46. Zu Jelinek /38

Ein Brief

Lieber Dr. Gratz, Elfriede Jelinek, in ihrer Nobelpreis-Rede, hat ein recht preiswertes, ja billiges Verfahren, Sätze zu produzieren. Sie wirft die Assoziations-Maschine an. Selbst Kalauer und dümmliche gedankliche Querverbindungen werden benutzt und ausgenutzt bis an den Rand. Die Maschinistin der Kunsthonig-Schleuder greift vor, sie überholt die Kritiker durch Selbst-Einsicht. Sie ist Kriegerin und Bekriegte, Täterin und Opfer in einer Person. Ein riesiges Ich-Orchester, – ein verschrecktes kaltes Ich -, füllt die Welt mit Leere, mit glitzerndem Seiten-Lametta, es raschelt – aber da ist NICHTS.

Als Erleidende ihres persönlichen Schicksals (Paranoia, Depressionen, nix geht ohne chemische Krücken) ist Elfriede Jelinek eine von uns.

Sie ist durch und durch zeitgemäß.

Wilhelm Fink, Hamburg

Texte von Wilhelm Fink / seine Homepage

39. Sappho-Fragmente

Wolf Busch schreibt zur Nachricht @1:

wie gut, daß es L&Poe gibt, sonst wüßte ich vermutlich immer noch nicht, daß es einen neuen Sappho-Papyrus gibt. Die englische Übersetzung von Anne Carson, auf die Sie in diesem Zusammenhang hinweisen, bezieht sich wohl auf das Fragment 32 D. (Fragmentzählung von Diehl), dessen Übersetzung in der von Max Treu herausgegebenen Sappho-Ausgabe (Sappho: griech. u. dt; hrsg. von Max Treu. 7. Aufl. München; Zürich: Artemis, 1984) auf Seite 41 zu finden ist.

Der neue Sappho-Papyrus betrifft allerdings das Fragment 65a D., wenn ich das richtig sehe. In der eben erwähnten Ausgabe von Max Treu steht die Übersetzung auf Seite 59.

Auch Joachim Schickel hat dieses Fragment übersetzt, zu finden auf Seite 33 von: Joachim Schickel (Hrsg.): Sappho. Strophen und Verse. 7. Aufl. Frankfurt a. M.: Insel, 1995.

In der „Erfindung der Poesie“ (Eichborn, 1997) hat es Raoul Schrott (ziemlich frei) übersetzt (dort als Nummer LV auf S. 138 f.)

Sinnigerweise findet man eine englische Übersetzung auch auf einer Seite, auf der es um „Aging Reversal for Skin and Hair“ geht: http://www.skinbiology.com/renewingskinandhair.html

Lieber Wolf Busch,

vielen Dank für Ihren Brief mit den wertvollen Hinweisen. Ja, das ist schon bedauerlich, daß diese Nachricht so wenig Beachtung fand.- Ich hatte mir für die Weihnachtszeit Sappho vorgenommen, und Sie verkürzen mir jetzt die Wege.

Freundliche Grüße
Michael Gratz

 

41. Heine-Preis

Robert Gernhardt erhält am Montag in Düsseldorf den Heinrich-Heine-Preis. Vielleicht trösten ihn die 25.000 EU über seinen Hader mit der Rechtschreibreform? / Der Standard 11.12.2004*)

Mehr: : Neue Ruhr Zeitung 13.11. / Der Standard 14.12.

36. Hotel Macondo

Acht Zeilen von Beckett entwickeln den Zyklus „Hotel Macondo“, acht Prosagedichte, in denen Klimkes Themen und Motive explodieren: das Eis, das Meer der verlorenen Zeit, die toten Träume, die apokalyptische Schattenlosigkeit, und dazu der imaginierte Aufstand „eines Tages“, der dem Haus Macondo oder Aracataca seinen Namen wiedergibt. / Alexander von Bormann, Die Welt 11.12.

Christoph Klimke: Hotel Macondo. Oberbaum, Berlin. 91 S., 18,41 EUR.

34. Hälfte des Lebens

Perlentaucher Arno Widmann räumt einen Gedichtband von Hans Thill vom Nachttisch und stellt das Gedicht „Hälfte des Lebens“ vor.

Hans Thill: „Kühle Religionen“. Gedichte. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2003, 104 Seiten, 17,90 Euro. ISBN 3-88423-212-6.

