Fráňa Šrámek
(* 19. Januar 1877 in Sobotka; † 1. Juli 1952 in Prag)
Kam ein Brief
Kam ein Brief daher,
kam vom Militär,
darin schrieben sie,
daß am zwölften früh
ich mich melden muß,
ach, melden muß.
Was macht ein Soldat,
der zu kämpfen hat?
Zielt mit dem Gewehre,
zielt niemals ins Leere,
beispielsweise auf sein Herz,
aufs eigne Herz.
Ich empfehl mich gut,
hab ja rotes Blut:
bin ein Reservist,
Dichter, Anarchist,
hab ein Lied und einen Fluch,
ja, einen Fluch!
Ich marschiere mit,
sing auf Schritt und Tritt;
blauer Reservist,
roter Anarchist,
fern im Blau die Blume rot,
ja, Blume rot!
Aus dem Tschechischen von Heinz Czechowski, aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900-1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 50
Jorge Guillén
(* 18. Januar 1893 in Valladolid; † 6. Februar 1984 in Málaga)
SONNE MIT KÄLTE
In jugendlicher Luft verschüttet sich
ein Wind aus Kälte.
Jünger noch,
freundlich,
gleitet die Kälte über die Sonne, während ich laufe.
Durch klarste Frische hindurch
berausch’ ich mich an entstehender Helle.
Die Einsicht ist schon Glück,
ein Mundvoll Gnade,
wie eine Kälte aus Licht – zum Atmen.
Aus: Jorge Guillén: Berufung zum Sein. Ausgewählte Gedichte. Ins Deutsche übertragen von Hildegard Baumgardt. München: Heyne, 1979 (Heyne Lyrik 15), S. 17
SOL CON FRIO
Se derrama en un aire juvenil
Una brisa de frío.
Más juvenil aún,
Jovial,
Resbala el frío sobre el sol mientras yo corro.
A través de clarísima frescura,
Con limpidez en creación me embriago.
La inteligencia es ya felicidad,
Bocanada de gracia
Como un frío de luz — que se respira.

Emmy Hennings
(Emma Maria Ball-Hennings, * 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
AUFHÄNGEN
Ein Mann hängt sich auf und beobachtet sich.
Er spielt mit seinen Beinen.
Er möcht um seine Dummheit weinen.
Obgleich das Leben von ihm wich.
Er möchte doch so gern versuchen,
Karriere machen und auch Geld.
Und Streifenhosen, Haar gewellt.
Zu spät ist alles. Er muß fluchen.
Der Strick ist auch nicht eingeseift.
Herr Wedekind verlangts ja nicht.
Im Nebenzimmer brennt noch Licht.
Er ist nicht für die Tat gereift.
Und dies bemerkt er noch mit Schrecken,
Da fliegt vorbei die Kinderzeit.
Dann wirds auf einmal süß und weit –
O Annelies! O langes Strecken!
Aus: Emmy Hennings: Frühe Texte. Hrsg. Bernhard Merkelbach. 2. erw. Aufl. Siegen 1985 (Vergessene Autoren der Moderne II), S. 11
Inger Christensen
(* 16. Januar 1935 in Vejle, Dänemark; † 2. Januar 2009 in Kopenhagen)
DIE BÜHNE
konnexitäten
… si l’Être est caché,
cela est un trait de l’Être
M. Merleau-Ponty
Während allmählich die bühne beschrieben wird
wird immer klarer daß
sie nicht beschrieben sondern versteckt wird
Z.b. ist das wort öde
in sich selbst ein dementi seiner selbst
(seiner selbst ein dementi in sich selbst)
Und wenn gesagt wird die worte flögen
(wie vögel die einen endlos ver-
schwindenden raum füllen)
dann sicherlich um die tatsache zu verbergen
daß die worte nicht eins sind
mit der welt die sie beschreiben.
Worte haben keine flügel.
Und weder haben noch bekommen sie blüten
aber sie nehmen eventuelle blumen
und bringen sie in einem garten an
den sie wiederum auf einem bild
eines gartens anbringen
das sie wiederum auf einem bild
anbringen usw.
Die worte bleiben wo sie sind
während die welt verschwindet
Dies ist eine kritik der angewandten sprache
Weil es eine kritik der tatsächlichen verhältnisse ist.
Aus dem Dänischen von Hanns Grössel
Aus: Inger Christensen: det / das. Münster: kleinheinrich, 2002

