51. Multipler Dichter vs. geistige Gummibärchen

Der Schriftsteller Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist ein Held der multiplen Identität. Die meisten von sich findet er sehr nett: „Ursprünglich war ich 12 Dichter, jetzt sind wir nur noch zehn Dichter und zwei Komponisten.“ Wer Kraussers neue Tagebücher vom Januar 2001 und Februar 2002 liest, wird anders zählen. Man begegnet ungefähr sieben Dichtern, sechs Liebhabern, fünf Komponisten, vier Schachmeistern, drei Drehbuchautoren, zwei DVD-Verschlingern und einem Weinkenner. Es sind mehr als zwölf. …
Krausser, der sich von den Göttern selbst geliebt fühlt, wettert gegen die „geistigen Gummibärchen der Republik“, gegen Dichter, die Sinnlosigkeit und Untergang nicht beschreiben, sondern predigen, gegen Zeitungen, die Themen diktieren, statt sie zu suchen und gegen dumme Kritiker: „Genie erkennt man am Aufstand der Idioten (Swift).“/ Andreas Krause, BLZ 12.2.04

50. Apropos Gummibärchen (–> 51):

aus gegebenem Anlaß versuche ich mal ein kleines Weilchen aufgelesene Schätze aus der Gaga-Poesie unseres täglichen Medien-Speak zu protokollieren. (Gummibärchen 1)

Kaum gedacht schon rieselt dies aus dem Kasten: Franz Müntefering wird SPD-Vorsitzender? Aha,

vom Parteisoldaten zum Super-Münti
– wenn Sie jetzt wetten, daß die Sprachschöpfung aus dem RTL-Spiegel-TV stammt, haben Sie garantiert gewonnen. Merke: Ein Kennzeichen der Gaga-Poesie sind Wörter auf -i. Vorteil dieser Wortbildungsart: Kann jederzeit zu jedem Anlaß von jedermann – von der erstbesten Dumpfbacke bis zum Super-Intellektuellen – verwendet werden.

Beispiele: Bundi, Fundi, Zoni, Ossi, Wessi, Wossi, Messi, Nazi, Bazi, Spezi, Sozi, Trabi, Promi, Azubi, Honni, Gorbi, Gysi etc. etc. da capo al fine (hier leider nicht fini).

Aber auch hier gilt: keine Regel ohne Ausnahme; zwar heißt es Omi, aber nicht Homi. Merke: Manche Wörter bilden den Gaga-Diminutiv auf -o: Homo, Fascho, Normalo, Realo.
Und was wurde im ehem. Westgermanien aus Heine? Heino!
Anschließend in der „Nachrichtensendung“ des gleichen Senders wird die Poesie leicht abgeschwächt zitiert (Unterschied zwischen Kommentar und Information!):
Nur wenn Münte … (hilft, kann Schröder seine Reformen durchsetzen).
Merke: Am Gebrauch von Kose- oder zumindest Vornamen er- und beweisen sich Brüder in der Gosse. Beispiele: Adolf; Walter; Helmut; Fidel; Saddam.
Auch das ein universelles Ausdrucksmittel von der Straße (Gorbi, hilf uns! Helmut, hilf uns!) bis zum gepflegten Inti-Talk.

In der gleichen Sendung bald darauf ein Unternehmersprecher zum laufenden Tarifstreit:

Die IG Metall bleibt im Boot, hat sich aber verpflichtet, mit uns in gleicher Richtung zu rudern.

Alles klar? (Das ist übrigens die erste deutsche Redewendung, die jedes Kind in maghrebinischen Touristengebieten lernt und als universelle Grußformel zur Freude ihrer Gäste aus Almanya anwendet).

49. Leipzig liest 1000 mal

So früh wie noch nie startet MDR.DE die offiziellen Seiten zum Lesefest im März, informiert über den Deutschen Bücherpreis, die ARD-Radionacht und die ersten Focus-Hörbuchnächte – präsentiert von MDR FIGARO.
http://www.mdr.de/leipzig-liest/

48. Jack Kerouac School

This is a book, in the end, about aging — not just the aging of the Beats, which Kashner witnessed firsthand, but the aging of the author, too. Kashner is now in his mid-40’s, the same age Corso was when he described himself to the teenage Sam as a “toothless old man.“ In a somewhat mournful coda, out of step with the spirited and generous good humor of the rest of the book, Kashner recounts the deaths of Corso, Burroughs and Ginsberg, and also of his own poetry career. (He now writes magazine articles for GQ and Vanity Fair.) “As a poet you become bitter,“ he writes of his decision to abandon poetry altogether. “I knew no one was reading it, not my poetry at any rate.“ / Paul Tough, NYT 15.2.04

WHEN I WAS COOL
My Life at the Jack Kerouac School:
A Memoir.
By Sam Kashner. Illustrated. 318 pp. New York: HarperCollins Publishers. $25.95.

Gespräch mit Sam Kashner, Newsday.com, 1.2.04
Kashner als Nestbeschmutzer
(Poesie: Fehlanzeige! Anyone help?)

