Gute Nachricht aus Thüringen bringt die Ostthüringer Zeitung:
Mit Dieter Wolf aus Neunhofen und Uwe Lammla aus Neustadt traten zwei gestandene Autoren der Thüringer Vereinigung des Freien Deutschen Autorenverbandes bei. Während Uwe Lammla „ein begnadeter Lyriker“ sei, schreibe Dieter Wolf „sehr variiert und humorvoll“ Erzählungen über das Leben früher und heute in seiner Heimatregion.
Der Bericht läßt offen, ob ein begnadeter Lyriker mehr oder eben der erste. Haben sie seine Gedichte gelesen? Blieb ihnen der Mund offen vor Staunen, wenn er welche vorlas? Blind hineingegriffen:
Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,
Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.
Auch bannen sie die Hexen und die Schlangen,
Johannistriebe stecken ab die Kreise,
Wo Groll und Rachsucht fern sind und vergangen,
Weil hier das Urteil einzig fällt der Weise.
Aus »Trichterwinde«. Gedichte (in Arbeit), Vers 30347 bis 30410
Die Reime sind rein, das Metrum einwandfrei, der Wortschatz tümlich, die Grammatik verdreht und der Sinn … je nach Geschmack kann man sagen: kraus oder ff (feierlich-feucht). Wo immer man hingreift, es wird nicht anders:
Hinzelmann wird dir zum Bruder im Schloß Hudemühlen,
Er, der nur guttut, daß er der gemordete Knab,
Schamvoll verschweigt, muß die Häme der Schloßgäste fühlen,
Bis er den Drosten vertrimmt mit dem Haselnußstab.
Hat einer was verstanden? Wenn nicht, muß es Poesie sein: begnadete wohl. Wortschatz, Bilder und Grammatik scheinen gezielt eingesetzt, den Sinn zu verdunkeln. Weiß er ihn selber nicht? Oder will er ihn verdunkeln? Manchmal allerdings findet er klarere Töne:
Bist du von Rasse, so fragt dich der Kamerad Peter,
Den du verdächtigst, ein ahnloser Mischling zu sein,
Mag auch die Zeit schon die Frage verdammen, kein Meter
Soll dich vom Kern ihres wuchtigen Ernstes befrein.
Die Wörter Rasse, Kamerad, Mischling, drei Hammerwörter in zwei Zeilen, weisen nicht mehr nur konnotativ, sondern denotativ auf Inhalt. Bitterernst, wuchtigernst geht es weiter. – Die Grammatik verdunkelt auch hier, oder soll ich sagen: mildert? Wer verdächtigt wen? Gegenseitig anscheinend verdächtigen sie sich in der Rassenfrage: Kamerad Peter fragt das lyrische Du, ob es „von Rasse“ sei (als wären sie Pferde), und das Du seinerseits verdächtigt ihn des gleichen Befunds: „ein ahnloser Mischling zu sein“. Ahnloser ist echt gut: zahnlos, ahnenlos und ahnungslos in ein Wort gepreßt. Mit den Ahnen gehts weiter, „Rasse“ ist offenbar eine Art Mischling, nämlich von Biologie (vererbt, angeboren) und Glauben:
Rasse ist Glaube der Ahnen, vererbt, angeboren,
Den du als Kind, das das Giftkraut des Zweifels nicht kennt,
Spürst, wenn du erstmals vom Reich hörst, und sich in die Horen
Einschleicht ein Sonnensymbol, das die Mutter verbrennt.
Höre, das bringt uns unendliche Leiden und Tränen,
Spricht sie, der Lehrer zählt bald die Verbrechen dir auf,
Die unsere Großväter, folgsam den teerschwarzen Schwänen,
Übten an Nahen und Fremden zumeist und zuhauf.
Im Klartext: das Kind, das dumpf in sich „Glaube der Ahnen“ spürt, hört vom „Reich“ und sieht das Sonnensymbol Hakenkreuz, die Mutter verbrennts schnell (in Klammern: hier wieder die verschwurbelte Grammatik: „unendliche Leiden und Tränen“ bringt, nicht „brachte“, uns das Zeichen, sagt die Mutter; „uns“. So gehts, wenn sich „Sonnensymbole“ in die „Horen“ einschleichen!), die Mutter verbrennt das Kreuz, der Lehrer zählt die Verbrechen der Großväter auf, die SS tritt in Gestalt teerschwarzer Schwäne auf, denen folgsam die Großväter Verbrechen „übten“ (!) „an Nahem und Fremden“, aha, doch, denkt man, aber: „zumeist und zuhauf“: wo immer Klartexte aufzublitzen scheinen, tritt die begnadete Sprache dieser Art Poesie auf und verunklart wer, wem, was, worüber, weshalb und wodurch.
