5 antiklassische Epigramme

Friedrich Hölderlin schreibt sich frei vom einengenden Einfluß der Klassiker, vor allem des verehrten Friedrich Schiller. Vermutlich Mitte Oktober 1797 entstehen fünf Epigramme, die hier in der Fassung der jeweils ersten Niederschrift wiedergegeben werden.

Guter Rath.

Hast du Verstand und ein Herz, so zeige nur eines von beiden,
   Beides verdammen sie dir, zeigest du beides zugleich.
Advocatus Diaboli.

Tief ist im Herzen verhaßt mir die Rotte der Herren und Pfaffen,
   Aber noch mehr das Genie, macht es gemein sich damit.
Lieben Brüder! versucht es nur nicht, was Groß[es] zu finden,
   Ehrt das Schicksal und tragts, Stümper auf Erden zu seyn;
Denn ist einmal der Kopf voran, so folget der Schweif auch
   Und die klassische Zeit deutscher Poëten ist aus.
Die beschreibende Poësie.  

Ist ein Zeitungsschreiber Apoll?
Fürchtet das Alter nicht, ihr Dichter

Wißt! Apoll ist der Gott der Zeitungsschreiber geworden 
   Und sein Mann ist, wer ihm treulich das Faktum erzählt.
Falsche Popularität.

O der Menschenkenner! er macht stellt sich kindisch mit Kindern
   Aber der Baum und das Kind suchet, was über ihm ist.

Nach: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Band 6: Elegien und Epigramme. Hrsg. D.E. Sattler. Darmstadt u. Neuwied: Luchterhand, 1979, S. 44f

Was zu beweisen war

Martina Kieninger

Elternverwirrbuch

Heisenberg, das unbestimmte Bimmelschaf hat eine Bimmel um, es heißt das Bimmelschaf darum
und wenn die Bimmel bimmelt weiß das Schaf Heisenberg immer, wo es ist.
Nämlich da, wo die Bimmel bimmelt.
Wartet, ich geb euch ein Beispiel:
Wenn die Bimmel auf der Wiese bimmelt, weiß das Schaf, wo die Wiese ist nämlich dort, wo das Schaf steht, an dem die Bimmel bimmelt.
Daraus ergibt sich logisch:
Wenn die Bimmel nicht bimmelt, könnte das Schaf genausogut auf der Straße sein oder im Wald.
doch sobald die Bimmel bimmelt, weiss das Schaf, dass es auf der Wiese steht oder auf der Straße oder im Wald.
Dort klingelt es, da steht es bimmelnd.
Das genügt dem Schaf zur vorläufigen Information.
Was zu beweisen war.

http://autoren.hor.de/kieninger/

„In unsrem — nicht mehr unsrem Land“

Taras Schewtschenko

Taras Hryhorowytsch Schewtschenko (ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, wiss. Transliteration Taras Hryhorovyč Ševčenko; * 25. Februar jul./ 9. März 1814 greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februar jul./ 10. März 1861 greg. in Sankt Petersburg)

Mir gleich, ob in der Ukraine
Ich leben werde oder nicht,
Ob ich Erinnrung dort verdiene,
Ob man dort nicht mehr von mir spricht,
Das ist gewiß nicht von Gewicht.
Ich haust‘ in fremdem Land alleine,
Und unbeweint von all den Meinen
Sterb‘ ich, verlassen, ohne Glück,
Und nichts mehr laß ich hier zurück —
Verweht sind meines Daseins Spuren
Auch in der Ukraine Fluren,
In unsrem — nicht mehr unsrem Land.
Kein Vater spricht: „Mein Sohn, zur Sühne
Erheb nun im Gebet die Hand!
Mein Sohn: für deine Ukraine
Ward er gemartert und verbannt.“
Mir gleich, ob er mich würdig schätzte
Für ein Gebet zum Himmelreich…
Doch eines ist mir nicht ganz gleich:
Wenn Schurkenvolk mein Land beschwätzte
Und nach gelungnem Räuberstreich
Das leere Haus in Flammen setzte…
Nein, nein, das wär‘ mir gar nicht gleich.

