G&GN-PRESSEMELDUNG 21.6.2020

G&GN-PRESSEMELDUNG 21.6.2020 @ POESIEPREIS.de
(= https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2020/)

21.Nahbell-Hauptpreise 2020 an SIGUNE SCHNABEL (geb. 1981) & STEFANIE SCHULTE-ROLFES (geb. 1961) & 2.Nahbell-Förderpreis an OSKAR KABEL (geb. 1994)

G&GN-INSTITUT Düsseldorf / Die beiden Hauptgewinnerinnen des 21.Nahbellpreises 2020 sind Sigune Schnabel (geb.1981) & Stefanie Schulte-Rolfes (geb.1961) für ihre LYRISCHEN GESAMTWERKE. Den 2.Förderpreis bekommt der Nachwuchsautor Oskar Kabel (geb.1994) für seinen Debutband „HOAXLYRIK“ zugesprochen. Die 3 großen Interviews bestehen aus explosiven Anekdoten und poetologischen Provokationen sowohl der Gewinner als auch des Preisstifters – hier einige Best-of-Zitate daraus mitsamt je einem Coronagedicht als Beispiele für die poetischen Produktionen der Preisträger! Es geht um synästhetische, neurokybernetische und soziomeditative Lyrik…

Aus dem Nahbell-Interview mit Sigune Schnabel:
„DIE VERGÄNGLICHKEIT DES EINSSEINS“
(Eine Haltung, die mit dem Wesentlichen in Kontakt bringt)

Aus der 1.NAHBELLANTWORT:
Zu meinem Debütband führte eine Reihe von Zufällen. Eine Rolle spielte dabei ein Wettbewerb, bei dem ich den ersten Preis gewonnen hatte. Dass damals mehrere Auszeichnungen in einer Reihe folgten, ist ein Phänomen des Literaturbetriebs, das ich noch nicht durchschaut habe. Ich selbst hatte anfangs das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Durch die Preise fühlte ich mich immer mehr akzeptiert und „angekommen“, zwar fernab des Mainstreams, aber es war auch nie mein Ziel, meine Texte an Trends auszurichten.
Aus der 2. NAHBELLANTWORT:
Thematisch interessieren mich in erster Linie das Gescheiterte im Leben, das Zerbrochene oder auch die feinen, kaum merklichen Veränderungen in einer Beziehung, die sich schleichend in die Kommunikation mischen. Dieses Trennende, Vergebliche bette ich gerne in eine Landschaft, die einerseits Spiegel sein kann, andererseits Ausdruck einer Entfremdung. Das kindliche Einssein von Ich und Welt geht im Lauf der Zeit verloren. Mein lyrisches Ich sucht immer wieder einen Ersatz dafür in menschlichen Beziehungen und scheitert dabei, denn sie unterliegen den gleichen Mechanismen der Vergänglichkeit. Was bleibt, ist eine Leerstelle oder ein Schweigen. Im Mittelpunkt steht also die Frage: Was ist es, was diesen zerstörerischen Prozess in Gang bringt? Können wir ihn rechtzeitig bemerken und verhindern? Bevor ich 2013 anfing, meinen heutigen Stil zu entwickeln, hatte ich eine längere Schaffenspause. Zuvor konzentrierte ich mich auf Prosa, vor allem autobiografischer Art, häufig in der Form von Kolumnen. Allerdings driftete ich auch da oft in lyrische Passagen ab. Heute passt die Form des Gedichtes am besten zu meinem Alltag, da sie einen Kontrast zur Hektik des Berufslebens bildet und sich gut eignet, um innezuhalten. Sie geht mit einer Haltung einher, die mich wieder näher mit dem Wesentlichen in Kontakt bringt.
Aus der 3.NAHBELLANTWORT:
Das Wesentliche ist für mich, dass es nicht zu einer Entfremdung vom eigenen Leben kommt. Das ist in einer Welt, in der Beschleunigung und Funktionieren in der Regel den Alltag beherrschen, manchmal eine Herausforderung. Und da hilft die Lyrik, weil sie nur beim Leser ankommt, wenn er innehält und entschleunigt. Man muss sich ihr ganz öffnen, für die Nuancen und Emotionen darin zugänglich machen – und dabei die lineare Zeit und Leistungsorientierung vergessen. Wahrscheinlich ist sie auch deswegen heutzutage so wenig beliebt: weil viele Menschen nicht mehr dazu in der Lage sind.
Aus der 4.NAHBELLANTWORT:
Da Sprache aus eingeschränkten Mitteln besteht, kann es nicht gelingen, das Gemisch aus Klang, Farbe, Gefühl und Ahnung gänzlich einzufangen. Sprache basiert auf Gemeinsamkeiten, weil sie konventionalisiert ist, und es bedarf großer Anstrengungen, Nuancen zum Ausdruck zu bringen, die ein Gegenüber nicht kennt und für die es noch keine festgelegten Ausdrücke, allenfalls Umschreibungsmöglichkeiten gibt. Wäre unser Verständigungssystem komplexer, wüssten wir vielleicht auch mehr über die sogenannte Wirklichkeit. Aber Sprache ist nichts als ein Filter, genau wie unsere Sinne. Kommunikation mit Worten kann nur eine grobe Richtung darstellen. Dahinter befindet sich aber noch eine ganze Welt. An diese Welt würde ich gerne näher herankommen.
Aus der 5.NAHBELLANTWORT:
Das ein oder andere Corona-Gedicht habe ich, was vielleicht nicht allzu überraschend ist, in der virtuellen Schublade. Neben dystopischen Themen beschäftigten mich die Fragen: Wird in den nächsten Monaten oder Jahren die Anzahl der Kinderpsychologen zunehmen, die möglicherweise antrainierte Gefühle und Verhaltensweisen wieder „wegmachen“? Oder sollen Angst und Abscheu als Schutzmechanismen in den neuen Normalzustand übertreten? Das obligatorische Corona-Gedicht will ich nicht vorenthalten:

