Die Zeiten für Lyrik sind schlecht. Nicht allein, dass höchstens „Verschenkbücher“ mit indiskutablen Sentimentalitäten auf erwähnenswerte Auflagen hoffen dürfen – auch den professionell mit Literatur Befassten, seien sie Kritiker oder Wissenschaftler, fällt es meist schwer, die Qualität eines Gedichts nicht nur zu fühlen, sondern sie auch mit handwerklichen Begriffen zu begründen. Kann man sagen, dass die vielen gewollt kunstfeindlichen Gedichte daran Schuld tragen? Die unzähligen Beispiele einer Pseudo-Lyrik, von einer willkürlich in Verse gebrochenen Prosa, die dann auf seitenverschwenderische Weise gedruckt wird?
Von Schuld zu sprechen, wäre allerdings moralisierend. Brechts Ansatz einer reimlosen Lyrik mit unregelmäßiger Metrik, so viel Schaden sie bei den Nachfolgern angerichtet hat, besaß doch seine historische Berechtigung angesichts eines blöden Jamben- und Trochäen-Geklappers, angesichts der ohne jeden Gedanken abgerufenen Naturbilder mit Wald und Mond und Nebel, die die Produktion der Mehrzahl seiner Zeitgenossen entwerteten. Der modernistische Einspruch hat zur positiven Folge, dass nun die Tradition sich legitimieren muss. Sie hat heute nicht mehr die Gewohnheit auf ihrer Seite, sondern muss die erprobten Mittel Gedicht für Gedicht neu begründen. In dialektischer Umkehr findet sie sich heute in einer Situation wie früher eine verantwortliche Moderne, die noch nicht zum Kunstgewerbe herabgekommen war und von den Dichtern ein waches Bewusstsein verlangte.
Dass dies produktiv sein kann, hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem Peter Hacks bewiesen, dessen reflektiert klassizistische Gedichte überkommenen Formen und Motiven ganz neue Inhalte abgewonnen haben. Werner Makowski stellt sich in diese Tradition. Der 1950 geborene und noch zu DDR-Zeiten am Leipziger Literaturinstitut ausgebildete Dichter bezieht sich immer wieder auf das Vorbild. Gedichte auf Hacks’ gesammeltes lyrisches Werk und auf dessen Tod könnten den Verdacht wecken, hier sei ein Epigone am Werk, wie auch der letzte Text der Sammlung, „Die Göttin humaner Staatsvernunft“, den Makowski in einer Fußnote als Fortschreibung der „Pandora“-Stücke von Goethe und Hacks herausstellt.
Epigonen freilich sind ängstlich bemüht, ihren minderen Status zu verbergen. Gerade dass Makowski seine Bezüge offenlegt, erlaubt den entgegengesetzten Schluss: dass hier jemand bewusst nicht bei Null beginnt, sondern von Vorgängern lernt und eine Tradition auf eigene Weise fortschreibt. Manche Themen und Formen finden sich zwar schon bei Hacks – ein antimodernes, goethesches Lob des produktiven Eros oder bös aktualisierende, zweizeilige Couplets. Die wesentliche Frage ist indessen die nach Makowskis Eigenem, das er der Tradition abgewinnt. / Kai Köhler, literaturkritik.de
Werner Makowski: Stille Gesellschaft. Gedichte.
Verlag André Thiele, Mainz 2009.
160 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783940884053
Der Literaturhistoriker Uwe-K. Ketelsen, der bis vor einigen Jahren noch in Bochum lehrte, hat nun einen schmalen Sammelband vorgelegt, der im Jahr 1929 als Jahresgabe des „Essener Bibliophilen-Abends“ erschienen ist. Die noch im Reprint bewundernswürdige Ausstattung des Bandes von 1929 besorgte Max Buchartz, die Textauswahl stammt vom Essener Dramaturgen Hannes Küpper, der auch als Herausgeber der Zeitschrift der Essener Bühnen „Der Scheinwerfer“ bekannt geworden ist. „Der Scheinwerfer“, den Küpper zwischen 1927 und 1933 betreute, ist eines der renommiertesten und aufschlussreichsten Dokumente der Neuen Sachlichkeit und literarischen Modernisierung, die nicht im Oberzentrum der Moderne in Deutschland, Berlin, erschienen ist.