Etwas in der dumpf-erfüllten Kinderseele läßt sich nicht abschrecken:
Aber die Abschreckung kann dich nicht hindern zu forschen,
Ob nicht ein Gran dieses Lichtglanzes stark in dir west,
So wie wie Störche ihr Nest wiederfinden auf morschen
Türmen, so stehst du am Born deiner Herkunft und flehst:
Möge das Dunkel, die Schmach und die Scham von ihm weichen,
Gab es nicht Widerstand, Partisan, Deserteur?
Aber in all dieser Antiwelt wehrt sich ein Zeichen
Und es bleibt seltsam verstockt bei dem innren Verhör.
Am Ende kommt sie, kommt das lyrische Du doch zur Erkenntnis, ich sags erst in meinem profanen Klartext, bevor Sie die Poesie in sich sacken lassen können: irgendwann wurde ihm klar, daß die Leiden und Verbrechen, von denen Mutter und Lehrer sprechen, vom Feind erdachte Mären waren:
Irgendwann wird dir bewußt, daß der Feind jene Mären
Aussann, die hindern, du selbst und ein Enkel zu sein,
Ließest du ihn und die käuflichen Diener gewähren,
Wärst du von Rasse nicht, fällt dir zum Herkommen ein.
Rasse, lautet das Fazit, ist nicht Biologie, sondern innere Haltung. Wer für solch begnadete Poesie empfänglich ist, ist der auf dem richtigen Wege? Thüringen, ist da noch was?
Letzter Eintrag im Gästebuch seiner „Heimseite“:
D.K., Stuttgart, Offizier, schrieb am 07.09.2008:
Ich bin auf Ihre Werke leider erst jetzt aufmerksam geworden.
Ein Artikel in der Jungen Freiheit führte mich an Ihr Schaffen heran.
Ich möchte Ihnen Lob und Anerkennung ausprechen und verbleibe in der Hoffnung, dass Ihr Wort noch viele erreichen wird.
Die kulturelle, untere Mittelmäßigkeit der medial verdummten Republik braucht in diesen dunklen Zeiten solche Leuchtfeuer, wie Sie und Ihre Werke eines darstellen.
Mit freundlichen Grüßen
ein neuer Anhänger
Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt erhält in diesem Jahr den mit 10.000 Euro dotierten „Preis der SWR-Bestenliste“. Sie wird ausgezeichnet für ihren Roman „Du stirbst nicht“, der im Mai, Juli/August und September auf der SWR-Bestenliste stand. / Pressemitteilung
Walter Fabian Schmid sprach für den Poetenladen mit der Autorin über Prosa und Lyrik. Auszug:
W. F. Schmid: Braucht man diese Abstraktion, aber auch Reduktion und Sprachkompension der Lyrik als Ausgleich zur Prosa, wo man mehr vermittelnd arbeiten muss?
K. Schmidt: Für die Zeit vor dem Sprachverlust muss ich schon sagen, dass es so gewesen ist. In den letzten Jahren hat sich das aber nicht so gezeigt. Ich hatte zwar immer große Lust auf Gedichte, aber ich wusste, dass ich das nicht kann. Während ich vorher die Wörter vom Baum pflücken konnte, so muss ich sie jetzt suchen. Das ist ein anderes Schreiben, als es vorher war. Obwohl der Gedichtband, den ich vorletztes Jahr im Herbst begonnen habe, fertig ist und im nächsten Frühjahr erscheinen wird, weiß ich noch nicht so genau, wie das weiter geht und wie das ausgeht. Für mich ist eine völlig neue Schreibsituation entstanden. Das finde ich aber ganz spannend.
W. F. Schmid: Über die zukünftigen Gedichte weiß ich natürlich nichts. Aber wenn ich mir die bisherigen Gedichte anschaue, dann sind die ziemlich streng gebaut – sie arbeiten beispielsweise auch viel mit Daktylen. Würden Sie sagen, Sie brauchen diese Formstrenge? Gibt sie den Gedichten ein Rückgrat?