Sigune Schnabel

Tatbestand

Am Eingang machen Blicke Abstriche
von der Schleimhaut,
hantieren mit Handschuhen
an meinem Aussehen.

Dort hinten brechen Wolken
das neue Gesetz,
gleiten straflos über die Grenze hinweg.
Ich warne den Vogel
in meinem Kopf.
Auch er fliegt unbefugt
in fremdes Land,
sodass die Menschen verrückt werden.
Polizisten patrouillieren
zwischen Herbstblättern.
Heute weht der Wind verkehrt,
stiftet zur Straftat an,
das Laub und den Staub der Straßen.
Zwischen den Häusern ist die Stille
über alle Maßen verstört.

Aus der 6.NAHBELLANTWORT
Bisher wurden Gedichte von mir ins Englische, Griechische, Rumänische, Ukrainische, Russische und Tschechische übersetzt. Ob in Zukunft auch Romane entstehen werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Ich kann es jedenfalls nicht ausschließen. Ein angefangenes Prosamanuskript liegt bereits in meiner Schublade.

Das vollständige Interview mit Sigune Schnabel:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/21-nahbellpreis-2020-sigune-schnabel/

Aus dem NAHBELL-Interview mit Stefanie Schulte-Rolfes:
„TIEFE VERBUNDENHEIT IN DER STILLE“
(Die Erkenntnis, dass alles nur Ablenkung vom Wesentlichen ist)

Aus der 1.NAHBELLANTWORT:
Ich wollte meine Welt so verwandeln, dass sie Poesie wird. Zwischenräume in einer lauten Welt schaffen, in denen ich träumen und ausruhen konnte. Ich habe immer stoisch an meinen Träumen festgehalten, bis heute.
Aus der 2.NAHBELLANTWORT:
Bei FB hatte ich fast 8 Jahre einen Account und lernte Blogger und Literatinnen kennen. Vor zwei Jahren hat ein hiesiger Künstlerfreund meine uralten bis neuen Gedichte in kleine Broschüren gebunden. Die habe ich teilweise verschenkt, ohne besondere Resonanz. Ich habe, wie gesagt, nie versucht, mich bekannt zu machen als Dichterin, bis ich deine, für mich sehr ansprechende, NAHBELLPREIS Seite gefunden habe.
Aus der 4.NAHBELLANTWORT:
Momentan schreite ich sprachlich eher durch Verwüstungen. Da treffe ich mich ganz neu an, mit dunklen, wütenden Kleidern. Stille ist aber ein Grundrauschen bei mir. Darüber zu schreiben ist gar nicht so einfach und braucht sehr viel Konzentration und Kontemplation. Das kommt irgendwann wieder, wenn ich alt bin.
Aus der 5.NAHBELLANTWORT:
Jeder, der nicht ganz besinnungslos ist, kennt innere Zerwürfnisse und bedrohliche, gespenstische Zustände. Momentan zum Beispiel diese Virusgeschichte. Was macht das alles mit uns? In solchen Lebenslagen lässt sich ja bekanntlich gut schreiben. Und natürlich habe ich manchen Text verfasst in den letzten Tagen und Wochen. Da weiß ich nicht, wohin das dichterisch noch führt bei mir.
Aus der 6.NAHBELLANTWORT:
Poesie ist ja nicht etwas Ausgedachtes oder eine Mode. Wir müssen nicht ständig produktiv sein und alles nach außen stülpen. Alles hat seine Zeit, aber momentan müssen wir die POESIE bewahren mehr denn je, sie schützen vor Wörtern wie „Systemrelevanz“ oder „Social Distancing“, uns also in acht nehmen vor so einer Art Kriegsrhetorik wie „unsichtbarer Feind“ und „Ausgangssperre“ und so weiter. Hier ein Text, den ich gestern nach dem Einkaufen in einem leicht wütenden Tempo geschrieben habe.

