Jehuda Amichai
(hebräisch יהודה עמיחי; ) (* 3. Mai 1924 in Würzburg als Ludwig Pfeuffer; † 22. September 2000 in Jerusalem)
ES SCHMERZEN DIE KNOCHEN DER LIEBENDEN Es schmerzen die Knochen der Liebenden, die sich den ganzen Tag im Grase wälzten. Nachts liegen sie wach. Er. Sie, Ihr Liegen erlöst die Welt, nicht sie. Ein Feuer auf dem Feld wiederholt, blind vor Schmerz, die Taten der Sonne am Tag. Die Kindheit ist fern. Der Krieg ist nah. Amen.
Aus dem Hebräischen von Lydia und Paulus Böhmer, in: Die Welt über dem Wasserspiegel. Berliner Anthologie. Betrachtet und eingeleitet von Joachim Sartorius. Hrsg. Ulrich Schreiber. Berlin: Alexander Verlag, 2001, S. 14f

L&Poe Journal #02 | Ukraine
Wir haben seit ein paar Tagen Sommer, die „Frühjahrsausgabe“ des L&Poe Journal #02 ist immer noch nicht ganz fertig, aber das endgültige Erscheinungsdatum naht. Hier der zweite Teil meiner Presseschau über Zeitschriften zum Krieg in der Ukraine.
Lettre kündigt auf dem Waschzettel, der halbseitig vor jedem Titelblatt steht und bei eifrigem Lesen regelmäßig aus den Klammern reißt, zwei ungefähr einschlägige Themen an: TOLLWUT. Der Angriff auf die Ordnung Europas, und RUSSLANDS REVOLUTION. Eine sentimentale Reise unternimmt Bora Ćosić. (Andere Themen sind u.a. Orwells Moral, Afrikas Antiparadiese, Herrschaft im Sahel, der griechische Bürgerkrieg 1946-1949 und Chinas neuer Nationalismus. Lettre wie immer ein unentbehrlicher Füllquell von Informationen und Meinungen aus Ecken, wohin unsere Halbbildung noch nicht einmal hingeblinzelt hat. Was, du liest LETTRE nicht?!!).

Die meisten Ankündigungen findet man leicht im Inhalt des Heftes wieder, nicht so den Tollwut-Text. Stattdessen eröffnet das Herz mit einem Abschnitt „Literatur und Gewalt“ mit 4 Beiträgen:
Die zweite Erzählung thematisiert Gewalt, aber in Guatemala. Die erste ist voll einschlägig, obwohl sie die Ankündigung auf der Bauchbinde (dem Waschzettel) nicht einlöst. Die russische Autorin Liza Alexandrova-Zoriuna schreibt über einen jungen Russen von der Kola-Halbinsel. Er war vor zwei Jahren nach Moskau zum Geldverdienen gefahren, bekam aber nur schlecht oder gar nicht bezahlte Jobs und schlief in Bahnhöfen. Dann hörte er von einem Job, „der zwar mies bezahlt wurde, aber man nahm jeden, der gedient hatte“. Er fuhr zur verabredeten Stelle an der russisch-ukrainischen Grenze, wo er sich den „Freiheitskämpfern“ anschloss. Es ist also im Donbass an einem Fluss, der die Grenze darstellt. Bald sah er seinen ersten Toten, eine Frau, die mit ihrer Tochter an der Hand auf eine Mine trat. Die Tochter hielt die Hand weiterhin fest, aber an der Hand war nichts mehr dran. „Doch man gewöhnt sich rasch an den Tod, der Krieg wurde zähflüssig und alltäglich und nach den Verhandlungen schon gänzlich langweilig.“ Aljoscha vertreibt sich die Zeit mit einem täglichen Spiel an der Grenze. Der Fluss war hier 200 Meter breit, die Grenze in der Flussmitte. Manchmal schoss man eine kurze Salve ab, nur um zu zeigen, dass man noch da war. Treffen konnte man auf die Entfernung nur zufällig. Jeden Morgen, wenn Aljoschas Wache beginnt, lässt auf der anderen Seite jemand die Hosen herunter, dreht verächtlich den Hintern zur russischen Seite und entleert sich. Aljoscha, Kosename Sascha, traf ihn zwar nicht, aber er konnte nach langer Zeit wieder mal lachen.
Dann bekommt er Urlaub zur Hochzeit mit seiner Braut Ljalja. Sascha hat eine Handgranate von der Front eingeschmuggelt und bei der häuslichen Feier nach der kurzen Zeremonie … – nein, ich verrate nicht den makaber-„lustigen“ Fort- und Ausgang.
Ian McEwans Aufsatz über Orwell ist auf seine Art eine Parabel für „unsere schwierigen Zeiten“. Orwell fuhr damals, im Bürgerkrieg, nach Spanien und stritt sich unterwegs in Paris mit Henry Miller über Politik und die Rolle des Schriftstellers. Miller fand es „idiotisch“, jetzt nach Spanien zu fahren, und die Idee von der Verteidigung der Demokratie „nichts als Blödsinn“. Orwell meinte im Gegenteil, „wo die Rechte und das Leben eines ganzen Volkes auf dem Spiel stehen, kann es keinen Gedanken daran geben, die Selbstaufopferung zu scheuen“. (O, wie viele von denen, die in ihrer Jugend „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schützengräben aus“ sangen, fordern heute, die Ukraine möge kapitulieren!).
