Aus der Geschichte austreten,

sich selbst zuschauen – so hält es Jochen Kelter in seinen Gedichten, die zwischen 1997 und 2000 entstanden sind. Daher stehen nicht bedeutsame Angelegenheiten der äusseren Welt an, denn schreibend hat man sich zu den «Windlesern» geschlagen. Nachhaltig prägt sich anderes ein: «was sich gefügt hat / löst sich von selber / wir sehen zu / wie es langsam abtreibt / nichts ist gewollt alles / im Fluss Erinnerung». /Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ 11.7.02

Jochen Kelter: So ist dann Tag. Gedichte 1997-2000. Ithaka- Verlag, Stuttgart 2001. 120 S., Euro 12.-.

Jürgen Becker 70

(Fast) alle gratulieren heute (10.7.02) Jürgen Becker zum Geburtstag, streiten aber über das Alter: 70 (die meisten) oder 60 (FR in der Überschrift – im Text wechselt auch sie die Meinung):
Süddeutsche (Nico Bleutge):

Aber dieser Wahrnehmungskünstler hat noch stets den genauen Blick wieder gefunden, um weiterzuschreiben: „Zu früh, um in die Gärten zu gehen; da hilft / auch nicht weiter der Konjunktiv. / Die richtige Reihenfolge kommt von allein, ein Seufzer / vielleicht, der Wetterbericht, es nähert sich / ein vergessener Name…kann sein, / die nächste Seite weiß mehr.“

FR (Jochen Schimmang) – ebenfalls mit Gedichtzitat:

„Ginster; mit einer Ansichtskarte / von der Insel Elba kommt Ginster ins / Haus; Proust hat Geburtstag; und / es kommt die Erinnerung an Ginster / in den Jahren, als am Bahndamm / nicht blühte der Ginster.“

In der NZZ urteilt Beatrix Langner bildhaft:

Er jagte den Lakonismus der Nachkriegsliteratur zur Tür hinaus und liess durch die andere den Redeschwall einer neuen Subjektivität herein, den er allerdings nicht bei den Ich-Philosophen und Marcusianern der Sechziger, sondern bei James Joyce gelernt hatte. Heinrich Bölls wohlwollende Mahnung an den Kölner Mitbürger, aus derart Fertigem sei schwer ein literarischer Anfang zu meistern, bestätigte sich nicht. Nach seinem vierzehnten Gedichtband nannte man Becker einen «Topographen des Alltags» und «Baumeister einer Architektur der Erinnerung».

Paul Wühr 75

Nur (jedenfalls in den Onlineausgaben) die FR (Lutz Hagestedt, 10.7.02) gratuliert auch dem nicht minder bewundernswerten Paul Wühr:

Paul Wührs Werk ist schon deshalb eine Bereicherung, weil es radikal bricht mit den als obsolet empfundenen Gattungsgrenzen und -konventionen, weil es Übergänge gestaltet zwischen Hörspiel, O-Ton-Collage, szenischem Denkspiel, Romantheater, Sehtext und Gedicht. Sein Werk ist eine einmalige, radikale und in ihrer Radikalität fundamentale Dichtung, die tatsächlich die ganze Poesie betrifft. Es geht diesem Autor dabei nicht um die Erprobung oder Fortführung von Schreibweisen, nicht um die Variation von Konzepten, nicht um „experimentelle Literatur“.

Lyrikfestival in Köln

Sieben Dichterinnen hatten Sartorius und Thomas Böhm, Leiter des Kölner Literaturhauses, eingeladen. Ein kontrastreiches Programm aus drei Generationen, vier Ländern, zwei unterschiedlichen Sprachfamilien. Passend zur Fußballweltmeisterschaft traf Deutschland, in Gestalt von Barbara Köhler, Ilma Rakusa und Silke Scheuermann , auf Asien, für das die japanische Wahlhamburgerin Yoko Tawada, die Chinesin Xu Pei und die Koreanerin Kim Hyesoon auftraten. Man las in der „Orangerie“, einem Pflanzenhaus mit Glasdach, auf das immer wieder der Regen fiel. Ein Trommelgeräusch, das Barbara Köhler gefallen haben dürfte, deren Vortrag einer Performance glich. Wie ein Rap hörte es sich an, als sie, eine Hand beständig im Takt führend, aus ihrem Band „Wittgensteins Nichte“ etwa „Jemand geht“ rezitierte. „Jemand geht & er weiß dass er fortgeht“ beginnt dieser Text. Ein Satz, der im folgenden auf allen Bedeutungsebenen durchdekliniert wird. „Wenn sie auch geht würde es kein Fortgehen mehr geben“, heißt es weiter, wodurch hinter der scheinbar simplen Aussage plötzlich ein komplexes Machtverhältnis aufschimmert: er kann nur „fortgehen“, wenn sie zurückbleibt und auf ihn wartet. / Süddeutsche 9.7.02