Dennoch sind die Verbindungen zu den Berliner Neuerern stark genug: Als Bertolt Brecht 1927 seinen Skandal um den Lyrikpreis der Zeitschrift „Die Literarische Welt“ entfachte, hielt er den bekenntnishaften Zeugnissen einer epigonalen und ausgebrannten Jung-Lyrik ein Gedicht eines gewissen Hannes Küpper vor, das einen Sechstagerennfahrer namens Reggie MacNamara pries. Ketelsen weist Küppers denn auch zurecht dem Brecht-Kreis zu. Und Küpper setzte das Brecht’sche Modernisierungsprogramm in seinen Publikationen aggressiv mit um. Burchartz nun, der Dozent der Essener Folkwang-Schule war, war von der modernen Bauhaus-Gestaltung beeinflusst und zudem – nebenbei – wohl der Mitgründer einer der ersten modernen Werbeagenturen in Deutschland.
…
Dominant ist unter den Texten dabei die faszinierte und sympathetische Annäherung an die Technik. Küpper selbst steuerte ein dreistrophiges Gedicht bei, das der Elektrizität huldigte. Franz Lüdtke, den Ketelsen als nationalistischen Autor kennzeichnet, schließt sich Küpper mit einem „Funkturm“-Gedicht ohne weiteres an. Eine politische Tendenz ist beiden Texten jedenfalls nicht anzusehen.
Aufschlussreich ist, dass Küpper nicht nur Gegenwartsautoren heranzieht, sondern auch tief in die Literaturgeschichte greift: Robert Müllers Ausschnitt aus „Tropen“ schließt an den Dschungel-Topos an, der bis heute mit der Großstadt verbunden wird. Ein idyllisierendes Gedicht von Justinus Kerner kontert Küpper – Hört! Hört! – mit einer direkten Kritik von Gottfried Keller, der den technischen Fortschritt mit starken Worten lobt. …
Stefan Zweig ist mit einem Fliegergedicht dabei, und Walt Whitman hat der Dampflokomotive ein Loblied gesungen. Dem schließt sich die „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“ von Ernst Stadler an, das bereits in Kurt Pinthus’ Sammlung expressionistischer Lyrik, „Menschheitsdämmerung“ von 1919, aufgenommen worden war. Bert Brecht darf naheliegend nicht fehlen, hier mit dem Gedicht „Kohlen für Mike“, das Küpper noch an die „Hauspostille“ verweist, wo es allerdings nicht erschienen ist. / Walter Delabar, literaturkritik.de
Uwe-K. Ketelsen (Hg.): Technische Zeit. Dichtungen.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007.
100 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783895286582
15.10.09-05.11.09 Baden-Württembergische Literaturtage Konstanz: grenzenlos
Samstag
24. Oktober
21 Uhr
Lyrik
Kommunales Kunst- und Kulturzentrum K9
Moderation: Matthias Kehle
Veranstalter: Kulturbüro Konstanz, Eintritt: 6 €, ermäßigt 5 €
„Junge Lyrik“ boomt. Sie wird in den großen Feuilletons gefeiert, viel gelobte Anthologien kommen auf den Markt und junge AutorInnen erhalten Preise, die bislang nur altehrwürdigen Dichtern vorbehalten waren. Sieben DichterInnen, alle nach 1970 geboren, zeigen, wie spannend, wie unterschiedlich Lyrik heute ist. Die Spannweite: videoclipartiges Parlando, rätselhafte Panoramen, unerhörte Naturlyrik und freche, am Hip-Hop und Poetry-Slams geschulte Gedichte. Zu Wort kommen aus Baden-Württemberg Claudia Gabler, Swantje Lichtenstein, Simone Hirth und Timo Berger, aus der Schweiz Natalie Schmid, Sabina Naef und Jürg Halter. Moderation: Matthias Kehle, selbst renommierter Lyriker aus Karlsruhe.
