Widerlegt wird die Legende, die ganze Szene sei eine Inszenierung der Stasi gewesen. Nicht umsonst musste sich Sascha Anderson einmal heftig ins Zeug legen, um Uwe Kolbes Vorschlag für einen unabhängigen Schriftstellerverband zu sabotieren. Und sein IM-Kollege „Villon“ (alias Lutz Gattner) meldete der Stasi, die „Gedichte“ von Bert Papenfuß „sollten ausreichend sein, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen“. Boethig, selbst Salon-Teilnehmer, bis er 1988 verhaftet und abgeschoben wurde, beharrt deshalb darauf, in den Lesungen die „Keimzelle für einen in den 80er Jahren sich entwickelnden staatsunabhängigen Literatur- und Kunstbetrieb“ zu sehen. Die Textproben belegen das und fügen sich zu einer Anthologie, die man als Fundus einer damals von der Stasi verhinderten Anthologie lesen kann. / Hannes Schwenger, Tagesspiegel
Die Library of Congress bestimmte die Lyrikerin Tracy K. Smith (45) zur neuen poet laureate der USA, der höchsten Ehre, die das Land auf diesem Gebiet zu vergeben hat. Sie folgt damit Autoren wie Rita Dove, Louise Glück, Billy Collins, W. S. Merwin, Charles Simic und zuletzt Juan Felipe Herrera.
Sie wolle in der Position als eine Art literarische Evangelistin kleine Städte und ländliche Gebiete besuchen, um Lyrikevents abzuhalten.
„Ich bin freudig erregt über die Gelegenheit, die Gute Nachricht der Poesie in Teile des Landes tragen zu können, wohin literarische Festivals eher selten gelangen.“
Frau Smith ist die 22. Inhaberin des 1937 begründeten Amts, das den offiziellen Titel „Poet laureate Lyrikkonsultant“(in) trägt. / New York Times 14.6.
Mehr: 4 poets you need to read, from new poet laureate Tracy K. Smith, PBS Newshour
Ich hätte da einen Vorschlag. Nachdem Deutsche Bücherei und Staatsbibliothek zur Deutschen Nationalbibliothek wurden, könnte man nicht in gebührendem Abstand von acht Jahrzehnten dem amerikanischen Beispiel folgen und einen Konsultanten für Lyrik auch bei uns einführen? Wenn man einen repräsentativen Namen braucht: Poeta laureatus, „gekrönter“ oder lorbeerisierter, National-Dichter, das gabs in Deutschland schon mal, vor vielen Jahrhunderten, auch damals nach ausländischem Vorbild. 1341 wurde Francesco Petrarca in Rom gekrönt. 1442 krönte Kaiser Friedrich III. in Frankfurt/Main Enea Silvio da Piccolomini (der später vom „Lyrikpapst“ zum wirklichen Papa der Kirche wurde). 1487 folgte mit Konrad Celtis der erste deutsche Dichter mit Lorbeerkrone.
Wenn es erst ein repräsentatives nationales Amt gibt, werden Bundesländer, Städte und Universitäten folgen* und (wieder) ihre eigenen Dichter krönen. Sie müssen keine Gedichte auf den Geburtstag der Würdenträger schreiben wie früher im Vereinigten Königreich. Ein republikanischer National-, Stadt-, Betriebs- oder Universitätsdichter. Dann werden auch die Zeitungen wieder regelmäßig Gedichte abdrucken. Ein kleines Gedicht unter den vielen Nachrichten des Tages? Das ist machbar, Herr Nachbar, Frau Nachbarin.
(Zur Wiedervorlage)
The two scenes collapse and expand in the same spectacular way as a ghazal couplet or sher does; these moments capturing convergence in divergence, the dance of the “contraries,” bringing together science and art, politics and spirituality, geography and history, East and West, led me to explore cosmopolitanism at the root of the ghazal form.
Cosmopolitanism is defined in the dictionary as “being free from local, provincial, or national ideas, prejudices, or attachments; at home all over the world”; it is necessarily an active appreciation of disparate entities, a rejection of narrow constructs of identities, in fact, a rejection of all strictures; it is an ownership as well as a divestment. It celebrates pluralism as fiercely as it forges an autonomous voice.
