Kategorie: Europa

Der schwarze Herbst 2014

Der schwarze Herbst 2014. In den Schulkasernen sitzen Freiwillige.
Auf den Feldern vor der Stadt faulen die Sonnenblumen und die Gefallenen.

Vorspiel II

Nicht Narr, nicht Clown, nicht Trottel, nicht Idiot.
Ihr Zuschaukünstler habt für mich kein Wort.
Ich komm aus England. Daher kommt der Tod.
Ich bin der Sterbewitz. Ich bin der Mord-

versuch

Thomas Brasch wäre heute 80

Menschen, wenn sie warten,
sind Versteinernde, blicklos Hockende;
Tiere, wenn sie warten,
sind Streunende, sprungbereit Zitternde;
Kinder, wenn sie warten,
sind Weltenknetende, lässig Hingeworfene.

Aber es bräuchte auch jemanden, der zuhört

Wie viele Instrumente der Regen hat,
überall klingt er anders.
Vermutlich könnte man die Welt neu errichten
mit sämtlichen Gebäuden und Landschaften,
hätte man nur ein Archiv der Regengeräusche
an sämtlichen Orten.

Bruno

Schwieriger Umgang mit dem Abweichler
Es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen:
Er hat sie beschrieben
Er beharrt auf seinem feindlichen Standpunkt
Daß sich die Erde bewegt

wieheißtesnochmal

es gibt deutsche
und das deutschsein
es gibt die brd, ddr, die wiedervereinigung
es gibt das wir und es gibt das
wieheißtesnochmal

Auf Rilkes Torso

Toll,
dieses Standbild von dem Gott Apoll!
Ohne Kopf zwar, hat auch keine
Arme oder Beine.
Aber dafür sooo viel Seele

O deutsche Mutter

Als Helden liebt ihr uns, auf Fronturlaub,
Vielleicht mit einer Wunde, vorzeigbar, adrett.
Ihr findet Orden zum Verhimmeln und ihr glaubt,
Es mache Rittertum des Krieges Schande wett.

You love us when we’re heroes, home on leave,

Or wounded in a mentionable place.

You worship decorations; you believe

That chivalry redeems the war’s disgrace.


Wo ist mein Leben nun, in dich hineingeliebt, geblieben?

Und immer träum ich doch im Tanzen, tanz in Träumen,
Und blüh im Raume – und verwelk in Räumen.
Meine Augen sind ein Sehn und ein Versehn,
Meine Haare sind ein Wehn und ein Verwehn.

Johann Jakob Dusch (1725-1787)

So äfft ein alter Wahn mit Sätzen und Gestalten,
Die wir für die Natur und für die Wahrheit halten.

Arbeite dich im Schwall der Meinungen empor (…)

Am Monmerte

Gemeiner Herkunft bin ich zwar,
Mein Vater bloß ein Säufer war
Der Rue Berthe.
Doch hausen seit ’ner Ewigkeit
Ich und die Meinen ohne Streit
Am Montmerte.

Wo soll man da hin?

Auf Befehl von oben
schießen sie in den Rücken
mit Gummifeuerwerk und scharfem Bling-Bling.

Wo soll man da hin, liebe Eurydike, sag mir,
wohin?

Von der unerwarteten Liebe

Tausend persische Pferdchen schliefen
auf dem mondhellen Platz deiner Stirn,
und vier Nächte lang umschlang ich
deine Lenden, diese Feinde des Schnees.

Feuerzungen

Wir tauschten Blicke
und ich war der Verwundete.

Cruzamos miradas
y yo fui el herido.

Heinz Czechowski (1935-2009)

Erziehungsberechtigt,
Und doch
Ständig erzogen von meinen Erziehern,

Mit gelockerter Zunge
Mündig geworden,
Und doch
Ständig mich anhaltend, den Mund zu halten,

Geh ich
Noch immer im Kreis.