Ein Gedicht der Maya
Aus dem Chilam Balam von Chumayel, einem Konvolut von 107 Seiten, die in der Princeton University Library aufbewahrt werden. Chilam Balam ist seit dem 19. Jahrhundert die übergeordnete Bezeichnung einer Reihe von Texten, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert in Yucatán in der dort gesprochenen Mayathan-Sprache verfasst wurden und in verschiedenen Konvoluten gesammelt sind.
Sie kamen aus dem Osten Sie kamen aus dem Osten, als sie eintrafen. Da begann auch das Christentum. Seine Prophezeiung erfüllt sich im Osten, sagt man. Dies ist ein Bericht über ihre Taten. ...mit dem wahren Gott, dem wahren Dios begann auch unser Elend. Es war der Beginn von Tributzahlungen, der Beginn von Kirchenabgaben der Beginn von Zwietracht mit Taschendiebstahl, der Beginn von Zwietracht mit Feuerbüchsen, der Beginn von Zwietracht durch Herumtrampeln auf Menschen, der Beginn von Raub und Gewalt, der Beginn von erzwungenen Schulden, der Beginn von Schulden, eingetrieben durch falsche Zeugnisse, der Beginn von Zwietracht zwischen den einzelnen, ein Beginn der Schikanen, ein Beginn von Raub und Gewalt.
Aus: Der Gesang des Schwarzen Bären. Lieder und Gedichte der Indianer. Hrsg. Werner Arens und Hans-Martin Braun. München: C.H. Beck, 1992, S. 147/149
Heute vor 15 Jahren starb Michael Hamburger
(* 22. März 1924 in Berlin-Charlottenburg; † 7. Juni 2007 in Middleton, Suffolk, England)
Dying So that's what it's like: hearing them talk still In a whisper, and letting your love pick up Crumbs in response from the bare table Till – there are crumbs left, things to be said And their voices are audible still and their faces Clearer than ever – another need Orders withdrawal, silence. A bad joke, you think, this pretending not to be there And are gone, where they will follow. Going, have punctured the bubble, time. So that your wide-open eyes insist: Speak louder, my near ones, laugh, and rejoice.
Michael Hamburger / Peter Waterhouse Sterben So also ist das: man hört sie noch sprechen Flüsternd, läßt Liebe zur Antwort Vom leeren Tisch Brosamen sammeln Bis – es sind da Brosamen noch, Dinge zu sagen Und ihre Stimmen sind immer noch hörbar und die Gesichter Klarer denn je – ein anderer Anspruch Rückzug befiehlt, Stille. Ein böser Scherz, glaubst du, dieses Spiel, nicht mehr dazusein Und fort bist du, wohin man dir folgen wird. Im Gehen hast du den Zeitball durchstochen So daß deine weit offenen Augen bestehen: Sprecht lauter, ihr Nahen, lacht, und frohlockt.
Aus: So also ist das. So that’s what it’s like. Eine zweisprachige Anthologie britischer Gegenwartslyrik. Hrsg. Wolfgang Görtschacher u. Ludwig Laher. Innsbruck: Haymon, 2002, S. 104f
Ossip Mandelstam
(Осип Эмильевич Мандельштам, Osip Ėmil’evič Mandel’štam; * 3. jul. / 15. Januar 1891 greg. in Warschau, damals Russisches Kaiserreich; † 27. Dezember 1938 in einem Straflager bei Wladiwostok)
Die folgende Übersetzung von Max Zschorna ist in Prosa gesetzt, aber offensichtlich rhythmisch und in Versen nachgedichtet (siehe auch Zitat unten). Zeilengrenzen sind durch Schrägstrich, Strophengrenzen durch doppelten Schrägstrich markiert.
Aus: Verse vom unbekannten Soldaten
1
Diese Luft soll ein Zeuge sein – / dieser weitreichende Stoß von seinem Herz – / und der alles in den irdischen Festungen verschlingt, tatkräftig — / der Ozean, der fensterlose Stoff. // Wie verleumderisch sind diese Sterne: / Alles wollen sie beäugen – wozu? — / bei der Verurteilung vom Richter und vom Zeugen, / im Ozean, dem fensterlosen Stoff. // Der Regen weiß es noch, der düstre Sämann, / anonymes Manna (austeilend), / wie sie Wälder von Kreuzen pflanzten — / der Ozean oder Kriegskeil. // Frierend, siechend werden Menschen / sich erschlagen, friern und hungern, / und in sein berühmtes Grabmal / wird gebettet werden, unbekannt, der Soldat. // Unterweis mich, schwache Schwalbe, / die das Fliegen verlernt hat, / wie ich mich in diesem Luftgrab / ohne Steuer und Flügel halte! // Und im Auftrag von Lermontow, Michael, / gebe ich dir strengen Bericht, / wie das Grab den Buckligen belehrt / und die luftige Grube verlockt.
Aus dem Kommentar des Übersetzers
Bei der Übersetzung handelt es sich um eine Übertragung in rhythmisierte Prosa unter Anlehnung an das Originalmetrum (Anapäst). Einige wenige Verse nach Ralph Dutlis freier Nachdichtung in seiner Werkausgabe (Ossip Mandelstam, Die Woronescher Hefte. Letzte Gedichte. 1935—1937, Zürich 1996, S. 166-181). Im Gegensatz zu dieser bisher einzigen vollständigen Übertragung im Deutschen lag hier der Fokus auf der möglichst exakten Wiedergabe der polyphonen, sich überlagernden wie auch gegenläufigen Stimmführung des Gedichts, hauptsächlich seiner Bild- und Gedankenbewegungen, nachgeordnet und freier auch seiner Tonkunst. Mandelstam bezeichnete den Zyklus scherzhaft (?) auch als „Oratorium“.
Aus: Abwärts! Nr. 44, Mai 2022, S. 4f
СТИХИ О НЕИЗВЕСТНОМ СОЛДАТЕ Этот воздух пусть будет свидетелем, Дальнобойное сердце его, И в землянках всеядный и деятельный Океан без окна — вещество... До чего эти звезды изветливы! Все им нужно глядеть — для чего? В осужденье судьи и свидетеля, В океан без окна, вещество. Помнит дождь, неприветливый сеятель, — Безымянная манна его, — Как лесистые крестики метили Океан или клин боевой. Будут люди холодные, хилые Убивать, холодать, голодать И в своей знаменитой могиле Неизвестный положен солдат. Научи меня, ласточка хилая, Разучившаяся летать, Как мне с этой воздушной могилой Без руля и крыла совладать. И за Лермонтова Михаила Я отдам тебе строгий отчет, Как сутулого учит могила И воздушная яма влечет.
Heute wäre Thomas Kling 65 Jahre alt. Er starb zwei Monate vor dem 48. Geburtstag, ein junger Mann.
