96. Stimme der Entwurzelten

Mit dieser international wichtigsten Literaturauszeichnung wird der Blick auf die Themen gelenkt, die diese Autorin bewegen – die Erfahrungen im totalitären Ceausescu-Regime, die Verfolgung von Schriftstellern und anderen Intellektuellen, die widerständig sind in Diktaturen, zensiert, eingesperrt, verfolgt und vertrieben werden. Sie schildert diese Erfahrungen ohne falsche Sentimentalität oder erhobenen Zeigefinger, übersetzt die historische Wirklichkeit mahnend kompromisslos in eine unnachahmliche, poetische Sprache.

„Aber ich ging in meinen Gedanken in ein Gedicht und wusste genau, sie wissen gar nichts über mich.“
Herta Müller, Nobelpreisträgerin, über die Verhöre in Rumänien

Der Schreckensherrschaft setzt sie eigene Wortschöpfungen entgegen wie einst Else Lasker-Schüler – „Atemschaukel“, der Titel des jüngsten Herta-Müller-Romans, ist eine davon. Die Heimatlosigkeit, von der das Nobelpreiskomitee in seiner Würdigung spricht, kommt aus ihrer Erfahrung des Totalitarismus, der Allgegenwart von Angst, Misstrauen und Gewalt. Herta Müller ist eine der wichtigsten Stimmen jener Entwurzelten, die aus ihren Heimaten fliehen mussten und noch immer vertrieben werden, solange es machtgierige Politiker gibt. Dem Ziel des Zeigens dient auch das Zentrum für verfolgte Künste im Museum Baden. / Solinger Tageblatt

95. Judendichtung aus der Bukowina

Für die editorische Bedeutung der Münchner Ausgabe spricht allein schon der Umstand, dass von den annähernd 400 erfassten Gedichten über 100, also mehr als ein Viertel, hier überhaupt zum ersten Mal im Druck erscheinen. Darüber hinaus ist der von Peter Motzan gelieferte biobibliografische Apparat eine Glanzleistung. In aufwendigen Recherchen hat der Wissenschaft­ler die Lebensläufe der teilweise wenig bekannten Beiträger soweit möglich rekonstruiert (bloß bei zwei Autoren waren die biografischen Daten nicht zu ermitteln), hat Werkverzeichnisse er­stellt, die sich in den meisten Fällen der Vollstän­digkeit rühmen dürfen, ist Gedicht für Gedicht den möglicherweise vorhandenen Druckvarian­ten samt deren Datie­rung nachgegangen und hat sie akribisch aufgeführt. Praktisch gibt es in dieser Anthologie kaum einen Text, der nicht stichhaltig mit bibliografischen Hinweisen und Ergänzungen „abgesichert“ wäre.

Für den Fachmann verleiht das dem Band außerordentlichen Wert. Daneben aber findet auch der gewöhnliche Freund guter Lyrik darin Texte von eigener Schönheit wie etwa die letzten Zeilen in Rose Ausländers bislang ungedrucktem Gedicht „Mondnacht“, wo es heißt: „Wir wachen auf vom Schlaf verschlossner Tage / und alle Dinge scheinen so verschieden. / Der Mond steigt nieder, wie in einer Sage, / und trägt die volle Last der Erdenklage / hinauf in seinen grenzenlosen Frieden.“

/ Hannes Schuster, Siebenbürgische Zeitung 17.10.

„Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina.“ Zusam­mengestellt von Alfred Margul-Sperber. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Guţu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009, 470 Seiten, ISBN 978-3-9809851-4-8 und 978-89086-516-4, 28,50 €.

Mehr: Martin A. Hainz, literaturkritik.de

Vgl L&Poe 2009 Aug 073. Judendichtung aus dem Buchenland

94. 10. Internationale Autorentagung „Junge Literatur in Europa“

Greifswald Altstadt
Greifswald Altstadt

Die 10. Tagung findet vom 23. – 25. Oktober im Internationalen Begegnungszentrum der Universitäts- und Hansestadt Greifswald statt.