K. Schmidt: Es ist mit Sicherheit so. Ich nehme mir die Formstrenge aber nicht bewusst vor. Ich setze mich nicht hin und sage: „Ich will im Daktylus schreiben.“ Das ist eine Art, die aus dem Sprechen kommt. Ein Gedicht ist immer auch ein tönendes, ein rhythmisches Gebilde. Was mir bei dem einzelnen Gedicht dann erst auffällt, wenn ich es lese und wenn ich es klanglich im Ohr habe. Wenn ich das Gedicht fertig einschätze, dann ist es sicher so, dass die strenge Form ein starkes Rückgrat, ja, das Grundgerüst ist für ein Gedicht.
W. F. Schmid: Würden Sie sagen, dass es der derzeitigen Lyrik an diesem Rückgrat, an Formbewusstsein fehlt?
K. Schmidt: Ich fühle mich nicht kompetent genug, das zu bewerten, weil ich noch dabei bin, mir die Lyrik der letzten Jahre zurück zu erobern. Darauf wäre ich aber nicht gekommen, dass es der jungen Lyrik an Formstrenge fehlt. Es ist jedoch ganz sicher so, dass mir beispielsweise Gedichte von Anja Nioduschewski vom Textrhythmus her viel näher sind als Texte von Katrin Marie Merten, die ich keinesfalls für schlechter halte! Das hat auch mit dem Rhythmus und mit dem Metrum zu tun.
Im L&Poe-Archiv
2001 Mrz # Leider nicht mehr lieferbar? Freund aller Autoren:
2001 Apr # Basel
2001 Apr # Kurz gemeldet
2001 Mai # Kritikerpreis 2001
2001 Okt # Kathrin Schmidt über Lavinia Greenlaw
2002 Jul # Desinteressierte Kritik, starke Lyrik
2004 Mrz #88. neuedichte
2004 Mai #37. Volker Braun 65
2005 Mai #2. In memoriam Thomas Kling
2006 Mrz #23. Der Renegat der Avantgarde
2007 Mrz #85. BELLA triste mit Lyrik-Sonderheft in Leipzig
2007 Apr #32. Beißhemmung
2007 Okt #87. Lyrik für Greifswald
2007 Nov #92. Lyriktreffen – Ein Tunnel über der Spree
2007 Dez #113. Blick zurück nach vorn
2008 Feb #83. Lyrikpreis Meran: Finalisten stehen fest
2008 Jun #53. Der Dichter aus der Nachbarschaft: Poets’ Corner [Forts.]
2008 Jul #57. Inger Christensen und Kathrin Schmidt in Ahrenshoop
2009 Mrz #34. dtv hat reagiert
2009 Aug #132. Für den deutschen
Edward Snow hat einen guten Teil seines Lebens damit verbracht, mehr Rilke als jeder andere in flüssiges, lyrisches Englisch zu übersetzen. Er ist Rilkes derzeit bester Botschafter in der englischsprachigen Welt. … Snows Übersetzungen der vollständigen Originalausgaben, darunter beider Bände der „Neuen Gedichte“, „Das Buch der Bilder“, Duineser Elegien und der erstaunlichen „Ungesammelten Gedichte“, stehen für sich als schöne Texte und bringen Rilkes Intensität und Blickschärfe ins Englische. Mit Sicherheit der definitive Rilke für einige Zeit. / Publishers Weekly 21.9.
Außerdem in der Sammelrezension Gedichte von H.L. Hix, Mary Jo Bang, Heather McHugh, Marie Ponsot, David Baker, Philip Levine, Gabrielle Calvocoressi, Nin Andrews, Louise Glück, Franz Wright sowie der Anthologie The Best American Poetry 2009 Edited by David Wagoner and David Lehman. Scribner, $35 (240p) ISBN 978-0-7432-9976-3; $16 paper ISBN 978-0-7432-9977-0
Nur deshalb, weil es im Kreis um George eben doch Brücken zu einer methodisch reflektierten Geschichtsschreibung gab, nicht nur die Schwabinger Dante- und Dionysos-Kostümfeste, war die Anknüpfung für Raulff, den Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, möglich. Der Stoff ist aber auch danach. Kein leises Verdämmern einer Tradition sehen wir, die nach dem Tod des Meisters zu vergilben beginnt, sondern eine Geschichte der Deutungskämpfe, die bis in die höchste Politik reichen. Naturgemäß muss hier der Name Stauffenberg fallen. Der Hitler-Attentäter stand mit seinen Brüdern Bertold und Alexander an Georges Totenbett. Und als der Major Remer am Nachmittag des 20. Juli 1944 mit Goebbels Kontakt aufnahm, war der Vermittler ein Mann aus dem Propagandaministerium, ein großer Verehrer Rilkes – was Carl Schmitt zu dem bösen Wort brachte: „Der 20. Juli, das ist der Sieg Rilkes über George“. / Lorenz Jäger, FAZ 18.9.
