Zwei finnische Dichterinnen

Ich las gestern im Jahrgang 1972 der Akzente – so Jugenderinnerungen. Konkrete Poesie aus Spanien. Heute sah ich das Inhaltsverzeichnis durch und stellte erwartungsgemäß fest, daß kaum weibliche Autoren vertreten sind. Es gab Gedichte von Astel, Bisinger, Born, Eisendle usw. usf. bis Ungaretti, aber nur zwei Frauen, Taschau und Wohmann. Und dann noch zwei versteckte aus Finnland. Die eine gut versteckt im Buch ihres Papas. Väinö Kirstinä schrieb über Kinderreim und Lettrismus und gab Gedichte (Akzente setzt es in Anführungsstriche) seiner dreijährigen Tochter, wie dieses:

Es war einmal ein Mann,
der immerfort ein bißchen passierte
und lebte
und lebte

Dann weiter:

„Die Kinderbuchautorin Kirsi Kunnas arbeitete ganz ähnlich, als sie 1956 in ihrem Tiitiäisen satupuu (Tiitiäinens Märchenbuch) zum Beispiel vom Herrn Pii Poo erzählte, wie er aus dem Boden »Rosinen, Erdbeeren, Äpfel, Kartoffeln, Mohrrüben, Prinzessinen, Würste« stampfte, oder vom Kessel und den Kartoffeln (Kattila ja perunnat):

o diese hetze hetze hetze
schrien die kartoffeln diese hetze
nimmt kein ende ende ende
tanzen müssen wir polka polka polka
zeit drängt feuer ist im schuh
laufen müssen wir galopp galopp galopp
ohne rast und ruh ohne rast und ruh
klappern müssen wir um die ecke ecke ecke
blieben wir nur am leben leben leben
O diese hetze hetze hetze
nimmt kein ende“

Aus: Ehnert/Saukko-Niinimäki/Tauriainen: Konkrete Dichtung in Finnland. Akzente 1972, S. 573

Voilá: Konkrete Poesie von weiblichen Autoren / aus Finnland / mit Humor.

Zwei der drei Autoren des Aufsatzes sind Frauen.

Poemograph

Josep Iglésias del Marquet Olomí

(Artesa de Lleida, Segrià, 2. Januar 1932 – Barcelona, 11. Februar 1989)

Josep Iglésias del Marquet: Der Poemograph. In: Akzente 1972, S. 312

Kleine Morgengabe

CHRISTINE BUSTA

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Kleine Morgengabe

Früh in der Morgendämmerung
wird über meiner Stadt der Himmel
manchmal so apfelgrün,
daß ich ihn riechen kann.

Ich werde heut nacht nicht schlafen,
um ihn zur rechten Stunde zu pflücken
und in dein fernes Fenster zu legen,
daß er dir duftet.

Was sind das für Zeiten

Adrienne Rich

(* 16. Mai 1929 in Baltimore, Maryland; † 27. März 2012 in Santa Cruz, Kalifornien)

Deutsch von Jürgen Brôcan aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. München: Lyrik Kabinett, 2006, S. 235

Und den Schluß würde ich so übersetzen: „Weil ihr noch zuhört, weil es in Zeiten wie diesen, / damit ihr überhaupt zuhört, notwendig ist, / ein Gespräch über Bäume zu führen.“ Und in der zweiten Strophe: „das ist kein russisches Gedicht, es ist nicht irgendwo sondern hier“.

Original bei Poetry Foundation

Und natürlich Brecht

Ein Einfall

Emily Dickinson

(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)

731 (1863)

Ein Einfall stieg heut auf in mir —
Den hatt ich schon zuvor —
Doch — damals — nicht zu End gedacht —
Ich wüsst auch nicht das Jahr —

Wohin er ging — warum er kam
Das zweite Mal zu mir —
Mir fehlt auch das Geschick, präzis
Zu sagen, was es war —

Doch in der Seele — irgendwo —
Weiß ich — das Ding war hier —
Erinnert hat es mich — das war’s —
Und kam nie mehr zu mir —

A Thought went up my mind today —
That I have had before —
But did not finish — some way back —
I could not fix the Year —

Nor Where it went — nor why it came
The second time to me —
Nor definitely, what it was —
Have I the Art to say —

But somewhere — in my soul — I know —
I’ve met the Thing before —
It just reminded me — ’twas all —
And came my way no more —

Deutsch von Gunhild Kübler, aus: Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. München: Hanser, 2015, S. 652-655

Was keinen rührt

Hadayatullah Hübsch

Was keinen rührt

Die Bücher, die sie
Einst verbrannten,
Stehen heute sauber
Aufgereiht in der
Bibliothek und keiner
Will sie lesen. Die
Bücherverbrennung heute
Findet in den Köpfen
Statt, ungesehen, im
Verborgenen, dadurch,
Daß das Buch keine Stadt
Findet, in der es
Wirklich überleben könnte,
Wozu sich aufregen
Über Verse,
Sie rühren ja keinen
Mehr, weil keiner
Sie anrührt

Aus: Hadayatullah Hübsch: Das Vergessen ist die Mutter der Verwahrlosung. Mit Linolschnitten von Frank Wildenhahn. Berlin: Corvinus Presse, 2011

pumPHuts zwerchfAeLLe

Peter Huckauf

Die ersten fünf Seiten eines der mehr als ein Dutzend Hefte von Peter Huckauf, die ich Anfang der 90er Jahre in der alten Autorenbuchhandlung in der Carmerstraße nahe Savignyplatz erwerben konnte.