An halbstündige Lesungen aus Prosatexten (neueren Veröffentlichungen und unveröffentlichten Manuskripten) schließen sich Gespräche in einer Atmosphäre freundschaftlichen Gedankenaustauschs an, die von Literaturwissenschaftlern, Verlagslektoren und erfahrenen Autoren moderiert werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Begegnung und das sachliche Gespräch über literarische Qualität und Authentizität.

Freitag, 23. Oktober 2009

15:00 Uhr Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der Hans Werner Richter – Stiftung, Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann, Berlin
15:30 Uhr Mirko Bonné, Autorenlesung und Gespräch
16:30 Uhr Marion Poschmann, Autorenlesung und Gespräch
17:30 Uhr Pause
18:00 Uhr Gernot Wolfram, Autorenlesung und Gespräch
19:00 Uhr Joonas Konstig, Autorenlesung und Gespräch
20:00 Uhr Julya Rabinowich, Autorenlesung und Gespräch

Sonnabend, 24. Oktober 2009

10:00 Uhr Ralf Bönt, Autorenlesung und Gespräch
11:00 Uhr Christoph Peters, Autorenlesung und Gespräch
15:00 Uhr Elo Viiding, Autorenlesung und Gespräch
16:00 Uhr Thomas v. Steinaecker, Autorenlesung und Gespräch
17:30 Uhr Verena Roßbacher, Autorenlesung und Gespräch

Sonntag, 25. Oktober 2009

10:00 Uhr Thomas Klupp, Autorenlesung und Gespräch
11:00 Uhr Eleonora Hummel, Autorenlesung und Gespräch
12:00 Uhr Volker H. Altwasser, Autorenlesung und Gespräch
13:00 Uhr Kaffeepause und Abschlußbesprechung

93. Das Buch der Niederlage

Rezension eines chinesischen Romans

(steht über der Rezension, obwohl es sich um einen Gedichtband handelt, seis drum):

„Bücher, die Trauer tagen, stehen stramm, auf den Wegen der Hermeneutik öffnen sich die Azaleen und ihre Schwestern, um des Todes willen“ Kann man das verstehen? Ist das ein gutes Gedicht? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

In dem eigentlichen „Buch der Niederlagen“, einer Essay-Sammlung, deren Titel für die deutsche Gedichtausgabe „entliehen“ wurde, schreibt Bei Dao, der Autor dieses Gedichts, unter anderem über einen seiner Freunde: den Amerikaner Allen Ginsberg. Dieser berühmteste Dichter der „Beat Generation“ hat ihm einmal gesagt, er könne gar kein einziges seiner Gedichte verstehen. Eine von Bei Daos Niederlagen…

Laut Wolfgang Kubin, einem Professor für Sinologie und dem Übersetzer des „Buchs der Niederlagen“, gelingt es Bei Dao wie keinem anderen chinesischen Autor, an eine frühere Periode anzuknüpfen – bevor 30 Jahre kommunistischer Herrschaft und besonders zehn Jahre Kulturrevolution die chinesische Sprache zerstört hatten. Der Sinologe und Übersetzer erkennt in Bei Daos Gedichten Parallelen zu der Dichtung der Tang-Zeit (618 – 907). Damals gelang es den chinesischen Dichtern, ihre Gefühle und Landschaftsbeschreibungen untrennbar miteinander zu verweben – und auf diese Weise Geschichte und Geschichten neu zu erschaffen.

Ist das so? Schafft Bei Dao das auch? Diese Interpretation setzt voraus, dass zumindest Wolfgang Kubin dessen Gedichte richtig versteht – besser als Allen Ginsberg zumindest. Eine gewagte Behauptung. Im Chinesischen gibt es keinen Konjunktiv, die Verben sind immer ohne Zeitangabe, Nomen haben weder Pluralsuffix noch Demonstrativpronomen, es gibt keine bestimmten oder unbestimmten Artikel… So hätten das eingangs zitierten „Bücher“ auch „das Buch“, „ein Buch“ oder „die Bücher“ heißen können. Da musste Wolfgang Kubin vieles für sich selbst entscheiden.

/ Wolf Dieter Kantelhardt, ef-magazin 17.10.