Bei HarperAudio gibt es eine Gesamtaufnahme TS Eliot reads The Waste Land, die fünf Teile komplett in 4 Tondateien, 31 Minuten Eliot. Wer seinen Singsang vom Lovesong of Alfred Prufrock kennt („And the women come and go, Talking of Michelangelo“), kann die Bekanntschaft vertiefen. Worthwhile! (Dort gibt es weitere Kostbarkeiten, wie Robert Frost, Anne Sexton, Wallace Stevens, Dylan Thomas, sie und mehr sich selber lesend, ebenso Sir John Gielgud, der Shakespeares Sonette vorträgt, und vieles mehr!)
Hier diskutiert Carol Rumens Sinn und Unsinn von Umfragen nach „dem“ Lieblingsgedicht, deren eine jüngst Eliots Großgedicht gewann. Ihr verdanke ich immerhin den Link.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
It’s likely that if you found the original handwritten manuscript of T. S. Eliot’s groundbreaking poem, “The Waste Land,” you wouldn’t be able to trade it for a candy bar at the Quick Shop on your corner. Here’s a poem by David Lee Garrison of Ohio about how unsuccessfully classical music fits into a subway.
Bach in the DC Subway
As an experiment,
The Washington Post
asked a concert violinist—
wearing jeans, tennis shoes,
and a baseball cap—
to stand near a trash can
at rush hour in the subway
and play Bach
on a Stradivarius.
Partita No. 2 in D Minor
called out to commuters
like an ocean to waves,
sang to the station
about why we should bother
to live.
A thousand people
streamed by. Seven of them
paused for a minute or so
and thirty-two dollars floated
into the open violin case.
A café hostess who drifted
over to the open door
each time she was free
said later that Bach
gave her peace,
and all the children,
all of them,
waded into the music
as if it were water,
listening until they had to be
rescued by parents
who had somewhere else to go.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem reprinted from Rattle, Vol. 14, No. 2, Winter 2008, by permission of David Lee Garrison and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
» Es können Brücken gebaut werden zwischen Müsli-Essern, Wertkonservativen und Brioni-Trägern. «
Peter Müller, Ministerpräsident und Jamaikaner in spe. – Die im Saarland scheinen es ja poetisch zu lieben. Der Exilsaarländer Erich Honecker reimte gern, so: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ oder so: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“ Und hatte Recht: dazu brauchte es mindestens einen Saarländer, ähem. Gerade wieder an der Saar, last minute.
Na bitte, geht auch anders:
Die Verleihung des Brandenburgischen Literaturpreises 2009 am Samstagnachmittag im Club Charlotte des Kabaretts Obelisk verlief in vollständiger Eintracht und belegte nachdrücklich, dass die schreibende Zunft nicht zwangsläufig eine Ansammlung missgünstelnder Neider ist. / Märkische Allgemeine 19.10.
„Viel Lyrik und viel Gefühl“ prägten nach dem Bericht die Veranstaltung, und so wurde beschlossen, den Preis im nächsten Jahr der Lyrik zu widmen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich den gefühlvollen Abend in einem Salon mit dem ehemaligen NVA-Offizier Walter Flegel verbringen möchte (der nach der „Wende“, jetzt mal in Anführungsstrichen, weil ich den von Krenz & Co. eingeleiteten Teil meine, Gedichte über Moselweine und Rügensche Landschaften schrieb). Vorher bevorzugte er kraftvollere Sujets wie diese:
(Just diese drei Titel fehlen allerdings in seiner Werkauswahl im Literaturportal). Wikipedia ist hierin exakter:
Nachdem er 1953 die Reifeprüfung abgelegt hatte, ging er zur Kasernierten Volkspolizei. Er besuchte eine Offiziersschule der im Aufbau begriffenen Nationalen Volksarmee in Dresden und war ab 1956 Artillerieoffizier. 1957 gehörte er zu den Begründern des Zentralen Literaturzirkels der NVA; in den folgenden Jahren leitete er Zirkel schreibender NVA-Soldaten. Von 1960 bis 1963 studierte er am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig. Von 1963 bis 1973 leitete er das Bezirksklubhaus der NVA in Potsdam, von 1973 bis 1986 war er Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Instituts der DDR in Potsdam. Seit 1985 war er als Oberstleutnant der Reserve freier Schriftsteller. Nach der Wende wurde er Geschäftsführer des Literatur-Kollegiums Brandenburg in Potsdam.