Мені однаково, чи буду
Я жить в Україні, чи ні.
Чи хто згадає, чи забуде
Мене в снігу на чужині —
Однаковісінько мені.
В неволі виріс меж чужими
І, неоплаканий своїми,
В неволі, плачучи, умру.
1 все з собою заберу,
Малого сліду не покину
На нашій славній Україні,
На нашій — не своїй землі.
І не пом’яне батько з сином,
Не скаже синові: — Молись,
Молися, сину, за Вкраїну
Його замучили колись. —
Мені однаково, чи буде
Той син молитися, чи ні…
Та неоднаково мені,
Як Україну злії люде
Присплять, лукаві, і в огні
Її, окраденую, збудять…
Ох, не однаково мені.

Aus: Gedichte: TARAS SCHEWTSCHENKO, FRIEDRICH SCHILLER, LESJA UKRAINKA, HEINRICH HEINE. Вірші: ТАРАС ШЕВЧЕНКО, ФРІДРІХ ШІЛЛЕР, ЛЕСЯ УКРАЇНКА, ГЕНРІХ ГЕЙНЕ. [Hrsg. G.M. Gartschenko]. Dnipropetrowsk: Sitsch, 2008, S. 8/9

Taras Schewtschenko, Selbstporträt im Spiegel (1843)

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1843_-Taras_Shevchenko-_Avtoportret.jpg

Auf Herren Rist

An Herren Johan Rist/
Alß derselbe neben andern Kaiserl. Frei-
heiten zu einem Poeten gekrönet
worden.

ES ist ein Wunderwerk/ das bei so bösen Zeiten/
(Da unser Teütsches Land von der Verwildungs-Nacht
Und dunklem Krieges-rauch stok-finster ward gemacht/
Ja da der grimme Mars mit mörden / brennen/ beüten/
Die Häuser guter Lehr und Künsten außzureüten
So hefftig hat getobt/ daß alles hat gekracht.)
Jedoch die teütsche Zung mit wunder schönem Pracht
Und Glantz würd außgerüst! die müh gelehrter Leüten/
In welchen Gottes trieb daß Werk so weit geführt/
Daß solche HeldenSprach jetzt über alle pranget/
Wird billich mit der Ehr und Freiheit hoch geziert
Vom Haupt/an dem daß Reich deß grossen Teütschlands hanget
Wir ruffen dir glük zu/ das auch du/ werther Rist/
Hierumb von Jhm gekrönt und recht geadelt bist.

In Ehren und Freundschafft geschrieben
Von
Joh. Mathias Schneüber/
Profess.pub.
Aus Strasburg.

Aus: Neüer Teütscher PArnass Auff welchem befindlich Ehr und Lehr Schertz und Schmertz Leid und Freuden-Gewächse Welche zu unterschiedlichen Zeiten gepflantzet nunmehr aber Allen der Teutschen Helden-Sprache und deroselben edlen Dichtkunst vernünftigen Liebhaberen zu sonderbarem Gefallen zu hauffe gesamlet und in die offenbahre Welt außgestreuet von Johann Risten
Copenhagen 1668
Seite 874

Johann Rist (* 8. März 1607 in Ottensen, heute Stadtteil von Hamburg; † 31. August 1667 in Wedel, Holstein) wurde 1653 vom Kaiser geadelt und zum Dichter gekrönt.

Johann Matthias Schneuber (* 2. Februar 1614 in Müllheim, Baden; † 26. Dezember 1665 in Straßburg)

Der ungebetene Gast

Günter Kunert

Wie ich ein Fisch wurde

Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten
Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
Über das belebte Land. Um sich zu retten
Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
Ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
Doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
Die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloß ich mich, sofort zu handeln,
Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast;
Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
War dem neuen Element ich angepaßt.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und daß einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergißt.

Aus: Günter Kunert: Der ungebetene Gast. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1965, S. 12f (Im Original sind die Strophen von 1 bis 8 durchnummeriert)

Deutscher Dichter

Günter Kunert zum 90. Geburtstag

Deutscher Dichter, Güteklasse A

Befaßt mit sich selber
wie mit der Revolution:
Glanzvolle Verse über die Notwendigkeit
des Schreckens
Heldenverehrung hymnisch
Reimloser Ruhm den Kämpfern
aller letzten Gefechte
Fragen nach den Erbauern
des siebentorigen Theben
nach seinen Zerstörern keine
Urteile am laufenden Wortband
Ein Spiel mit der Sprache
auf willigen Tasten
hinter dem Rücken der Welt
aber die Hand
zurückgezogen
ist blutig

Aus: Günter Kunert: Stilleben. Gedichte. Mit einem Nachwort von Karl Riha. München: dtv, 1992, S. 71 (zuvor bei Hanser, 1983)

Inschrift

Julian Przyboś

(* 5. März 1901 in Gwoźnica Dolna/Powiat Strzyżowski; † 6. Oktober 1970 in Warschau)

NAPIS II
Zamówiłem na ziemi stos dla siebie u słonca.
Mowo, niesłowną jasność
ocal.

