Heine in Israel

Die erste Heinebiographie auf Hebräisch schildert ihn als Vorläufer eines säkularen Zionismus. Die Besprechung in der Jerusalem Post gedenkt auch deutscher Bräuche:

Now consider the liner notes to a Columbia Masterworks 78 RPM recording of “Dichterliebe” from the 1930s: “In contemporary German editions of Schumann’s songs, Heine’s name is left out, or pasted over with a strip of paper.”

/ 6.7.02

Berliner Anthologie

Eine solche eröffnet Rolf Schneider in der Berliner Morgenpost am 6.7.02 mit Theodor Fontanes „Lebenswege“:

Fünfzig Jahre werden es ehstens sein,
Da trat ich in meinen ersten «Verein».
Natürlich Dichter. Blutjunge Ware:
Studenten, Leutnants, Refrendare.
Rang gabs nicht, den verlieh das «Gedicht»,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.
So stand es, als Anno 40 wir schrieben,
Aber ach, wo bist du Sonne geblieben,
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Genräle und Chefpräsidenten.
Und mitunter auf stillem Tiergartenpfade,
Bei «Kön’gin Luise» trifft man sich grade.
«Nun, lieber F., noch immer bei Wege?»
«Gott sei Dank, Exzellenz… trotz Nackenschläge…»
«Kenn ich, kenn ich. Das Leben ist flau …
Grüßen Sie Ihre liebe Frau.»

Lyrik – Müll

Zwei schon etwas ältere Damen der „Frauenaktion Scheherazade“ hatte im Herbst letzten Jahres die kalte Wut gepackt, als die rot-grüne Bundesregierung der Bombardierung Afghanistans zustimmte. Die Schulrektorin Karla Werkentin und die pensionierte Lehrerin Anna Elmiger wollten „wenigstens eine kleine symbolische Geste“ zeigen und verklebten einige Zeilen Lyrik in der Bannmeile rund um das damals noch in Mitte stehende Bundeskanzleramt.

Erste Strophe des berühmten Gedichtes von 1779 [ Matthias Claudius]: „S ist Krieg! Oh Gottes Engel wehre, Und rede Du darein! S ist leider Krieg – und ich begehre Nicht schuld daran zu sein!“

Doch die Hoffnung auf die Zersetzungskraft deutscher Lyrik war vergeblich. Weder gingen Gerhard Schröders Regierungsbeamte weinend und Abbitte leistend vor den Zeilen in die Knie, noch ließ sich das Beamtentum in seiner unerbittlichen Mahlkraft erweichen.

Im Gegenteil: Im Mai erhielten die beiden Damen die Mitteilung des Bezirksamtes Mitte, es sei ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet worden. Vorwurf: Verstoß gegen das „Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Beseitigung von Abfällen“. / taz Berlin 5.7.02

Dada Kaukasus

In kurzer Folge, teilweise sich überschneidend, lösten sich in Tbilissi mehrere Dada-Formationen ab. Aus dem «Syndikat der Futuristen» ging die Gruppe «41°» hervor, die unter der Leitung von Igor Terentjew und mit Unterstützung von Krutschonych zur wichtigsten Fraktion des georgischen Dadaismus werden sollte. Rund fünfzig Buchveröffentlichungen – Manifeste, theoretische Schriften, «transmentale» Gedichte und Dramen – erschienen ab 1917 bis 1919 in einer Auflage von jeweils 250 Exemplaren. Die mehrheitlich illustrierten und typographisch kühn komponierten Bücher gaben sich schon durch ihre Titel als dadaistische Artefakte zu erkennen: «Zärtlichkeitsrekord» und «17 Stusswaffen» (Terentjew), «esEl zu mietEn» und «Janko könIg der albAner» (Sdanewitsch ), «Malacholie im Kopfstand» und «Fettsucht der Rosen» (Krutschonych) und anderes mehr. Als «Grundgesetz dichterischen Redens» proklamierte die Gruppe «41°» die konsequente Verbindung von klangähnlichen Wörtern zu «hintersinnigen» Texten, die nicht mehr bedeuten, bloss noch lauten sollten; gefordert waren auch Neologismen, Fremdwörter, Slang, herausgestellt wurde die poetische Qualität von Druckfehlern und Versprechern, und man verwies auf den Zufall als Kreativitätspotenzial. / Felix Philipp Ingold, NZZ 5.7.02