Walter Flegel ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Jugendbüchern und Lyrik, wobei seine frühen Werke stark von seinen Erfahrungen als Berufsoffizier der NVA geprägt sind.
Walter Flegel leitet den Verein Brandenburgisches Literatur-Kollegium, der den Preis verleiht. Beim Namen des Preises stutzte ich allerdings und mußte Wikipedia konsultieren, das auch hier genau informiert. Ich erinnerte mich richtig. Ein Preis mit dem gleichen Namen wurde 1991 bis 2000 von couragierten jungen Leuten des Brandenburgischen Literaturbüros in Potsdam verliehen. Die Liste der Preisträger ist ehrenwert:
* 1991 Fritz Rudolf Fries
* 1992 Helga Schütz
* 1993 Wolfgang Hilbig
* 1994 Adolf Endler
* 1995 Imre Kertész
* 1996 Günter de Bruyn
* 1997 Helga M. Novak
* 1999 Christa Reinig
* 2000 Hanns-Josef Ortheil
Damals, Mitte der 90er, gab es Unmut bei einheimischen Autoren. Irgendwie (Sparmaßnahme? Feindliche Übernahme? Sachdienliche Hinweise an…) haben sie’s dann geschafft. Seit 2001 vergibt Flegels Heimatverein den Preis – mit viel Gefühl, wie wir lasen.
L&Poe berichtete im Dezember 2007, Ausschnitt:
„Brandenburgs größte Literaturvereinigung“ scheint eine Versammlung von (N)ostalgikern und Unbelehrbaren zu sein, wenn der Bericht in der Märkischen Allgemeinen halbwegs vollständig informiert. Zitat:
Walter Flegels (geboren 1934) lyrisches Ich findet sich im Sonettenkranz „Mein Orplid“ selbst und Freunde, die nicht nach Schuld fragen; Christa Müller (geboren 1936) fasst in schöne Verse, dass sie „Verrat und Dummheit“ wieder siegen sah; sie verleiht ihrer politischen Enttäuschung mit dem Wortungetüm „Beigetretenwordensein“ Ausdruck. Hermann Otto-Lauterbach (Jahrgang 1926) berichtet über die „medial exekutierte Gauckjagd auf lebende wie verstorbene Schriftsteller des Gewesenen Landes“ …
Walter Flegel war ein schreibender Offizier, der im Militärverlag der DDR Bücher wie „Wenn die Haubitzen schießen“ oder „Der Regimentskommandeur“ veröffentlichte. Dann wurde er zivil und schrieb über Moselwein und die schöne Insel Rügen. Und natürlich „UNTER DER SCHLINGE. Der Weg eines NVA-Offiziers, der als Ehrloser aus der Kaserne getrieben wurde“ und „Freunde, die nicht nach Schuld fragen“ – wessen auch immer, woran auch immer.