Stefanie Schulte-Rolfes

Türen zu
Schuhe aus
Nicht ins Gesicht fassen
Hände waschen
Einkauf auspacken
Schlüssel ablegen
Merken wo
Butter vergessen
Schuhe an
Hände waschen
Schlüssel suchen
Mundschutz auf
Atem kontrollieren
Menschen meiden
Umeinander kreisen
Abstandsgedränge
Geschimpfe
Geduldsproben
Pass bloß auf du
Nur für Butter
Nicht rennen
Atmen
Schweiß abtupfen
Oder Tränen
Sich normal fühlen müssen
Mit Mundschutzmaske
Und beschlagener Brille
Nicht an die Lippen fassen
Warten vor dem
Kühlregal
Nur für Butter
1.5 m
Besser mit Karte zahlen
2,59
Hinter Schutzscheiben
Sitzt die Angst
Tür aufschließen
Schuhe aus
Mundschutzmaske ab
Hände waschen
Endlich Augen reiben
Gesicht abtasten
Den Spiegel küssen

Aus der 7.NAHBELLANTWORT:
Die Aktivitäten bei FB usw. haben mich nach vielen, zu vielen, aktiven Jahren dort nicht mehr interessiert. Ich glaube, es war so die Erkenntnis, dass alles nur Ablenkung vom Wesentlichen ist.
Aus der 9.NAHBELLANTWORT:
Wenn ich meine Sterbedaten wüsste, dann wird jeder Augenblick kostbar, egal ob jemand traurig oder fröhlich, faul oder fleißig, hübsch oder hässlich ist. Das spielt alles überhaupt keine Rolle. In meiner dritten Broschüre geht es um das Thema Tod, um „Ausnahmezustände“ und um Auflösungsmomente sozusagen.
Immer mehr Leute möchten schreiben, aber irgendwer muss ja auch Zeit haben, alles zu lesen. Da ist sehr viel Oberflächlichkeit im literarischen Geschäft und auch die Geschwindigkeit, mit der wir andere lesen und beurteilen und zurück ins Regal stellen, ist erschreckend. Die größten alten und neuen Geister werden allzu oft missachtet.

Das vollständige Interview mit Stefanie Schulte-Rolfes:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/21-nahbellpreis-2020-stefanie-schulte-rolfes/

Aus dem NAHBELL-Interview mit Oskar Kabel:
„PROTOKOLLEUR EINES DENKGESCHWÜRS“
(Das Wesentliche am Denken geschieht in der Sprachlosigkeit)

Aus der 1.NAHBELLANTWORT
lyrik. legitimiert sich. durch ihre eigene. existenz. als kunstform. im sinne. des menschlichen. ausdrucks. das hirn. arbeitet. und spuckt. daten. aus. nicht mehr. und nicht weniger. diese daten. müssen vom mensch. willentlich. interpretiert werden. die wenigsten. machen das. obwohl ich. behaupte: alle menschen. hören. ihr hirn. arbeiten. das zuhören. ist eben. das schwierige. das machen. die dichter. sie hören. sich selber. beim denken zu. denken. ist ein prozess. kein ergebnis. kein ziel. keine wahrheit. ein prozess! eine debatte. um irgendeine „rettende“ funktion. von lyrik. ist mir nicht bekannt. ich selber. erachte die lyrik. primär. als vollkommen. frei. von funktionen. sie dient mir nur. als protokoll. des prozesses.
Aus der 2.NAHBELLANTWORT
die ganze perverse. weltsituation. wurde mir. nach veröffentlichung des bandes. unerträglich. ich brauche. ganz einfach. den abstand. in dieser oase. des geistes. um meine leere. mitte. zu stabilisieren. der prozess. des protokollierens. erwies sich. als zu groß. zu komplex. ausufernd. unkontrollierbar. ein denkgeschwür. das letztlich. zu körperlichen beschwerden. führte. weil der geist. selbstläufer wurde. und die welt. nicht aus den wörtern. eliminieren. konnte.
Aus der 3.NAHBELLANTWORT
als wären es. nicht. meine eigenen. erkenntnisse. sondern die. einer maschine. und ich. nur protokolleur. inzwischen. versöhne. ich mich. mit mir. und dem dichterischen impuls. in mir. mein coronagedicht. für pendemic.ie. war eigentlich. nur. eine pflichtkür. weil mich. die ganze. diskussion. der lyriker. auf facebook. unter druck setzte. ich werde. noch einige zeit. benötigen. um mich. dem ganzen. neurodigitalen. welthorizont. anders. aussetzen. zu können. als momentan. das gesunden. in dieser ruhe. ist wichtiger. als die lyrik. das internet. und die panik. der pandemie.

oskar kabel  [25. april 20]

0023

creative industry. is not. a luxury. but.
with its $111 billion. annually. indeed.
systemically. relevant. for the entire.
economy. aber. wie systemrelevant.
ist. die freiheit. der poesie. und wie.
frei. ist diese. systemrelevanz. aller.
kritischen. dichter. wie unabhängig.
ist. sprache. wie systemkritisch. ist.
die unabhängigkeit. der verrückten.
wörter. how. systemically. relevant.
is. free. speech. beyond. institutions.
how. independent. is. language. at all.
how. systemically. relevant. are these.
freelance. artists. without. any. basic.
income. how. relevant. is. a. minister.
with. luxury. income. through taxes.