92. Die Bedeutung der Stimme in der modernen Lyrik

Der englische Literaturwissenschaftler Dr. Ian D. Cooper befasst sich mit Lyrik und ihrer Beziehung zur Philosophie. Mit einem Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung ist er nun für zwei Jahre zu Gast am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen. Anknüpfend an eine berühmte Rede des Lyrikers Paul Celan beschäftigt er sich hier mit der Bedeutung der Stimme in der modernen Lyrik. Dr. Cooper kooperiert dabei mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Lauer. …

Der deutschsprachige jüdische Lyriker Paul Celan (1920 bis 1970), bekannt für sein Gedicht „Todesfuge“, erhielt im Jahr 1960 den Georg-Büchner-Preis. Seine Dankesrede „Der Meridian“ ist ebenfalls in die Literaturgeschichte eingegangen. Darin bezeichnete Celan das Gedicht als eine „Atemwende“. In diesem Konzept der lyrischen Stimme, so Dr. Cooper, beschreibe Celan die Bestimmung der Sprache nicht bloß als Ein- und Ausatmen des Sprechers, sondern sie impliziere auch die Existenz Anderer, die er anspricht und mit denen er „ins Gespräch“ kommt. In seiner Forschung wird er poetische und philosophische Reflexionen hinter Celans Überlegungen mit einbeziehen, die über Heidegger bis zu Hölderlin führen. / uni-protokolle.de

91. Entscheidung fällt in der Sparte Lyrik

In der Sparte Lyrik vergibt die Märkische Kulturkonferenz (MKK) am Sonntag, 1. November, in der Stadtbücherei ihr hoch dotiertes Literatur-Stipendium. Die Entscheidung gestaltet sich spannend.

Um 11 Uhr beginnt vor Ort die öffentliche Lesung, bei der die Entscheidung für einen von drei Endrundenkandidaten fällt. Wer das mit 12 000 Euro dotierte Stipendium erhält, wird im Anschluss an die Lesung, für die kein Eintritt erhoben wird, bekanntgegeben.
Eingeladen hat die MKK Saskia Fischer, Lydia Daher und Marius Hulpe, sich mit ihren Arbeiten Jury und Publikum vorstellen. Mit einer Stimme ist das Publikum an der Kür des Stipendiaten beteiligt. / Lüdenscheid, 16.10.2009, Monika Salzmann, derwesten.de

90. ´n Dichter ist kein Ziegenbock

Sonntag         18.10.09, 14.05    SWR2 Feature am Sonntag

´n Dichter ist kein Ziegenbock
Zum 80. Geburtstag von Peter Rühmkorf
Von Barbara Dobrick

„Auch noch Denkanstöße vermitteln ? soweit kommt’s! ’n Dichter ist kein Ziegenbock“. Peter Rühmkorf, geboren am 25. Oktober 1929 hatte zwar unendlich viel über die Welt zu meckern, aber nie gab er Laut, wenn es von ihm verlangt wurde. Quer zu politischen und gesellschaftlichen Meinungsmoden dachte und dichtete er buchstäblich eigenartig, mit Ironie, mit Raffinesse und mit Selbstbewusstsein. „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ war der Titel eines seiner Bücher. Tatsächlich sah er sich – zurecht! – am Ende einer 800-jährigen Ahnenreihe deutscher Dichtung auf einem ebenso exponierten wie gefährlichen Posten. Sein Gedicht „Hochseil“ wurde zur Standortbestimmung moderner Lyrik und zum Selbstbekenntnis des Dichters als eines Artisten, der hoch oben balancierend immer absturzgefährdet ist und dabei weiß: auch Literatur ist nur Zirkus: „Ich schwebe graziös in Lebensgefahr / grad zwischen Freund Hein und Freund Heine.“ Im Juni 2008 starb Peter Rühmkorf. Barbara Dobrick porträtiert ihn anhand zahlloser Tondokumente, die er hinterlassen hat.

89. Leib- und Seelgewand

Keine Worterfindung, sondern Bezeichnung eines bäuerlichen Kleidungsstücks – zu finden in einer Zeit-Reportage aus Herta Müllers Heimatdorf.