Thomas Kling
(* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)
schlagworte
du wirst mir mein wort im mund verdrehen
ich werde deinem wort den kopf verdrehen
du wirst aus deinem herzen keine wörter
grube machen mir werden die wörter zum
hals heraushängen
wir werden uns gegenseitig die wörter
zwischen den zähnen wegstochern
und dann
drehen wir unseren wörtern den hals um

26.5.-9.6.78
Aus: Thomas Kling, Gedichte 1977-1991 (Werke 1. Hrsg. Gabriele Wix). Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 395
Der französische Schriftsteller Pierre Louÿs war ein Meister der erotischen Literatur und ein Fälscher. Von ihm stammt der Roman Dieses obskure Objekt der Begierde (verfilmt von Luis Buñuel) und, eine Sensation, die angebliche Übersetzung einer bisher unbekannten griechischen Dichterin aus dem Umkreis der Sappho, Bilitis. Er hat sie erfunden, das Buch erschien 1894. Etliche fielen darauf herein, bevor er selber die Mystifikation zugab.
Pierre Louÿs
(* 10. Dezember 1870 in Gent; † 4. Juni 1925 in Paris)
DER VERLORNE BRIEF.
Weh über mich! Ich verlor seinen Brief. Ich hatt‘ ihn unter mein Strophion auf die Haut gelegt, auf meinen warmen Busen. Ich bin gelaufen, er wird herabgefallen sein.
Ich will umkehren und den Weg zurückgehn! wenn einer ihn fände, möcht‘ man’s meiner Mutter sagen und ich würde vor meinen spottlustigen Schwestern geschlagen.
Ist’s ein Mann, der ihn fand, wird er ihn wiederbringen; oder wenn er insgeheim mich sprechen will, weiß ich ein Mittel, ihn ihm zu rauben.
Ist’s ein Weib, das ihn fand, dann nimm mich auf in deinen Schutz, o Vater Zeus! Sie wird es aller Welt erzählen oder mir meinen Geliebten nehmen.
Aus: Pierre Louÿs, Lieder der Bilitis. [Ins Deutsche übertragen von Richard Hübner.] Leipzig: Zeitler, 1907, S. 55.
LA LETTRE PERDUE
Hélas sur moi ! j’ai perdu sa lettre. Je l’avais mise entre ma peau et mon strophion, sous la chaleur de mon sein. J’ai couru, elle sera tombée.
Je vais retourner sur mes pas : si quelqu’un la trouvait, on le dirait à ma mère et je serais fouettée devant mes sœurs moqueuses.
Si c’est un homme qui l’a trouvée il me la rendra ; ou même, s’il veut me parler en secret je sais le moyen de la lui ravir.
Si c’est une femme qui l’a lue, ô Dzeus Gardien, protège-moi ! car elle le dira à tout le monde, ou elle me prendra mon amant.
L&Poe Journal #02 Betrachtung und Kritik
Michael Gratz (Greifswald)
Ende Mai bekam ich in meiner Buchhandlung Heft 136 von Lettre International und die Nummern 43 und 44 von Abwärts! (dem Nachfolgeorgan mehrerer Zeitschriften wie Sklaven, Sklavenaufstand, Gegner und Floppy Myriapoda). 43 ist auf März, 44 auf Mai datiert, Lettre auf „Mitte Juni“. Zu spät für den Redaktionsschluß des L&Poe Journal #02, aber ich sehe sie wenigstens darauf durch, ob / wie sie auf Russlands Invasion der Ukraine reagieren. Abwärts! wird redigiert von Alexander Krohn, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Henning Rabe, Stefan Ret, Su Tiqqun und Hugo Velarde. Die Märzausgabe dürfte ihren Redaktionsschluß um den Jahresanfang gehabt haben, kann also nicht direkt reagieren. In einer Fortsetzungsgeschichte von Gerd Schönfeld (der am 13. Oktober 2021 gestorben war), die in der DDR handelt und in der die „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ (eine DDR-Massenorganisation, abgekürzt DSF) einen Auftritt hat, kommt die Wlassow-Armee vor. Wlassow war ein sowjetischer General, der in der Ukraine zunächst erfolgreich gegen die deutschen Aggressoren kämpfte, später die Seiten wechselte und sich mit Hitlers und Himmlers Segen gegen die Rote Armee wandte – er wurde am 1. August 1945 in Moskau gehängt. Das ist vermintes Gelände wie so vieles zwischen Russen und Ukrainern und den Deutschen mittendrin und gehört insofern zur Vorgeschichte des aktuellen Krieges.
In einem Text von Jürgen Schneider erfahren wir, dass Schönfeld ungeimpft an Corona gestorben war (er ruft ihm nach, eine BionTech- oder Moderna-Impfung wäre eine gute Idee gewesen).
Bei Schneider lese ich auch einen zitierten Satz, den ich mir merken (und vielleicht auch mal im Abwärts!-Milieu gebrauchen) will: Man „könne einen Künstler oder Dichter wegen mangelnder Vorstellungskraft nicht verdammen, wohl aber könnten schädliche Ideen, die sie hervorbringen, angegriffen werden“ (Hakim Bey). Passt auf viele in viele Richtungen.
Schneider spottet über Matthias Polityckis Flucht nach Wien und geht dann kritisch bis hämisch auf die Grünen ein, die den „Angriffskrieg“ in Jugoslawien unterstützten. Ob er auch den russischen Angriffskrieg verdammen wird, bei dem die Grünen (in meiner Lesart) sich gegen einen Angriffskrieg wenden statt einen zu unterstützen, bleibt abzuwarten. Schneider hat seinen Aufsatz im August 2021 geschrieben und Ende Oktober ergänzt (als Putins Aufmarsch entlang der ukrainischen Grenzen schon unübersehbar war). Ein Satz Schneiders stimmt skeptisch: „Ein John Heartfield wäre nie auf die Idee gekommen, sich grünen Systembewahrern, Russlandhetzern und Krieggutheißern anzuschließen (…)“. Dass‘ ja wohl ein ziemliches Dilemma. Ich werde es im Auge behalten.
Abwärts! Nr. 44 ist schon äußerlich auf Krieg eingestellt. Das Titelbild zeigt Soldaten (?) und Hubschrauber in einer Mondlandschaft, die Abbildungen von Christian Grosskopf ziehen sich durch das ganze Heft und zeigen Menschen mit Helmen, Hubschrauber, Gasmasken, Panzer, Verwundete, Rauchsäulen, Raketen und Bombenflugzeuge. Die Bilder sind aber älter als der jetzige Krieg (2008-2021) und tragen durchweg „zivile“ Titel wie: Seltener Sand, Akrobaten, Ikarus oder Pilotenfehler.
Die größeren literarischen und politischen Beiträge gehen auf den Krieg nicht ein, auch nicht Schneider, aus dessen Kolumne L.I.T. ich zitiert hatte. In dieser Folge beschäftigt er sich u.a. mit der Diskussion um die Kasseler Documenta und den Autorinnen Ré Soupault und ruth weiss. Literarisches Highlight der Ausgabe ist für mich Max Zschornas Übersetzungsprojekt von Ossip Mandelstams „Versen vom unbekannten Soldaten“. Bemerkenswert sind die Übersetzungsmethode und die spannenden Verweise auf Mandelstams Subtexte (ich nenne ein paar Namen: Puschkin, Lermontow, Chlebnikow, Leibniz, Dante, Homer).