Sie hatte sich für die Abschlussveranstaltung sogar in Schale geworfen, sagt sie. In einem blauen Kleid mit Batikmuster auf der Schulter sitzt die chinesische Journalistin, Umweltaktivistin und Dissidentin Dai Qing in der Eingangshalle der Messe und kann es nicht verstehen: Warum durfte sie bei der Abschlussveranstaltung im Internationale Form der Buchmesse, die diese gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt ausgerichtet hatte, nicht reden? / FR 19.10. über die zum zweitenmal von der Messe ausgeladene Autorin (dank Frankfurter Buchmesse ist der Button „Zensur“ in der Schlagwortwolke rechts unten mitgewachsen)
Nach dem Erdbeben in Sichuan erkannte die kommunistische Führung in Peking, dass sie mit einer Glorifizierung ihrer Rettungsmaßnahmen den Nationalismus im Volk weiter steigern kann. Schon die ersten Einheiten der Volksbefreiungsarmee, die das Epizentrum in Fußmärschen erreichten, hatten Kameramänner dabei. Während ihre Kameraden unter großen Gefahren Leben retteten, sorgten die Kameraleute für das Filmmaterial, aus dem anschließend ein „Heldenepos“ nach dem anderen geschnitten wurde. Da wollten die örtlichen Schriftstellerverbände und auch Herr Wang nicht zurückstehen. Er veröffentlichte das folgende Gedicht:
Stimme aus der Tiefe der Ruinen
Ein unter den Trümmern des Erdbebens begrabenes Opfer, dennoch alles erfühlend, was über ihm nach dem Beben vor sich geht, meldet sich mit folgendem Gedicht tief gerührt zu Wort:
Naturkatastrophen sind unvermeidlich
Wie könnte ich da über meinen Tod klagen
Der Parteivorsitzende ruft, der Ministerpräsident auch
Die Partei bemuttert, das Vaterland liebt mich
Ihre Rufe, Ton um Ton, dringen zu mir durch den Schutt
1,3 Milliarden Menschen weinen gemeinsam
Obschon nur noch ein Geist
So bin ich doch glücklich
Silberne Adler und Streitwagen retten kleine Kälbchen
Links der Onkel Soldat, rechts die Tante Polizistin
Die große Liebe der Nation erfahren habend
Bin ich selbst als Toter voller Zufriedenheit
Hätte ich doch nur einen Fernsehbildschirm vor meinem Grab
Um die Olympiade anzusehen und mit in den Jubel einzustimmen
Dieses ursprünglich am 6. Juni 2008 in den Qilu Abendnachrichten erschienene Gedicht sprengte sogar die Grenzen dessen, was die an schwülstige Parteipropaganda gewöhnten Chinesen ertragen konnten. Der populäre Jugendschriftsteller Han Han höhnte über das Gedicht auf seinem Blog: „Welch ein Glück, dass ich nicht dem Schriftstellerverband beigetreten bin!“ Ein anderer Schriftsteller erklärte seinen Austritt aus der Sektion Shandong des Verbandes, weil er sich „schäme“, möglicherweise mit Wang Zhaoshan in Verbindung gebracht zu werden. Selbst die englischsprachige China Daily distanzierte sich von Wang und seinem Gedicht, das sie „schmalzig und fürchterlich“ nannte. / Süddeutsche Zeitung 12.10.
Lesereise
Schlittenspur durch den Sommer
Poesie der Nachbarn: Schweden
Björn Håkanson
Aase Berg
Lina Ekdahl
Berlin, 26.10. 19 Uhr
Landesvertretung Rheinland-Pfalz
Nora Bossong
Oswald Egger
Hans Thill
Rolandseck, 27.10. 19.30 Uhr
Arp Museum
Thomas Böhme
Johann P. Tammen
Hans Thill
München, 28.10. 20.00 Uhr
Lyrikkabinett
Thomas Böhme
Ursula Krechel
Hans Thill
Tübingen, 29.10. 20.00 Uhr
Zimmertheater
Ursula Krechel
Johann P. Tammen
Hans Thill
Aase Berg
Späckhuggaren –
här hänger hugget
väntande på späck
i många tusen år
av långsamhet
Der Speck Hauer
hier hängt der Hau
lauernd auf Speck
schon vieltausend Jahr’
staubet die Zeit
(Thomas Böhme)
Speckbeißer –
hier hängt der Biß
wartend auf Speck
für viele tausend Jahre
Langsamkeit
(Hans Thill)
Der Speckhäher –
hier der Hieb hängerte
specht’zend auf Tran
in manch tausend Jahren
aus Langsamkeit
(Oswald Egger)
Was ist Musik?