The ghazal, in its structure as well as its sensibility, not only allows contraries to cohabit but, in the best compositions, makes a demand to frame polarity in the same space. Once the matla, the opening couplet, introduces the refrain (or radif), the reader expects two things: one, that each successive couplet will be locked in by the same phrase/word/image of the radif, and two, that a wild freedom of perspective will be offered like a new puzzle piece that astonishes by fitting the given radif as perfectly as the previous one. / Shadab Zeest Hashmi, World Literature Today
L&Poe presents: Ganz neue Herbste nicht von Helmut Heißenbüttel
„le prix du poète de poésie libre au poète“ (Zeitungsmeldung), das ist so gut gesagt, daß man es nicht auch noch verstehen muß, n’est-ce pas? Mehr wäre dazu nicht zu sagen, es sei denn, man wollte es übersetzen. Da gibt es immer mehrere Möglichkeiten, Google entscheidet sich für diese: „der Preis des freien Verses Dichter zu Dichter“. Treffender vielleicht die Übersetzung des freien Online-Übersetzers PROMT: „Der Preis vom Dichter freier Dichtung dem Dichter“. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Bei den Ernst-Jandl-Tagen (30.6. bis 2.7. in Neuberg an der Mürz) erhält Monika Rinck den Ernst-Jandl-Preis 2017. Es lesen außerdem u.a. Ann Cotten, Daniel Falb, Mara Genschel, Birgit Kreipe, Ferdinand Schmatz, Christian Filips, Nancy Hünger, Kornelia Koepsell, Friederike Mayröcker und Anja Utler.
Ledbury Poetry Festival (30. Juni bis 9. Juli) – Großbritanniens größtes Poesiefestival findet zum 21. Mal statt
Am 4. Juli ist Independence Day in den USA. An diesem Tag im Jahr 1776 erklärten sich die 13 amerikanischen Kolonien zu einer neuen Nation.
Der 20. Hausacher Leselenz (5.-14. Juli)
Mit Carolin Callies (D), Safiye Can (D), Rocío Cerón (MEX), Valentina Colonna, (I) Zehra Çırak (D), Christoph Danne (D), Alice Gabathuler (CH), Nora Gomringer (CH / D), Simone Hirth (D / A), Ranjit Hoskoté (IND), Semier Insayif (IRQ / A), Jan Koneffke (D / A / RO), Els Moors (B), Tom Schulz (D), Tzveta Sofronieva (BG / D), Michael Stavaricˇ (CZ / A), Aleš Šteger (SLO), Suleman Taufiq (SYR / D), Ilija Trojanow (BG / D / A) u.v.a.
Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (5. bis 9. Juli). Am Sonntag, dem 9. Juli, werden fünf Preise vergeben: Der mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis, gestiftet von der Stadt Klagenfurt. Der mit 12.500 Euro dotierte erstmals vergebene Deutschlandfunk-Preis, gestiftet vom Deutschlandradio. Der mit 10.000 Euro dotierte KELAG-Preis, gestiftet von der Kärntner-Elektrizitäts-Gesellschaft. Der mit 7.500 Euro dotierte 3sat-Preis, gestiftet vom Gemeinschaftsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ZDF, ORF, SRG und ARD. Der BKS-Bank Publikumspreis in Höhe von 7.000 Euro, verbunden mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt.
Drittes Offlyrikfestival 2017
10 Lyrik-Performer treten am 7.7.2017 in Düsseldorf auf: Maroula Blades, Kersten Flenter, Thomas Havlik, Stan Lafleur, Alexander Nitsche, Kai Pohl, Clemens Schittko, RoN Schmidt, Tom de Toys (Moderation) und Harald ‚Sack‘ Ziegler.
Internationales Poesiefestival in Medellin (8.-15. Juli)
Am 2. Juli 1964 wurde in den USA ein Verbot von Bildungstests als Voraussetzung zur Teilnahme an Wahlen verhängt. Manche denken darüber nach, ob man sie wieder einführen soll.