Aus der 4.NAHBELLANTWORT
ich schreibe den text. immer zuerst. in seiner lückenlosen form. und begutachte danach. die positionen der buchstaben. um brauchbare stellen. für die aufbrechung des statischen. zu eruieren. für das corona-motivierte gedicht. entschied ich mich aber. für die anfängliche reinform. aus praktischen gründen: es überfordert die herausgeber. anscheinend. vielleicht auch nur technisch. einen lücken-basierten text. korrekt zu präsentieren. die freiheit meiner poesie. endet insofern. bei den beschränkungen technischer systeme. symbolisch übertragen auf die konditionierte wahrnehmung. bedeutet das: eine gedichtsendung ist nur so frei. wie die beschränkte wahrnehmung des empfängersystems! das wesentliche am denken. geschieht für mich. beim innehalten in all diesen sprachlosigkeiten. zwischen den wörtern. meditation. ist der zustand. wenn diese geistfabrik innehält. stillstand. des ewigen gebrabbels. ein globaler lockdown. ermöglicht globale meditation. ein experimentelles gedicht. ist in diesem kontext. ein hoax. es sabotiert das system mit informationen. die in keiner akte gespeichert sind. und daher nicht abrufbar sind. es mogelt sich. sozusagen. zwischen den takt. in dem der geist tickt. und setzt die energie. der informationslosen lücken. frei!
Aus der 5.NAHBELLANTORT
in meiner jugend. sog ich alles auf. was von dadaisten. zu kaufen war. bis mir bewusst wurde. wie leicht der kanon zum kalauer übergeht. doch ich suchte. bis vor einigen jahren. die gedanken. und ismen der anderen. fast zwanghaft. weil mir eigene. worte fehlten. ich war euphorisiert. von fremderkenntnissen. ohne meine abhängigkeit zu bemerken. erst beim versuch. selber zu dichten. wurde auffällig. dass ich. unfähig war. meinem eigenen denken. zuzuhören. mein kopfspeicher. enthielt eine bibliothek. fremder gedanken. geistige viren. vernebelten. meine seele. ich begann. alle gesammelten wörter zu löschen. unbarmherzig. systematisch. anstelle der inflation. von fremden und eigenen. wörtern: weltleere. inmitten des soziokulturellen. spektakels. als anker & kern. konstruktiver optionen. zur anteilnahme. am fragmentierten. ganzen…

Das vollständige Interview mit Oskar Kabel:

Merzgedicht

Kurt Schwitters

(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)

Der Vollständigkeit halber: außer Gedichten und Gedichten aus England gibt es noch die Merzgedichte. Hiervon eine Probe:

Hinrichtung

Merzgedicht 9

Ein Mensch verlangte die Hinrichtung Anna Blumes. Hinrichten wuchtet Kreuzigung. Anna Blume kreuzigen hinrichtet Euch. Ring strahlt das Messer wuchten Scharten schwingen Messer. Ring strahlt das Messer Eure Köpfe, ohne Kopf. Ring wogen Leichen ohne Köpfe Taumel, Taumel.
Menschen! Menschen hirnen Menschen. Ihr Menschen mit dem Gehirn eines Menschen. (Aber mein Herr!) Menschen sind weise, Anna Blume hat ein Vogel.
O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, A-N-N-A, auch von hinten, du, der ich liebe, du deiner dich dir, das darf nicht sein. Gärten schlingen Welten Kuß. Gärten blühen Hände, Wiesen wohnen Zelte, Himmel welkt Faden, Herbst drahtet Zeiten. Du aber, du Herrlichste, grünst Vogel. Du sättigest tönen Messer die Gefilde. Welkt Erde? Wandern Menschen müssen sterben? Der irre Stahl erhaben glänzt dein Leibern. Tod innig hart peitscht innig Tore Wein. Stirb nur, du weiser Mensch. Du grünest Menschenhirn. Du grünest zittern Menschenhirn. Du stirbst, ich sterbe Mensch, Anna Blume lebt Welten. O du, Geliebte, du grünt Leben welkes Blatt.
Welkt Faden Menschen?
Arme Beinen senken Leiber.
Anna Blume grünt das Welken.

um 1919

Aus: Kurt Schwitters, Das literarische Werk. Hrsg. Friedhelm Lach. Band 1: Lyrik. Köln: DuMont, 1998, S. 65

Die literarischen Werke des Kurt Schwitters zerfallen in Lyrik, Prosa, kritische Prosa, Manifeste sowie Schauspiele und Szenen.
Die Lyrik zerfällt in 1. Gedichte, 1a. Merzgedichte, 2. Gedichte aus England, 3. Banalitäten, Sprüche und Sentenzen, 4. Schlager und Lied und 6. Konkrete Poesie.