47. Friedrich-Hölderlin-Literaturpreis

Der Lyriker Johannes Kühn erhält den Friedrich-Hölderlin-Literaturpreis der Stadt Bad Homburg 2004. Die Auszeichnung ist mit 12’500 Euro dotiert und wird traditionell am 7. Juni, dem Todestag Hölderlins, in Bad Homburg bei Frankfurt überreicht. / NZZ 13.2.04

46. Raoul Schrott Mainzer Stadtschreiber

Der mit 12 500 Euro dotierte Autorenpreis wird seit 1984 von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergeben. Die Auszeichnung ist mit einem einjährigen Wohnrecht im Mainzer Gutenberg-Museum verbunden. Mit 40 Jahren ist Schrott der bisher jüngste Mainzer Stadtschreiber. / News.ch 13.2.04

45. Noch ein Amt:

Über die bevorstehende Neuwahl des Oxford Professor of Poetry berichtet der Independent vom 14.2.04 Amtsinhaber ist Paul Muldoon, dessen Amtszeit ausläuft. Der Titel – das einzige wählbare akademische Amt – gilt als zweitwichtigste Auszeichnung für Poesie in Großbritannien nach dem Poet Laureate (Amtsinhaber Andrew Motion). Übrigens ist das Amt unbezahlt und war bisher stets Männersache.

44. our consolations,

if there are such things,
dwell in our conviction
that always somewhere
painters will concoct
their colors, poets sing,
and a single oboe

dutifully repeat
its lesson, then repeat
it again, serenely
mounting and descending
the stairway it itself
unfurls before itself.

The beauty here is visual as well as sonic, the poem becoming the staircase it describes, and with its repeated repetitions traversing and retraversing, like the oboe, its self-created space. And yet that second, quietly jarring line is perhaps the passage’s greatest, and certainly its most characteristic, felicity. / William Deresiewicz, NYT 15.2.04

THE SINGING
By C. K. Williams.
72 pp. New York: Farrar, Straus & Giroux. $20.

43. Parlament der Vögel

Denn alljährlich am 14.Februar, dem Namenstag des heiligen Valentin, halten nach mittelalterlicher Vorstellung die Vögel Hochzeit. Und es war just ein englischer Dichter des 14.Jahrhunderts, dessen Werk heute zur Weltliteratur zählt, der diesen Tag für die englisch sprechende Welt wenn auch nicht erfunden, so doch geprägt hat: Geoffrey Chaucer.

Sein Parlament der Vögel, ein herrliches Gedicht in hundert Strophen, das zwischen 1374 und 1380 entstand, ist die »Urschrift« jenes Festes, das früheste literarische Zeugnis dafür, dass der heilige Valentin und die Paarung der Vögel auf geheimnisvolle Weise zusammenhängen. Und da es eine allegorische Dichtung ist, lässt sich leicht folgern, dass hier weniger die Tiere als die Menschen gemeint sind. / Die Zeit Nr. 8/2004

Hier die ersten 7 (von 699) Verse von Chaucers „Parliament of Fowles“:

Here begynyth the Parlement of Foulys

THE PROEM

1 The lyf so short, the craft so long to lerne,
2 Thassay so hard, so sharp the conquering,
3 The dredful Ioy, that alwey slit so yerne,
4 Al this mene I by love, that my feling
5 Astonyeth with his wonderful worching
6 So sore y-wis, that whan I on him thinke,
7 Nat wot I wel wher that I wake or winke.

42. Siebenjährige Dichterin

Am Anfang stand ein Lied von Josef Tal über Else Lasker-Schülers „Blaues Klavier“: Expansiv in Form und Klang, grollendes Dunkel, glitzernde Höhen in immer neuen Kontrastverhältnissen, der Textvortrag voller Wiederholungen, die jedoch eher auf die Verbreiterung der Formteile zielten als auf Verstärkung des Ausdrucks. Mit den folgenden „Fünf Mileva-Liedern“ von Heinz Holliger wurde sogleich eine Differenz markiert, handelt es sich doch um sehr geschlossene, im vertrauten Sinn liedhafte Gebilde. Der Rückgriff in frühere Zeiten der Gattung geht einher mit Texten aus den frühen Zeiten eines Menschen: Die Dichterin Mileva Demenga hat diese Gedichte zwischen ihrem siebten und elften Lebensjahr geschrieben. / Peter Uehling über einen Liederabend an der Berliner UdK, BLZ 13.2.04

41. Johannes P. Tammen

Über den norddeutschen Lyriker und Horen-Redakteur Johannes P. Tammen schreibt Tom Schomacker, taz Nord 12.2.04

40. Mad John Clare sings the Blues

„I am — yet what I am, none cares or knows“ is the first line of John Clare’s most famous poem, and a more irresistible invitation to a biographer would be difficult to imagine. Jonathan Bate, an English academic, has responded with a fat tome that lays out a fair amount of what’s known about this strange and often wonderful writer’s life, and — almost in spite of itself — makes us care. Clare, unlike his Romantic contemporaries Byron, Shelley and Keats, lived to a ripish old age (70), but the long tale “John Clare: A Biography“ tells is at least as sad as their foreshortened ones, because he spent better than a third of his span in lunatic asylums — where on a good day he might turn out a lyric as starkly beautiful as “Lines: I Am,“ and on a bad day might cover pages and pages with stanzas from his own “Don Juan“ and “Childe Harold,“ under the delusion that he was in fact Lord Byron. / Terence Rafferty, NYT 15.2.04

JOHN CLARE
A Biography.
By Jonathan Bate.
Illustrated. 648 pp. New York: Farrar, Straus & Giroux. $40.