Nur zwei datierte Gedichte beziehen sich direkt auf den jetzigen Krieg. Ronald Galenzas auf den 16.3. datiertes Gedicht „körper auf asphalt“ nennt nur den fiktiven Ortsnamen „moonhausen“, aber es benennt das uns rund um die Uhr erreichende Bild des Kriegsinfernos (blaulicht samt raketen, notoperationen, stellungskämpfe, stromausfall, fremde leute voller waffen an der tür) und die geschichtspolitischen eckdaten mit den Namen Lenin (der jüngst in den Geschichtsprojektionen Putins wieder ins Rampenlicht gerückt war) und Stalin. Auch die Opfer des Überfalls werden angesprochen:
ihr flüstert noch ihr würdet
als partisanen wiederkommen
jaja wir hatten alle träume
Andreas Pauls Gedicht trägt das Datum 24.2.-18.3. Der Titel verweist unmittelbar auf den Beginn der Invasion, „Jetzt fängt der Krieg an Panzer fahrn auf Zügen“. Konkreta des Krieges kommen dann nur noch in der ersten Zeile vor: „Und Zivilisten fliehn in Reisebussen“. Sein Gedicht geht eher auf „den Krieg“ im Allgemeinen, „In wechselnden Kulissen immer dasselbe Stück“. Parallelen zu Bagdad werden aufgerufen, der Schluß zitiert ein gern gebrauchtes Klischee, wenn man zu einem konkreten Krieg nichts sagen will oder der öffentlichen (oder amtlichen?) Meinung (oder Meinungen überhaupt?) misstraut: „Die Wahrheit ist das erste große Opfer / Am Eingang der Chaussee der Invaliden“. Ich finde den Spruch immer etwas deplaziert* (der seit 2014 laufende Krieg hatte schon vor dem laufenden Jahr 13000 Opfer gefordert). Uwe Johnson hätte in seiner gründlich bedächtigen Art Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit erörtert: Fahren die Reisebusse aus Kiew Richtung Westukraine? Aus dem belagerten Mariupol, wo sie vor der Stadt von russischen Soldaten angehalten – oder beschossen – werden? Oder aus den von Separatisten und russischen Streitkräften besetzten Gebieten Richtung Russland?
Wird fortgesetzt.
*) Die Abweichung von der amtlichen Rechtschreibung ist gewollt, d. Verf.
Detlev von Liliencron
(* 3. Juni 1844 in Kiel; † 22. Juli 1909 in Alt-Rahlstedt)
Hans der Schwärmer.
Hans Töffel liebt Schön Doris sehr,
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr.
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie,
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie.
Im Kreise liest er Gedichte vor,
Schön Doris steht unten am Gartenthor:
Ach, käm' er doch frisch zu mir hergesprungen,
Wie wollt' ich ihn herzen, den lieben Jungen.
Hans Töffel liest oben Gedichte.
Am andern Abend, der blöde Thor,
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor.
Schön Doris das wirklich sehr verdrießt,
Daß er immer weiter und weiter liest.
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht,
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht.
Schön Doris steht unten in Rosendüften
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften.
Hans Töffel ließt oben Gedichte.
Am andern Abend ist großes Fest,
Viel Menschen sind eng aneinander gepreßt.
Heut muß er's doch endlich sehn der Poet,
Wenn Schön Doris sacht aus der Thüre geht.
Potz Tausend, er merkt es und merkt es auch nicht,
Er spricht und verzapft gar ein eigen Gedicht.
Und unten im stillen, dunklen Garten
Muß Schön Doris vergeblich, vergeblich warten.
Hans Töffel ließt oben Gedichte.
Am andern Abend, beim heiligen Gral,
Schön Doris fehlt im Gesellschaftssaal.
Und ist auch Hans Töffel mein Freund und mir wert --
Die Katze schläft unten am Feuerherd,
Beim Kätzchen steht sinnend Schön Doris und sehnt,
Ihr Köpfchen an meiner Schulter lehnt.
Und hätt' ich auch eine Legion Verdammer,
Zu süß war die Stunde bei ihr in der Kammer.
Hans Töffel liest oben Gedichte.
Aus: Detlev von Liliencron: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig: Friedrich [1883], S. 51f
Am 28. Mai starb der amerikanische Autor Walter Abish. Unser kleines Gedenkblatt mit einem Auszug aus „Alphabetisches Afrika“.
Walter Abish
(* 24. Dezember 1931 in Wien, Österreich; † 28. Mai 2022 in New York City)
Africa again: Antelopes, alligators, ants and attractive Alva, are arousing all angular Africans, also arousing author’s analytically aggressive anticipations, again and again. Anyhow author apprehends Alva anatomically, affirmatively and also accurately.
Abermals Afrika. Adler, Antilopen, Alligatoren. Außerdem Alvas akute Anziehungskraft, anstößige Aufforderungen an aufgedrehte Afrikaner aussendend, andererseits auch apollinischem, akribischem Autor Aufmerksamkeit abverlangend. Autors angeheizte Ansichten, Aussichten, Absichten aufgestachelt. Allerdings ängstigt Alva Autor A. anatomisch ätzend, aber auch absolut akkurat: Ausbund absonderlicher Avancen. Abstinenz ausgeschlossen.

Deutsche Fassung von Jürg Laederach. Aus: Walter Abish, Alphabetical Africa. Alphabetisches Afrika, Jürg Laederach. Basel: Urs Engeler Editor, 2002, S. 7 / 208.
F.C. (Friedrich Christian) Delius ist vorgestern in Berlin gestorben. Hier ein Gedicht aus den fernen 70ern, 8 mal 7 Jahre her.
F.C. Delius
(* 13. Februar 1943 in Rom; † 30. Mai 2022 in Berlin)
Lob des Gehirns Von Eric Burdon eine Platte hatte ich aufgelegt und las in der Zeitung, was ein Hirnforscher sagte: unser Gehirn muß täglich so viel Informationen speichern und verarbeiten wie früher im ganzen Leben, da dacht ich, höchste Zeit für ein Lob, ein Lob unsern schwer arbeitenden Hirnen!, während die Zellen da oben schon wieder in Aufruhr waren, Eric Burdons Schreie, die lösten solche elektrochemischen, elektromechanischen Prozesse aus, Drüsen und Muskeln tobten, und ich dachte nur einfach: schöne Musik. Voll geladen mit Informationen sind meine 12 Milliarden Nervenzellen, und ein paar Millionen sind immer dabei, bei jeder Bewegung, jedem Blick, und wenn die Phantasie loslegt oder die Aufmerksamkeit für deinen großen Zeh oder wenn wir unsre Körper heftig aneinanderreiben, finden dort oben die aufregendsten Prozesse statt. Ich weiß nicht, wie mein Kopf mit Burdon fertig wird. Ich weiß nichts von dem ständigen Aufnehmen, Verarbeiten und Filtern der ständigen Reize, ich weiß nur, was ich heute weiß, ist in sieben Jahren nur noch die Hälfte wert. So naiv lernen wir und wälzen die bescheidene Unendlichkeit des Gedächtnisses ständig um. Und ein besonderes Lob, sagt Eric Burdon, verdienen all die überladenen Schädel, die noch dazu den ständigen Frühlingsdonner, die permanenten Erregungen der Hoffnung weiterleiten.
