68. Peter-Huchel-Preis 2011 für Marion Poschmann

Der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik geht an die 1969 in Essen geborene und in Berlin lebende Lyrikerin Marion Poschmann. Die Jury würdigte in ihrer Sitzung am 14. und 15. Januar 2011 in Freiburg ihren im Suhrkamp-Verlag erschienenen Band „Geistersehen“ als herausragende Neuerscheinung des Jahres 2010.

Marion Poschmanns Lyrik überzeuge, so die Jury in ihrer Begründung, durch sprachliche Virtuosität und gedankliche Geschlossenheit. Streng komponiert und motivisch eng verschränkt nutze ihr dritter Gedichtband Repertoire und Formsprache klassischer Dichtung, vor allem Ode und Sonett, um stilsicher und intellektuell brillant Möglichkeiten und Grenzen der Wahrnehmung auszuloten. In poetischen Versuchsanordnungen schaffe die Autorin aus Testbildern, Störbildern, Trugbildern und Spiegelungen einen Resonanzraum von kühler Schönheit. Die Spannweite der Gedichte reiche von den Kindheitslandschaften ihrer Heimat im Ruhrgebiet bis zu den Kräuterbüchern des Mittelalters und der bildenden Kunst. Auf seinen Erkundungsgängen durch unscharfe Realitäten gerate das lyrische Ich immer wieder an die Grenze der Auflösung. Das Ergebnis seien „fluide Textgebilde mit irritierenden Moiré-Effekten“. Am Ende blieben „Lehrpfade der Abwesenheit“, so der Titel der letzten Gedichte des Bandes.

Marion Poschmann studierte Germanistik, Slawistik und Philosophie in Bonn und Berlin, wo sie auch lebt. 2002 debütierte sie mit dem Roman „Baden bei Gewitter“. Es folgten die Gedichtbände „Verschlossene Kammern“ und „Grund zu Schafen“. Ihr zweiter Prosaband „Schwarzweißroman“ wurde 2005 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Literaturpreise.

Der vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk gestiftete Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik ist mit 10.000 Euro dotiert und wird seit 1983 für ein herausragendes lyrisches Werk des vergangenen Jahres verliehen. Er soll die literarische Arbeit deutschsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker würdigen. Zugleich will er das Interesse der Öffentlichkeit auf die von den Medien oftmals marginalisierte Gattung Lyrik lenken.

Der Preis erinnert an den Namensgeber Peter Huchel – geboren am 3. April 1903 in Groß-Lichterfelde bei Berlin, gestorben am 30. April 1981 in Staufen im Breisgau –, den bedeutenden Lyriker und Chefredakteur von „Sinn und Form“. Seinem Anspruch und seiner Unbestechlichkeit fühlen sich Preisgeber und die aus sieben unabhängigen Literaturkritikern, -wissenschaftlern und Autoren bestehende Jury verpflichtet.

Der Peter-Huchel-Preis wird am 3. April 2011, dem Geburtstag Huchels, in Staufen im Breisgau verliehen. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehörten zuletzt Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner und Friederike Mayröcker.

www.swr-freiburg.de

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11 Comments on “68. Peter-Huchel-Preis 2011 für Marion Poschmann

  1. Pingback: 35. Beste Gedichte « Lyrikzeitung & Poetry News

  2. Die Preisvergabe ist plausibel und gerechtfertigt. Marion hat sich mit dem neuen Band auf hohem Niveau weiterentwickelt. Es gibt auch Redundanzen, Trivia-Mastifizierung, aber das Extraordinäre ist da. Zudem hat die Poetik auch, salopp gesagt, da und dort etwas Hucheliges. Wenngleich ihre Gedichte sich inzwischen noch vehementer in die Gegenwart schalten als diejenigen des P.H.
    Man kann, natürlich, viele andere Namen als mögliche Preisträger nennen. Aber es gibt auch, machen wir uns nichts vor, gewisse Mechanismen. Marion war neben Jan Wagner (in Bezug auf sein Gesamtwerk) für mich ganz vorn, wie auch Kathrin Schmidt. So bin ich kaum überrascht aber einigermaßen erfreut über die Entscheidung.

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  3. Lieber Michael Gratz, auf eine Preisvergabe zu verzichten wäre nur dann angebracht, wenn sich kein „herausragender“ Lyrikband findet. Aber das war ja 2010 nicht der Fall. Im Gegenteil! Freuen wir uns über das gute Lyrikjahr.

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  4. Noch zum Deutschen Buchpreis, weil Sie den erwähnen. Da wird Longlist und Shortlist veröffentlicht, aber ob das wirklich transparenter oder demokratischer läuft als beim Huchelpreis, würde ich eher bezweifeln. Huchel hat m.E. eine unabhängige Jury, da geht es um „nichts“, der Buchpreis hängt vielleicht doch ein bißchen vom Betrieb ab. Da geht es einfach um zu viel.