Wie beklemmend, bei Orwell zu lesen: „Es ist so gut wie sicher, daß wir uns auf eine Zeit totalitärer Diktaturen zubewegen – eine Zeit, in der die Gedankenfreiheit erst für eine Todsünde [soviel wissen wir ja inzwischen] und später für eine bedeutungslose Abstraktion gehalten werden wird.“ Putin, Trump & Co. arbeiten feste an diesem Punkt 2 – während so mancher Linke, der vielleicht nicht mitgekriegt hat, dass Russland kein sozialistisches Land mehr ist, die Irrtümer der damaligen Linken wiederholt, die McEwan mit Orwell so beschreibt: „Politisches Engagement bedeutete damals bei linken Schriftstellern — also den meisten Schriftstellern —, am sowjetischen Traum festzuhalten, und dies trotz des ersten Fünf-Jahres-Planes, der Hungersnot in der Ukraine, der Säuberungen und Schauprozesse und jüngst erst des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von 1939. Für Orwell war diese Art von politischem Engagement wie ein überhitzter, erstickender Raum voller Lügen. In einer Besprechung von Malcolm Muggeridges zeitnah verfaßtem, historischem Überblick The Thirties schrieb er: „Alle positiven Ansätze erwiesen sich als Fehlschlag. Glaubensbekenntnisse, Parteien, Programme jeglicher Art sind schlicht gescheitert.“

Viele bedenkenswerte Sätze noch bei McEwan über den Status des Romans und Meinungsfreiheit heute.
Bora Ćosićs „Russisches Brevier“ handelt vor allem von dem russischen Schriftsteller Viktor Schklowski, den manche nur als Theoretiker kennen (er prägte den Begriff Verfremdung). Ćosić hatte ihn noch persönlich in Belgrad gesehen, daher vielleicht das leicht Melancholische seines Texts. Aber das Russland in seinem Text und Schklowskis Romanen, aus denen er lang zitiert, ist keine sentimentale Erinnerung, ein paar Schklowskizitate:
Ein Mensch schläft und hört es an der Haustür läuten. Er weiß, daß er aufstehen sollte, aber er will nicht. Also erfindet er einen Traum und fügt das Läuten in ihn ein, indem er es anders motiviert – er kann zum Beispiel von einer Frühmesse träumen. Rußland hat die Bolschewiki erfunden wie einen Traum, als Motivierung für Flucht und Plünderung; die Bolschewiki selbst können nichts dafür, daß sie im Traum erschienen sind. Sie tauchten ab in den „Bolschewismus“, wie ein Mensch sich vor dem Leben in irgendeine Psychose flüchtet.
***
Und hier brachten sie einander um im Bürgerkrieg. Alle kämpften. Während des Kampfes erschlugen die Ehemänner ihre Frauen, die Liebhaber die Ehemänner. Hatte man sie umgebracht, legte man sie auf den Hof der Schußlinie entlang so, wie die Kugeln flogen. Die Weißen erschlugen die Roten und rissen ihnen die Zunge aus dem Hals. Die Roten töteten bloß.
***
IM JAHRE neunzehnhundertsechsunddreißig ermordete Ivan Ponomarjov, Kapellmeister, in nervlicher Zerrüttung vier Mitglieder seiner Kapelle, und dann erhängte er sich. Im selben Jahr konstruierte Jasa Sevicki, ein arbeitsloser Ingenieur, einen Ofen, der mit unnützen, unnötigen Dingen beziehungsweise Scheiße geheizt wurde. Der russische Kosakengeneral Pavličenko floh völlig besiegt vor den Sowjets zu uns, auf einem Pferd, und hielt einen Vortrag über all das, das Pferd verreckte hinterher. Die russische Sprache war unserer schon immer ähnlich, nur hatte sie irgendwelche Fortsätze. Die Russen sprachen wie jeder von uns, nur betrunken. Die Mama von Lonja Bondarenko brachte damals meinem Onkel bei, wie man den alten russischen Buchstaben „jer“ schreibt, mit Häkchen. Sie gestand ihm: „Jetzt gibt es den nicht mehr!“ Papa behauptete: „Ich hab’ gehört, jeder Russe säuft sich an wie ein Schwein, und danach weint er wie ein Kind!“ Mama sagte: „Sie werden wohl einen Grund haben!“ Opa sagte: »Alle wollen sie das eine wie das andere, und darüber vergeht ihr Leben!“ Auch mir fiel auf, daß die Russen irgend etwas machten und danach bereuten, daß sie es getan hatten.
Ćosić zitiert aus Schklowskis Büchern:
Das zweite ist in den 80er Jahren auch im DDR-Verlag Volk und Welt erschienen, ob zensiert, kann ich jetzt nicht feststellen.
McEwans und Ćosićs Beiträge sind auf verschiedene Art indirekte Beiträge zu den Hintergründen des Krieges und unserer Art, darüber Diskussionen zu vermeiden. Aber das sind dann auch fast alle anderen hochinteressanten Beiträge des Heftes. Bei so manchem könnte man ausrufen, was Franz Maciejewski (Garküche der Zukunft) sagt:
Man könnte irre werden an der Zeit und versucht sein, mit vorgehaltener Hand nach den Kindern auf der Straße zu rufen: „He, ihr da draußen, sagt doch mal – welches Jahrtausend haben wir?“
Vielleicht kann man bei Anatol Schneiders Beitrag über „Ausgräber der Antike“ verschnaufen.