Aus: F.C. Delius: Ein Bankier auf der Flucht. Gedichte und Reisebilder. Berlin: Rotbuch, 1975, S. 10
L&Poe Journal #02 – Alter Text
In den Anfängen im Jahr 2001 kürzte ich den Namen „Lyrikzeitung & Poetry News“ mit L&P ab. Der doppelte deutsch-englische Name sollte Programm für weltoffene und womöglich mehrsprachige Nachrichten sein, News auch schon mit dem Hintergedanken, der heute offen als Motto dient, der Definition von Ezra Pound: Poetry is news that stays news.
Irgendwann kam ich auf die Idee, das Kürzel zu erweitern: L&Poe. Natürlich dachte ich an den Dichter, dessen Namen erscheint, wenn man das Kürzel auf Englisch spricht: L`n Poe, Allan Poe. (Manchmal kürze ich auch LnPoe ab).
Und gewiß war auch der Kurzname programmatisch. War mir Poe anfangs „nur“ als Verfasser von Schauergeschichten bekannt, hatte ich mich langsam in seine Bedeutung für die Literatur der Moderne eingelesen. Insbesondere Baudelaire „entdeckte“ ihn für Frankreich und Europa.
Als ich zum ersten Mal ein Buch öffnete, das er geschrieben hatte, sah ich mit gleichen Maßen des Grauens und der Faszination, nicht nur die Dinge, von denen ich geträumt hatte, sondern auch tatsächliche Phrasen, die ich entworfen hatte und die er zwanzig Jahre zuvor geschrieben hatte.
Baudelaire 1864
Die Rolle Poes in der Entwicklung der modernen europäischen Lyrik im 19. Jahrhundert lässt sich sehr gut in Walter Höllerer Anthologie „Theorie der modernen Lyrik“ beobachten, die zuerst 1965 in der Reihe „rowohlts deutsche enzyklopädie“ erschien. Sie beginnt mit zwei sehr entgegengesetzten Berichten über die (wirkliche oder behauptete, der Unterschied ist hier nicht wichtig) Entstehung von Gedichten. Samuel Taylor Coleridge beschreibt die Entstehung seines Gedichts „Kubla Khan“ aus einem (Opium-)Traum, Poe dagegen die Entstehung seines „Raben“ quasi als Lösung einer mathematischen Aufgabe. Baudelaire wird gern einseitig mit Rausch in Verbindung gebracht, aber er war auch fasziniert von Poe und vom Bild des modernen „Dichter-Laboranten“.
Ich eröffne die Rubrik „Alter Text“ mit Poes Gedicht „Der Rabe“ im Original und in zwei Nachdichtungen.
The Raven
BY EDGAR ALLAN POE
Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore—
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
“’Tis some visitor,” I muttered, “tapping at my chamber door—
Only this and nothing more.”
Ah, distinctly I remember it was in the bleak December;
And each separate dying ember wrought its ghost upon the floor.
Eagerly I wished the morrow;—vainly I had sought to borrow
From my books surcease of sorrow—sorrow for the lost Lenore—
For the rare and radiant maiden whom the angels name Lenore—
Nameless here for evermore.
And the silken, sad, uncertain rustling of each purple curtain
Thrilled me—filled me with fantastic terrors never felt before;
So that now, to still the beating of my heart, I stood repeating
“’Tis some visitor entreating entrance at my chamber door—
Some late visitor entreating entrance at my chamber door;—
This it is and nothing more.”
Presently my soul grew stronger; hesitating then no longer,
“Sir,” said I, “or Madam, truly your forgiveness I implore;
But the fact is I was napping, and so gently you came rapping,
And so faintly you came tapping, tapping at my chamber door,
That I scarce was sure I heard you”—here I opened wide the door;—
Darkness there and nothing more.
Deep into that darkness peering, long I stood there wondering, fearing,
Doubting, dreaming dreams no mortal ever dared to dream before;
But the silence was unbroken, and the stillness gave no token,
And the only word there spoken was the whispered word, “Lenore?”
This I whispered, and an echo murmured back the word, “Lenore!”—
Merely this and nothing more.
Back into the chamber turning, all my soul within me burning,
Soon again I heard a tapping somewhat louder than before.
“Surely,” said I, “surely that is something at my window lattice;
Let me see, then, what thereat is, and this mystery explore—
Let my heart be still a moment and this mystery explore;—
’Tis the wind and nothing more!”
Open here I flung the shutter, when, with many a flirt and flutter,
In there stepped a stately Raven of the saintly days of yore;
Not the least obeisance made he; not a minute stopped or stayed he;
But, with mien of lord or lady, perched above my chamber door—
Perched upon a bust of Pallas just above my chamber door—
Perched, and sat, and nothing more.
Then this ebony bird beguiling my sad fancy into smiling,
By the grave and stern decorum of the countenance it wore,
“Though thy crest be shorn and shaven, thou,” I said, “art sure no craven,
Ghastly grim and ancient Raven wandering from the Nightly shore—
Tell me what thy lordly name is on the Night’s Plutonian shore!”
Quoth the Raven “Nevermore.”
Much I marvelled this ungainly fowl to hear discourse so plainly,
Though its answer little meaning—little relevancy bore;
For we cannot help agreeing that no living human being
Ever yet was blessed with seeing bird above his chamber door—
Bird or beast upon the sculptured bust above his chamber door,
With such name as “Nevermore.”
But the Raven, sitting lonely on the placid bust, spoke only
That one word, as if his soul in that one word he did outpour.
Nothing farther then he uttered—not a feather then he fluttered—
Till I scarcely more than muttered “Other friends have flown before—
On the morrow he will leave me, as my Hopes have flown before.”
Then the bird said “Nevermore.”
Startled at the stillness broken by reply so aptly spoken,
“Doubtless,” said I, “what it utters is its only stock and store
Caught from some unhappy master whom unmerciful Disaster
Followed fast and followed faster till his songs one burden bore—
Till the dirges of his Hope that melancholy burden bore
Of ‘Never—nevermore’.”
But the Raven still beguiling all my fancy into smiling,
Straight I wheeled a cushioned seat in front of bird, and bust and door;
Then, upon the velvet sinking, I betook myself to linking
Fancy unto fancy, thinking what this ominous bird of yore—
What this grim, ungainly, ghastly, gaunt, and ominous bird of yore
Meant in croaking “Nevermore.”