Berliner Poesiefestival

Ein interessanter Spagat: Hier die „jungen Wilden“, da die Lautpoeten und in der Mitte jene, die in konventioneller Art ihrer Arbeit nachgehen. Am Samstagabend beschließt die Gala „Weltklang – Nacht der Poesie“ das Festival. Zum dritten Mal findet die grandiose Open-Air-Lyriknacht am Potsdamer Platz statt. Rap, Hip Hop und Spoken Word in neun Sprachen werden auf etablierte, wenn auch nicht weniger experimentelle Poeten wie Thomas Kling oder Friederike Mayröcker treffen. / Tagesspiegel 4.7.02

„Die Umarmung der Meridiane“,

so sein neuer Lyrikband, ist gleichsam Programm: Karasholi setzt sich ein für ein „Zusammenkommen der Welten“. In die Lesung aus seinen verschiedenen Gedichtbänden streute er immer wieder biografische Stationen ein: das Weggehen aus Syrien in jungen Jahren, mindere Arbeiten fürs Überleben als Asylant in München und Berlin, Studium der Theaterwissenschaft und Promotion über Brecht, Etablierung als zweisprachiger Dichter, 1992 Chamisso-Preis und Rede vor der Bayerischen Akademie der Künste. / Der neue Tag 4.7.02 über eine Lesereise des deutsch-syrischen Dichters Adel Karasholi.

Erfolgsmeldung

Backnang Der rumäniendeutsche Autor und Satiriker Hellmut Seiler, der in Remseck lebt und in Backnang als Lehrer tätig ist, bestritt zusammen mit der Berliner Liedermacherin Bettina Wegner, dem russlanddeutschen Autor Waldemar Weber und dem Leipziger Lyriker Jan Zänker die sechste Leipziger Sommernacht der Poesie im Haus des Buches. Seiler beteiligt sich zudem an der Endrunde des Literaturpreises Reinheimer Satirelöwe, die am 4. Oktober im Rathaus der hessischen Stadt ausgetragen wird. / Backnanger Kreiszeitung 4.7.02

Ritsos´ Umkehrbilder

Der 78jährige Dichter hatte von seiner Krebserkrankung erfahren; und er hatte beschlossen, mit der neuen Begrenzung der verbleibenden Zeit, noch einmal und gesteigert im Bewusstsein des Abschieds, als Dichter umzugehen, indem er Tag für Tag und beginnend mit dem 29. Juni 1987 in seinem Haus in Karlóvassi (jenes Gedicht mit Ort und Tag zeichnend) ein, zwei, drei oder gar vier Gedichte schrieb, die das Gesehene (Ritsos war auch Maler) zu einer Antwort bestimmten, zu einer poetischen Übersetzung der herandringenden Einzelheiten – wie es öfter, und besonders in der Erinnerungsprosa Was für seltsame Dinge (1983, dt. 1985), sein Verfahren des Aufzeichnens gewesen ist. …
Dort haben Asteris und Ina Kutulas das inzwischen berühmte letzte Gedicht des Bandes und das nicht mehr im Band enthaltene „Der letzte Sommer“ vom 3. September 1987 übersetzt, in dem es, vor der Rückreise in das Winterdomizil Athen, wo er täglich mit Theodorakis über die Arbeit telefonieren wird, heißt: „Ich, / während der wenigen Tage, die uns noch bleiben, werde manchmal durchsehen / die Verse, die ich im Juli schrieb und im August / obwohl – ich fürchte, ich füge nichts hinzu, wahrscheinlich / nehm ich vieles weg, und zudem wird zwischen den Zeilen sichtbar / die dunkle Ahnung, dieser Sommer / mit seinen Grillen, Bäumen, seinem Meer, / mit dem Sirenengeheul der Schiffe in den glorreichen Sonnenuntergängen, / mit Bootsfahrten im Mondlicht unter den kleinen Balkonen / und mit seinem geheuchelten Erbarmen, wird der letzte sein.“ / Hugo Dittberner, FR 4.7.02