INSCHRIFT II

Von der Sonne hab ich mir einen Brandstoß auf der Erde ersprochen.
Rette die wortlose Helligkeit,
Sprache.

Übertragen von Heinrich Olschowsky

INSCHRIFT II

Von der Sonne ersprochen hab ich mir auf Erden
Einen Scheiterhaufen. Rette, Sprache
Das zungenlose Licht.

Übertragen von Richard Pietraß

Aus: Poesiealbum 130: Julian Przyboś. Berlin: Neues Leben, 1979, S. 30

Ein gutes Gedicht ist Entdeckung einer noch unbekannten emotionellen Verhaltensweise, also einer neuen lyrischen Situation, die der veränderten sittlichen Situation entspricht. Ein gutes Gedicht, indem es diese neue lyrische Situation wahrnimmt, verändert die bisherige Gefühls-, Vorstellungs- und Bewertungsweise. (Aus: Prüfstein der Lyrik. Deutsch von Karl Dedecius).
Ebd. S. 24

Hier steht sie

Jean-Joseph Rabearivelo

(* 4. März 1901, Antananarivo, Madagaskar; † 22. Juni 1937 ebd.)

Hier steht sie,
die Augen glitzernde Kristalle des Schlafs,
die Lider schwer von endlosen Träumen,
die Füße wurzeln im Ozean,
und wenn sie die triefenden Hände hebt,
hält sie Korallen und schimmerndes Salz.

Sie wird es zu kleinen Häufchen schichten
nah bei der Nebelbucht
und den nackten Seeleuten geben
mit den abgeschnittnen Zungen,
bis die großen Regen beginnen.

Dann sieht man von ihr nur mehr
ihr windzerwühltes Haar
wie ein Büschel von wehendem Tang
und, kann sein, ein paar Körnchen Salz.

Aus: Gedichte aus Afrika. [„Poems from Black Africa“. Anthologie von Langston Hughes. Neu hrsg. v. Rainer Arnold. Deutsche Übertragungen von Hubert Witt]. Leipzig: Reclam, 1972, S. 130


Das Gedicht stammt aus dem Band Traduits de la nuit (Übersetzungen aus der Nacht), 1935. Der Autor, dessen Muttersprache Malagasy war und der sich selber Französisch beibrachte, gilt als erster bedeutender Dichter der „Frankophonie“ und war schon in seinen jungen Lebzeiten berühmt. Mit 36 nahm er sich das Leben.  Hier die französische und malagassische Fassung des Gedichts (#14 aus dem Band):

Voici celle dont les yeux sont des prismes de sommeil
et dont les paupières sont lourdes de rêves,
celle dont les pieds enfoncés dans la mer
et dont les mains gluantes en sortent,
pleines de coraux et de blocs de sel étincelants.

Elle les mettra en petits tas près d’un golfe de brouillard
et les débitera à des marins nus
auxquels on a coupé la langue,
jusqu’à ce que tombe la pluie.

Elle ne sera plus alors visible,
et l’on ne verra plus
que sa chevelure dispersée par le vent,
comme une pelote d’algues qui se dévide,
et peut-être aussi des grains de sel insipide.

Inty ilay manana maso toa vato-miridana torimaso
sy hodimaso mavesatra nofy,
ilay manana tongotra milentika any an-dranomasina
sy tànana madity mivoaka avy any,
feno voahangy sy vonga-tsira mamiratra.

Htsitokotokony eo ankilan-tanjon-javona ireny
ary tsy ho tsinjarainy amin-piantsambo mitanjaka
notapahin-dela,
mandra-pihavin’ny orana.