This I sat engaged in guessing, but no syllable expressing
To the fowl whose fiery eyes now burned into my bosom’s core;
This and more I sat divining, with my head at ease reclining
On the cushion’s velvet lining that the lamp-light gloated o’er,
But whose velvet-violet lining with the lamp-light gloating o’er,
She shall press, ah, nevermore!
Then, methought, the air grew denser, perfumed from an unseen censer
Swung by Seraphim whose foot-falls tinkled on the tufted floor.
“Wretch,” I cried, “thy God hath lent thee—by these angels he hath sent thee
Respite—respite and nepenthe from thy memories of Lenore;
Quaff, oh quaff this kind nepenthe and forget this lost Lenore!”
Quoth the Raven “Nevermore.”
“Prophet!” said I, “thing of evil!—prophet still, if bird or devil!—
Whether Tempter sent, or whether tempest tossed thee here ashore,
Desolate yet all undaunted, on this desert land enchanted—
On this home by Horror haunted—tell me truly, I implore—
Is there—is there balm in Gilead?—tell me—tell me, I implore!”
Quoth the Raven “Nevermore.”
“Prophet!” said I, “thing of evil!—prophet still, if bird or devil!
By that Heaven that bends above us—by that God we both adore—
Tell this soul with sorrow laden if, within the distant Aidenn,
It shall clasp a sainted maiden whom the angels name Lenore—
Clasp a rare and radiant maiden whom the angels name Lenore.”
Quoth the Raven “Nevermore.”
“Be that word our sign of parting, bird or fiend!” I shrieked, upstarting—
“Get thee back into the tempest and the Night’s Plutonian shore!
Leave no black plume as a token of that lie thy soul hath spoken!
Leave my loneliness unbroken!—quit the bust above my door!
Take thy beak from out my heart, and take thy form from off my door!”
Quoth the Raven “Nevermore.”
And the Raven, never flitting, still is sitting, still is sitting
On the pallid bust of Pallas just above my chamber door;
And his eyes have all the seeming of a demon’s that is dreaming,
And the lamp-light o’er him streaming throws his shadow on the floor;
And my soul from out that shadow that lies floating on the floor
Shall be lifted—nevermore!
The Raven (Christopher Lee)
Der Rabe
Aus dem Englischen von Hans Wollschläger
© Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld
Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem alten Folio lang vergess’ner Lehr’ –
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
»’s ist Besuch wohl«, murrt’ ich, »was da pocht so knöchern zu mir her —
das allein – nichts weiter mehr.«
Ah, ich kann’s genau bestimmen: im Dezember war’s, dem grimmen,
und der Kohlen matt Verglimmen schuf ein Geisterlicht so leer.
Brünstig wünscht’ ich mir den Morgen; – hatt’ umsonst versucht zu borgen
von den Büchern Trost dem Sorgen, ob Lenor’ wohl selig wär’ –
ob Lenor’, die ich verloren, bei den Engeln selig wär’ –
bei den Engeln — hier nicht mehr.
Und das seidig triste Drängen in den purpurnen Behängen
füllt’, durchwühlt’ mich mit Beengen, wie ich’s nie gefühlt vorher;
also daß ich den wie tollen Herzensschlag mußt’ wiederholen:
»’s ist Besuch nur, der ohn’ Grollen mahnt, daß Einlaß er begehr’ –
nur ein später Gast, der friedlich mahnt, daß Einlaß er begehr’; –
ja, nur das – nichts weiter mehr.«
Augenblicklich schwand mein Bangen, und so sprach ich unbefangen:
»Gleich, mein Herr – gleich, meine Dame – um Vergebung bitt’ ich sehr;
just ein Nickerchen ich machte, und Ihr Klopfen klang so sachte,
daß ich kaum davon erwachte, sachte von der Türe her –
doch nun tretet ein!« – und damit riß weit auf die Tür ich – leer!
Dunkel dort – nichts weiter mehr.
Tief ins Dunkel späht’ ich lange, zweifelnd, wieder seltsam bange,
Träume träumend, wie kein sterblich Hirn sie träumte je vorher;
doch die Stille gab kein Zeichen; nur ein Wort ließ hin sie streichen
durch die Nacht, das mich erbleichen ließ: das Wort »Lenor’?« so schwer –
selber sprach ich’s, und ein Echo murmelte’s zurück so schwer:
nur »Lenor’!« — nichts weiter mehr.
Da ich nun zurück mich wandte und mein Herz wie Feuer brannte,
hört’ ich abermals ein Pochen, etwas lauter denn vorher.
»Ah, gewiß«, so sprach ich bitter, »liegt’s an meinem Fenstergitter;
Schaden tat ihm das Gewitter jüngst – ja, so ich’s mir erklär’; –
schweig denn still, mein Herze, laß mich nachsehn, daß ich’s mir erklär’: –
’s ist der Wind — nichts weiter mehr!«
Auf warf ich das Fenstergatter, als herein mit viel Geflatter
schritt ein stattlich stolzer Rabe wie aus Sagenzeiten her;
Grüßen lag ihm nicht im Sinne; keinen Blick lang hielt er inne;
mit hochherrschaftlicher Miene flog empor zur Türe er –
setzt’ sich auf die Pallas-Büste überm Türgesims dort – er
flog und saß — nichts weiter mehr.
Doch dies ebenholzne Wesen ließ mein Bangen rasch genesen,
ließ mich lächeln ob der Miene, die es macht’ so ernst und hehr:
»Ward dir auch kein Kamm zur Gabe«, sprach ich, »so doch stolz Gehabe,
grauslich grimmer alter Rabe, Wanderer aus nächtger Sphär’ –
sag, welch hohen Namen gab man dir in Plutos nächtger Sphär?«
Sprach der Rabe, »Nimmermehr.«
Staunend hört’ dies rauhe Klingen ich dem Schnabel sich entringen,
ob die Antwort schon nicht eben sinnvoll und bedeutungsschwer;
denn wir dürfen wohl gestehen, daß es keinem noch geschehen,
solch ein Tier bei sich zu sehen, das vom Türgesimse her –
das von einer Marmor-Büste überm Türgesimse her
sprach, es heiße »Nimmermehr.«
Doch der droben einsam ragte und dies eine Wort nur sagte,
gleich als schütte seine Seele aus in diesem Worte er,
keine Silbe sonst entriß sich seinem düstren Innern, bis ich
seufzte: »Mancher Freund verließ mich früher schon ohn’ Wiederkehr –
morgen wird er mich verlassen, wie mein Glück – ohn’ Wiederkehr.«
Doch da sprach er, »Nimmermehr!«
Einen Augenblick erblassend ob der Antwort, die so passend,
sagt’ ich, »Fraglos ist dies alles, was das Tier gelernt bisher:
’s war bei einem Herrn in Pflege, den so tief des Schicksals Schläge
trafen, daß all seine Wege schloß dies eine Wort so schwer –
daß all seiner Hoffnung Lieder als Refrain beschloß so schwer
dies »Nimmer — nimmermehr.«
Doch was Trübes ich auch dachte, dieses Tier mich lächeln machte,
immer noch, und also rollt’ ich stracks mir einen Sessel her
und ließ die Gedanken fliehen, reihte wilde Theorien,
Phantasie an Phantasien: wie’s wohl zu verstehen wär’ –
wie dies grimme, ominöse Wesen zu verstehen wär’,
wenn es krächzte »Nimmermehr.«
Dieses zu erraten, saß ich wortlos vor dem Tier, doch fraß sich
mir sein Blick ins tiefste Innre nun, als ob er Feuer war’;
brütend über Ungewissem legt’ ich, hin und her gerissen,
meinen Kopf aufs samtne Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr –
auf das violette Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr,
doch nun, ach! drückt nimmermehr!
