Damals, besonders 1993, wurde viel diskutiert über zwei Tendenzen: Wut und Vision. Hadayatullah Hübsch hat das in einem Radiofeature ganz gut dargestellt. Für mich ist die Wut das Ego und die Vision die Ekstase. Ich habe ja selber damals noch in Köln studiert und war an den Streiks im Winter 89/90 beteiligt. Und ähnlich wie die Berliner Studenten hier jetzt eine sogenannte „Offene Uni“ ausgerufen haben, war ich damals der erste sogenannte „Freie Prophessor“ der „AlbertA MagnA Uni“. Das war so ein typisches linkes Wortspiel, aus Albertus Alberta zu machen. Letztlich war mir der Universitätsbetrieb aber zu langweilig. Da passierte nicht viel, während sich die Kräfte in der „Undergroundliteratur“-Szene allmählich bündelten. Ich hab dann das Kunsttherapie-Studium abgebrochen und ein Jahr später so ein Gedicht geschrieben, in dem ich versucht habe, diese gähnende Langeweile irgendwie zu beleuchten. / Tom de Toys, Protokoll des Rundfunkgesprächs vom 9.1.04
Am 22. Dezember 2003 starb der lebenslustige Bäcker Ernst Schrade, der gerne Gedichte geschrieben hatte, im Alter von 72 Jahren. Zuletzt hatte der Gehirntumorkranke sieben Monate lang im Theodorus-Hospiz in Moabit gelebt. Eine Endstation sei es, „welch unangenehmes Wort“, aber ein Abschieben sei es auf gar keinen Fall, erklärt seine Frau im von der taz veröffentlichten „Protokoll vom Leben“ (siehe taz-Ausgabe vom 18./19. Oktober). Frau Schrade berichtet darin, wie sie den langsamen Sterbeweg ihres Mannes im Hospiz begleitet. Ein ruhiges Hinübergleiten in die andere Dimension sei es am Ende gewesen, ergänzt sie nun.
taz Berlin lokal Nr. 7253 vom 9.1.2004, Seite 24
Ein neuer Trend? Alle feiern Heiner Müller – Spiegel nicht. Spiegel schreibt keinen feiernden (blumigen?) Text im gewöhnlichen Spiegel Speak, sondern „läßt selbst sprechen“. Allerdings nicht uneingeleitet:
Statt Blumen
Heiner Müller im Traumwald
Alle feiern den 75. Geburtstag von Heiner Müller. Symposien im ganzen Land, Neuinszenierungen, lange Feuilletonartikel. Heiner Müller mochte keine Blumen – eher Whisky und Zigarren. SPIEGEL ONLINE verneigt sich vor dem 1995 gestorbenen Dramatiker – und lässt ihn selbst sprechen.
Folgt ein Text in Anführungszeichen, darunter der Vermerk: Copyright Suhrkamp Verlag. Offenbar ein Text von Heiner Müller. Hat er einen Titel? „Statt Blumen“? „Heiner Müller im Traumwald“? Spiegel schweigt.
Die Antwort findet der geneigte Leser – sofern er sich auskennt oder geduldig sucht – im Band 1 der Suhrkamp-Werkausgabe von 1998, „Die Gedichte“, S. 298. Dort steht ein wortgleiches Gedicht – mit der Überschrift „Traumwald“ und der Jahreszahl 1994. Allerdings anders aufgeteilt, nämlich in 14 (sic) Zeilen. Einziges Satzzeichen ein Punkt nach dem letzten Wort der letzten Zeile. Das Gedicht weist die übliche Großschreibung aller Substantive, Zeilen- und (falls im Versinneren) Satzanfänge auf. Darüber hinaus ein sonettübliches Reimschema und sogar die sonettübliche Silbenzahl 10 pro Vers: ganz regulärer fünfhebiger Jambus.
Aufklärung über den „Spiegel“-Text gibt die Anmerkung auf S. 351: „FAZ 9.1.1995 (o.T. und in orthographisch anderer Fassung)“.
L&P gratuliert mit Whisky (ohne Zigarre). Und empfiehlt Müller-Fans, nach Lektüre des folgenden Beitrags aus der Berliner Zeitung die Papierausgabe zu lesen – wegen des Faksimiles.