In den abschließenden Rubriken „Briefe & Kommentare“ und „Korrespondenzen“ gibt es noch ein paar direkte Bezüge zum russischen Krieg. Sergio Benvenuto fährt seit 2000 regelmäßig nach Russland und in die Ukraine, er unterrichtet am „Internationalen Institut für Psychoanalyse“ in Kiew, hat Kollegen und Freunde in beiden Ländern und behandelt als Psychoanalytiker russische und ukrainische Patienten. Bei ihm kann man viel über die Vorgänge seit 2014 und die Verhältnisse und Entwicklungen in der Ukraine lesen, was in der deutschen Debatte durch „Influencer“ und Putin-„Versteher“ und eine gigantische russische Auslandspropaganda oft verdunkelt ist.
Rada Iveković schreibt über die Zeitenwende 1989, bei der kaum auf die Warnungen einiger jugoslawischer Denker gehört wurde,
dass die großen nationalistischen Erzählungen auf der Lauer lägen und „grundsätzlich jedes Volk zum Nazismus fähig sei“.
Während Benvenuto meint, dass nicht ein alter Hass die beiden Länder trennt, sondern aktuelle politische Entscheidungen diesen Hass erst erzeugten, geht Sergiusz Michalski ein wenig auf die lange zurückliegenden Wurzeln dieser Spannungen ein (wie ja auch der Kriegsherr Putin nicht müde wird, hundert und tausend Jahre zurückzugehen, in seinem Fall, um russische Ansprüche zu begründen). In der Urzelle Russlands, dem Kiewer Staat und seinen zahlreichen Nachfolgefürstentümern, waren die Verbindungen zwischen den heute verfeindeten Brüdern sehr eng, aber anfangs waren die nördlichen Russen die jüngeren Brüder, ehe sie im Zuge des Mongoleneinfalls die großen Brüder wurden und die Sprachen sich ausdifferenzierten. Und während Putin behauptet, Lenin habe die Ukraine geschaffen, weist Michalski darauf hin, dass ein ukrainisches Schulkind ohne größere Probleme das um 1200 in der damals gemeinsamen altostslawischen Sprache geschriebene Igorlied lesen kann, während ein russischer Leser eine Übersetzung benötigt. Auch die geschichtlichen Verwerfungen in der Folgezeit mit Polen, Litauen und Russland werden beschrieben, in deren Ergebnis die früher polnischen Gebiete russifiziert wurden, aber als „Kleinrussen“ im Gegensatz zu den „eigentlichen“, den Großrussen. Michalski geht auch auf den ukrainischen „Nationaldichter“ Taras Schewtschenko und die Unterdrückung der ukrainischen Sprache im zaristischen Russland ein und schließlich auf das antiukrainische Schmähgedicht des russischen Dichters Jossif Brodsky (kann das nicht mal jemand übersetzen und gut kommentiert herausgeben, damit wir wissen, worüber wir reden?). Letzter Satz dieses Briefs (aus Tübingen) und der mit spannenden Inhalten aus allen Weltteilen berstend vollen Lettre-Ausgabe:
Wie immer dieser schreckliche Krieg ausgeht, er wird sich für Rußland*, über kurz oder lang, katastrophal auswirken.
*) Lettre International scheint die letzte Bastion der alten Rechtschreibung vor der jüngsten Reform zu sein
Und wieder ein 100. Geburtstag!
Miron Białoszewski
(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)
KRIEGSMYTHEN DREI Die eine floh. Die zweite floh. Die dritte verhakte sich in der Tür. EINER Hockte sich unter den Tisch und blieb verschont.
Deutsch von Dagmara Kraus. Aus: Miron Białoszewski, Wir Seesterne. Gedichte. Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus. Leipzig: Reinecke & Voß, 2012, S. 35f
MITY WOJENNE TRZY Jedna uciekła. Druga uciekła. Trzecia zacięła się w drzwiach. JEDEN Ukucnął pod stół i ocalał.
Heute vor 100 Jahren wurde Vasko Popa geboren.
Vasko Popa
(serbisch Васко Попа, geboren am 29. Juni 1922 in Grebenac; gestorben am 5. Januar 1991 in Belgrad)
POESIESTUNDE Wir sitzen auf der weiten Bank Unter dem Lenau-Denkmal Wir küssen uns Und sprechen so nebenbei Über die Verse Wir sprechen über die Verse Und küssen uns so nebenbei Der Dichter schaut durch uns hindurch Durch die weiße Bank Durch die Kieselsteine des Pfads Und schweigt so schön Mit seinen schönen kupfernen Lippen Im Stadtpark von Vršac Lerne ich langsam Worauf es im Gedicht ankommt
Deutsch von Milo Dor, aus: Poesiealbum 203. Vasko Popa. Berlin: Neues Leben, 1984, S. 30f
Zum 100. Todestag des russischen Dichters Welimir Chlebnikow ein Gedicht in 3 Fassungen.
Welimir Chlebnikow
(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan, heute Kalmückien; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)
Die Freiheit kommt unbekleidet, Blumen wirft sie dem Herzen zu, Und wir sind, mit ihr ins Gleichschritt, im Gespräch mit dem Himmel per Du. Wir, die Krieger, trommeln mit barscher Hand auf die Schilde das Wort: „Es werde das Volk unser Herrscher immer, immerdar, hier wie dort!“ Singen solln an den Fenstern die Mädchen zwischen Liedern von alter Schlacht über die der Sonne treu untertänige Volksselbstherrschermacht.