Da auf einmal füllten Düfte, dünkt’ mich, weihrauchgleich die Lüfte,
und seraphner Schritte Klingen drang vom Estrich zu mir her.
»Ärmster«, rief ich, »sieh, Gott sendet seine Engel dir und spendet
Nepenthes, worinnen endet nun Lenor’s Gedächtnis schwer;
trink das freundliche Vergessen, das bald tilgt, was in dir schwer!«
Sprach der Rabe, »Nimmermehr.«
»Ah, du prophezeist ohn’ Zweifel, Höllenbrut! Ob Tier, ob Teufel
ob dich der Versucher sandte, ob ein Sturm dich ließ hierher,
trostlos, doch ganz ohne Bangen, in dies öde Land gelangen,
in dies Haus, von Graun umfangen, – sag’s mir ehrlich, bitt’ dich sehr –
gibt es — gibt’s in Gilead Balsam? — sag’s mir — sag mir, bitt’ dich sehr!«
Sprach der Rabe, »Nimmermehr.«
»Ah! dann nimm den letzten Zweifel, Höllenbrut – ob Tier, ob Teufel!
Bei dem Himmel, der hoch über uns sich wölbt – bei Gottes Ehr’
künd mir: wird es denn geschehen, daß ich einst in Edens Höhen
darf ein Mädchen wiedersehen, selig in der Engel Heer –
darf Lenor’, die ich verloren, sehen in der Engel Heer?«
Sprach der Rabe, »Nimmermehr.«
»Sei denn dies dein Abschiedszeichen«, schrie ich, »Unhold ohnegleichen!
Hebe dich hinweg und kehre stracks zurück in Plutos Sphär’!
Keiner einz’gen Feder Schwärze bleibe hier, dem finstern Scherze
Zeugnis! Laß mit meinem Schmerze mich allein! hinweg dich scher!
Friß nicht länger mir am Leben! Pack dich! Fort! Hinweg dich scher!«
Sprach der Rabe, »Nimmermehr.«
Und der Rabe rührt’ sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer
auf der bleichen Pallas-Büste überm Türsims wie vorher;
und in seinen Augenhöhlen eines Dämons Träume schwelen,
und das Licht wirft seinen scheelen Schatten auf den Estrich schwer;
und es hebt sich aus dem Schatten auf dem Estrich dumpf und schwer
meine Seele – nimmermehr.
Aus: E.A. Poe: Der Rabe. Gedichte – Essays. Aus dem Amerikanischen von Arno Schmidt, Hans Wollschläger, Friedrich Polacovics und Ursula Wernicke. Zürich: Haffmanns, 1994, S. 137ff.
Baudelaire übersetzt das Gedicht ohne Reim und Metrum, also in Prosa. Wie rhythmisch seine Sprache dennoch ist, merkt man nur, wenn man es gut gesprochen hört..
Le Corbeau (traduit par Charles Baudelaire)
« Une fois, sur le minuit lugubre, pendant que je méditais, faible et fatigué, sur maint précieux et curieux volume d’une doctrine oubliée, pendant que je donnais de la tête, presque assoupi, soudain il se fit un tapotement, comme de quelqu’un frappant doucement, frappant à la porte de ma chambre. « C’est quelque visiteur, — murmurai-je, — qui frappe à la porte de ma chambre ; ce n’est que cela, et rien de plus. »
Ah ! distinctement je me souviens que c’était dans le glacial décembre, et chaque tison brodait à son tour le plancher du reflet de son agonie. Ardemment je désirais le matin ; en vain m’étais-je efforcé de tirer de mes livres un sursis à ma tristesse, ma tristesse pour ma Lénore perdue, pour la précieuse et rayonnante fille que les anges nomment Lénore, — et qu’ici on ne nommera jamais plus.
Et le soyeux, triste et vague bruissement des rideaux pourprés me pénétrait, me remplissait de terreurs fantastiques, inconnues pour moi jusqu’à ce jour ; si bien qu’enfin, pour apaiser le battement de mon cœur, je me dressai, répétant : « C’est quelque visiteur qui sollicite l’entrée à la porte de ma chambre, quelque visiteur attardé sollicitant l’entrée à la porte de ma chambre ; — c’est cela même, et rien de plus. »
Mon âme en ce moment se sentit plus forte. N’hésitant donc pas plus longtemps : « Monsieur, — dis-je, — ou madame, en vérité j’implore votre pardon ; mais le fait est que je sommeillais, et vous êtes venu frapper si doucement, si faiblement vous êtes venu taper à la porte de ma chambre, qu’à peine étais-je certain de vous avoir entendu. » Et alors j’ouvris la porte toute grande ; — les ténèbres, et rien de plus !
Scrutant profondément ces ténèbres, je me tins longtemps plein d’étonnement, de crainte, de doute, rêvant des rêves qu’aucun mortel n’a jamais osé rêver ; mais le silence ne fut pas troublé, et l’immobilité ne donna aucun signe, et le seul mot proféré fut un nom chuchoté : « Lénore ! » — C’était moi qui le chuchotais, et un écho à son tour murmura ce mot : « Lénore ! » — Purement cela, et rien de plus.
Rentrant dans ma chambre, et sentant en moi toute mon âme incendiée, j’entendis bientôt un coup un peu plus fort que le premier. « Sûrement, — dis-je, — sûrement, il y a quelque chose aux jalousies de ma fenêtre ; voyons donc ce que c’est, et explorons ce mystère. Laissons mon cœur se calmer un instant, et explorons ce mystère ; — c’est le vent, et rien de plus. »
Je poussai alors le volet, et, avec un tumultueux battement d’ailes, entra un majestueux corbeau digne des anciens jours. Il ne fit pas la moindre révérence, il ne s’arrêta pas, il n’hésita pas une minute ; mais, avec la mine d’un lord ou d’une lady, il se percha au-dessus de la porte de ma chambre ; il se percha sur un buste de Pallas juste au-dessus de la porte de ma chambre ; — il se percha, s’installa, et rien de plus.