40. Ukrainische Avantgarde

Am Beginn der postsowjetischen Autorengeneration in Lemberg steht die Gruppe „BU-BA-BU“, die 1985 von Jurij Andruchowytsch, Viktor Neborak und Oleksandr Irwanets gegründet wurde. Sie begannen mit Lesungen im Freundeskreis. Ab 1987 traten sie mit Performances ihrer musikalisch-theatralischen Poesievorträge an die Öffentlichkeit. Zentral für ihre Literatur war, in Anlehnung an Bachtin, die Theorie, dass die Gedichte nicht aus sich selbst, sondern aus ihren Figuren heraus entstehen sollten. Sie machten die Sprache der Bauern und des Nationaldichters Schewtschenko zu einer Sprache der Avantgarde. Wie das Beispiel Andruchowytsch zeigt, erneuerten sie die ukrainische Literatursprache, indem sie verschiedenste historische und ethnische Schichten auf der Suche nach einer neuen Identität zu einer Synthese zusammenführten. / Jutta Lindekugel, Freitag 51

10 EUROpäer – Deutsch-ukrainische Gedichteanthologie (freier Download)

35. Richard Wagner, Einwanderer

Der 1987 aus Rumänien in die Bundesrepublik (die heftig darauf bestand, kein Einwanderungsland zu sein) eingewanderte Schriftsteller Richard Wagner berichtet in der NZZ vom 11.12. über seine Erfahrungen:

Wenn ich in Rumänien als Deutscher galt und es als Banater Schwabe in meinen eigenen Augen auch war, so wurde ich in Berlin ständig eines Besseren belehrt. Mal war ich Deutschrumäne, mal Rumäne, manchmal sogar rumänischer Schriftsteller. Gelegentlich wurde ich sogar nach meinem Übersetzer gefragt. Ab und zu versicherte man mir, dass es erstaunlich sei, dass ich in so kurzer Zeit so gut Deutsch gelernt hätte. Es waren die Jahre, in denen die Bundesrepublik mit den ersten grossen Aussiedlerströmen aus Osteuropa und der damals noch bestehenden Sowjetunion Gorbatschews konfrontiert wurde. Ein Land, das seinen Nationsbegriff verschämt versteckte, statt ihn endlich zu diskutieren, war plötzlich mit einer ethnisch begründeten Einwanderung konfrontiert.

Der Gedichtband „Mit Madonna in der Stadt“ erschien in der „Lyrikedition 2000“ (Leseprobe)
Ein paar Fotos aus Temeswarer Tagen (mit Herta Müller, William Totok, Horst Samson u.a.) auf der Homepage von Horst Samson
Hier ein Aufsatz von Roxana Nubert aus Temeswar über die Aktionsgruppe Banat (darin diverse Textproben, auch von Wagner, sowie ein kollektives Gedicht der Gruppe als Jandl-Remix)
Hier ein Gespräch mit Richard Wagner

38. Preis für Avantgarde

Die Entscheidung für Jelinek bedeutete – das erste Mal in der Geschichte des Literaturnobelpreises – eine Entscheidung für das literarische Prinzip der Avantgarde.

schreibt Ina Hartwig in der FR vom 10.12. und führt aus:

Man konnte also gespannt sein, was die Grande Dame in ihrer Nobelvorlesung sagen würde, und vor allem, wie sie es tun würde. Soviel steht fest: Sie machte ihrem Namen als Avantgardistin alle Ehre. „Im Abseits“ heißt der Textteppich, in dem das Thema „Ich und die Sprache“ in unendlich vielen, raffinierten wie absichtlich plumpen Wendungen variiert wird. Der Text ist zunächst zweierlei nicht: Er ist nicht explizit politisch, und er ist nicht obszön. Vielmehr hat Jelinek einen ihr gemäßen Lord-Chandos-Brief verfasst, in dem die Sprache sowohl als Qual als auch als Schutz abgeklopft wird. Sie, die Sprache, wird zum Statthalter, zum Hohlraum, der mit Bedeutung gefüllt, dann wieder von Bedeutung entsorgt wird. Der Herzschlag des Textes ist dieses Hin- und Her, und die Sprache nimmt dabei verschiedene Aggregatzustände an: Voll – leer. Tief – hohl. Wirklich – unwirklich. Erhaben – verblödet.