Die Besprechung birgt nebenbei einen kleinen Seitenblick auf die Alt-/Neuwelt-Debatte:

And this biography’s final, awe-struck judgment on its unhappy subject is that he was “without question the greatest laboring-class poet England ever gave birth to.“ Here in the New World, we’re less astonished by the existence of unschooled, “laboring-class“ poets, although we tend to encounter them on discs rather than on the printed page. Clare’s work might be understood best, in fact, by those who can hear in it the sort of deceptively simple music we know from the likes of A. P. Carter, Jimmie Rodgers, Skip James, Robert Johnson and Johnny Cash, all of them in thrall to their rural muse. Clare was, at heart, a ballad singer, the practitioner of a mournful and ecstatic art. One of his loveliest and most disconsolate poems, “Decay: A Ballad,“ is constructed around the refrain “O poesy is on the wane“ (he means his own, as well as the art in general); and the sentiment expressed there is exactly the one that animates Bob Dylan’s great elegy “Blind Willie McTell,“ whose refrain goes, “I know no one can sing the blues like Blind Willie McTell.“ There was a time, I think it’s fair to say, when no one sang the blues like mad John Clare.

39. Zehn Thesen zum komischen Gedicht

von Robert Gernhardt, FAZ 12.2.04 In der 10. These stellt der Autor die Plejaden der deutschen Hochkomik vor – es sind die sieben**) Herren Heine, Busch, Morgenstern, Ringelnatz, Tucholsky, Brecht, Jandl – und entwirft eine strahlende – geradezu patriotische***) – Perspektive:

das finstere Bild vom humorlosen, ja zum Humor unfähigen Deutschen in den Herzen aller rechtlich Denkenden für alle Zeiten aufzuhellen.

Hier die

I. Es gibt ernste und komische Gedichte.

Bertolt Brecht unterschied zwei Linien, welchen das deutsche Gedicht der Neuzeit folge, die pontifikale und die profane. Goethe sei der letzte Dichter gewesen, welcher noch beide Stränge in seinem Werk vereinigt habe; schon Hölderlin nehme die „völlig pontifikale“, bereits Heine ganz die profane Linie ein. Der Dichter Brecht deutet an, daß ihm die Zusammenführung beider Linien erneut gelinge; zumindest ist nicht zu bestreiten, daß er den hohen Ton ebenso beherrscht wie den kessen. Beileibe nicht alle Gedichte der profanen Linie sind komisch, doch liegt auf der Hand, daß kein – mit Absicht – komisches Gedicht der pontifikalen Linie zugerechnet werden kann.

Der Band „Hell und schnell – 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten“, herausgegeben von Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer, erscheint Ende März bei S. Fischer

**) Zwar heißen die Plejaden auf Deutsch das Siebengestirn; aber Gernhardt kommt entweder nicht aus seiner alles überstrahlenden Stadt heraus oder kennt sonst die Sterne nur vom Buchstaben her (oder ist kurzsichtig); denn es sind entweder (mit Teleskop) unzählig viele oder – mit scharfem bloßem Auge: sechs (6). Nur mal um genau zu sein.
***) O-Ton Gernhardt: Wir zitieren Heinrich Heine und nicht Ernst Moritz Arndt…

38. Hobbydichter…

Hier einiges über Hobbydichter, Groß-Anthologien und Bezahl-„Verlage“: Neue Westfälische 12.2.04

37. Amerikas meistgelesener Dichter

Who is the most-read poet in America today? A 13th-century Afghan-born mystic named Jalal ad-Din ar-Rumi, now simply known as Rumi. It’s easy to see why he appeals so powerfully to spaced-out Californians: his thought processes are joyfully anarchic, and his pleasures are all about eating and drinking, joking and making love, and the glories of the natural world. His ideas are perfectly congruent with Zen: „Try to be a sheet of paper with nothing on it/ Be a spot of ground where nothing is growing/ Where something might be planted/ A seed, possibly, from the Absolute.“ / The Independent 11.2.04

Hier gibts das tägliche Rumi-Gedicht
Hier Ausschnitte aus Rumis Rubayyat (englisch)
Hier das Masnavy (Sammlung geistlicher Gesänge, englisch)

Und hier ein Rumirat für die gebildeten Stände:

Wenn du ein Gebildeter bist,
lies etwas Klassisches,
eine Geschichte des menschlichen Strebens,
gib dich nicht mit schlechten Versen ab!

(vollständig Englisch hier)