Geboren wurden am 30. Juni 1807: Friedrich Theodor Vischer, 1814: Franz von Dingelstedt, 1911: Czesław Miłosz, polnischer Dichter, Nobelpreisträger; am 1. Juli 1742: Georg Christoph Lichtenberg, 1886: Jizchak Katzenelson (ermordet am 1. Mai 1944 in Auschwitz), 1919: Hans Bender; am 2. Juli 1724: Friedrich Gottlieb Klopstock, 1877: Hermann Hesse; am 3.Juli 1883: Frank Kafka, 1928: Günter Bruno Fuchs, 1937: Joochen Laabs (80. Geburtstag); am 4. Juli 1715 Christian Fürchtegott Gellert; am 5. Juli 1889: Jean Cocteau, 1941: Barbara Frischmuth; am 7. Juli 1887: Marc Chagall
Todestage: am 30. Juni 1990 „Matthias“ BAADER Holst, 2006: Robert Gernhardt, am 1. Juli 1916 der Dichter Siegfried Schlösser (vor Beaumont gefallen), 1952 der tschechische Dichter Fráňa Šrámek, 2016 Yves Bonnefoy; am 2. Juli 1778: Jean-Jacques Rousseau, 1961: Ernest Hemingway; am 4. Juli 1888: Theodor Storm, 1964: Samuil Marschak; am 6. Juli 1533: Ludovico Ariosto (Der rasende Roland); am 7. Juli 1956: Gottfried Benn
Veröffentlicht am 30. Juni 2017 von lyrikzeitung
Die Literaturszene besteht nicht nur aus Bestsellerautoren und Preisträgern. Es gibt eine Offszene aus Lyrikern, die auf der Bühne zuhause sind. Sie performen ihre Gedichte in ihrem ganz eigenen Stil, treten aber bei Poetryslams eher selten auf. Ihre Wortkunst entfaltet sich magisch und popschamanisch, ihre Lesungen sind legendär! Und wir reden hier nicht von vergangenen Tagen, denn diese Dichter sind kein Mythos, sondern leben im Hier und Jetzt. Sie produzieren Livelyrik mit Tiefgang – tiefenliterarische Ekstasen! Das 1.Offlyrikfestival fand 1995 im Kölner BelAir statt. 1996 dann das zweite im Kieler SubRosa. Damals waren nur wenige Lyriker auch Performer. Es gab normale Lesungen. Und es gab die Socialbeat-Bewegung. Und die Zeit der Poetryslams hatte begonnen, aber damit auch schon der schleichende Trend zur Fastfoodliteratur und zur Comedy. Das Erzählen von einfachen, schnellen, unterhaltsamen Geschichten kam in Mode. Inzwischen gibt es wieder den Ruf nach „guten“ Gedichten, aber was ist eigentlich gut? Preisträger und große Verlage sind keine Garantie für Qualität, sondern nur –wenn überhaupt– für Massenkompatibilität. Muß ein Gedicht „schwierig“ sein, um nicht als „schwach“ zu gelten? Nein. Lyrik kann die Sensibilität für die Gegenwart fördern, indem sie existenzielle Fragen tabulos thematisiert und dabei weder abgehoben noch ordinär sein braucht. Lyrik ist die Stimme der Seele. Lyrik berührt und rüttelt wach. Der Performer verzaubert das Publikum mit seiner unerwarteten Rezitation. Mit 20-jähriger Verzögerung veranstaltet das G&GN-Institut das dritte Festival am 7.7.2017 im Düsseldorfer „Haus der Universität“ mit zahlreichen Veteranen der Lyrikszene. Ausnahmedichter mit ungewöhnlicher Gegenwartslyrik und Bühnentalent: Eventliteratur vom Feinsten! Lyrikperformances von RoN Schmidt, Clemens Schittko, Harald ‚Sack‘ Ziegler, Alexander Nitsche, Maroula Blades & George Henry, Kai Pohl, Stan Lafleur, Thomas Havlik, Kersten Flenter, Moderation: Tom de Toys
Veröffentlicht am 29. Juni 2017 von lyrikzeitung
Ror Wolf
der vater spricht von dem franzos
der vater spricht von dem franzos
des kaisers maßkrug schwarzweißrot
steht zugeklappt auf der kommod
der vater spricht der krieg ist groß
der vater mittlerweile spricht
von dem franzos das kind lauscht still
die mutter lauscht es lauscht die magd
es lauscht der knecht der hund lauscht nicht
magd mutter knecht und kind und hund
die sitzen stumm am heißen herd
der vater spricht von dem franzos
tut auf den mund bis auf den grund
und hebt sein langes schießgewehr
der vater hat die zipfelmütz
die mutter hat die haube an
und knecht und magd die atmen schwer
auf dem gestell der gugelhupf
an dem die mutter gestern buk
auf der kommod der maßkrug steht
und der franzos im unterschlupf
der vater sich die pfeife stopft
moment franzos ist noch nicht tot
das zündholz brennt der maßkrug steht
auf der kommod die Standuhr tropft
die mutter hat die haube an
der vater spricht der knecht ist stark
die magd ist rund das kind ist klein
der hund hat seine pflicht getan
der schinken in der kammer hat
die maden und am harten käs
macht sich die ratte fett und pfeift
die fliege schwirrt die magd wird matt
die mutter macht die haube los
das kind muß auf den topf und schreit
und knecht und magd die sind zu zweit
der vater spricht von dem franzos
Ror Wolf (Pseudonym: Raoul Tranchirer wurde am 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale geboren. Sein Werk ist nichts für Liebhaber von Schubladen, fröhlich sprengt er alle Grenzen zwischen Lyrik und Prosa, Hoch- und Populärkultur, Scherz und Ernst, Literatur und Bildkunst, Vor-, Während- und Nachmoderne.