Diese Sprachkritik ist, natürlich, zugleich Kulturkritik. Denn wie kaum anders zu erwarten, berührt sie das diffizile Verhältnis zwischen dem Ich und den anderen. Während das Ich „im Abseits“ steht – dem einzig möglichen Ort der Dichtung -, gehen die anderen mit ihrer Handysprache, die sie nicht verstehen, aber sprechen, auf sicherem Weg und „kraulen“ die Sprache am Bauch, wie einen Schoßhund. Diese geschundene, ja hündische Sprache ist wie ein glibbriges, fettgefressenes, gefallsüchtiges, unterwürfiges und doch ungehorsames Etwas. Kein Wunder, dass das Ich sich einsam fühlt, zumal ein Herr Heidegger die Sprache gewissermaßen von oben her malträtiert, während Hölderlin und Celan schon verloren zu haben scheinen.

Die Nobelpreisrede im Text und als Video
In der BLZ vom 10.12. schreibt Julia Kospach über die Nobel-Kandidatenkür.

 

33. Jackson Mac Low

Der amerikanische Lyriker, Performancekünstler und Komponist Jackson Mac Low starb in New York im Alter von 82 Jahren. Er war Gründungsmitglied der Fluxus-Gruppe und arbeitete mit John Cage zusammen. Aus dem Nachruf der New York Times *) vom 10.12.:

„The sense of words as being primarily in a circumstance that’s limiting – sentencing them to sentences – he did not take kindly to that,“ the poet Robert Creeley said in a telephone interview yesterday.

Mr. Mac Low’s poems, like his musical compositions, did not so much blur the boundary between language and music as render it invisible. He prized words not simply for their meaning (he worked as an etymologist as a young man) but as movable fragments of pure sound.

24. Geistige Erneuerung statt Vorbeter

Der in der Türkei geborene Schriftsteller Zafer Senocak denkt in der Welt vom 8.12. über eine Erneuerung des Islam nach.

Auch in der islamischen Geschichte gibt es Vorbilder für einen neuen, emanzipatorischen Ansatz. So liegt beispielsweise die gesamte mystische Interpretation des Islam brach, wie ihn der einflußreiche Denker Mawlana Dschalaleddin Rumi im 13. Jahrhundert ausgearbeitet hat. Die deutsche Orientalistin Annemarie Schimmel hat diesem außergewöhnlichen Denker auch in deutscher Sprache ein Denkmal gesetzt. Übrigens hat diese mystische Tradition auch Musik und Poesie von eindringlicher Schönheit hervorgebracht. Auch die rationalistischen und metaphysischen Denkschulen Andalusiens, die von Denkern wie Ibn Rushd oder Ibn Arabi vertreten wurden, sind heute in Vergessenheit geraten. Dabei waren diese Denker auch bedeutende Inspirationsquellen für die europäische Renaissance. Im toleranten, geistig anregenden Klima des muslimisch beherrschten Spanien konnte sich auch das jüdische Denken relativ frei entfalten und Dichter wie Ibn Gabirol, Jehuda Halevi, dessen Werk von Franz Rosenzweig kongenial ins Deutsche übersetzt worden ist, oder den großen Philosophen Maimonides hervorbringen.

26. Hobby-Dichter nach Hartz IV

„Das soll wirklich keine SCHIKANE sein, aber der STEUERZAHLER kann schließlich nicht für Ihr PRIVATVERGNÜGEN aufkommen! Suchen Sie sich einen JOB und machen Sie Ihre KUNST dann in der FREIZEIT – und alles ist gut…“ [O-Ton-Zitat: Neue Sozialamtangestellte, Brave New Cologne, Sommer 2004]

 

Tom de Toys, 7.12.2004, 17-21 Uhr

 

KLEINER SKANDAL – WARUM WIR WEITERMACHEN („PRIVATVERGNÜGEN“ CONTRA „HYPNOTISCHER ZOMBIßMUS“)

 

Ich freue mich insofern sehr auf das 1.“verhartzte“ Jahr 2005 als daß ich zwar meinen Status als sogenannter „professioneller“ Künstler nach 11 Jahren mangels „voraussichtlichem Mindestjahreseinkommen“ (nach 3 unterbezahlten Jahren in Folge) bei der KSK (Künstlersozialkasse) kündigen mußte, aber dafür nun meine Berufung zum Hobby machen darf, was insofern fürchterlich absurd und pervers ist (und dadurch einen grotesk-satirischen Charakter annimmt), weil ich natürlich weiterhin gezwungen bin, zwischen 10 und 12 Stunden täglich zu ARBEITEN, um meine Beiträge für die anstehenden Projekte PROfessionell umzusetZen, obwohl es wohl auch zukünftig meist kein oder wenig Honorar (bzw. nur „Aufwandsentschädigungen“) geben wird. Seltsamerweise (an)erkennen unsere Politiker und andere wohlhabende Personenkreise offensichtlich so wenig den GESELLSCHAFTLICH GEMACHTEN (=erfundenen!) Zusammenhang zwischen AUFWAND & ARMUT „ihrer“ Künstler, daß es ihnen noch nicht einmal peinlich ist, sich mit den Erfindungen und Errungenschaften einiger „auserwählter“ Schein-Stellvertreter zu schmücken.