Tawadas Überseezungen

Während Walter Benjamin in diesem Über-Setzen die Fremdheit aller Sprachen gegenüber etwas Unausdrückbarem erfährt und die leise Hoffnung hegt, dass diese Kluft bei der Ankunft des Messias aufgehoben wird, begegnet Tawada diesen Irritationen mit kindlicher Neugier und ohne melancholische Sehnsucht nach einer letzten Offenbarung. «Es gibt nichts Schöneres für mich, als im Theater zu sitzen und stundenlang einer Sprache zuzuhören, die ich nicht verstehe», bekennt sie, und im Staunen über die fremden Zungenreden möchte sie auch der eigenen, längst zur zweiten Natur gewordenen wieder einmal wie «der magischen Unlesbarkeit eines Gedichts begegnen». / Karl-Heinz Ott, NZZ 9.7.02

Yoko Tawada: Überseezungen. Konkursbuch-Verlag, Tübingen 2002. 158 S., Fr. 23.70.

Poetryfilm

Die Poesie ist nicht länger eine bedrohte Gattung – davon ist der Amerikaner Bob Holeman überzeugt. Das sei ein Verdienst des Films, genauer des „Poetryfilms“. Auch Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt, sieht den Poetryfilm seit einigen Jahren im Kommen. Der Film habe nun das Gedicht entdeckt, so wie Anfang der achtziger Jahre die Musik. Wohlfahrt, seit Jahren auf der Suche nach neuen Formen der Vermittlung von Lyrik, sei es im Internet oder als Event auf dem Potsdamer Platz, hat deshalb das weltweit erste Poetryfilm-Festival ins Leben gerufen… / Berliner Zeitung 9.7.02

Wolfgang Rohner-Radegast

Der Schriftsteller Wolfgang Rohner-Radegast ist tot. Er starb am Sonntag in Freiburg im Breisgau im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung, wie sein Verlag am Dienstag mitteilte.
Der Dozent, Lehrer und Lektor begann erst mit 62 Jahren Lyrik, Essays und Prosa zu veröffentlichen. Er wurde bekannt mit seinen Büchern «Germering», «Geflüsterwald» und «Semplicita». 1999 veröffentlichte er «Kinderblitz, Jambudvipa». Kurz vor seinem Tod vollendete der in Mecklenburg geborene Autor einen Band mit Essays, der in den kommenden Tagen unter dem Titel «Last Exit Poetry» erscheinen soll. / NZZ 9.7.02
Weitere Nachrufe: Baz 10.7.02 (Michael Braun)

Spracharbeit

Der Genosse Stalin kommt ins Bild, „mit Imkerstiefeln, Handschuhen/und Pfeife“. Von Honig und Wachs ist die Rede, letzte Zutaten zu Beyers Universum. Zwischendrin der Dichter im Dresdner Garten, wie er den Bienen zuschaut bei einem Spiel, das dem seinen nicht unähnlich ist. Von Stalin nach Hellerau und zurück im Zeichen der Biene: wer kennt die Regeln dieses Spiels? „Auch das ist Spracharbeit“, heißt es einmal über das Spiel der Bienen, und Spracharbeit sind auch diese Gedichte. Darin liegt ihre Konsequenz und ihre Beschränkung. /CHRISTOPH BARTMANN, Süddeutsche 8.7.02

MARCEL BEYER: Erdkunde. Gedichte. DuMont Verlag, Köln 2002. 116 Seiten, 16, 90 Euro.

Eisler-Renaissance?