Siehe auch: F.A.Z.-Leseprobe: Ulrich Raulffs George-Buch
Ulrich Raulff: „Kreis ohne Meister“. Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte. C.H. Beck Verlag, München 2009. 544 S., Abb., geb., 29,90 €.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I tell my writing students that their most important task is to pay attention to what’s going on around them. God is in the details, as we say. Here David Bottoms, the Poet Laureate of Georgia, tells us a great deal about his father by showing us just one of his hands.
My Father’s Left Hand
Sometimes my old man’s hand flutters over his knee, flaps
in crazy circles, and falls back to his leg.
Sometimes it leans for an hour on that bony ledge.
And sometimes when my old man tries to speak, his hand waggles
in the air, chasing a word, then perches again
on the bar of his walker or the arm of a chair.
Sometimes when evening closes down his window and rain
blackens into ice on the sill, it trembles like a sparrow in a storm.
Then full dark falls, and it trembles less, and less, until it’s still.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by David Bottoms, whose most recent book of poems is Waltzing Through the Endtime, Copper Canyon Press, 2004. Poem reprinted from Alaska Quarterly Review Vol. 25, No. 3 & 4, Fall & Winter 2008, by permission of David Bottoms and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Die immer wieder aufflackernden Minidebatten über neue Lyrik in diversen Print- und Internetorganen (wie im August über Gerhard Falkners Jackson- und gerade eben über Meschs Poetenladenschelte) erzeugen so regelmäßig wie rasch Überdruß. Manche monieren da ganz zu recht, statt über „die Lyrik“ solle man doch lieber über einzelne Gedichte sprechen. Warum geschieht es so selten? Und: Welche verschiedenen Arten gibt es, über einzelne Gedichte zu reden? Untersuchungsmaterial bieten mehrere neuere Anthologien, die Gedichte mit Selbstkommentaren der Dichter versehen (jüngst „Laute Verse“ von Thomas Geiger und „An Deutschland gedacht“ von Axel Kutsch), und andererseits Gedichte mit Fremdkommentaren wie soeben „Der gelbe Akrobat“ von Braun/Buselmeier. Das ist nicht neu („Klassiker“ der Gattung in der neueren deutschen Lyrik waren Hans Benders „Mein Gedicht ist mein Messer“ und Hilde Domins „Doppelinterpretationen“), aber es könnte doch weiterführen als das Gezwitscher so mancher aufgeregten Debatte, die meist kaum über literatursoziologischen Wert hinauskommen.
Einen hervorragenden Beobachtungsplatz für Sprechweisen neuer Lyrik bot letztes Jahr das Hamburger* „Titel“-Magazin mit der Reihe „Neuer Wort Schatz„. Jetzt begann eine neue Staffel der wunderbaren Serie:
Gedichte mit Neugier und Genuss zu lesen – das ist das Ziel der Reihe Neuer Wort Schatz II, die jede Woche einen zeitgenössischen Text vorstellt. Zusammengestellt wird sie von Gisela Trahms und Daniel Graf.
Heute:
Christian Filips
Zur Strafe: jetzt ein paar Stunden irrwitzige Übernahmen an die Wand malen
Vorgestellt von Angela Sanmann. Auszug:
In dem über die ersten zweieinhalb Strophen sich entfaltenden Bildkomplex zeigt ein unbeteiligt, ja spöttisch wirkender Sprecher an den kurzzeitig „vom Staatsgeld am Leben erhaltene[n] /Sterne[n]“ die Vergeblichkeit politischer Interventionen auf. Die Gestirne stürzen und müssen stürzen (scheint hier nicht auch Hyperions Schicksalslied durch?), da die sie umgebenden Konstellationen schon lange aus den Fugen geraten sind. In das Protokoll des fortschreitenden Zusammenbruchs mogeln sich die falschen Versprechen der Manager hinein: Die künstlich betriebenen Sterne am Himmel der freien Marktwirtschaft werden, so heißt es, das All erleuchten, „wie kein Auge je gesehen“. Eignen sich die Manager hier den prophetischen Ton der Verkündigung Jesajas von Gottes Einzigartigkeit an („Was kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben“), so entlarven sie damit ihre eigene prätentiöse Unbelehrbarkeit, die die Krise überhaupt erst ausgelöst hat.