Deutsch von Elke Erb, aus: Welimir Chlebnikow, Ziehn wir mit Netzen die blinde Menschheit. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 71
DIE FREIHEIT KOMMT NACKT Die Freiheit kommt strahlend und nackt, streut Blumen aufs Herz, immerzu. Wir schreiten im rhythmischen Takt und stehn mit den Sternen auf Du. Wir schlagen, uns bleibt keine Pause, den Schild und vernehmen den Schall. Das Volk soll der Herr sein im Hause, bei euch wie bei uns, überall. Laßt singen die Mädchen beim Baden ein Lied von vergangener Zeit. Wir bleiben, von eigenen Gnaden, das Volk, nun erwacht und befreit. 12. April 1917
Deutsch von Wilhelm Tkaczyk, aus: Welemir [sic!] Chlebnikow. Poesiealbum 107. Berlin: Neues Leben, 1976, S. 3
Свобода приходит нагая Бросая на сердце цветы, И мы с нею в ногу шагая, Беседуем с небом на ты. Мы воины смело ударим Рукой по веселым щитам, Да будет народ государем Всегда, навсегда, здесь и там. Пусть девы споют у оконца Меж песень о древнем походе О верноподданном Солнце, Самодержавном народе. 1917
Andreas Okopenko
(* 15.März 1930 in Košice / Tschechoslowakei; † 27. Juni 2010 in Wien)
Grüne Melodie
... grüne Melodie blaues Mädchen
weiß sind die Ferien.
Ich grüne in der Wiese des Jungdorfes
Mein Hof ist gelb von Mädchen Getreiden
Mein Mädchen ist gelb von Hof Getreiden
Ich grüne im Getreide des Jungdorfes
Die Sonne geht den Weg zur Marktstadt
Mein Mädchen geht den Weg zur Marktstadt
Mein grünes Getreidemädchen mein grünes Wiesenmädchen
Mein grünes Jungdorfmädchen geht den Weg zur Marktstadt
Die Marktplätze sind mit Kürbissen
Die Kürbisse sind weißer Staub der Marktplätze
Der weiße Staub der mittäglichen Marktplätze
Der weiße Staub der Weg zum Haus zum Mädchen zum Garten
Ich grüne den Nachmittag im Mädchengarten
Ich grüne nun schon im Mädchengarten
Ein kühles Zimmer ein blaukariertes Tuch
Ein Mittagskrug ein blaues Glas ein Wasser
Eine jüngere Schwester die eifrig das Grün der Kinder spielt
Eine jüngere Schwester die fortgeht und uns allein läßt
Das Kinderspiel das Wasser plätschert blau
Mein Mädchen im abgesetzten kühlen Zimmer
Ich bin das kühle Zimmer ich bin im kühlen Zimmer
Ich bin wo das Mädchen ist schließlich ich bin bei dem Mädchen
Das Mädchen und das Wasser ich trinke das Wasser
Der Krug ist das Zimmer er faßt uns beide
Eine Ameise kriecht über die lateinische Grammatik
Ein Blatt ist zum Fenster hereingekommen
Ein Tropfen Wasser ist über meinen Mund gelaufen
Eine langsame kleine Uhr macht den Nachmittag aus Aluminium
Ich glänze silbern in der Sonne wie Aluminium
Ich habe meine Uhr im Blumentopf in Erde eingegraben
Mein Mädchen ist nicht der Käfer der über das Holz läuft
Mein Mädchen liegt im Sommerkleid auf dem Fensterbrett
Auf dem Fensterbrett auf dem leichten Sessel dem lichten Kasten
Dem Schatten dem Erinnern an die Sonne dem Nachmittag dem Garten
Ich begreife den Kleinen gut, der Karten spielen geht
Ich begreife die Kleine die in grüne Blätter ihre Finger hält
Ich weiß daß Pythagoras wichtig ist und Aristides und Caesar
Ich rebelle auf gegen die eingebundene Schule
Das schwarze Brett die Verordnung den Schularzt daß die Kreide trocken ist
Daß das Tafeltuch feucht ist daß das Butterbrotpapier braun ist
Ich vergnüge die Ferien der Kinder der Kleinen der Käfer
Das Wasser den blauen Spiegel den Sonnenbrand die Eisenbahn
Den Hofhund den gelben, die kleine Brut die Fellbälle
Die rote Masche der Katze, die Maus mit dem Speck in der Falle
Ich bin die Ferien ich bin das Grün
Ich grüne auf der Wiese im Getreide
Ich blaue im Zimmer des Mädchens
Im Nachmittag, ich blaue im Mädchen.
Aus: Mein Gedicht ist die Welt II. Hrsg. Wolfgang Weyrauch. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 425f
Patrizia Cavalli
(* 17. April 1947 in Todi, Italien, † 21. Juni 2022 in Rom)
*** Se ora tu bussassi alla mia porta e ti togliessi gli occhiali e io togliessi i miei che sono uguali e poi tu entrassi dentro la mia bocca senza temere baci disuguali e mi dicessi: «Amore mio, ma che è successo?», sarebbe un pezzo di teatro di successo. © Einaudi Aus: L'io singolare proprio mio. Turin: Einaudi, 1999 *** Würdest du jetzt an meine Tür klopfen und deine Brille abnehmen und ich meine, die gleich ist und kämst du in meinen Mund ohne Furcht vor ungleichen Küssen und sagtest zu mir: »Liebste, was ist denn jetzt passiert?«, der Erfolg des Stücks wär garantiert. Übersetzt von Piero Salabé Aus: Patrizia Cavalli: Diese schönen Tage. Ausgewählte Gedichte 1974-2006. München: Carl Hanser (Edition Lyrik Kabinett), 2009
Zum 200. Todestag von E.T.A. Hoffmann (* 24. Januar 1776 in Königsberg, Ostpreußen; † 25. Juni 1822 in Berlin) ein Gedicht des schreibenden Katers Murr (aus den Lebensansichten des Katers Murr). Es ist übrigens eine Glosse auf einen Text von Goethe, den Franz Schubert vertont hat (Goethe/Schubert siehe unten). Zunächst aber der dichtende Kater.