/ 9.1.04
Eines von rund 130 000 Blättern, die sich im Nachlass von Heiner Müller fanden, enthält den korrigierten Entwurf des Gedichtes „Selbstkritik“, das der Dichter 1989 veröffentlichen ließ (siehe Abbildung [Papierausgabe!]). Darin behauptet Müller, dass er vor 40 Jahren im Besitz der Wahrheit gewesen sei, und zwar 40 Jahre vor seinem mutmaßlichen Tod. Würden beide Zahlen stimmen, hätte Müller im Jahr des Notats sterben müssen. Er dachte nicht daran, strich die eine 40 durch und schrieb eine 60 an den Rand. Schenkte sich mit dem Eingriff 20 Jahre Leben. So ist es gedruckt, so gilt der Satz als Satz des Dichters. Gälte er in Wirklichkeit, dann weilte Heiner Müller noch unter uns, bis 2009. Er war mit seiner ersten Version sieben Jahre von seinem wirklichen Tod entfernt, mit der korrigierten 13. / Ulrich Seidler, BLZ 9.1.04
«Das gestohlne leben, Gott, du versuchst / es nachzuholen. das land jedoch // geht dir aus dem weg. in welche richtung / wirst du dich verirren? bleib // auch du an der wegkreuzung stehn / und verzweifle.» Vor zehn Jahren schrieb Franz Hodjak diese Verse, kurz nach seiner Übersiedlung aus Siebenbürgen in die Bundesrepublik. Es war ein totaler Abschied, endgültig wie bei einem Todesfall: von allen und allem, ohne Chance auf eine Wiederkehr.
Verwunden, das zeigt sich nun, hat der rumäniendeutsche Dichter diesen Abschied nie. «Landverlust» hiess 1993 das Gedicht, genau wie die Verssammlung. …
«Ankunft // der ort, den es nicht gibt, dort / wohnst du, fröstelnd, in fremder // haut, ohne bett, ohne landschaft, wie / ein druckfehler . . .» / Uwe Stolzmann, NZZ 8.1.04
Franz Hodjak: Ein Koffer voll Sand. Roman. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 244 S. Fr. 34.60.
Er, der so lange verstummt war. Endlich einmal bricht der (Ost-)Berliner Lyriker, dessen Werke so beliebt sind, dass er noch immer davon leben kann, sein jahrelanges Schweigen. Nicht mit einem neuen Gedichtband, sondern mit einer Rede, die ihm zur Rhapsodie gerät, zum Erinnerungsrausch. Die Worte, die er so lange zurückgehalten hatte, gehen jetzt mit ihm durch, über die kleine Versammlung hinweg und weit zurück in die deutsche und eigene Vergangenheit. Er, der zur Legende gewordene, soll ja nur eine kurze Ansprache zur Einweihung einer neuen Straße halten, die nach Caspar David Friedrich benannt wird: Aber nun hat der romantische Maler ihm die Zunge gelöst zum großen Bocksgesang. Man kennt das: Wenn die Wortkargen erst ins Reden kommen, können die Schwätzer nur staunen. / Dieter Hildebrandt, Die Zeit 3/2004
Aber: es handelt sich nicht um Lyrik, sondern um einen Roman; nicht um einen Ost-Berliner Lyriker, sondern um die Mystifikation einer Französin. Die sich „irgendetwas zwischen Hacks und Hermlin, zwischen Volker Braun und Wolf Biermann“ ausgedacht hat, um Berlin zu erkunden.