Gedichte 1 (1913)

Kurt Schwitters

(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)

Ich sing mein Lied

Ich sing mein Lied in tiefen Raum,     man hört es kaum,
Es dringt hervor aus tiefer Brust,     mir unbewußt,
Es singt Dir eine Melodie,             jetzt oder nie.
Hast Du mich nun noch nicht erhört,    bin ich empört
Und trinke Lindenblütentee,            der mildert Weh,
Und frage mich: »Was bist denn Du,     Du alte Kuh?«

um 1913

Aus: Kurt Schwitters, Das literarische Werk. Hrsg. Friedhelm Lach. Band 1: Lyrik. Köln: DuMont, 1998, S. 35

Die literarischen Werke des Kurt Schwitters zerfallen in Lyrik, Prosa, kritische Prosa, Manifeste sowie Schauspiele und Szenen.
Die Lyrik zerfällt in 1. Gedichte, 2. Gedichte aus England, 3. Banalitäten, Sprüche und Sentenzen, 4. Schlager und Lied und 6. Konkrete Poesie.

Halbes Ilmtal

Volker Braun

IM ILMTAL

Den Himmel verwildert der Sturm
Voll Wolken grau, das Feld
Ist dunkel am Tag, mein Sinn.

In der gebauten Natur
Geh ich allein, und den Wald schüttelt er
Wie meine Fäuste möchten die steife Weit.

Einmal lebte ich so, freudig
[…]

Auf die Wiese schwärzer tritt, lieber Fluß
Schlage, wie einst einem andern hier
Die Worte aus meiner Brust.

Und ich kannte sie lange, die Tage
Füllte Arbeit zum Rand
In die Nacht ging das laute Gespräch.

Aufwälze, Fluß, den dunklen Grund;
Ich kann nicht leben ohne die Freunde
Und lebe und lebe hin!

[…]

Ich habe mir erlaubt, diesem Gedicht, das ich seit Studententagen kenne, ja was? die Zähne? den Blinddarm? jedenfalls rauszuziehen, wie es grad passt, d.h. wie ich es gestern am Fenster sah. So:

Taken with NightCap. Light Trails mode, 3.71 second exposure, 1/1064s shutter speed.                              Den Himmel verwildert der Sturm
Voll Wolken grau, das Feld
Ist dunkel am Tag, mein Sinn.

Das Gedicht stand zuerst in dem Band „Gegen die symmetrische Welt“. Hier aus: Volker Braun, Texte in zeitlicher Folge, Band 4, Unvollendete Geschichte. Gegen die symmetrische Welt. Tinka. Schmitten. Notate. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1990, S. 78

 

Dich plagt das Gewissen …

René Crevel

(* 10. August 1900 in Paris; † 18. Juni 1935 ebenda)

Dich plagt das Gewissen ...

Dich plagt das Gewissen, den Vater umgebracht, ohne
         hundert Jahre Erinnerung erworben zu haben.
Immer diese Schwäche der Nerven wie die Blumen in der
                                           Brotkrume.
Wenn du das Spiel wagtest.
Die Würfel tanzen.
Mann oder Frau?
Hund oder Katze?
Aber es wird den Hund geben, der zugleich eine Katze ist,
noch immer das alte Lied zurückbleibender Abreisen, und
dann dieser Lehnstuhl aus Holz.
Nur mehr eine Brust hängt ganz oben an den
                                geschlechtslosen Körpern;
deine Kindheit verbrachtest du unter Pfarrern in
                                            Frauenröcken;
in der Krypta von Sacré-Cœur hast du dich nicht verstanden
                                            auf die Liebe.
In deinem Gehirn ein Gefieder.
Dieser Vogel ohne Lieder,
Vogel, der nicht flog,
Vogel, der nicht sang,
fähig zu nutzlosem Schauder allein.
Liebend wie ein Bruder wollte er sein
zu den kleinen Schiffen,
den Kolibri-Schiffen,
ausgeschwärmt bedächtig und leicht
haben sie gar nichts erreicht.
Rost, Blut von Karkassen,
im Tode erstarrend,
ringsum beharrend
das müdschwere Wasser
von den Hausfrauen bleiern und bleich
die allzuoft Mütter zugleich.
Du frierst, doch du kannst weder sterben noch weinen.
Traurig zwischen boshaft erbärmlichen Kais,
die jedermann hiernieden verachtet,
gehst du hin,
Fluß der grauen Städte,
ohne Ozeanhoffnung.