88. Chinesische Klassik

Zu den Höhepunkten der alten chinesischen Schriftkultur zählt vor allem die Lyrik, die erst in der Moderne nach dem Untergang des Kaiserreichs (1911) ihren hohen Rang an die Erzählkunst abtreten musste und in jüngster Zeit ein Randdasein führt. Sie wurde jedoch seit dem Mittelalter (220 bis 907) von einer Essayistik begleitet, die aufgrund ihres poetischen und philosophischen Charakters durchaus einen Vergleich aushalten konnte. Die Essays kommen allerdings in der etwas unglücklich mit Von Kaiser zu Kaiser betitelten Anthologie der klassischen Lyrik und Kunstprosa etwas zu kurz.

Die Herausgeber haben sich hier auf die klassische Periode beschränkt: von der Han-Zeit bis zur Song-Zeit (insgesamt 206 vor Christus bis 1279 nach Christus). Das Buch der Lieder (circa 700 vor Christus) wurde der Sammlung Das alte China. Die Anfänge der chinesischen Literatur und Philosophie zugeschlagen, und Die Lieder des Südens, schamanistische Gesänge (circa 300 vor Christus), wiewohl im Vorwort erwähnt, fehlen ganz. Warum endet aber diese Anthologie schon mit Jiang Kui (1155 bis 1221)? Hat es nach diesem Sänger keine große Lyrik und Kunstprosa in China mehr gegeben?

Es ist eine Tatsache, dass sich bedeutende Übersetzer wie Günther Debon, der wohl weltweit am besten chinesische Lyrik übertragen hat, auf die klassische Periode im engeren Sinne, vor allem auf die Maßstäbe setzende Tang-Dynastie (618 bis 907), beschränkt haben. Und es ist auch eine Tatsache, dass die Essayistik in der ausgehenden Kaiserzeit die Dichtkunst an sprachlicher Schönheit wie gedanklicher Tiefe zu übertreffen beginnt. Dichtern wie Li Bai (701 bis 762) oder Du Fu (712 bis 770), die auch die deutsche Literatur sehr stark beeinflusst haben, war bereits hundert Jahre nach ihrem Tod lyrisch nicht mehr sehr nahezukommen. / Wolfgang Kubin, Die Zeit 42

Eine Sammlung chinesischer Klassiker. Herausgegeben von Eva Schestag und Daniel Ibáñez Gómez:

Das alte China. Die Anfänge der chinesischen Literatur  und Philosophie; hrsg. von Eva Schestag; 360 S., 25,– €

Von Kaiser zu Kaiser. Die klassische chinesische Lyrik  und Kunstprosa; hrsg. von Eva Schestag und Olga Barrio Jiménez; 360 S., 25,– €

Die goldene Truhe. Chinesische Novellen; hrsg. und  übersetzt von Wolfgang Bauer und Herbert Franke; 448 S., 25,– €

Der Aufstand der Zauberer. Ein Roman aus der Ming-Zeit;  hrsg. und aus dem Chinesischen von Manfred Porkert; 672 S., 28,– €

Drei-Zeichen-Klassiker. Ein Lehrgedicht für Schüler;  übersetzt und eingeleitet von Eva Schestag; mit Kommentaren von  Daniel Ibáñez Gómez und Kalligrafien von Wang Ning (Beigabe zum Schuber)  Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009; Schuber, zus. 1840 S., 89,– €

87. Kobal

Es kann nur eine glückliche Fügung gewesen sein, die den Lyriker [Nicolai] Kobus aus dem Westmünsterländischen und den Saxophonisten Jochen Baldes aus Zürich zusammengeführt haben, die unter dem Künstlerduo „Kobal“ eine sehr gelungene Symbiose aus Lyrik und Musik präsentieren. / Mehr in den Westfälischen Nachrichten

86. Sensation

Dem Poetenladen vergleichbar bringt auch fixpoetry.com Woche für Woche so reichlich Material, daß man kaum nachkommt. Vorige Woche hatte ich mir u.a. einen Aufsatz von Frank Milautzcki über 5 Übersetzungen eines Rimbaud-Gedichts vorgemerkt. Diese Woche gibts längst Neues, aber hier ein Hinweis auf Rimbaud von voriger Woche:

Arthur Rimbaud

Sensation

Par les soirs bleus d’été, j’irai dans les sentiers,
Picoté par les blés, fouler l’herbe menue:
Rêveur, j’en sentirai la fraîcheur à mes pieds.
Je laisserai le vent baigner ma tête nue.