Cécile Wajsbrot:
Mann und Frau den Mond betrachtend
Roman; aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller; Liebeskind Verlag, München 2003; 140 S., 16,–
Das poetologische Grundprinzip all dieser unentwegten Verwandlungen fand Raeber früh in Ovids „Metamorphosen“. Ein ausgedehnter Italien-Aufenthalt – in den Jahren 1951 und 1952 leitete Raeber die Schweizer Schule in Rom – vermittelte ihm die unmittelbare Anschauung der mediterranen Lebenswelt, die er seitdem in seinen Gedichten beschrieb. Im poetischen Kosmos des Bandes „Die verwandelten Schiffe“ (1957) vollziehen sich vor der Kulisse des sonnenbestrahlten Mittelmeers erstaunliche Umwandlungen: Fischer werden zu Fischen, nachdem sie das Kraut gekaut haben, „das nach dem Wasser weckt die wilde Sucht“. Das titelgebende Gedicht beschreibt die von Vergil in der „Aeneis“ geschilderte wundersame Verwandlung von Schiffen im Angesicht ihrer Verfolger: „Da tauchen, da schwinden die Segel, / da sinken die Schiffe im Schaum, / und Schwimmerinnen für Schiffe / steigen herauf.“ Stets vollziehen sich diese Verwandlungen mit großer Selbstverständlichkeit; das Wunderbare wird Teil des vertrauten Alltags. / Sabine Doering, FAZ 8.1.04
Kuno Raeber: „Werke in 5 Bänden“. Hrsg. von Christine Wyrwa und Matthias Klein. Bd. 1: „Lyrik“. 464 S. – Bd. 2: „Erzählende Prosa“. 518 S. – Bd. 3: „Romane und Dramen“. 526 S. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München/Wien 2002 und 2003. Geb., jeweils 29,90 [Euro].
„Die Welt“ erinnert am 7.1.04 an den Dichter der DDR-Nationalhymne, Johannes R. Becher. – Der auch hunderte Sonette und gar eine Sonettlehre verfaßte, unter den Sonetten viele schlechte – was er selber besser wußte als seine Leser und Kritiker, wie jener Herr, der das Sonett „Der Staat“ zum 40. DDR-Geburtstag feierlich rezitierte, woher sollte er auch wissen, daß es schlecht ist? – und ein paar Monate später erster Ministerpräsident des neuen Freistaats Thüringen wurde, wie war noch gleich sein jeweiliger Name? Aber unter den Sonetten gibt es eins, entstanden im Frühling der Hoffnung 1956, mit den Schlußzeilen:
Und wessen Tür wird heute Nacht erbrochen?
So lebten wir in Licht und Finsternis.
«Er ist ein merkwürdiger Kopf, halb genial und halb dilettantisch, echter Dichter, sobald er parasitische Dichtung schreibt, ein falscher Dichter, sobald er sie aus dem eigenen Inneren schöpft, der wahre Alexandriner, der fremde Bildung mit grösserer Intensität und mit grösserer Reinheit empfindet als die eigenen Gefühle – übrigens unter den heutigen Dichtern einer der wenigen, der die historischen Wissenschaften kennt und achtet, das heisst einer der wenigen wirklich gebildeten, und der nicht Barbarei zur Schau trägt; im übrigen ein unterhaltendes und wunderbares Geistesfeuerwerk.» So schildert Karl Vossler, der berühmte Münchner Romanist, 1923 in einem Brief an Benedetto Croce einen Besucher, der zweifellos zu jenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts gehört, deren Bedeutung erst spät erkannt worden ist. / Hans-Albrecht Koch, NZZ 6.1.04
Rudolf Borchardt: Anabasis. Aufzeichnungen, Dokumente, Erinnerungen 1943-1945. Hrsg. von Cornelius Borchardt in Verbindung mit dem Rudolf-Borchardt-Archiv. Edition Tenschert bei Hanser, München 2003. 424 S., Fr. 46.-.
Ders.: Gedichte. Textkritisch revidierte Neuedition der Ausgabe von 1957. Hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2003. 634 S., Euro 46.-.
Ders.: Prosa I. Textkritisch revidierte, chronologisch geordnete und erweiterte Neuedition der Ausgabe von 1957. Hrsg. von Gerhard Schuster. Ebd. 2002. 608 S., Euro 46.-.
Kai Kauffmann: Rudolf Borchardt und der «Untergang der deutschen Nation». Selbstinszenierung und Geschichtskonstruktion im essayistischen Werk. Max-Niemeyer-Verlag, Tübingen 2003. 463 S., Fr. 112.-.
Alexander Kissler: «Wo bin ich denn behaust?» Rudolf Borchardt und die Erfindung des Ichs. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003. 289 S., Fr. 63.-.
China setzt sich mit einem Dichter auseinander, der vor 1300 Jahren lebte: Li Bai (Li Taipo):
Free-spirited, with an unrestrained temper, in a long white gown and given to drinking all his life. That is how the „Immortal Poet“ Li Bai (701-762) lives in the minds of most Chinese people.