Dia tsy ho hita intsony iny
ary tsy hisy ho tazana
afa-tsy ny volony aparitaky ny rivotra
toa tonga kiborim-bolonkotona miantsody
ary angamba koa voan-tsira matsatso.

Requiem für einen Faschisten

Theodor Kramer

Requiem für einen Faschisten

Du warst in allem einer ihrer Besten,
erschrocken fühl ich mich heut mich dir verwandt;
du schwelgtest gerne bei den gleichen Festen
und zogst wie ich oft wochenlang durchs Land.
Es füllte dich wie mich der gleiche Ekel
vor dem Geklügel ohne innern Drang,
vor jedem Wortgekletzel und Gehäkel;
nichts galt dir als der schöne Überschwang.

So zog es dich zu ihnen, die marschierten;
wer weiß da, wann du auf dem Marsch ins Nichts
gewahr der Zeichen wurdest, die sie zierten?
Du liegst gefällt am Tage des Gerichts.
Ich hätte dich mit eigner Hand erschlagen;
doch unser keiner hatte die Geduld,
in deiner Sprache dir den Weg zu sagen:
dein Tod ist unsre, ist auch meine Schuld.

Ich setz für dich zu Abend diese Zeichen,
da schrill die Grille ihre Beine reibt,
wie du es liebtest, und der Seim im geilen
Faulbaum im Kreis die schwarzen Käfer treibt.
Daß wir des Tods und Ursprungs nicht vergessen,
wann jeder Brot hat und zum Brot auch Wein,
vom Überschwang zu singen wie besessen,
soll um dich, Bruder, meine Klage sein.

Geschrieben am 23.5.1945 (Am 8. April 1945 hatte sich Josef Weinheber beim Einmarsch der Roten Armee das Leben genommen).

Aus: Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte Bd. 1-3. Hrsg. von Erwin Chvojka. Wien: Paul Zsolnay Verlag 1997

Zwei Weisheiten zum Tage

#

Laß dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten!
Weise fallen in Unwissenheit,
Wenn sie mit Unwissenden streiten.

#

Wie kommt’s, daß man an jedem Orte
Soviel Gutes, soviel Dummes hört?
Die Jüngsten wiederholen der Ältesten Worte
Und glauben, daß es ihnen angehört.

Goethe

Über Dichter und Dichten

Martial

An den Leser (I, 1)

Dieser, den du liesest, teurer Leser,
Ist der weltbekannte Martialis,
der Verfasser kleiner Sinngedichte.
Was du gütig ihm an Ehr erzeigtest,
Als er lebte, das genießen selten
Andre Dichter eher als im Tode.

Deutsch von Karl Wilhelm Ramler, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 73

Lucan

Es gibt Leute, die sagen, ich sei kein Dichter;
aber der Buchhändler, der mich verkauft, hält mich dafür.

Aus: Michael von Albrecht: Römische Poesie. Texte und Interpretationen. Tübingen u. Basel: Francke,  1995, S. 127

An den Avitus (I, 17)

Gut ist etwas, mittelmäßig mehr, das meiste schlecht gemacht,
Anders, glaube mir, Avitus, wird kein Werk hervorgebracht.

Deutsch von Martin Opitz, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 23 (durch Ramler überarbeitete Fassung)

Etwas, Avitus, ist gut; mehr mittelmäßig; das meiste,
Was du hier liesest, ist schlecht; anders entstehet kein Buch.

Deutsch von Karl Wilhelm Ramler, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 73

Martials Urteil über sich

Einiges Gute, manches Halbe, vieles Schlechte liest du hier,
Anders kommt kein Buch zustande, wenigstens kein Buch von mir.

Aus: Römerlyrik, in deutsche Verse übertragen von J.M. Stowasser. Heidelberg: Carl Winter, o.J. [ca. 1909] S. 457

An einen Tadler seiner Gedichte (IX, 83)

Leser und Hörer beehren mit Beifall meine Gedichte;
Nur ein gewisser Poet hält sie für gar nicht gefeilt.
Doch ich bereite mein Gastmahl getrots und bekümmre mich wenig,
Ob es den Köchen gefällt, wenn es den Gästen nur schmeckt.

Deutsch von Karl Wilhelm Ramler, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 78

Auf den Kauz

Wer sagt, daß Meister Kauz Satiren auf mich schreibt?
Wer nennt geschrieben das, was ungelesen bleibt?