Veröffentlicht am 28. Juni 2017 von lyrikzeitung
Welimir Chlebnikow
grashupfer
rasch war der goldschrieb gefluttert
tupfig sehr ädrigst verbostelt
da lupfte der hupfer den bauchkorb
verbarg er die binsige rupfe
tschiribombös profelurte kikieglitz
o schwansam
teich auf!
(Deutsch von Oskar Pastior)
Flügelchend mit dem Goldbrief
aus feinstem Faserwerk,
packte das Heupferdchen seinen Wanst korbvoll
mit Ufernem: Schilfen und Gräsern
Pinj, pinj, pinj! pardauzte die Roßpappel.
O schwanings.
O aufschein!
(Deutsch von Paul Celan)
Grasshopper
Glitter-letter wing-winker
gossamer grasshopper
packs his belly-basket
with credo-meadow grass.
Zin! Zin! Zin! sings
the raucous racket-bird!
Swan-white wonder!
Brighter, brighter, bright!
(Translated by Paul Schmidt)
Кузнечик
Крылышкуя золотописьмом
Тончайших жил,
Кузнечик в кузов пуза уложил
Прибрежных много трав и вер.
„Пинь, пинь, пинь!“ – тарарахнул зинзивер.
О, лебедиво!
О, озари!
1908 – 1909
Transkribiert:
(z = stimmhaftes s wie Sonne, sh = stimmhaftes sch wie Journal, ch wie in ach)
Kuznetschik
Krylyschkuja zolotopismom
Tontschajschich shil,
Kuznetschik w kuzow puza uloshil
Pribreshnych mnogo traw i wer.
„Pinj, pinj, pinj!“ – tarachnul zinziwer.
O, lebediwo!
O, ozari!
Am 28. Juni 1922 starb der russische Dichter Welimir Chlebnikow
Veröffentlicht am 27. Juni 2017 von lyrikzeitung
Àxel Sanjosé hat das Lied des Heiligen Johann vom Kreuz / San Juan de la Cruz (Fassung siehe hier) neu übersetzt. Er schreibt dazu:
die vorgehensweise:
so viel an semantischen und syntaktischen strukturen wie möglich erhalten
die gebundenheit (im spanischen: silbenzahl und reim) durch entsprechend natürliche mittel im deutschen andeuten: jamben und alternanz von weiblichen und männlichen kadenzen, assonanz wenn möglich (auch erweiterte assonanz, z.b. hohe vs. tiefe vokale oder vordere vs. hintere)
entscheidend ist für mich, dass ein gefühl vom originären text rüberkommt.
Hier seine Fassung.
Veröffentlicht am 26. Juni 2017 von lyrikzeitung
Fräulein Charlotte Brown, Bibliothekarin, schnappt über
Von Felix Jung
Heute habe ich beschlossen
Jedes Gedicht zu lesen, das je einer schrieb
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Ich weiß, es ist sehr egoistisch,
zu lesen. Jedes Gedicht, das je einer schrieb
hat seine guten Vorsätze. Ich weiß,
Ich weiß, es ist sehr egoistisch.
Ich möchte das glauben. Poesie
hat ihre guten Vorsätze. Ich weiß,
Gedichte lesen hilft nicht wirklich.
Ich möchte glauben, daß Poesie-
Bücher die Antwort sind. Ich beginne
Zu lesen. Poesie hilft nicht wirklich
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Bücher sind die Antwort. Ich beginne
Heute, hab ich beschlossen.