  • Jannis Ritsos: Die Umkehrbilder des Schweigens. Gedichte. Griechisch und deutsch. Aus dem Griechischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Klaus Peter Wedekind. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2001. 160 Seiten, 17 .
  • die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Heft 2 / 2001, hrsg. von Johann P. Tammen. Darin, ausgewählt von Niki Eideneier und Torsten Israel: „Rückkehr und Ankunft.“ Griechische Literatur aus zwie Jahrhunderten. 9,50

Radikalreaktionär Borchardt

Der künstlerische Ertrag des Aufenthaltes in der Lucchesia ist eines der kühnsten Unternehmen der deutschen Poesie des 20. Jahrhunderts, die Commedia deutsch. Aus einer Flut von Fragmenten, die bisweilen das Kopfschütteln der gelehrten Welt erregt, ragt das schwierigste Unterfangen in staunenswerter Vollständigkeit hervor. Der Plan, das größte Werk des europäischen Mittelalters, das sich in organischer Weise auf die Antike bezog – sie also nicht „wiedererweckte“, weil sie noch gar nicht erloschen war -, in ein Deutsch zu übertragen, das mit diesem Mittelalter in einer sprachgeschichtlich ungetrübten Beziehung stand, wuchs aus der Entscheidung, im „ghibellinischen“ Pisaner Land zu leben, folgerichtig hervor. / Martin Mosebach, Die Zeit 28/2002

Gedichte

NZZ ( 3.7.02) druckt ein Gedicht des englischen Dichters Michael Bullock, die Süddeutsche eins von Adonis.

Lyrik in Limlingerode

Das Reizvolle an diesem Tage war ein erhellender lyrischer Dialog. Denn Kirsten las nicht nur neueste Gedichte, sondern er äußerte sich auch einfühlsam und genau über Annerose Kirchners Lyrik. Sie habe, sagte Kirsten, schon „früh den Ehrgeiz zum bündigen und geschlossenen Gedicht“ entwickelt. Dann wurde Elke Erbs Text über Kirstens Lyrik vorgestellt. Diese originelle und sensible sprachliche Analyse öffnete dem Hörer neue Wege zum Gedicht. Elke Erb spricht darin über Kirstens „Geradsinnigkeit und Redlichkeit“, von seiner Wiedererweckung der „abgetauchten“ Begriffe. / Thüringische Landeszeitung 3.7.02

25-jähriges Jubiläum: Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Zum Festwochenende lesen u.a. Marcel Beyer, Michael Hofmann und Durs Grünbein / Der Neue Tag 3.7.02

Berliner Klein-Ode

Zwei Kultouristinnen vor dem Palast der Republik
hielten das Bauwerk für historisch und schick.
Doch die goldenen Fenster
und der Vergangenheit Gespenster
werden bald aus dem Stadtbild gekickt.

Berliner Morgenpost 3.7.02 [und hopp, die Parlamentarier gehorchen!]

Gert Neumann 60

Der erste Text von Gert Neumann , den ich las, war ein Gedicht (in der von Bernd Jentzsch herausgegebenen Anthologie „auswahl 68“). Brücke genug, um den ansonsten fast nur mit Prosa hervorgetretenen Autor hier einzurücken. Zum runden Geburtstag brachte die FAZ (2.7.) eine Gratulation von Mark Siemons – die einen Buchtitel falsch erinnert und sich ein bißchen wundert, daß er nach dem Ende der DDR immer so weitermacht, doch

seine „Fortführung des Wahrheitsdialogs“ verspricht auch unter nicht-diktatorischen Bedingungen noch einiges. (FAZ 2.7.02, S. 41)

D´accord – herzliche Glückwünsche!

Beat poet died

Philip Whalen , an original member of San Francisco’s Beat poets who ignited the poetry renaissance of the 1950’s and attended the historic Six Gallery reading, died in San Francisco last Wednesday after a long illness. He was 78. / Nachruf in der NYT *), 2.7.02

„He was a poet’s poet,“ said Gary Snyder, on hearing of his friend’s death. „His intelligence and skill is very subtle and very deep. There are many poets who feel in his debt.“ / San Francisco Chronicle 2.7.02