Kurt Schwitters
Ida Dehmel (* 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein als Ida Coblenz; † 29. September 1942 in Hamburg)
Richard Dehmel (* 18. November 1863 in Hermsdorf bei Wendisch Buchholz, Provinz Brandenburg, heute Gemeinde Münchehofe; † 8. Februar 1920 in Blankenese)
PSALM ZWEIER STERBLICHEN
Von Ida und Richard Dehmel
DER MANN:
Göttin Zukunft,
mit gefesselten Händen hältst du
eine geschlossene Schriftrolle,
drin mein Schicksal verzeichnet steht.
Langsam, Tag für Tag,
ringe ich deinen Fingern
Zoll für Zoll die Urkunde ab,
Zeile für Zeile.
Bis der Augenblick kommt,
wo das entrollte Papier,
eh ich das letzte Wort noch las,
meinem erschöpften Arm entfällt;
und mit gefesselten Händen
gibst du den Winden zur Sage anheim,
was ich tat.
DAS WEIB:
Schicksalsgöttin,
ich liege vor dir auf den Knieen.
Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen
eine goldene Tafel,
drin die Namen nur derer eingegraben stehn,
die Unvergeßliches taten.
Auf den Knieen, Schicksalsgöttin,
bitte ich dich:
Laß mich nicht ins Namenlose versinken!
Spreng deine Fesseln – oder
nur einen Augenblick
reich mir die goldene Tafel,
und neben die Runen der Helden und der Weisen
schreibe ich hinsinkend:
Ich liebte.
Aus: Richard Dehmel: Gesammelte Werke in drei Bänden. 2. Band. Berlin: S. Fischer, 1919, S. 123f
Das vierte ist der seraphische Ton. Wenn es gleich los geht oder schnell anlangt bei Brunnenrauschen und Harfen und schöner Nacht und Stille und Ketten ohne Anbeginn, Kugelründung, Vollbringen, siegt sich zum Stern, Neugottesgründung und ähnlichen Allgefühlen, ist das meistens eine billige Spekulation auf die Sentimentalität und Weichlichkeit des Lesers. Dieser seraphische Ton ist keine Überwindung des Irdischen, sondern eine Flucht vor dem Irdischen. Der große Dichter aber ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten — er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist sehr irdisch, eine Zikade, nach der Sage aus der Erde geboren, das athenische Insekt. Er wird das Esoterische und Seraphische ungeheuer vorsichtig auf harte realistische Unterlagen verteilen.
Gottfried Benn, Probleme der Lyrik
Friedrich (Maler) Müller
(* 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom)
Der seraphische Dichter
Er: Für Engel, nicht für Menschen sang der Dichter sein Gedicht.
Sie: Was Menschen nicht erfreuet, das ergötzt auch Engel nicht.
Erstdruck: Frankfurter Konversationsblatt 29.1.1849
Karoline von Günderrode
(* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel)
HOCHROTH
Du innig Roth,
Bis an den Tod
Soll meine Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Roth,
Soll sie Dir gleichen.
Oswald de Andrade
(* in São Paulo; † 22. Oktober 1954 ebenda)
3. Mai
Ich habe bei meinem zehnjährigen Sohn gelernt
Daß die Poesie die Entdeckung der Dinge ist
Die ich nie gesehen habe
Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übertragen von Curt Meyer-Clason. München: dtv, 1975, S. 23
Annette von Droste-Hülshoff
(* 12. Januar 1797, nach anderen Quellen 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster; † 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg in Meersburg)


Chaim Nachman Bialik
(חיים נחמן ביאליק, * 9. Januar 1873 im Dorf Radi, in der Nähe von Schitomir, Russisches Kaiserreich; gestorben 4. Juli 1934 in Wien)


Aus: Chaïm Nachman Bialik: Gedichte. Aus dem Hebräischen übertragen von Louis Weinberg. Berlin: Welt-Verlag, 1920
Christiane Grosz
Absage
Nimm deine Hand
von meinem Kleidersaum
und geh.
Verbiete deinen Augen, so
mich anzusehn.
Sonst bekomme ich Lust,
deinen Ofen zu heizen,
deine Hemden zu waschen
und dein Kind zu wıegen
in meinem Schoß.
Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 55
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Zu Zweit
Lieber zu Zweit verhungern als Einzeln
In goldenen Wagen spazieren fahren:
Gefahren Gefahren überall für unsere
Treuen unbescholtenen Seelen
Mein Freund bis hierher und nicht weiter
Einer
Sey
Des andern Stab
Und unüberhörbare Stimme
Schlag mir auf mein Sitzfleisch wirf mich
Auf ein Fahrrad und jag mich nach Zeuthen
Aus: Rückenwind. Gedichte. Aufbau 1976
Kurt Schwitters
(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
Seit 1.1.19 ist das Werk von Kurt Schwitters in Deutschland gemeinfrei
Banalitäten aus dem Chinesischen
Fliegen haben kurze Beine.
Eile ist des Witzes Weile.
Rote Himbeeren sind rot.
Das Ende ist der Anfang jeden Endes.
Der Anfang ist das Ende jeden Anfangs.
Banalität ist jeden Bürgers Zier.
Das Bürgertum ist aller Bürger Anfang.
Bürger haben kurze Fliegen.
Würze ist des Witzes Kürze.
Jede Frau hat eine Schürze.
Jeder Anfang hat sein Ende.
Die Welt ist voll von klugen Leuten.
Kluge ist dumm.
Nicht alles, was man Expressionismus nennt, ist Ausdruckskunst.
Kluge ist immer noch dumm.
Dumme ist klug.
Kluge bleibt dumm.
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