Meddeb: Kultur des Ressentiments

Die islamische Welt, die einst eine „vorherrschende“, affirmative Kultur stiftete, hat im 9. Jahrhundert eine große Phase rationalistischer Gottessicht und diesseitiger Poesie erlebt. Im elften bis 13. Jahrhundert – „lange vor Descartes, Kepler und Kopernikus“ – war sie auch in Technik und Architektur „gebend“. Am Ende des 18. Jahrhunderts verlor sie den Anschluss an die westeuropäische Aufklärung und wissenschaftlich-technische Moderne. Die „Weltkapitale“ rückte von Bagdad über Kairo immer weiter westwärts nach Genua und Florenz, London und New York. „Historisch im Hintertreffen, in der schwachen Position eines Kolonisierbaren“ sei bei den Muslimen eine „Kultur des Ressentiments“ entstanden, erläuterte Meddeb. „Das islamische Subjekt wurde zum Ungetrösteten der Verlassenheit“, aus dem Gebenden der nur noch Nehmende und Mensch des „Nein“. „Ganz allmählich wächst dieses Gefühl, das dem islamischen Subjekt unbekannt war, in ihm heran und wird nachgerade zentral.“ / Berliner Zeitung 18.6.02

Abdelwahab Meddeb : Die Krankheit des Islam. Aus dem Französischen von Beate Thill und Hans Thill. Verlag Das Wunderhorn Heidelberg. Erscheint im September 2002, ca. 280 S., ca.28

Gedichte des tunesischen Dichters und Philosophen finden Sie in „Lettre“ und in Joachim Sartorius´ Anthologie „Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts“

Letter of Recommendation

After my father died this past winter, one of the first poems I wanted to reread was Yehuda Amichai ’s „Letter of Recommendation.“ I first discovered this lyric in the Israeli poet’s book Amen in 1977, and it has remained with me ever since as a model of sacred passion, of unabashed feeling and precise tenderness. / Edward Hirsch features poems by Yehuda Amichai, The Washington Post 16.6.02

Gerstl 70

Das Werk von Elfriede Gerstl ist in alle Winde verstreut. Sie verzettelt ihre Texte in Anthologien und Zeitschriften, und manchmal erscheint ein Sammelband, und die Kritiker machen große Augen. Sie hat einen Roman geschrieben, „Spielräume“ (1977), der aus dem Rahmen fällt, weil er von weiblicher Identität handelt, bevor Frauenliteratur in aller Munde war. Mit den Mitteln der Sprachkritik wird ironisch ein Frauenleben untersucht. Ihr Gedichtband „wiener mischung“ (1982) räumt auf mit Vorstellungen von einer Lyrik der Empfindsamkeit und Metaphernseligkeit. Diese Gedichte stehlen dem Leben die Schau, indem sie von der Wandlungsfähigkeit der Sprache zeugen, und das, was wir für die Wirklichkeit halten, auf den Kopf stellen und durchschütteln. Der Sammelband „Unter einem Hut“ (1993) bringt Gedichte und Essays zusammen und zeigt Gerstl als eine Autorin, die in Wut und mit Eleganz der Gesellschaft die Leviten liest. / Süddeutsche 15.6.02

Borchardts steile Maßgeblichkeit

Eine Rede in Heidelberg über «Die neue Poesie und die alte Menschheit» (1911) «ist als Erklärung gemeint und soll Scheidungen bewirken; mit dem lumpigen Begriff der Neuromantik soll ein Ende gemacht werden und das kann nur geschehen, wenn wir im Zusammenhange begründen, in welchem Sinne wir die geistige Führerschaft der Nation an uns zu nehmen gedenken»; mit «wir» meint Borchardt sich selber und Hofmannsthal , dem es bei diesem Programm vielleicht nicht ganz geheuer war. / NZZ 15.6.02

Rüdiger Schütt

Rüdiger Schütt: Dichter gibt es nur im Himmel. Leben und Werk von Hans Leip . Biographie und Briefedition 1893-1948. Verlag Dölling und Galitz, Hamburg 2002. 499 S., Fr. 44.30. / NZZ 15.6.02

Erfindung der Wolken

«Wir sind wie Wolken, die den Mond verhülln; / Wie ruhlos treiben sie», dichtete Percy Bysshe Shelley 1814 in vollendeter romantischer Melancholie, und als er dies schrieb, war es zumindest in der Literatur nicht ausgeschlossen, dass ihre Helden ganze Tage damit zubrachten, im Fenster zu liegen und sinnierend in den Himmel zu starren. Einer aber soll es nach dem Willen seines jüngsten Ruhmredners sogar im wirklichen Leben so gehalten haben – Luke Howard. / NZZ 13.6.02

The 2002 Teaching Poetry Institute

Wer grade Zeit (oder Geld) für Kalifornien frei hat, für den ist das vielleicht ein interessantes Angebot:

The 2002 Teaching Poetry Institute
Wednesday, July 24 through Saturday, July 27
Keynote Speaker: Michael York
actor, author The Shakespearean Author Prepares