(Deutsche Fassung Michael Gratz)
Miss Charlotte Brown, Librarian, Goes Mad
Today, I have decided
to read every poem ever written
in the short history of our civilization.
I know it is a selfish thing
to read. Every poem ever written
has its good intentions. I know,
I know, it is a selfish thing.
I want to believe that. Poetry
has its good intentions. I know
reading poems can’t help much.
I want to believe that poetry
books have the answer. I’ll start
reading. Poems can’t help much
in the short history of our civilization.
Books have the answer. I’ll start
today. I have decided.
Felix Jung
Es ist ein Pantoum – eine malayische Gedichtform, von Franzosen (u.a. Victor Hugo und Charles Baudelaire) und Briten bzw. Amerikanern (neuerdings auch ein paar Deutschen, wie Oskar Pastior) adaptiert. Unter den (Reim-)-Spielformen (Sonett, Sestine, Villanelle etc.) vielleicht die extremste.
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Veröffentlicht am 25. Juni 2017 von lyrikzeitung
Ingeborg Bachmann
Nichts mehr gefällt mir. Soll ich eine Metapher ausstaffieren mit einer Mandelblüte? die Syntax kreuzigen auf einen Lichteffekt? Wer wird sich den Schädel zerbrechen über so überflüssige Dinge – Ich habe ein Einsehen gelernt mit den Worten, die da sind (für die unterste Klasse) Hunger Schande Tränen und Finsternis.
Aus dem Gedicht Keine Delikatessen. Es entstand vermutlich 1963 und wurde 1968 in der Zeitschrift Kursbuch erstveröffentlicht.
Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren.
Veröffentlicht am 24. Juni 2017 von lyrikzeitung
San Juan de la Cruz, Johann vom Kreuz war einer der größten spanischen Mystiker, und auch seine Gedichte sind bis heute berühmt, wie dieses wunderbare Lied. Mir scheint, auch die deutsche Fassung bewahrt etwas von seinem Zauber.
1726 wurde er heiliggesprochen. Er ist einer der offiziell anerkannten Kirchenlehrer.
Sein Geburtsdatum ist nicht überliefert, weil die Taufregister verbrannt sind. Der 24. Juni wird manchmal angegeben, aber es könnt auch eine Überlagerung mit dem Johannistag sein, dem Geburtsdatum Johannes des Täufers. (24.Juni) 1542 – 14. Dezember 1591.
LIEDER DER SEELE
In einer Nacht im Dunkeln
mir heimlich des Geliebten Kuß zu holen,
im Herzen hell ein Funkeln,
hab ich auf leisen Sohlen
aus meines Hauses Schlaf mich fortgestohlen.
Unkenntlich und im Dunkeln
mich schleichend über alte Treppenbohlen
im Herzen hell ein Funkeln,
im Dunkeln hab verhohlen
aus meines Hauses Schlaf ich mich gestohlen
In einer Nacht voll Glücke
stahl ich hinaus mich, da mich keiner kannte,
schaut weder vor noch rücke,
und nur ein Feuer brannte,
das Liebe mir ins Herz als Führer sandte.
Mein Führer war das Feuer,
das mir so sicher wie des Mittags Helle
verriet, wo mein Getreuer
an heimlich trauter Stelle
zu süßem Zwiegespräch sich mir geselle.
O Nacht, wie hast du traulich,
o Nacht, die schöner als der helle Morgen,
o Nacht, wie hast beschaulich
in ihm du mich geborgen,
durch ihn zu leben und durch ihn zu sorgen!
An meinem Herzen ruhte
er reglos schlummernd wie auf weichem Pfuhle,
mir aber war zumute,
als wenn ich Gott erfühle;
weich in den Zedern fächelte die Kühle.
Ein Wind kam von der Mauer,
sein Haar im Spiel an meine Brust zu drücken:
da rieselte ein Schauer
mir wohlig in den Rücken,
Und meine Sinne schwanden in Verzücken.
Entrückt war ich in Weiten
und ließ mein Haupt an seine Schulter sinken,
ließ fallen mich und gleiten,
und kann nicht satt mich trinken,
indes im Zwielicht weiß die Lilien winken.
Aus: Gedichte der Spanier. Zweisprachig. Eingeleitet, hrsg. u. übertragen von Rudolf Grossmann. Bd.1: Vom Mittelalter bis zum Barock. Leipzig: Dieterich’sche Verlagshandlung, o.J. (1948), 259-261
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