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  5. Lieber Axel Kutsch: mit Sicherheit haben 7 Juroren a) sehr viele und b) niemals alle in Frage kommenden gelesen. Denn was wäre das Kriterium für Infragekommen? Niemand, auch nicht unser Freund Theo Breuer, wird alle in Frage kommenden lesen können. Auf seiner Liste von „20 in diesem Jahr erschienene(n) Lyrikbände(n) …, die ich aus sehr unterschiedlichen Gründen bis heute nicht gelesen habe“, hier; 1. Listen · Zahlen ∙ Mut zur Lücke?, https://lyrikzeitung.com/2011/01/01/1-listen-·-zahlen-∙-mut-zur-lucke/, sind genau 5, die einer oder mehrere Juroren für die Auswahl nominiert haben. Da einige hier wissen, daß ich für 4 Jahre Mitglied der Jury war, 4 Jahre sind aus gutem Grund die Grenze, fini, kann ich zwar nicht aus dem Nähkästchen plaudern, aber so viel versichern, daß 7 sehr unterschiedliche Leute schon recht viel finden. Über 100 Bücher in diesen 4 Jahren wurden nominiert, das sind schon von der Zahl her mehr als die höchstens 10 oder 12, eher weniger, die von der Feuilletonkritik im Jahr vielleicht hervorgehoben werden.
    Mehr Transparenz wäre wohl wünschenswert, aber dazu müßte man die Satzung ändern. Dazu brauchte man vorher eine qualifizierte Diskussion, das vorzubereiten.

    Noch zu Ihrem ersten Kommentar. Ja, wenn man keinen eindeutig dominierenden Band hat, wie es vielleicht 2009 Mayröckers war, heißt das noch lange nicht, daß man dann keinen auszeichnet. In einem demokratischen Verfahren muß man halt Mehrheiten suchen. 2010 gab es m.E. so viele gute, „herausragende“ Gedichtbände, daß es ein Armutszeichen wär, wenn eine Jury dann lieber keinen auszeichnet. Darin sind wir uns ja vermutlich einig.

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  6. Ich vermute, daß die Jurymitglieder des Huchel-Preises viele gute bzw. herausragende Lyrikbände eines Jahrgangs lesen. Aber lesen sie auch alle nennenswerten Neuerscheinungen? Da sind doch Zweifel angebracht.

    Übrigens wäre es sinnvoll, die Preisvergabe transparenter zu gestalten, etwa jene Bücher zu erwähnen, die es in die engere Auswahl geschafft haben. Beispiele für ein solches Verfahren gibt es ja vom Oscar bis zum Deutschen Buchpreis genug.

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  7. Oder ich nenne einen der ältesten Dichter, von dem ich 2010 einen neuen Gedichtband las: Christoph Meckel, Gottgewimmer. Für mich keineswegs „Alterslyrik“ in irgendeinem pejorativen Sinn. Oder das erste Bändchen einer der jüngsten Autorinnen, das Buch erschien erst kurz vor Weihnachten: Johanna Schwedes, Den Mond Unterm Arm.
    Oder, wenn man Altmann nennt, warum nicht Wilhelm Bartschs „Mitteldeutsche Gedichte“? Oder Thomas Böhmes „Heikles Handwerk“?

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  8. ja, und würde nicht jeder in unserer Leserjury andere nennen? Ich darf Ihre Liste noch verlängern: Ann Cotten, Florida-Räume; Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir. Wer bietet mehr?

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  9. Im vergangenen Jahr führte kein Weg an Friederike Mayröckers überragendem Lyrikband „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ vorbei. Man konnte der Huchelpreis-Jury zu dieser Entscheidung nur gratulieren. In diesem Jahr fällt die Zustimmung nicht so leicht. Marion Poschmanns „Geistersehen“-Gedichte beeindrucken zwar mit gelungener Balance von eingefangener Realität und changierender Mehrdeutigkeit – aber 2010 war nicht gerade arm an Lyrikbänden, die man ebenfalls mit dem Huchelpreis hätte auszeichnen können, zum Beispiel „Das zweite Meer“ (Andreas Altmann), „Blinde Bienen“ (Kathrin Schmidt), „im felderlatein“ (Lutz Seiler) und „Frenetische Stille“ (Ron Winkler). Die Jury dürfte sich die Entscheidung nicht einfach gemacht haben. Allerdings zeigt sich hier auch die Fragwürdigkeit einer solchen Preisvergabe, wenn mehrere gleichrangige Bücher zur Auswahl stehen und am Ende nur ein Band mit der begehrten Auszeichnung bedacht wird. Marion Poschmann hat als Gleiche unter Gleichen gewonnen. Das verdient Respekt und einen herzlichen Glückwunsch.

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