Aus dem Französischen von Bert Noglik. In: Surrealismus in Paris. 1919-1939. Ein Lesebuch. Hrsg. Karlheinz Barck. Leipzig: Reclam, 1986, 297

Puzzle

Róža Domašcyna

(* 11. August 1951 in Zerna, Landkreis Kamenz)

Puzzle

ich teile meine sprache
das deut… und das sor…
sortiere und deute
wie es den sprachgelehrten gefällt
deute und sortiere
wie es den sprachgelehrten mißfällt
genau ungenau und durchnander
wie es erdichtet wurde
erdichte die sprache im teilen
im erteilen dichte ich
ihr dichte an
und kräftig gemixt dichtet sie mir
das eine und das andere an
indem ich mich teile
teile ich meine sprache mittig
teile mich durch und mit
dir zu
teilst mich mit: wir
sind geteilt sind teile
sind das du und das du im dual
zwei mit männlicher endung
in weiblicher sprache

Aus: Poesiealbum 354. Róža Domašcyna. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2020, S. 5

Ein Blatt zum Bloomsday

Der 16. Juni ist Bloomsday. Der Roman Ulysses des Iren James Joyce handelt am 16. Juni 1904 (bis tief in die Nacht des Folgetags). Leopold Bloom ist die Hauptfigur. Es ist ein moderner Roman, er erzählt Dubliner Leben der Zeit, heute feiern die Iren den Tag, aber er erzählt nicht allein in jedem Kapitel auf andere Weise, er ist gespickt mit Poesie, mit Zitaten, Shakespeare, Bibel und noch viel mehr, es gibt Verse und Strophen, auch mal mit den dazugehörigen Noten, und es gibt jede Menge poetischer Verfahren, die oft auch genannt und kommentiert werden. Mein Gedenkblatt bringt heute kein Gedicht, sondern einen kleinen Auszug aus dem 17. Kapitel, in dem die Handlung in Frage und Antwort erzählt wird. Ich bringe den Text des Originals in der gerühmten und geschmähten Gableredition und in der Übersetzung von Hans Wollschläger in der kommentierten Ausgabe von 2004 (aber ohne die Kommentare, die in dieser schönen großformatigen Ausgabe um den Text herum angeordnet sind).

What lines concluded his first piece of original verse written by him, potential poet, at the age of 11 in 1877 on the occasion of the offering of three Prizes of 10/-, 5/- and 2/6 respectively for competition by the Shamrock, a weekly newspaper?

An ambition to squint
At my verses in print
Makes me hope that for these you’ll find room.
If you so condescend
Then please place at the end
The name of yours truly, L. Bloom.

Did he find four separating forces between his temporary guest and him?

Name, age, race, creed.

What anagrams had he made on his name in youth?

Leopold Bloom
Ellpodbomool
Molldopeloob
Bollopedoom
Old Ollebo, M. P.

What acrostic upon the abbreviation of his first name had he (kinetic poet) sent to Miss Marion (Molly) Tweedy on the 14 February 1888?

Poets oft have sung in rhyme
Of music sweet their praise divine.
Let them hymn it nine times nine.
Dearer far than song or wine.
You are mine. The world is mine.

Welche Verse beschlossen sein erstes lyrisches Originalwerk, welches er als potentieller Dichter im Alter von 11 im Jahre 1877 bei Gelegenheit der Ausschreibung dreier Preise in Höhe von 10/- respektive 5/- respektive 2/6 durch den Shamrock, eine Wochenzeitung, in freiem Wettbewerb verfaßt hatte?

Wenn Ihr wertes Blatt
Vielleicht Platz hierfür hat,
So erhoff‘ ich mir baldigen Ruhm.
Bitte drucken Sie dann
Als Verfasser hintendran
Ihren hochachtungsvollen L. Bloom.

Stellte er vier trennende Kräfte fest zwischen seinem vorübergehenden Gast und sich selbst?
Namen, Alter, Rasse, Glauben.

Welche Anagramme hatte er aus seinem Namen in seiner Jugend gebildet?

Leopold Bloom
Ellpodbomool
Molldopeloob
Bollopedoom
Old Ollebo, M.P.

Welches Akrostichon auf die Kurzform seines Vornamens hatte er (kinetischer Dichter) an Miss Marion (Molly) Tweedy am 14. Februar 1888 geschickt?

Preis und Lob die Dichter weihn
Oft der Schönheit, süß und rein.
Laß sie singen im Verein.
Du, die lieber mir als Wein
Ist und Sang, oh, du bist mein!