Je ne parlerai pas, je ne penserai rien:
Mais l’amour infini me montera dans l’âme,
Et j’irai loin, bien loin, comme une bohémian,
Par la nature, – heureux comme avec une femme.

(20. April 1870)

Sommerahnung

Ich werd die Abendpfade in den blauen Sommer gehen,
das Korn sticht mich und will den Träumerfüßen raten
den Weg im abendkühlen dünnen Gras dahinzuwehen.
Ich lass dazu den nackten Kopf im Winde baden.

Das Sprechen und das Denken lass ich sein, und spür,
es wächst in meinem Herzen neues Lieben ein, ins Hier
und weit in die Natur hintreiben, ihr vertrauen,
will ich, zigeunerhaft und glücklich, wie mit Frauen.

Nachdichtung Frank Milautzcki (April 2007)

1910 erschienen Paul Zechs erste Übertragungen der Dichtungen Arthur Rimbauds – er arbeitete insgesamt mehr als vierzig Jahre an ihnen, sie umfaßten am Ende Rimbauds gesamtes lyrisches Werk und das Manuskript wurde erst zwei Jahre vor seinem Tod, 1944 in Buenos Aires, wohin er vor den Schergen des Dritten Reiches geflohen war, abgeschlossen. Erschienen ist es erstmals 1963, herausgegeben aus dem Nachlaß, als preiswertes Taschenbuch bei dtv und so fand es entsprechend weite Verbreitung.
Der beim Vergleich der fünf vorliegenden Fassungen am meisten abweichendste Text beeindruckt zunächst durch seine Kürze und Würze. Zechs erste Zusammenfassung „Rimbaud. Das Gesammelte Werk“, das bereits 1927 erschien, zählte lange „zu den repräsentativen Nachdichtungen unserer Generation“, so befand Stefan Zweig 1928. Durch ihre sprachliche Gewandtheit, ja dichterische Klasse bereiten sie rasches, eindeutiges Lesevergnügen und solange man keine Urfassungen oder andere Varianten zum Vergleich besitzt, scheint mit ihnen auch alles in Ordnung. Liest man jedoch quer und betrachtet die Alternativen, fällt auf, dass Zech sich weit und zwar deutlich zu weit vorgewagt hat. Vielleicht hat gerade die lange Feinarbeit an den Texten, das immerwährende Verbessern, Straffen, Kürzen, Umstellen, Nachmalen zwar zu ganz eigenen Interpretationen geführt, aber eben zu spürbar Zech’schen Interpretationen. So schäumt bei ihm der Mohn, das weist uns tatsächlich auf den Feldrand hin, aber von dort schickt er den 15jährigen Arthur Rimbaud in die „blaue Ewigkeit“. Das ist ein schönes und gelungenes Bild, aber nichts davon, gar nichts, findet sich bei Rimbaud. Zu soviel Essenz war der zu Dichten Beginnende bei aller Genialität nun wirklich nicht (noch nicht) befähigt. Aus der Kenntnis seiner späteren Größe auch die frühen Gedichte in eine Form zu schicken, die große Reife und eine Art Vollendung zeigen, das wird der Sache nicht wirklich gerecht. …

Meine erste Fassung entstand zunächst ohne genaue Kenntnis des Urtextes, spaßeshalber als Fingerübung, um zwischen den drei anfangs mir bekannten Übertragungen eine Mitte zu finden. Ich wollte das Staksige weg haben und das Ungelenke und erst mal Fluss reinbringen und es entstand eine lesbare Version, die mir  ganz gut gefiel. Ich erschrak allerdings nicht wenig, als ich dann das französische Original las und mir eingestehen mußte, wie weit die Texte mich vom eigentlichen Ton und den ursprünglichen Satzlängen fortgelockt hatten. Ich fing noch einmal neu an. Nach drei Stunden Arbeit landete ich bei der vorliegenden Version und beließ es dabei. Ende der Spielerei.
Am Abend fand ich eine wirklich gute, aktuelle Übersetzung – die hier abschließende Version von Thomas Eichhorn. Sie ist im Metrischen nah am Original und auch das Inhaltliche präsentiert sich eindeutig und flüssig. Thomas Eichhorns Nachdichtungen ersetzen heute – mehr als zurecht! – diejenigen von Paul Zech im dtv-Programm.

