Kategorie: Deutsch

Deadbot Rilkeus

Diesmal will ich nicht bei den Großen sein.
Diesmal will ich für alle Panther*innen sprechen.
Diesmal lass ich die Stäbe anders brechen

Mehr geworden die Passionswege

Sein freier Fall in Apathie. Glasiges Blicken
durch mich hindurch. Die Annahme der Ärztin, es könnte Magenkrebs sein.
Die Unmöglichkeit einer Diagnostik. Derart geschwächt, eine Magenspiegelung
könnte ihn umbringen. Das bisschen Freude darüber, dass er wieder isst.

Mein Einreden auf ihn, er solle nicht aufhören zu essen. Er braucht Spinat
wie Popeye der Spinatmatrose. Mein Unbehagen bei der Ankunft, ihn zu umarmen,
ihn auch nur zu umarmen. Meine Entfremdung von Vater u. vom sog. Vaterland

ein Geier hockt im Garten

kein Teppich segelt vorbei
nur der Geier hockt im Garten
mit blauem Hals und tränenroten Augen
wartet auf die Sonne
fliegt gegen Morgen müde davon.

Ich suche allerlanden eine Stadt

Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt,
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Wenn es auf Weihnachten geht

was haben sie alles gehört was
nachgedacht, ihre Zeitung geschrieben
durch Fabriken gestiegen, den Kartoffeln
brachten sie menschliche Umgangsformen bei, sahn
dem Rauch nach der kriecht und steigt
sie haben alles geschluckt manchmal Manhattan-
Cocktails wegen des Namens

Er hat es nötig

Mit ihm ging ich, weil er schrieb:
»Sehen wir uns wieder, will
ich gern wieder in die Lehre gehn.«
Er hat es nötig.

Die Crux mit dem was war was ist

Nichts

ist so wie es ist ist
unerschütterlich so wie es ist
ist so wie es gekommen ist
ist so wie es kommen mußte

Der gedichteproduzierenden Industrie

Thomas Glatz Riechen Sie es auch?Riechen Sie es auch?Jedes GedichtVerströmt einen Ihm eigenenCharakteristischenGeruchDieses hier Riecht nach Vanille und Essig.Nein, ich rieche nichts.Ich glaube da nicht so recht dran.Das ist doch nur eine weitere Lüge Der gedichteproduzierenden Industrie! Aus: Am Erker. Zeitschrift für Literatur Nr.… Continue Reading „Der gedichteproduzierenden Industrie“

Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte

Mein Großvater war eine Birke. Er schnitt die Worte sorgfältig in gleichlautende Rechtecke. Dann verwahrte er sie in einem Karton aus Birkenrinde. Wenn seine Enkel sehr lange sehr stumm und leise zu seinen Füßen gesessen hatten, durften sie einen Blick in den Kasten werfen. Manchmal geschah es bei solchen Gelegenheiten, dass ein Blick in die Kiste fiel und dort gefangen blieb, während ein Wort entwich.

Verfluchte deutsche Schreckensgedanken

Wie viel von Unsern,
Wie viel von Euern
Sterben noch,
Damit Ihr hört
Auf unsre Stimme,
Auf unsre tote,
Rächende Stimme?
Die Stimme von Wilno,
Die Stimme von Warschau,
Die Stimme vom Ghetto,
Das Ihr gestürmt.
Mit Tanks und Bomben,
Mit Donner und Feuer,
Mit Braun-Kolonnen
Habt Ihr gestürmt
Die letzten Juden,
Die sich verteidigt
Fast ohne Waffen
In wilden Schlachten,
Die letzten Kämpfer
Habt Ihr erwürgt.

Schwarze Sonne

Und Mägde rannten barfuß in die Wälder
und Knechte ritten fort auf alten Gäulen –
der Bauer weinte wild: ach Hahn, mein Hähnchen!

Nachwasser

das lange Gedicht fragt nach dem Weg,
gleichzeitig möchte es Wegbeschreibung sein

das lange Gedicht ist Container für Material und
verwertet, was im kurzen keinen Platz findet

Süß

Wenn du bei mir liegst, mußt du leise sagen:
»Rühr meine Schulter an, die Hüfte und das Knie.«
Ich würde sonst so Süßes niemals wagen.

Kirkeeffekt

Da waren vierhundert Kilometer Anlauffläche für den Wind und Strände für das Unglück = einen vorzeitigen
Versabbruch.

Und ich wandere jetzt aus nach Ribnitz.

Weil es sich keiner mehr leisten konnte, ein Gedicht zu schreiben, versagte die Bilanzrechnung, und die Spesenzufuhr versagte auch.

Nur der Tisch und die Tastaturen waren frei.

Eigenwillig

meine Mutter sagt
ich bin das intelligenteste ihrer vier Kinder und begabt
aber ich hätte am wenigsten daraus gemacht
ich habe keinen Mann
ich habe kein Auto
ich habe keine feste Arbeit
und ich lande immer wieder bei denen, die es nie schaffen