27. Geistige Gummibärchen: Kaschmirschal

Wer kann schon alle intellektuellen Medien verfolgen? Folgende poetische Kostbarkeit aus dem „Spiegel“ ist mir erst jetzt via „Morgenpost“ vom 8.12. zugefallen. (Obwohl – die „Morgenpost“ spricht in feiner Abstufung von „deutschen, eher intellektuellen Medien“). Die Stelle mag hier eingerückt werden, weil sie für den aktuellen Stand der eher intellektuellen Debatte in Deutschland nicht uncharakteristisch (wie soll ich sagen): scheint. Gespräch mit Elfriede Jelinek:

Berliner Morgenpost: Mit Verblüffung mußte man registrieren, wie oft Sie von deutschen, eher intellektuellen Medien attackiert wurden. Am seltsamsten im „Spiegel“, der Sie als „mal kreischende, mal gurrende Vertreterin des Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus“ bezeichnete. Könnte das Ihrer Meinung nach auch damit zu tun haben, daß Sie Frau, obendrein Österreicherin sind?

Elfriede Jelinek: Ich könnte mir nicht vorstellen, daß man einen Mann als einen mal kreischenden, mal gurrenden Vertreter des Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus bezeichnen würde. Obwohl Männer ja öfter Kaschmirschals tragen, angeblich sogar in Österreich. Ich besitze übrigens keinen.

Geistige Gummibärchen ist eine lose Folge zur Poesie des Medienspeak.

25. Poem ohne Held

In Bookforum Dez/Jan bespricht Marjorie Perloff eine neue Ausgabe der späten Lyrik von Anna Achmatowa. Hier eine Passage, die sich intensiv der Übersetzungskritik widmet:

In her preface, Anderson argues that the extant free-verse translations don’t do Poem Without a Hero justice. An exception, she remarks, is Thomas’s version, which keeps „Akhmatova’s exact meter while reducing the Poem’s end rhymes to assonances.“ By contrast, Anderson’s own translation keeps the „end rhymes . . . while using a meter compatible with, rather than the same as, Akhmatova’s.“ Is Anderson’s an improvement? Here is the candle-and-mirror ritual at the opening of „The Year Nineteen Thirteen“; first, in transliterated Russian:

 

Ya zazhgla zavetnye svechi,
Chtoby etot svetilsya vecher,
I s toboi, ko mne ne prishedshim,
Sorok pervyi vstrechayu god.

 

Literally, this reads, „I lit the precious candles, / So that the evening would be illuminated, / With you, who have not come to me, / the year ’41 I celebrate.“ Svechi („candles“) and vecher („evening“) rhyme approximately, with svetilsya („lit up“) producing an internal rhyme with both words. There is also much alliteration, as in zazhgla zavetnye. Part I is mostly written in rhyming tetrameter couplets, but lines 3 and 4 are an exception, the noun god („year“) standing apart from the second-person verb prishedshim above. Anderson renders the four lines (visually arranged in a step pattern) as follows:

 

I’ve set the cherished candles alight
To give enchantment to this night,
With you, the guest who didn’t arrive,
I planned to honor Forty-one’s birth.

 

Compare this to these three versions:

 

(1) I have lit my sacred candles,
One by one, and with your absent
Companionship I hallow
The coming forty-first year. (D. M. Thomas)

 

(2) I have lit my treasured candles,
one by one, to hallow this night.
With you, who do not come,
I wait the birth of the year. (Kunitz and Hayward)

 

(3) I have lit the sacred candles,
So that this evening might shine,
And with you, who have not come to me,
I will greet the forty-first year. (Hemschemeyer)

 

The most natural, colloquial version is Kunitz and Hayward’s, but their elimination of „forty-one,“ a necessary number in the poem, blurs its meaning. Thomas’s begins well, but the run-on second line, presumably designed so as to honor the meter, undercuts the straightforward syntax of the original. Hemschemeyer captures the poem’s tone more fully but gives little sense of the stanza’s sound structure. Still, I find all three translations more satisfactory than Anderson’s, whose singsong rhyming lines („alight“/“night“) neither convey the subtlety of Akhmatova’s sound–the move from svechi to svetilsya to vecher, and the emphasis on the nonrhyming god–nor respect the mystery associated with the „you“ who has not come. The words „guest“ and „arrive“ rationalize the situation, as does the word „birth“ in the final line.