*) Ja, Hamburger: nicht wie ich in einem Schnellschuß schrieb, österreichische. Bei meiner Wertung bleibe ich dennoch: „Überhaupt ist Österreichs Lyrikszene – Südtirol miteingeschlossen – gründlicher und unideologischer als die des großen Kleindeutschland, ich vermute: weil der Betrieb nordseits der Alpen näher an Macht- und Verteilungskämpfen hängt als in dem kleineren und auch staatsseits besser alimentierten des kleineren Nachbarn.“ (Denn das sollte ja nicht heißen, daß es in Deutschland nicht wirkliche Enthusiasten und wunderbare Poesieoasen gibt.)
Jan Karsten schreibt:
Lieber Michael Gratz, ich möchte mich sehr für die Vorstellung der zweiten Staffel des NWS bedanken, die uns natürlich gerade vor dem Hintergrund des seltsamen Zeit-Artikels viel Wert ist.
Ganz schüchtern – und bei aller Zustimmung zu Ihrer Einschätzung der österreichischen Lyrik-Szene – möchte ich aber darauf hinweisen, dass „Titel“ ein deutschstämmiges Magazin ist (mit Publikationsort Hamburg).
Herzliche Grüße von der Elbe
Jan Karsten
Bis zum 31. Oktober 2009 (Poststempel) können sich junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren um ein dreimonatiges Aufenthaltsstipendium im LCB im Jahr 2010 bewerben. Bewerber (wichtig: bis 35 Jahre alt, nicht in Berlin lebend) müssen über erste Publikationserfahrungen verfügen. Die Stipendien sind mit 1.100 Euro pro Monat dotiert.
Der formlosen, an das LCB zu richtenden Bewerbung sind neben Angaben zur Person und zum literarischen Werdegang Arbeitsproben im Umfang von etwa 20 Seiten sowie eine Buchpublikation (oder ein Theaterstück bzw. ein Hörspiel, aber keine Anthologien) beizufügen.
Weitere Auskünfte erteilt Corinna Ziegler, Tel. 030 – 81 69 96 20 oder ziegler@lcb.de.
Mi 14.10. 13:30
In Lesung und Gespräch: Girgis Shoukry (Autor, Kairo), Michael Roes (Autor, Berlin) Moderation: Christiane Lange (Literaturwerkstatt Berlin)
Beim Übersetzen geht es vordergründig um Worte, aber mehr noch um die Welten dahinter, um die Passage von einer Sprachenwelt in die andere. Besonders abenteuerlich ist das Übersetzen von Gedichten. Michael Roes und Girgis Shoukry haben die Reise angetreten und sich übersetzt. Wie ist es gelungen, die fremde Welt mitzunehmen in die eigene Sprache?
Michael Roes’ (*1960) Werk umfasst Romane, Gedichte, Theaterstücke und Filme. Zentrale Themen sind die Begegnung mit dem Fremden und die Verständigungsschwierigkeiten bei solchen Begegnungen. Es umkreist in immer neuen Variationen das Thema der Grenzen, an der sich Fremdheit und Vertrautheit, die Unzugänglichkeit und Unerbittlichkeit des Anderen treffen mit dem Bestreben, diesen Abstand zu überwinden.
Der Dichter Girgis Shoukry (*1967 als Sohn einer koptischen Familie) arbeitet auch als Theaterkritiker für Radio- und Fernsehmagazine in Kairo und ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Aswaat adabiyya“ (Literarische Stimmen). Seine Gedichte erzählen kurze Begebenheiten aus einer verschobenen Perspektive. Er vergleicht sie gern mit den Bildern von Magritte.
