Münchner Reden zur Poesie

Uljana Wolf sagte 2009 in ihrer Rede über ein Prosagedicht von Lydia Davis: „Der Text mündet in einer nur durch Kommata und Semikola leicht getakteten Endlosschleife, statt plots und dots“ – statt Handlungen und Punkten – „eine Serie von knots„, Knoten.

Ein Satz, der problemlos auch in die Rede von Ilma Rakusa gepasst hätte. Listen, so ihre These, verknoten das Widerspenstige, was eigentlich nicht zusammengehört, dann aber doch eine rätselhafte Synthese bildet, wenn, in der berühmten Losung der Surrealisten, „ein Regenschirm und eine Nähmaschine auf einem Seziertisch“ zur alchemistischen Reaktion gebracht werden – oder eben in einer Liste.

Rakusa liest ein Gedicht von Danilo Kiš, eines in Deutschland wenig bekannten jugoslawischen Autors des 20. Jahrhunderts. Auch andere eher abseitige Stimmen finden bei ihr Platz, zum Beispiel der Amerikaner Robert Lax oder der futuristische russische Dichter Welimir Chlebnikow. Auch diese Funktion haben Listen: Sie sind Inventare, rein formale Erinnerungsspeicher, ohne die dazugehörige Geschichte, nur durch Satzzeichen verbunden, „eine Vielfalt von Nichts“, wie Rakusa sich ausdrückt, die „antipathetische Rekonstruktion“ einer sich auflösenden Welt. / Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung

Die nächste Lesung: „Zwiesprachen VII: Jan Wagner über Ted Hughes“, Mittwoch, 16. März, 20 Uhr, Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83/ Rückgebäude

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