Glosse Liebe schwärmt auf allen Wegen, Freundschaft bleibt für sich allein, Liebe kommt uns rasch entgegen, Aufgesucht will Freundschaft sein. Schmachtend wehe, bange Klagen, Hör' ich überall ertönen, Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen, Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen, Möchte oft mich selber fragen, Ob ich träume, ob ich wache. Diesem Fühlen, diesem Regen, Leih ihm, Herz die rechte Sprache; Ja, im Keller, auf dem Dache, Liebe schwärmt auf allen Wegen! Doch es heilen alle Wunden, Die der Liebesschmerz geschlagen, Und in einsam stillen Tagen Mag, von aller Qual entbunden, Geist und Herz wohl bald gesunden; Art'ger Kätzchen los Gehudel, Darf es auf die Dauer sein? Nein! – fort aus dem bösen Strudel, Unterm Ofen mit dem Pudel, Freundschaft bleibt für sich allein! Wohl, ich weiß es, widerstehen Mag man nicht dem süßen Kosen, Wenn aus Büschen duft'ger Rosen Süße Liebeslaute wehen. Will das trunkne Aug' dann sehen, Wie die Holde kommt gesprungen, Die da lauscht an Blumenwegen Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen, Hat sich schnell hinangeschwungen. Liebe kommt uns rasch entgegen. Dieses Sehnen, dieses Schmachten Kann wohl oft den Sinn berücken, Doch wie lange kann's beglücken, Dieses Springen, Rennen, Trachten! Holder Freundschaft Trieb' erwachten, Strahlten auf bei Hespers Scheine. Und den Edlen brav und rein, Ihn zu finden, den ich meine, Klettr' ich über Mau'r und Zäune, Aufgesucht will Freundschaft sein.
LDL / Pier Zellin
1.Nahbell-Nebenpreis 2022: Liga der Leeren (LDL) für einen Essay von 2018 (siehe hier)
HEILIGES Q das gras saftig grün nebenan sterben menschen die sonne sagt nichts (2020)
Meike Wanner aus Düsseldorf erhält den 4. Nahbellförderpreis (vgl. hier). Hier ein Gedicht.
Stromkästen und Strohrum Ich verabschiede die Wohnungstür mit dem Schlüssel zur Welt trete den Bürgersteig mit Füßen der sich zieht wie das Kaugummi unter den Sohlen die holen Meter um Meter ein und nicht um den Tag zu ohrfeigen aus den Stromkästen flüstern die Sticker mir geheime Botschaften zu denen gehört auch der mit dem Feuer und die vielen, die ich nicht verstehe die Alten und Abgepulten und der der sagt dass alles gut wird neben "acab" und "die Welt ist abgeschrieben" klingt das fast wie Satire ich will dazu schreiben schreien dass alles gut ist solange wir es lassen aber wer würde das schon hören? die Menschen sicher nicht die sind doch zu beschäftigt damit halbleere Gläser Strohrum zu exen (Wodka reicht ja längst nicht mehr) der Stromkasten trägt meine Worte, Sticker, Tinte höchstens elektronisch davon und auch dann nur an die die sie hören wollen – (2021)
Hier und an den folgenden Tagen jeweils ein Gedicht der Preisträger der Nahbellpreise 2023 (siehe hier). Der Nahbellhauptpreis ging an René Oberholzer.
René Oberholzer
"Letzte Fragen" (2019) Und wenn es eine letzte Frage Im Universum noch gäbe Würde ich sie Mit dir teilen wollen Und zwar so lange Bis es eine neue Letzte Antwort Geben würde Und wenn es keine letzte Frage Im Universum mehr gäbe Würde ich dich küssen Auf 10 verschiedene Arten Und zwar so lange Bis es eine neue Letzte Frage Geben würde
„Je mehr die Digitalisierung unseren Alltag dort durchdringt, wo sie wegen der Arbeit oder sonstigen Gründen unerlässlich ist, desto mehr ist auch die Sehnsucht da, Sachen, die nicht zwingend am PC oder am Handy gemacht werden müssen, auch wieder analog zu machen, und dazu gehört auch das Lesen. Vermehrt wäre es auch begrüssenswert, wenn Personen, für die Geld kein Thema ist, Gedichte von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren in Zeitungen veröffentlichen oder als Werbung schalten würden wie ein Werbegeschenk an die Literatur.“
René Oberholzer, im Nahbellhauptpreis-Interview 2022
„Dass Lebenszeit mit Lyrikschreiben verplempert wird, würde ich grundsätzlich auch nicht so sehen und wohl auch entschieden dagegen argumentieren, würde mir das tatsächlich jemand vorwerfen. Mit Lyrik holt man im Gegenteil das Meiste aus einem sehr kurzen Zeitraum – und konserviert es! Außerdem liegt die Relevanz von Lyrik auch im Schreiben selbst. Wer schreibt, hat etwas zu sagen; Lyrik bietet eine Möglichkeit, das auf eine Art und Weise in Worte zu fassen, die im Alltag und im gesprochenen Wort nicht möglich wäre.“
Meike Wanner, im Nahbellförderpreis-Interview 2022