Deutsch von Gotthold Ephraim Lessing, aus: Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968, S. 88

Der wahre Garten

Sophie Tieck

(Sophie Berhardi, Sophie v. Knorring, * 28. Februar 1775, Berlin, † 1. Oktober 1833, Reval)

Aus: Flore und Blanscheflur

Wie schild’re ich euch des Gartens Herrlichkeit,
Worin ertönt der allersüß’ste Klang,
Der grün bewahrt sein Laub zu jeder Zeit,
Wo nie verstummt der Vöglein Lobgesang
Der nimmer leidet von des Winters Neid.
Wer jemals durch dies Thor der Wonnen drang,
Dem bleibt entzückt das Herz in seel’ger Brust,
Er hat erprobt die wahre Gartenlust.

Wie lieblich grün stehn Bäum‘ auf grüner Wiese
Auf deren Wipfel Sonnenstrahlen spielen,
Doch schlüpfen sie auch golden hin durch diese,
Sind andre auch die dunkel schattend kühlen.
Das Herz gefesselt muß im Paradiese
Sich trunken in dem Zaubergarten fühlen,
So süß schwebt Rauschen, Duften, Tönen drinnen,
Daß Rauschen, Ton und Duft umstrickt die Sinnen.

Was seltsam mag die Fantasie erträumen,
Jedwede Frucht, wornach der Gaumen lüstern,
Prangt lockend hier an üppig blüh’nden Bäumen,
Und schalkhaft scheint das zarte Laub zu flüstern.
Doch will das Herz von süßen Schmerzen träumen,
So führen Pfade zu den schaurig düstern
Baumlabyrinthen, wo das ernste Schweigen
Nur Zweige stören, die sich rauschend neigen.

Ein Silberstrom, der schäumend hier entspringt
Verherrlicht wie den Garten so das Land,
Der sich als Quell den Felsen hier entringt,
Ist weit berühmt und herrlich wohl bekannt,
Weil kühn sein Lauf durch ferne Länder dringt;
Euphratus wird der stolze Fluß genannt,
Des Ursprung Glanz dem Wunderort ertheilet,
Der hier als Quell der Erde Schooß enteilet.

Doch was sag‘ ich von jenem Wunderbaum,
Der in des Gartens Mitte herrlich blüht?
Aus fremden Welten scheint er euch ein Traum,
Weil er wie eine Rose leuchtend glüht,
So reich an Blumen hat er keinen Raum
Für grünes Laub, aus jeder Blüte sprüht
Ein lichter Stern die Strahlen euch entgegen,
Die ros’ge Kelch‘ als Thauestropfen hegen.

Aus: Sophie von Knorring (Sophie Bernhardi / Tieck): Flore und Blanscheflur. Ein episches Gedicht in zwölf Gesängen. Berlin:  G. Reimer, 1822 (Hier)

Zukünftiges

Elisabeth Borchers

(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)

ZUKÜNFTIGES

Als alles vorbei war
Krieg und Frieden
Mann und Frau
Form und Inhalt

Als die Sonne auf-
und untergegangen war
samt Mond und Stern und
den Musikalien des Himmels
und der Erde

Setzten wir uns
und warteten
auf das
was kommt.

Aus: Elisabeth Borchers, Von der Grammatik des heutigen Tages. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992, S. 46

Die Leiden des jungen Dichters

Konstantin Biebl

(* 26. Februar 1898 in Slavětín nad Ohří; † 12. November 1951 in Prag)

Die Leiden des jungen Dichters

In einer weit gedehnten, grasreichen Landschaft,
im melancholischen Echo der Lettenufer des 
                                          Oharka-Flusses,
in den dichten Windungen, wo sich auch tagsüber, 
                                           nicht zaghaft,
grünliche Rusalken im Erlenschatten tummeln,

dort schöpft der Dichter aus schwarzen Wassern 
                                    den schäumenden Wein,
denn der Dichter schätzt nur ein starkes Getränk,
                                           das ihn gleich
mitreißt in den singenden Strom hinein,
seiner Chimären Reich.

Verwirrte Stimme des Bluts und dein allzu schwerer Schritt
auf den magnetischen Wiesen im Glitzern der
                                         Bernstein-Sterne,
hinsinkend legst du dich irgendwo mit dem Gesicht
tief in die frauengewandweiche Luzerne.