Mit freundlicher Unterstützung durch das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut
Ort: Frankfurter Buchmesse, Internationales Zentrum, Halle 5.0
Nach langer schwerer Krankheit starb, wie erst jetzt bekannt wurde, am vergangenen Mittwoch der Germanist und Publizist Alexander von Bormann in Worpswede. Aus einer alten baltendeutschen Familie stammend, wurde er 1936 auf dem Gut Menzlin in Vorpommern geboren. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 2001 hatte er eine Professur für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Amsterdam inne, die nach seinem Ausscheiden nicht mehr besetzt worden ist. Die moderne Lyrik war sein Spezialgebiet. / Die Welt 21.9.
Mehr: Freitag (Michael Braun)
„Die Stadt hat eine Schuld abzutragen“, liest Bürgermeister Uwe Täschner mit belegter Stimme von einem Blatt Papier ab, während der Mann, dem diese Worte gelten, seine Sonnenbrille selbst im schattigen Saal des Vogtlandkonservatoriums nicht abnehmen mag.
Gerald Zschorsch ist der Protagonist dieses Samstagnachmittages. Und Schriftsteller – einer der vielen vergessenen der DDR. Hier, in der Stadt Plauen hat das Leben des gebürtigen Elsterbergers 17 Jahre vor dem Mauerfall seine ganz eigene, bittere Wende erfahren.
Es ist der Sommer 1972, das Jahr des Vierländertreffens in Plauen, als Zschorsch nach dem Rezitieren von regimekritischen Gedichten aus dem Plauener Theater heraus verhaftet wird. Zweieinhalb Jahre später wird der damals 23-Jährige in die BRD ausgewiesen. Seine Freikaufsumme kennt er. Und er schweigt darüber.
Dass die Stadt Plauen damals, nach seiner Verhaftung als Nebenkläger auftrat, hat er lange Zeit nicht verwunden. Erst letztes Jahr kehrte er nach 36 Jahren das erste Mal in seine Heimat zurück. Heute will er seinen neuen Gedichtband „Zur elften Stunde“ vorstellen und sie hören, die Entschuldigung der Stadt, die ihm damals zweieinhalb Jahre seines Lebens geraubt hat. …
„Gedicht“ war der Stasi-Name von Gerald Zschorsch. Dumm ist, wer sich da geschmeichelt fühlt. Nach der Festnahme im Theater nennt ihn der Richter „Schwein“, bevor er ihn zu fünf Jahren Haft verurteilt. / Ulrike Nimz, Freie Presse 20.9.
Gerald Zschorsch: Zur elften Stunde. Suhrkamp 2009. 19,80 Euro.
In L&Poe:
2004 Dez #7. Zschorsch: Ordnungsschelle mit Folgen
2004 Dez #67. Grenzübertritt
2005 Feb #94. Sogenannte Gedichte
2006 Aug #37. Gernhardts Rat
2008 Mrz #50. Aller guten Jahrbücher sind drei … oder Des Guten zuviel?
2008 Sep #28. Einzelgänger
(alle alten Seiten sind unter „Archiv“ erreichbar – einfach Jahr, Monat und Nummer suchen)
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Lesung mit Lars-Arvid Brischke & Rainer Stolz
am Freitag, den 25. September 2009 um 20:00 Uhr
Schwartzsche Villa, Kleiner Salon
Grunewaldstr. 55, 12165 Berlin-Steglitz
(U + S Rathaus Steglitz)
Eintritt: 5 / 3 €
Als erprobtes lyrisches Doppel – gespeist aus textlichen Resonanzen einerseits, aus freundschaftlicher Verbundenheit andererseits – möchten wir Sie / Dich zu einem speziellen Programm einladen:
Intro: In zwei kurzen Soli stellt sich jeder von uns mit einer Auswahl neuer Gedichte vor.
Impro: Danach lesen wir in spontaner Reaktion abwechselnd Gedichte aus unseren Büchern und Manuskripten, wobei jeder jeweils eines seiner Gedichte wählt, das ihm als passender Anschluss an das vorherige des anderen erscheint.
Combo: Im dritten Teil schließlich präsentieren wir erstmals eine Auswahl aus unserem gemeinsamen, noch unveröffentlichten Manuskript „Flügelzeug. Klang-, Tüftel- und Raubgedichte“. Hierin sind die Texte, die an verschiedene Traditionen sprachspielerischer und lautmalerischer Poesie anknüpfen, wiederum im Wechsel nach inhaltlichen und formalen Bezügen oder Korrespondenzen komponiert und zum Teil auch in gegenseitiger Inspiration entstanden.