  • Study with major American poets
  • Renew your love of language and imagination
  • Explore new ways of making poetry come alive
  • Develop your own poetry in a beautiful setting

Unterm Schutt

Immerhin ist es mit diesem Band möglich, Inge Müllers Werk präziser zu sichten und vor Überschätzungen zu warnen. Gewiss, die «lyrische Autobiographie» ( Wulf Kirsten ), die sie sich in den Nachkriegsjahren abrang, beeindruckt noch heute. In oft frappierender «Kunstlosigkeit», wie es die Literarhistorikerin Ursula Heukenkamp nannte, umschreibt sie die traumatischen Erlebnisse der Kriegstage: Sie wird verschüttet, überlebt die dreitägige Isolation und birgt wenig später die Eltern tot aus den Ruinen ihres Berliner Wohnhauses. «Ich sah den Tod und die Gewalt / Noch eh ich jung war, war ich alt», heisst es dazu in ihren komprimierten Versen, und in «Unterm Schutt II» ist es schon die Anfangszeile, die die Perspektive des Schreckens wirkungsvoll benennt: «Und dann fiel auf einmal der Himmel um». / Rainer Moritz, NZZ 13.6.02

Inge Müller: Dass ich nicht ersticke am Leisesein. Gesammelte Texte. Herausgegeben von Sonja Hilzinger. Aufbau-Verlag, Berlin 2002. 660 S., Fr. 43.-.

Ines Geipel: Dann fiel auf einmal der Himmel um. Inge Müller – Die Biographie. Henschel-Verlag, Berlin 2002. 256 S., Fr. 35.90

Nachricht über italienschweizer Lyrik

gibt die NZZ, darunter über Fabio Pusterla :

Seine Gedichte haben nichts zu tun mit der fein ziselierten realistischen Lyrik seiner lombardischen Vorgänger von Sereni bis Orelli. Sie stehen ganz für sich als dramatische Befragung einer Welt, in der Dunkel, Verzweiflung und Tod herrschen. Sein erster Gedichtband beginnt mit einem Prolog, der wie ein Paukenschlag das zentrale Motiv seiner Dichtung ankündet: «Erosion wird / die Alpen austilgen, sie gräbt zuerst Täler, / dann steile Schluchten, unheilbare Leeren, / Einsturz-Vorspiele, Strudel, Knirschlaute geben / das Zeichen zur Flucht. So ist es verfügt.» / NZZ 13.6.02

Fabio Pusterla: Solange Zeit bleibt / Dum vacat. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Italienischen übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Hanno Helbling. Nachwort von Massimo Raffaeli. Limmat-Verlag, Zürich 2002. 156 S., Fr. 36.-.

Leonardo Zanier : Den Wasserspiegel schneiden / Sot il pêl da l’âga. Gedichte Friaulisch/Deutsch, mit italienischer Übersetzung des Autors. Vorwort von Ottavio Besomi, Nachwort von Mevina Puorger. Aus dem Friaulischen von Laura Pradissito, Uwe Hermann, Flurin Spescha, Mevina Puorger. Redaktion: Mevina Puorger, Franz Cavigelli. Limmat-Verlag, Zürich 2002. 265 S., Fr. 42.-.

Borchardt-Gemeinde

In Lucca traf sich am vergangenen Wochenende die Rudolf-Borchardt -Gesellschaft, um mit Würde und Andacht den hundertfünfundzwanzigsten Geburtstag ihres Dichters und Philologen zu begehen. Der Aufstieg dieses Schriftstellers aus fast völliger Vergessenheit zu einem Dichter mit Gemeinde gehört zu den wunderlichsten Ereignissen der Geistesgeschichte in den vergangenen Jahren. Gewiss, auch die Anhänger anderer Dichter verstricken sich tief in die Biographie, veranstalten Wallfahrten, besuchen Schauplätze und Wohnstätten. Aber mit diesem Dichter hier ist es etwas Besonders. Nicht nur wegen der zwölf Schlösser und Herrenhäuser in der Umgebung von Lucca, in denen er, unterbrochen nur durch den Ersten Weltkrieg, mit seiner Familie von 1906 bis 1944 lebte, ohne doch je Geld gehabt zu haben. Sondern auch, weil der Mann so unsympathisch gewesen muss: ein Besserwisser und Despot, ein hochfahrender Mensch, einer, der sich ständig überschätzte, während er andere nur selten ernst nahm. / Süddeutsche Zeitung 13.6.02 / Siehe auch FAZ 13.6.02

Der pakistanische Lyriker

Aftab Husain ist in die Mühlen des Konflikts zwischen Indien und Pakistan geraten. Husain, geboren 1962, hält sich als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland auf.

„O! Träumer, wie ich werdet auch ihr zerschmettert werden, werdet auch ihr besiegt darniederliegen / Denn Träume haben ihren Preis.“ So endet ein Gedicht, das Sie vor einem Jahr geschrieben haben. Was war der Traum, der Sie so teuer zu stehen kam?

Wie jeder vernünftige Mensch habe ich von einer friedlichen Atmosphäre in meinem Land und um mein Land herum geträumt; und dafür habe ich gekämpft, mit meinen Gedichten, meinen Prosatexten und auch meinen Übersetzungen.