Und entschlummerst auf einer Wiese, die gleicht einem Amphitheater,
vernimmst dunkle Stimmen. Das römische Volk 
grüßt den Cäsar und murrt über Kleopatra, 
die mit einer einzigen‚ stolzen Geste tausend Jahre             
                                           der Ruhe bedroht.

Und du hörst auf die Bäume, auf ihren fernen Wellenschlag,
und der blaue Schimmer deiner großen salzigen Tränen
ist wie ein Schatz, der im Meer versinkt und dort strahlt
tief in der See, wo die gescheiterten Schiffe verwesen.

An einem Faden hängt des Dichters Leben,
er sucht ein paar Zauberworte, ach,
und findet er sie nicht, muß er sterben.
Er schaufelt sich singend sein grünes Grab.

Deutsch von Roland Erb

Aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900 – 1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 150f

Zum 100jährigen Jubiläum der ukrainischen Literatur

Lesja Ukrainka

(ukrainisch Леся Українка, wiss. Transliteration Lesja Ukrajinka, eigentlich Laryssa Petriwna Kossatsch bzw. Лариса Петрівна Косач; * 13. Februar (jul.)/ 25. Februar 1871 (greg.) in Nowohrad-Wolynskyj; † 1. August 1913 in Surami, Gouvernement Tbilissi)

ZUM HUNDERTJÄHRIGEN JUBILÄUM
DER UKRAINISCHEN LITERATUR

Die Völker, sie können singen und sagen
Von goldenen Zeiten und goldenen Tagen,  
  Die sie im Gedächtnisse haben.
Da Lied und Gedicht noch in Ehren standen.
Und Herrscher den Dichtern Kränze wanden.  
  Doch nicht nur allein auf dem Grabe.

Die Könige spendeten Lob für Gesänge,
Und Ehre erwies den Dichtern die Menge,
  Den Preis hielt des Königs Hand;
Es schmückten die Schönen mit einem Kranze
Den Dichter für seine höflichen Stanzen, 
  Sein Ruhm erfüllte das Land.

Die vornehmen Damen, sie spielten die Rollen
Der kleinen Soubretten. Singen und Tollen 
  Auf Königs- und Herzogsbühnen,
Die Königin nahm vom Haupte die Krone
Und stieg herunter vom herrschenden Throne, 
  Den Träumen der Dichter zu dienen.

Es glichen den Göttern die Sänger und Dichter,
Der edlen Kulturen Schöpfer und Richter, 
  Die jedermann ansah als Retter;
Es blühte der Ruhm der Künstler und Denker,
Und sie zu erniedrigen wagte kein Henker, 
  Aus Gold waren selbst ihre Ketten.

НА СТОЛІТНІЙ ЮВІЛЕЙ
УКРАЇНСЬКОЇ ЛІТЕРАТУРИ

У кожного люду, у кожній країні
Живе такий спогад, що в його в давнині 
  Були золотії віки.
Як пісня і слово були у шанобі
В міцних сього світу; не тільки на гробі 
  Складались поетам вінки.

За пишнії хрії, величнії оди
Король слав поетам-співцям нагороди, 
  Він славу їх мав у руці;
За ввічливі станси, гучні мадригали
Вродливиці теж нагороду давали, 
  Не знали погорди співці.

І щонайпишнішії дами з придворних
Вдавали на сцені субреток моторних. 
  Щоб слави і втіхи зажить:
Сама королева здіймала корону,
Спускалась додолу з найвищого трону 
  Поетовій мрії служить.

Богам були рівні співці лавреати
І гордо носили коштовнії шати 
  У панськім магнатськім гурті;
Цвіли в них і лаври, і квіти барвисті,
І навіть терни їх були позлотисті,
  Кайдани — і ті золоті!

Aus: Gedichte: TARAS SCHEWTSCHENKO, FRIEDRICH SCHILLER, LESJA UKRAINKA, HEINRICH HEINE. Вірші: ТАРАС ШЕВЧЕНКО, ФРІДРІХ ШІЛЛЕР, ЛЕСЯ УКРАЇНКА, ГЕНРІХ ГЕЙНЕ. [Hrsg. G.M. Gartschenko]. Dnipropetrowsk: Sitsch, 2008, S. 158f