Schlagwort: Lyrikzeitung

Und niemand wird von niemandem verziehen.

Jedes Rühren, jedes Zucken, jedes Fliehen
verstärkt reihum den dumpfen Schmerz.
Von undurchschauten Kräften angetrieben,
sind’s Attacken auch, wenn sie sich lieben:
Jedes Nähern zielt geradewegs aufs andre Herz.
Und niemand wird von niemandem verziehen.

Was interessiert

was interessiert: traum. gestohlenes, witz. mustervermeidung, sex.
verletzung, druck, mechanismen. warum eins durchgeht, andres nicht.

Richtiger Umgang mit Ungeheuern

232 Wörter, 1 Minute Lesezeit. Stephen Knight (* 1960 in Swansea, Wales) Bei UngeheuernAuf dem Weg zum Bett a) Die Treppe stur nach oben gehen. Stufenzahl merken. Nie zum Flur der Treppe rasen oder versuchen, auf diese Tour Schatten in die Ecke zu jagen.b) Unterm… Continue Reading „Richtiger Umgang mit Ungeheuern“

textgespür

die reichen dürfen die sexualität erleben, ich armer tropf
darf nicht mal daran denken – der abt hats untersagt. so
bleiben mir most, schnupftabak und komplizierte lyrik –
von diesen dreien aber wirkt der most am stärksten!

Allgemeine Plätze

Das Herz ist weich, die Butter auch
weich ist der Speck rund um den Bauch
hart ist der Kalk im Herzen innen 
zur Kruste will das Blut gerinnen.
Hart ist der Zahn, bevor er bricht 
das Licht ist weich, der Schatten nicht. 

Multispezies-Poesie

Multispezies-Poesie (vom Typ 3.1) in zehn Schritten
Eine Anleitung
I. Nehmen Sie Ihren Zeigefinger in den Mund
2. Nehmen Sie ihn wieder raus
3. Reiben Sie Ihre feuchte Fingerbeere hier
In kreisförmigen Bewegungen trocken
4. Und hier
5. Kratzen Sie sich hinter Ihrem rechten Ohr
Mit einem anderen Finger
6. Rubbeln Sie mit diesem sogleich hier
7. Nun riechen Sie hier
8. Hier
9. Und hier
Sie verstehen nichts?
10. Geben Sie diese Seite einem Hund

Dein Name tropft wie weiches Rindertalg

Welch ein Dampf einen wieder tritt! Sogar
der arme Tod stapft weinerlich weg, in ein
Wort mit weniger Licht.

An Anna Blume

Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt du es, Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen,
du bist von hinten wie von vorne: „a-n-n-a“.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!

Weinreinbringer

Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer –
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?

Des ersten Wams strahlt
blutigrot –
das ist der Tod
das ist der Tod

sich festhaken an einem wort

immer dies gehen, dies sich festhaken an einem wort, das vielfüßig sich behauptet, im vers, dies buchstabieren von neuem …

Das ist halt so

Im November nachts Zweitausendeins
lag ich nackt und aufgeschlitzt in Mainz,
tief im Blut und alle Tropfe tropften,
die Kanülen, die Katheter klopften,
alles floß hinein in das Plumeau,
und man sagt zu mir: Das ist halt so.

es frisst der Mensch, um Mensch zu sein

Ich habe zweierlei Gesicht,
doch ganz genau weiss ich das nicht.

Ich habe rechts und links ein Bein –
O, welches mag das bessre sein?

Hannah Arendt’s Gedichte

Schliesse mich in Deine Hände,
Daß sie schwingend
Überschwingen
Ins Gelingen,
Wenn Dir bang ist.

Ihr und Ich

Ihr geht in Opern, ihr besucht Konzerte,
Ihr gafft euch satt in Bildergallerien –
Ich schlüpf‘ wie eine muntere Lacerte
Am liebsten durch’s Gewühl der Menschen hin!

Er hat zwei Seelen in jeder Brust

Ich liebe den Hund meiner
Freundin. Er kann so schön
»ja« sagen. Er sagt »ja«, wenn
man ihn vergißt. Er verdammt
keinen, der sich mit ihm vergleicht.