Alors cet oiseau d’ébène, par la gravité de son maintien et la sévérité de sa physionomie, induisant ma triste imagination à sourire : « Bien que ta tête, — lui dis-je, — soit sans huppe et sans cimier, tu n’es certes pas un poltron, lugubre et ancien corbeau, voyageur parti des rivages de la nuit. Dis-moi quel est ton nom seigneurial aux rivages de la Nuit plutonienne ! » Le corbeau dit : « Jamais plus ! »
Je fus émerveillé que ce disgracieux volatile entendît si facilement la parole, bien que sa réponse n’eût pas un bien grand sens et ne me fût pas d’un grand secours ; car nous devons convenir que jamais il ne fut donné à un homme vivant de voir un oiseau au-dessus de la porte de sa chambre, un oiseau ou une bête sur un buste sculpté au-dessus de la porte de sa chambre, se nommant d’un nom tel que Jamais plus !
Mais le corbeau, perché solitairement sur le buste placide, ne proféra que ce mot unique, comme si dans ce mot unique il répandait toute son âme. Il ne prononça rien de plus ; il ne remua pas une plume, — jusqu’à ce que je me prisse à murmurer faiblement : « D’autres amis se sont déjà envolés loin de moi ; vers le matin, lui aussi, il me quittera comme mes anciennes espérances déjà envolées. » L’oiseau dit alors : « Jamais plus ! »
Tressaillant au bruit de cette réponse jetée avec tant d’à-propos : « Sans doute, — dis-je, — ce qu’il prononce est tout son bagage de savoir, qu’il a pris chez quelque maître infortuné que le Malheur impitoyable a poursuivi ardemment, sans répit, jusqu’à ce que ses chansons n’eussent plus qu’un seul refrain, jusqu’à ce que le De profundis de son Espérance eût pris ce mélancolique refrain : Jamais, jamais plus !
Mais, le corbeau induisant encore toute ma triste âme à sourire, je roulai tout de suite un siège à coussins en face de l’oiseau et du buste et de la porte ; alors, m’enfonçant dans le velours, je m’appliquai à enchaîner les idées aux idées, cherchant ce que cet augural oiseau des anciens jours, ce que ce triste, disgracieux, sinistre, maigre et augural oiseau des anciens jours voulait faire entendre en croassant son Jamais plus !
Je me tenais ainsi, rêvant, conjecturant, mais n’adressant plus une syllabe à l’oiseau, dont les yeux ardents me brûlaient maintenant jusqu’au fond du cœur ; je cherchais à deviner cela, et plus encore, ma tête reposant à l’aise sur le velours du coussin que caressait la lumière de la lampe, ce velours violet caressé par la lumière de la lampe que sa tête, à Elle, ne pressera plus, — ah ! jamais plus !
Alors il me sembla que l’air s’épaississait, parfumé par un encensoir invisible que balançaient des séraphins dont les pas frôlaient le tapis de la chambre. « Infortuné ! — m’écriai-je, — ton Dieu t’a donné par ses anges, il t’a envoyé du répit, du répit et du népenthès dans tes ressouvenirs de Lénore ! Bois, oh ! bois ce bon népenthès, et oublie cette Lénore perdue ! » Le corbeau dit : « Jamais plus ! »
« Prophète ! — dis-je, — être de malheur ! oiseau ou démon, mais toujours prophète ! que tu sois un envoyé du Tentateur, ou que la tempête t’ait simplement échoué, naufragé, mais encore intrépide, sur cette terre déserte, ensorcelée, dans ce logis par l’Horreur hanté, — dis-moi sincèrement, je t’en supplie, existe-t-il, existe-t-il ici un baume de Judée ? Dis, dis, je t’en supplie ! » Le corbeau dit : « Jamais plus ! »
« Prophète ! — dis-je, — être de malheur ! oiseau ou démon ! toujours prophète ! par ce Ciel tendu sur nos têtes, par ce Dieu que tous deux nous adorons, dis à cette âme chargée de douleur si, dans le Paradis lointain, elle pourra embrasser une fille sainte que les anges nomment Lénore, embrasser une précieuse et rayonnante fille que les anges nomment Lénore. » Le corbeau dit : « Jamais plus ! »
« Que cette parole soit le signal de notre séparation, oiseau ou démon ! — hurlai-je en me redressant. — Rentre dans la tempête, retourne au rivage de la Nuit plutonienne ; ne laisse pas ici une seule plume noire comme souvenir du mensonge que ton âme a proféré ; laisse ma solitude inviolée ; quitte ce buste au-dessus de ma porte ; arrache ton bec de mon cœur et précipite ton spectre loin de ma porte ! » Le corbeau dit : « Jamais plus ! »
Et le corbeau, immuable, est toujours installé, toujours installé sur le buste pâle de Pallas, juste au-dessus de la porte de ma chambre ; et ses yeux ont toute la semblance des yeux d’un démon qui rêve ; et la lumière de la lampe, en ruisselant sur lui, projette son ombre sur le plancher ; et mon âme, hors du cercle de cette ombre qui gît flottante sur le plancher, ne pourra plus s’élever, — jamais plus !
Georg Herwegh
(* 31. Mai 1817 in Stuttgart, heute vor 205 Jahren; † 7. April 1875 in Lichtental)
Den Naturdichtern. Titan und Zwerg, das Große, wie das Kleine, Ist Poesie, und Poesie im Halme, Wie in des Orientes stolzer Palme, Und Poesie noch in der Weisen Steine; Und Poesie die Mück' im Sonnenscheine, Und Poesie in eines Dampfschiffs Qualme, Und Poesie auf einer Schweizeralme, Und Poesie vor Allem auch im Weine. Wo Euch des Himmels heil'ge Luft umweht, Da rauscht die Poesie mit ihren Schwingen; Sie fehlet nie, oft fehlt nur der Poet. Wie Gott, ist sie zuletzt in allen Dingen: Doch wenn einmal ein Löwe vor Euch steht, Sollt Ihr nicht das Insekt auf ihm besingen.
Aus: Georg Herwegh, Gedichte eines Lebendigen (1841)
L&Poe Journal #02 – Tabu
Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre hier
der zweite hier
Das Rasieren nimmt viel Raum im ersten Kapitel ein. Wahrscheinlich das erste Mal in der westlichen Literatur (sage ich, ohne es beweisen zu können) wird diese Alltagshandlung derart liebevoll und detailgetreu beschrieben. Vor ein paar Wochen fragte jemand auf dem Wissensnetzwerk Quora, wie man sich am besten auf die Lektüre des Ulysses vorbereiten sollte. Ich wollte ihm antworten, bin aber dann davon abgekommen. Ich hätte ihm ungefähr gesagt: am besten gar nicht vorbereiten. Auf keinen Fall vorher die Biografie des Autors lesen und auch keine Interpretationen oder Handreichungen. Die sind für Anglistikstudenten und Schüler von Leistungskursen gut, wenn sie einen Vortrag halten müssen, aber sonst? Oder wenn man den Roman zum drittenmal lesen will, kann ja noch kommen. Wenn man das vorher liest, kann man sich das Lesen eigentlich gleich sparen, und das geschieht ja wohl auch oft. Susan Sontag meinte überhaupt, mal hemdsärmlig zusammengefasst, Interpretation sei dazu da, die Begegnung mit dem Text zu ersetzen. (Da gibt es ja jetzt diese App, die vielbeschäftigten Leuten die kurze Zusammenfassung von (Sach-)Büchern gibt, damit sie wissen, worum es geht und darüber reden können, ohne es zu lesen. Gibt es bei Belletristik und Dichtung schon längst, heißt Sekundärliteratur.)