Arguably the most well-known romantic poet in Chinese history, Li has been so deified that he is a challenge to individuals or groups who wish to interpret him. / China Daily 5.1.04
Doch auch wenn es um lebende Schriftsteller geht, scheinen diesmal die älteren Jahrgänge die Hauptakteure des literarischen Herbstes zu sein. Etwa der Dichter und Literaturwissenschafter Jaroslaw Marek Rymkiewicz (Jg. 1935), der den diesjährigen «Nike»-Preis, die mittlerweile wichtigste literarische Auszeichnung Polens, erhielt. In den letzten Jahren machte Rymkiewicz vor allem als Essayist von sich reden: mit seinem dreiteiligen biografischen Zyklus über den Nationaldichter Adam Mickiewicz oder mit dem halb fiktionalen, halb dokumentarischen Prosawerk «Umschlagplatz» (dt. 1993). Nun überzeugte er die Jury mit seinem Gedichtband «Sonnenuntergang in Milanowek» (Rymkiewicz‘ Wohnort bei Warschau), in dem er einerseits in einem scheinbar naiven Stil die vielen kleinen Dinge festhält, die sich zur Banalität des ländlichen Alltags zusammenfügen, sich andererseits aber auf eine literarisch und philosophisch höchst anspruchsvolle Weise mit seinem «Thema regium», wie es in der Begründung der Jury hiess – dem Tod, der Sterblichkeit, der Vergänglichkeit -, auseinandersetzt. … Die Auszeichnung Rymkiewicz‘ beweist erneut (wie die kommerzmüden Kritiker mit Genugtuung registrierten), dass die Lyrik in diesem Land nach wie vor einen höheren Stellenwert hat als die Prosa. / Marta Kijowska, NZZ 5.1.04
These are the bosses of Rome; take a good look.
They know how to deal with scum like us. They learn
To cook us on both sides as no other cook
Could cook us, turned out perfectly, done to a turn.
First comes the pope, for all the afflicted. Now
The cardinals, like endless rows of roses,
And then the bishops, holier-than-thou,
Making up laws and looking down their noses.
Each one in his place, and number four,
The heads of the orders of monks to kill the bull,
To finish us off. Coming behind them, the corps
Of foreign diplomats with open knives
To claim the bull’s ears. And last of all
The gentlemen of Rome with their beautiful wives.
Dieses Sonett von Giuseppe Belli (1791-1863) stellt Edward Hirsch in seiner Washington Post-Kolumne Poet´s choice *) am 4.1.04 vor. Belli schrieb 2000 römische Sonette.
If Marianne Moore’s poems seem odd to us even now, more than 80 years after the appearance of her first book, this is partly because they are literally — mathematically — odd. Far more than any English-language poet before her, she experimented with lines containing an odd number of syllables — 9, 7, 5 or, as in “The Fish,“ an unlikely 1 and 3:
All
external
marks of abuse are present on this
defiant edifice.
Brad Leithauser, NYT *) 4.1.04
THE POEMS OF MARIANNE MOORE
Edited by Grace Schulman.
449 pp. New York: Viking. $40.
In der NZZ besprach Jürgen Brôcan am 4.9.03 (L&P Archiv 09/2003):
Eva Hesse: Marianne Moore. Dichterin der amerikanischen Moderne. «Die Ehe» als ihr «Wüstes Land». Rimbaud-Verlag, Aachen 2002. 132 S., Fr. 27.-.
Marianne Moore: Becoming Marianne Moore. The Early Poems, 1907-1924. Ed. by Robin G. Schulze. University of California Press, Berkeley 2002. 504 S., $ 50.-.
Hier Gedichte und Informationen, darunter das Gedicht Poetry mit der Anfangszeile:
I, too, dislike it: there are things that are important beyond all this fiddle.
In The Oregonian vom 4.1.04 schreibt David Biespiel über das Gedicht „To earthward“ von Robert Frost.
Durs Grünbein, bedeutendster deutscher Lyriker der Gegenwart, kämpft Tag und Nacht mit Versen / schreibt Susanne Kunckel, Die Welt 4.1.04
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