85. Autobahn

In „Pussy“ allerdings klingt ein verschüttetes Motiv der Rammstein-Gründung an: „Mercedes Benz und Autobahn/ Alleine in das Ausland fahren/ Reise, Reise.“ Eine deutsche Rockband, um dem Deutschen zu entkommen in die weite Welt hinaus. Jetzt ist sie wieder da. / Die Welt 16.10.

Rammstein: Liebe ist für alle da (Rammstein)


84. Poetry Foundation Launches Online Poetry Learning Lab

New educational, media-rich poetry experience for teachers and students

CHICAGO — The Poetry Foundation invites teachers and students to tap into its new online resource, the Poetry Learning Lab. Hosted on www.poetryfoundation.org, the Poetry Learning Lab is designed for anyone who wants to learn more about poetry.

A dynamic resource for teachers, students, and learners of every age, the Poetry Learning Lab has been developed by the Poetry Foundation in conjunction with a team of education experts—including writing and literature teachers, librarians, and poets—to provide an immersive educational experience with poetry. By allowing students to experiment with different ways of reading poems—as text, sound, and visual artifacts—the Learning Lab provides readers of all levels with the opportunity to practice close reading and listening skills and to think broadly and analytically about poetry and poetics.

An extension of the Poetry Foundation’s comprehensive website, which includes an archive of more than 600 poets and 8,000 poems, the Poetry Learning Lab’s multimedia educational resources include annotations, reading guides, audio and video recordings, discussion questions, writing ideas, teaching tips, and podcasts. The diverse learning approaches incorporated within the tools provide students and teachers with endless ways to approach poetry, and ensure that individual learning styles are met. These features are offered in connection with 10 selected poems:

Louise Bogan’s “A Tale”
Robert Browning’s “Fra Lippo Lippi”
Lucille Clifton’s “won’t you celebrate with me”
Emily Dickinson’s “I started Early – Took my Dog”
John Donne’s “The Sun Rising”
Gerard Manley Hopkins’s “The Windhover”
Yusef Komunyakaa’s “Facing It”
Sylvia Plath’s “Fever 103°”
Walt Whitman’s “A Passage to India”
William Carlos Williams’s “To a Poor Old Woman”

Also serving as a one-stop portal for reference materials, the Poetry Learning Lab is replete with engaging articles about poets and poetry, bibliographies, a thorough glossary of literary terms, and a large selection of poetics essays and manifestos ranging from Plato to today.

Catherine Halley, editor of http://www.poetryfoundation.org, says, “The Poetry Learning Lab takes something Robert Frost once said as a point of departure: ‘Poetry begins in delight and ends in wisdom.’ The Lab encourages students to attend to individual poems with a focus that’s rare on the Internet—and at the same time provides teachers and instructors with a unique range of supplementary material useful in teaching poetry, from a glossary of poetic terms, to a series of historic poetics manifestos, to a variety of pedagogical essays.”

The positive response from students across the country to Poetry Out Loud, a partnership of the NEA and the Poetry Foundation that encourages high school students to learn about poetry through memorization and performance, suggests that readers of all levels are interested in the opportunity to enjoy poetry and learn more about their literary heritage. The Poetry Learning Lab builds on and fosters this interest in poetry by facilitating an interactive learning process that allows readers to discover for themselves the pleasures of engaging with difficult and precise language.

Teachers, students, and all users can also discover Harriet, the Poetry Foundation’s blog, where poetry teacher John S. O’Connor guest-blogs about the joys of teaching and studying poetry.

The Poetry Foundation will host a booth in the Exhibit Hall at the annual National Council of Teachers of English (NCTE) convention in Philadelphia, November 19 to 22, 2009. Staff will be available to answer questions and provide more information. For more information on the conference, visit http://www.ncte.org/annual.