Nichts vorher lesen, Papier und Stift danebenlegen und einfach abwarten, was passiert. Hilfreich kann sein, nach jeder Seite ganz knapp aufzuschreiben, wovon sie handelt. Da würde etwa für das 1. Kapitel stehen:
7: Buck Mulligan legt Rasierzeug zurecht und redet dabei.
8: Stephen Dedalus kommt dazu und beobachtet Mulligan. Sie sprechen über Haines, den dritten Bewohner des Turms. Rasieren beginnt.
9: Mulligan rasiert sich und leiht sich das schmutzige Taschentuch Stephens aus. Weiter geht: Reden über Haines, Monologe Mulligans.
10. Weiter geht die Rasur. Sie reden über den Tod von Stephens Mutter und schauen auf das Meer.
11: Rasiert sich weiter, reden weiter.
12: Sie reden über den zerbrochenen Spiegel des Dienstmädchens, er rasiert sich.
13: Reden, rasieren.
14: Sie reden. Stephen hat Probleme mit Mulligans ruppiger Art.
15: Haines ruft von unten. Mulligan geht runter und fordert Stephen auf, mitzukommen.
16: Innerer Monolog Stephens über seine Mutter.
17: Mulligan ruft noch einmal zu Stephen: Frühstück ist fertig. Reden über Geld.
18: Stephen geht runter und nimmt das Rasierzeug mit.
19: Frühstück. Die Milchfrau kommt gleich.
20: Sie essen und reden.
21: Milchfrau bringt die Milch.
22: Sie plaudern mit der Frau.
23: Mulligan will die Milch bezahlen, aber er ist blank.
24: Sie reden über das Waschen und das Geld.
25: Sie bereiten sich auf einen. Spaziergang am Meer vor.
26: Sie gehen nach draußen.
27: Sie reden über Hamlet.
28: Mulligan trägt ein Gedicht vor.
29: Stephen und Haines reden über Gott und rauchen.
30: Weiter über Gott.
31: Über Gott und Vaterland. Männer an der Klippe.
32: Im Meer ein Bekannter Mulligans. Sie plaudern.
33: Mulligan und Haines baden im Meer. Stephen geht zurück, sie verabreden sich für später.
Das ist das ganze erste Kapitel. Rasieren, Frühstück, Spaziergang zum Strand und das Reden und die Gedanken dabei.
Nach Joyce‘ eigenem Kapitelschema ist der Titel des Kapitels: Telemachos, Schauplatz der Turm, die Zeit 8 Uhr, die „Kunst“ die Theologie. „Erklärungsbedürftig“ daran wäre nur der Titel. Diese Titel sind wahrscheinlich so etwas wie ein Bauplan des Romans, die 18 Kapitel in Parallele zu den (23!) Gesängen der Odyssee. Ich mag die Parallele nicht ausreizen, nur die vage Idee, dass der Kapitelheld in Beziehung zu Stephen Dedalus gesetzt wird, die Gemeinsamkeit wäre der Konflikt mit der Mutter (die bei Homer den Freiern ausgesetzt ist / sie gewähren lässt). Eine Interpretation müsste dann hier ansetzen, aber im Moment brauche ich sie gar nicht. Die Reise (durch den 16. Juni 1904 in Dublin) beginnt hier.
Wird fortgesetzt
Boris Pasternak
(Борис Леонидович Пастернак, * 29. Januar jul./ 10. Februar 1890 greg. in Moskau; † 30. Mai 1960 in Peredelkino bei Moskau)
Das heutige Gedicht spricht von Moskau 1941, es könnte auch Kyjiw 2022 sein, ein schreckliches Märchen.
Schreckliches Märchen Es wird sich alles ändern rings, Neu wird die Hauptstadt werden. Die Kinderangst, vom Schlaf noch blind, Wird nie verziehen werden. Vergessen nie des Schreckens Mal, Das tief sich eingegraben. Die Feinde werden hundertmal Dafür zu büßen haben. Vergessen die Beschießung nie, Die grause Zeit des Todes, Als er im Lande hauste wie Zu Bethlehem Herodes. Die neue, beßre Zeit beginnt. Wenn auch die Zeugen schwinden – Die Qualen jedes Krüppelkinds Wird keiner je verwinden. 1941
Deutsch von Günther Deicke, aus: Boris Pasternak, Initialen der Leidenschaft. Berlin: Volk und Welt, 1969, S. 127
Страшная сказка Всё переменится вокруг. Отстроится столица. Детей разбуженных испуг Вовеки не простится. Не сможет позабыться страх, Изборождавший лица. Сторицей должен будет враг За это поплатиться. Запомнится его обстрел. Сполна зачтется время, Когда он делал, что хотел. Как Ирод в Вифлееме. Настанет новый, лучший век. Исчезнут очевидцы. Мученья маленьких калек Не смогут позабыться. 2022
Reinhard Döhl
(* 16. September 1934 in Wattenscheid; † 29. Mai 2004 in Stuttgart)
sätze das haus der sprache ist eine frage der statik schönheit ist ein satz der wahrscheinlichkeitsrechnung die welt ist durch die tatsachen bestimmt und dadurch daß es alle tatsachen sind exkurs weiße schimmel spielen auf weiten weiden und spielen weiße flächen sind auf weißen flächen verborgen große worte schwärzen weiße flächen und wiehern sätze das haus der sprache ist eine metapher die klappert es ist ein axiom der schönheit daß zwei mal zwei fünf ist die beste der möglichen welten ist statistisch beschreibbar
reinhard döhl: fingerübungen. 50 texte. 3 grafiken von georg karl pfahler. Wiesbaden: limes, 1962, S. 25
die texte wurden 1960/61 geschrieben. sie enthalten zitate.
Aus dem zitierten Buch
Guntram Vesper
(* 28. Mai 1941 in Frohburg / Sachsen; † 22. Oktober 2020 in Göttingen)
Am Horizont die Eiszeit IV Als ich damals den Viehzug verließ, vor der Morgenmilch eindrang in das Provinznest, waren die frühesten Proleten noch zwischen glauchen Betten. Ich ging, wie später bekannt wurde, zum Lager und verlangte da mein Recht und auch Einlaß. Vor dem Stacheldrahtzaun stand ich, mit einer Pappkiste — weiß Gott, sie trug die Aufschrift Persil am Deckel — stand ich, keine Zigarette, Geld nicht, nur Dreck in der Tasche; den hatte ich vorm Vaterhaus gekratzt aus dem Pflaster.
Aus: Guntram Vesper, Tieflandsbucht. Die Gedichte. Mit einem Nachwort von Michael Krüger. Frankfurt/Main: Schöffling, 2018, S. 14
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