Quellen:

James Joyce, Ulysses. The corrected text edited by Hans Walter Gabler …Vintage Books. A Division of Random House, New York, 1986, S. 554f

James Joyce, Ulysses. Roman. Übersetzt von Hans Wollschläger. Hrsg. u. kommentiert von Dirk Vanderbeke, Dirk Schultze, Friedrich Reinmuth und Sigrid Altdorf…Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 914f

S‘ist Issa

Dieses Zitat aus einem Haiku habe ich seit Jahrzehnten im Kopf, aber weiß ich, wer er ist? In meiner Bibliothek stehen 3 Dutzend Bände japanischer Verse, in vielen auch Haiku von Issa (dessen Geburtstag heute ist) – aber die meisten Haikuanthologien sind nach den Jahreszeiten geordnet und streuen Issas Haikus bunt darunter, und kein Register. Dabei gibt es Bücher von ihm, ein autobiographisches mit Versen, aber das habe ich nur auf Englisch: „The year of Issa“. Issa ist eigentlich der Vorname, Wikipedia weiß:

Kobayashi Issa (jap. 小林 一茶; * 15. Juni 1763 in Kashiwabara, Provinz Shinano (heute: Stadtteil von Shinano, Präfektur Nagano); † 5. Januar 1828 ebenda; bürgerlicher Name: 小林 信之 Kobayashi Nobuyuki, Kindheitsname: 小林 弥太郎 Kobayashi Yatarō)

Aber wir bleiben bei dem Namen, mit dem er sich selber nennt, Issa. Wiki sagt: „Fröhlichkeit, buddhistische Genügsamkeit und Zufriedenheit bestimmen Issas Werke.“ Hmm – etwa dieses Bild geben viele Haikuanthologien her. Natürlich, schöne kleine Jahreszeit-Stimmungen, aber wars das? In meiner ersten Anthologie –das Penguin-Taschenbuch für damals sehr üppige 21,85 Mark gekauft – liegt ein Lesezeichen aus einem Kalender vom März 1983, direkt daneben steht:

One bath
after another –
how stupid.

Winter lull
no talents,
thus no sins.

Harmlosfröhlich klingt das nicht. Und aus dem autobiographischen Buch kenne ich das Gedicht auf den Tod eines seiner Kinder:

The world of dew
Is the world of dew,
And yet …
And yet …

Liebe Verlegerinnen, liebe Dichter, gebt uns bitte mehr vom yet! Es müssen nicht immer 17 Silben sein, wenn es deutlich kürzer geht, wie die englischen Beispiele zeigen. Merkwürdigerweise scheint auch die deutsche Sprache oft weniger als 17 Silben für den gleichen Inhalt zu brauchen, und dann? „Poetische“ Füllsel? Bitte nicht. Ja, es gibt auch geschwätzige Haiku – in Übersetzungen. Die drei englischen Beispiele sollen mein Geburtstagsblatt sein.

Fontis

René Char

(* 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; † 19. Februar 1988 in Paris)

EINGESUNKENES ERDREICH

Zum Vaterland hat die Beere
Die Finger der Winzerin.
Sie aber, wen hat sie,
Am Ende des schmalen Pfades den grausamen Weinberg entlang?

Den Rosenkranz der Traube;
Am Abend die göttliche Frucht, die im Untergehn

Den letzten Lichtfunken blutet.

Übertragen von Johannes Hübner und Lothar Klünner

Aus: Poesiealbum 74: René Char. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 28

FONTIS

Le raisin a pour patrie
Les doigts de la vendangeuse.
Mais elle, qui a-t-elle,
Passé l’étroit sentier de la vigne cruelle?

Le rosaire de la grappe;
Au soir le très haut fruit couchant qui saigne

La dernière étincelle.

Ich zitiere nach der Ausgabe, in der ich als Student zum ersten Mal Texte von René Char las – das Poesiealbum, damals noch von Bernd Jentzsch herausgegeben, war nicht nur ein Ort zum Debütieren für junge Dichter, das auch, aber eben auch die erste Adresse für moderne Weltliteratur für DDR-Leser mit zahlreichen DDR-Erstveröffentlichungen, zum unschlagbaren Preis („EVP“) von 90 Ostpfennig am Zeitungskiosk erhältlich (wenn man Glück hatte, die hohe Auflage war oft schnell ausverkauft). – Mit Originaltext in René Char, Draußen die Nacht wird regiert. Poesien. Französisch und Deutsch. Mit einem Nachwort von Albert Camus. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 192.

Der äthiopische Totentanz

Theodor Däubler

(* 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald)

Aus: Das Nordlicht / Der äthiopische Totentanz

(…)

Eine Lotosblume ragte
Nun verduftend in die Nacht:
Als die Glut der Liebe tagte,
Ist die Blume hold erwacht:
Und vor solcher Pracht verzagte
Mein Begehr, der brunstentfacht
Jede tolle Frage wagte,
Um zu wissen, was, vollbracht,
Jede Antwort kühl versagte:
Klar hab ich da nachgedacht!

Denn der Blüte blasse Blätter
Wiegten sich gar wollustbleich,
Blutdurchglüht und leicht violetter
Schmiegten sie sich weiblichweich,
Immer fleischlicher und fetter,
Endlich weißen Leibern gleich,
Eins ans andre, als erkletter
Jede Wallung aus dem Teich,
Fiebernd, wie ein fernes Wetter,
Leiblich schon und wollustreich,

Ein erzuckendes Empfinden,
Das als Buhlin sich ergibt:
Und ich ahnte, hier verbinden
Bündel, was sich rings verschiebt!
Wenn wir selbst in Lust uns winden,
Wenn die Brunst als Glück zerstiebt,
Sucht das Weib vom Weib zu finden,
Was im Rausch dem Mann entsiebt,
Und der Mann will sich entrinden,
Der den Mann im Weibe liebt!