Deutscher Herbst Teil 2: Zonic Affairs mit Alexander Pehlemann
„Kulturelle Randstandsblicke und Involvierungsmomente“ – mit diesem bewußt sperrigen Untertitel kommt das Zonic Magazin nun schon seit einigen Jahren daher. Randständig ist bei Zonic schon der Standort: 17489 Greifswald ist von den sogenannten Medienstandorten Hamburg, Köln und Berlin soweit entfernt wie Lee Scratch Perry von einem Starschnitt in der BRAVO. Das Loblied auf Lee Scratch Perry, Jah Shaka und andere Größen der jamaikanischen Musik ist eine der vornehmsten Aufgaben von Zonic, und ein persönliches Anliegen von Alexander Pehlemann, dem einzigen Red-Aktionär des Magazins. Zonic ist kein Reggae-Magazin, aber auch kein Zonen-Magazin, wie Name und Standort nahelegen könnten. Zwar schreiben Schlüsselfiguren des DDR-Untergrunds regelmäßig für Zonic, Ronald Galenza oder Bert Papenfuß etwa, aber Zonic bedient damit keine Ostalgiker. Das Themenspektrum reicht von Drum´n´ Bass für Titos Waisen über Aleister Crowley und Laurie Anderson bis Bobby Konders, Sybille Berg und Thomas Brasch. Open minded, sagt man da wohl. Die entsprechende Musik bringt heute Zonic-Erfinder Alexander Pehlemann mit und erzählt aus einem interessanten Leben, das 1969 begann: 20 Jahre Deutsche Demokratische Republik, 20 Jahre Bundesrepublik Deutschland.
Starring: Tarwater, Rosa Extra, Palais Schaumburg, Ornament & Verbrechen, Young Marble Giants, Scientist, The Bug, Der Demokratische Konsum, Die Rasenden Leichenbeschauer, Die Goldenen Zitronen, Armia…
Sonntag, 18.10., 20 Uhr
Wiederholung:
Dienstag, 20.10 13-16 Uhr
Mittwoch, 21.10., 8-11 Uhr
Sonntag, 18.10., 23 Uhr: Savage Music mit Jon Savage – jeden Sonntag um diese Zeit.
Jon sagt: Willkommen zur zweiten Folge von SM zum Thema 1969. Ich wurde 1969 gerade 16 Jahre alt in diesem Jahr, also ein bedeutendes Jahr für mich. Außerdem habe ich 1969 mein erstes Konzert erlebt, ich habe Spooky Tooth gesehen. Außerdem habe ich in diesem Jahr The Who gesehen, was ziemlich erschütternd war. Insgesamt ist 1969 ein sehr bedeutendes Popjahr, vor allem was den Bluesrock angeht. Und aus diesem Genre kommt auch unser erster Song für heute.
Der Abend zur Sendung, ein Tag vor der Sendung: Samstag, 17.10. Ost/West-Meeting im Rahmen von Open Books bei der Frankfurter Buchmesse.
Ab 20 Uhr: Bert Papenfuss, Schlüsselfigur des Ostberliner Punk/Literatur-Untergrunds der 80er Jahre, liest. Tarwater, hervorgegangen aus der DDR-Band-Legende Ornament & Verbrechen geben eines ihrer raren Konzerte.
Thomas Meinecke, Frank Witzel und Klaus Walter lesen aus ihrem neuen Buch:
Die Bundesrepublik Deutschland
Wann etwa sagte man überhaupt »Deutschland«, und was drückte es aus, wenn man die Abkürzung BRD verwendete? Bis wann waren Kioskbesitzer und Lehrer alte Nazis, und wann ist einem das aufgefallen? Worauf gründete sich der ideologische Konsens repressiver Toleranz, und woher rührte der Widerstand dagegen?