„Jetzt spürst du das Wachsen des Grashalms, das Aufgehen der Sonne, das Welken der Blätter, den Zerfall deiner Haut und Organe, das Sterben und das Geborenwerden. Jetzt BIST DU das Leben, du bist pure Wahrnehmung, ohne ein Zentrum in dir zu benötigen, das alles auf sich bezieht. Und du bist endlich kein Nazi mehr, auch kein Linksradikaler und auch kein Flüchtling, kein Präsident und kein Kapitalist – du bist einfach nur „da“ und begegnest der Gegenwart in ihrer totalen Gegenwärtigkeit, weil deine wahre Identität aus ihr und nichts anderem außer der Gegenwart in all ihren Aspekten selber besteht.“
LIGA DER LEEREN, im Nahbellnebenpreis-Essay 2022
G&GN-PRESSEMITTEILUNG @ POESIEPREIS.de / Der 23. Nahbellhauptpreis-Gewinner René Oberholzer stammt aus der Schweiz (nach Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd der zweite Schweizer Nahbeller) und ist mit der Veröffentlichung seines Gesamtwerkes noch längst nicht fertig, obwohl er bereits eine große Anzahl an Gedichten, die auch in Buchform erhältlich sind, im Laufe seines Lebens auf zahlreichen Bühnen performte. Die junge 4. Nahbellförderpreis-Gewinnerin Meike Wanner ist eine Düsseldorferin (nach A.J. Weigoni, Karin Posth und Sigune Schnabel bereits die vierte nahbellende Düsseldorferin!) und hat ihr ganzes Leben noch vor sich, gewann aber bereits 2 Literaturpreise und wurde schon in mehreren Anthologien veröffentlicht. Trotz des gewaltigen Altersunterschiedes und der unterschiedlichen poetologischen Ansätze verbindet beide Preisträger viel mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Vergleicht man die beiden Interviews, mag man kaum glauben, dass sie sich nicht abgesprochen hätten, aber sie wussten de facto nichts voneinander! Als neue Kategorie wird außerdem 2022 erstmals der sogenannte NEBENPREIS verliehen, der sich nicht an Lyriker richtet, sondern an „unerwartete“ Essayisten. Mit ihrem psychophilosophischen „N.A.Z.I.-BRANDBRIEF“ hat die Liga der Leeren (LDL) bereits 2018 einen Nerv der Gesellschaft getroffen, der gerne verdrängt wird: die Frage nach einer politischen Haltung von „spirituell“ orientierten Menschen und den tabuisierten Gründen für Fanatismus aller Richtungen…
Das vollständige Interview hier
Jeder Text hat im besten Fall eine Seele und da muss man den richtigen Ton finden oder bewusst einsetzen, damit der Text seine Wirkung nicht schmälert, sondern noch ausbaut, aber das ist ein weites Feld. Man muss sich diesem Feld einfach bewusst sein. Und eines wollen ja alle, die auf die Bühne gehen: Sie wollen mit ihren Texten berühren, entweder das Herz, die Seele, das Lachzentrum, den Ekel oder die Freude, die Zuneigung oder die Abneigung, doch nur eines dürfen sie nicht: kalt lassen.
Ich hatte früher eher die Tendenz, die Gedichte zu komprimieren, zu verdichten im Sinne von zusammenpressen. Heute habe ich gemerkt, dass auch längere Gedichte, die weniger assoziativ und komprimiert sind, sondern mehr erzählend oder mäandrierend funktionieren, auch ihren Reiz haben. Dabei geht es heutzutage weniger um einen Knalleffekt, sondern um einen Überraschungseffekt, der im besten Fall noch mit einem Denkauslöser gekoppelt ist.
Vielfalt in den Formen, die sich aber keiner Reime bedienen, meine relativ grosse Bandbreite an Themen, die von der Liebe über die Gesellschaftskritik bis zum Tod reichen, meine oft nüchterne Sprache, meine Sprachspielereien, meine Inhalte, die oft wie kleine Geschichten daherkommen, meine Turning Points oder auch Pointen, die den Text oft süss-sauer erscheinen lassen oder in die eine oder andere Richtung drehen, und mein gnadenloser Blick, um auch unangenehme, zwischenmenschliche Themen zu verschriftlichen, die sich oft dem bürgerlichen Bedürfnis nach Schlussharmonie entziehen.
Die einen Themen im privaten Bereich erlebt man hautnah und werden textlich verarbeitet und andere Themen erlebt man nicht hautnah, aber sie kommen einem auch aus einer Distanz sehr nahe, weil sie etwas beinhalten, zu dem man sich äussern muss. Natürlich bin ich mir bewusst, dass man mit dem Schreiben einen Krieg nicht stoppen und die Welt nicht aus den Angeln heben kann, aber ein Gedicht kann im besten Fall Mut und Trost denen geben, die sich in einer ähnlichen Ohnmacht befinden.


Das vollständige Interview hier
Dass Lebenszeit mit Lyrikschreiben verplempert wird, würde ich grundsätzlich nicht so sehen und wohl auch entschieden dagegen argumentieren, würde mir das tatsächlich jemand vorwerfen. Mit Lyrik holt man im Gegenteil das Meiste aus einem sehr kurzen Zeitraum – und konserviert es!