For more information on the Poetry Foundation’s Poetry Learning Lab, please visit www.poetryfoundation.org/learninglab.

83. randnummer

randnummer ist ein Hamburger Literaturmagazin für Gegenwartsliteratur.
http://www.randnummer.org/

Zweimal im Jahr, jeweils Ende September und Ende März erscheint das randnummer literaturheft, in dem neben bereits namhaften Autoren stets auch Nachwuchsautoren präsentiert und in den kommenden Heften  KünstlerInnen ihre Arbeiten zeigen werden. Als weiteres Organ für Gegenwartsliteratur möchten wir aktuellen Strömungen nachgehen, bisher unbekannten Autoren und anderen Künstlern ein Sprachrohr bzw. Medium bieten und einen Verbund wie eine Interaktion zwischen den Künsten herstellen.
Die erste Ausgabe befasst sich ausschließlich mit Stadtlyrik, kommende Ausgaben werden jedoch auch Prosastücke, Essays und Übersetzungen einbinden.

16.10.2009 – Releaseparty der Ausgabe 01 in der POW-Galerie, Haubachstraße 7a, Hamburg.
Es lesen: Andre Rudolph, Klaus F. Schneider, Katharina Schultens und Ron Winkler.
Dazu gibt es Musikalisches vom Plattenteller und eine hintergründige Austellung der Leinwandarbeiten zum ersten Heft.
Einlass ab 19.30 Uhr
Eintritt 3,00 Euro

82. „Ich wandre durch Theresienstadt“

Witkowitz, 1933. Ilse Weber, dreißig Jahre alt, verheiratet, ein Kind. Als Angehörige der jüdischen Minderheit lebt sie mit ihrer Familie in ihrer Geburtsstadt bei Mährisch-Ostrau. Die Hörfunk- und Kinderbuchautorin schreibt, unter ihrem Mädchennamen Ilse Herlinger, in der Sprache, in der sie aufgewachsen ist: auf deutsch, aber sie fühlt als Tschechin…

Seit ihrer Jugend unterhält sie eine Brieffreundschaft mit der schwedischen Diplomatentochter Lilian von Löwenadler, die inzwischen in England lebt. Ein zweites Kind ist unterwegs. Bis zum »Münchener Abkommen«, wonach die sudetendeutschen Gebiete von Nazideutschland annektiert werden, sind es noch fünf Jahre.

1939 gelingt es Ilse und Willi Weber, den älteren Sohn Hanuš nach England zu Lilian zu schicken; sie nimmt ihn mit nach Schweden, wo er bei ihrer Mutter aufwachsen wird. 1942 werden sie mit Tommy, dem jüngeren, nach Theresienstadt deportiert, wo Ilse in der Krankenstube Kinder pflegt. Sie schreibt Lieder, die sie den Kindern und anderen Mithäftlingen zur Gitarre vorsingt. Kurz vor dem Osttransport gelingt es Willi Weber, die Blätter mit den Liedtexten im Boden eines Geräteschuppens einzumauern. Ilse und Tommy werden Ende 1944 in Auschwitz ermordet. Willi Weber überlebt und lernt seinen Sohn Hanuš neu kennen. Er begibt sich noch einmal nach Theresienstadt und kann die vergrabenen Papiere in Sicherheit bringen. Durch eine Verkettung von Zufällen finden weitere Dokumente den Weg zu den überlieferten Gedichten: Jahrzehnte nach der Ermordung Ilse Webers tauchen auf einem Dachboden in England ihre Briefe aus den 1930er Jahren auf. Sie schreibt darin über ihren Alltag, der zunehmend vom Antisemitismus vergiftet wird, und über die heraufziehende politische Katastrophe.

Ich wandre durch Theresienstadt

Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.

Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
Ich möcht so gerne weitergehn,
ich möcht so gern – nach Haus!

(…)

Wann wohl das Leid ein Ende hat: Briefe und Gedichte aus Theresienstadt
Von Ilse Weber
Herausgegeben von Ulrike Migdal
Hanser
21,50 Euro

Um Ilse Weber geht es auch auf Nizza Thobis neuer CD “Ein Koffer spricht”

/ haGalil