Ich füge zwei deutsche Fassungen der gleichen Stelle an:

Heinz Czechowski:

Die heilig gehüteten Kerzen
Hab ich entzündet, und in ihrem Schein
Begrüß ich mit dir, der nicht gekommen
Das Jahr einundvierzig.

Alexander Nitzberg:

Ich entzünde die Zauberlichter,
so wird dieser Abend lichter,
um mit dir, auf den ich verzichte,
das Neue Jahr zu begehn –
Einundvierzig…

Der punktuelle Vergleich fällt nicht zu Gunsten Nitzbergs aus. Mag der identische (grammatische) Reim lichter/ lichter (den Nitzberg poetologisch rechtfertigt) und die Ausdehnung auf die nächste Strophe noch angehn – „auf den ich verzichte“ verdunkelt den Inhalt eher. Verzicht impliziert eine freie Entscheidung, die weder dem düsteren Ernst dieser Einleitung noch Achmatowas Position im Jahr 41 gerecht wird.

(Eine Frage, die man 200 Jahre nach Hölderlins experimentellen Pindar- und Sophoklesübersetzungen wohl auch stellen darf: ob sich die grammatischen Verhältnisse des Originals ins Deutsche herüberretten ließen, die dem Original Spannung geben mindestens ebensosehr wie Klang und Metrum.) Ich versuche es mit einer Wort-für-Wort-Übersetzung zu verdeutlichen:

Ich entzünde die geheiligten Lichter,
daß sich dieser erhelle, der Abend.
und mit dir, zu mir nicht Gekommnem,
das einundvierziger begrüße, das Jahr

Hölderlin, immerhin, wagte Pindar so zu übersetzen

Den in des wellenlosen Meeres Tiefe von Flöten
Bewegt hat liebenswürdig der Gesang

Erst diese Art zu übersetzen (sag ich) ermöglichte Hölderlins Kommentar, den ich in der Augustausgabe von L&Poe in anderem Kontext eingerückte hatte (Meldung 20).

23. Sündig, sinnlich, gut

Unter ihrem designierten Chefdirigenten Fabio Luisi zelebrierten die Symphoniker mit einer Hundertschaft von Vokalisten die sündige Sinnlichkeit Carl Orffs.

Dass der Münchner Komponist seine 1942 vollendeten „Catulli Carmina“ – zu Deutsch: „Gesänge des Catull“ – in der Originalsprache des römischen Dichters belassen hatte, dafür dürften ihm puritanische Konzertfreunde durchaus danken: In schweißnassem Latein offenbart sich da, dass der feingeistige Poet in amourösen Belangen nicht nur den weiblichen Intellekt vergötterte. Wie hier eben im Fall seiner „Lesbia“: Lüstern sind die Gedichte der Liaison, deren Verlust Catull eloquent beklagte.

Dass die zugehörige Partitur nur so vor erotischer Motorik dampft, wusste Fabio Luisi am Samstag mit dem Singverein und einer Handvoll Symphoniker herauszustellen: Stumm singend gab er einen Primus inter Pares, der antike Triebkraft in schneidigen Schalldruck transferierte. / Wiener Zeitung 7.12. 2004 [So poetisch, um nicht zu sagen brünstig, gehts durchaus weiter]

22. „LiEBE AM NACHMiTTAG – VERD!CHTET IN NEUKÖLLN“

Literaten des Künstlernetzes & Freunde werden laut und deutlich…

Jeannette Abée (nur für Hartgesottene…)
HEL ToussainT (nur für Übergebildete…)
Tom de Toys (exakt 10-jähriges Jubiläum der E.S.-Theorie)
Miss Tigra (Preview ihres bilingualen Debut-Gedichtbandes „AUGENBLICK“)

 

17 Uhr im Café „selig“ (Beginn: 17:30h, pünktlich!)
Herrfurthplatz 14, Schillerpromenade, Berlin

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