Ein gelungenes Gedicht kann Emotionen erwecken und Probleme benennen, Denkanstöße geben, sogar zum Handeln bewegen, eine Sprache und Raum bieten und letztlich den Moment vollkommen einnehmen. In diesem Zusammenhang darf Lyrik genau das: auch unangenehm, kritisch und schwierig sein, weil genau dadurch diese Möglichkeiten entstehen. Daher denke ich auch, dass Lyrik durchaus etwas beeinflussen kann!
Es besteht auch kein Zwang zu schreiben; als ich damit anfing, war Lyrik zwar noch ein Mittel zum Zweck, um negativen Emotionen Raum zu geben. Mittlerweile bin ich aber längst darüber hinaus, brauche das nicht mehr und bevorzuge einfach diese unschönen Themen, Blickwinkel oder Beschreibungen.
Ein Gedicht ist dann fertig, wenn ich die Aussage so untergebracht habe, dass eine Dichte erzeugt wird – vor allem atmosphärisch und emotional. Bei einem gelungenen Gedicht spüre ich diese Dichte in Form eines bleibenden Eindrucks. Mittlerweile spiele ich lieber mit Satzbau und Zeilensprüngen, um den Fokus umzulenken, und verwende gern eine Wortwahl, die im ersten Moment unpassend oder auch irritierend wirken könnte; außerdem versuche ich das Gedicht entsprechend abzuschließen, sodass im Idealfall die aufgebaute Atmosphäre zum Ende hin gipfelt.



Der vollständige Essay hier
Rechtsradikale und Linksradikale haben einen gemeinsamen wunden Punkt, den sie sogar mit der politischen Mitte teilen. Sie alle sind Opfer der größten Zivilisationslüge, aufgrund derer die Menschheit sich lächerlich macht im Angesichte der essenziellen Erkenntnisse, die von Naturwundern, der Astronomie, dem Zenbuddhismus und der Introspektion ausgehen: des narzisstischen Aberglaubens an die ichverhaftete Identität des Individuums.
Nazis, Autonome, Bürger, Flüchtlinge, Präsidenten, Terroristen, Nudisten, Konservative, Anarchisten, Künstler, Philosophen, Pragmatiker, Freaks und Gurus – sie alle sind Anhänger derselben Sekte, die an die Existenz ihres Egos glaubt. Und dieses Ego, ganz gleich welcher Ausrichtung, verteidigt seine eigene Illusion, indem es für eine Ideologie kämpft, auf die es programmiert wurde.
Es wird immer von allen Ideologien genug Menschen geben, um die Beschäftigungstherapie des humanen Normalfanatismus fortzusetzen, solange die Selbstsoldaten nicht ansatzweise begreifen, dass ihr gesamter Glaubenskrieg auf einer Lüge fußt. Früher schien es ein Tabubruch zu sein, zu behaupten, es gäbe keinen Gott, aber heute besteht das viel größere Tabu darin, zu erkennen, dass der Erkennende selbst eine Illusion ist.


„Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft“
Zur Einführung des Nebenpreises

Walter Hasenclever
(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)
Als ich noch ängstlich war und keinen kannte. Als keine Frau, kein Freund, kein Buch mich nannte. Als ich noch jung war, heiß und wild bemüht: Wie war ich dumm! Wie stark! Und wie verfrüht! Ich weiß nicht, ob es gut war mich zu ändern. Doch was ich sah und was ich tat, war gut. Von all dem Schwarm in flatternden Gewändern Bekränz ich deine Stirne, Lebensmut! Nur wir sind würdig, alles zu genießen. Die wir genießen, ohne Ziel und Norm, Und die wir, groß im Auseinanderfließen, Einst wieder wachsen: einsam und zur Form.
Aus: Walter Hasenclever: Der Jüngling. Leipzig: Kurt Wolff, Zweites bis viertes Tausend, 1913, S. 23
L&Poe Journal #02 | Betrachtung und Kritik
Gastkommentar von Oliver Tepel (Köln)
Eine neue antisemitische Strategie: Wer vom Holocaust spricht, soll ein Rechtsradikaler sein.