So beeindruckten die beiden Eisler-Spezialisten am Klavier in der «Ouvertüre für zwei Klaviere» und den Klavierstücken, sangen Dorothee Labusch und David Thorner aus den «Zeitungsausschnitten» gegen die bürgerliche Lyrik an oder rief der Chor in «Vier Stücke für gemischten Chor» zum Kampf der Arbeiter auf. Grüsse aus dem Exil in Amerika übermittelten die Hölderlin -Fragmente, drei Lieder für Gesang und Klavier als Zeichen gegen die missbräuchliche Vereinnahmung des deutschen Klassikers durch die Nazis. / Landbote 8.7.02

Kenneth Koch,

a poet of the New York School whose work combined the sardonic wit of a borscht-belt comic, the erotic whimsy of a Surrealist painter and the gritty wisdom of a scared young soldier, died Saturday at his home in Manhattan. He was 77. / Nachruf NYT *) 8.7.02

Lange Nacht der „Konkreten Poesie“

Weser-Kurier/ Wümme-Zeitung berichten über Johannes Schenk (8.7.02) – Westdeutsche Zeitung aus Wuppertal über die erste lange Nacht der „Konkreten Poesie“ mit Eugen Gomringer als Gast (Link braucht Zeit!).

Poet´s Choice

I’ve always liked poems that take reading as their ostensible subject and treat it with the genuine intensity it deserves.

Here, for example, is a tiny two-line poem that fills me with a sudden sense of liberation. I recently discovered this poem by the 11th-century vizier Ibn ‚Ammar of Silves, at the head of an anthology of poems from Arab Andalusia.

Reading

My eye frees what the page imprisons:
the white the white and the black the black.

/ Edward Hirsch, The Washington Post 7.7.02

Sebald: Obscure German academic as world-class writer

The emergence of this obscure German academic, who taught modern history for many years at the University of East Anglia, as a world-class writer when already in his 50s, is one of the most remarkable literary phenomena of recent decades. Although the books were all first published in Germany, it was not until their rapturous reception in Britain and America that the true stature of this writer was gauged. / Stephen Romer, The Guardian Saturday July 6, 2002

After Nature by W G Sebald , trs Michael Hamburger 128pp, Hamish Hamilton, £12.99

Nicht für deutsche Bildungsmuffel

Unter der Rubrik Masterclass erklärt James Fenton den englischen Hauptvers, den jambischen Pentameter (vulgo fünfhebiger Jambus, z.B. Blankvers). Sie sind gewarnt!

A genius for variation explains its pre-eminent place in English verse, says James Fenton. / The Guardian 6.7.02

James Fenton: An Introduction to English Poetry (Viking, £14.99)

(Können Sie sich das in der Zeit vorstellen?)

Vomierte Rosen

Über einen Literaturstreit von 1827 zwischen Heine und Platen berichtet die NZZ:

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung waren einige eher harmlose Epigramme, mit denen Karl Immermann die Verfasser orientalisierender Modepoesie in der Nachfolge von Goethes «West-östlichem Divan» dem öffentlichen Spott aussetzte. Heinrich Heine hatte sie im Anhang zum zweiten Teil seiner «Reisebilder» von 1827 gedruckt. In Anspielung auf Goethes Vorbild, den persischen Dichter Hafis aus Schiras, wurden da Friedrich Rückert , der Verfasser der «Östlichen Rosen», und August Graf von Platen mit seinen «Ghaselen» als Goethe-Epigonen abgetan:

Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen, Essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Ghaselen.

… Sein [Platens] «Pochen auf Klassizität», das in der virtuosen Handhabung der antiken Ode, des Renaissance-Sonetts und komplizierter orientalischer Strophenformen seinen Ausdruck finde, wird von Heine als «Heuchelei», als Maskierung seiner wahren Absichten und als Anmassung abgetan. Im Grunde entzündet sich der Streit also an der Frage, wer der legitime Erbe Goethes im neunzehnten Jahrhundert sei. Heine, der sich selbst als «der grosse Heide No 2» bezeichnete und mit seiner ironisch gebrochenen Lyrik, später mit seinen politisch relevanten allegorischen Stadtbildern aus Paris als erster Dichter der literarischen Moderne in Europa etablierte, dieser Heine hatte, wie die Geschichte gezeigt hat, die rechtmässigeren Titel auf diese Anwartschaft.

/ Bernd Witte, NZZ 6.7.02