Dass Sie auch Gedichte des indischen Premiers Vajpayee übersetzt und in Pakistan veröffentlicht haben, hat Aufsehen erregt.

Vajpayees Gedichte stehen für Frieden und Brüderlichkeit zwischen zwei Ländern, die eine kulturelle Einheit darstellen. Vom Gesichtspunkt der Kultur, der Zivilisation, der Sprache ist es fast dasselbe Land. Vajpayees Buch, das ich herausgebracht habe, hieß: „Wir werden keinen Krieg zulassen“. / Berliner Zeitung 12.6.02

„Der Islam braucht die westliche Kultur“

Der syrische Dichter Adonis und der iranische Theologe Mohammad Schabestari im Gespräch in der Süddeutschen am 11.6.02

In der Einleitung schreibt die SZ:

Der Dialog zwischen dem arabischen Poeten und dem iranischen Theologen wird ohne Schonung gegenüber den eigenen Traditionen geführt. In ihm kann man die Vorzeichen einer weitreichenden Reformation der muslimischen Welt sehen. Das Gespräch zwischen Adonis und Mohammad Schabestari fand auf Einladung von Navid Kermani im Wissenschaftskolleg Berlin statt.

Schabestari: … In der islamischen Welt ist heute nichts von einer modernen linguistischen oder philosophischen Interpretation der religiösen Texte zu beobachten. Entsprechend erstarrt und verarmt ist unser geistiges Leben; und es beruht daher auf Wiederholung und Restauration. Es wäre also die Aufgabe eines muslimischen Denkers, wenn er das islamische Geistesleben tatsächlich voranbringen möchte, die gesamte traditionelle Exegese hinter sich zu lassen, die religiösen Texte ganz neu zu betrachten und sich dabei von einem modernen hermeneutischen Verständnis linguistischer und allgemein philosophischer Art leiten zu lassen.

Adonis: Das würde erfordern, dass die Muslime die Exklusivität ihrer Perspektive und ihres Denkens aufgeben und Pluralität in jeder Form und auf jeder Ebene zulassen.

Schabestari: Ja, ganz sicher, und Pluralität in der Exegese heißt auch die Akzeptanz verschiedener Lesarten. Letztlich bedeutet dies die Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen und Auffassungen innerhalb des einen Islams, also die Bereitschaft, unterschiedliche Lektüren und Deutungen ein und desselben Textes weder generell zurückzuweisen, noch andere Lektüren und Deutungen zu diskriminieren, zu marginalisieren oder zu verketzern.

Road to Destruction Paved With Fine Words

With its sonorous language and jumped-up rhythms, the poetry of Hart Crane (1899-1932) is like Bruckner scored for jazz quartet. Its content is similarly syncretic: high-low, old style-new style. You need to bring a lot to his work — alertness, empathy, patience — to get something out of it. But what you get is the grandest American Romantic voice since Walt Whitman . / Holland Cotter, NYT *) 11.6.02
Leseprobe:

How many dawns, chill from his rippling rest
The seagull’s wings shall dip and pivot him,
Shedding white rings of tumult, building high
Over the chained bay waters Liberty —
Then, with inviolate curve, forsake our eyes
As apparitional as sails that cross
Some page of figures to be filed away;
— Till elevators drop us from our day

Böse Tante mit Dante-Profil

[Der amerikanische George -Biograf Robert] Norton hat getan, was vor ihm noch keiner getan hat: Er hat fast alles gesichtet, was das George-Archiv in Stuttgart hütet. Er hat alle Briefe von Georges Hand gelesen, und vermutlich auch alle Briefe an George. Er hat jeden Zettel umgedreht, in jedem „Geistbuch“ des Kreises geblättert, sich durch die riesige Masse an Memorialliteratur gearbeitet, die George wie eine undurchdringliche Hecke umgibt. Er ist in die Tiefe eines Dichterlebens gedrungen, und gleichzeitig hat er sich in die Zeit Georges eingelesen, hat versucht, sich ein Verständnis der deutschen Geschichte am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verschaffen. Und erst nach all diesen namenlosen Exerzitien hat sich der junge – mit vierzig ist man noch jung für ein solches Werk – Autor hingesetzt und die monumentale Biographie Stefan Georges und seiner Kreise geschrieben. / Ulrich Raulff, Süddeutsche 11.6.02

ROBERT E. NORTON: Secret Germany. Stefan George and His Circle. Cornell University Press, Ithaca & London 2002. 847 Seiten, 58, 86 Euro.

Preise der Schweizerischen Schillerstiftung 2002

Ins Tessin gehen 5000 Franken an Dubravko Pusek für seinen Gedichtband «Effetto Raman».
Das Prädikat «Buch der Schweizerischen Schillerstiftung 2002» erhielten «Der Billardtisch» von Bruno Steiger, «Le cerf-volant» von Nadine Mabille, «In sto monde tonde tonde» von Ugo Canonica und der rätoromanisch-deutsche Gedichtband «Monolog per Anastasia – Monolog für Anastasia» von Leta Semadeni . / Landbote 11.6.02