Es klingt unfassbar, war aber das Hauptthema des Kongresses ‚Hijacking Memory“, der kürzlich im Berliner Haus der Kulturen stattfand. Wie kann es zu solchen beklemmenden Thesen kommen? Das was man „Woke“ nennt, jene aktuelle Zusammenfassung der Weltsicht der studentischen Linken, ist keine Theorie und kann auch keine sein, denn sie strebt nicht nach Konsistenz, sondern nach Macht. Sie ist sich gewiss, die Welt zu verbessern, so sind junge Menschen, die mit der Welt hadern, so war man vielleicht selbst. Statt wirklicher Theorie nutzt man heute Sprachspiele: mittels sprachlicher Bilder will man neue Realitäten schaffen. Dennoch bedarf es natürlich der Begriffe. Die begriffliche Idee der Gerechtigkeit der Woken beruht etwa oft auf einer naturalisierten Identität, zum Beispiel dem der Rückgabe von Gebieten, welche die sogenannte „westliche Kultur“ von anderen, als wahrer und reiner und friedfertiger verstandenen Kulturen erobert hat. Tatsächlich ist es gut, wenn sich der Starke fragt, was mit welchen Mitteln erreicht wurde, wer gelitten hat und was an Gutmachung zu tun ist. Selbstkritik ist eine harte Aufgabe und mag auch Verzweiflung, wie den Wunsch, das zu Kritisierende von sich selbst abzugrenzen, mit sich bringen. „Wer war zuerst hier?“, so lautet eine Kernfrage des Wunsches nach Wiedergutmachung. In ihrem Hass auf die Juden kann die Woke Bewegung diese Frage aber nicht stellen, denn die Juden waren nunmal zuerst da, wo der Staat Israel ist. Also assoziieren sie, als Trick, Israel mit „dem Westen“, den die Woken, selbst Kinder des Westens und seiner Idee von Moral und Selbstkritik, ja so zu hassen vorgeben. Doch Selbsthass ist eben auch eine Form der Selbstliebe, der Idee, irgendwas mache man wohl lediglich falsch, da ja die eigene Größe und Gutheit nicht genügend gewürdigt wird. Man muss also besser werden! Aus diesem Denken der Selbstoptimierung und des sie begleitenden Hochmuts entsteht Hass, jener tiefe innere Ansporn der ganzen, ach so friedfertigen Woken. Bessere Menschen sein, schlechtere Menschen massregeln. Sie verstehen ihre Aggression hinter einer pädagogisierten Sprache zu verstecken. Just hier findet sich das Zentrum des Hasses der Woke-Genannten, denn hier funktioniert, was stets im Antisemitismus funktioniert: die Konstruktion des „Anderen“: die Juden sind wie wir (der Westen), aber sie sind auch anders (eben Juden). So werden sie zu dem Feind per se, ausgegrenzt aus dem Bereich der Selbstliebe. Jene benannte intellektuelle und moralistische Linke hasst die Juden so sehr, daß sie nun versucht, jede Erinnerung an den Holocaust mit dem, was sie „die Rechten“ nennen, in Verbindung zu bringen. Dieser Strategie war der Kongress „Hijacking Memory“ gewidmet. Sein Ziel: wer an den Holocaust erinnert, soll als Nazi gelten. Das gleicht Putins sprachlicher Strategie in seinem Eroberungskrieg gegen die Ukraine, doch es ist sogar in diesem Vergleich noch weit abscheulicher und bösartiger, es ist die an verlogener Grausamkeit kaum zu überbietende Idee, die Juden und die Nationalsozialisten hätten gemeinsame Sache gemacht, damit es heute Israel gibt. Die linken Antisemiten müssen solch einen Wahnsinn kolportieren, ihr beschriebener Hass (der die studentische Linke schon zu Zeiten des RAF-Terrors wie auch heute Allianzen mit jenen im Nahen Osten knüpfen ließ, welche die Juden ebenfalls hassen) treibt sie dazu an. Doch da gibt es eine einfache Tatsache, die zwar ihrer woken Argumentationsweise entspricht, aber dem, was sie erreichen wollen widerspricht: Die Juden waren zuerst da, es ist ihr Land.
Was stimmt: Nationalsozialisten sind in Deutschland weiterhin eine Gefahr für das jüdische Leben, der Anschlag von Halle machte dies wieder erschreckend deutlich. Die woken Intellektuellen werden keine Anschläge verüben, aber sie sind solidarisch mit jenen, welche die Juden aus Israel vertreiben wollen und sie sind mächtig, sie bestimmen medial und zusehends auch politisch, wie Israel wahrgenommen und bewertet wird. Eine große antisemitische Kampagne ist im Gang, bitte seien Sie wachsam, was die Verschiebung von Bewertungen und das finstere Raunen angeht!
Kommentare zum Kongress
der Freitag | Die Welt |
Inua Ellams
FUCK / PERSEUS
Regarding the claim / some women enable sexual predators / consider power structures / consider Mount Olympus / a gleaming symbol / of aspiration / of masculinity / so toxic / when Poseidon raped the mortal maiden Medusa / in Athena’s smaller temple / Athena cursed its defilement / blamed Medusa / turned her scaly-skinned / snaked-headed / of such ugliness / to see her was to freeze the blood / to stone
then Perseus comes along / all swashbuckling bastard / all gleamingshielded schmuck / to slay her / slice her / spear her swirling skull / and all the men cheered / and Poseidon stayed silent / his crime forgotten when Perseus won / And story by story / myth by myth / urban legend by urban legend / locker room talk by locker room talk / men make other men
SCHEISS / PERSEUS
Was die Behauptung angeht / manche Frauen würden Vergewaltiger anziehen / muss man sich nur die Machtstrukturen anschauen / muss man sich nur den Berg Olymp anschauen / ein strahlendes Symbol / des Verlangens / einer Männlichkeit / die so toxisch ist / dass Athena ihren kleineren Tempel verfluchte / nachdem Poseidon dort die schöne Sterbliche Medusa vergewaltigt hatte / Athena fand ihn geschändet / gab Medusa die Schuld / verwandelte sie in ein schuppenhäutiges / schlangenhäuptiges / Scheusal / wer sie erblickte dem erstarrte das Blut / zu Stein
aber dann kam Perseus / ein Abenteurer und Arschloch / ein Schwachkopf mit strahlendem Schild / und schlachtete sie ab / schnetzelte sie / spießte ihren Schädel auf seinen Speer / und alle Männer jubelten / und Poseidon blieb stumm / sein Verbrechen mit Perseus‘ Sieg vergessen / Und Geschichte um Geschichte / Mythos um Mythos / moderne Legende um moderne Legende / Machospruch um Machospruch / machen Männer einander zu Männern

AUS DEM ENGLISCHEN VON FLORIAN WERNER
Aus: Kontinentaldrift. Das schwarze Europa. Hrsg. Fiston Mwanza Mujila. Heidelberg: Wunderhorn / Haus für Poesie, 2021, S. 116f
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