„Das Lyrikmilieu ist eines der härtesten und engstirnigsten, das ich in meinem Leben kennenlernen konnte. Hier ist man eifersüchtig, hier verunglimpft man einander auf besonders gehässige Weise. Auf jeden Fall mehr als bei Romanautoren, Dramatikern oder Essayisten. Das ist wohl umgekehrt proportional zur Zahl der verkauften Bücher und der Leser.“ / Pierre Graveline, Le soleil (Kanada)
Liebe Leserin, lieber Leser,
In diesem Herbst erschienen ausgewählte Gedichte aus dem Gesamtwerk der US-amerikanischen Dichterin Rae Armantrout bei luxbooks. Ihr aktueller Band „Versed“ ist Finalist des National Book Award, dem neben dem Pulitzer Prize bedeutendsten amerikanischen Literaturpreis. Zu den bisherigen Preisträgern des seit 60 Jahren verliehenen Preises gehören u. a.
in der Kategorie Prosa: William Faulkner, Saul Bellow, Philip Roth, John Updike, Joyce Carol Oates, Thomas Pynchon, John Irving, Don DeLillo, Cormac McCarthy und Jonathan Franzen
in der Kategorie Lyrik: William Carlos Williams, Wallace Stevens, Marianne Moore, Robert Lowell, Allen Ginsberg, John Ashbery, Frank O’Hara und Robert Hass
http://www.nationalbook.org/nba2009_p_armantrout.html
Rae Armantrout in Deutschland
Rae Armantrout war vom 12.-15. September in Deutschland und hat im Literaturhaus Frankfurt sowie an der Lesebühne Darmstadt mit ihrem Übersetzer Matthias Göritz aus ihrem Band „Narrativ“ (luxbooks, 2009, 978-3-939557-40-1) gelesen. Der Band bietet einen zweisprachigen Querschnitt durch das Werk der Dichterin. Ein Bericht über die Lesung von Florian Balke ist in der FAZ vom 16. September erschienen.
Wir wünschen viel Freude beim Entdecken dieser wunderbaren Dichterin!
Herzliche Grüße aus Wiesbaden
Annette Kühn & Christian Lux
luxbooks
wortfürwortfürwort
www.luxbooks.de
Zur Buchseite auf unserer Homepage:
Hans Werner Henzes «Nachtstücke und Arien» für Sopran und grosses Orchester auf Gedichte von Ingeborg Bachmann waren am 20. Oktober 1957 bei den Donaueschinger Musiktagen eine eigentliche Sensation. Für einige ein kleiner Skandal; für manche eine strahlende Offenbarung. Die Uraufführung im begehrten Sonntagnachmittags-Konzert – mit der blendenden farbigen Sopranistin Gloria Davy und dem überlegenen Südwestfunk-Orchester unter Hans Rosbaud – zeigte, dass Musik in den fünfziger Jahren auch ausserhalb der Gebote der Darmstädter Avantgarde überzeugen konnte. Da blühte eine Klangwelt auf, die keck, nachdrücklich und unmissverständlich zu bedenken gab: zeitgenössische Musik ist heute auch anders möglich. …
Ausgangspunkt dieser offensichtlichen Neuorientierung des Komponisten waren zwei Gedichte von Ingeborg Bachmann aus dem Zyklus «Anrufung des Grossen Bären» (1956). Dass es eben zu dieser Werkverbindung kam, war das Resultat von eigentlich missliebigen Umständen. Zuerst vorgesehen gewesen war eine Opernproduktion für die Donaueschinger Musiktage: «Belinda». Doch wegen angeblich technischer Hindernisse bei den Saalverhältnissen und weil Heinrich Strobel, der Leiter der Südwestfunk-Musikabteilung, starke Bedenken gegen Bachmanns Libretto-Proben bekundete, aber bereits die Sängerin engagiert war, musste eine einfachere Lösung anvisiert werden. Sogar eine Vertonung von Jean Cocteaus Monodrama «La voix humaine» stand zur Diskussion: ein Sujet, das kurz danach Francis Poulenc erfolgreich realisieren sollte. – Henze entschloss sich rasch für die Gedichte «Aria I» und «Freies Geleit (Aria II)». Enthusiastisch schreibt er in seinem Brief vom 29. Mai 1957 an Ingeborg Bachmann zum zweiten Gedicht: «. . . denn es enthielt beherzt eines der schönsten gedichte der welt bei dem es mir fast leid tut es durch töne zu ruinieren die vielleicht gar nicht gefallen». / Rolf Urs Ringger, NZZ 17.10.
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