Wenn zum 50. Jahrestag der Erstveröffentlichung nun die deutsche Übersetzung der originalen Fassung erscheint, wird damit ein wichtiges Dokument der Underground-Literatur abermals erschlossen. Die Übersetzung von Michael Kellner ist oft etwas präziser als die alte, bei Zweitausendeins erschienene Übersetzung von Carl Weissner, löst aber auch gelegentlich manche harte, bissige Fügung in allzu betuliche Syntax auf, die den typischen beat vermissen lässt. Was jedenfalls heute noch an «Naked Lunch» beeindruckt, sind die Textform, die Protokoll, Erzählung und Traktat schroff nebeneinanderstellt, und die Radikalität, mit der Burroughs‘ Stil von sachlicher Sprache unvermittelt in einen obszönen Slang wechselt. Als literarisches Kunstwerk kommt es allerdings stellenweise allzu zeitgebunden daher, die gewaltsamen Tabubrüche können kaum mehr schockieren, vielleicht, weil der Mythos der wilden Sechziger inzwischen nostalgisch verklärt wurde. / Jürgen Brôcan, NZZ 19.9.
William S. Burroughs: Naked Lunch. Die ursprüngliche Fassung. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Nagel & Kimche im Carl-Hanser-Verlag, München 2009. 378 S., Fr. 42.90. Jürgen Brôcan lebt als Lyriker, Übersetzer und Publizist in Dortmund.
Ach, zeig mir den Punkt, wo sich alles trifft
wer denn kann sagen: Ich besitze, ich habe gehabt!
Eine Klause hast du dir geschaffen, eine Zelle für dich,
deinen Rückzug
In der Stube steht auch ein Lager,
eine Möglichkeit, zehn Minuten zu verweilen,
still zu sein
den Druck der Waden zu spüren auf kühlem Laken
Du hebst den Tüll beiseite, dieses schräge Stück Gardine
und blickst in die Landschaft
auf den Feldern stehen die Raben
in Furchen, die leer sind, die Helle der Sonne
schräg aus dem Weltall täuscht dich über die Zeit
Nebelmonat November, wenn alles verschwebt,
die Gedanken, das Gedächtnis der Toten
höchsten ein Schrillen weckt dich,
ein Ruf von Ferne, jemand am Telefon
der dich erreicht, der dich einbezieht
Es gibt dir ein Dasein und ein Erinnern
eine Woche bedenken, atemlos drüben
zwischen Wupper und Duisburg
An welches Haus, an welchen Hügel gelehnt
richtet sich dein Gedanke auf
der so klar, der so lupengenau ist
als wäre ein Dichter dabeigewesen
Reporter der nackten Dinge
Einmal so außer sich sein – dann weiterleben
wie unerkannt
Nun trägst du Blumen in die Stube
Astern so knirschend kühl und herb wie du selbst
wenn du dich nicht traust, die Wimpern zu öffnen
die Lider ganz hochzuschlagen, mit deinen Augen zu sehen
deine Kraft, dein Eigenstes
dich, im Spiegel oder im blinkenden Fensterglas
der Stube oder im Echo des Freundes
der dich sieht und hört, wie du wirklich bist
dann hast du alles Störende beiseite geschoben,
den Stuhl von der Tenne, die schwere Schabracke
die dem Zimmer das Licht nimmt,
dann leuchtest du, du bist du selbst
deine Stube bist du
Ich lege meine Hand in deine Seele
fühle mich gut dabei
Wir machen beide eine Ausnahme
sie gefällt uns gut
Einmal
den Schwarm hochfliegen lassen der nistenden Vögel
die alle ihr Heim hatten ihr Nest und ihre Beköstigung
ihr zieht fort, Vögel und Schwärmer
und mir fällt das Aufsegeln zu
wo von Küsten weg alles ins Blau, ins stürmische Meer
in die Weite strebt
Zu deinem Traum fährst du
zum Nordkap
Annäherung und Ferne, wer denn weiß, wann wir treulos
frank und frei uns hingeben, alles fahren lassen
was uns bindet, uns hält
mit geschlossenen Augen
das Schönste sehen
darüber still zu sein
wenn dich Unheimliches berührt
wie ein Mund, der nicht da ist
(Wilhelm Fink)
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