Welturanisch, unerklärlich
Liebt sich selbst das tiefste Ding:
Ewig still und unversehrlich
Schließt sich der Uräus-Ring!
Die Geschlechter sind begehrlich,
Doch das Übel ist gering,
Für sich selber nur gefährlich,
Weil sich drin der Schmerz verfing,
Bleibt ihr Dasein unentbehrlich,
Daß die Liebe sich entschwing!

In den letzten Brunstgewittern,
Die ganz kraftlos sind und satt,
Sprüht die Liebe noch aus Zwittern,
Fast affektlos schon und matt;
Ohne Fernen zu durchwittern,
Ist die Liebe satt und platt,
Kaum geschlechtlich mehr, erzittern
Leib an Leib verlegen, glatt;
Und hier zucken und verwittern
Weib an Weib als Lotosblatt. —

(…)

Nachtschnellzug

Walter Rheiner

(* 18. März 1895 in Köln; † 12. Juni 1925 in Berlin-Charlottenburg)

Nachtschnellzug

Dunkel der Nacht, das ruhig schien und fest,
zieht sich zusammen, kreist um eine Stelle
in immer engrem Strudel, wildrer Schnelle,
einschlürfend wie ein Maelstrom. Doch es läßt,

endlich aufschießend wie verirrte Welle,
zwei Lichter blühen aus dem schwarzumrasten
Zentrum des Wirbels. Und aus dem verglasten,
entfachten Horizont bricht das Gebelle

der angstgestreckten Wagenkörper vor,
die aus zerborstner Tiefe in die Helle
einbrausen: ins geduckte Hallentor

des aufgeschreckten Bahnhofs, der erzittert,
im Tanz der Räder schwillt, aufspringt und gelle
berauschte Schreie brüllt und dröhnend splittert.

Aus: Walter Rheiner, Kokain. Lyrik Prosa Briefe. Mit Illustrationen von Conrad Felixmüller. Hrsg. Thomas Rietzschel. Leipzig: Reclam, 1985, S. 31

Zuspruch

Richard Pietraß

Zuspruch

Schmerz, verschmerze, Blut, erblühe. Fenster, verjag
Die Gespenster. Mut, gib dir Mühe.

Herz, nur zu. Niere, denk dran. Lippen, steht Schmiere
Vorm Hippenmann. Leib schwill. Brust, bleib still.

Nacht, wache. Tag, sag, ist das seiner Fäuste Schlag?

Gelind! Geschwind! Kind, mach Wind!

Aus: Richard Pietraß, Freiheitsmuseum. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1982, S. 59

Mitspracherecht

Linda Hogan

(…)

Da ist der Mund eines Mannes,
seine Zunge,
verschwistert dem Gras und dem Licht
und den vierbeinigen Geschöpfen.
Er spricht von einem neuen Morgen.
Er gibt den kleinen Tieren eine Stimme.
Er gibt den Adlern das Mitspracherecht.
Er spricht für die Fische.
Das Licht der Schöpfung erstrahlt.

Licht.
Helleuchtend.
Die Welt beginnt neu.

Ich will diesen Zauber nicht brechen.
Ich will, daß diese Worte ihre Kraft bewahren.
Ich will diesen Zauber nicht brechen.

Linda Hogan, von Chickasaw- und weißer Abstammung, wurde 1947 in Denver geboren. Sie ist in
Oklahoma aufgewachsen, dem Land, in das die Chickasaw aus ihren ursprünglichen Stammesgebieten im Südosten zwangsübersiedelt worden waren. Nach Abschluß des Studiums an der Universität von Colorado führte ihre Lehrtätigkeit (u. a. über indianische Literatur) die Autorin in viele Staaten der USA. Linda Hogan veröffentlichte Lyrik und Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien.
Bisher sind drei Gedichtbände von ihr erschienen. Sie ist im „American Indian Movement“ und in der Anti-Atom-Bewegung engagiert.

Aus: Auch das Gras hat ein Lied. Indianertexte der Gegenwart. Ausgewählt und übertragen von Käthe Recheis und Georg Bydlinski. Wien, Freiburg, Basel: Herder, 1988, S. 10

Nachtrag zum Lotusgedicht

Das Gedicht des Tages kommt heute um 12 Stunden versetzt. Inzwischen als Platzhalter ein Nachtrag zum gestrigen Lotusgedicht des Bischofs Henjo aus dem gestern zitierten Buch von Julius Kurth

Er ist nur halb zu sehen

Der Mond ist aufgegangen Die gold’nen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar Der Wald steht schwarz und schweiget Und aus den Wiesen steiget Der …

Er ist nur halb zu sehen