Deutsche Verhältnisse

Peter Huckauf

Aus: Peter Huckauf: Tykocin. Gedichte. Berlin: Verlag Neue Freiheit, 2000 (unpag.)

Einverstanden

Rose Ausländer

Rose Ausländer (* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf; geborene Rosalie Beatrice Scherzer) war eine aus der Bukowina stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin. Sie lebte in Österreich-Ungarn, Rumänien, den USA, Österreich und Deutschland. (Wiki)  – Die Aufzählung der Länder ist unvollständig. 1940 fiel ihre Heimatstadt in Folge des Hitler-Stalin-Pakts an die Sowjetunion (Das NKWD verhaftete sie als „US-Spionin“). Das mit Hitler verbündete Rumänien „befreite“ die Stadt – und steckte die Juden ins Ghetto, wo sie Paul Celan kennenlernte. Heute gehört die Stadt zur Ukraine.

Einverstanden

Ich bin
mit allem einverstanden
sagt eine Minute

die nächste sagt
NEIN

die nächste
JA

Ach diese zanksüchtige
Zeit

Aus: Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen. Gedichte. Mit einem Porträt von Jürgen Serke. Frankfurt/Man: S. Fischer, 1981, S. 79

(nach Elfriede Czurda)

Kathrin Schmidt

Aus: Kathrin Schmidt: waschplatz der kühlen dinge. gedichte. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018, S. 82

Zwei Fragmente

Solon

(* um 640 v. Chr. in Athen; † vermutlich um 560 v. Chr.) (dt. Wiki)

(c. 638 – c. 558 BC) (engl. Wiki) – (vers 640 av. J.-C. et mort sur l’île de Chypre vers 558) (frz.) – (между 640 и 635 до н. э., Афины — около 559 до н. э., Афины) (russ.) – (c. 638 a. C.–558 a. C.) (span.) – (περ. 639 – 559 π.Χ.) (griech.) – (ok. 635 – ok. 560 p.n.e.) (poln.)

1

Trag ich auch silbernes Haar, lern ich doch immer noch gern.

2

                                ... Gar vieles lügen die Dichter

Aus: Solon: Dichtungen. Sämtliche Fragmente. Im Versmaß des Urtextes übertragen von Eberhard Preime. München: Heimeran, 1945, S. 47

(2., verbess. Aufl.; 1. 1939. Die Neuauflage 1945 wurde nach dem Heldentode des Herausgebers unter Berücksichtigung seiner eigenen Notizen bearbeitet)

Ach Österreich

Meine Anthologie ist keine Jungmädchen-, keine Jungherrenbibliothek von Lieblingsgedichten. Heute ein Blick auf die österreichische Autorin Gertrud Fussenegger, die am 8. Mai 1912 im damals österreichischen Pilsen geboren wurde. Gleich zweimal, 1933 und erneut 1938 beim „Anschluß“ ihrer Heimat trat sie in die NSDAP ein. Sie jubelte dem Führer zu und notiert auch widerliche antisemitische Betrachtungen. Ihrer Karriere nach 1945 tat das keinen Abbruch. Sie sammelt Auszeichnungen und zweimal, 1977 bis 1979 und 1984 bis 1985 war sie Jury-Mitglied beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Ihre „Auseinandersetzung“ mit dem Nazireich war von Verstocktheit, Selbstmitleid und Verdrängung geprägt. Auch dieses 1986 in Österreich erschienene Gedicht ist davon gezeichnet. Ich rücke es zusammen mit einer kritischen Analyse Günter Kunerts ein. Ach Heine, ruft Kunert aus und ich ergänze: ach Österreich!


Aus: Günter Kunert: Lesarten. Gedichte der „Zeit“. München: Piper, 1987

Tagtraum

Zum Geburtstag von Volker Braun ein Gedicht aus dem Band Langsamer knirschender Morgen, der 1987 im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig erschien. Wie jedes Buch Brauns hatte es lang, jahrelang bei der Zensur gelegen. So erschien die Lizenzausgabe im Westen bei Suhrkamp früher als das Original. Im August schlägt der „Bücherminister“ Höpcke vor, zehn Exemplare des Buchs zu drucken, „damit er hier zuerst erschienen ist“. „Erschienen“ im Neusprech! Es erschien dann doch später, im November 87. Das Gedicht „Tagtraum“ fehlt in der Westausgabe. Die regelrechte Ode enthält zahlreiche Anspielungen u.a. auf Brecht und Hölderlin.

Poetopie

plötzlich stürzt du vom Rad – unsanft empfängt dich dein Heimatplanet

Hansjürgen Bulkowski

IV. kaffeesatz (donnerstag)

Nora Zapf

Aus: Nora Zapf, rost und kaffeesatz. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2018, S.6